Viertes Kapitel.

Feinere Ausbildung des bestehenden taktischen Systems im vierten Jahrhundert.

[139] So lang und wechselvoll der Peloponnesische Krieg war, so hat er neue Formen der Kriegskunst doch nicht erzeugt. Das Neue, was er für Hellas hervorbrachte, war das Berufssoldatentum. Schon viel früher hat Griechenland Berufskrieger als Söldner gekannt; die Tyrannen, wie Polykrates von Samos und Pisistratus von Athen71, hatten Leibwachen, auf die sich ihre Herrschaft stützte; Polykrates soll sogar ein kleines Heer von 1000 Mann Bogenschützen gehabt haben.72 Die Könige von Ägypten und Lydien hatten eine Heeresmacht von griechischen Söldnern. Aber das sind zuletzt doch keine maßgebenden Größen, und das eigentliche Söldnertum, das zu einem wesentlichen Moment des griechischen Volkslebens und der griechischen Geschichte wird, ist erst ein Produkt des Peloponnesischen Krieges. Es ist aber nicht bloß die Menge der gemeinen Soldaten, die in Betracht kommt, sondern namentlich der ganz neue Stand der Söldnerführer, der Berufsoffiziere, die jetzt auftreten.

Den Übergang bilden die Athener Demosthenes und Lamachos, die Spartaner Brasidas, Gylippos, Lysander. Als bald nach dem Abschluß des Peloponnesischen Krieges der persische Prinz Cyrus, Statthalter von Kleinasien, sich gegen seinen Bruder, den König Artaxerxes, empörte, konnte er ein Heer von nicht weniger[139] als 13000 griechischen Soldaten unter lauter erfahrenen Kriegshauptleuten höheren und niederen Ranges in Sold nehmen.

Der allmähliche Übergang vom Bürgerkriegertum zum Soldkriegertum hat sicherlich eine Verfeinerung und intensiver Anwendung des Exerzitiums zur Folge gehabt, oder, wie man es vielleicht auch ausdrücken darf, die Exerzierdisziplin der Spartaner wurde auf die anderen griechischen Heere ausgedehnt. Das Heer der Spartaner, sagt Thucydides (VI, 66) bestehe fast ganz aus Befehlshabern (ἄρχοντες ἀρχόντων), und der Verfasser des »Staats der Lacedämonier« berichtet, das spartanische Exerzieren beruhe darauf, daß jeder seinem Zugführer (Enomotarchen) folge; dadurch seien die verwickeltsten Evolutionen leicht. Die einzelnen Stadien der Entwicklung dieses Exerzitiums sind für uns nicht erkennbar, aber die Entwicklung liegt in der Natur der Dinge, und einige Einzelerscheinungen auf dem Rückzug der Zehntausend zeigen uns deutlich, daß ein Fortschritt stattgefunden hat. Die administrativen Unterabteilungen des Heeres sind imstande, sich unter Umständen als kleine selbständige taktische Körper zu bewegen, und der Zusammenhalt – der nur durch Exerzieren gewonnen werden kann – ist so stark, daß die Hopliten sich einmal in einem Gefecht mit Pharnabazus getrauen, gegen persische Reiterei offensiv vorzugehen, obgleich sie selber nur ganz wenige Reiter bei sich haben, um ihre Flanken zu decken. (Anab. VI, 3, 30.) Als Ersatz dafür sind einige Abteilungen von je 200 Hopliten 30 Meter hinter der Phalanx aufgestellt. (VI, 3, 9). Der Zunahme der Reiterei, die die wir beobachtet haben, wird also durch Verbesserung der militärischen Qualität des Fußvolks die Wage gehalten.

Einmal finden wir auch eine ganz neue Kampfesform angewandt. Die Kolchier versperrten den Zehntausend den Weg, indem sie vor ihnen einen breiten Berg besetzten. Ein Angriff in der gewöhnlichen geschlossenen Phalanx war nicht tunlich, da diese auf dem sehr unregelmäßigen Terrain beim Vorrücken hätte zerreißen und sich auflösen müssen. Man bildete nun auf den Rat Xenophons 80 kleinere Kolonnen von je etwa 100 Mann, die sehr tief, also wohl 20 Mann tief und 5 Mann breit aufgestellt wurden und ziemliche Intervalle zwischen sich ließen. So konnte jede Kolonne sich ihren Weg suchen, und die äußersten überflügelten[140] den Feind. Die Peltasten rückten in drei Gruppen, auf die beiden Flügel und die Mitte verteilt, mit den Hopliten vor. Gegen eine griechische Phalanx hätte man so nicht vorgehen dürfen; ganz abgesehen von den Peltasten mitten unter den Hopliten, hätten auch die vereinzelten Hoplitenkolonnen dem Anlauf einer geschlossenen Hoplitenphalanx nicht widerstehen können: die Spitzen jeder einzelnen Kolonne wären mit dem Frontzusammenstoß zugleich von rechts und links gepackt und zerquetscht und so alle die Kolonnen des Zentrums geschlagen worden, ehe etwa die Überflügelnden auf die Flanken der feindlichen Phalanx hätten eine Wirkung üben können. Eine massive geschlossene Front ist natürlich stärker als eine unterbrochene. Barbaren gegenüber aber, die sich mehr auf den Schutz ihrer Berge als auf der eigenen Waffen verließen und nicht Führung genug hatten, im richtigen Augenblick einen geschlossenen Offensivstoß zu machen, einem solchen Feinde gegenüber, auf solchem Terrain waren die kleinen, tiefen Kolonnen mit Intervallen die geeignete taktische Form. Die Kolchier getrauten sich nicht, in die Intervalle einzudringen, weil sie fürchteten, dann durch die Nachbarkolonnen im Rücken angegriffen und abgeschnitten zu werden. So erfüllte die geniale Improvisation ihren Zweck, ist aber nicht, wie man gemeint hat, ein Ansatz zu einer prinzipiellen Fortbildung der griechischen Taktik weder gewesen noch geworden.

Zu besonderem Vorteil gereichte das Söldnerwesen der Peltastenwaffe. Zu einem tüchtigen Peltasten gehörte mehr als zu einem Hopliten. Der feste Rahmen der Phalanx nimmt auch den mäßig ausgebildeten und mäßig tapferen Mann mit, hält ihn und verwertet ihn. Der Peltast aber, der nicht ein durchaus tüchtiger Krieger ist, hat überhaupt keinen Wert. Der Peltast muß, wenn er der besseren Bewaffnung des Hopliten hat weichen müssen, im richtigen Augenblick, darauf kommt alles an, wieder vorgehen. Um das zu tun, muß in jedem Einzelnen ein sehr starker Antrieb sein, und die Führung muß das höchste Vertrauen bei der Mannschaft genießen und sie ganz sicher in der Hand haben. Der Führer, der das erreicht, kann sehr viel mit ihm machen, und solche Führer, durch die Übung gebildet und ihre Mannschaft bildend, treten jetzt auf.[141]

Besonders der athenische Söldnerführer Iphikrates wird gerühmt, wie viel er mit seinen Peltasten ausgerichtet habe. Er übertrug diese Waffengattung, die bisher für eine halbbarbarische gegolten hatte, auf das eigentlich griechische Söldnerwesen, indem er zugleich Bewaffnung und Ausrüstung verbesserte. Der lange Degen, statt des kurzen Schwertes, und ein langer Spieß, neben den kürzeren Wurfspießen, die beide den Peltasten fähiger machen, es mit dem Hopliten im Nahgefecht aufzunehmen, sind vermutlich von Iphikrates eingeführt. Der Akzent ist jedoch nicht auf diese Erfindungen zu legen, die ja streng genommen gar keine sind, sondern auf die ausgezeichnete Disziplinierung, die nach Nepos Iphikrates bei seinen Truppen einführte. Diese ist es, die es ihm ermöglichte, die bisher geringgeschätzte leichte Infanterie so erfolgreich zu verwenden. Aus Furcht vor den Peltasten des Iphikrates, erzählt uns Xenophon (Hell. IV, 4, 16), hätten sich die arkadischen Hopliten nicht aus den Stadtmauern herausgewagt. Vor den lacedämonischen Hopliten aber, die ihre jüngeren Altersklassen gegen sie ausschwärmen ließen, fürchteten sich wieder die Peltasten und trauten sich nicht auf Speerwurfweite heran. Die jüngeren lacedämonischen Hopliten waren also so gut im Lauf-Training, daß sie trotz ihrer schweren Rüstung Peltasten einholen konnten.

Als aber eine lacedämonische Mora gar zu selbstvertrauend einmal nahe am Korinth vorüberzog, wurde sie bei Lechäon mit großer Übermacht von Iphikrates angefallen und aufgerieben, indem die Peltasten die Marschierenden fortwährend beschossen und bei einem Angriff dieser auf ihre nachrückenden Hopliten zurückwichen. Eine Reiterschar, die den Lacedämoniern noch zu Hilfe kam, war wohl zu schwach und richtete nichts aus. Xenophon macht ihr den Vorwurf, matt gewesen zu sein. (Hell. IV, 5.)

Einen ähnlichen Sieg wie bei Lechäon erfocht Iphikrates mit seinen Peltasten bei Abydos, indem er die lacedämonischen Hopliten unvermutet überfiel, als sie in eine lange Linie aufgelöst einen Bergabhang hinabstiegen. (Xenoph. Hel. IV, 8, 37.)

Als Agesilaus bald darauf in Akarnanien in ähnlicher Weise angegriffen wurde, gelang es ihm, in einem durchgeführten Angriff, mit Unterstützung seiner Reiter, den feindlichen Peltasten[142] große Verluste beizubringen und ihren Rückhalt von Hopliten in die Flucht zu treiben, so daß man ihm den Weitermarsch freigab. (Hell. V, 6.)

Die thracischen oder nordgriechischen Peltasten, die in der älteren Zeit als Söldner auftreten, waren vermutlich nicht durchaus gleichmäßig bewaffnet und ausgerüstet; man überließ es dem Einzelnen, ob er sich ein kürzeres oder längeres Schwert anschaffte, Beinschienen oder Stiefel oder bloße Sandalen anlegte. Erst der regelmäßige Söldnerdienst unter griechischen Führern wie Iphikrates wird die militärisch-gleichmäßige Bewaffnung erzeugt haben.

Ob auch die Reiterei in dieser Zeit Fortschritte gemacht hat, ist nicht zu erkennen. Hauptsächlich wurde sie von den Böotiern gepflegt, die auch den Mischkampf ausbildeten, indem sie den Reitern schnellfüßige Leichte, die Hamippen, beigaben.73 Agesilaus erkannte, erzählt uns Xenophon, in seinem Kriege in Asien, daß er ohne Reiterei im freien Felde nichts machen könne, und bildete eine.74 Xenophon selbst hat ihr zwei Schriften gewidmet; was darüber zu sagen ist, werden wir am besten mit der Behandlung der Macedonier im nächsten Buch verbinden.

Sehr wesentlich sind die Fortschritte, die die Griechen in dieser Zeit in der Belagerungskunst machen. Schon auf den uralten Wandbildern und Reliefs der Ägypter und Assyrer kann man Belagerungsmaschinen erkennen; die Griechen sind jedoch selbst im Peloponnesischen Kriege noch ganz ungeschickt darin. Wohl hatte Perikles schon bei der Belagerung von Samos Kriegsmaschinen bauen lassen, und die Peloponnesier machten bei der Belagerung Platääs einige Ansätze, das Städtchen durch einen herangeführten Damm, einen Widder, oder Feuer zu bezwingen, begnügten sich aber endlich, da sie mit alledem nicht zum Ziel kamen, es mit einer Circumvallation einzuschließen und auszuhungern. Die wirkliche Kunst der Belagerung scheinen zuerst die Griechen auf Sizilien von den Karthagern gelernt zu haben, die Selinus, Himera, Akragas und Gela mit Minen, Türmen und Widdern angegriffen[143] und nahmen.75 (409-405 v.Chr.). Dionys der Ältere, der Tyrann von Syrakus, war ein großer Maschinenbauer, und von Sizilien aus verbreitete sich die Kunst nach Altgriechenland.

Um diese Zeit wurde auch in Syrakus der Bau der Geschütze, der Katapulten und Petrobolen erfunden, und die Trieren wurden zu Penteren vergrößert. Wie Diodor76 erzählt, sammelte Dionys die geschicktesten Techniker aus aller Welt in Syrakus, bekümmerte sich selber um die Arbeiter, spornte sie an, belohnte die Fleißigen und Tüchtigen und zog sie an seine Tafel. Da boten sie denn alle ihre Kräfte auf und erdachten neue Arten von Geschossen und Maschinen.77


1. Bei den Spartanern finden wir eine sehr weitgehende, feine Gliederung, die aber öfter reformiert und deshalb in den Einzelheiten nicht sicher zu erkennen ist. Die Lochen zerfallen in Pentakostyen, die Pentakostyen in Enomotien, die 32-36 Mann zählen78. Unzweifelhaft ist auch in diesen kleinsten Abteilungen exerziert worden.

2. Nepos erzählt das Werk des Iphikrates so, als ob dieser Hopliten zu Peltasten umgeschaffen und diese Waffengattung überhaupt zuerst erfunden habe. Das mag richtig sein für Athen, das bisher keine Peltasten, die für eine Barbaren-Waffe galten, gehabt hatte. Durch die systematische Ausbildung wurde die Waffe so sehr gehoben, daß sich auch athenische Bürger dafür fanden. Die Schilderung jedoch, die Nepos von den Peltasten des Iphikrates entwirft, ist sehr ungenügend. Er erwähnt die Wurfgeschosse gar nicht, sondern nur den langen Spieß und das lange Schwert. Demnach müßte man glauben, es mit einem Nahkämpfer zu tun zu haben, und RÜSTOW und KÖCHLY haben in der Tat geglaubt, die Reform des Iphikrates so auffassen zu müssen, daß er eine neue Art Mittel-Infanterie geschaffen habe. Mit Recht ist jedoch diese Vorstellung schon von Bergk und ebenso von H. DROYSEN (p. 26) und AD. BAUER (§ 42) zurückgewiesen worden. Nirgends tritt in der Praxis der Kriegsereignisse eine solche Infanterie auf; die entscheidenden Waffen bleiben nach wie vor die Hopliten. Zweifelhaft ist nur, wie weit der verlängerte Spieß und das verlängerte Schwert, verbunden mit der leichten Schutzrüstung (Linnen-Panzer; Stiefel statt der Beinschienen »Iphikratiden«), Erfindungen des Iphikrates oder die schon vor ihm regelmäßige Ausstattung des Peltasten sind.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 1, S. 139-144.
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