Zweites Kapitel.

Das germanische Kriegertum.

[30] Kriegerische Leistung geht, wie wir uns im ersten Bande dieses Werkes überzeugt haben, nicht auf eine, sondern auf zwei Wurzeln ganz verschiedener Art zurück. Die eine, auf die der Blick zunächst fällt, ist die Tapferkeit und physische Tüchtigkeit des einzelnen Kriegers. Die andere ist die Festigkeit des Zusammenhalts unter den einzelnen Kriegern, der taktische Körper. So verschieden diese beiden Kräfte, die Tüchtigkeit des einzelnen und die Kohäsion der einzelnen untereinander, ihrer Natur nach sind, völlig ist die zweite doch von der ersten nicht zu trennen. Ein noch so fest zusammenexerzierter Körper, der aus lauter Feiglingen bestände, würde nichts zu leisten imstande sein; ist aber auch nur ein mäßiger Ansatz von Mut in der Masse vorhanden und tritt zu diesem das zweite Element, das Korporative, hinzu, so ist damit eine kriegerische Kraft geschaffen, gegen die alle Leistungen der persönlichen Tapferkeit zurücktreten. An der Phalanx der griechischen Bürger zerschellte die ritterliche Tapferkeit der Perser, und die Fortbildung dieses taktischen Körpers, der Phalanx, zu neuen, verfeinerten Formen, bis zur Treffen- und Kohortentaktik, ist der wesentliche Inhalt der Geschichte der antiken Kriegskunst. Nicht, weil sie tapferer waren als alle ihre Gegner, sondern weil sie vermöge ihrer Disziplin die festeren taktischen Körper hatten, haben die Römer immer wieder gesiegt. Wir haben daraus erkannt, wie wichtig, aber auch wie schwierig es war, aus der ursprünglichen einen, plumpen Phalanx zu einer Vielzahl von kleineren, operationsfähigen an diese Entwicklungsreihe nur zu erinnern, um nunmehr, nachdem wir die germanische Verfassung kennen gelernt[30] haben, mit einem Blick zu sehen, welch' eine gewaltige kriegerische Kraft in diesem Volk gesteckt haben muß. Jeder einzelne wurde in dem rauhen, barbarischen Naturleben, in dem steten Kampf mit wilden Tieren und Nachbarstämmen zu höchster persönlicher Tapferkeit erzogen, und der Zusammenhalt jeder Schar in sich, die zugleich Nachbarschaft und Geschlecht, Wirtschaftsgenossenschaft und Kriegskameradschaft war, unter einem Führer, dessen Autorität sich in täglicher Lebensgewohnheit über das ganze Dasein im Frieden wie im Krieg erstreckte, der Zusammenhalt einer solchen germanischen Hundertschaft unter ihrem Hunno war von einer Festigkeit, wie sie selbst die strengste Disziplin einer römischen Legion nicht übertreffen konnte. Die psychologischen Elemente, die eine germanische Hundertschaft und eine römische Centurie konstituieren, sind durchaus verschieden, aber das Ergebnis ist durchaus analog. Die Germanen exerzierten nicht, der Hunno hatte schwerlich eine bestimmte, jedenfalls keine sehr wesentliche Strafgewalt, selbst der Begriff des eigentlichen militärischen Gehorsams war den Germanen fremd. Aber die ungebrochene Einheit des ganzen Daseins, in der die Hundertschaft zusammengefaßt war und die es mit sich bringt, daß sie auch Gemeinde, Dorf, Genossenschaft, Geschlecht in den Geschichtserzählungen genannt wird, diese Natureinheit ist stärker als die Kunsteinheit, die die Kulturvölker suchen müssen durch die Disziplin zu erzeugen. In der äußeren Geschlossenheit des Auftretens, des Anmarschierens und der Attacke, in Richtung und Vordermannhalten werden die römischen Centurien die germanischen Hundertschaften übertroffen haben; aber der innere Zusammenhalt, das gegenseitige Sich-aufeinander-verlassen, das die moralische Kraft gibt, war bei den Germanen stark genug, um auch bei äußerer Unordnung, bei völliger Auflösung und bei zeitweiligem Zurückgehen unerschüttert zu bleiben. Jeder Ruf des Hunno, das Wort »Befehl« lassen wir ganz beiseite, wurde befolgt, weil jeder wußte, daß jeder andere ihn befolgen würde. Die eigentliche Schwäche aller undisziplinierten Kriegerscharen ist die Panik: germanische Hundertschaften waren auch im Zurückgehen durch das Wort ihres Führers wieder zum Stehen und zu neuem Vorgehen zu bringen.15[31]

Nicht umsonst haben wir deshalb in dem voraufgehenden Kapitel zunächst die Identität von Hunno und Altermann, von Gau, Geschlecht, Hundertschaft und Dorf festgestellt: es handelt sich dabei nicht um eine formal-verfassungsrechtliche Streitfrage, sondern um die Auffindung eines großen und wesentlichen Elementes in der Weltgeschichte. Mit Händen ist es hier zu greifen, daß der Hunno nicht ein von Fall zu Fall ernannter Anführer einer wechselnd und zufällig zusammengesetzten Kompagnie, sondern der geborene Anführer einer Natur-Einheit war. Er hat denselben Namen und übt im Kriege dieselbe Funktion wie der römische Centurio, aber er unterscheidet sich von ihm, wie die Natur von der Kunst. Ein Hunno, der nicht als Geschlechts-Altermann kommandiert, hätte im Kriege so wenig ausrichten können, wie ein Centurio ohne Disziplin; da er aber der Geschlechts-Altermann ist, so erreicht er ohne Fahnen-Eid, Kriegsrecht und Fuchtel denselben Zusammenhalt und einen analogen Gehorsam, wie ihm sein römischer Namensvetter nur durch die Mittel der höchsten Strenge erzielt.

Wenn die Römer zuweilen von der Unordnung bei den Germanen sprechen,16 oder wenn Germanicus, um den Legionaren Mut zu machen, ihnen von den Germanen erzählt, »sine pudore flagitii, sine cura ducum abire«, so ist das, am römischen Maßstab gemessen, nicht unrichtig – von der anderen Seite gesehen aber gerade ein Zeugnis, wie stark der innere Zusammenhalt der Germanen war, daß sie geringe äußere Ordnung, zeitweiliges Zurückweichen und das Fehlen einer eigentlichen Befehlsführung ertragen konnten, ohne auseinanderzulaufen oder auch nur an der Energie der Gefechtsführung einzubüßen.

Die taktische Form, in der das germanische Fußvolk kämpfte, wird von den Alten cuneus genannt und von den Neueren mit »Keil« übersetzt. Das Wort ist jedoch irreführend, ganz wie unser Ausdruck »Kolonne«, mit dem es technisch wohl am richtigsten wiedergegeben würde. Will man begrifflich »Linie« und »Kolonne« gegenüberstellen, so wird man als Aufstellung in »Linie« diejenige bezeichnen, die mehr breit als tief, in »Kolonne« diejenige, die mehr[32] tief als breit ist. Gehen aber schon diese Begriffe sachlich allmählich ineinander über, so hat der Sprachgebrauch sich von jenem Grundgegensatz noch weiter entfernt: wir bezeichnen eine Aufstellung von nur 6 Mann Tiefe bei 12-40 Mann Breite als »Kompagnie-Kolonne«. Ganz ebenso finden wir bei den Römern Aufstellungen, die wir begrifflich als »Phalanx«, »Linie«, bezeichnen müssen, »cuneus« genannt, z.B. nennt Livius in der Schlacht bei Cannä das punische Zentrum »cuneum nimis teneum«, wo nicht nur zweifellos eine Linear-Aufstellung, sondern nach Livius' eigenem Zusatz, eine ziemlich flache gemeint ist. Häufig bedeutet cuneus auch überhaupt nur »Schar«.17

Ist also aus dem Wort »cuneus« an sich nichts zu entnehmen, so ist doch kein Zweifel, daß dieses Wort neben der allgemeinen Bedeutung auch in einer spezifisch technischen gebraucht wird.

Über diesen technischen Sinn scheinen wir genau informiert zu sein durch einige Schriftsteller aus der Zeit der Völkerwanderung. Vegetius (III, 19) definiert cuneus als »eine Menge von Fußgängern, die in geschlossener Ordnung vorn schmaler, hintern breiter anrückt und die Reihen der Feinde durchbricht«. Ammian (17,13) berichtet, daß die Römer, d.h. die barbarisierten römischen Heerhaufen, wie die »soldatische simplicitas« es nenne, im »Eberkopf« angegriffen hätten, »desinente in angustum fronte«, und Agathias meldet, der Keil, ἔμβολον, der Franken in der Schlacht gegen Narses habe die Gestalt eines Δ gehabt. Man hat sich also den Keil so vorgestellt: an der Spitze einen Krieger, den vorzüglichsten, im zweiten Gliede drei, im dritten fünf und so fort. Sieht man aber näher zu, so ist die Vorstellung unvollziehbar. Mag der Mann an der Spitze des Keils noch so stark und gut gewappnet sein, während er seinen Gegner in der feindlichen Front niederkämpft, wird von dessen beiden Nebenmännern der rechte oder der linke einmal einen Moment erspähen, wo er ihn von der Seite treffen kann. Um den Vordersten gegen diesen doppelten Flankenangriff zu schützen, gibt es kein anderes Mittel, als daß die beiden Überragenden des zweiten Gliedes schleunigst nach vorn springen. An ihnen aber wiederholt sich die Umfassung: die drei, die jetzt die Spitze des Keils bilden, werden von fünf[33] angegriffen. Abermals müssen die Überragenden des dritten Gliedes nach vorn springen: mit einem Wort, der Keil, statt in die feindliche Front einzudringen, plattet sich in dem Augenblick, wo er auf sie trifft, ab und kehrt sich binnen kürzester Frist um. Alle die Überragenden, die um der Keilform willen künstlich zurückgehalten sind, stürmen vorwärts, die breite Seite des Dreiecks verlegt sich nach vorn, die Spitze nach hinten, da ja nach den Flügeln zu die Leute, die zuerst keinen Vordermann hatten, jetzt keinen Hintermann haben. Die Keilform hätte also nicht nur ihren Zweck verfehlt, sondern in der Zeit, während die Überragenden der hinteren Glieder nach vorne laufen, hat vermutlich die Spitze, eingeklemmt wie sie ist, die schwersten Verluste erlitten. Es kann keine unsinnigere Form eines taktischen Körpers geben. Ein Haufe von Menschen bleibt, noch so fest zusammenhaltend, immer eine Summe von einzelnen, die wohl von hinten nach vorn drängen, aber nicht wie ein zugespitztes Stück Eisen auch den ganzen seitlichen Druck in einer Spitze oder Schneide sammeln können.

Die richtige Schilderung des Keils ist uns an zwei Stellen der antiken Literatur erhalten, bei Tacitus und noch am Schluß der Völkerwanderungsperiode in dem »Strategikon« des Kaisers Mauricius oder wer sonst dieses Buch verfaßt hat (vielleicht 579). »Die blonden Völker«, die Franken, Longobarden und ähnliche, beschreibt das Strategikon, greifen an in Haufen, die ebensobreit wie tief sind18, und Tacitus (Hist. IV, 20) sagt von den cuneis der Bataver: »densi undique et frontem tergaque ac latus tuti«. »Eine dichtgedrängte Schar, die auf allen Seiten, nicht nur in Front und Rücken, sondern auch auf den Flanken, gleich stark« ist, ist ein Geviert-Haufe, also bei 400 Mann 20 tief und 20 breit: 10000 Mann 100 tief und 100 breit. Ein solcher[34] Haufe bildet kein eigentliches Quadrat, sondern ein Rechteck, dessen Front die schmälere Seite ist, da beim Marsch der Gliederabstand etwa doppelt so groß ist als der Rottenabstand. Tritt nun vor die Front einer solchen tiefen Kolonne ein Häuptling oder Fürst, mit seiner Gefolgschaft hinter oder neben sich, so erscheint das wie eine dem Gevierthaufen angesetzte Spitze. Diese Spitze gibt die Führung. Aus modernen Verhältnissen wird man die Attacke einer Kavallerie-Brigade zum Vergleich heranziehen können. An der Spitze der General, hinter ihm drei Mann, sein Adjutant und zwei Trompeter, dann die beiden Regimentskommandeure mit ihren Adjutanten und Trompetern. Dann acht Eskadronchefs und ihre Trompeter, dann 32 Zugführer, dann die Masse der Reiter. Das kann man als ein Dreieck zeichnen, ist aber ein bloßer Parademarsch. Denn die Anordnung meint nicht ein allmähliches Eindringen in die feindliche Front, sondern setzt im Ernstfall trotz des Vorsprungs der Offiziere voraus, daß die ganze Masse, indem die Offiziere sich aufnehmen lassen, gleichzeitig in die feindliche Linie hineinbraust. So ist auch die Spitze des germanischen Eberkopfes zu verstehen. Wenn der Fürst oder ein nordischer Recke an der Spitze seines Gefolges sich vor den Gevierthaufen der Gemeinfreien setzt, so zieht und reißt er durch seinen Vortritt und sein Vorstürmen die ganze Masse hinter sich her. Der Einbruch aber soll so gut wie gleichzeitig erfolgen; die Spitze hat nicht die Aufgabe des Vorbohrens, sondern in dem Augenblick des Zusammenpralls soll die ganze Masse nachwogend mit dem Herzog zugleich den Rammstoß führen. Auch ohne eine vorgesetzte Spitze kann sich aber die tiefe Kolonne der Dreiecksform nähern. Stieß ein solcher Keil, sagen wir von 40 Mann Breite, also 1600 Mann stark, auf eine breitere Front, so waren die beiden gefährdetsten Posten die beiden Flügelmänner im ersten Glied, da sie darauf gefaßt sein mußten, beim Zusammenstoß nicht nur mit einem Gegner in der Front, sondern mit dessen Nebenmann, der sie von der Seite bedrohte, zu tun zu haben. Es konnte daher wohl vorkommen, daß die Flügel mit einer gewissen Vorsicht anmarschierten und sich etwas zurückhielten, so daß die Mitte vorprellte. Die äußeren Rotten der hinteren Glieder dagegen quollen in ihrem Drängen leicht über.[35] Die ohnehin schmal erscheinende Front der Kolonne erschien also tatsächlich zugespitzt – ein Vorteil war das jedoch nicht; es war mehr eine Deformation als eine Form: je gleichmäßiger der ganze Haufe auf den Feind stieß und vorwärts drückte, desto besser. Je tapferer die Flügelleute waren, desto weniger durften sie in den Verdacht kommen wollen, daß sie absichtlich zurückblieben, je besser die hinterern Glieder Vordermann hielten, desto schärfer war der Stoß, und die Führer werden das Ihrige getan haben, damit man nach Front und Tiefe möglichst ausgerichtet an den Feind komme.

Indem die germanische Kolonne gegen den Feind anrückte, stimmte sie den Barritus an, den Schlachtgesang; sie hielten dabei den Schild vor den Mund, damit der Ton sich im Abprallen verstärkte; »dumpf murrend beginnt er, erzählt uns der Römer, und schwillt mit der Hitze des Kampfes an bis zu dem Getöse der an die Felsen schlagenden Wogen.«19 Wie wir in den Pfeifen, mit denen der Spartaner den Marsch ihrer Phalanx begleiteten, das Zeugnis für die ordnungsmäßige Bewegung erkannt haben), so bezeugt der Barritus dasselbe für den Keil der Germanen.

Stößt ein germanischer Keil auf einen ebensolchen feindlichen, und beide halten dem Anprall stand, so quillt beiderseits von hinten die Masse über und sucht den Feind zu umfassen. Stößt der Keil auf eine Phalanx, so durchbricht er sie entweder, und dann gibt nicht nur die Bruchstelle, sondern höchst wahrscheinlich die ganze Linie nach, oder die Phalanx hält stand, und die Mannschaft des Keils setzt den Kampf fort, so bleibt ihr nichts übrig, als so schleunig wie möglich von hinten vorzuquellen und sich ebenfalls zur Phalanx zu verbreitern.20[36]

Der römische Centurio stand und marschierte in der Front der Phalanx als rechter Flügelmann seiner Kompagnie; nur hier konnte er seine Funktionen, Einhalten der Intervalle, Kommandieren der Pilensalve und darauf der kurzen Attacke erfüllen. Der germanische Hunno schritt einher an der Spitze seines Keils, und wenn mehrere Geschlechter zu einem größeren Keil zusammengefügt waren, so standen sie nebeneinander, jedes nur zwei oder drei Rotten breit, vor jedem der Hunno und vor dem ganzen Keil der Fürst mit seinem Gefolge. Hier wurden keine Pilensalven kommandiert, hier war auch kein reglementsmäßiger Abstand zu halten, und die Attacke begann bereits auf viel größere Entfernung im Sturmlauf. Der Führer braucht nicht auf Nebenabteilungen Rücksicht zu nehmen und keine Richtung einzuhalten, sondern stürmt nur vorwärts, wo ihm Weg und Gelegenheit am günstigsten scheint, und seine Schar ihm nach.

Die tiefe Kolonne, der Gevierthaufe, ist die Urform des taktischen Körpers der Germanen, wie die Phalanx, die Linie, die Urform der Griechen und Römer. Beide Formen sind, um es zu wiederholen, nicht unbedingte Gegensätze; der Gevierthaufe braucht ja nicht gerade ebensoviel Glieder wie Rotten zu haben, sondern würde immer noch seinem Begriff entsprechen, wenn er etwa doppelt so viel Rotten wie Glieder hätte, also z.B. 140 Mann breit und 70 Mann tief – 9800 Mann. Wir würden einen solchen Haufen noch immer einen Gevierthaufen nennen dürfen und müssen, da die 70 Mann den Flanken die Stärke selbständiger Verteidigung geben; der Haufe würde, nach jenem Ausdruck des Tacitus, noch »densus undique et frontem tergaque et latus tutus« sein. Auf der anderen Seite haben wir auch von Phalangen gehört, die sehr tief aufgestellt waren. Die Formen gehen also ohne bestimmte Grenzen ineinander über. Der begriffliche Gegensatz aber wird dadurch nicht aufgehoben, und der Grund, weshalb die klassischen Völker von der einen, die Germanen von der anderen Urform ausgegangen sind, ist nicht schwer zu erkennen.

Der Vorzug der Phalanx vor dem Keil ist, daß sie viel mehr Waffen unmittelbar in den Kampf bringt. 10000 Mann in einer zehngliedrigen Phalanx haben 1000 Mann im ersten Gliede; der Keil, 100 Mann tief, nur 100 Mann in der Front. Wenn der[37] Keil die Phalanx nicht sofort durchbricht, wird er sehr schnell von allen Seiten eingeschlossen sein. Die Phalanx ist im Stande zu überflügeln.

Die Phalanx ihrerseits aber hat wieder die Schwäche der Flanken; ein mäßiger Druck von der Seite rollt sie auf und wirft sie um. Ein solcher Seitendruck wird besonders leicht ausgeübt durch Reiterei. Die Germanen aber waren stark in der Reiterei, die Griechen und Römer nicht. Die Germanen also zogen es vor, sich tief aufzustellen, um starke, gesicherte Flanken zu haben; bei den Griechen und Römern war dies Bedürfnis viel weniger stark, sie durften es wagen, sich flacher aufzustellen, um desto mehr Waffen in der Front zu haben.

Ein zweites Motiv, das diese Neigung auf beiden Seiten verstärken mußte, wird gewesen sein, daß die Germanen viel weniger und schlechtere Schutzrüstungen hatten, als die Griechen und Römer mit ihrer entwickelten Industrie; die Germanen also neigten dazu, nur die wenigen Bestgerüsteten in das erste Glied zu stellen und suchten durch den Stoß aus der Tiefe zu wirken, wobei die ungenügende Rüstung der inneren Füllung des Keils nicht viel schadete.

Endlich hat noch der Keil den Vorzug, daß er sich leicht und schnell auch durch durchschnittenes Gelände bewegen kann, ohne in Unordnung zu geraten. Eine Phalanx kann sich in schnellerer Gangart nur eine ganz kurze Strecke vorwärts bewegen.

Die Frage ist, wie groß die Gevierthaufen der Germanen waren, ob sie einen, mehrere oder viele zu bilden pflegten und wie sie zu einander geordnet waren.

In der Ariovist-Schlacht, sagt Cäsar (I, 51), hätten sich die Germanen stammweise (generatim) aufgestellt, mit gleichen Zwischenräumen Haruden, Markomannen, Triboker, Vangionen, Nemeter, Sedusier, Sueven. Leider wissen wir ja nicht (vgl. Bd. I), wie stark das Heer war. Da Cäsar 25000-30000 Legionare in der Schlachtordnung gehabt haben wird und die Germanen jedenfalls erheblich schwächer waren, so mögen wir sie auf höchstens 15000 schätzen; sie hätten also, abgesehen von den Reitern und etwa noch ausschwärmenden Leichten, sieben Keile von je 2000 Mann gebildet, einige 40 Mann breit und tief.[38] Diese stürzten sich mit solcher Schnelligkeit auf die Römer, daß die Centurionen nicht Zeit behielten, eine reguläre Pilensalve zu kommandieren, sondern die Legionare, die Pilen fallen lassend, sofort zum Schwert griffen. Die Germanen, fährt Cäsar fort, bildeten nunmehr nach ihrer Gewohnheit schnell ihre Phalanx (Germani celeriter ex consuetudine sua phalange facta impetus gladiorum exceperunt). Ich möchte das so auffassen: als es den Gevierthaufen nicht gelang, die römische Schlachtlinie zu überrennen und zu durchbrechen (Cäsar hat natürlich das zweite Treffen sofort eng auf das erste aufschließen lassen) und die Römer nun in die Intervalle eindrangen, um die Keile aus den Flanken zu fassen, da eilten die Germanen aus den hinteren Gliedern nach vorn, um die Intervalle zu schließen und so eine Phalanx herzustellen. Sehr ordnungsmäßig kann es dabei nicht hergegangen sein, und Cäsar spricht im nächsten Satz von »Phalangen« in der Mehrzahl, was wir so auffassen dürfen, daß die Herstellung einer einzigen zusammenhängenden Linie nicht gelungen ist. Dies ganze Vorquellen der hinteren Glieder ist ein glänzendes Zeugnis für die persönliche Tapferkeit der germanischen Krieger, da mit dem Nichtgelingen des Durchstoßens der Keile durch die römische Phalanx das, worauf ihre eigentliche Stärke beruht, bereits gebrochen war und das taktische Verhältnis sich zu ihren Ungunsten gewandelt hatte. Alle Tapferkeit wurde denn auch an dem festen Zusammenhalt und der Überzahl der römischen Kohorten, die nun auch noch den Vorteil der besseren Ordnung hatten, zuschanden.21

Mit dem Bilde, das wir aus Cäsars Schilderung gewinnen, stimmen Tacitus' Schlachterzählungen überein. Civilis stellt nach ihm (hist. 4, 16) seine Canninefaten, Friesen und Bataver in gesonderten Keilen auf, und von einer anderen Schlacht ist ausdrücklich gesagt (6, 17), daß die Germanen nicht in einer ausgerichteten Linie, sondern in Keilen (haud porrecto agmine, sed cuneis) standen.

Durch ihre Form ballten sich die germanischen Keile leicht zusammen und bedurften keiner besonderen Übung, um sich zu bewegen. Wenn Plutarch (Marius 19) berichtet, daß die Ambronen[39] im Gleichtritt, an die Schilde den Takt schlagend, in die Schlacht gerückt seien, so wird der Marsch nicht gerade parademäßig exakt gewesen sein, ist sonst aber ganz wohl als das Erzeugnis eines natürlichen Strebens anzunehmen. Auf der anderen Seite konnten die Germanen auch leicht jede äußere Ordnung aufgeben, in regellosen Haufen oder ganz aufgelöst durch Wälder und Felsen vorstürmen oder zurückfluten: die Seele des kattischen Körpers blieb ihnen darum doch erhalten, der innere Zusammenhalt, das gegenseitige Vertrauen, das instinktiv oder auf den Zuruf der Führer gleichmäßige Verhalten. Auf dies kommt, wie wir gesehen haben, alles an; es ist viel wichtiger als die äußere Ordnung und ist für die rein militärisch anerzogene Disziplin viel schwerer zu erreichen, als für die natürliche Körperschaft eines germanischen Geschlechts, unter ihrem geborenen Führer, dem Hunno oder Altermann. Die Germanen sind also nicht bloß tüchtig in der rangierten Schlacht, sondern auch ganz besonders für das zerstreute Gefecht, Überfälle im Walde, Hinterhalte, verstellte Rückzüge und den kleinen Krieg in jeder Gestalt.

Die Bewaffnung der Germanen war bestimmt und wird charakterisiert durch die Armut an Metall. Zwar waren auch sie aus der Bronzezeit längst in die Eisenzeit übergetreten, verstanden aber noch nicht, wie die Kulturvölker des Mittelmeeres oder auch nur die Kelten, den Vorrat nach Bedürfnis zu vermehren und demgemäß frei zu gestalten und zu formen.22 Merkwürdig genug sind wir über die Waffen der Germanen in gewisser Beziehung besser unterrichtet, als über die der Römer in der klassischen Zeit der Republik, weil die Germanen ebenso wie die Kelten ihren Toten die Waffen mit ins Grab gaben, die wir nun wieder zu Tage fördern, während die Römer das nicht taten. Der Germane und seine Waffe gehören zusammen; sie ist ein Stück seiner Person. Dem Römer ist sie eine Fabrik-Ware, so wie er selbst als Krieger ein Glied, man möchte fast sagen, eine Nummer des Manipels ist, in den seine Aushebungs-Behörde ihn eingestellt hat. Der Germane begräbt deshalb mit dem Mann[40] auch seine Waffe. Ja, man kann diesen Gedanken noch weiter führen. Die Waffen in den Gräbern sind meistens durch Verbiegen unbrauchbar gemacht. Weshalb? Man hat vermutet, um Grabschänder abzuhalten, sie zu stehlen. Das dürfte fehlgehen, da bloßes Verbiegen sich zu leicht reparieren läßt und andererseits auch Schmucksachen beigegeben wurden. Der Grund ist vielmehr: da der Mann nichts mehr kann, macht man auch seine Waffe kraftlos. Sorgsame Untersuchung und Vergleiche der Gräberfunde hat die Berichte der Römer über die Bewaffnung der Germanen wohl in einigem korrigiert, sie aber im wesentlichen bestätigt. Nur sehr wenige, berichten uns die Römer, hatten Panzer oder Helme; die Hauptschutzwaffe war ein großer Schild von Holz oder Geflecht, mit Leder verkleidet; auf dem Kopf ein Schutz von Leder oder Fell. In einer Ansprache, die Tacitus (Ann. II, 14) den Germanicus vor einer Schlacht halten läßt, läßt er den römischen Feldherrn sagen, nur das erste Glied (acies) sei mit Spießen bewaffnet, die übrigen hätten bloß praeusta aut brevia tala. Das ist natürlich die Übertreibung des encouragierenden Redners: wenn die Masse der Germanen wirklich bloß mit spitzen Stöcken bewaffnet gewesen wäre, so hätte alle Tapferkeit gegen die von Kopf bis Fuß wohlgewappneten Römer nie etwas ausrichten können. Besser unterrichtet uns Tacitus in der Germania (cap. 6), wo er ebenfalls zuerst sagt, daß die Germanen wenig Langspieße und auch wenig Schwerter hätten, und dann als ihre Hauptwaffe die Frame nennt, die er auch sonst öfter (Germ. 6, II, 13, 14, 18, 24) erwähnt und als einen Spieß in der Art des alten griechischen Hoplitenspießes beschreibt. Erst später finden wir auch die Streitaxt als Waffe.23

Fraglich erscheint, wie die Langspieße mit den Kurzwehren im Keil zusammengeordnet waren. Germanicus in jener Rede vertröstet[41] seine Soldaten, daß diese Spieße im Walde nicht so gut zu handhaben seien, wie ihre Pilen und Schwerter. Man möchte danach meinen, daß die germanischen Spieße die Länge der Sarissen und der Landsknechtspieße gehabt hätten, und unmöglich erscheint das nicht.

Da der Langspieß mit beiden Händen geführt wird, der Krieger also keinen Schild tragen kann, so müßten wir kombinieren, daß es die Geharnischten waren, die diese Spieße führten. Im ersten Gliede stehend, wohl mit Schildträgern gemischt, um durch deren Schild noch etwas mitgedeckt zu werden, machten die Langspieße die Spitze des heranstürmenden Keils; indem sie mit gewaltigen Stößen die feindliche Front durchbrachen und sie in Unordnung brachten, drängten die Framenträger nach und an ihnen vorbei in die Lücke. Ohne diese enge Verbindung mit einer Kurzwaffe wäre der Langspieß für das Handgemenge nicht brauchbar gewesen; auch der Spießer selbst mußte für die Fortsetzung und Durchführung des Gefechts noch ein Schwert oder einen Dolch als Zweitwaffe haben.

Einfacher gestaltet sich das Bild, wenn wir annehmen, daß die Erzählungen der Römer von den ungeheuren Langspießen der Germanen nur aus dem Vergleich mit ihrem Pilum entsprungene Übertreibungen sind. Waren die Spieße nur 12-14 Fuß lang, so daß sie noch mit einer Hand regiert werden konnten und der Mann noch einen Schild tragen konnte, so war der Unterschied von der Frame nicht so erheblich, um nicht ziemlich beliebig die Waffen im Gevierthaufen mischen zu können.

Eine wesentliche Frage ist: die Griechen und Römer, ebenso wie die späteren Ritter haben sich für den Nahkampf mit guten Schutzrüstungen versehen – wie konnten die Germanen ohne solche auskommen? Ich habe lange den Gedanken verfolgt, daß sie Felle umgetan haben, die in den Gräbern vergangen sind. Aber die erhaltenen zahlreichen Abbildungen von germanischen[42] Kriegern zeigen das nirgends,24 sondern bestätigen die Quellenaussagen, daß sie kaum eine andere Schutzwaffe als den Schild hatten. Die Erklärung wird die sein, daß Phalanx und Legion in viel höherem Maße auf den Kampf der einzelnen angelegt waren, als der germanische Gevierthaufen; dieser war bestimmt, den Feind durch die tiefe Masse zu überrennen. Gelang das, so handelte es sich nur noch um Verfolgung. Schutzwaffen brauchten also, wie wir es später bei den Schweizern kennen lernen werden, nur die äußeren Glieder. Wiederum im zerstreuten Gefecht, das für die Germanen fast noch mehr in Betracht kam, als der Keil, war die Leichtigkeit der Bewegung so wichtig, daß man auf einen Körperschutz außer dem Schild verzichtete.

Sehr viel gebrauchten die Germanen den Wurfspieß. Merkwürdig ist, daß sie sich des Gebrauches von Pfeil und Bogen, die sie schon in der Bronzezeit hatten, entwöhnt und ihn erst im dritten Jahrhundert n.Chr. wieder aufgenommen haben. Die Quellen und die Ergebnisse der Fundstätten stimmen darin überein.25


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 30-43.
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