Drittes Kapitel.

Die Unterwerfung Germaniens durch die Römer.

[50] Indem die Römer die Gallier unterwarfen und den Rhein zu ihrem Grenzfluß machten, übernahmen sie die Aufgabe, ihre neuen Untertanen gegen die Germanen zu beschützen. Um nicht unter das Joch dieser Barbaren zu kommen, hatten sich die Gallier ja Cäsar an den Hals geworfen, und die römische Herrschaft hatte begonnen mit der Vertreibung Ariovists durch die gemeinschaftlichen Kräfte der Römer und Gallier. Der hier begonnene Kampf aber setzte sich fort. Die wilden germanischen Horden kamen immer von neuem über den Rhein; je mehr die neue Provinz unter dem Frieden des römischen Weltreichs aufblühte, um so mehr lockte sie die Beutelust der kraftbewußten Söhne des Urwalds. Das durchgreifendste Mittel dieser ewig bedrohenden Gefahr zu begegnen, schien den Römern, so wenig das rauhe, neblige Land sie lockte, es doch auch in ihren Herrschaftsbereich hineinzuziehen und der germanischen Freiheit ein Ende zu machen, wie vorher der gallischen.

Nachdem Augustus das Reich innerlich geordnet, die Alpenländer unterworfen und die Grenzen des römischen Reiches bis an die Donau vorgeschoben, übertrug er zunächst seinem jüngeren Stiefsohn Drusus und nach dessen Tode dem Tiberius die Bändigung der Völkerschaften vom Rhein bis an die Elbe. Die Römer griffen die schwierige Aufgabe systematisch an.

War die einzelne germanische Völkerschaft auch nur sehr gering an Zahl und konnten selbst viele Völkerschaften zusammen nur mäßige Heere aufstellen oder, wenn sie größere zusammenbrachten, doch nicht mit ihnen operieren (vgl. den vorigen Band »Römische Kriegskunst wider Barbaren«), so war doch, wo man auch hinkam, jeder Mann ein Krieger, und nicht anders, als mit großen, zusammengehaltenen[50] Heeren konnten die Römer sich unter diese, Tod und Wunden verachtenden Barbaren wagen. Große Heere aber im inneren Germanien zu ernähren, war sehr schwer. Das Land mit seinem geringen Ackerbau konnte selbst nur wenig liefern; Proviantkolonnen weite Strecken auf Landwegen zu befördern, erfordert einen gewaltigen Apparat, und abgesehen von den Moorbrücken, die die Germanen mit einem erstaunlichen Aufwand von Arbeit und Geschicklichkeit angelegt haben, war von gebauten Straßen nicht die Rede. Drusus schuf nun, nachdem er auf dem ersten Feldzug ins Innere aus Mangel an Lebensmitteln hatte umkehren müssen, für sein Vorgehen eine doppelte Basis. Der Hauptwaffenplatz der Römer am unteren Rhein war das Lager von Vetera (Birten) bei Xanten, gegenüber dem Einfluß der Lippe in den Rhein. Die Lippe ist als Wasserweg im Frühjahr und auch sonst einen Teil des Jahres fast bis an die Quelle für kleinere Schiffsgefäße zu gebrauchen; Drusus legte also, indem er an der Lippe entlang hinaufzog, an der Stelle, wo heute der Dom von Paderborn steht, das Kastell Aliso an, das als Magazinplatz dienen sollte (11 v.Chr.).

Nichts wäre falscher, als in der Anlage eines Kastells oder einer Festung, mag man sie sich nun größer oder kleiner denken, ein Mittel der Bändigung und der Herrschaft über die benachbarte Völkerschaft zu erblicken. Es gibt Verhältnisse und Völker, wo man durch Einlagerung von Garnisonen oder Errichtung von Stationen ein Regiment aufrichten kann, nämlich dann, wenn entweder ein wirklicher Krieg nicht zu erwarten oder die Unterwerfung so weit fortgeschritten ist, daß nur noch Widerspensigkeiten im kleinen zu bändigen sind. Da handelt es sich nicht mehr um Strategie, sondern um Polizei. Die Germanen aber waren etwas anderes, als etwa heute die Neger, die man durch kleine Exekutionskommandos von einer befestigten Station aus in weitem Umkreis in Gehorsam erhält. Bei den Germanen wäre ein solches Verfahren den Römern übel bekommen. Sie waren erst einmal durch Krieg im großen Stil zu unterwerfen, und so lange sie nicht unterworfen waren, hatte die Besatzung eines Kastells keine weitere Aufgabe, als sich selbst und den umwallten Fleck Erde zu sichern und zu schützen. Auch von Cäsar hören wir nicht, daß er in Gallien, abgesehen[51] etwa von einem Schutzfort für die Rheinbrücke, Kastelle gebaut hätte, denn Kastelle gebrauchen Besatzungen, und sein Bestreben war stets, seine Truppen nicht zu verzetteln, sondern sie zusammenzuhalten, um durch unbedingte Überlegenheit im freien Felde die Gallier zu besiegen und zu Paaren zu treiben.


3. Kapitel. Die Unterwerfung Germaniens durch die Römer

Man hat auch gemeint, Drusus habe das Kastell an der Lippe gebaut, um einen stets offenen und gesicherten Flußübergang zu haben, und deshalb den Platz weiter abwärts an der Lippe gesucht. Für einen mäßigen Fluß wie die Lippe, wo auf beiden Seiten, wenn auch nicht unmittelbar am Ufer, Wege entlang führten, ist das jedoch keine entscheidende Erwägung. Ist auch wegen sumpfiger Ufer die Lippe an längeren Strecken oft nicht leicht zu[52] überschreiten, so konnte doch für die Germanen eine Sperrung des Überganges gegen die Römer bei deren vielfachen Hilfsmitteln und der unschweren Umgehung so gut wie nie in Frage kommen. Auch die Bedeutung eines Brückenkopfes kann also die Anlage des Lippekastells nicht gehabt haben.

Anders mit der Rücksicht auf die Verpflegung: diese bedurfte des Wasserweges, und der Wasserweg bedurfte eines Schlußpunktes, eines Magazinplatzes, wo die Kähne ihre Ladung abgeben, die Proviantkolonnen für einen Marsch weiter ins Innere sie einnehmen konnten. Die Kriegführung im Innern Germaniens war eine ganz andere, wenn man das Korn oder Mehl nicht vom Rhein aus mitzufahren, sondern erst 150 Kilometer Luftlinie weiter, an der oberen Lippe, aufzuladen brauchte und hier eintretendenfalles wieder ergänzen konnte. Cäsar hatte in Gallien Magazinplätze nicht zu bauen und Besatzungstruppen für sie von den Legionen abzuzweigen brauchen. Für die Verpflegung mußten die Unterworfenen und Verbündeten mit Unterstützung der römischen Lieferanten sorgen. In Germanien mußten die Römer notgedrungen von diesem Grundsatz abgehen. Nicht um dadurch die Umwohnenden im Zaume zu halten – dazu wäre es ein schlechtes Mittel gewesen –, sondern um den römischen Operationen im inneren Germanien eine sichere Basis zu geben, dazu baute Drusus Aliso. (Vgl. unten die Spezialuntersuchung über Aliso.)

War das Kastell einmal da, so diente es natürlich auch noch anderen Zwecken, z.B. Kranke aufzunehmen, Land und Leute zu beobachten, so weit die Macht reichte, eine gewisse Polizei auszuüben, eine stete Drohung für die umwohnenden Völkerschaften darzustellen, als Zufluchtsort zu dienen: derjenige Zweck aber, der dem Ganzen den Charakter gab und den Platz der Anlage bestimmen mußte, war das Magazin am Wasserweg mit dem Übergang auf den Landtransport.

Außer Aliso soll Drusus noch 50 Kastelle am Rhein erbaut haben.28 Das scheint auf den ersten Blick in Widerspruch mit einem Plan der Eroberung Germaniens zu stehen, denn die Besetzung dieser 50 Kastelle verbrauchte einen großen Teil der verfügbaren[53] Truppen, und gelang die Unterjochung der Germanen, so waren die Kastelle überflüssig. Die Erklärung wird sein, daß, wenn die Armee ins Feld zog, der Landsturm die Kastelle besetzen und als Zufluchtsstätten für die Bevölkerung halten sollte für den Fall, daß die Germanen, unfähig, ihr Land gegen die Römer zu verteidigen, durch Diversionen ins Römische sich Luft zu machen suchten. In den großen Standlagern werden überdies Feldtruppen zurückgeblieben sein, die, wo es not tat, zu Hilfe kommen konnten.

Außer vom Rhein aus auf der Lippestraße gab es nun aber noch einen anderen Weg, auf dem ein Heer in das Innere Nieder-Germaniens gelangen konnte. Das war die See und die in sie einmündenden Ströme. Das erste Werk, das Drusus in Angriff nahm, als er sein Kommando in Germanien antrat, war der Bau eines Kanals vom Thein an die Yssel, der ihm die Möglichkeit gab, durch den Zuider-See direkt an die deutsche Nordseeküste zu gelangen. Noch heute existiert die fossa Drusiana, die Sueton (Claudius, cap. I) »novi et immensi operis« nennt.29 Der römische Handel in der Nordsee war nicht groß genug, um einen solchen Aufwand an Arbeit zu rechtfertigen, aber vom Standpunkte der Strategie wird er verständlich. Als Tiberius seinen Zug an die Elbe machte (4 p. C.), traf dort an der Elbmündung das Landheer mit einer Flotte zusammen, die »einen ungeheuren Vorrat von allen Dingen« mit sich führte.30 Bis nach Jüttland sind die römischen Schiffe hinaufgefahren, und auf den Flüssen haben sie den Germanen mehrfach Schiffstreffen geliefert.31 Als die Bructerer später im Civilis-Kriege den prätorischen Dreiruderer, das Admiralschiff der Römer, erbeuteten, zogen sie es die Lippe herauf, um es ihrer Priesterin und Prophetin Veleda zum Geschenk zu machen.32

Auch an der Mündung der Weser und sogar der Elbe soll schon Drusus Kastelle gebaut haben, und etwas später ist uns eine[54] römische Besatzung an der Wesermündung sicher bezeugt.33 Diese Anlagen dienten als Stützpunkte für die römischen Kriegs- und Transport-Flotten.34

Das auf diese Weise sorgfältig vorbereitete Unternehmen der Römer wurde unmittelbar von dem vollkommensten Erfolge gekrönt. Schon Drusus brachte die Küstenvölker, die Friesen und Chauken, zur Anerkennung der römischen Oberherrschaft, und Tiberius empfing die Huldigung aller Völker bis zur Elbe, ohne daß es auch nur zu größeren Kämpfen gekommen wäre. Der Grund dieser erstaunlichen Weichheit war, nach Rankes ansprechender Vermutung, ein ähnlicher, wie der, der seinerzeit die Gallier Cäsar entgegengeführt hatte: eben in jenen Jahren hatte der Markomannenfürst Marbod ein großes germanisches Königtum aufgerichtet. Von Böhmen aus umfaßte es bereits Völker an der unteren Elbe. Ihm zu entgehen, schlossen sich die Völkerschaften an der Weser den Römern an (in den Jahren 11-7 v.Chr.).

Zunächst war das Verhältnis noch eine freie Bundesgenossenschaft, und die Römer führten im Winter ihre Heere immer wieder an den Rhein oder bis in seine Nähe zurück. Es liegt auf der Hand, ein wie großer Nachteil dieser Lagerwechsel war. Die Germanen konnten sich so lange nicht als unwiderrufliche Untertanen der Römer ansehen, als diese sich noch nicht einmal getrauten, den Winter über dazubleiben. Die Erklärung kann wiederum nur im Verpflegungswesen gefunden werden.

Die Fahrt durch die Nordsee, die Ems, Weser und Elbe hinauf war selbst im Sommer ein Wagnis und setzte im Winter vollständig aus. So hören wir, daß bald diese, bald jene germanische Völkerschaft von neuem unterworfen werden mußte. Erst im Jahre 4 n.Chr. schien Tiberius, zum zweitenmal in den Norden gesandt, diese aufsässigen Stämme endgültig beruhigt zu haben.[55] Er wagte es, sein Heer an der Lippequelle, also in der Nähe von Aliso, überwintern zu lassen.

Die Römer legten Städte und Märkte an, und die Germanen schienen sich an die neue Lebensform zu gewöhnen, besuchten die Märkte und traten in Verkehr mit den Einzöglingen (Dio 56, 18). Schon rüsteten sich die Römer, auch das germanische Königreich des Marbod in Böhmen zu unterwerfen; die botmäßigen Stämme am Main hätten die Basis für den Feldzug abgegeben. Dieser Krieg wurde verhindert, als ein großer Aufstand in den jüngst ebenfalls unterworfenen Völkern südlich der Donau ausbrach und die Kräfte der Römer drei Jahre lang in Anspruch nahm. Die Germanen in Norddeutschland aber blieben auch in dieser Zeit vollständig ruhig.

Endlich aber, als die Römer unter dem Statthalter Varus mit ihrer Herrschaft wirklich Ernst machten, brach die große, allgemeine Empörung der Völkerschaften zwischen Elbe und Rhein los.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 50-56.
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