Viertes Kapitel.

Die Schlacht im Teutoburger Walde.

[62] Die Geschichte der Kriegskunst als solche hat ein direktes Interesse an der Feststellung des Schlachtfeldes im Teutoburger Walde nicht. Wenn wir auf dieses vielbehandelte Problem eingehen, so liegt der Schwerpunkt unserer Untersuchung nicht in der topographischen Frage, sondern umgekehrt in der Herausarbeitung der allgemeinen strategischen Bedingungen des römisch-germanischen Krieges, die als Kompaß für die Aufsuchung jenes Schlachtfeldes dienen müssen.

Zunächst haben wir den Platz des Varianischen Sommerlagers zu bestimmen.

Wir haben festgestellt, daß die Römer auf der einen Seite die See, auf der anderen die Lippestraße mit Aliso als ihre Basis benutzten. Jenseits Aliso mußten sie über den Gebirgsstrang des Osning, der das Stromgebiet des Rheins scheidet von dem der Weser.

Wollten sie aus dem Lippegebiet eine Etappe weiter, so war der nächste Abschnitt die Weser, die von Aliso in der Luftlinie etwa 50 Kilometer entfernt noch einmal Station zu machen, hätte keinen Wert gehabt. Durch das Lager an dem großen Flusse aber beherrschte man die Gegend aufwärts und abwärts und konnte wenigstens einen Teil der so wichtigen Fourage, Holz und die Zubußen, die die Germanen lieferten (Wild, Käse, Milch, Fische), zu Wasser heranschaffen. Der Stützpunkt der Römer muß also am Ufer der Weser gelegen haben an einer Stelle, die Paderborn (Aliso) möglichst nahe liegt und eine gute Verbindung ermöglicht.[62]

Da die mittlere Weser eine Art Halbkries beschreibt, so sind alle Orte von Beverungen bis Rehme ziemlich gleich weit vom Lippetal entfernt. Von der Lippe aus wäre es also nicht möglich, die römische Station an der Weser zu bestimmen. Aber nicht weniger wichtig als die Verbindung mit der Lippestraße war den Römern an der Weser die Verbindung mit der Nordsee. Bei den Chauken an der Wesermündung hatten sie eine Besatzung, die sich noch nach der Varianischen Niederlage bis zum Jahre 14 dort gehalten hat.


4. Kapitel. Die Schlacht im Teutoburger Walde

Die Rücksicht auf diese Verbindung mit der Nordsee erzwingt den Schluß, daß unter den Aliso gleich nahen, geeigneten Punkten nur der nördlichste die Stelle des Lagers gewesen sein kann, der Punkt, der zugleich eine möglichst kurze und gute Verbindung mit Aliso hatte und der Wesermündung am nächsten lag.[63]

Dieser Punkt ist die Porta Westphalica, an deren südlichem Eingang des Dorf Rehme, nicht weit vom nördlichen die Stadt Minden liegt.

Die Entfernung von Aliso nach Rehme beträgt in der Luftlinie etwa 7 Meilen; der Weg durchschneidet die Gebirgskette des Osning in einer tiefen, von weither sichtbaren Einsattelung, die Döre (Türe) oder Dörenschlucht genannt, durch die von der ältesten Zeit her die Straße ging. Der Zug dieser Straße wird uns bezeugt durch die zahlreichen Hünengräber, die zum Teil noch heute, vor einigen Generationen in noch viel größerer Zahl, vorhanden waren und sich vom Tal der Werre durch die Dörenschlucht, die tief eingeschnittenen Quellbäche der Senne an den Bergen entlang umgehend, bis nach Aliso hinziehen. Grabhügel an der Heerstraße entlang zu errichten, ist eine Sitte der Urzeit. Keine andere als diese Straße können die Römer benutzt haben, um von der Lippe aus den Zugang in die norddeutsche Tiefebene zu gewinnen.

An der Porta Westphalica trafen ihre beiden strategischen Zugangsstraßen in das innere Germanien zusammen. Hier war der gegebene Platz für ein Standlager, von dem aus man das Wesergebiet beherrschte. Man hatte die gesicherte doppelte Verbindung nach Hause, war im Mittelpunkt der Völkerschaften, die es galt in Respekt zu erhalten, konnte, wenn es galt, sei es weserabwärts, sei es weseraufwärts, operieren, durch die Benutzung des Flusses die Nachführung der Verpflegung erleichtern und, indem man eine feste Brücke schlug, nach Bedürfnis auf dem rechten oder linken Ufer vorgehen. Die Vermutung, daß das Lager des Varus sich an dieser Stelle befunden hat, ist längst ausgesprochen worden, und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß es hier gelegen hat. Der Fleck aber ist bisher trotz mannigfacher Nachforschung nicht aufgefunden worden. Das Lager könnte oberhalb und unterhalb der Porta Westphalica, auf dem rechten und auf dem linken Ufer des Flusses gelegen haben. Aber auf dem rechten Ufer führte damals kein Weg am Flusse entlang. Die Felsen des Berglandes traten bis hart an das Wasser heran und sind erst im 17. und 18. Jahrhundert durch Sprengung so weit entfernt worden, daß man eine Straße anlegen konnte. Auf dem linken Ufer aber oberhalb der[64] Porta findet sich bei Rehme ein Platz, der wie geschaffen scheint für ein römisches Lager.

Während Rehme selbst in der Niederung liegt und deshalb für die Anlage einer Befestigung keine Vorteile bietet, erhebt sich gegenüber, auf dem nördlichen Ufer der Werre, in dem Winkel, den sie mit der Weser bildet, ein plateauartiger Hügel, der Hahnenkamp genannt, der alle nur wünschenswerten Bedingungen für ein großes römisches Legionslager vereinigt. Zwei Seiten, Süd und Ost, sind geschützt durch diese beiden Flüsse; nach Norden zur Porta fällt der Hügel wieder ab, nur nach Westen hängt er durch einen Sattel mit der weiteren Landschaft zusammen. Eigentlich nur diese Seite ist daher einem Angriff ausgesetzt, und an das Ufer der beiden Flüsse tritt der Hügel nahe genug heran, um das Wasser noch zu beherrschen, und läßt doch Platz genug, um Schiffe ans Land zu ziehen oder ein Hafenbecken anzulegen. Die Nachgrabungen, die auf dem Hanenkamp veranstaltet worden sind, haben jedoch das Ergebnis gehabt, daß, falls nicht große Veränderungen im Gelände vor sich gegangen sind, hier ein römisches Lager nicht gewesen ist. Nicht nur fand sich keinerlei direkte Spur an Topfscherben oder dergleichen, sondern die Quergräben, die an verschiedenen Stellen so gezogen wurden, daß sie die römischen Lagergräben notwendig hätten schneiden müssen, zeigten, daß die Erde hier in der Tiefe niemals aufgewühlt worden war. Was statt dessen zutage kam, war freilich auch etwas Bedeutsames: das erste urgermanische Dorf, die kleinen vereinzelt angelegten Wohngruben, wie sie uns Tacitus schildert, noch mit den Resten der verkohlten Eckbalken in den Pfostenlöchern.

Wenn das Varuslager nicht auf dem Hahnenkamp gelegen hat, so kann es nur abwärts der Porta gesucht werden. Mit dem Défilé der Porta hinter sich war es da freilich weniger gesichert, aber um so geeigneter und imponierender für sofortige Offensive, und das Défilé mag man sich durch ein Kastell auf dem Wittekinds-Berge, wo jetzt das Denkmal steht, gesichert haben. Aber irgend eine Spur ist auch hier bisher nicht zutage getreten, und es ist wahrscheinlich, ja so gut wie sicher, daß sie für immer verwischt ist, indem auf dem Fleck des Lagers jetzt die Stadt Minden steht, so wie auf dem Platz von Aliso die Stadt Paderborn. Es ist ja[65] ganz natürlich, daß die Plätze, die den Römern für eine Anlage geeignet schienen, sich auch in späteren Jahrhunderten empfahlen und Dörfer oder Städte darüber gebaut wurden. Deshalb sind sie heute nicht wieder aufzufinden. Die Römer haben wenigstens ein halbes hundert Kastelle in Germanien gebaut und Lager geschlagen, aber nur ganz wenige sind wieder aufgefunden worden.

Trotz der guten Doppelverbindung, die die Römer für ihr Lager an der Porta geschaffen hatten, getrauten sie sich doch noch nicht, auch im Winter an der Weser zu bleiben, sondern gingen an den Rhein, oder bis Haltern an der Lippe, wo die Reste eines großen Lagers aufgedeckt worden sind, zurück. Das Lager des Varus war nur ein Sommerlager. Auch wenn, wie anzunehmen, die Römer sich sofort der Verbesserung der Straße annahmen, so ging diese doch durch einen schluchtenreichen Urwald, und ein großes Heer, das auf fortdauernde Zufuhr angewiesen ist, sucht im Winter eine unbedingt sichere Verbindung mit seiner Basis zu behalten.

Varus stand in seinem Sommerlager an der Weser, als ihm gemeldet wurde, daß entferntere Völkerschaften sich empört hätten. Er brach mit seinem ganzen Heer auf, um sie zu züchtigen, und ein großer Troß von Weibern, Kindern, Sklaven, Wagen und Lasttieren begleitete den Zug. Diese Begleitung zeigt uns mit vollkommener Sicherheit den Weg, den das Heer einschlug. Es ist völlig unmöglich, daß Varus, ein wie mäßiger Feldherr er auch immer war, einen solchen Troß auf eine längere Entfernung mit in die germanischen Wälder genommen habe. Es war schwer genug, im Innern Germaniens die Soldaten zu bewegen und zu verpflegen; kein römischer General ist denkbar, der nicht auf einem solchen Zuge den Troß auf das Allernotwendigste beschränkt hätte. Man könnte fragen, ob nicht die Belastung und Behinderung durch die Begleitung rhetorische Ausschmückung und Übertreibung unserer Quelle sei, aber der ganze Zusammenhang bestätigt die Wahrheit dieses Zuges. Es steht fest, daß die Schlacht in den Herbst fiel; Varus hat unzweifelhaft die Absicht gehabt, für den Winter in das Lager an der Porta zurückzukehren. Er mußte also, indem er das Lager verließ, auch den Troß fortschaffen, und[66] dieser spielt in der Erzählung von der Schlacht selbst eine so wesentliche Rolle, daß eine Fiktion ausgeschlossen ist. Ausgeschlossen ist aber damit auch, daß Varus einen anderen Weg, als die Hauptstraße nach der Lippe, nach Aliso, eingeschlagen habe. Vermutlich hauste auch die Völkerschaft, zu deren Züchtigung er ausrückte, in dieser Richtung südlich oder westlich von Aliso; sonst hätte er wohl, da er ja glaubte, in Freundesland zu sein, den Troß nur mit einer Bedeckung nach Aliso expediert und wäre mit den Legionen, für die Vorräte und Train immer genügend für eine kurze Expedition zur Verfügung standen, sofort auf sein Ziel losgegangen. Wie dem auch sei, mag es gegen die Bructerer, Marsen, Chatten oder wen sonst gegangen sein, über den Weg, den das Heer mitsamt dem Troß zunächst einschlug, kann kein Zweifel herrschen. Gerade diesen Weg aber haben viele Forscher bisher nicht ins Auge gefaßt, weil Dio berichtet, daß die Römer durch ein Waldgebirge voller Schluchten und Unebenheiten ziehen mußten, wie sie schon vor dem feindlichen Angriff mit Wegbahnen, Fällen der Bäume und Brückenschlagen genug zu tun hatten. Aus dieser Schilderung aber zu schließen, daß der Weg durch eine reine Wildnis gegangen sei, ist falsch. Man kann nicht gleichzeitig einen Weg bauen und darauf marschieren. Einen alten Baum zu fällen, eine Brücke zu bauen, dauert Stunden. Will ein Heer durch ungebahnten Urwald marschieren, so muß ein Kommando vorauf und den Weg frei machen oder bauen, während die Masse lagert und ruht. In Etappen von einigen Kilometern mag das Heer dann, je nach Fertigstellung des Weges, nachrücken. Dios Schilderung ist also auf jeden Fall eine starke Hyperbel, und der Schluß, den man aus ihr gezogen hat, daß der Marsch durch Ungebahntes gegangen sei, wird völlig unvollziehbar, wenn wir wieder den außerordentlichen Troß bedenken, der das Heer begleitete.

Entschließen wir uns aber, die rhetorischen Hyperbeln der Überlieferung, statt sie noch weiter auszubauen, ihrer Natur gemäß zu reduzieren, so erkennen wir bald, daß es der Weg nach Aliso ist, der uns geschildert wird. Das Gelände südlich von Rehme, das Lippesche Land, der »Lehmgau« (Lemgo), ist ein schwerer Lehmboden (Kleyboden), damals zweifellos Urwald, noch[67] heute zum Teil Forst; der Weg ging nicht im Werretal entlang, das dazu zu sumpfig war, sondern direkt südlich über ein von Schluchten durchzogenes Hügelland. Ein heftiges Unwetter, Regen und Sturm überfiel die Ausmarschierten, weichte den Boden auf und machte ihn schlüpfrig. Den Weg haben wir uns nicht als eine ausgebaute römische Heerstraße, sondern als einen gewöhnlichen Waldweg vorzustellen, den die Römer hier und da durch Bau einer Brücke, Schüttung eines Dammes, Ableitung von Wasser verbessert hatten. Eine wirkliche feste Straße hatten sie in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft noch nicht einmal an der Lippe, viel weniger hier gebaut.35 Das Unwetter machte den Weg an manchen Stellen unpassierbar, so daß man hier und da einen kleinen Bogen machen und zu dem Zweck auch wohl einen Baum umhauen mußte; es riß Brücken weg und warf abgebrochen Äste und ganze Bäume, die umstürzten, auf die Marschierenden. Die Germanen mögen ihrerseits auch durch Zerstörung der Brücken dazu beigetragen haben, daß der Heereszug möglichst aufgehalten wurde.

Obgleich durch Segestes gewarnt, hatte Varus keine besonderen Vorsichtsmaßregeln getroffen; die Soldaten waren nicht kampfbereit, der Troß ohne bestimmte Ordnung mitten zwischen den Truppenteilen. Plötzlich brachen die Germanen aus dem Walde hervor und fielen den langen Zug an.

Der Aufstand, den Varus niederschlagen wollte, war nach der römischen Erzählung von den germanischen Verschworenen planmäßig erregt worden. Man hat das so ausgelegt, als ob der Plan gewesen sei, Varus von der gebahnten Heeresstraße fort in eine für den Überfall besonders geeignete Gegend zu locken.

Das ist eine romanhafte Vorstellung. Zum Überfall geeignete Gegenden waren in Germanien allenthalben; ein feindliches Heer aber an eine ganz bestimmte, entfernte Stelle zu locken und an dem Tage, wo es diese durchzieht, die eigene Mannschaft dort unbemerkt zur Stelle zu haben, ist kein durchführbares Stratagem. Über dies alles konnte es ein besseres Gelände für den Plan des[68] Arminius als die gewohnte Straße von der Porta nach Aliso gar nicht geben.

Sollten wirklich die Verschworenen schon zu jenem Aufstand in Beziehung gestanden haben, so wird ihr Zweck dabei gewesen sein, nicht die Römer in eine bestimmte Gegend zu locken, sondern unter dem Schein des Zuzugs ihre eigenen Krieger zu sammeln und heranzuführen.

Das römische Heer war drei Legionen, sechs Kohorten Auxilien und drei Alen Reiterei stark. Es wird ausdrücklich hinzugefügt, daß es durch Detachierungen zur Besetzung einzelner Kastelle, Bedeckung von Transporten, Exekutionen, Verfolgung von Räubern sehr geschwächt gewesen sei; es ist jedoch nicht deutlich, ob sich diese Schwächung auf die Legionen selbst bezieht oder in der geringen Zahl der Hilfstruppen ihre Erklärung findet. Wir können daher nicht mehr sagen, als daß das Heer auf dem Fleck zwischen 12000 und 18000 Kombattanten gezählt haben wird, die Varus durch das Aufgebot weiterer germanischer Hilfstruppen aus der Nachbarschaft für den bevorstehenden Feldzug hatte verstärken wollen. Eben diese anscheinenden Bundesgenossen waren es, die plötzlich ihre Waffen gegen ihre Herren wandten und den Zug in seiner Unordnung anfielen.

Der Zug, den wir mit all seinem Troß und seiner geringen Marschdisziplin bei 18000 bis 30000 Menschen im ganzen auf eine Länge von etwa 2 Meilen schätzen dürfen, wird mit der Spitze, nach einem Marsch von 2 bis 21/2. Meilen, am »schwarzen Moor« bei Herford oder in der Gegend von Salzufeln-Schöttmar gewesen sein, als er angegriffen wurde.

Sobald das Geschrei erscholl, daß die Germanen angriffen, machte die Spitze natürlich sofort Halt; man wählte einen passenden freien Platz und schlug ein durch Wall und Graben befestigtes Lager auf, in dem sich die allmählich anlangenden Trupps und Kolonnen sammelten. Varus mag erwogen haben, ob er nicht in das verlassene Sommerlager zurückkehren solle, wo die Lageranlage natürlich viel besseren Schutz gewährte. Wahrscheinlich war hier in einer Art Zitadelle eine Besatzung für den Winter zurückgeblieben. Aber nicht nur mochten, trotz dieses Schutzes, die Germanen das Sommerlager bereits im Besitz haben, für eine lange Einschließung[69] werden kaum genug Lebensmittel vorhanden gewesen sein, und der Weg vorwärts war nicht gefährlicher als der Weg zurück. Varus ließ also alles überflüssige Gepäck mitsamt den Wagen verbrennen und marschierte am nächsten Tage in besserer militärischer Ordnung als am ersten aus, um sein Ziel, Aliso, zu gewinnen. Die neue Ordnung des Heeres, die Aussonderung und Verbrennung des überflüssigen Trains kostete einige Zeit, so daß man wohl erst spät aufbrach. Der Marsch ging jetzt über freies Feld, war aber dennoch nicht ohne Verluste. Daß die Römer aber überhaupt vorwärts kamen, läßt uns schließen, daß der Angriff der Germanen noch schwach und wenig Reiterei zur Stelle war. Die Quellen sprechen überhaupt nicht von Reitern, es müssen jedoch solche zur Stelle gewesen sein. Denn die Germanen waren ja besonders stark in dieser Waffe, und die Römer hatten ihrerseits drei Alen Reiter bei sich. Hätten die Germanen also gar keine Reiter gehabt, so hätten sie auf dem freien Felde an den Zug nicht herankommen können, da die römischen Reiter sie verfolgend abgetan hätten; hätten die Germanen andererseits eine starke Reiterei zur Stelle gehabt, so wären die Römer überhaupt nicht vorwärts gekommen, denn ein Heer kann nicht gleichzeitig kämpfen und marschieren. Wir kennen das aus der Schlacht bei Carrhä (Bd. I, S. 464) und dem Treffen von Ruspina (Bd. I, S. 593). Aus demselben Grunde muß auch am ersten Tage der Angriff der Germanen noch sehr schwach, so zu sagen nur tastend gewesen sein, sonst wäre die lange, ungeordnete Kolonne schon aus dem Walde nicht mehr herausgekommen.

Bei der Vorsicht und engen Geschlossenheit, mit der man sich am zweiten Tage bewegte, konnte es nur langsam vorwärts gehen, und zuletzt kam man auch wieder in Wald, wo die Truppen sich nicht frei bewegen konnten.

Diesen Wechsel von Wald und Lichtung können wir noch heute vom Gelände ablesen. Bei Salzufeln hört der Lehmboden auf, und es beginnt Sand- und Moorboden, auf denen der sonst herrschende Buchenwald nicht fortkommt und die nur hier und da die Vorbedingungen für das Gedeihen von Eichen liefern. Die Kiefernwälder, welche gegenwärtig ausgedehnte Strecken des sandigen Bodens einnehmen, sind erst neueren Ursprungs. Bei Salzufeln[70] also begann das freie Feld, durch das die Römer marschierten; kurz vor dem Osning jedoch treten kleine Schwellungen von Muschelkalk parallel dem Gebirge aus dem Sande heraus und waren ebenso, wie die Höhe des Gebirges selbst, damals unzweifelhaft bewaldet. Wir werden annehmen dürfen, daß es bereits spät Nachmittag war, als die Armee sich nach einem Marsch von gut zwei Meilen diesem Walde und der Dörenschlucht näherte, um zu erfahren, daß der Durchgang von den Germanen gesperrt und besetzt sei. Am besten wäre es nun gewesen, wenn die Römer sofort alle Kräfte angesetzt hätten, den Paß zu erstürmen und den Riegel zu sprengen, denn die Zahl der Germanen vermehrte sich fortwährend, und die Nacht gab ihnen die Möglichkeit, noch an künstlichen Wegsperren zu arbeiten. Aber zur Erstürmung des Passes gehörte Flankierung durch eine Umgehung, die Zeit in Anspruch nahm. Auch konnte man sich nicht in das Gefecht stürzen, ohne das unbewaffnete Gefolge durch irgend eine Befestigung so lange zu sichern.

Man stelle sich nicht etwa vor, daß man in einem geschlossenen Zuge, sich wehrend, so gut es ging, falle was fällt, durch den Paß hätte durchstürmen können. Hatten die Römer schon an diesem Tage auf dem Marsch über das freie Feld große Verluste erlitten, so war ein Marschieren durch den auf beiden Seiten, auf den Hügeln besetzten Paß ganz ausgeschlossen. Um durchzukommen, mußte man in einem regulären Gefecht, nicht geniert durch die unbewaffnete Begleitung, den Feind von dem Paß fortschlagen, um ihn dann, ehe er von hinten wiederkam, schnell zu durchziehen. Varus beschloß also, abermals ein Lager aufzuschlagen, um am nächsten Tage den Durchzug durch den Paß zu erzwingen.

Von dem Gefecht, das sich nun hier am dritten Tage entspann, ist uns nur eine sehr dürftige Erzählung erhalten. Aber wir wissen schon von Marathon her: wenn man die Bewaffnung und Fechtart der streitenden Heere kennt, so ist das Gelände ein so wichtiges und beredtes Zeugnis über den Charakter einer Schlacht, daß man es wagen darf, da ja auch der Ausgang keinem Zweifel unterliegt, den Verlauf in seinem allgemeinen Gange zu rekonstruieren.

Die Dörenschlucht ist eine an der schmalsten Stelle immer noch etwa 300 Schritt breite, tiefe Einsattelung im Osning. Das[71] Gebirge besteht aus Plänerkalk, dem auf beiden Seiten Sanddünen an- und vorgelagert sind. Die Dörenschlucht selber ist im Grunde mit tiefem Sande erfüllt, der damals baumlos war. Der Weg lief nicht durch diesen Sand in der Mitte der Schlucht, sondern auf beiden Seiten an den Hängen entlang. Die Dünen-Hügel in und vor der Schlucht sind zum Teil mit Heidekraut überwachsen; kleinere Stellen dazwischen sind lehmig. In der Schlucht selbst, die eine Wasserscheide bildet, läuft nach Norden ein kleiner Bach ab; auch Sumpf und Moor fehlen nicht.

So breit die Schlucht ist, so ist der Zugang doch durch diese oder über die Kuppen. Wir werden annehmen dürfen, daß Armin vom ersten Tage an Leute an der Arbeit gehabt hat, die die Enge durch Baumverhack sperrten.

Den Römern wiederum dürfen wir zutrauen, daß sie den Paß nicht bloß in der Front angriffen, sondern über die Berge, die nirgends ganz unzugänglich sind, zu umgehen suchten. Es ist ihnen gelungen, wie die überlieferte Erzählung erkennen läßt, die ersten Dünenhügel am Eingange der Schlucht zu erstürmen und die Germanen herunterzutreiben. Aber hinter jenen Hügeln erhoben sich immer neue; vom Rande des Hügellandes bis zur Paßenge ist etwa anderthalb Kilometer, und je weiter die Römer vordrangen, desto mehr setzten sie sich den Flankenangriffen von der Höhe des eigentlichen Gebirgskammes herab aus. Das war ja eben die kriegerische Kraft der Germanen, daß sie es bald in geschlossenen Haufen, trotz geringer Schutzwaffen, mit den römischen Hopliten aufnahmen, bald, zurückgetrieben, sich auflösten, aber nicht in Panik verfielen, sondern, den Vorteil der leichteren Bewaffnung wahrnehmend, von der einen guten Position nur wichen, um dahinter sofort eine ebenso gute einzunehmen. Das Unwetter hatte wieder eingesetzt und erschwerte den Römern die Erstürmung der glatten Hügel und die Bewegung auf dem nassen Waldboden. Die germanische Reiterei, im Paß nicht verwendbar, wird Armin von vornherein draußen gelassen haben, um den Feind im Rücken zu beunruhigen und Umgehungskolonnen festzuhalten. Statt den Riegel des Passes zu sprengen, fühlten sich die Römer, indem sie vordrangen, nur in ihm eingeschlossen.[72]

So erlahmten sie endlich in ihren Angriffen; der herabströmende Regen behinderte sie nicht nur in ihren Bewegungen, sondern drückte auch Stimmung und Moral nieder, und sobald die Kohorten den ersten Schritt zurück taten, stürmten die germanischen Hundertschaften von allen Höhen herunter und trieben sie vollends in ihr Lager zurück. Jede Aussicht auf Rettung war verloren. Die Reiterei ritt davon, in der Hoffnung, anderswo über die Berge zu kommen. Varus und eine Anzahl der Oberoffiziere töteten sich selbst; ein Adlerträger stürzte sich, um das Heiligtum der Legion, wenn nicht zu retten, doch nicht in die Hand der Feinde geraten zu lassen, mit seinem Adler in einen Sumpf.

Der Rest des Heeres unter dem Lagerpräfekten Cejonius ergab sich endlich eine Gnade und Ungnade. Während über die Kapitulation verhandelt wurde, hatten die treuen Diener des Varus noch versucht, den Leichnam ihres Herrn, um ihn vor der Schändung zu bewahren, zu verbrennen, und ihn zuletzt, halb verbrannt, begraben. Aber Arminius ließ ihn wieder ausgraben und schickte das abgeschnittene Haupt an Marbod, den Markomannenkönig.

Arminius hat einmal, wie ein späterer Schriftsteller erzählt,36 um eine römische Besatzung in Schrecken zu setzen, die Köpfe der getöteten Feinde, auf Spieße gesteckt, gegen den Wall tragen lassen. Auf das letzte Lager an der Dörenschlucht kann sich das nicht wohl beziehen, da die dort Eingeschlossenen nur zu gut wußten, was geschehen war, aber vermutlich geht die Erzählung doch auf diesen Feldzug, vielleicht auf die in dem Lager an der Porta zurückgelassene Besatzung, vielleicht auf Aliso.

Denn diejenigen Römer, die den Ring der Germanen durchbrachen und, sei es durch die Dörenschlucht, sei es über die Berge, entkamen, flüchteten sich nach Aliso und wurden hier lange Zeit belagert. Als ihnen endlich die Lebensmittel ausgingen, suchten sie in einer dunklen, stürmischen Nacht, unter Anführung eines entschlossenen alten Soldaten, des Lagerpräfekten und Primipilars L. Caedicius, die Wachsamkeit der Germanen zu täuschen, kamen durch die Einschließung hindurch und entgingen endlich auch mit Hilfe einer Kriegslist, indem sie die Trompeter blasen ließen und[73] dadurch in den Germanen die Besorgnis erweckten, daß eine Entsatztruppe anrücke, glücklich den Verfolgern.37 In ganz derselben Weise retteten sich mehr als ein Jahrtausend später die Besatzungen der von den Preußen eingeschlossenen Ritterburgen; einen Weg von 15 Meilen machte die Besatzung von Bartenstein durch das feindliche Land und kam glücklich nach Königsberg durch (vgl. Bd. III, 3. Buch, 7. Kapitel). Alle übrigen Besatzungen und Detachements der Römer, die noch im inneren Germanien verstreut waren, fielen den Aufständischen in die Hände, so daß die drei Varianischen Legionen so gut wie vollständig vernichtet wurden.

Wir kennen die Schlacht im Teutoburger Walde nur aus den Berichten der Besiegten, und auch der Name des Schlachtfeldes, obgleich mitten in Deutschland gelegen, ist vermutlich nicht deutschen, sondern römischen Ursprungs. Keine Chronik, keine Urkunde des Mittelalters kennt den Namen des Teutoburger Waldes. Er ist uns einzig und allein durch Tacitus an einer Stelle (»saltus Teutoburgiensis«, Ann. I, 60) bezeugt und von hier aus durch die gelehrte Forschung des 17. Jahrhunderts in die Geographie gekommen. Wir sind aber heute in den Stand gesetzt, ihn zu verstehen und seinen Ursprung zu erklären.

Eine kleine Meile südöstlich der Dörenschlucht liegen zwei Ringwälle, oben auf dem Berg ein sehr großer und einige hundert Schritt abwärts ein kleiner die den Eindruck von Anlagen urgermanischer Zeit machen.38 Der kleinere könnte der Sitz eines Fürsten, der größere eine Zufluchtsstätte für das Volk, eine Fluchtburg, gewesen sein. Solche Fluchtburgen, die für gewöhnlich nicht bewohnt waren, aber im Notfall das Volk der ganzen Umgegend aufnehmen konnten, sind mehrfach erhalten; die größte ist wohl die auf dem Odilienberg in den Vogesen.

»Teutoburg« heißt aller Wahrscheinlichkeit nach »Volksburg«; das Stammwort ist identisch mit der ersten Silbe des Namens der in der Nähe gelegenen Stadt Detmold (Tietmallus). Sehr oft[74] sind aus solchen Gattungsnamen allmählich Eigennamen geworden. In diesem Falle vielleicht nicht bei den Germanen, aber bei den Römern, die aus dem Munde der Anwohner »Teutoburg« hörten, wenn sie fragten, was der große Steinwall oben auf dem Berg jenseits der Fürstenburg sei, und danach nun auch das Waldgebirge benannten, durch das ihre Heerstraße sie führte.

Heute heißt die Teutoburg die Grotenburg; in der Mitte des großen Ringwalles steht das Hermanns-Denkmal.

Es steht an der richtigen Stelle; um so mehr, wenn, wie anzunehmen, diese Burg die des Segest war, aus der er sich, Thusnelda mit sich führend, zu den Römern rettete.

Noch zwei andere Stücke aus dieser Schlacht sind bis auf den heutigen Tag erhalten. Im Jahre 1868 wurde nahe bei Hildesheim, 9 Fuß unter der Erde, jener wunderbar schöne Silberschatz gefunden, von dem wir kaum zweifeln können, daß er von der Tafel des Varus stammt und den Beuteanteil eines Cheruskerfürsten ausmachte, und das Museum in Bonn bewahrt den Grabstein auf, den brüderliche Pietät dem im »Varianischen Kriege« gefallenen Centurio M. Cälius von der 18. Legion setzte, mit dem Bildnis des Toten und seiner beiden treuen Diener schmückte und mit der Inschrift versah, daß man die Gebeine nicht habe bestatten können.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 62-75.
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