Neuntes Kapitel.

Theorie[209] 105.

Wie alle anderen Lebensgebiete des Geistes und der Natur, so hat die griechische Philosophie auch das Kriegswesen bearbeitet und gedanklich zu durchdringen gesucht. Wir haben im ersten Bande nur den ersten und grundlegenden dieser Kriegstheoretiker, Xenophon, behandelt und die weitere Entwicklung bis auf diese Stelle verschoben, aus Rücksicht auf den Stand der Quellen, die nur aus der römischen Kaiserzeit erhalten sind.

Die Philosophen hatten von dem Wert ihrer Theorien keine geringe Meinung. Es ist uns ein Schriftchen erhalten,106 das einleitungsweise rundweg erklärt, dem Unterricht des Aristoteles verdanke es Alexander, daß er die Welt habe besiegen können; alle die einzelnen taktischen Formen sind aufgezählt, die der König von seinem Lehrer gelernt und die ihn zum Siege geführt hätten. Als Hannibal Karthago verlassen und sich an den Hof des Königs Antiochus geflüchtet hatte, soll ihm hier der Peripatetiker Phormio haben zeigen wollen, wie er es hätte anfangen müssen, die Römer zu besiegen.

Was uns tatsächlich von griechischen Taktikern er halten ist, steht kaum auf der Höhe dieses Anspruchs – oder man kann wohl auch umgekehrt sagen, steht tatsächlich auf der Höhe dieser Weisheit. Es ist erstaunlich, wie bedürftig diese Literatur ist, und um so erstaunlicher, als zwei Männer ersten Ranges, Polybius und Posidonius,[209] Taktiken verfaßt haben. Wenn sie uns auch nicht erhalten sind, so gehen die erhaltenen späteren Werke von Asklepiodot, Onosander, Älian und Arrian doch auf sie zurück; aber sie sind jedes Körnchens von Geist bar, und das Allererstaunlichste ist, daß, obgleich doch schon Polybius den Sieg der römischen Treffen-Taktik über die Phalanx erlebt und selbst beschrieben, Posidonius zur Zeit Cäsars und die anderen genannten Schriftsteller unter den Kaisern gelebt haben, in allen Taktiken kein Wort von der Legion und ihren eigentümlichen Kampfesformen zu finden ist. Es ist nichts als die graue, von Buch zu Buch durch die Jahrhunderte fortgesponnene Theorie, die immer noch mit der Sarissen-Phalanx operiert; ein öder Schematismus, der mit einem Normalheer von 16384 Mann rechnet, weil diese Zahl sich immer von neuem halbieren läßt und so schöne, gleichmäßige Unterabteilungen herzustellen sind, aus denen man taktische Formen konstruieren kann. Es ist nicht nötig, sich weiter damit abzugeben, noch auch die positiven Fehler und Verkehrtheiten, die im einzelnen gemacht werden, aufzuzählen.107

Von den Römern hat kein geringerer als M. Porcius Cato d. Ä. ein Werk de re militari geschrieben. Erscheint es als ganz natürlich, daß gleich der erste lateinische Prosa-Schriftsteller, der den Griffel in die Hand genommen, über Kriegswesen schrieb, so ist es um so wunderlicher, daß er so wenig Nachfolger gefunden und in der Kaiserzeit jene griechischen Theoretiker das Feld behielten und römischen Kaisern ihre Schriften widmen konnten. Eine verlorene Schrift des Celsus und eine Frontins, der um die Wende des 1. Jahrhunderts n.Chr. ein sehr angesehener General war und von dem eine Sammlung von kriegsgeschichtlichen Beispielen erhalten ist, sind die einzig bemerkenswerten militärisch-theoretischen Erzeugnisse der römischen Literatur dieser Zeit. Möglicherweise ist uns freilich das allerbeste verloren gegangen, nämlich die Konstitutionen, die Augustus für die Armee erließ und die Trajan und Hadrian erneuerten oder ergänzten.[210] Diese Konstitutionen waren zunächst das, was wir im weitesten Sinne ein Reglement nennen; sie enthielten die Vorschriften über Aushebung und Anwerbung, Organisation, Dienstbetrieb, Exerzieren, Verpflegung, Verwaltung. Vielleicht waren aber die praktischen Anweisungen und Vorschriften auch mit theoretischen Ausführungen und allgemeinen Begründungen versehen, so daß das Reglement gleichzeitig ein Handbuch des gesamten militärischen Wissens war, und zwar so erschöpfend und so umfassend, daß eben deshalb, da ja die militärische Kunst wesentliche weitere Fortschritte nicht machte, auch die Literatur auf diesem Gebiete nichts mehr zu tun fand, und deshalb nicht weiterarbeitete.

Höchstens für technische Anweisungen und Untersuchungen, wie etwa die Lehre des Architekten Vitruv über den Geschützbau, war noch Platz geblieben. Eine Beschreibung der römischen Lageranlage, die unter dem Namen Hygins geht, mag im Anschluß daran erwähnt werden.

Das Werk des Cato wie die Konstitutionen der Kaiser sind uns verloren gegangen. Es ist uns aber mittelbar ziemlich viel daraus erhalten in der mitten unter dem Brausen der Völkerwanderung, wahrscheinlich unter Theodosius dem Großen, vielleicht auch erst unter seinem Enkel, Valentinian III, im 5. Jahrhundert verfaßten Schrift des Flavius Vegetius Renatus. Vegez war nicht praktischer Soldat und hatte keinerlei Anschauung von den Dingen, über die er schrieb. Er konnte sie auch gar nicht haben, denn das römische Heer in den Formen, wie wir es kennen gelernt haben, existierte längst nicht mehr. Vegez betrauert den Untergang des alten römischen Reichs und der alten römischen Kriegsmacht und schreibt sein Buch, indem er aus den alten Schriftstellern exzerpiert, um zu zeigen, wie es in der Väter Zeit gewesen und wie man es machen müsse, um die alte Herrlichkeit zu erneuern. Davon nun, daß auch die Zeit der Väter verschiedene Epochen gehabt, die sich auch sehr wesentlich von einander unterschieden, davon hat er keine Vorstellung und komponiert seine Exzerpte nach mehr oder weniger klaren Gesichtspunkten ohne chronologische Rücksicht zusammen.108 Das tut dem historischen[211] Wert seines Buches einen wesentlichen Eintrag, hat aber, da man erst in unserer Zeit so weit gelangt ist, die Fehler wirklich zu erkennen, der Nachwirkung und dem Gebrauch, den man von dem Buche gemacht hat, keinen Schaden getan. Das ganze Mittelalter hindurch hat man es gelesen. Zur Zeit Karls des Großen wurde das Werk für die Bedürfnisse des fränkischen Heeres bearbeitet. In dem Testament eines Grafen Everard de Fréjus, aus der Zeit Ludwigs des Frommen (837), wird ein Vegez aufgeführt. Gottfried Plantagenet ließ bei der Belagerung des Schlosses Gaillard den Vegez durchforschen, um die besten Angriffsmittel zu erkunden. Es existieren aus der Zeit vom 10. bis 15. Jahrhundert nicht weniger als 150 Abschriften; in der Renaissancezeit ist das Buch immer von neuem gedruckt worden, und der österreichische Feldmarschall Prinz von Ligne erklärte es für ein goldenes Buch und schrieb: »Un dieu, dit Végèce, inspira la légion, et moi je trouve, qu'un dieu inspira Végèce.«

Die wertvollen Elemente des Buches werden hauptsächlich Cato und den Konstitutionen des August und Hadrian entstammen, die zitiert sind. Einen höheren Denkerwert hat das Werk nicht und einen wirklichen Einfluß auf die Kunst des Krieges und ihre Entwicklung hat es auch nicht gehabt. Das Buch wird daher jetzt nur noch unter dem antiquarisch-historischen Gesichtspunkt betrachtet und gelesen. Aber daß es so lange Zeit hoch angesehen war und immer studiert wurde, ist ganz verständlich. Das Bedürfnis der praktischen Soldaten, sich über ihr Tun eine gewisse begriffliche Klarheit zu verschaffen, ist sehr groß, und wenn Vegez auch nicht in die Tiefe geht, so findet man bei ihm doch eine Reihe von Sätzen gemeinverständlich ausgeprägt, die für eine militärische Reflexion oder Diskussion sehr brauchbar sind. Ob es richtig ist, daß man dem Feinde goldene Brücken bauen müsse, oder daß es ratsamer sei, dem Feinde durch List im kleineren Abbruch zu tun, als sich auf die Zufälle einer Schlacht einzulassen, mag zweifelhaft sein. Aber jedenfalls ist mit diesen Sätzen sehr viel operiert worden. Daß man keinen Mann ins Feld stellen soll, der nicht gehörig geübt ist; daß, wer die eigenen Kräfte und die des Feindes richtig zu schätzen weiß, nicht leicht geschlagen werden wird; daß das Unerwartete den Feind in[212] Schrecken setzt; daß, wer nicht für den Unterhalt seiner Truppe sorgt, ohne Schwertstreich unterliegen muß, das sind alles Wahrheiten, die einzusehen man einer klassischen Autorität nicht bedarf. Aber auch die Gemeinplätze müssen einmal formuliert worden sein, und Gemeinplätze, gut eingekleidet in allgemeine theoretische Reflexionen, gemischt mit einer gewissen Gelehrsamkeit, sind sehr geeignet, ein Buch populär zu machen.

Selbst die doktrinär-phantastischen Spielereien, in die Vegez sich zuweilen verläuft, z.B. seine sieben Schlachtordnungen, von denen eine die Form eines Bratspießes hat, haben dem keinen Eintrag getan. Das klang gelehrt, und die Gelehrten haben sogar mit Vorliebe über diese wunderbare Sieben geforscht und spintisiert, und die Praxis ließ sich auf den Bratspieß natürlich so wenig ein, wie auf den »Hohlkeil« oder die »Zange«.

Bei der Betrachtung, aus welchen Ländern und Volksstämmen die besten Rekruten kommen, entscheidet sich Vegez für die gemäßigte Zone und gibt dafür auch, gestützt auf die Autorität der gelehrtesten Männer, wie er sagt, den Grund an (I, 2). Die Nationen, meint er, die der Sonne nahe sind, werden durch die übergroße Hitze ausgetrocknet und sind zwar intelligenter, aber haben weniger Blut und deshalb weniger Standhaftigkeit und Vertrauen zum Kampf mit der blanken Waffe, da sie, blutarm wie sie sind, die Wunden fürchten. Die nördlichen Völker aber, ob zwar gedankenlos, sind vollsäftig, und deshalb kriegslustig. Rekruten möge man deshalb aus den gemäßigten Himmelsstrichen nehmen, wo man Blut genug hat, um Wunden und Tod zu verachten, und auch einigen Verstand, der sowohl das Wohlverhalten im Lager wahrt, als auch im Kampf von nicht geringem Nutzen ist.

Trotz solcher Verirrungen zeigt die römische Militärliteratur doch den auf das Praktische gerichteten, nüchternen Sinn dieses Volkes. Die griechische verleugnet weder in der dichterischen Einkleidung, die Xenophon in der Cyropädie seiner Lehre gab, noch in den Systemen der Späteren den spekulativen Sinn des Griechenvolkes. Je weniger wir die militärischen Ergebnisse der griechischen Philosophie haben loben können, desto weniger wollen wir uns aber auch entgehen lassen die Art, wie der Hellene das Studium[213] der Technik mit den allgemeinen Ideen zu verknüpfen wußte. Ein Alexandriner, Hero, der zur Zeit der Ptolemäer ein Buch über den Geschützbau schrieb, leitet dieses Werk ein mit folgenden Worten:109

»Der wichtigste und notwendigste Teil des philosophischen Studiums ist derjenige, welcher von der Seelenruhe handelt, über welche die meisten Untersuchungen von den praktischen Philosophen gepflogen worden sind und bis auf den heutigen Tag gepflogen werden, und ich glaube, daß die theoretische Untersuchung darüber auch niemals ein Ende nehmen wird. Aber die Mechanik steht höher als die theoretische Lehre von der Seelenruhe, denn sie lehrt allen Menschen die Wissenschaft, durch einen einzigen und beschränkten Teil von ihr in Seelenruhe zu leben; ich meine nämlich den Teil, welcher von dem sogenannten Geschützbau handelt. Durch ihn wird man in den Stand gesetzt, weder in Friedenszeiten jemals vor den Angriffen von Gegner und Feinden zu erbeben, noch beim Ausbruch eines Krieges jemals zu erbeben, vermöge der Weltweisheit, die in diesen Maschinen steckt. Deshalb muß man jederzeit diesen Teil (der Mechanik) in Ordnung halten und auf das sorgfältigste in Obacht nehmen; denn gerade im tiefsten Frieden kann man eben dann hoffen, daß derselbe sich immer mehr befestigen werde, wenn man mit dem Geschützbau sich gehörig abgibt und selbst in diesem Bewußtsein seine Seelenruhe behauptet; und wenn diejenigen, die Übles im Schilde führen, die Sorgfalt in bezug darauf wahrnehmen, so werden sie keinen Angriff wagen. Vernachlässigt man dies aber, so wird jeder Anschlag, wenn er auch an und für sich noch so unbedeutend ist, Erfolg haben, wenn in den Städten die betreffenden Anstalten nicht vorhanden sind.«

Auch der moderne Artillerist und mit ihm der Kriegsminister und jeder Verfechter militärischer Rüstungen mag sich in diesen Worten des alten Welt weisen wiegen.[214]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 209-215.
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