Zehntes Kapitel.

Niedergang und Auflösung des

römischen Kriegswesens.

[215] Man pflegt wohl als Vorspiel der Überwältigung Roms durch die Germanen den Markomannenkrieg unter Marc Aurel anzusehen. Das in Böhmen ansässige Volk der Markomannen, verstärkt durch den Zugang anderer germanischer und auch nichtgermanischer Völkerschaften, überschritt die Donau, überrannte die römische Grenzhut, erstürmte die Städte, kam bis nach Aquileja und bedrohte Italien. Der Kaiser Marc Aurel versetzte die Kronjuwelen, um Geld zu schaffen; er kam selber einmal mit seinem Heer in eine große Bedrängnis, aus der ihn nur ein in der Legende vielbehandeltes plötzliches Gewitter rettete; sechzehn Jahre dauerte es im ganzen, bis die Römer ihrer Bedränger endlich Herr geworden waren.

Aber so sehr dieser Krieg die römische Welt erregt hat, ein Vorbote des Kommenden war er nicht; er gehört durchaus in die Reihe der Grenzkriege, wie sie schon unter Augustus geführt waren. Der anfängliche Erfolg der Germanen rührte daher, daß die Römer mit allen ihren Kräften im Orient, in einem Partherkrieg, engagiert waren. Wenn auch nicht zu erkennen ist, daß zu diesem Zweck direkt Truppen von der Donau fortgezogen worden sind, so war jene Verwicklung doch die Ursache, daß nicht sofort hinreichende Verstärkungen bereitgestellt werden konnten.

Eine Pest, die viele Jahre hindurch wütete, vermehrte die Not und Verlegenheit der Römer, und als nun germanische Völkerschaften an vielen Stellen gleichzeitig, die gute Gelegenheit wahrnehmend, über die Grenze brachen, erschien das den Römern[215] als Folge eines großen Bündnisses der Barbaren, und den Historikern der Nachwelt als ein Vorbote der Völkerwanderung.110 Tatsächlich aber gehört der Krieg in die Epoche der vorhergehenden, nicht der kommenden Ereignisse. Wenn das römische Heer einmal von den Germanen in große Gefahr gebracht worden ist, so hatten das auch schon Drusus und Germanicus erlebt. Daß der Markomannenkrieg so lange dauerte, lag nicht daran, daß es den Römern so schwer geworden wäre, die Eindringlinge wieder über die Donau zu treiben, sondern daß die Germanen eine ungeheure Beute, namentlich an Gefangenen, gemacht hatten, die man ihnen wieder entreißen wollte. Ein Vorspiel der Zukunft bietet der Krieg nur insofern, als sich zwischendurch im Orient einmal ein Gegenkaiser aufwarf, was die Kräfte Marc Aurels an der Donau lähmte. Trotzdem kam er endlich so weit, die kecken Angreifer völlig zu besiegen, und es fehlte, wenn wir unseren Quellen trauen dürfen, nicht viel, daß die römische Reichsgrenze bis über Böhmen hinaus verschoben wurde. Da starb Marc Aurel (a. 180), und sein jugendlicher Sohn und Nachfolger Commodus war nicht der Mann, das Werk zu Ende zu führen. Die Donau blieb hier die Grenze.

Selbst die schweren Wirren und Bürgerkriege, die nach dem Untergange des Commodus das ganze römische Reich durchtobten, haben den römischen Kriegsstaat noch nicht aufgelöst. Die Severe, Septimius, Caracalla, Alexander waren noch imstande, großen Kriegsplänen und sogar Eroberungsgedanken im Orient nachzugehen. Mesopotamien ist noch wieder in ihre Hand gefallen. Der Untergang dieser Dynastie aber (a. 235) führte die Krisis herauf.

Während es bis dahin, wenn auch zuweilen unter starken Erschütterungen, noch immer gelungen war, endlich auf einige, oft auf sehr lange Zeit ein stabiles Regiment herzustellen, so gelang das jetzt nicht mehr. Die Severe hatten wohl noch eine zusammenhängende Dynastie gebildet, waren aber doch gewaltsam untergegangen. Jetzt treten wir in eine Epoche ein, wo eine friedliche[216] Kontinuation des Imperiums nicht mehr zu erreichen war; die eben erhobenen Kaiser werden binnen kürzester Frist wieder gestürzt, umgebracht, bald in dieser, bald in jener Provinz werden Gegenkaiser erhoben, die sich untereinander bekämpfen. Große Stücke des Reiches bleiben jahrelang unter den von ihnen erhobenen Herrschern selbständig.

Es ist hier nicht der Ort, die letzten Gründe dieser Abwandlung in aller Breite vorzuführen. Nur das sei ausdrücklich hervorgehoben, daß es sich keineswegs um einen fortschreitenden Fäulnisprozeß handelt. Im Gegenteil, ein wesentliches Moment ist zweifellos die fortschreitende nationale Unifizierung, die das alte, alles zusammenklammernde Übergewicht der Stadt Rom allmählich aufhob. So lange die Provinzen noch barbarisch waren, hatten sie keine Möglichkeit selbständiger Gestaltung: wohin wären sie gekommen, wenn sie sich vom Imperium losrissen? Eine derartige Bewegung, die in Gallien beim Tode Neros eingesetzt hatte, war in ihrer Ziellosigkeit wieder zusammengesunken. So hatte die Stadt Rom dem Weltreich das Gepräge und Generationen lang die Entscheidung über die Regierung gegeben. Jetzt waren nicht bloß Italien, sondern auch Afrika, Spanien, Gallien, Britannien latinisiert und voll römischer Kultur; der Orient ähnlich gräzisiert. Mehr und mehr ergänzte sich das Offizierkorps, das Beamtentum, der Ritterstand, ja sogar der Senat aus latinisierten Provinzialen.111 Aber gerade dieser Fortschritt machte es um so schwieriger, die gewaltsam zusammengeschmiedeten Landschaften von den caledonischen Bergen bis zum Tigris, von den Karpathen bis zum Atlas zusammen zuhalten. Die unterworfenen Länder und Städte fühlten sich jetzt mit Italien und Rom gleichartig und gleichwertig. Indem Caracalla allen Untertanen gleichmäßig das römische Bürgerrecht verlieh, brachte er diesen Zustand auch staatsrechtlich zum Ausdruck.

Auch wirtschaftlich war das römische Reich bis dahin ganz gewiß nicht, wie bisher noch immer hier und da gelehrt wird, im Niedergang. Alle Länder rings um das Mittelmeer bildeten[217] ein einheitliches Wirtschaftsgebiet mit einer erwerbseifrigen, betriebsamen Bevölkerung. Nur selten wurde 200 Jahre lang der innere Friede unterbrochen, und nicht bloß das ganze mittelländische, sogar das Schwarze Meer und den Ozean durchfurchten die Schiffe ungestört durch den bösen Feind des Handels, die Piraterie. Die Sklaverei ging zurück, da die auswärtigen Krieger nur noch selten Gefangene lieferten. Notgedrungen teilten die Großgrundbesitzer ihre Latifundien wieder auf in kleine Pacht- oder Kolonenstellen; statt der familienlosen Sklavenherden siedelten sich mehr und mehr Familien auf dem Lande an, die Kinder aufzogen und die Volkszahl vermehrten. Auch vornehme Familien fingen an, aus der Stadt aufs Land zu ziehen und schufen hier neue kleine Wirtschafts- und Kulturzentren. Während früher meist nur Städte mit Seeverkehr eine größere Bedeutung gehabt hatten, wuchsen jetzt auch an den Flüssen im Binnenlande vielfach solche empor. Generation auf Generation baute an einem immer enger werdenden Straßennetz. Der ungeheure Verwaltungsapparat, der das Ganze zusammenhielt, funktionierte ordnungsmäßig. Die Militärlast war, wie wir gesehen haben, nicht nur nicht hoch, sondern gering.

Fragen wir nach dem geistig-moralischen Status der römischen Bevölkerung, so wird man von einer Degeneration gewiß nicht sprechen dürfen. An die letzten großen Erscheinungen des eigentlichen Altertums, Seneca, Plinius, Tacitus und die großen Juristen schließen sich unmittelbar die großen Kirchenväter. Wir sind in der Epoche der Bildung der christlichen Kirche. Welche Fülle geistiger und moralischer Kräfte läßt dies eine Wort vor unseren Blicken aufsteigen!

Der Bürgerkrieg selbst zeigt in den Menschen nichts Greisenhaftes. Eine Reihe höchst bedeutender und tüchtiger Männer, Decius, Claudius, Aurelian, Probus, Diocletian, werden nacheinander auf den Kaiserstuhl erhoben. Rom war noch keineswegs arm an Persönlichkeiten, Staatsmännern wie Generalen. Diese Kaiser waren nicht schlechter als ihre Vorgänger.

An allen diesen Stellen sind die Gründe für den Untergang des Reiches nicht zu suchen. Weder liegt es im Wesen eines blühenden, fortschreitenden Wirtschaftslebens, plötzlich und dauernd[218] in das Gegenteil umzuschlagen, noch hat sich der Charakter des römischen Volkes aus sich heraus so sehr verändert, daß der Staat zerfiel. Es ist vielmehr eine große politische Abwandlung, die sich vollzieht und in dem stärksten Instrumente der Politik, der Armee, am stärksten zum Ausdruck kommt.

Was der römische Weltstaat in all' seiner Blüte auf keine Weise hervorzubringen vermochte, war eine gesicherte, in sich selbst ruhende Obrigkeit. Das römische Imperium hatte nicht den Charakter der modernen erblichen Dynastien; von Anfang an lag in ihm das Prinzip der Erblichkeit mit dem originären, dem Anspruch des Feldherrn, als welcher Cäsar die Herrschaft begründet hatte, in Widerstreit. Lange war es ja zweifelhaft geblieben, ob einer seiner Generale, Antonius, oder sein Blutserbe, Octavian, sein Nachfolger sein würde. Niemals ist dieser innere Zwiespalt überwunden worden und konnte nicht überwunden werden. Das Erbrecht gab unfähigen und unerträglichen Menschen das Szepter in die Hand; die Erhebung durch Volksregungen in der Hauptstadt, durch den Senat, durch die Prätorianer, durch Legionen hatte stets den Charakter der Willkür und der Usurpation. Gegen die eine Usurpation setzt sich die andere. Es ist erstaunlich genug und ein großes Zeugnis für den politischen Sinn des römischen Volkes, daß es nach dem Aussterben der julischen Dynastie noch über anderthalb Jahrhunderte hindurch gelungen ist, durch Verständigung und Kompromisse wesentlich zwischen der Armee und Senat immer wieder einen anerkannten Kaiser und eine gesicherte Ordnung zu schaffen. Indem das nun nicht mehr gelang, trat die Krisis ein, die endlich zum Untergang führte.

Der springende Punkt ist die Abwandlung in der Armee.

Die Einheit der Armee wurde ursprünglich, wie wir gesehen haben, dadurch verbürgt, daß der Kern, die Legionen, aus römischen Bürgern gebildet waren, an die sich die verschiedenen peregrinen Truppenteile angliederten. Dann war die Ergänzung der Legionen allmählich auf die Provinzen übergegangen und die Italiker reservierten sich für die Garde der Prätorianer, stellten aber, nachdem sie hier ihre Lehrjahre durchgemacht, den größten Teil der Centurionen für die Legionen, und die Legionen ließen sich das gefallen wie die Provinzen die Herrschaft Roms überhaupt, weil[219] auf dieser Herrschaft das Reich beruhte. Mochte schon unter Tiberius einmal bei einer Erhebung in Gallien darauf hingewiesen werden, daß doch im Grunde die römische Plebs unkriegerisch geworden sei und die Kraft der römischen Heere auf den Nicht-Bürgern beruhe112, der Reichsgedanke basierte doch einmal auf Rom und der politische Gedanke ist stärker als der bloß militärische. Jetzt aber hatte die generationenlange Dauer dieser Herrschaft die Provinzen selber romanisiert: der innere Grund für die Herrschaft Roms hatte aufgehört zu existieren, hatte sich selbst aufgehoben. Die Erhebung des Kaisers Septimius Severus bedeutet die Erhebung der Provinzen gegen die Herrschaft der Italiker. Der Kaiser ließ die italischen Centurionen hinrichten, hob das italische Prätorianerkorps auf und ersetzte es durch Ausgewählte aus den Legionen.

Wäre die Romanisierung der Provinzen wirklich vollkommen durchgeführt gewesen, so hätte diese Abwandlung keine Schwächung, sondern eine Stärkung der Armee bedeutet. Aber neben und unter der Romanisierung der Provinzen war doch ein gewisses Stück Barbarentum und ein gewisses Stück völkischer Besonderheit noch lebendig und brachte es mit sich, daß die Einheit der Armee sich lockerte und bei den Umwälzungen Illyrier oder Afrikern, Orientalen oder Occidentalen als solche sich geltend machten, nach der Herrschaft strebten und keinen Dauerzustand mehr aufkommen ließen.

Die Tatsache mehrfacher, schnell hintereinander folgender Thronveränderungen bedeutete von je für die Armee einen Krankheitszustand, ein hitziges Fieber, das die Kräfte eines eben noch Gesunden binnen kurzer Frist aufzehrt. Die Legionen hatten das Be wußtsein ihres Rechts, den Kaiser zu küren und dabei auch ihre Bedingungen zu machen. Die große Aufgabe der römischen Staatslenker war, trotzdem und nach jeder Erschütterung immer von neuem die Disziplin zu erhalten und herzustellen. Das war nur möglich, wenn wenigstens zwischen den einzelnen meuterischen Bewegungen längere Pausen blieben, in denen die starke Hand einer festen Autorität sich gelten machte. Das hatte man in[220] den beiden ersten Jahrhunderten immer wieder erreicht. Jetzt kam eine Zeit, wo Stoß auf Stoß folgte; die Soldaten verloren das Gefühl, von den Kaisern abhängig zu sein; die Kaiser aber waren es von ihnen. Der fortwährende Wechsel von Kaiserproklamationen und Kaisermorden, der permanente Bürgerkrieg und das Überlaufen von einem Herrn zum anderen zerstörte den Kitt, der bis dahin das feste Gemäuer der römischen Armee zusammengehalten hatte, die Disziplin, die den kriegerischen Wert dieser Legionen ausmachte. Kaiser, die es versuchten, die Disziplin aufrecht zu erhalten und wieder herzustellen, Pertinax, Posthumus, Aurelian, Probus, wurden darüber ermordet.

Der Bürgerkrieg hatte aber in Verbindung mit einem zufällig einsetzenden Naturprozeß auch noch eine wirtschaftliche Katastrophe im Gefolge, die in ihre Wirbel gerade das römische Heerwesen hineinzog und endlich verschlang. Ein wesentliches Moment für alles höhere Kulturleben ist das Edelmetall, das, zu Geld ausgeprägt, die wirtschaftlichen Kräfte des sozialen Körpers in Bewegung setzt. Die antike Kultur und der römische Staat wären nicht denkbar ohne einen großen Besitz an Gold und Silber, so wenig, wie ohne einen großen Besitz an Eisen. Im Besonderen ein großes stehendes Heer ist nur zu erhalten auf der Basis der Geldwirtschaft. Mit den Steuern, die die Binnenprovinzen zahlten, wurden die Legionen an den Grenzen erhalten, die ringsum das Reich gegen die Barbaren schützten. Nun trat im dritten Jahrhundert Mangel an Edelmetall ein. Wie das gekommen ist, ist aus den Quellen direkt nicht zu ersehen. Der natürliche Verschleiß von Edelmetall durch Abgreifen, Putzen, Verlieren, Verstecken, Feuersbrünste, Schiffbruch ist zu allen Zeiten nicht ganz gering, und Plinius berichtet, was durch Münzen, die man dort noch in unseren Tagen gefunden, bestätigt wird, daß sehr viel Gold und Silber nach Indien und China geflossen sei, mit welchen Ländern ein bedeutender, aber fast ganz passiver Handel bestand. Schon Tiberius klagt113, daß die Römer ihr Geld für Edelsteine an fremde Völker weggäben, und unter Vespasian betrug die Einfuhr aus dem Osten nicht weniger als 100 Mill. Sesterzen[221] (= 22 Mill. Mark) jährlich. In den zwei Jahrhunderten von Augustus bis Septimius Severus könnten also um die vier Milliarden Mark Edelmetall aus dem römischen Reich nach Indien und Ostasien abgeflossen sein.114 In chinesischen Chroniken soll zu lesen sein, daß ein Gesandter des Kaisers An-Tun in das himmlische Reich gekommen sei; vielleicht war es ein römischer Kaufmann unter der Regierung Antoninus Pius.

Auch in die barbarischen Länder, besonders zu den Germanen, ist als Sold und bald als Tribut viel Edelmetall geflossen, das nicht zurückkam, und mancherlei Anzeichen deuten darauf hin, daß alle diese Verluste nicht ersetzt wurden, weil die bis dahin bekannten und betriebenen Bergwerke der Mittelmeerküste für die damalige Technik erschöpft waren. Auch unsere Zeit würde ja nicht entfernt imstande sein, ihren ganzen Verkehr mit dem vorhandenen Vorrat an Metall zu bewältigen; sie hat verstanden, durch verschiedene Formen von Kreditmitteln, Papiergeld, Banknoten, Wechsel, Schecks den Metallfonds zu potenzieren. Trotzdem wären wir ohne die unerwarteten großen neuen Goldfunde in Südafrika vielleicht jetzt (ich spreche von der Zeit vor 1914) in Verlegenheit.

Ob man den Römern zutrauen will, daß sie vom Standpunkt des rein Technischen imstande gewesen wären, die modernen Umlaufsmittel zu erfinden, die das bare Geld ersetzen, bleibe dahingestellt. Wohl sollen die Karthager schon einmal ein Ledergeld gehabt haben, und bei den Römern existieren gewisse Anfänge des Bankwesens mit Zahlungs- und Anweisungsgeschäften, die unter Hadrian einer staatlichen Kontrolle unterworfen wurden.115 Aber solche Mittel und Organisationen im großen anzuwenden, die Einlösung der Kreditzeichen zu sichern, der Fälschung vorzubeugen, dazu gehören wieder technische Voraussetzungen, die das Altertum noch nicht hatte und die auch wir zu schaffen, Jahrhunderte gebraucht haben. Wie dem aber auch sei, ganz abgesehen[222] von den technischen Voraussetzungen, es fehlte die noch viel wichtigere, die unentbehrliche politische Voraussetzung brauchbaren Kreditgeldes, das sind stabile, Vertrauen genießende politische Zustände. Eben in dem Augenblick, wo die Römer diese am nötigsten gehabt hätten, gingen sie ihnen verloren. Der Kampf der Imperatoren um die Herrschaft, der zugleich der Kampf ums Leben war, verzehrte alle Kraft, und nahm alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Man wußte sich nicht anders zu helfen, als daß man die Münze fortwährend verschlechterte. Unter Augustus wurde der silberne Denar reingeprägt, unter Nero erhielt er 5 bis 10 Prozent Legierung, unter Trajan 15 Prozent, unter Marc Aurel 25 Prozent, unter Severus, ums Jahr 200, 50 Prozent; unter Gallienus, 60 Jahre später, hatte der an seine Stelle Getretene Antonianus zum Teil nur noch 5 Prozent Silber.116 Der Denar, der unter Augustus 87 Pfennige nach unserm Geld wert gewesen war, sank bis auf 11/5 Pfennig unter Diocletian. Die Goldprägung geriet schon unter Marc Aurel ins Stocken, unter Caracalla wurden die Stücke verkleinert, dann wurde die Ausbringung so unregelmäßig, daß das Gold den Charakter als Münze ganz verlor und nur nach der Wage genommen wurde.117 Alle Besitz- und Rechtsverhältnisse, die auf Geld basiert waren, waren umgestürzt und, in sich selbst aufgelöst, verflüchtigt. Die Geldnot der wechselnden Kaiser drückte, nachdem man einmal ins Gleiten gekommen war, immer weiter.118 Die Steuern gemäß den alten Sätzen und Verordnungen brachten keinen Ertrag mehr. Schon Heliogabal hatte einmal verlangt, daß sie in Gold bezahlt würden, aber auch Gold war nicht genügend vorhanden.119 Sein[223] Nachfolger Alexander Severus setzte die Steuer auf 1/3 der bisherigen Forderung herab, um sie einziehbar zu machen.120 Maximinus Thrax legte Beschlag auf alle den öffentlichen Spielen gewidmeten Einkünfte und Stiftungen, konfiszierte den Schmuck der öffentlichen Plätze, die Weihgeschenke der Tempel, nicht bloß die aus Gold oder Silber, sondern selbst die aus Bronze, um sie ausmünzen zu lassen.121 Aurelian machte einen Versuch, das Geldwesen zu ordnen, mit solcher Gewaltsamkeit, daß es darüber in Rom zu einem großen Aufstand kam; aber weder er, noch seine Nachfolger waren imstande, das Problem zu lösen.

Den Zustand des römischen Münzwesens im dritten Jahrhundert hat man noch in unserer Epoche mit Händen greifen können, wenn der Zufall einen damals vergrabenen Schatz wieder ans Licht brachte: es sind oft zu vielen Tausenden fast ganz wertlose Billion- und Scheidemünzen. Silber oder Gold, das man hätte verstecken können, war in den Schränken der römischen Bürger nicht mehr vorhanden. Auf germanischem Boden wiedergefundene Schätze aber bestehen aus den guten alten Münzen: die Barbaren wußten wirkliches Geld und Scheingeld zu unterscheiden und verlangten als Sold oder Tribut etwas Reelles.

Die Währungskatastrophe brachte das blühende Wirtschaftsleben des römischen Weltreichs zur Erstarrung; die Adern dieses Riesenkörpers wurden blutleer und trockneten aus. Im Laufe des dritten Jahrhunderts ist die Geldwirtschaft nahezu abgestorben und die Kulturwelt wieder in die Naturalwirtschaft zurückgeglitten. Man würde das falsch verstehen, wenn man Geldwirtschaft und Naturalwirtschaft als absolute Gegensätze auffaßt; das sind sie nicht, auch in der höchst entwickelten Geldwirtschaft erhalten sich gewisse Reste und Elemente der Naturalwirtschaft, und die Naturalwirtschaft, in die das wirtschaftliche Dasein der Kulturwelt im 3. Jahrhundert zurückgeglitten ist, um darin, wie man es zu[224] datieren pflegt; 11-12 Jahrhunderte zu verharren, diese Naturalwirtschaft hat des baren Geldes und seines Gebrauchs nie völlig entbehrt. Es handelt sich nur um ein so starkes Hervortreten des einen, Zurücktreten des andern Elements, daß man kurzweg a potiori die Ausdrücke Geldwirtschaft und Naturalwirtschaft gebrauchen darf.

Man wird den sich im dritten Jahrhundert vollziehenden Rücksturz der Kulturwelt aus der Geldwirtschaft in die Naturalwirtschaft leichter verstehen, wenn man sich klar macht, wie ungeheuer die Massen des Edelmetalls waren, deren der Wirtschaftskörper des römischen Reichs, um normal zu funktionieren, bedurfte. Fast die ganze Armee lag an den Grenzen. Die Steuern, die die Provinzen zahlten, wurden zum geringsten Teil in ihnen selbst verbraucht; ein Teil ging nach Rom, um dort oft lange thesauriert zu werden, der größere in die Feldlager, um als Löhnung unter die Soldaten verteilt zu werden. Nur sehr allmählich konnte dies Geld als Preis für Waren und Lieferungen wieder in die Provinzen zurückströmen. Der Verkehr vollzog sich in barem Silber und Golde. Bares Silber und Gold verlangte der Soldat als seine Löhnung, und sammelten die Kaiser in Rom in ihrem Schatz auf oder verteilten es unter die Plebs, um sie in Ruhe zu erhalten. Etwa 50 Millionen Denare mag der Jahressold der Armee (abgesehen von der Verpflegung und den sachlichen Unkosten) unter Augustus betragen haben, und der Kaiser rühmt sich im Monumentum Ancyranum, daß er im ganzen 919800000 Sesterzien (254950000 Denare = etwa 25 Mill. Mark) an die Bürger verteilt habe. Unausgesetzt müssen die fiskalischen Geldtransporte aus den Provinzen, die keine Garnison hatten, wie etwa Aquitanien, Sizilien, Griechenland, an den Rhein, an die Donau, nach Rom gegangen sein, und die Händler, die den Soldaten, dem Hof und der römischen Bürgerschaft ihre Bedürfnisse lieferten, brachten es wieder zurück. Aber bei der Langsamkeit dieser Transporte und der Abwicklung der Umsätze mußte bis in das kleinste Städtchen und das letzte Dorf, das seine Steuern zahlen sollte, ein erheblicher Fonds in barem Gelde vorrätig sein, wenn das ganze System nicht versagen sollte.

Im dritten Jahrhundert war der Vorrat so klein geworden,[225] daß es zusammenbrach. Gerade das Mittel, durch das man momentan Abhilfe geschaffen, die scheinbare Vermehrung des Umlaufs durch die Verschlechterung der Münzen, mußte die schließliche Krisis herbeiführen, da die Unsicherheit des Wertmessers sowohl die regelmäßige Verwaltung zerstörte wie den Verkehr lahm legte. Noch ehe die eigentlichen Einbrüche der Barbaren begannen, haben die römischen Untertanen in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts begonnen, wie die in unseren Jahrhunderten wieder ans Licht gekommenen Schätze dartun, ihr bares Geld vor den Steuer-Exekutoren in der Erde zu verbergen.

Mit aller Gewalt suchte Diokletian (284-305), nachdem es ihm mit hohem staatsmännischen Geschick gelungen war, wieder auf einige Zeit ein stabiles Regiment aufzurichten, auch das Währungs- und Wirtschaftssystem wieder zu ordnen. Durch ein ungeheures Preisregulativ, das in allen Städten des Reichs in Stein gehauen aufgestellt und uns dadurch in vielfachen Bruchstücken urkundlich zum großen Teil erhalten ist, suchte er das völlig verloren gegangene Gleichgewicht zwischen Geld und Ware gesetzlich zu fixieren. Aber alle Todesstrafen, die deshalb verhängt wurden, vermochten nichts gegen die Kraft der natürlichen Wirtschaftsgesetze. Im einzelnen bleibt der Forschung hier noch vieles aufzuklären, uns genügt es, die Tatsache des fortschreitenden Übergangs zur Naturalwirtschaft festzustellen.

Der Staat, in der Unmöglichkeit, bare Steuern einzuziehen, dehnte das Lieferungswesen, das von je daneben bestanden hatte, mehr und mehr aus. Die Gewerke wurden zu steten erblichen Korporationen zusammengeschlossen, um die öffentlichen Arbeiten auszuführen. Die Bäcker buken das Brot, die Schiffer verfrachteten das Getreide, die Bergleute schürften, die Schiffer fischten, die Landleute lieferten und stellten Fuhren, die Stadträte veranstalteten die öffentlichen Spiele und heizten die Bäder. Die Beamten erhielten als Gehalt bestimmte Rationen und Portionen aus den öffentlichen Magazinen, Getreide, Vieh, Salz, Öl, Kleider und in bar nur ein Taschengeld.

Wie wirkte diese wirtschaftliche Abwandlung auf den Organismus der Armee?[226]

Die erste Spur des zu Tal gehenden Weges finde ich bereits unter eben dem Kaiser, der den Thron bestiegen hatte als Führer der Provinzen gegen die Herrschaft der Italiker, Septimius Severus (193-211). Von ihm wird uns berichtet, er habe den Soldaten die Kornportion vergrößert und erlaubt, mit ihren Frauen zusammenzuwohnen. Man hat das wohl als eine bloße Gunsterweisung und Laxheit aufgefaßt, aber dieser Kaiser war ein sehr erfahrener und tüchtiger Soldat und Staatsmann, der eine so verhängnisvolle Konzession gewiß nicht machte ohne sehr starke, ja zwingende Gründe. Diese Gründe aber werden klar, wenn man die beiden Bestimmungen nicht isoliert, sondern als innerlich zusammenhängend betrachtet. Der Kaiser, unter dem bereits die Legierung des Silber-Denars bis auf 50 Prozent gekommen war, erhöhte zwar bei seinem Regierungsantritt den Sold, war aber schwerlich imstande, die Soldaten regelmäßig in Gelde zu löhnen; er vergrößerte deshalb ihre Naturalbezüge und gab ihnen die Möglichkeit, die größeren Portionen zu verwerten, indem er ihnen erlaubte, sie mit ihrer Familie zusammen zu verzehren.

Hiermit harmoniert eine jüngst aufgefundene Inschrift aus seiner Regierung, in der sich ein Soldat Pächter des Legionsackers nennt122, und von Alexander Severus hören wir bereits123, daß er bestimmte, die den Grenzsoldaten angewiesenen Äcker sollten nur dann an ihre Erben übergehen, wenn sie wieder[227] Soldaten wären. Die Legionare also, die früher, in den Lagern und Kastellen fest zusammengehalten, in steter Disziplin lebten, die vor dem Gesetz ein eheliches Weib nicht einmal haben durften, wohnten jetzt, wie es übrigens bei den ägyptischen Legionen schon längst geschehen war124, draußen verstreut mit Weib und Kind in ihren Hütten, bestellten die Äcker und kamen nur noch zeitweilig zum Dienst zusammen. Wie weit auch unter den Severen diese Entwicklung noch hintangehalten sein mag, in der auf sie folgenden Generation hat sie sich bereits definitiv durchgesetzt.

Damit ist das Wesen der römischen Legion aufgehoben.

Der Mann, der uns als der charakteristische Typus des römischen Kriegertums erschienen ist, der Centurio, verschwindet mit dem Ende des dritten Jahrhunderts aus den Inschriften; in den späteren Gesetzbüchern erscheint er als Bureaubeamter. Zu derselben Zeit verschwinden auch die Zöllner, die Steuerbeamten, und beides hängt, wie wir gesehen haben, aufs engste zusammen.125

Der Name der Legion bleibt noch lange; in dem Staatshandbuch aus dem Anfang des 5. Jahrhunderts, der Notitia dignitatum, werden, während Septimius Severus 33 Legionen hatte, deren etwa 175 gezählt, aber es sind, wie schon diese Zahl zeigt, kleine Truppenvölker ganz anderer Art. Noch immer wird, wie unter den früheren Kaisern, der Form nach ausgehoben, der Sache nach geworben, oft auch gepreßt für die Legionen. An gesunden und kräftigen jungen Leuten fehlte es in dem weiten Reiche nicht. Die Volksmenge, über die man verfügte, war weit größer, als zur Zeit des Augustus, aber der militärische Organismus, der aus den Rekruten Soldaten formiert und den Wert der alten Legionen ausgemacht hatte, war verschwunden.

Die altrömische Armee aber war, wie wir wissen, aus zwei wesentlich verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt gewesen: neben den mehr oder weniger romanisierten Legionen und den[228] sich allmählich ebenfalls romanisierenden Provinzial-Auxilien,126 deren Wert auf ihrer militärischen Disziplin beruhte, gab es die vollen Barbaren, deren militärischer Wert auf ihrer ungebrochenen Wildheit beruhte. Dieser militärische Wert wurde weder durch die zerstörte Autorität des allerhöchsten Kriegsherrn, noch durch die neuen wirtschaftlichen Zustände berührt.

Wir haben in früheren Abschnitten dieses Werkes die Frage aufgeworfen, wie sich wohl der kriegerische Wert einer römischen Legion zu dem einer ebenso großen Schar tapferer Barbaren verhalten habe, und sind zu dem Ergebnis gekommen, daß die römische Zucht zu viel mehr als etwa dem gleichen Wert es doch nicht zu bringen vermochte. Die Überlegenheit der römischen Heere war viel mehr strategischer als taktischer Natur: daß ihre Feldherren fähig waren, an der entscheidenden Stelle die numerische Überlegenheit zu entwickeln. Wenn nun das von den bestdisziplinierten römischen Legionen gilt, so ist klar, daß mangelhaft disziplinierte gegen Barbaren nicht bestehen konnten. Aus Cäsars Erzählungen ist bekannt, und er selber weist immer wieder darauf hin, welch' ein Unterschied zwischen alten und neuen Truppen sei. Die römischen Legionare seit den Severen, die als Bauern lebten und nur zum Dienst zusammengerufen wurden, schlugen sich wohl noch, aber es waren nicht mehr die Legionen des Germanicus und Trajan. Auch die römischen Legionen vor Cäsar waren immer nur für den Krieg zusammenberufen worden, aber sie hatten sich auch sehr oft nicht bewährt und hatten sich erst im Kriege selbst wieder gestählt: beim ersten Zusammentreffen mit den Cimbern und Tuetonen war es ihnen schlecht genug ergangen, und wir wissen, mit welcher Furcht sie gegen Ariovist auszogen. Erst indem sie zu vollen Berufssoldaten geworden[229] waren, hatten sie ihre volle Leistungsfähigkeit entwickelt. Indem sie jetzt diese Eigenschaft wieder abstreiften und wieder mehr den Miliz-Charakter annahmen, verschob sich das Wertverhältnis nicht nur dem Feinde gegenüber, sondern auch innerhalb des kaiserlichen Heeres selbst, den barbarischen Hilfstruppen gegenüber, um so mehr, als diese durch den römischen Dienst und durch die Ausstattung mit römischen Schutz- wie Trutzwaffen ihren natürlichen Wert noch gesteigert hatten: nicht mehr die Legionen, sondern die Barbaren, also namentlich die Germanen waren jetzt der beste Teil der Armee, und mit reißender Schnelligkeit überflutete dieser Strom das ganze römische Heerwesen. Denn in den Bürgerkriegen, die nunmehr die römischen Imperatoren untereinander führten, hatte derjenige die größte Aussicht zu siegen, den Thron zu behaupten und das eigene Leben zu retten, der die meisten Barbaren in die Schlacht zu führen vermochte. Wetteifernd nahmen die Kaiser nicht nur einzelne Reisläufer, sondern ganze Völkerschaften in ihren Dienst, rüsteten sie aus und führten sie bis in das Herz des römischen Reiches, um mit ihrer Hilfe den Thron zu erobern oder zu verteidigen.

Im 4. Jahrhundert bietet das römische Heer einen von dem früher entworfenen Bilde ganz verschiedenen Anblick. Es scheint, daß Diokletian die durch die Naturkraft der veränderten Umstände heraufgeführte Abwandlung in ein System gebracht und Constantin die neue Ordnung vollendet habe. Die Truppe zerfällt jetzt in vier besondere Gruppen, die palatini, comitatenses, pseudocomitatenses, limitanei. Die alte Leibgarde der Prätorianer, die sich aus Italikern rekrutierte, hatte bereits Septimius Severus aufgehoben und an ihre Stelle ein neues Gardekorps gesetzt, für das die Legionen die Mannschaft abgaben, so daß die Versetzung in diese Garde für den gutgedienten Mann in der Provinz-Legion eine Belohnung bildete. Eine eigentliche miltärische Bedeutung hatte diese Reform nicht gehabt; sie ist nur politisch wichtig als Symptom für das Schwinden der alten Herrschaftsstellung Roms und Italiens über den Provinzen.127 Finden wir jetzt palatini genannte Truppen, so ist das nichts wesentlich anderes, als die Garde ehemals.[230] Neben dieser Garde aber gibt es jetzt besondere Truppen, die comitatenses genannt werden, weil sie den Kaiser zu begleiten pflegen. Das ist insofern eine Neuerung, als, wie wir wissen, in der älteren Zeit fast die ganze Armee an den Grenzen stand. Die Kaiser konnten aber jetzt größere Truppenkorps, die ihnen unmittelbar zur Hand waren, nicht mehr entbehren, wenn sie auch darüber, was ihnen die Schriftsteller zum Vorwurf machen, die Grenzen entblößten und den Einfällen der Barbaren preisgaben.

Freilich standen auch an den Grenzen noch Truppen, die limitanei oder riparienses genannt. Aber der Schutz, den diese gewähren konnten, war gering, denn sie sind nicht disziplinierte Korps, sondern in dem Sinn, wie wir das Wort heute gebrauchen, Grenzer, Bauern, denen die Verpflichtung des Kriegsdienstes zum Zwecke der Grenzhut auferlegt ist. Wir haben oben schon gesehen, wie wenig, germanischen Kriegern gegenüber, von solchen Milizen zu erwarten ist – so wenig, daß eben hierin die Erklärung für die vierte Truppenart, die pseudocomitatenses, zu finden sein wird. Da die limitanei allein wohl nur gegen Räuberhand etwas leisten konnten, so werden immerhin auch einige geschlossene Truppenteile an der Grenze stationiert geblieben sein, denen man, da sie den Kaiser zwar nicht begleiteten, aber eine ähnliche Organisation hatten wie die comitatenses, jenen wunderlichen Namen gab.

Die Auflösung der Armee in diese verschiedenartigen Truppenteile gibt die Erklärung für die ungeheure Vermehrung der Legionenzahl. Die alten Legionen waren aufgelöst; ein Teil der Mannschaften war in der Gegend der alten Garnison angesiedelt als limitanei, anderen hielten noch zusammen als pseudocomitatenses, noch andere waren übergegangen in die comitatenses oder palatini: alle die Bruchstücke und Neu- Organisationen führten den Namen Legion weiter; vorwiegend wird aber jetzt als Bezeichnung eines Truppenkörpers, besonders des Feldheeres, der einfache Namen »numerus«, »Anzahl« gebraucht.

Könnten wir uns vorstellen, daß in den Gruppen der palatini, comitatenses und pseudocomitatenses, oder auch nur in den beiden erstgenannten Gruppen die alte römische Disziplin noch[231] fortgelebt hätte, und wäre es außerdem richtig, daß das römische Heer im ganzen numerisch sehr verstärkt worden war, so würde die neue Gestalt, in der es uns entgegentritt, keineswegs als eine Verschlechterung erscheinen. Man würde dann sagen können, daß die alten Prätorianer in den palatini, die Legionen in den comitatenses fortleben und dieses Berufs- und Feldheer durch die Grenzmiliz der limitanei ergänzt und verstärkt worden sei.

So ist es aber nicht gewesen. Die Gesamtzahl des römischen Heeresaufgebots, namentlich wenn wir die nur noch halbe Soldatenqualität der limitanei in Betracht ziehen, ist eher noch vermindert, als vermehrt worden, und die »Legion« genannten Truppenteile haben wir uns nicht mehr als die scharfexerzierten und disziplinierten Legionare der klassischen Zeit, sondern als mehr oder weniger geübte und brauchbare Söldnerhaufen vorzustellen. Je mehr Barbaren unter ihnen sind, desto besser ist es. Vom Kaiser Probus wird erzählt, er habe 16000 germanische Rekruten unter die Legionen verteilt, damit man sich wohl der barbarischen Kraft bediene, aber nicht zu sehr offenbar werde, durch wen man siege. Die Naturkraft sollte ersetzen, was die Disziplin nicht mehr vermochte.

Mit der römischen Disziplin war auch die eigentümliche römische Fechtweise, die kunstvolle Verbindung des Pilenwurfs mit dem Schwertkampf, der nur mit einer sehr gut eingeübten Truppe möglich ist, verloren gegangen.128

Auch die Römer wandten jetzt als Kampfesform den Germanischen Gevierthaufen, den Eberkopf, an.

Die barbarischen Auxilien, die ehedem eine Hilfskraft im römischen Heerwerfen gebildet hatten, bilden jetzt das Knochengerüst und die Kraft. Auch in der Rangordnung wird der Grundsatz erkennbar. Je barbarischer, desto vornehmer, je römischer, desto geringer. An den Weihinschriften kann man beobachten, wie[232] seit der Mitte des dritten Jahrhunderts der Dienst des Mars und des Herkules vordringt und die kapitolinischen Götter zurücktreten. Herkules ist der Gott der Germanen Donar.129

Die römischen Heerführer waren ehedem die Senatoren gewesen. Noch die ersten Jahrhunderte des Kaisertums hindurch haben wir die eigentümliche Erscheinung, daß, während die Armee im strengsten Sinne des Wortes aus Berufssoldaten besteht, gerade die höchsten Anführer den Charakter als Beamte behalten. Jetzt ist der Legat mit Senatorenrang verschwunden, ein bloßer Soldat ist Kommandeur der Legion, und bald ist er nicht mehr Römer, sondern Germane.130 Notwendig scheidet sich nunmehr, was bisher nicht der Fall war, das Zivilbeamtentum vom Offizierkorps bis in die höchsten Spitzen. Man hat das bisher wohl aufgefaßt als einen von dem Kaiser Gallienus beabsichtigten Schachzug gegen den Senat; man muß es aber umkehren: es handelt sich weniger um eine Minderung der Funktionen der Senatoren, als um die Erhaltung des bürgerlichen Staates in den Händen der Römer, da die Truppenführung in die Hände der Barbaren hinüberzugleiten beginnt.

Das Heer des römischen Staates wird germanisch. Die römischen Legionen sind von den Barbaren nicht endlich besiegt und überwunden, sondern sie sind durch die Söhne des Nordens ersetzt worden. Diese Tatsache und ihre Erkenntnis öffnet das Tor, durch das man eintritt in die Epoche der Weltgeschichte, die wir die Völkerwanderung nennen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1921, Teil 2, S. 215-233.
Lizenz:

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon