Anhang über das Werk des Generals Köhler.

[677] Das Buch, mit dem ich mich in diesem Bande am meisten habe auseinandersetzen müssen, ist das große Werk des GENERALS KÖHLER,634 und[677] es ist daher wohl angezeigt, daß ich mich schließlich noch im Zusammenhang darüber ausspreche.

Der Verfasser hat, nachdem er 41 Jahre als Artillerist im praktischen Dienst gestanden, das Studium der Kriegsgeschichte des Mittelalters ergriffen und mit eisernem Fleiß das ungeheure Material der Urquellen in den verschiedensten Sprachen wie der modernen Literatur darüber bewältigt. Er weiß, was die historische Methode verlangt und entwickelt in seiner Vorrede (ebenso zum dritten Bande S. XIV) durchaus richtige Grundsätze und Anschauungen über die Bedeutung und Behandlung der Kriegsgeschichte; namentlich betont er, daß nicht bloß der Historiker einer besonderen Vorbildung für die Behandlung der kriegsgeschichtlichen Vorgänge bedürfe, sondern daß auch der Militär noch keineswegs vermöge seiner Kenntnis des modernen Kriegswesens qualifiziert sei, vergangene Epochen des Kriegswesens richtig zu behandeln und zu beurteilen; er führt dazu eine Reihe von recht respektabeln Namen an, von Militärs, die ohne die rechte historische Anschauung an solche Aufgaben herangetreten und dabei nach Köhlers unzweifelhaft richtigem Urteil gescheitert sind. Er verfällt auch nicht, was ihm besonders anzurechnen ist, in den naheliegenden Fehler, den Wert der Kriegsgeschichte für den Soldaten zu überschätzen, sagt sogar rundweg (Bd. I S. XXXI), sie trage zur praktischen Durchbildung des jungen Offiziers nichts bei.

Aber so glücklich die Kombination von militärischer Erfahrung, profunder Gelehrsamkeit und energischem Streben zu geistiger Erfassung zu sein scheint, zu der Einheitlichkeit der Eigenschaften, die die Voraussetzung der wissenschaftlichen Fruchtbarkeit ist, ist er nicht gelangt. bei der Schlacht von Cortenuova (I 212) passiert es ihm, daß er »cum ad rem ventum est, neutrum eligerung« übersetzt, »daß die Schlacht unter gleichen Verhältnissen, selbst in bezug auf den Wind stattfinden sollte«, so daß man zweifeln möchte, ob er überhaupt Latein verstehe. Aber es handelt sich hier doch nur um eine momentane Unaufmerksamkeit, nur sehr selten findet man noch einen kleinen Übersetzungsfehler, der reichlich dadurch aufgewogen wird, daß derselbe Autor die Lesart einer lateinischen Urkunde, des Weißenburger Dienstrechtes, in evidenter Weise zu verbessern vermochte. An dem äußeren Rüstzeug hat es also tatsächlich nicht gefehlt, aber die Kraft weder der Kritik noch der Anschauung reichte aus. Auch WAITZ hatte keine Anschauung, aber er hat durch die Energie der Kritik doch Großes geleistet; JÄHNS hatte im Grunde von beidem, sowohl von Kritik wie Anschauung, nur wenig, ich möchte sagen, nur stellenweise, aber er hat durch unermüdlichen Fleiß, übersichtliche Anordnung und vortreffliche Darstellungsgabe sowohl in seinem »Handbuch einer Geschichte des Kriegswesens von der Urzeit bis zur Renaissance«, wie in seiner »Geschichte der Kriegswissenschaften« so erfreuliche wie nützliche Werke geschaffen. KÖHLER steckte sich ein höheres Ziel, ist aber dabei, da seine Kräfte dazu nicht ausreichten, in der Hauptsache gescheitert.[678] Wohl hat er, wie das gar nicht anders sein konnte, in manchen Einzelheiten richtig gesehen. Seine Bemerkungen über das Bogenschießen (II, 367. III, Vorbem.) sind vortrefflich; seine Schilderung des Tannenberger Terrains ist mustergültig; seine Ansichten über das bewaffnete Gefolge der Ritter haben den Wert einer Entdeckung, seine scharfe Ablehnung des Werkes von Delpech635 war gerechtfertigt, und so könnte man noch manches anführen. Aber über solche Einzelheiten geht das Lobenswerte und Verdienstliche in dem Buche leider nicht hinaus. Schon die Grundlage des Werkes ist verkehrt.

KÖHLER sagt (Bd. I, S. XXXIII), der Anfang seines Werkes sei gegeben »durch die völlige Umgestaltung des Kriegswesens, welche durch die Einführung des Lehnswesens erfolgte, die sich um die Mitte des 11. Jahrhunderts, wo dasselbe zu einem gewissen Abschluß gekommen war, von der früheren Zeit abhob.« Um die Mitte des 11. Jahrhunderts ist aber gar nichts zum Abschluß gekommen. Die Schaffung einer Kriegsverfassung durch die Feudalität kam zum Abschluß im 9. Jahrhundert, und die Abschließung des so gebildeten Kriegertums zu einem Geburtsstande vollendete sich im 12. Jahrhundert, nachdem sie im 11. schon sehr weit gediehen war.

Der falsche Ausgangspunkt wurde Veranlassung zu den ungeheuerlichsten Verknüpfungen. Waffen und Kriegswesen der germanisch-romanischen Völker sollen aus Byzanz stammen. »Das ripuarische Gesetz kennt als Waffen nur noch das Schwert, den Spieß und den Schild. Das sind die damals üblichen byzantinischen Waffen.« (III, 1, S. IV; III, 1, S. 8.) »Das Abendland verdankt den Standpunkt, auf dem sich im 13. Jahrhundert seine Kriegskunst befand, doch nur dem achthundertjährigen Kontakt mit Byzanz.« (III, S. I.) »Nicht nur, daß das Mittelalter die Grundsätze der Gefechtsführung der römischen Legionen, wie sie in Byzanz auf das Gefecht der Reiterei übertragen worden waren, angenommen hat, es hat sich selbst fortgebildet und im wesentlichen die Gefechtsmethoden geschaffen, die noch heute die herrschenden sind.« (III, 3, S. I.)

Der Mangel an historischem Instinkt, der sich in diesen Bemerkungen zeigt, erscheint nun auch fortwährend im einzelnen, in wunderlichem Widerspruch mit der kritischen Methode, zu der der Autor sich theoretisch mit guter Einsicht bekennt.

Im Jahre 1302 läßt er, weil eine Quelle es so erzählt, die Vlamen aufgestellt sein in Form eines Schildes, die Spitze nach vorn und die Einzelnen aneinandergebunden, so daß man nicht einbrechen konnte (III, 2, 261). Auch bei Falkirk läßt er die Schotten aneinandergebunden sein[679] (III, 2, 264). Bei Nikopolis sind die tapferen französischen Ritter über das türkische Gros so erschrocken, daß sie unfähig sind, auch nur die Schwerter zu ziehen (II, 650). Auch bei Azincourt läßt sich die französische Ritterschaft fast ohne Gegenwehr abschlachten (II; 771).

III, 2, 266 läßt KÖHLER Richard Löwenherz mit 80 Rittern und 400 Armbrustern einem Heere von 20000 Reitern unter Saladins eigner Führung widerstehen. Das Gefecht dauerte von morgens bis nachmittags 3 Uhr, wo Richard selbst zum Angriff überging.

KÖHLER sieht die Wagenburg als eine Deckung während des Marschierens an (III, 3, 384).

»Die Freiheit«, hören wir III, 3, 382, »sind die Vorgänger der Landsknechte, konnten aber damals zu keiner Orsanisation gelangen, weil sie nach dem Kriege vertilgt wurden.« Man fragt, weshalb die starken Männer, die die Freiheit nach dem Kriege vertilgten, nicht lieber schon den Krieg ohne sie geführt haben, und auch die Anerkennung wird uns nicht über diese Frage hinweghelfen: »Herzog Ruprecht der Jüngere ließ 60 dieser ›mutwilligen Knechte des Blutharstes‹ 1386 in einen Ziegelofen werfen und verbrennen«. Königshoven 845. »Nach den Bischofskriegen der Straßburger 1393 wurde förmlich Jagd auf sie gemacht. Königshoven 691.«

Die Genesis aller dieser Widersprüche ist klar und lehrreich. KÖHLER macht denselben Fehler, den auch unsere Philologen bei der Behandlung der alten Geschichte so häufig machen: er ist zu abhängig von der einzelnen zufällig erhaltenen, zufällig so oder so gefärbten Quellenaussage. Bliebe des dabei, so könnte sein Buch immer noch eine gut geordnete und sehr brauchbare Registratur abgeben. Da er aber nun gleichzeitig die Quellen in, wie er meint, sachkritischer, tatsächlich aber höchst willkürlicher und phantastischer Weise auslegt und ausbaut, so ist das Ergebnis, wie wir es immer wieder gesehen haben.

Seine Schlachtdarstellungen und Analysen, auf die sich jede Geschichte der Kriegskunst aufbauen muß, haben wir bei quellenmäßiger Nachprüfung allenthalben verwerfen müssen. Sie haben sich oft als reine Phantasiebilder erwiesen; es ist nicht nötig, das hier zu wiederholen. Am meisten Schaden hat er angerichtet dadurch, daß, gestützt auf seine Autorität, neben der von JÄHNS, gegen RÜSTOW und BÜRKLI, die neueren Schweizer Forscher wieder die unsinnige Vorstellung von der Schlachtordnung im Dreieck aufgenommen haben. Namentlich W. ÖCHSLI hat in einem eigenen Aufsatz in der »Schweizerischen Monatsschrift für Offiziere aller Waffen« (1902) den »Spitz« als Dreieck quellenmäßig zu verteidigen gesucht. Ich wiederhole deshalb noch einmal kurz, was darüber zu sagen ist. Zu unterscheiden ist zunächst zwischen Fußvolk und Reitern. Reiter können überhaupt keine tiefe Kampfesform haben; die »Spitze«, die von ihnen berichtet werden, sind nicht Kampfes-, sondern Annäherungsformen und sind als solche eine ausgetiftelte Überfeinheit[680] ohne praktischen Wert, die zuweilen Mode war (vgl. oben S. 300). Anders das Fußvolk. Hier hat die tiefe Aufstellung den Wert, daß die hinteren Glieder die vorderen vorwärts drücken, was bei Reitern nicht geschieht. Ist nun ein Haufen sehr tief (und auch das Mannsquadrat ist viel tiefer als breit, wegen des größeren Abstandes vom Vorder- als vom Nebenmann), so macht es sich sehr leicht, daß entweder die beiden vorderen Ecken etwas zurückbleiben oder die hintersten im Eifer überquellen, oder auch beides zugleich, so daß der Gevierthaufen beim Zusammenstoß in der Tat eine dem Dreieck ähnliche Form annimmt. Das kann sogar mit der Linie vorkommen, wovon Friedrich der Große aus der Schlacht bei Fontenay, 1745, ein Beispiel erzählt (Hist. de mon temps II, 355). Auch von englischen Karrees in der Schlacht bei Belle-Alliance wird es berichtet. Diese Deformation erscheint zuweilen, wenn auch sehr selten, in mittelalterlichen Schlachtberichten als beabsichtigt,636 und jene Theoretiker, deren Wirklichkeitssinn wir kennen gelernt haben, von Vegez an, kommen immer wieder mit dem Bilde, daß man mit einer solchen Spitze den Feind »zerteilen« könne. Das ist aber unmöglich. Denn, um den feindlichen Haufen zu zerteilen, müßte der Mann an der Spitze des Dreiecks zuerst den Mann, auf den er stößt, überwinden. Das kann er aber nicht, auch wenn er ihm persönlich sehr überlegen sein sollte, weil er während des Kampfes auch von den beiden Nebenmännern seines Widerparts, die niemand direkt gegen sich haben, angegriffen werden wird, und auch der stärkste Mann nicht gegen drei bestehen kann. Auch wenn im ersten Gliede des Dreiecks nicht einer, sondern mehrere stehen, würde es nicht anders sein: immer würden die Äußersten umfaßt werden. Erst wenn die Spitze des Keils eine gewisse Breite hat, also wenn er nicht ein Dreieck, sondern ein Viereck darstellt, wird dieser Nachteil so geringfügig, daß er schwindet. (Vgl. Bd. II, S. 43, S. 399).

Die Worte »Spitz« und »cuneus« beweisen für eine dreieckige Anordnung gar nichts. »Spitz« wird, wo wir Berichte in zwei Sprachen haben, ein fach mit acies übersetzt, und cuneus ist schon bei Livius ein[681] Ausdruck für die Phalanx, wird in althochdeutschen Glossen mit »folch« oder »heriganoscaf« (wie multitudo), im deutschen Vegez von Ludwig Hohenwang (gedruckt etwa 1475) »ain besamelte mengin der ritter« übersetzt, und Schlachtlieder gebrauchen den Ausdruck637 »ordenten ihr Heer in spitz und ordnung wie ein mur«.

Auf derselben Höhe mit der Dreiecksordnung steht KÖHLERS Vorstellung von den drei Treffen der Ritterschaft. Man bedenke: jedes dieser Treffen besteht wieder aus »Keilen«, d.h. 20-30 Pferde tiefen Kolonnen, und das sollen nicht Marsch-, sondern Kampfesformationen sein! Die einzigen Kämpfer, die bei solcher Kampfesordnung in der Lage sind, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, sind die des ersten Gliedes des ersten Treffens; das wäre also ein Sechzigstel oder Neunzigstel der Armee, und das bei Reitern, wo die hinteren Glieder nicht einmal imstande sind, die vorderen vorwärts zu drücken, und die natürliche Schwäche der Flanken noch viel größer ist als beim Fußvolk! Kein Wunder, daß ein Autor mit dergleichen Vorstellungen an die Aufstellung der Spanier glaubt, bei der den Soldaten die Füße zusammengebunden werden.

Den Beschluß dieser Offenbarungen mögen die »runden« Phalangen der Germanen machen, von denen uns Cäsar berichtet, und in der die Allemannen bei Straßburg gefochten haben sollen (III, 2, 233, 235; III, 3, 136).

Auch die Sachsen in der Schlacht an der Unstrut, 1075, sollen sich zu einem Kreise zusammengeschlossen haben, »der aber nach tapferer Gegenwehr den wiederholten Anfällen des kaiserlichen Heeres erlag« (Bd. III, 2, 257). Die Stelle, die dafür zitiert wird, lautet bei LAMBERT, S. 184 (M. G. SS. V, 227): »vix tandem ex illa trepidatione resumpto spiritu cum in globum densissimum tumultuaria se statione stipassent, non expectato signo, ut consuetudo est pugnaturis«, – so weit geht das KÖHLERsche Zitat; LAMBERT aber fährt fort: »equis subdant calcaria ut summo nisu praecipites feruntur in adversarios«.

Nach allem hat KÖHLER nicht den Anspruch, als eine Autorität auf dem Gebiete der Geschichte des Kriegswesens anerkannt zu werden und hatte nicht das Recht, Forscher wie RÜSTOW, OMAN, BÜRKLI, BALTZER in grobem Ton von oben herab zu behandeln.[682]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 677-683.
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