Neuntes Kapitel.

Abschluß.

[683] An die Stelle der disziplinierten Legionen des Altertums war im Mittelalter ein Kriegertum getreten, das ganz auf der persönlichen Tapferkeit und Tüchtigkeit des Einzelnen beruhte. Gleichzeitig mit der Auflösung der taktischen Körper des Altertums verschwanden auch die Waffengattungen in ihrer Besonderheit und Gegensätzlichkeit und gingen in einander über. Der Qualitäts- und Einzelkrieger ficht zu Pferd oder zu Fuß, gebraucht Spieß, Schwert und Bogen abwechselnd und nach Umständen. Die Waffengattungen, die sich dann im Mittelalter allmählich neu bilden, entstehen durch Differenzierung. Als Krone des Einzel-Kriegertums entsteht auf der einen Seite der ganz schwer gepanzerte Ritter auf gepanzertem Pferde und auf der anderen, wegen der Einseitigkeit und Unbehilflichkeit dieser Waffe, allerlei Nebenwaffen, zu Pferd und zu Fuß, die über die Rolle bloßer Helfer nicht hinauskommen und Selbständigkeit nicht entwickeln.

Insbesondere die Spießknechte zu Fuß nehmen es im freien Felde mit den Rittern nicht auf; sie würden von ihnen im Anlauf, nötigenfalls unter Mitwirkung von Schützen, auseinandergesprengt werden und entbehren der Offensivkraft, und auch die Schützen sind allein einem Ritterangriff im freien Felde nicht gewachsen.

Diese Ritter und dieses Fußvolk sind nicht das, was wir Kavallerie und Infanterie nennen. Trotz sehr ähnlicher Bewaffnung sind sie doch dem Geiste, dem Handeln, dem Begriffe nach etwas Grundverschiedenes.[683]

Bleiben wir zunächst bei dem Fußvolk mit blanker Waffe. Der Unterschied eines Haufens mittelalterlicher Spießknechte von einer Phalanx, Legion oder Cohorte ist, daß er keinen taktischen Körper bildet, d.h. eine Form, in der eine Vielheit von Kriegern zu einem einheitlichen Willen zusammengefaßt ist. Erst ein in dieser Art organisiertes Fußvolk ist mit Infanterie zu bezeichnen. Die Probe ist der Kampf gegen Reiter im freien Felde.

Mit Hilfe der Wagenburg gelingt es den Hussiten, sich mit dem Fußvolk gegen Ritterheere zu behaupten. Aber es ist nur eine Episode. Die Wagenburg ist ein viel zu schwerfälliges Instrument, um den Bedürfnissen der Kriegführung im großen zu folgen. Irgend eine dauernde Nachwirkung hat das hussitische Kriegswesen nicht gehabt.

Eine wirkliche Infanterie wird erst wieder ausgebildet bei den Schweizern. Mit den Schlachten von Laupen und Sempach, Granson, Murten und Nancy haben wir wieder ein Fußvolk vergleichbar der Phalanx und den Legionen.

Eine Reihe von Momenten kommen zusammen, um in diesem Teil der deutschen Alpenlandschaften die neue Kunst und Kraft erstehen zu lassen. Gebirgsland ist an sich der Erhaltung kriegerischer Urkraft günstig. Die Auflösung des Herzogtums Schwaben mit dem Untergang ihres Herzogsgeschlechts, der Staufer, und das Aussterben des großen Zähringischen Hauses ließen hier die zahllosen kleinen reichsunmittelbaren Gebiete entstehen, die, wie einst die kleinen griechischen Kantone, in fortwährenden Kämpfen mit einander, ihre kriegerische Kraft anspannten und übten. Die Natur des Gebirgslandes gab auch Bauer- und Bürgergemeinden die Möglichkeit, sich vermöge geschickter Benutzung des Terrains von je mit ritterlichen Heeren zu messen und sie zu besiegen.

In diesen Kämpfen bildeten sie die passenden Waffen und die passenden Kampfesformen aus, erst das Steinwerfen und die Hellebarde, dann den langen Spieß, den mehrere Glieder hintereinander vorstrecken und so den Einbruch der Ritter abwehren konnten. Man hat darüber gestritten, wann der lange Spieß aufgekommen sei, und die Erfindung auch den Schweizern absprechen wollen; es sei keine Bauern-, sondern eine Städter-Waffe. Die Frage ist nicht so direkt zu entscheiden und auch nicht so sehr[684] wichtig. Lange Spieße werden schon unter den Waffen der Urgermanen genannt (Tacitus, Annalen II, 14; vgl. Bd. II, S. 41) dann wieder bei den Quaden und Sarmaten (Ammian SVII, 12) bei den Sachsen (Widukind I, 9; Cosmas IV, 27) und in Italien (Annal. Januenses z.J. 1240.638) Einzelne mögen zu allen Zeiten ihre Spieße länger gewählt haben, um sich damit den Feind vom Leibe zu halten, andere kürzer, um damit besser hantieren zu können. Der sehr lange, über 20 Fuß lange Spieß ist sehr unbequem zu tragen und zu nichts Anderem als zum Kampf im geschlossenen Haufen zu verwenden, namentlich auch nicht zur Jagd. Die Angriffe schwerer Ritter abzuwehen, vermag man auch mit zehn und zwölf Fuß langen Spießen, wenn der Haufen nur fest geschlossen bleibt, und es ist daher nicht nötig, anzunehmen, daß die Schweizer Bauernschaften schon bei oder vor Morgarten die Langspieße angewandt haben. Erst als diese Kämpfe sich wiederholten und man sich klar machte, von welcher entscheidenden Wichtigkeit es sei, die Reiter abwehren zu können, könnte man dazu übergegangen sein, in die äußeren Glieder des Gevierthaufens Männer mit möglichst langen Spießen zu stellen. Die Erfahrung von Laupen war wohl geeignet, den Gedanken zu erzeugen, daß man in Zukunft sich mit verlängerten Spießen noch besser behaupten werde. Ob sie aber bei Sempach gebraucht wurden, ist weder aus dem Gange des Gefechts noch aus den Quellen zu ersehen, und neuerdings ist die Vermutung ausgesprochen worden, daß man erst nach den Burgunderkriegen zu den ganz langen Spießen übergegangen sei.

Weder zur Hellebarde noch zum Langspieß paßt der Schild, da die eine wie die andere Waffe mit beiden Händen geführt wird. Die Hellebardierer tragen auch keine Panzer. Sie sind dadurch geschützt, daß sie die inneren Glieder und Rotten des Gevierthaufens bilden. Erst wenn der geschlossene Haufe den »Druck gewonnen«, den Feind geworfen hat, sich nun auflöst, und das Nachhauen[685] beginnt, setzt die Arbeit der Hellebardierer ein, die keiner wesentlichen Schutzwaffen bedürfen, da die eigentliche Kampfkraft des Feindes bereits gebrochen ist. Die Spießer aber, die die äußeren Reihen des Gevierthaufens bilden, um die Ritterschaft abzuwehren und sie im Vorrücken zurückzudrängen, sind auch mit Panzer und Helm versehen, um nicht nur gegen die Lanze und das Schwert des Ritters, sondern auch gegen die Pfeile, Bolzen und Kugeln der feindlichen Schützen einen Schutz zu haben. Spieß und Panzer gehören so sehr zusammen, daß der Spieß neben dem Harnisch gar nicht besonders genannt, sondern als selbstverständlich vorausgesetzt wird.639

Die Schützen gehen neben dem Haufen her und schwärmen aus und drücken sich in den Haufen hinein, wenn sie gedrängt werden.

Je größer ein geschlossener Haufe ist, desto weniger leicht kann er durch Reiter gesprengt werden und desto stärker drückt er selber vorwärts. Alle Mannschaften in einen Haufen zu stellen, ist aber doch nicht geraten, weil ein solcher Haufen durch einen Angriff von zwei Seiten, wie es den Waldstättern bei Laupen geschah, gar leicht gestellt werden kann und hilflos wird. So bildeten die Schweizer die Methode aus, sich jedesmal, ob nun das Heer schwächer oder stärker war, in drei große Haufen zu formieren, die sich gegenseitig sekundieren konnten. Diese drei Haufen standen weder direkt neben- noch hintereinander, sondern staffelförmig, sodaß sie sich gegenseitig nicht behinderten, und der rückwärtige, etwas später ins Gefecht eingreifend als der andere, bis zuletzt eine gewisse Freiheit der Bewegung behielt. Auch ein sehr großer Gevierthaufe, etwa 10000 Mann, hat bei der Schmalheit der Front, nur 100 Mann, eine große Leichtigkeit der Bewegung. Sicher nachweisbar ist diese Formation in drei Haufen erst im 15. Jahrhundert; bei Morgarten und Sempach treten beim Gefecht in deutliche[686] Erscheinung nur zwei Haufen, der eine, der sich defensiv verhält, der andere, der den Flanken-Angriff macht. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß auch ein dritter Haufe vorhanden war, und da er bei Laupen tatsächlich erscheint, so werden wir diese Einteilung wohl überhaupt schon im 14. Jahrhundert anzunehmen haben.

Im Besitz der geeigneten Waffen, der passendsten Kampfesformen, erfahrener Führer, die den Vorteil des Berglandes auszunutzen verstanden, erfüllte sich die Bauer- und Bürgerschaft mit einem Geist der Zuversicht, der das ganze Volk in eine Kriegerschaft verwandelte.

Der schweizerische Patriotismus reißt sich auch heute noch schwer los, nicht nur von der Tell- und Winkelried-Sage, sondern auch von der Vorstellung, daß die Urväter ein unschuldiges Volk frommer Hirten gewesen seien, das nur kriegerisch wurde, indem es seine Freiheit gegen fremde Tyrannen, erst die Habsburger, dann den Burgunder-Herzog, verteidigte, die unermeßliche Scharen gegen das kleine Völkchen heranführten. Aller historischer Zusammenhang wird durch diese Vorstellungen aufgehoben, und jede Möglichkeit des Verständnisses erdrückt. Die volkstümliche Auffassung kann allerdings nicht wohl anders als mit solchen Bildern arbeiten: das haben wir schon an den Griechen gesehen, die den Ruhm ihrer Perserkriege auch nicht anders als durch den Sieg einer kleinen Minderzahl über eine unermeßliche Überlegenheit auszudrücken wußten. Hier wie dort muß die Wissenschaft derartige Vorstellungen korrigieren, nimmt aber dadurch den Großtaten der Völker nichts von ihrem Ruhmeswert, sondern verlegt ihn nur in eine andere Sphäre.

Das Kriegertum der Schweizer hat denselben räuberischen und gewalttätig-grausamen Zug, wie bei den Germanen der Urzeit, und die Schweizer Gemeinden, sobald einmal der Erfolg den Massen das Selbstvertrauen eingeflößt hatte, und in ihrer unmittelbarsten Nähe, wo die Verpflegung keine Schwierigkeit machte, konnten auch gegen das stärkste mittelalterliche Heer noch überlegene Zahlen ins Feld führen; denn ritterliche Heere, auch mit ihren Knechten und Söldnern, sind ihrer Natur nach immer klein. Von Morgarten bis Nancy sind die eidgenössischen Heere ihren Gegnern stets erheblich,[687] wohl bis zum Doppelten überlegen gewesen. Erst hierdurch entwickeln sie ihre ganze ungeheure Gewalt: die einzelnen Elemente ihrer Kraft steigern sich gegenseitig bis zum Äußersten: während allenthalben anders in Europa nur ein sehr kleiner Teil der Volksmenge ins Kriegertum geht, verleiht in den schwäbischen Alpenlandschaften die Verbindung mit der Natur, der Erfolg und die Übung der gesamten Mannschaft den Charakter und die Bereitwilligkeit des Berufskriegertums, und die Massen, die nunmehr unter die Waffen gerufen werden können, verdoppeln wieder die Zuversicht und Siegesgewißheit. Mit Bewußtsein sorgte die Staatsleitung dafür, daß der Schrecken vor ihnen herging. Während in dem europäischen Berufskriegertum, Rittern wie Söldnern, eine gewisse gegenseitige Schonung Platz gegriffen hatte, und man sich mit Gefangennahme begnügte, wo die Tötung nicht durchaus notwendig schien, so erschlugen die Schweizer von Anfang an jeden, den sie erreichen konnten, die Gefangennahme wurde ausdrücklich verboten, und Gefangene auch noch nachträglich umgebracht. Auch als in einem Bürgerkriege zwischen den Eidgenossen selber, dem alten Zürichkriege, die Waldstätter mit den Bernern und anderen Kantonen das Schloß Greifensee einnahmen, ließen sie die Besatzung der Züricher, die sich »auf Ungnade« hatten ergeben müssen, hinrichten (1444). Die wilde Mordgier, mit der in dem friedlichen Städtchen Stäffis alle Bürger umgebracht waren, erregte wohl in der Eidgenossenschaft selbst einigen Tadel, war aber doch nur die gewohnheitsmäße Anwendung des Grundsatzes, daß im Gefecht kein Mann verschont werden dürfe. Als Milde wird es berichtet, wenn »junge Knaben« verschont blieben, und in der ersten gemeinschaftlichen Kriegsordnung der Eidgenossen, dem Sempacher Brief von 1393, muß ausdrücklich verordnet werden, daß, da »durch ein Frauenbild aller Menschen Heil erneuert und gemehrt worden ist«, Frauen und Töchter nicht geschlagen, gestochen oder mißhandelt werden sollen. Der nächste Grund für die Härte der Kriegführung ist die Gefahr, die das Plündern und Gefangennehmen für die Kriegshandlung selber mit sich bringt. Der Sempacher Brief wurde erlassen in der Erwägung, daß in der Schlacht weit mehr Feinde hätten getötet werden können, wenn die Sieger sich nicht zu sehr gleich auf die[688] Beute gestürzt hätten. Indem man aber so weit ging, das Gefangennehmen unbedingt zu verbieten, erhöhte man die Furcht im gegnerischen Lager, und die Panik, die bei Sempach in der österreichischen Nachhut, bei Granson und Murten im burgundischen Heer ausbrach, sobald eine ungünstige Wendung eintrat oder auch nur einzutreten schien, mag auch mit eine Rückwirkung der bekannten Gewohnheit der Schweizer gewesen sein, keinen Pardon zu geben.

Als Karl der Kühne gegen die Schweizer auszog, hielt er beim Ausmarsch aus Nancy eine Ansprache640 an seine Kapitäne, die Gegner würden sich nach ihrer Gewohnheit sofort an der Grenze zur Schlacht stellen; besiege man sie und bringe ihnen auch nur eine geringe Niederlage bei, so würden sie von da an gebrochen und verloren sein. Etwas übertrieben im Ausdruck, trifft dieser Ausspruch doch in der Idee das Richtige: die Tapferkeit der Schweizer entsprang ihrem Erfolg; dieser gab ihnen die Zuversicht des unaufhaltsamen Ansturmes, vor dem die lockeren Scharen der gegnerischen Heere, so viel persönliche Tapferkeit auch in den einzelnen Rittern oder Söldnern lebte, auseinanderstoben.

Man kann die Schweizer dieser Epoche wie mit den Urgermanen, so auch mit den Athenern des Perikleischen Zeitalters vergleichen. Von Natur waren die Bewohner der Halbinsel Attika nicht tapferer oder seetüchtiger als andere Griechen. Der Gang der historischen Entwicklung und die Politik aber hatte die ganze Bevölkerung zu einem Kriegertum zu Lande und zu Wasser ausgebildet, das ihnen in ihrem bürgerlichen Leben wesentliche Eigenschaften des Berufs-Soldatentums verlieh. Das hielt ihnen ihr Feldherr Nikias vor, als er sie vor der Schlacht gegen die Syrakusaner ansprach: Diese seien ein bloßes Volksaufgebot, sie selber aber seien auserlesene Männer, die den Krieg verständen.641 So ist auch zwischen den Schweizern und den andern Deutschen nicht ein[689] Unterschied der Stammesanlage, sondern des historischen Werdens und der politischen Erziehung. Die meisten habsburgischen Krieger waren ebenso gut Schweizer wie die Waldstätter. Die Sieger von Granson und Murten sind zum großen Teil die Besiegten von Morgarten, Laupen und Sempach: indem diese Besiegten teils freiwillig, teils gezwungen in den Kreis der Sieger eintraten, nahmen sie auch ihre Eigenschaften an.

Die Gevierthaufen der Schweizer wagten es, als Fußtruppen gegen ritterliche Heere offensiv vorzugehen und sogar befestigte Stellungen zu stürmen. Das ist etwas schlechthin Neues seit dem Abgang des Altertums und dem Aufkommen der Lehns-Kriegsverfassung. Noch 1475, im Beginn der Burgunderkriege, bei einem Rückzug aus der Franche-Comté, deckte sich das eidgenössische Fußvolk gegen burgundische Ritter, indem es eine Wagenburg schlug. Davon ist später nie mehr die Rede.

Es gibt wieder ein Fußvolk, welches nicht bloß Hilfswaffe der Ritter ist und sich nicht bloß gestützt auf Verschanzungen gegen Ritter zu schlagen wagt, sondern das im vollen Vertrauen auf die eigene Kraft jede Art des Kampfes mit jedem Feinde aufnimmt. Die Form, der taktische Körper des Gevierthaufens, die Waffen, der lange Spieß und die Hellebarde, die Masse, die das Volksaufgebot ergibt und der in den dauernden Kämpfen genährte und aufgezogene kriegerische Geist wirkten zusammen. Als im Jahre 1444 die französischen Söldner, die Armagnaken, ihren Einfall in die Schweiz zu machen drohten, ließ sich in tollkühnem Mut bei St. Jacob an der Birs in der Nähe von Basel (26. Aug.) eine Schar von 1500 Mann in einen Kampf mit ihnen ein, der zwar mit ihrer völligen Vernichtung endigte, aber mit solcher Tapferkeit durchgefochten war, daß selbst die Feinde von Bewunderung erfüllt wurden.

Schweizer Söldner wurden ringsherum bei den Völkern geschätzt und begehrt.

Die Siege über Karl den Kühnen, obgleich ja Zufall und Fehler der burgundischen Führung dabei eine große Rolle gespielt hatten, gaben dem Glauben an die schweizerische Tüchtigkeit und dem Selbstvertrauen der Eidgenossen die letzte und höchste Steigerung.[690] Nicht mehr als bloße Reisläufer unter andern Söldnern, sondern als eine eigenartige, ganz neue kriegerische Potenz treten die Eidgenossen aus ihren Bergen heraus und erfechten den Sieg von Nancy, und dieser Sieg sollte nicht, wie einst der Sieg der Vlamen bei Courtray, ein vereinzelter Zwischenfall bleiben. Er eröffnete den Zugang zu einer neuen Epoche in der Geschichte der Kriegskunst. Das Mittelalter in der Kriegsgeschichte schließt bereits ab mit dem Tage von Murten, wo in der Person des Herzogs von Burgund und seines Heeres ideell das mittelalterliche Kriegswesen besiegt wird, nicht zufällig, nicht in einem Augenblick der Schwäche, nicht in einem Zustande des Verfalles, sondern im Gegenteil auf der denkbar höchsten Stufe der Vervollkommnung, noch besonders unterstützt durch die neue Erfindung der Feuerwaffen. Es ist anzunehmen, daß ein besserer Feldherr als Herzog Karl den Schweizern den Sieg sehr viel schwerer gemacht haben würde, aber man darf es als sicher hinstellen, daß diese schließlich den noch gesiegt haben würden. Denn keine Schützen mit Bogen, Armbrust und Couloevrinen reichten aus, den Ansturm dieser ungeheuren gedrängten Haufen mit Spießen und Hellebarden aufzuhalten, die ihre Hauptleute mit Geschick durch die günstigen Stellen des Geländes führten, und keine Ritterschaft war fähig, sie zu sprengen oder alle drei zugleich durch Flankenangriff zum Stehen zu bringen. Bloße Schützen haben keine Festigkeit gegen blanke Waffen und bloße Ritter haben keine taktische Führung, sie durch kombinierte Manöver zu lähmen. Das Schweizer Fußvolk bildet taktische Körper, die Ritter, Schützen und Spießknechte des Mittelalters haben sie nicht. Die Schweizer haben nicht bloß Defensiv- und Offensiv-Kraft, sondern auch Führung. Auch bei den Vlamen waren hundert Jahre früher die Ansätze dazu gewesen, aber die Kraft hatte, wie Rosebeke zeigte, doch noch nicht ausgereicht. Die Eidgenossenschaft der Gebirgskantone hatte in allmählichem Fortschreiten anderthalb Jahrhunderte lang die Kräfte entwickelt und gefestigt, die nunmehr definitiv gesiegt haben und heraustretend aus den Bergen das Kriegswesen von ganz Europa umgestalten sollten. Wir sind an einem ähnlichen Ausgangspunkt neuer Entwickelungen, wie einst bei der Schlacht von Marathon. Wie in den Perserkriegen, hat in den Burgunderkriegen das Fußvolk mit[691] der blanken Waffe gesiegt über das Heer von Rittern und Schützen. Dieser Sieg muß alles wandeln. Denn das Kriegswesen einer Epoche ist eine Einheit, und eine wesentliche Veränderung an einer Stelle wirkt auf alle anderen Teile zurück. Als das natürliche Komplement des Rittertums haben wir es erkannt, daß die Zeit keine Infanterie, sondern nur Fußknechte hatte. Jetzt sind diese Fußknechte Infanterie geworden und werden es bald allenthalben sein. Dann wird auch das Rittertum Kavallerie werden müssen.[692]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3.
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