Die Schlacht bei Bicocca[101] 122.

27. April 1522.

Sechs Jahre blieben die Franzosen in ungestörtem Besitze des Herzogtums Mailand. Dann nahm Kaiser Karl V., in dessen Person als Urenkel Karls des Kühnen, Enkel Kaiser Maximilians und des spanischen Königspaares Ferdinand und Isabella sich alle ererbten Feindschaften gegen das französische Königtum vereinigten, den Kampf um die Herrschaft in Oberitalien wieder auf. Franz warb schweizerische Söldner, aber der kaiserliche Feldherr Prosper Colonna manövrierte, ohne es zur Schlacht kommen zu lassen, so lange um die französische Armee herum, bis in ihrer Kriegskasse kein Geld mehr war und die Schweizer nach Hause gingen. Dann zog er ohne Widerstand in Mailand ein, da die Franzosen sich bei den Bürgern so unbeliebt gemacht hatten, daß diese dem kaiserlichen Heere die Tore öffneten.

Im nächsten Jahr erschienen die Franzosen von Neuem mit einem so großen Heer, daß sie es unternehmen konnten, Mailand zu belagern. Ein kaiserliches Entsatzkorps von 6000 Landsknechten und 300 Reitern veranlaßte die Franzosen von Mailand abzulassen und sich auf ein kleineres Objekt, Pavia zu konzentrieren. Als auch diese Belagerung erfolglos blieb und ein Hochwasser im Ticino die Zufuhr der Lebensmittel störte, auch ein Versuch, das kaiserliche Heer durch eine Umgehung zur Schlacht zu zwingen, mißlang, war es wieder so weit, daß das französische Heer auf dem Punkt stand, sich aufzulösen, weil die Schweizer nicht länger aushalten wollten. Ihre Art war, sobald sie ausgezogen waren, den Feind aufzusuchen, ihn anzugreifen, zu schlagen und mit ihrer Beute und ihrem Solde wieder nach Hause zu gehen. Städte zu belagern und sich im Manövrieren und Stellungnehmen auszudauern, widersprach ihrer Natur und ihren Anschauungen von Kriegführung, ganz besonders aber dann, wenn nicht einmal der regelmäßige Sold bezahlt wurde. Die letzte Bewegung des französischen Heeres soll deshalb dadurch bestimmt worden sein, daß man der Kriegskasse, die wohl über den Simplon von Frankreich[102] herantransportiert wurde, bis Monza entgegenmarschierte. Als nun das Geld immer noch nicht kam, wollten die Schweizer sich mit keinerlei Versprechungen mehr vertrösten lassen; sie wollten schlagen oder nach Hause gehen123.

Das französisch-venezianische Heer war dem kaiserlichen wohl um die Hälfte oder noch mehr überlegen: an 32000 gegen 20000. Prosper Colonna aber, der Führer der Kaiserlichen, hatte eine fast unangreifbare Stellung inne: eine knappe Meile nördlich von Mailand stand er bei dem Jagdschlößchen Bicocca, vor der Front einen Hohlweg, die linke Flanke geschützt durch einen Sumpf, die rechte durch einen tiefen Wassergraben, über den nur eine schmale Brücke führte. Die Front, nach Norden gerichtet, deren Länge für sein Heer gerade paßte, wohl etwa 600 Meter, war besetzt mit Geschützen und einer vierfachen Reihe von Schützen, deren Waffe jüngst Verbesserungen erfahren hatte und die angeleitet waren, gliedweile zu feuern: das erste und zweite Glied, nachdem es geschossen, warf sich nieder, so daß das dritte und vierte über sie hinwegfeuern konnten. Hinter den Schützen standen die tiefen Haufen der deutschen Landsknechte unter Georg Frundsberg und der spanischen Knechte unter Pescara. Die Reiterei stand weiter rückwärts, um einer etwaigen Umgehung in der rechten Flanke, über die Brücke, entgegenzutreten.

Diese Stellung war noch viel fester, als sie einst die Spanier bei Ravenna innegehabt hatten. Das Kunststück, den Verteidiger durch die Artillerie aus seiner Stellung herauszuholen, ihn entweder zum Rückzug oder zum Vorstoß zu veranlassen, was damals so glänzend gelungen war, ließ sich hier nicht wiederholen, da schwerlich eine wesentliche Überlegenheit an Artillerie vorhanden war und die spanische Reiterei, gegen die die Artillerie sich bei Ravenna so besonders wirksam erwiesen, diesmal nicht in der Front, sondern im zweiten Treffen stand. Wiederum die kaiserliche Stellung völlig zu umgehen und sie mit einem Korps im Rücken anzugreifen, war sehr schwer, da die Stadt Mailand so[103] nah hinter der kaiserlichen Schlachtlinie lag. Überdies hatte Colonna, als man das Nahen des französischen Angriffs bemerkte, veranlaßt, daß der Herzog Franz Sforza die Sturmglocke läuten und die bewaffnete Bürgerschaft, 6000 Mann, herausführen ließ, um den Rücken des kaiserlichen Heeres zu decken.

Lautrec, des Führer der Franzosen, hätte trotz seiner Überlegenheit unter solchen Umständen die Schlacht lieber vermieden und auf dem Wege, den er bisher verfolgt, weiter operiert, nämlich die einzelnen Städte des Herzogtums zu belagern und einzunehmen, in der Hoffnung, bei den Gegenoperationen des Feindes vielleicht auch einmal eine Gelegenheit zu finden, seine Übermacht zu einer Schlacht im freien Felde zu gebrauchen. Hatte er auch infolge der Aufmerksamkeit und Geschicklichkeit seines Gegners in den zwei Monaten, die der Feldzug schon dauerte, wenig Erfolg gehabt, so war ein solcher doch nicht für alle Zukunft ausgeschlossen. Aber die Ungeduld der Schweizer erlaubte nicht das längere Manövrieren. So sehr Lautrec sie auf die Festigkeit der feindlichen Stellung verwies, ihr Wagemut und ihre Zuversicht war durch die Erfahrung von Marignano keineswegs gebrochen. Sie hielten den Franzosen vor, wie sie sie selber mit ihrer Minderzahl bei Novara besiegt, und wollten jetzt den Spaniern, die wohl an List und Tücke, aber nicht an Tapferkeit mehr sehen, dasselbe tun.

Es blieb Lautrec also nichts übrig, als sie zum Sturm auf die Front der Kaiserlichen anzusetzen. Sie bildeten zu dem Zweck, 15000 Mann stark, wie sie waren, zwei Haufen, jeder 100 Mann breit und 75 Mann tief, begleitet von Schützen, und eine dritte Abteilung, wesentlich die Reiterei, erhielt den Auftrag, die rechte Flanke des Feindes zu umgehen und über die Brücke einzudringen. Das waren insgesamt gegen 18000 Mann. Die Venezianer aber und die anderen italienischen Truppen, gegen 14000 Mann, blieben in der Reserve. Weshalb Lautrec diese Anordnung getroffen, ist nicht überliefert. Es scheint, als ob, da die tobenden Schweizer einmal, pochend auf ihre Unüberwindlichkeit, die Schlacht verlangten, man es auch ihnen habe überlassen wollen, den Feind niederzurennen, vielleicht war im der Front auch kaum noch Platz für eine dritte und vierte Sturm-Kolonne. Schließlich wird aber[104] Lautrec wohl auch einen positiven Gedanken bei der Reserve gehabt haben: er konnte rechnen, daß, wenn die Schweizer nicht wirklich mit ihrem wilden Anlauf siegten, sondern zurückgeworfen wurden, der Feind nachstürmen würde, und daß dann Gelegenheit sei, ihn ungeordnet und ohne den Schuß seiner Stellung mit den frischen Truppen anzufallen, und wenn die Schweizer wieder umkehrten, mit großer Überlegenheit zu schlagen.

Noch während die Schweizer anrückten, suchte Lautrex sie anzuhalten, damit wenigstens erst sein Flankierungskorps anlangen und in Wirksamkeit treten könne. Aber die Schweizer, mißtrauisch, weil sie ihm die Schlacht ja überhaupt nur abgetrotzt hatten, sahen in der Mahnung zu halten, nur einen letzten Versuch, den Kampf zu vermeiden, und verlangten mit wütendem Geschrei den Angriff; selbst das Mißtrauen der Massen gegen die eigenen Führer machte sich geltend: die Hauptleute, die Junker, die Pensioner, die Trippelsöldner sollten an die Spitze treten und nicht von hinten schreien. So tobten die Massen vorwärts, hindurch durch den Kugelregen der Geschütze und Hakenbüchsen, die in den gedrängten Haufen ihr Ziel kaum verfehlen konnten. Man erreicht den Hohlweg; die Schützen, salvieren sich und die Schweizer steigen den etwa drei Fuß hohen Rand des Hohlweges hinauf, um den feindlichen Spießern auf den Leib zu gehen.

Die Landsknechte und die Spanier standen, wie es die Taktik verlangte, nicht unmittelbar am Hohlweg, sondern ein Stück dahinter, so daß zunächst die Schützen, als die Schweizer ihnen auf den Leib kamen, ohne Schwierigkeit an ihnen hatten vorüberfluten können. Dann aber erfolgte der Zusammenstoß, nicht indem die Verteidiger den Anlauf der Schweizer abwarteten, sondern indem sie ihnen entgegengingen in dem Augenblick, wo sie über dem Rande des Hohlweges erschienen und weiter wollten. Mit einer Hellebarde in der Hand, war Frundsberg selbst in das erste Glied seiner Landsknechte getreten, die in die Knie gesunken waren, um noch ein Gebet zu sprechen. »Wohlauf, in einer guten Stunde, im Namen Gottes« rief der Führer und stürmte mit ihnen vorwärts. Drüben an der Spitze des schweizerischen Haufens der Länder kam Arnold Winkelried, der Unterwalder, der einst vor sieben Jahren die Schlacht bei Marignano entfesselt hatte und einmal im kaiserlichen[105] Dienst auch an Frundsbergs Seite gefochten hatte. »Du alter Gesell, find ich dich da, du mußt von meiner Hand sterben«, rief er aus. »Es soll dir widerfahren, wills Gott«, erwiderte Frundsberg. Frundsberg wurde durch einen Stich im Schenkel verwundet, Winkelried fiel vor den Spießen der Landsknechte.

Die Schweizer mußten zurück. Sie waren müde von dem langen Anlauf, viele waren unter dem Feuer der kaiserlichen Geschütze und Schützen gefallen, die Ordnung war durch das Überschreiten des Hohlwegs aufgelöst und »der nachtruck«, wie die Appenzeller nach Hause berichteten, »nit zum besten«. Die hinteren Glieder konnten, durch den Hohlweg getrennt, den Druck auf die vorderen, worauf ja taktisch das Wesen dieser tiefen Gevierthaufen beruhte, nicht ausüben.

Gleichzeitig wurde auch der Versuch der französischen Ritterschaft, über die Brücke in die rechte Flanke der Kaiserlichen einzudringen, zurückgeschlagen.

Pescara, der mit seinen Spaniern in derselben Weise wie Frundsberg mit den Landsknechten den anderen Haufen der Schweizer, die Städtler unter Albrecht von Stein zurückgeschlagen hatte, machte jetzt den Vorschlag, den Sieg zu verfolgen und den Schweizern nachzustürmen. Allein Frundsberg lehnte es ab, mit den Worten, »wir haben heute Ehre genug eingelegt«, und der Oberfeldherr Colonna stimmte ihm zu. Die Schweizer waren trotz der schweren Verluste, die sie erlitten, doch in Ordnung zurückgegangen, und hinter ihnen standen, wie wir wissen, noch 14000 Mann, die vermutlich nur darauf lauerten, daß die Kaiserlichen ihnen in das freie Feld entgegenkämen.

Da es nicht geschah, mußten die Franzosen die Schlacht endgültig verloren geben und, da die Schweizer nach Hause zogen, auch den Feldzug.

Zum ersten Male hatten die Landsknechte die Schweizer besiegt und waren nicht wenig stolz darauf. Sie sangen Spottlieder auf die Besiegten, die mit anderen Liedern antworteten, und im Fortgang dieses Liederkampfes sind die verschiedenen Schlachten ineinandergeflossen, und schließlich ist die Schlacht von Biccoca mit den Haufen der festgeschlossenen Landsknechte und dem tapferen[106] Arnold Winkelried, der vor ihnen fällt, in die Ritterschlacht von Sempach, 136 Jahre früher, versetzt worden.

3000 Tote nach der geringsten Angabe haben die Schweizer bei Bicocca zusammengenommen. Mehr als an der Zahl aber, schreibt Guicciardini, verloren sie an Kühnheit, denn es sei sicher, daß der Schaden, den sie bei Bicocca erlitten, sie so geschwächt habe, daß sie viele Jahre nachher ihre alte Mannhaftigkeit nicht mehr bewiesen. Auf dem unbedingten, durch zwei Jahrhunderte anerzogenen Vertrauen, nicht besiegt werden zu können, hatte ja ihre Kühnheit beruht, und dieses Vertrauen, meinte man, sei jetzt gebrochen. In Wirklichkeit bestätigt jedoch die spätere Kriegsgeschichte dieses Urteil nicht. Wenn die Bedeutung der Schweizer allmählich zurückgetreten ist, so lag es nicht daran, daß ihre eigene Tüchtigkeit nachgelassen hätte, wie wir noch sehen werden, sondern in der Gesamtentwicklung, die den Raum für die Kraft der Eidgenossen mehr und mehr einschränkte.

Ranke charakterisiert die Schweizer bei Bicocca:

»Es war in ihnen ein wilder Kriegsmut ohne alle höhere Begeisterung, der nur auf sich selber trotzte und kleiner Führung zu bedürfen meinte. Sie wußten, daß sie Mietlinge waren, aber ein jeder sollte und wollte seine Pflicht tun; ihr Gedanke war nur, die Sachen Leib an Leib auszufechten, den Sturmsold zu verdienen, ihre alten Gegner, die Schwaben, die Landsknechte zu bezwingen.«


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 101-107.
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