Die Schlacht bei Pavia[107] 124.

(24. Februar 1525.)

Trotz der Niederlage von Bicocca setzten die Franzosen den Kampf um die Vorherrschaft in Italien fort. Es folgen zwei Feldzüge, die höchst bewegt, doch ohne Schlacht verlaufen und damit enden, daß das kaiserliche Heer, daß bis Marseille vorgedrungen, sich beinah auflöst, während König Franz wieder die Alpen überstiegen[107] hat, Mailand einnimmt (mit Ausnahme der Zitadelle) und Pavia belagert.

Die Stadt war von Spaniern und Landsknechten verteidigt, die die Stürme der Franzosen abschlugen, so daß der König sich schließlich auf Einschließung zum Zwecke der Aushungerung beschränkte. Mittlerweile kamen neu geworbene Landsknechthaufen unter Frundsberg und Marx Sittich von Embs über die Alpen und rückten mit den Spaniern unter Pescara vereinigt von Osten her zum Entsatze der Stadt heran. Die Franzosen aber, die die Stadt bereits über zwei Monate (seit dem 24. November) belagerten, hatten die Zeit benutzt, ihr Lager nach außen hin zu befestigen, daß es unangreifbar schien. Pescara rückte mit seinen Verschanzungen so nahe an das feindliche Lager heran, daß die Schützen sich an manchen Stellen auf nicht mehr als 40 Klafter gegenüberstanden, aber der König hielt seine Stellung für so fest, daß er jede positive Gegenmaßnahme gegen das Entsatzheer für überflüssig hielt. Er zog die Kasse seiner Truppen auf die Ostseite, wo das Entsatzheer ihn bedrohte, und glaubte nun, durch bloße Ausdauer siegen zu können. Er hatte um so mehr Aussicht, daß ihm das gelingen würde, als im kaiserlichen Heer völliger Geldmangel herrschte und die Landsknechte drohten, nach Hause zu ziehen, wenn man sie nicht endlich bezahle. Einzelne Scharen begannen wirklich bereits den Rückmarsch. Man verpflichtete die Knechte endlich, nach einige Tage auszuharren, gegen das Versprechen, es zur Schlacht bringen zu wollen. »Gott gebe mir 100 Jahre Krieg und nicht einen Schlachttag«, sagte Pescara, »aber jetzt ist kein anderer Ausweg.«

In der Front war das Belagerungsheer nach außen wie nach innen unangreifbar verschanzt, aber der nördliche Flügel ragte hinein in einen großen, mit einer Backsteinmauer umzogenen Tierpark. Durch diese Mauer schien der Flügel völlig gedeckt, und wenn sie sorgsam genug bewacht wurde, so war es auch der Fall: ehe die Mauer niedergeworfen werden und ein erheblicher Teil des Entsatzheeres eindringen konnte, mußten immer überlegene Teile des französischen Heeres zur Stelle sein, um die Eingedrungenen wieder hinauszutreiben.[108]

Alles hing für das kaiserliche Heer davon ab, ob es gelang, die Aufmerksamkeit der Franzosen zu täuschen, und mit großen Massen in den Park einzudringen, ehe jene zum Gegenstoß gesammt waren.

In der Nacht des 23. zum 24. Februar wurden eine Anzahl spanischer Arbeitssoldaten (vastadores) mit Rammwiddern und ähnlichen Instrumenten an den nördlichen Teil der Mauer geschickt, der von dem französischen Lager ziemlich entfernt war. Mit Fleiß wandte man keine Geschütze an, die Mauer niederzulegen, um nicht durch ihren Donner die Franzosen aufmerksam zu machen. Die Nacht war mondlos und stürmisch, so daß die Arbeit sich wirklich vollzog, ohne daß der Feind darauf achtete. Zu dieser Nachlässigkeit mag beigetragen haben, daß man nun schon drei Wochen einander gegenüberlag, fast jede Nach kleine Überfälle stattgefunden hatten, und man hinter irgend welchen Bewegungen nicht gleich etwas Größeres argwöhnte125.

Während die Bastadoren, die ganze Nacht arbeitend, drei große Breschen in die Stadtmauer legten, setzte sich die ganze Armee in Bewegung. Noch in dieser Dunkelheit brach man auf und langte, als es hell wurde, vor den Mauerlücken an. Wenn die Franzosen den Abmarsch bemerkt haben, mögen sie ihn sich als den Beginn des Rückzuges ausgelegt haben.

In drei Kolonnen strömten die Kaiserlichen jetzt in den Park ein und marschierten auf. Voran gingen 3000 Schützen, Spanier und Landsknechte. Dann kamen die Reiter, dann die Landsknechte – diese zuletzt, vielleicht, weil sie die größte Masse bildeten und deshalb am längsten gebrauchten, die enge Bresche zu überwinden.

Der Park hatte ein welliges Wiesengelände, von einem Bach durchflossen, hier und da Bäume und kleine Waldstücke, etwa in der Mitte eine Meierei oder ein kleines Jagdhaus, Mirabello. Bis hierher waren die Kaiserlichen bereits gelangt, als ihnen die Franzosen entgegentraten. König Franz selbst mit den Gendarmen kam angesprengt, und die französische Artillerie begann zu feuern. Die Kaiserlichen, ohnehin sehr schwach an Geschützen,[109] brachten sie überhaupt nicht zum Feuern; die Franzosen, die im ganzen nicht weniger als 53 Stück hatten, schossen mit Erfolg. Besonders aber schlug die tapfere französische Gendarmerie die kaiserlichen Reiter zurück, so daß König Franz schon zu einem Begleiter sagte, der heutige Tag werde ihn zum Herrn von Mailand machen.

Aber der Erfolg ging schnell vorüber. Die spanischen und deutschen Schützen, wohl zum Teil schon bewaffnet mit den neuen Gewehren, den Musketen, mit dem weiten sicheren Schuß und der gewaltigen Durchschlagskraft, leisteten ihren Reitern Hilfe. Die Bäume, Waldstücke und auch der Bach boten ihnen gegen die französischen Gendarmen eine Deckung und ihre Schüsse brachten so viele zu Falle, daß die kaiserlichen Reiter in den Kampf zurückkehren konnten. Mittlerweile aber waren die großen Infanteriehaufen im Vormarsch. Die französische Artillerie konnte sie nicht aufhalten, und sie stürzten sich auf den eben einrückenden vordersten Gevierthaufen des französischen Heeres, die »schwarze Bande«, 5000 Mann niederdeutsche Knechte.

Im ganzen waren die beiden Heere an Infanterie wohl ziemlich gleich stark, gegen 20000 Mann, die Franzosen überwogen an Reitern und an Geschützen. Aber das plötzliche Erscheinen des kaiserlichen Heeres im Morgengrauen an einer ganz unvermuteten Stelle brachte es mit sich, daß auch jetzt, wo dieses völlig aufmarschiert mitten im Park stand, derjenige Teil des französischen Heeres, der den südlichen Teil des Lagers inne hatte, die Schweizer, 8000 Mann, noch nicht zur Stelle waren. So konnten Frundsberg und Embs mit ihren beiden Haufen, 12000 Mann, die »schwarze Bande« von beiden Seiten »wie mit Zangen packen« und sie völlig zusammenhauen. Erst wie die Reste vereint mit den französischen Reitern zurückströmten, erschienen die Schweizer. Aber sie konnten das Schicksal des Tages um so weniger noch wenden, als jetzt auch die Besatzung von Pavia, einen Ausfall machend, in ihrem Rücken erschien. In ihrer verzweifelten Lage kamen die Schweizer überhaupt nicht mehr zu einem geschlossenen Angriff, wurden von allen Seiten angefallen und von der Übermacht, wie vorher die schwarze Bande, zusammengehauen, oder suchten ihr Heil in der Flucht.[110]

Noch hatte die Nachhut des französischen Heeres, unter dem Befehl des Herzogs von Alençon, die wohl hauptsächlich auf der anderen Seite von Pavia stand, nicht gekämpft. Aber der Herzog sah die Unmöglichkeit eines Erfolges und brach die Brücke, die die Franzosen im Süden über den Tessin geschlagen hatten, ab. Er rettete dadurch sich selbst und seinen Heeresteil, aber die anderen waren um so mehr verloren, kamen um in den Gewässern des Flusses oder wurden, wie König Franz selbst, mit vielen seiner Gendarmen gefangen. Der Sieg, der das feindliche Heer vernichtete, soll den Kaiserlichen nicht mehr als etwa 500 Tote gekostet haben, und das ist wohl möglich, daß sie ja vermöge des Überfalls und des Angriffs von der Flanke her in jeder einzelnen Phase des Gefechts immer mit großer Übermacht hatten wirksam werden können. Damit entfällt auch der Vorwurf der Mattigkeit, den Guicciardini gegen die Schweizer erhebt; sie konnten tatsächlich nichts machen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 107-111.
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