Viertes Kapitel.

Gustav Adolf.

[199] Der Vollender der Moritzschen Kriegskunst ist Gustav Adolf, der die neue Taktik nicht nur übernahm und ausbaute, sondern sie auch zur Grundlage einer großzügigen Strategie machte.

Am Ende des Mittelalters war es nahe daran, daß Schweden mit Dänemark und Norwegen zu einem einheitlichen Staatswesen, wie um dieselbe Zeit Kastilien mit Aragon zusammengeschlossen wurde. Aber die Schweden widerstrebten der Vereinigung und bildeten nun im Kampf um ihre nationale Selbständigkeit einen Militärstaat von einer bis dahin unerhörten Stärke aus. Das Land zählte, eingeschlossen Finnland und Estland, wohl kaum eine Million Einwohner (nicht mehr als etwa das damalige Kursachsen und Brandenburg zusammen), aber Volk, Stände und König hatten sich zu einer festen Einheit zusammengeschlossen, während in den deutschen Territorien, unter den Habsburgern ebenso wie unter den Hohenzollern, alle Tatkraft durch den Gegensatz zwischen dem Fürsten und den Ständen gelähmt wurde und das niedere Volk in dumpfer Ziellosigkeit dahinlebte. Das Königtum der Wasa, entsprungen nicht feudalem Erbrecht, sondern geschaffen durch eine Volkswahl, war ganz anderer Natur als das deutsche Fürstentum, und wie das Königtum. So unterscheiden sich auch die schwedischen Stände sehr wesentlich von den ständischen Vertretungen in dem übrigen germanisch-romanischen Europa. Der schwedische Reichstag ist eine Art Berufsvertretung, die nicht eigenes Recht repräsentiert, sondern von dem König nach seinem Ermessen und zu seiner Unterstützung einberufen wird. Der König beruft dazu nicht bloß Edelleute, Geistliche, Bürger, sondern auch Bauern;[199] daneben auch Vertreter der Offiziere, der Richter, der Beamten, der Bergleute und anderer Berufe234. Die letzteren Gruppen fielen allmählich fort und die Vertretung der Offiziere wurde mit der des Adels vereinigt, so daß sich eine feste Vertretung in vier Ständen bildete, die mit dem Königtum in einer einheitlichen Empfindung zusammengeschlossen war und nach außen einen einheitlichen Willen darstellte. 17jährig zur Regierung gekommen (1611), erwarb der Enkel Gustav Wasas, Gustav Adolf, in Kämpfen mit den Russen und Polen Karelien, Ingermanland und Livland und brachte seine Armee auf mehr als 70000 Mann, das ist im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr als Preußen im Jahre 1813 aufstellte235. Die finanziellen Kräfte des armen schwedischen Landes müssen aufs äußerste angespannt worden sein, um eine solche Armee zu erhalten. Auf die Dauer wäre es unmöglich gewesen, aber der Krieg ernährte den Krieg. Die einmal bestehende Armee erhielt und ergänzte sich sogar aus den Ländern, die sie unterwarf.

Die nationale Ergänzung des Heeres erfolgte nicht bloß auf Grund freier Werbung, sondern es wurde mit Hilfe der Geistlichen eine Stammrolle aller Männer über 15 Jahre im Lande angelegt und nach dem Ermessen der Ortsbehörden ausgehoben. Die Schweden waren also das erste Volk, das sich eine nationale Armee bildete. Die Schweizer waren ein kriegerisches Volksaufgebot gewesen, aber keine Armee. Die Landsknechte hatten einen spezifisch deutschen Charakter, aber keine Beziehung zum deutschen Staat. Die französischen »Banden« waren zu unbedeutend, um als nationale Armee bezeichnet werden zu können. Die Spanier kommen diesem Begriff schon näher, während die Niederländer wieder den reinen internationalen Söldnertypus darstellen. Das schwedische Heer aber ist ein durchgebildeter militärischer Organismus, der der Verteidigung, der Größe und dem Ruhme des Vaterlandes dient. Das[200] Volk gibt seine Söhne als Mannschaft und das Offizierkorps bildet sich aus dem eingeborenen Adel. Im Kriege freilich wurde dieser nationale Charakter nicht bewahrt, sondern auch viel fremdes Volk angeworben, auch Kriegsgefangene in Menge eingestellt und Offiziere fremden Geblütes angenommen. Als Gustav Adolf nach Deutschland ging, hatte er in seiner Armee sehr viele Schotten, und je länger der Krieg in Deutschland dauerte, desto deutlicher wurde allmählich an Offizieren und Mannschaften das schwedische Heer.

Das Heer war nach dem niederländischen Muster diszipliniert und ausexerziert. Während »in Deutschland die Soldaten wie die eine Heerde Rinder oder Schweine dahintrotteten«, lehrt Traupitz in seiner »Kriegskunst nach königlich schwedischer Manier« (1633), daß nach der Seite und nach vorn ausgerichtet und die Intervalle genau eingehalten werden müßten. Er wie andere Schriftsteller schildern uns die Formen, die man ausbildete und die oft so künstlich sind, daß sie im Ernstfall unmöglich ausgeführt worden sein können, aber schon die Vorstellung, daß dergleichen gemacht werden könne, zeigt den Betrieb einer höchst aktiven Exerzierkunst.

Der Schotte Monro beschreibt ein schottisches Regiment, das bei Breitenfeld und Lützen unter Gustav Adolf focht: »Ein ganzes Regiment, diszipliniert wie dieses, ist wie ein Körper und eine Bewegung, die Ohren hören gleichmäßig auf das Kommando, die Augen wenden sich mit demselben Ruck, die Hände arbeiten wie eine Hand.«

Rüstow hat in seiner Geschichte der Infanterie ein sehr anschauliches Bild der »schwedischen Ordonnanz« gezeichnet. Jedes Regiment besteht aus Pikenieren und Musketieren; die taktische Ordnung wird Brigade genannt; sie beruht auf einer flachen, sechs Glieder tiefen Linear-Aufstellung, wobei die Pikenier- und Musketier-Abteilungen miteinander abwechseln; das Problem der Deckung der Schützen durch die Pikeniere wird auf die Weise gelöst, daß die Musketiere sich bei einem drohenden Kavallerieangriff hinter die Linie der Pikeniere ziehn und die dadurch in der Front entstehenden Lücken ausgefüllt werden durch Pikenier-Abteilungen, die bis dahin hinter der ersten Linie ein zweites Treffen gebildet haben.[201]

Dieses Bild aber ist, wenn man genau vergleicht, durch die Stellen, die Rüstow dafür anführt, nicht belegt, und andere Berichte lauten recht anders. Auch fachlich unterliegt es starken Bedenken, ob es möglich ist, angesichts eines nahenden feindlichen Angriffs die Musketiere so schnell hinter die neben ihnen stehenden Pikeniere zu ziehen und durch Vorführen der Pikeniere des zweiten Treffens die Front wieder zu schließen. Überdies sind in der Grundstellung die Musketiere des zweiten Treffens durch das erste Treffen derart maskiert, daß sie von ihrer Waffe keinen Gebrauch mache können, und man sieht nicht, wie und wo sie überhaupt verwendet werden sollen.

Ich verzichte jedoch darauf, mich in die Fragen, die sich hier erheben, zu vertiefen (vgl. unten den Exkurs), da sie doch nur technischer Natur sind und über das kriegsgeschichtlich und weltgeschichtlich Wesentliche kein Zweifel besteht: das ist die große Zahl der Musketiere, wie wir sie schon bei Moritz gefunden haben, verbunden mit Verbesserung ihrer Waffe. Die Musketen werden so weit erleichtert, daß die Gabel fortfallen kann. Das bedeutet schnelleres Feuern. Man hält noch fest an der Vorstellung, daß Musketiere allein einem Reiterangriff nicht gewachsen sind, aber im Widerspruch damit gibt es doch schon Regimenter, die bloß aus Musketieren bestehen und schon 1630 schrieb Neumair von Ramßla in seinen »Erinnerungen und Regeln vom Kriegswesen«236: »Die langen Spieße sind mehr eine Schwächung des Krieges, als dessen Nerv. Die Rohr armieren die langen Spieße«.237

Einer der schottischen Teilnehmer an der Schlacht von Breitenfeld, der Oberstleutnant Muschamp, der ein Musketier-Bataillon kommandierte, gibt folgende Schilderung des Infanterie-Gefechts238. »Erst ließ ich drei kleinere Geschütze feuern, die ich vor mir hatte[202] und erlaubte meinen Musketieren keine Salve, ehe wir nicht auf Pistolenschußweite an den Feind waren; dann ließ sich die drei ersten Glieder eine Salve feuern, darauf die drei anderen Glieder; dann drangen wir in sie ein und schlugen auf sie los mit den Musketen oder den Säbeln.«

»Der Feind, obgleich wir schon mit ihm im Gemenge waren, gab zwei oder drei Salven auf uns mit seinen Musketen. Bei Beginn unserer Attacke griffen vier schneidige Kürassier-Schwadronen, die der feindlichen Infanterie vorausgingen, unsere Pikeniere an, kamen nahe an sie heran und feuerten ihre Pistolen-Salven ein- oder zweimal hinein und erschossen alle schottischen Fahnenträger, so daß plötzlich so viele Fahnen zugleich an die Erde fielen. Die Unsrigen zahlten es ihnen gehörig heim. Ein tapferer Anführer, ganz in Scharlach und Goldstickerei, war grade vor uns; wir sahen, wie er seine eigenen Leute und die Köpfe und auf die Schultern schlug mit seinem Säbel, um sie anzutreiben, weil sie nicht vorgehen wollten. Dieser Herr hielt das Gefecht länger als eine Stunde, aber als er gefallen war, sahen wir ihre Piken und Fähnlein stürzen und übereinanderfallen, worauf alle seine Leute zu fliehen begannen und wir verfolgten sie, bis die Nacht uns trennte.«

Eine ähnliche anschauliche Schilderung eines Infanterie-Gefechts finden wir in einer anderen englischen Quelle, der Biographie König Jacob II. Die Erzählung lautet239: »Als die königliche Armee (bei Edgehill, 1642) auf Musketenschußweite an den Feind war, begann die Infanterie auf beiden Seiten zu feuern; die Königlichen rückten vor, die Rebellen hielten ihre Stellung, so daß sie einander so nahe kamen, daß einige Bataillone mit der Pike stoßen konnten, insbesondere das Garde-Regiment unter Lord Willonghby und einige andere; Lord Willonghby selbst tötete mit seiner Pike einen Offizier vom Lord Esser-Regiment und verwundete einen zweiten. Als das Fußvolk so heiß und nahe engagiert war, hätte man erwarten sollen, daß die eine Seite ausrisse und sich auflöste, aber es kam anders, denn beide, wie im wechselseitigen Einverständnis, retirierten einige Schritte, stellten dann ihre Fähnlein[203] fest auf den Boden und fuhren fort, auf einander zu feuern bis in die Nacht, eine so merkwürdige Sache, daß sie nicht zu glauben wäre, wenn nicht so viele Zeugen gegenwärtig gewesen wären.«

Auch nach Einführung der Linearaufstellung der Infanterie vollzog sich das Feuergefecht zunächst noch in der Form der Caracole. Man teilte die Linie der Musketiere in mehrere Gruppen, zwischen denen eine Gasse blieb. Hatte das erste Glied gefeuert, so zog es sich durch die Gasse nach hinten, um wieder zu laden, während das zweite zum Feuern an seine Stelle trat und so fort. Im Vorrücken kehrte man die Caracole, so zu sagen um: das Glied, das gefeuert hatte, blieb stehen und das folgende trat davor. Man brachte es auch dahin, daß zwei Glieder zugleich feuerten und abtraten. Das ohne Pause durchzuführen, setzte freilich ein sehr schnelles Laden voraus. Die Schotten bei Breitenfeld hatten ihre 6 Glieder tiefe Aufstellung durch Eindoublieren auf drei Glieder verdünnt und dann, indem das erste Glied niederkniete, dreigliedrige Salven abgegeben. Da man nicht annehmen kann, daß die ursprüngliche Aufstellung weitläufig genug war, um das Eindoublieren ohne weiteres zu gestatten, so muß wohl Zeit und Raum vorhanden gewesen sein, erst Abstand zu nehmen240.

Die Spießerhaufen waren zu klein geworden, um noch den alten, wuchtigen, niederrennenden Stoß zu führen. Aber nicht nur das. Die Ausbildung der Kavallerie-Taktik wirkte auf sie zurück. Es war jetzt leicht, vorgehenden Spießern mit den manövrierfähigen Kavallerie-Schwadronen in die Flanke zu kommen und die Offensive durch Angriff von zwei Seiten zum Stehen zu bringen. Dann war der Spießerhaufe dem Pistolenfeuer der Reiter fast wehrlos ausgesetzt. So war der Spießer auf die Rolle einer bloßen Hilfswaffe für den Schützen herabgesunken.

Gustav Adolf vermehrte nun nicht nur die Feuerwaffe in der Infanterie, sondern ebenso sehr in der Artillerie. Es handelt sich um die Einführung einer Art ganz leichter Geschütze, die mit Leder überzogen waren und deshalb Lederkanonen genannt wurden. Wann sie konstruiert und wie lange sie gebraucht worden sind, ist nicht sicher überliefert. Jedenfalls verfügte der Schwedenkönig[204] in der Schlacht bei Breitenfeld über eine zahlreiche leichte Artillerie241.

Zum Dritten aber reformierte Gustav Adolf auch die Kavallerie. Wir haben gesehen, wie im 16. Jahrhundert Kavallerie gebildet worden ist, indem die alten ritterlichen Elemente mit ihren berittenen Knechten zu festen Körpern zusammengefaßt wurden und die Pistole karakolierend als Hauptwaffe verwandten. Das Wesen der eigentlichen Reiterattacke war damit aufgehoben. Auch die Niederländer, die die Tiefe der Eskadrons auf 6 oder 5 Glieder herabsetzten, behielten doch das karakolierende Schießen als Fechtweise. Gustav Adolf schrieb nun vor, daß die Kavallerie in nur drei Gliedern rangiert werde und den Feind mit der blanken Waffe im Galopp attaquiere, nachdem höchstens die beiden ersten Glieder auf ganz nahe Entfernung einen Schuß vorausgesandt. Auch Wallenstein verbot nach der Schlacht bei Lützen das Karakolieren242.

Über die Disziplin im Heere Gustav Adolfs und der Heere des 30jährigen Krieges überhaupt bedarf es noch breiterer Untersuchungen. Auf der einen Seite ist es sicher, daß die Truppen Land und Leute aufs schwerste mißhandelten, auf der anderen, daß rein militärisch die Disziplin besser und schärfer war, als in den Landsknechtsheeren. Das war schon die natürliche Folge der Tatsache, daß die Mannschaften dauernd unter der Fahne blieben, und die Feldherren taten das Ihrige, die Zügel straff anzuziehen. Von Gustav Adolf wird berichtet, daß er die Strafe des Gassenlaufens (Spießrutenlaufens) erfunden habe, um schwere Strafen verhängen zu können, ohne doch an den bestraften Soldaten zu verlieren. Denn Körperstrafen, die der Henker vollstreckte, machen den Soldaten »unehrlich«, und er wurde in den Reihen der Kameraden[205] nicht mehr geduldet. Das Gassenlaufen aber vollstreckten die Kameraden selbst und es wurde deshalb nicht als ehrenrührig angesehen243.

Wie einst im römischen Heer der Dienst der kapitolinischen Götter Hand in Hand gegangen war mit einer rigorosen Handhabung der Strafgewalt, so baute auch Gustav Adolf die Moral seiner Truppe nicht bloß auf der Befehlgewalt des Vorgesetzten, sondern auf der Pflege des religiösen Sinnes auf. Die Armee hatte, wie wir gesehen haben, einen schwedisch-nationalen Unterbau, noch mehr aber eine spezifisch protestantisch-lutherische Gesinnung. Nach dem Siege bei Wittstock, erzählt uns ein englischer Augenzeuge ausführlich, wie General Baner einen dreitägigen Dankgottesdienst abhalten ließ und dabei das Orgelspiel durch Trommeln, Pfeifen, Trompeten, Salvenfeuer und Kanonendonner ersetzte244.

Was Cannä für Hannibal ist, das ist die Schlacht bei Breitenfeld für Gustav Adolf: Der Sieg der Kunst über die wohl in hohem Maße vorhandene, aber zu plumpe militärische Tüchtigkeit. Selbst in manchen Einzelerscheinungen finden sich zwischen Cannä und Breitenfeld Ähnlichkeiten. Unten folgt in der Reihe der Schlachten die eingehende Darstellung dieser weltgeschichtlichen Entscheidung, die das neue schwedische, wie das ältere spanische Kriegswesen in ihrem Zusammenstoß zu voller Anschaulichkeit bringen wird. Auch Gustav Adolf als Stratege soll uns erst später in dem allgemeinen Zusammenhang der Entwicklung der Strategie beschäftigen.

Hier sei noch die großartige Charakteristik des Schwedenkönigs angefügt, die uns Philipp Bogislav Chemnitz (T. I. B. 4 Kap. 60) überliefert hat:[206]

»Sintemahl Er nicht allein vor die Königliche dignitet und Gewalt, sondern auch vor des Reichs und der Unterthanen Volksart, sambt und sonders, gebührende Sorge getragen; alle Ursache zu innerlicher Empörung und Uneinigkeit aus dem Grunde gehoben; und zwei unterschiedene, ja fast widerwertige Dinge, nemlich die Freyheit der Unterthanen, und des höchsten Regiments Majestät, auf eine sonderbare Weise vereiniget und verbunden.«

»Ferner im Kriegswesen, so weit Er es andern hohen Kriegs-Häuptern zu seinen vorigen Zeiten an herrlichen Thaten hervorgethan, so weit hat Er dieselbe in Wissenschaft der Kriegskunst, und Anstellung guter ordre übertroffen: daß alle seine Thaten nicht dem blinden, bloßen Glücke, sondern nächst der Göttlichen Allmacht, seiner vortrefflichen Tugend, hohem Verstande und guter conduite zuzuschreiben seind. Die Armée mit Vortheil an den Feind zuführen, ohne Schaden wieder vom Feinde zu retiriren, bequemlich im Felde logiren, und in der Eile mit einnem Beschlossenen Lager zu versichern, wußte Er meisterlich: In Befestigung eines Orts, oder attackierung desselben war niemand leichtlich über Ihn: Keiner konnte besser vom Feinde judiciren, in die ohngefährliche Zufälle des Kriegs sich richten, und, nach Gelegenheit der Zeit, oder contenance des Feindes, in der Eil, außm Steggreiff, eine nützliche resolution ergreifen: Eine batille zu formiren hatte Er sonderlich seines Gleichen nicht. Bey de cavallerie war seine maxime, daß er mit Schwencken und caracollen nicht viel krummes machen ließ: Sondern es stand dieselbe drey Rey hoch; mußte gerade auf den Feind zugehen; ihn choquiren; und nur das erste, oder zum höchsten die ersten zwey Glieder so nahe, daß sie dem Feinde das weisse in die Augen sehen konten, Feur geben; hernach zu Seitengewehre greiffen; das letzte Glied aber ohne einigen Schuß mit bloßem Degen an den Feind gehen, und beyde pistolen (wie auch die fördersten eine) auf die meslée zur reserve behalten. Das Fußvolk war in seine Regimenter und compagnien, die compagnien in ihre gewisse Corporalschafften und Rotten, deren jede ihren Ober- und Unter-Rottmeister hatte, so ordentlich abgetheilt: Daß ein jedweder gemeiner Knecht, auch ohne der Offizierer Anweisung, schon vorhin[207] wußte, an welchem Platze er stehen und fechten sollte. Und weil der König befunden, daß in den tiefen bataillons, wie man sie nach alter manier gemachet, die Voranstehenden den Letzten im Fechten hinderlich waren, auch der canon, wann er durch die troupen spielete, grossen Schaden unterm Volck thete, als ließ er seine infanterie nur sechs Man hoch stellen. Welche, wan es an ein Treffen gieng, die Glieder doubliren mußten, und also nur drey hoch zu stehen kommen. Auf welche manier des Feindes canon geringeren effect hatte; auch die hintersten so wol als die fordersten ihr Gewehr gegen den Feind nützlich gebrauchten: In dem das erste Glied kniend, das andere gebucket, das dritte aufrecht stehend und also einer über des anderen Schulter Feur gab. Das Fußvolck zu stellen, hatte Er eine sonderliche manier inventirt, also daß die musquetierer von piquen bedecket und diese hinwiederumb von jennen foustenirt wurden: Wie dann auch je eine squadron den andern sekundirte, und jede brigade gleichsamb wie eine kleine bewegliche Festung, ihre courtienen und flanquen hatte; deren eines vom andern defendiret und bestrichen ward. So stunden auch die brigaden in unterschiedlichen Treffen, und sattsamer distantz, neben und hintereinander; waren auf den Seiten und am Rücken dergestalt mit Reutern verwahret; wie gleichfalls die Reuter mit commendirten Musquetieren vermischet: Daß je eines auf das andere sich retiriren und eines das andere entsetzen konte. Die inventio der Schweinsfedern, wiewol die Königliche Schwedische im Teutschen Kriege solche nicht geführet, hatt dem Könige über der Polen große und furieuse Kavallerie eine gute advantage gegeben. Die Lederne Stücke hat Er gleichfals gegen die Polen in Preußen mit Nutzen gebrauchet: Wie hernachmals im Teutschen Kriege die kurtzen, leichten Regiment-Stücklein mit weiten Mundlöchern, aus welchen Er mehr mit Cartetschen und Schrot, als Kugeln auf den Feind gespielet. Deren effekt die Tillysche bey der Leipziger Niederlage insonderheit mit mercklichen ihrem Schaden empfunden.«

»Sonst war Er in Kriegen ein Held, nicht allein von Rathen sondern auch von Thaten. In deliberation Vorsichtig; in resolution hurtig; mit Herz und Muth unverzagt, mit der Faust tapffer; beydes zum commendiren und Fechten bereit: Und solcher Gestalt ein[208] rechtes exemplar nicht nur eines hohen verstendigen Kriegs-Hauptes, sondern eines tapffern, unerschrockenen Soldaten. Also, daß Ihm solches auch fast ubel ausgedeutet werden wollen, von vielen, und denjenigen Leuten; welche entweder nicht wissen oder nicht genugsamb bedenken: Daß die Verachtung aller Gefahr und des Todes selbst, so aus Liebe des Vaterlands herrühret, wan sie schon die Maß überschreitet, und also uber Menschliche Mängel und Gebrechen zu rechnen stehet, dennoch grosser Helden Eigenschaft sey, deren eine gemeine, unartige Seele nie fähig worden.«


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 199-209.
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