1758. Olmütz


1758. Olmütz.

[402] Friedrich ging in den Feldzug von 1758 mit einem ganz ähnlichen Grundgedanken wie im Vorjahr. Damals war er in Böhmen eingebrochen, um den Österreichern einen möglichst schweren Schlag zu versetzen, ehe die Franzosen erschienen. Vor diesen brauchte er eine unmittelbare Besorgnis jetzt nicht mehr zu haben. Die Engländer hatten, durch Roßbach ermutigt, jetzt in Deutschland ein Heer aufgestellt, von dem man erwarten konnte, daß es jene in Schacht halten werde. Statt dessen aber waren die Russen letzthin in eine bedrohliche Nähe gerückt. Sie hatten, während die preußischen Truppen sich gegen die Schweden gewandt hatten, im Winter ohne Widerstand Ostpreußen eingenommen und es war zu vermuten, daß sie in der Mitte des Sommers irgendwo vor der Oder erscheinen würden. Friedrichs Idee war deshalb, auf irgendeine Weise die Österreicher so fern zu halten, daß sie sich nicht mit den Russen vereinigen könnten, und er dann Spielraum gewänne, diese sobald in der deckungslosen Ebene in erreichbarer Nähe erschienen, zu schlagen, ohne daß die Österreicher ihnen helfen könnten.

Wieder, wie im vorigen Jahre, in Böhmen einzufallen, war untunlich. Die Preußen waren mit ihrer Hauptmacht in Schlesien, um zunächst dem Feinde das letzte Stück aus seinem vorjährigen Gewinn, die Festung Schweidnitz, wieder zu entreißen. Unmittelbar[402] der preußischen Hauptmacht gegenüber, dicht hinter den Pässen, bei Skalitz standen die Österreicher in einer festen, wohl vorbereiteten Stellung. Hätte Friedrich bis in die Lausitz oder gar bis nach Sachsen marschieren wollen, um von dort aus einzubrechen, so hätten die Österreicher das bemerkt und sich wiederum in guten Stellungen vorgelegt. Da faßte Friedrich den Gedanken, statt nach Böhmen, durch Oberschlesien nach Mähren zu marschieren und Olmütz zu belagern. Der König hat mehrfach entwickelt, daß ein Einbruch in Mähren bei einem Kriege mit Österreich für ihn vorteilhafter sei, als ein Einbruch in Böhmen.442 Aber mit dem Feldzuge von 1758 haben diese Erwägungen nichts zu tun; am allerwenigsten ist Friedrich etwa der Gedanke unterzulegen, als ob er mit seiner schwachen Armee hätte auf Wien vorgehen wollen. Statt 150000, wie im Vorjahr, hatte er jetzt nur noch eine Feldarmee von 120000 Mann.443 Im Gegenteil, ganz wie er im vorigen Jahr, wenn es ihm gelungen wäre, Prag zu nehmen, dann auch gesucht hätte, das nördliche Mähren in seine Gewalt zu bringen, so war jetzt seine Vorstellung, daß, wenn es ihm gelänge, Olmütz zu nehmen und dadurch die Hauptmacht der Österreicher aus Böhmen fortzusetzen, sein Bruder Heinrich, der 22000 Mann in Sachsen kommandierte, vielleicht dazu gelangen könnte, sich Prags zu bemächtigen. In einem Jahr wie in dem anderen ist also der strategische Gedanke, nicht eine Operation auf die feindliche Hauptstadt, sondern die Okkupation der den preußischen Grenzen nächstgelegenen[403] Landschaften und Festungen. Böhmen war jetzt zu gut verwahrt. Die Preußen brachen deshalb in eine österreichische Provinz ein, deren Grenze so gut wie unverteidigt war, wo sie also zunächst keinem Feinde begegneten und es diesem überließen, ob er heranziehen und angreifen oder sich sonstwie zur Schlacht stellen wollte. Nicht das Geographische, ob Böhmen oder Mähren, sondern das Moment der Überraschung ist das Entscheidende. Indem Friedrich in Mähren einbrach, manövrierte er den Feind aus seiner schön vorbereiteten Stellung bei Skalitz heraus und glaubte nun die Chance zu haben, entweder unter günstigen Verhältnissen zu einer Schlacht zu gelangen oder aber auch ohne eine solche durch die Einnahme von Olmütz die österreichischen Armeen für so lange festzulegen (amuser), bis er selbst sich mittlerweile mit der Hauptmacht gegen die Russen wenden und diese schlagen könne.

Prag hatte man 1757 bloß einschließen und nicht belagern können, weil die große Armee in der Stadt die Eröffnung der Laufgräben unmöglich machte; Olmütz hoffte Friedrich jetzt in förmlicher Belagerung bezwingen zu können.

Wie dieser Plan ganz analog dem des vorigen Jahres, aber mit durchdachter Klugheit den veränderten Verhältnissen angepaßt erscheint, so ist er auch schließlich analog dem des vorigen Jahres unter den den Verhältnissen entsprechenden Modalitäten gescheitert.

Wieder wie im vorigen Jahr gelang der erste Akt, der der Überraschung. Wie die Preußen, so hatten auch die Österreicher viel zu tun, den Schaden, den Leuthen ihrer Armee zugefügt, auszubessern. Beide Heere waren noch nicht fertig mit ihren Neurüstungen, als Friedrich, nachdem er Schweidnitz genommen, plötzlich von dort aufbrach (19. April) und am 4. Mai, ohne irgend einen Widerstand gefunden zu haben, vor Olmütz erschien. Aber um die Überraschung durchführen zu können, hatte die preußische Armee den schweren Belagerungstrain nicht sofort mitnehmen, nicht einmal völlig vorbereiten können. Erst über 14 Tage später (22. Mai) konnte, nachdem Fouqué die schweren Geschütze und die Munition herangeführt, die Belagerung beginnen, und die Armee hatte derweile nichts tun können, da Daun, weit entfernt nunmehr zur Rettung von Olmütz in die Schlacht zu stürmen, aus seinem Lager bei Skalitz nur bis an die Grenze von Mähren heranrückte[404] und dort, bei Leitomischl, eine starke Stellung bezog (5. Mai). Es sind zwar nur 10 Meilen von Olmütz, nur 2-3 Tagemärsche von der Stellung, die Friedrich zunächst bezog, trotzdem dachte der König nicht daran und war es für ihn ausgeschlossen, etwa, wie es für eine moderne Armee gegeben und geboten wäre, gegen Leitomischl vorzurücken, um die Österreicher dort anzugreifen und zu schlagen. Daun's Stellung wird für die preußische Taktik sehr schwer angreifbar gewesen sein und es hätte ihm, wenn ihm die Stellung noch nicht sicher genug war, sogar freigestanden, noch weiter zurückzugehen und die Preußen dadurch ganz von ihrem eigentlichen Ziel Olmütz, wo sie den Belagerungstrain erwarten mußten, wegzuziehen.

Friedrich also mußte suchen die Belagerung durchzuführen, obgleich eine ungeschlagene feindliche Armee in unmittelbarer Nähe stand.

Dies Unternehmen mißlang. Bei der Anlage der Belagerungsarbeiten sollen einige Fehler gemacht worden sein. Es mag sein, aber man darf nicht zuviel Gewicht darauf legen. Es gibt keine große militärische Aktion, bei der nicht derartige Friktionen vorkämen. Das Entscheidende war die österreichische Armee. Friedrich war nicht imstande gewesen, die für die Durchführung der Belagerung notwendigen Massen von Lebensmitteln und Munition von vornherein mitzuführen. Tempelhof hat berechnet, daß allein für den Belagerungstrain mit der erforderlichen Munition bei Unterhaltung des Feuers auf 30 Tage 26580 Pferde nötig gewesen wären. Dazu noch die, die für die Lebensmittel nötig waren. Solche Massen waren nicht aufzubringen und die Zufuhren mußten deshalb etappenweise herangebracht werden, während die österreichische Hauptarmee ganz in der Nähe stand und ihre Detachements die Preußen von allen Seiten umschwärmten.

Friedrich selber hat die Vorstellung gehabt, daß ihm schließlich das Abfangen eines großen Transportes von Munition und Lebensmitteln, das den Österreichern bei Domstadtl, 3 Meilen nördlich von Olmütz, gelang, zur Aufhebung der Belagerung (1. Juli) gezwungen habe. In Wirklichkeit war in jenem Augenblick dem Feldmarschall Daun bereits ein anderes Manöver gelungen, von dem der König noch nichts wußte, das aber die Einnahme[405] von Olmütz verhindert hätte, auch wenn der große Transport glücklich durchgekommen wäre. Dann war nämlich, nachdem er 17 Tage bei Leitmischl stillgelegen, sobald die wirkliche Belagerung begonnen hatte, näher herangerückt und hatte, nur einen Tagemarsch von Olmütz entfernt, erst östlich bei Gewitsch, dann südlich bei Dobramilitsch und Weischowitz wieder sorgsam ausgewählte Stellungen bezogen, die der König mit seinen schwachen Kräften nicht angreifen konnte. An demselben Tage aber, wo der preußische Transport bei Domstadtl zugrunde gerichtet wurde, hatte Daun, dem König völlig unerwartet, durch einen Nacht- und Gewaltmarsch (über 6 Meilen in 24 Stunden) das linke östliche Ufer der March, an welchem Flusse Olmütz liegt, gewonnen. Auf diesem Ufer war die Festung von den Preußen von Anfang an nur schwach zerniert gewesen; im Augenblick, wo die österreichische Armee erschien, mußten die Preußen diese Seite des Flusses vollständig räumen und brachen sogar die Brücken hinter sich ab444. Daun stand nun vor der Festung und konnte ihre Besatzung in jedem Augenblick so sehr verstärken, daß eine Erstürmung nicht mehr möglich war. Aber ehe Friedrich das erfuhr, hatte er wegen des Domstadtler Unglücks den Rückzug bereits befohlen und angetreten.

Nach modernen Begriffen der Strategie hätte nichts im Wege gestanden, daß Friedrich jetzt irgendwo mit gesammelten Kräften über die March ging und Daun angriff. Irgendwo mußte er ihn doch einmal in einer Stellung finden, die seinen Bataillonen und Schwadronen die Attacke gestatteten. Aber wir finden nicht, daß Friedrich diesen Gedanken auch nur erwogen hätte. Der Gewinn, den ihm, wie die Dinge jetzt lagen, ein Sieg hätte bringen können, stand nicht mehr im Verhältnis zu der Gefahr einer Niederlage und der Größe des zu erwartenden eigenen Verlustes. Denn nach dem Verlust des großen Transportes konnte selbst nach einem Siege, weder die Belagerung noch sonst der Feldzug in Mähren weiter fortgesetzt werden.

Man muß Daun also zugestehen, daß er fast ohne Blutvergießen, nur durch die Geschicklichkeit seiner Märsche und Stellungen Friedrich eine Niederlage beigebracht hat. Weder hat er dem Preußenkönig[406] die gewünschte Gelegenheit zu einer günstigen Schlacht geboten, noch hat er ihm die Durchführung der Belagerung gestattet.

Aber eben diese Eigenschaften, diese Kunst des vorsichtigen Manövrierens, vermöge deren der Österreicher den Preußenkönig überwunden hatte, verhinderte ihn, aus seinem Siege nunmehr den Vorteil zu ziehen, den ihm das Schicksal so zu sagen mit ausgestreckter Hand darbot.

Friedrich nahm seinen Rückzug durch Böhmen auf Königgrätz. Er wußte nicht, wie nah auf der anderen Seite der March Daun ihm bereits stand und wagte es, seine Armee in zwei Teile zu teilen, selber vorauf zu ziehen, wohl um etwaige österreichische Detachements, die ihm den Weg verlegten, bei Seite zu stoßen und den Feldmarschall Keith, der die Belagerung kommandiert hatte, mit dem ganzen ungeheuren Train folgen zu lassen. Wie wir die Dinge heute übersehen, erscheint es fast unverständlich, wie Daun sich die Gelegenheit hat entgehen lassen können, mit aller Macht über dieses preußische Korps, das in 7 Tagen nur 8 Meilen (Luftlinie bis Zwittau) vorwärtskam und schon von den österreichischen Detachements schwer bedroht war, herzufallen. Man sieht nicht, wie die Preußen dann einer schweren Niederlage hätten entgehen können. Der König war Keith um einen ganzen Tagemarsch vorauf und hätte ihm nicht helfen können. Wie sehr man sich bei den Preußen vor dem Nachstoßen der Österreicher fürchtete, zeigt die Erzählung, die bei ihnen umging, der Kommandant von Olmütz, General Marschall, habe, als man ihm aufforderte die Abziehenden zu verfolgen, gesagt: »Die Leute haben doch Unglück genug erlitten, laßt sie in Frieden ziehn«445.

Aber Krieg ist eine Epoche des Wagnisses und Daun wollte ja gerade die Kunst üben, zu gewinnen, ohne zu wagen. Eben hatte diese Kunst ihm einen schönen Erfolg eingebracht. Im vorigen Jahr hatte er mit seiner großen Übermacht, um Prag zu entsetzen, doch nicht gewagt die Preußen anzugreifen, sondern war ihnen nur so nahe gerückt, daß er ihnen die Verpflegung abschnitt, und hatte sie dadurch verlockt, ihn ihrerseits anzugreifen und sich die furchtbare Niederlage bei Kollin zuzuziehen. Diesmal war es[407] ganz ohne Schlacht abgegangen. Sollte er nunmehr alles wieder aufs Spiel setzen, auf die Gefahr hin, daß die Preußen rechtzeitig aufmerksam gemacht, mit gesammelter Macht ihm entgegen traten oder daß der König, dem doch viel zuzutrauen war, vielleicht, sobald er bemerkte, daß die Österreicher sich vorwärts bewegten, umkehrte und seinerseits angriff, ehe sie wieder eine ihrer schönen Stellungen gefunden hatten? Daun wußte doch nicht so genau, mit welcher, soll man sagen Kühnheit, soll man sagen welchem Leichtsinn der König von Preußen seine Truppen auseinandergezogen hatte. Dem Jünger der modernen Strategie erscheint Daun's Verhalten schlafmützig, und wäre etwas von einem wirklich großen General in ihm gewesen, so hätte er auch nach den Grundsätzen der damaligen Strategie erkennen müssen, daß jetzt der Augenblick gekommen sei, wo etwas Großes gewagt, ja wo alles an alles gesetzt werden müsse, um den Preußen die entscheidende Niederlage beizubringen. Das ist ja, um es immer wieder von neuem zu wiederholen, das Wesen der doppelpoligen Strategie, daß sie, je nach dem Augenblick, Manöver und Vorsicht oder Schlacht und Kühnheit verlangt. Nur ein sehr großer Mann aber ist imstande, so von dem einen Prinzip plötzlich in das andere überzugehen, und wehe Daun, wenn er etwa nicht beide Prinzipien gleichzeitig beherrschend, einseitig ein Draufgänger gewesen wäre! Hier bei dem preußischen Rückzug von Olmütz hätte ihn das zu einem glänzenden Siege geführt – aber 4 oder 6 Wochen früher, da würde er ohne seine bewährte Vorsicht, um Olmütz zu retten, zum Angriff auf die Preußen geschritten sein; mit anderen Worten, er hätte gerade das getan, was Friedrich sich wünschte, und hätte sich aller Wahrscheinlichkeit nach eine Niederlage geholt. Um einen Feldherrr richtig zu beurteilen, darf man nicht die isolierte Handlung betrachten, sondern muß sehen, wie sich der Charakter in dem ganzen Zusammenhang spiegelt und muß den Eigenschaften, die sich an der einen Stelle ungünstig gezeigt haben, auch wieder zugute halten, was sie an anderer Stelle geleistet haben.

Da die Österreicher die Preußen nicht verfolgten, so gelangten diese ungefährdet nach Königgrätz und wunderlich genug, standen nunmehr die Preußen ungefähr in den Stellungen, in denen vor einem Vierteljahr die Österreicher gelagert waren. Auch jetzt noch[408] hätte Friedrich, nachdem er seinen ganzen Train über das Gebirge nach Schlesien zurückexpediert, Daun gern in eine Schlacht verwickelt, aber die Österreicher hielten sich dauernd in Stellungen, wo Friedrich den Angriff nicht wagen wollte. Maria Theresia schrieb ihrem Feldmarschall: er möge doch jetzt eine Schlacht wagen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie verloren ginge, denn die Preußen würden sich gegen die Russen wenden und man müsse suchen, sie vorher zu schwächen. Ein erstaunliches, in seiner Weise großartiges Wort: Maria Theresia will den eigenen vielleicht größeren Verlust auf sich nehmen, nur um ihn dem Feinde auch zuzufügen und dadurch dem Bundesgenossen die Aufgabe zu erleichtern! Man sollte meinen, jetzt hätte der Zusammenprall stattfinden müssen, denn auch Friedrich wollte ja die Schlacht, selbst auf die Gefahr eines erheblichen Verlustes hin, um mehr Truppen wegnehmen und gegen die Russen führen zu können. Aber von Wien aus heroische Briefe zu schreiben ist leichter als im Angesicht des Feindes heroische Entschlüsse zu fassen, und nicht umsonst hatte die Kaiserin Daun als den Fabius gefeiert, der durch Zaudern das Vaterland gerettet, und auf die ihm zu Ehren geschlagene Münze prägen lassen: »cunctando vincere perge«. Daun eilte, als er den Brief der Herrin erhielt, wohl hinaus und sah sich die Stellung der Preußen an, aber das Ergebnis war, daß er sie zu stark fand, und auch etwa selber aufs freie Feld hinaus zu gehen und die Preußen zum Angriff herauszufordern, dünkte ihm nicht gut. Ebenso schienen auch Friedrich die Gelegenheiten nicht günstig genug, und nachdem die feindlichen Heere noch fast vier Wochen zwischen Königgrätz und Nachod um einander herummanöviert hatten, marschierte Friedrich ab und verließ Böhmen, um sich gegen die Preußen zu wenden.

Als bei Königgrätz die Nahrung knapp wurde (die Österreicher hatten den Rest ihres Magazins bei Leitomischl verbrannt, als die Preußen nahten) befahl der König, daß die Soldaten selber Getreide mähen, dreschen, reinmachen und an die Bäckereien abliefern sollten. Jedes Regiment hatte eine bestimmte Zahl Scheffel zu liefern446.[409]

Dieser böhmisch-mährische Feldzug endete für Friedrich zweifellos als strategische Niederlage, und in seinem eigenen Offizierkorps, so schreibt noch Archenholtz, sah man das ganze Olmützer Unternehmen als einen Fehler an. Hätte Friedrich nicht richtiger gehandelt, wenn er mit seiner Hauptmacht in der Lausitz oder in Niederschlesien sich stille gehalten und abgewartet, bis entweder die Österreicher oder die Russen ihm nahe genug in die freie Ebene kamen, daß er sie packen konnte? So wie er sich es im Frühjahr 1757 ursprünglich gedacht hatte?

Da der Feldzug schließlich mißglückt ist, so war und ist es leicht, hinterher zu erklären, daß es besser gewesen wäre, ihn gar nicht zu unternehmen. Waren die unnütz aufgewendeten Kosten und die positiven Verluste auch nicht gerade erheblich447 und war die moralische Einbuße der Aufhebung der Belagerung von Olmütz durch den so glänzend durchgeführten Rückzug wieder ausgeglichen, so hätte man bei einer Defensive doch gar keine Verluste erlitten und Friedrich hätte bei Zorndorf immerhin um einiges stärker sein können. Es ist also richtig: Friedrich hätte das mährische Unternehmen besser unterlassen.

So die objektive Betrachtung; aber die Strategie ist niemals in rein objektive Berechnungen aufzulösen. Auch die Subjektivität des Feldherrn will ihr Recht. Wir haben Daun, als er den preußischen Rückzug nicht ausnützte, zugute gehalten, daß er eben Daun war; jetzt gilt für Friedrich dasselbe und zugleich das Umgekehrte. Friedrich wäre nicht Friedrich gewesen, hätte er nach dem Siege von Leuthen bis in den Juli des nächsten Jahres stillgehalten und abgewartet, ob die Feinde kommen würden. In einem Einfall nach Mähren erkannte er die Chancen eines positiven Erfolges und da war es ihm unmöglich, sie unbenutzt zu lassen. In einem Gutachten des Wiener Hofkriegsrates448 lesen wir, der König von Preußen werde Daun »er setze sich, wie er wolle, doch endlichen durch seine Bewegungen, worinnen er uns bekanntermaßen allemal[410] überlegen ist, Bataille zu liefern zwingen«. Sollte Friedrich sich also von Anfang an sagen, daß Daun sich nicht zu einer Schlacht verlocken lassen würde, und daß es ihm, da doch Olmütz nur 8 Meilen von der preußischen Grenze entfernt liegt, gelingen würde, den Belagerern die Zufuhren abzuschneiden? Es war doch möglich, daß es anders kam, und die Vorstellung, daß der König von Preußen der Mann sei, jede Möglichkeit auszunützen, diese Vorstellung ist es ja schließlich gewesen, die ihm die Feinde vom Leibe gehalten hat, wenn sie ihm auch noch so sehr überlegen waren. Eben damals schrieb Loudon an einen Freund, daß dem König von Preußen fast nichts in der Welt unmöglich sei449. Wie wir von Daun gesagt haben, daß es derselbe Daun war, der Friedrich so glücklich von Olmütz wegmanövrierte und nachher dessen fast verzweifelte Lage auf dem Rückzug nicht auszunützen verstand, so ist es derselbe Friedrich, der auf geringe Chancen hin den mährischen Feldzug unternahm und eben durch diesen Unternehmungsmut dem Gegner so imponierte, daß, als der Feldzug mißglückte, er kaum einen Schaden davontrug.

Auch die Schlacht bei Zorndorf (25. August 1758) brachte nicht die Entscheidung, die Friedrich wünschte. Die Russen hielten sich, zogen, ohne daß Friedrich sie von neuem anzugreifen wagte, an der preußischen Front entlang ab und verließen zwar die Neumark, belagerten aber Kolberg. Diesen Erfolg hätte der König auch haben können, wenn er, wie der General Ruits ihm vorschlug, sich, statt anzugreifen, des russischen Trosses und der Vorräte, die von der Armee getrennt waren, bemächtigt hätte. Er machte auch noch einen Versuch dazu nach der Schlacht und sagte im Widerspruch zu sonstigen Ansprüchen, »das ist besser als eine Bataille«, aber der Versuch mißlang. Der Gewinn aus der Schlacht bei Zorndorf ist wiederum nicht der materielle, sondern der moralische: die Lähmung der Willenskraft bei den Gegnern durch die stete Furcht vor dem Angegriffenwerden.

Als aber Friedrich sich gar zu sehr darauf verließ, faßte sich Daun doch einmal ein Herz, überfiel ihn in dem leichtsinnig gewählten Lager bei Hochkirch (14. Oktober 1758) und brachte ihm eine schwere Niederlage bei. Friedrich wiederum machte diese[411] Niederlage wett, nicht durch ein neues siegreiches Gefecht, sondern durch schnelle geschickte Märsche, die die Österreicher verhinderten, durch Einnahme von Festungen in Schlesien und Sachsen ihre Vorteile auszubauen und zu befestigen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 402-412.
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