IV. Anan b. Anan.

[749] Von einem sadducäischen Hohenpriester aus der Zeit des Tempelbestandes hat sich eine Tradition in der talmudischen Literatur erhalten. Es wird von ihm erzählt, er habe nach der sadducäischen oder boëthosäischen Auslegung des Gesetzes mit dem bereits entzündeten Weihrauchgefäß am Versöhnungstage das Allerheiligste betreten, während nach der pharisäischen Ansicht die Entzündung erst im Allerheiligsten vorgenommen werden sollte. Beim Heraustreten habe er sich vor seinem Vater gerühmt, daß er den Mut gehabt habe, die sadducäische Theorie zu verwirklichen, was die anderen sadducäisch Gesinnten niemals gewagt hätten. Er sei aber drei Tage darauf gestorben. Dieser Vorfall hat so befremdet, daß über die Todesart dieses Hohenpriesters sich Sagen bildeten152. Ähnliches wird erzählt von einem sadducäischen Hohenpriester bezüglich der Funktion bei der Zubereitung der Asche von der roten Kuh. Dabei wurde der Hohepriester, welcher die Funktion zu versehen hatte, ebenso vor Unreinheit gewahrt und sieben Tage in Clausur gehalten, wie bei der Vorbereitung für den Versöhnungstag. Die Sadducäer wollten aber dabei eine noch strengere levitische Reinheit beobachtet wissen. Ein Hoherpriester habe es dabei gewagt, nach der sadducäischen Theorie zu verfahren. R. Jochanan b. Sakkaï habe ihn aber daran verhindert, indem er ihn am Ohr verwundet, um ihn für die Funktion untauglich zu machen. Drohend habe dieser Hohepriester zu ihm gesprochen, wenn er Zeit haben werde, werde er sich rächen. »Ja, wenn du Zeit haben wirst!« habe jener entgegnet. Dieser sadducäische Hohepriester sei aber drei Tage darauf ins Grab gelegt worden153.

Der Name und das Zeitalter dieses sadducäischen Hohenpriesters lassen sich ermitteln. Daß in diesen beiden Relationen nur von einem und demselben die Rede ist, kann nicht zweifelhaft sein, wie denn auch der jerusalemische [749] Talmud die Identität dessen, der am Versöhnungstage offen die sadducäische Theorie geltend gemacht, mit dem, der es bei der Funktion der roten Kuh getan hat, angenommen hat. Das, was die talmudischen Quellen erzählen, daß die späteren Sadducäer nicht gewagt haben, ihrer dissentierenden Theorie Folge zu geben, bestätigt Josephus. Er referiert154: »Von ihnen (den Sadducäern) wird fast nichts ausgeführt. Selbst wenn sie zur Macht gelangen, fügen sie sich dem, was der Pharisäer spricht, wenn auch ungern und mit Überwindung, weil sie sonst von der Menge nicht geduldet werden würden«. Nach Beendigung des Kampfes unter den sadducäischen Fürsten haben also die Sadducäer nicht gewagt, offen ihrer Theorie Geltung zu verschaffen. Es gehörte also eine besondere Kühnheit dazu, wenn ein Hoherpriester der pharisäischen Lehre Opposition gemacht hat, und diesen Mut besaß einzig und allein der Hohepriester Anan, Sohn des Anan, kurz vor dem Ausbruch der Revolution.

Josephus erzählt nämlich von diesem ausdrücklich, daß er als Hoherpriester die sadducäischen Grundsätze betätigt habe. Er sei nämlich sehr kühn und wagehalsig gewesen. Als er nach dem Tode des Landpflegers Festus. ehe noch dessen Nachfolger Albinus in Judäa eingetroffen war, von dem Könige Agrippa II. zum Hohenpriester ernannt worden war, habe er es für gelegen gehalten, ein Tribunal von sadducäischen Richtern einzusetzen, um diejenigen, welche die pharisäischen Richter wegen ihrer milden Auslegung der Strafgesetze verschont hatten, anklagen und steinigen zu lassen155. Josephus spricht zwar nur von strafrechtlichen Vollstreckungen in sadducäischem Sinne; aber es läßt sich denken, daß, wenn dieser Anan in bezug darauf die sadducäische Strenge hat walten lassen, er um so mehr bei den Funktionen, die ihm selber als Hohenpriester oblagen, die sadducäische Theorie zur Geltung gebracht haben wird, also bei der Darbringung des Räucherwerkes am Versöhnungstage und bei der Veranstaltung für das Gewinnen der Asche von der roten Kuh. Josephus, der für Römer und Griechen geschrieben hat, überging wohl bei der Erzählung von Anans Sadducäismus alles, was für solche Leser unverständlich gewesen wäre. Anan, Sohn des Anan, war also der Hohepriester, der offen Opposition gegen den Pharisäismus gemacht und sich dessen gerühmt hat, was seine Gesinnungsgenossen aus Furcht niemals gewagt haben. Allerdings die Sage von dem Ende dieses sadducäischen Hohenpriesters paßt nicht recht; denn Anan lebte noch mehrere Jahre und kam erst in der Revolution um. Nichts desto weniger weisen einige Züge in der Sage selbst von dem Ende eines sadducäischen Hohenpriesters ebenfalls auf diesen Anan hin.

Josephus erzählt nämlich weiter von diesem Hohenpriester, er habe nur drei Monate fungiert. Denn Agrippa habe ihn auf die Klagen der achtbaren Männer Jerusalems und besonders derer, welche es mit dem Gesetze (der Thora) genau nahmen (καί τὰ περί τοὺς νόμους ἀκριβεῖς), abgesetzt. Diese [750] drei Monate scheinen in der Sage zu drei Tagen zusammengeschrumpft und die Absetzung in den Tod verwandelt worden zu sein. Der später erfolgte bejammernswerte Tod dieses Anan gab wiederum einer anderen Sage Veranlassung zu der Schilderung vom Tode des sadducäischen Hohenpriesters. Anan wurde nämlich samt seinem Parteigenossen Josua b. Gamala nach dem Eindringen der mit den Zeloten verbündeten Idumäer – als Häupter der Gegen-Revolution und als Römlinge – ermordet, und seine Leiche wurde nackt in den Staub geworfen zum Fraß für die Hunde (Josephus j.K. IV, 5, 2): ῤῥιμμένοι γύμνοι βορὰ κυνῶν καὶ ϑƞρίων (Ἄνανος καὶ Ἰƞσοῠς τοῠ Γαμαλιἠλ). Dieses Ende des sadducäischen Hohenpriesters steckt auch in dem Zuge (in der Quelle des babylonischen Talmuds), daß er in den Staub geworfen wurde (דע הפשאב לטוהש). Die Sage hat also manches von dem tragischen Tod dieses kecken sadducäischen Hohenpriesters Anan erhalten, nur hat sie sein Ende, das erst acht Jahre nach seiner Amtsentsetzung erfolgte, eben nach Sagenart zusammengedrängt und mit dunkler Erinnerung an die drei Monate seiner Funktion in drei Tage umgewandelt.

Was die talmudischen Quellen von einem Hohenpriester erzählen, daß er bei der Funktion am Versöhnungstage und bei der roten Kuh die sadducäische Interpretation keck betätigt habe, bezieht sich also ohne Zweifel [?] auf Anan, den jüngsten der fünf Söhne des älteren Anan. Seine dreimonatliche Hohepriesterwürde fällt in das Interim zwischen dem Tode des Prokurators Festus und der Ankunft seines Nachfolgers Albinus. Und da er während der drei Monate am Versöhnungstage fungiert hat, so fielen diese in den Herbst 61 der nachchr. Zeit (o. S. 733). Erst seit dieser Zeit, und wir dürfen jetzt hinzufügen, infolge von Anans sadducäischer Demonstration, wurde der Brauch eingeführt, dem Hohenpriester einen Eid abzunehmen, daß er an dem Ritus für den Versöhnungstag nichts ändern werde, wie es die Mischna berichtet. D. h. also erst zehn Jahre vor der Tempelzerstörung wurde die Vereidigung eingeführt, wie denn überhaupt die Traditionen in der Mischna über die Eigenheiten bei den Funktionen im Tempel (in Joma, Sukka, Tamid und Middot) erst aus der letzten Zeit des Tempelbestandes stammen. Diesen Eid können also nur vier Hohepriester geleistet haben, welche innerhalb dieser 10 Jahre fungiert haben: Josua b. Damnaï, Josua b. Gamala (oder Gamaliel), Matthia b. Theophilus II. und allenfalls auch noch der vom Volke während der Revolution gewählte Pinehas b. Samuel aus Aphta.

Noch ein anderes geschichtliches Faktum läßt sich aus diesem Resultate gewinnen. Die Tossephta Parah führt R. Jochanan b. Sakkaï in Unterredung mit diesem sadducäischen Hohenpriester ein und läßt den letzteren ein Drohwort gegen den ersteren aussprechen (ךל הנפאשכל), weil dieser dessen sadducäische Demonstration bei der Funktion mit der roten Kuh gehindert hat (o. S. 749). Die Chronologie stimmt damit recht gut; denn R. Jochanan b. Sakkaï galt bereits vor der Tempelzerstörung als Autorität und hat manches, was nicht mehr zeitgemäß war, aufgehoben. Unter den pharisäischen Gesetzeslehrern (περὶ τοὺς νόμους ἀκριβε$ς), welche beim König Agrippa Beschwerde über Anan wegen seiner sadducäischen Rücksichtslosigkeit geführt hatten (o. S. 750), kann man sich daher auch R. Jochanan denken. Er war damals der Hauptvertreter des Pharisäertums. Seine Disputationen mit Sadducäern werden im Talmud öfter angeführt (Baba batra p. 115b, Menachot p. 65a, Jadajim IV, 6, Tossefta Jad. Ende; Megillat Ta'anit I, 2; V Ende; VIII, 3) stets mit der Einleitung ןנחוי 'ר םהל לפטנ ז"ב oder םהל רמא. Diese Disputationen scheinen im[751] ganzen historisch zu sein und haben wohl während Anans Pontificats stattgefunden. Denn nach der tragischen Katastrophe des Unterganges Jerusalems war weder Stimmung, noch Gelegenheit für solche Disputationen vorhanden. Dieser Hohepriester Anan hat gewiß die noch vorhandenen Sadducäer und Boëthosäer um sich geschart, da er doch bei seiner Reaktion gegen das Pharisäertum die Stütze einer Partei brauchte. Um ihre Interpretation der pentateuchischen Gesetze und ihre praktische Anwendung apologetisch zu begründen, hat die sadducäische Partei oder richtiger die Schriftgelehrten derselben gewiß mit ihren Gegnern disputiert, und diese haben wohl ihren kundigsten Verfechter, eben R. Jochanan b. Sakkaï, zum Opponieren gewählt. Das gab Veranlassung zu den tradierten Disputationen mit Sadducäern, die eben da durch historische Sicherheit erhalten.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 749-752.
Lizenz:
Faksimiles:
749 | 750 | 751 | 752
Kategorien:

Buchempfehlung

Anonym

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Li Gi - Das Buch der Riten, Sitten und Gebräuche

Die vorliegende Übersetzung gibt den wesentlichen Inhalt zweier chinesischer Sammelwerke aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert wieder, die Aufzeichnungen über die Sitten der beiden Vettern Dai De und Dai Schen. In diesen Sammlungen ist der Niederschlag der konfuzianischen Lehre in den Jahrhunderten nach des Meisters Tod enthalten.

278 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon