III. Simon Kantheras.

[742] Über den stets mit dem Epitheton ornans קידצה zubenannten Hohenpriester Simon herrscht in der talmudischen Literatur eine so arge Konfusion, daß sie die Nachrichten über ihn historisch wertlos macht. Aber diese Konfusion läßt sich leicht lichten, und dadurch erlangen die Quellenangaben einigermaßen historische Bedeutung. Die Talmude nennen einen Hohenpriester Simon »den Gerechten«, welcher Alexander dem Großen entgegengezogen, und dessen Sohn der Erbauer des Oniastempels in Ägypten gewesen sei138. Es ist derselbe, den auch Josephus Σίμων ὁ δίκαιος nennt, ein Sohn Onias' I.139. Dieser Simon der Gerechte lebte also im Beginne der macedonischen Herrschaft. Nun nennt aber die talmudische Literatur einen Hohenpriester »Simon den Gerechten«, welcher zur Zeit des Caligula gelebt und eine Stimme vernommen haben soll, daß dieser Kaiser umgekommen und sein Dekret (eine Bildsäule in den Tempel zu stellen) dadurch vereitelt sei140. Der in den Quellen genannte סקילוג סייג, zusammengezogen סוגלקסג, korrumpiert סגלגסק, ist kein anderer als Cajus Caligula. Hat nun ein Simon der Gerechte zur Zeit dieses Kaisers als Hoherpriester fungiert, so kann es doch nicht jener ältere Simon justus gewesen sein. Sollten die talmudischen Quellen sich einen solchen Anachronismus von mehr als drei Jahrhunderten haben zu Schulden kommen lassen? Allerdings scheint es so auf den ersten Blick Denn sowohl in jerus. Joma 43 c d, wie in Babli Menachot 109b, wo von einem Hohenpriester die Rede ist, welcher nicht lange vor der Tempelzerstörung gelebt habe, und nach dessen Tode das Aufhören der Gnadenzeichen als Vorbote des Unterganges, eingetroffen sei, wird hinzugefügt, daß dessen Nachkommen den Bau des Oniastempels veranlaßt haben.


Jeruschalmi:

הלודג הנוהכב לארשי תא קידצה ןועמש שמש הנש םיעברא הנמנ ימל ול ורמא . תמ ינא וז הנשב :ןהל רמא הנורחאה הנשבו אירדנסכלאל חרב ... םכינפל ינב ןוינוחנ ירה :ןהל רמא ?ךירחא .חבזמ םש הנבו דמעו

Babli:

תמ אוה וז הנש ןהל רמא קידצה ןועמש תמש הנש התוא ןקז יל ןמדזנ םירופכה םוי לכ םהל רמא ?עדוי התא ןינמ ול ורמא ... םירוחש שובל דחא ןקז יל ןמדזנ וז הנש ... םינבל שובל דחא ךרבלמ םינהכה ויחא וענמנו תמו םימי תעבש הלח לגרה רהאל ךלה .. יתחת שמתשי ינב וינוח םהל רמא ותריטפ תעשב .םשב .חבזמ םש הנבו םירצמ לש אירדנסכלאל


[742] Allerdings von einer gewissen chronologischen Konfusion sind die Quellen nicht frei zu sprechen, namentlich die beiden genannten – nicht aber die Tossefta – aber Veranlassung muß dazu die Verwechselung zweier Hoherpriester, denen beiden das Epitheton ornans קידצה beigelegt worden war, gegeben haben. Die Quellen geben ganz bestimmt und richtig an, daß einige Jahrzehnte vor der Tempelzerstörung ein Hoherpriester fungiert hat, der ebenso benannt war, wie der unter der macedonischen Herrschaft also genannte Simon justus.

In den beiden Talmuden ist nämlich angegeben, daß 40 Jahre vor der Tempelzerstörung gewisse Gnadenzeichen aufgehört haben und ein ungünstiges Omen sich ereignet habe, das mit R. Jochanan b. Sakkaï in Verbindung gebracht wird. Dieses Aufhören der Gnadenzeichen wird auf die Zeit nach dem Todesjahr des Hohenpriesters Simon des Gerechten zurückgeführt. Nun können ja die talmudischen Tradenten unmöglich so bodenlos verworren in der Chronologie gewesen sein, daß sie den älteren Simon justus vor der Makkabäerepoche und R. Jochanan b. Sakkaï, den sie selbst zur Zeit der Tempelzerstörung leben lassen, als Zeitgenossen angesehen haben sollten! Stellen wir die Notizen parallel zusammen, so wird sich das Richtige ergeben:


1) Jeruschalmi a.a.O.:

יברעמ רנ היה שדקמה תיב ברח אלש דע הנש םיעברא ינת היהו לאמשב הלוע םש לש לרוגו ,םידאמ תירוהז לש ןושלו ,הבכ . ןיחותפ ןתוא ןיאצומו ןימיכשמו ברעבמ לכיהה תותלד ןילעונ ןיעדוי ... ?ונילהבמ התא המל !לכיה :ייכז ןב ןנחוי 'ר ול רמא .ברחיל ךפוסש ונא

Babli Joma p. 39 b:

הלע לרוג היה אל תיבה ןברוח םדוק הנש םיעברא ןנבר ונת יברעמ רנ היה אלו ,ןיבלמ תירוהז לש ןושל היה אלו ,ןימיב ןנחוי 'ר ןהב רעגש דע ןהילאמ תוחתפנ לכיהה תותלד ויהו ,קלוד ינא עדוי ?ךמצע תיעבמ המ ינפמ !לכיה ,לכיה :ול רמא יאכז ןב .ברחיל דיתע ךפוסש ךב


Hier wird also das Unterbleiben der Gnadenzeichen und das Aufspringen der Tempelpforte 40 Jahre vor die Tempelzerstörung und in die Zeit R. Jochanan b. Sakkaïs gesetzt. Voraufgehend werden im Jerusch., in der Tossefta und auch im Babli ungünstige Omina für den Untergang mit Simon des Gerechten Tod in Verbindung gebracht, teils die hier genannten und teils andere:


2) Tossefta Sota XIII, 7:

תמשמ . רידת יברעמ רנ היה םייק קידצה ןועמשש ןמז לכ ... קלוד םימעפ הבכ םימעפ ךליאו ןכימ הבכש והואצמו וכלה .הכרבה הקלתסנ ... תמשמ ... הכרעמ לש החוכ ששת ... תמשמ

3) Jeruschalmi das. babli das. 39 a:

ןימיב הלע םש לש לרוג םייק קידצה ןועמש היהש םימי לכ תמשמ .... לאמשב הלוע םימעפו ןימיב הלוע םימעפ ךליאו ןאכמ לש ןושל)... תמשמ : .. הבכ םימעפ קלוד םימעפ (יברעמ רנ) .... םימעפ... ... תמשמ ... .ןיבלמ וניא םימעפ ןיבלמ םימעפ (תירוהז ... תמשמ ... הכרעמ לש שא רבגתמ וניא םימעפ רבגתמ

.הכרב החלתשנ


Dieser Konfusion kann nur ein Mißverständnis zugrunde liegen. Wie gesagt, die Tossefta gibt keine Veranlassung zur Annahme, daß ihr Tradent den anachronistischen Schnitzer begangen hätte, diesen Simon den Gerechten, nach dessen Tod der Tempeluntergang durch gewisse Vorzeichen geahnt wurde, mit jenem Simon dem Gerechten zu identifizieren, dessen Nachkomme den Oniastempel erbaut hat. Es muß also zwei Hohepriester mit dem Namen ןועמש קידצה gegeben haben, und es braucht nur ein Hoherpriester Simon ermittelt zu werden, der nicht lange vor der Tempelzerstörung gelebt und den Beinamen »der Gerechte« oder »der Fromme« verdient hat.

[743] Josephus hebt hervor, wie fromm und demütig das Betragen des Königs Agrippa I. gewesen ist, nachdem er nach dem schmählichen Tode des Kaisers Caligula und nach Claudius' Regierungsantritt nach Judäa als König zurückgekehrt war. Darauf fährt er fort: »Da also Agrippa Gott ganz besonders verehrte, entsetzte er den Theophil, Sohn des Anan, der Hohenpriesterwürde, und übertrug die Ehre derselben dem Simon, Sohn des Boëthos, welcher den Beinamen führte Kantheras«141. Über die angebliche Abstammung dieses Hohenpriesters von Boëthos o. S. 737. Dieser Simon Kantheras muß also als höchst fromm gegolten und den religiösen Gesinnungen des Königs entsprochen haben. Er wurde gleich nach Agrippas Rückkehr zum Hohenpriester ernannt, d.h. im Jahre 41 post. Zwischen seiner Amtsführung und der Tempelzerstörung liegen zwar nur 29 Jahre und nicht 40; aber im Talmud werden öfter solche ungenaue Zahlen gebraucht (vgl. w.u.). Es ist also anzunehmen, daß die talmudischen Quellen mit ihrem קידצה ןועמש diesen Simon Kantheras gemeint haben, der zur Zeit Agrippas I. fungiert hat. Lebte er in dieser Zeit, so wird er es gewesen sein, der die Stimme aus dem Allerheiligsten vernommen haben wird, die Caligulas Ermordung (24. Januar 41) verkündet hat. Diese Erzählung von der Stimme aus dem Allerheiligsten beruht gewiß auf einer Sage. Sagenhaft erscheint ja auch die Nachricht von der Tochterstimme betreffend Caligulas Ende durch den Umstand, daß der Hohepriester, sei es Simon oder sein Vorgänger, gerade an Caligulas Todestage sie vernommen habe. Dieser erfolgte aber im Winter, und der Hohepriester kam nur am Versöhnungstage in das Allerheiligste. Chronologisch ungenau erweist sich auch die Notiz, daß sich die schweren Pforten des innern Tempels in derselben Zeit, d.h. 40 Jahre vor der Tempelzerstörung, einst von selbst geöffnet hätten, was von R. Jochanan b. Sakkaï als ein böses Omen erklärt worden wäre. Denn Josephus berichtet ebenfalls von diesem Vorfall und zählt dieses Omen neben anderen auf, welche den Untergang des Tempels vorher angedeutet hätten. Er bestimmt ihn aber zur Zeit kurz vor der Revolution und vor dem Ausbruch des Krieges142. Aber wie sagenhaft und chronologisch ungenau auch immer diese Quellen sind, so weisen sie doch auf einen zweiten Hohenpriester, Namens »Simon der Gerechte«, indem sie die Omina von ungünstiger Vorbedeutung teils auf die runde Zahl von 40 Jahren vor der Tempelzerstörung, teils auf die Zeit nach dem Ableben des Hohenpriesters Simon zurückführen. Mit beiden chronologischen Angaben meinen sie die letzten Jahrzehnte des judäischen Staates. Auch sonst werden diese Jahrzehnte durch die runde Zahl 40 bezeichnet. Es heißt: vierzig Jahre vor der Tempelzerstörung ist die Krimmalgerichtsbarkeit dem judäischen Staate entzogen[744] worden.143 Die Tatsache ist richtig, nur die chronologische Angabe ist ungenau. Denn erst seit dem Tode Agrippas I. ist Judäa wieder als römische Provinz behandelt worden. Die zweite Reihe der Prokuratoren hatte die politische Gewalt über das Land und bildete die letzte Instanz für peinliche Strafen. Die 40 Jahre sind demnach auf 26 zu reduzieren; sie wollen also nur angeben: seit dem Tode des letzten Königs von Judäa (denn Agrippa II. war genau genommen nicht König von Judäa), oder seit dem Verlust der letzten staatlichen Selbständigkeit, oder seit dem Tode des frommen Hohenpriesters Simon haben sich die Zustände in Judäa immer mehr verschlimmert.

Man kann noch das Gewebe der talmudischen Relation über die Vorgänge »in den vierzig Jahren«, oder, was dasselbe ist, seit dem Tode des Hohenpriesters Simon des Gerechten Faden für Faden zerlegen. Es ist darin Historisches und Sagenhaftes zusammengewebt. Es ist durchaus historisch richtig und mit klarem Verständnisse erkannt, daß mit dem Tode des nationalgesinnten Königs Agrippas I., des Zeitgenossen Simon Kantheras', die traurige Zeit begann, welche mit der Einäscherung Jerusalems und der Verblutung der Nation endete. Der Übermut der in Palästina angesiedelten Griechen und Halbgriechen gegen die judäischen Bewohner, das Bevormundungssystem, die Brutalität und Raublust der Landpfleger Cumanus, Felix und besonders Gessius Florus, die von den Zeloten unüberlegt unternommenen Aufstände, der wüste Patriotismus der Sicarier, die in ihrem Römerhasse Unschuldige und Schuldige heimlich mit ihren Mordwaffen trafen und die Herzen mit Besorgnis und Furcht erfüllten, die falschen Propheten und die falschen Messiasse, welche die gedrückte Lage des Volkes zu unbesonnenen Befreiungsversuchen benutzten und den Prokuratoren Gelegenheit und Vorwand gaben, blutige Exzesse zu üben, dieses alles hat in den letzten Jahrzehnten von Agrippas Tode bis zum Ausbruch der Revolution, welche die unerträgliche Lage zur Notwendigkeit gemacht hatte, die Gemüter verdüstert. Die Ängstlichen erblickten in jedem ungewöhnlichen Umstande, der sonst unbeachtet geblieben wäre, innerhalb dieser Zeit ein ungünstiges Omen für die Zukunft. Dergleichen Portenta wurden vom Gedächtnisse festgehalten, übertrieben und mit Ausschmückung überliefert. Die talmudischen Quellen und Josephus zählen eine Reihe dergleichen Erscheinungen auf, die teils tatsächlich vorgekommen sein mögen, teils der aufgeregten Phantasie ihr Dasein verdankten.

Man führte sie zurück entweder auf die Zwischenzeit vom Tode Agrippas I., d.h. von dem Verlust der letzten Selbständigkeit, bis auf den Tempeluntergang, oder auf die von dem Tode des Hohenpriesters »Simon des Gerechten«. Beide bezeichnen einen und denselben Terminus a quo. Der Irrtum liegt nur darin, daß man diese Zwischenzeit zu lang auf die runde Zahl 40 ausgedehnt hat. Es ist also gewiß, daß unter diesem »Simon dem Gerechten« kein anderer Hoherpriester gemeint sein kann, als Simon Kantheras, der zur Zeit Agrippas I. fungiert hat. Da es aber einen älteren Simon den Gerechten gegeben hat, so haben zwei Versionen die Vorgänge unter dem einen und dem anderen zusammengestellt, entweder weil sie beide für identisch gehalten wurden, oder weil sie bei der Erwähnung des einen auch das, was auf den anderen Bezug hat, aneinander reihen wollten.

[745] Wie gesagt, die Tossefta läßt sich diese Verwechselung oder irreführende Zusammenstellung nicht zu Schulden kommen. Alles das, was sie über »Simon den Gerechten« tradiert, kann sich daher nur auf Simon Kantheras beziehen. Sie hat z.B. nicht, daß dieser Hohepriester 40 Jahre fungiert hat. Diese lange Funktionsdauer gehört also Simon Justus I. an144. Die Erzählung, daß ein Hoherpriester dieses Namens seinen Tod vorausverkündet habe, ist gewiß eine Sage, gleichviel ob sie sich auf den einen oder den andern bezieht. Wichtig ist aber die Tradition, daß seit dem Tode des Hohenpriesters »Simon des Gerechten« die Priester aufgehört haben, das Tetragrammaton auszusprechen. Es gilt zu konstatieren, welcher der beiden darunter gemeint sein kann.

Die Tossefta knüpft an den Tod des Hohenpriesters Simon eben dieses Faktum (a.a.O.): תמו םימי תעבש הלח םשב ךרבלמ וירבח וענמנו. Da diese Quelle lediglich von Simon justus II. tradiert wird, so gilt ihre Tradition von diesem Faktum wohl nur diesem Hohenpriester. Auch die Notiz in bab. Joma 39b verknüpft es mit einem Simon schlechthin: וענמנו .תמו םימי תעבש הלח םשב ךרבלמ םינהכה ויחא. Nur die Notiz in Menachot 109 b bringt es mit Simon justus I., d.h. mit dem Stammvater des Erbauers des Oniastempels, in Verbindung: ותריטפ תעשב םשב ךרבלמ םינהכה ויחא וענמנו יתחת שמשי ינב וינוח םהל רמא. Allein aus anderen Notizen geht hervor, daß das Aussprechen des Gottesnamens Jhwh von den Priestern erst kurz vor der Tempelzerstörung eingestellt worden ist. Es heißt allerdings noch in der Mischna, daß beim Priestersegen außerhalb des Tempels die Ahroniden das Tetragrammaton durch Adonaï ersetzt, dagegen im Tempel stets den göttlichen Hauptnamen ausgesprochen haben (Sota VII. 6): ובתככ םשה תא רמוא שדקמב .. םינהכ תכרב ויונכב הנידמבו, woraus man folgern könnte, daß dieser Brauch bis zuletzt bestanden habe. Allein selbst der Hohepriester pflegte in der Zeit, die der Tempelzerstörung voranging, selbst bei der Funktion am Versöhnungstage das Tetragrammaton nur leise auszusprechen (Jerus. Joma p. 40 d): ןהכ) ורמוא היה הנושארב לוקב ורמוא היה ןיצורפה וברשמ הובג לוקב (םשה תא לודג ךומנ. Darauf folgt eine Erzählung aus der Zeit kurz vor dem Tempeluntergange: ןיב יתייה דמוע ןופרט 'ר רמא ועילבמ ויתעמשו לודג ןהכ יפלכ ינזא יתטהו הרושב םינהכה יחא םינהכה תמיענב. Dieselbe Notiz kommt auch vor babli Kidduschin p. 71 a: יתילע תחא םעפ ןופרט 'ר רמא אינת עילבהש יתעמשו לודג ןהכ לצא ינזא יתיטהו ןכודל ימא יחא רחא םינהכה ויחא תמיענב םש145. Wenn demnach der Hohepriester bei der feierlichsten Gelegenheit am Versöhnungstage das Tetragrammaton kaum vernehmbar ausgesprochen hat, so werden sich doch wohl dessen die Priester nicht täglich beim Priestersegen laut bedient haben. Es ist auch angegeben, daß manche [746] Ahroniden den Laut und die Aussprache des Tetragrammaten gar nicht mehr gekannt haben, indem die Kundigen ihn nur den Würdigen heimlich überliefert haben (Jerusch. a.a. O): רסמנ (ובתככ םש) אוה הנושארב םירשבל אלא רסמנ היה אל םיצורפה וברשמ םדא לכל 146. Wenn also nicht sämtliche Priester, welche je zweimal im Jahre nach der Reihe der 24 Abteilungen aus den entlegensten Gegenden Palästinas nach Jerusalem gekommen und eine Woche sämtliche Funktionen im Tempel auszuüben hatten, die Aussprache des Tetragrammaton kannten, so können sie sich doch nicht dessen beim Priestersegen bedient haben. Eben so wenig können ihn die Würdigen bei dieser Gelegenheit ausgesprochen haben, denn sonst würde die Vorsicht, ihn vor den Unwürdigen geheim zu halten, illusorisch gewesen sein.

Es ist also wohl sicher, daß in einem bestimmten Zeitpunkte das Aussprechen des Tetragrammaton im Tempel beim Gottesdienst eingestellt worden ist, und zwar für die gewöhnlichen Priester überhaupt und für den Hohenpriester am Versöhnungstage der Art, daß er ihn kaum hörbar hauchen soll. Beides gehört einer und derselben Zeit an. Welcher Zeitpunkt war es? Da Simon der Gerechte damit verknüpft wird, so kann darunter nur Simon Kantheras gemeint sein. Auf diese Zeit der Decadenz führt ja auch die Angabe, daß das Aussprechen des Gottesnamens Jhwh eingestellt worden sei: »als die Entarteten überhand genommen haben« (םיצורפה וברשמ). Diese Bezeichnung trifft genau mit der Zeit nach dem Tode Agrippas zusammen, in welcher, wie gesagt, heillose Verwirrungen, Zuchtlosigkeit, mit einem Worte Entartung an der Tagesordnung war.

Deutlich genug ist in einer Mischna, welche als eine unschätzbare Geschichtsquelle angesehen werden kann, angegeben, daß, als die Mordtaten (der Sikarier) zugenommen haben, man aufgehört habe, ein Sühnopfer für einen heimlich begangenen Mord zu bringen. Näher bestimmt wird diese Zeit durch den Zusatz: als Elieser ben Dinai und Tachina aufgetreten sind. Und als die Ehebrecher überhand genommen haben, habe man aufgehört, eine des Ehebruches verdächtige Frau auf die Probe zu stellen. Hinzugefügt wird, R. Jochanan b. Sakkaï habe diese Ordalien aufgehoben147. Es ist dieselbe Zeit, die Josephus schildert als »Beginn der Verwirrung und der Verderbnis«, oder von der er berichtet, »daß die Angelegenheit in Judäa ein immer schlimmeres Wachstum erhielt«148. Schon unter dem Prokurator Fadus, kurz nach Agrippas Ableben, begannen die Unruhen der mehr von Ingrimm gegen die Römerherrschaft als von politischer Einsicht und Berechnung des Erreichbaren geleiteten wilden Patrioten. Sie wurden noch vermehrt durch die Söhne des Stifters der Zelotenpartei, Jacob und Simon. Vergebens hatte der zweite Prokurator diese ans Kreuz nageln lassen. Ihre Rächer fehlten nicht; die Stifter der Sikarierbanden Eleasar ben Dinai und Alexander (wahrscheinlich identisch mit [747] dem in den talmudischen Quellen genannten Techina) fielen Römer und römisch gesinnte Judäer meuchlings an und erfüllten das Land mit Schrecken. Hand in Hand damit ging die Zügellosigkeit der aristokratischen Familien, wozu zu allererst die hohenpriesterlichen Häuser gehörten, welche es den Römern an Sittenlosigkeit und Unzüchtigkeit nachtun wollten. Das ist die Zeit, von welcher die talmudischen Quellen sagen, »daß die Entartung zugenommen hat«: םיצורפה וברשמ.

Also in dieser Zeit haben es die ehrlich Frommen für eine Blasphemie gehalten, wenn der dreimalheilige Gottesname von solchen Entarteten und vor dem Ohre solcher Entarteten ausgesprochen werden sollte. Seit dieser Zeit also nannten die Priester beim Priestersegen statt dessen den Namen »Adonaï«, und der Hohepriester selbst sprach den Gottesnamen nur leise aus. Mit Recht wird also diese Abrogation äußerlich an die Zeit nach dem Tode des Hohepriesters Simons des Gerechten geknüpft, d.h. wiederum an die trübselige Zeit nach dem Tode Agrippas. Es kann also darunter nur Simon Kantheras verstanden werden, dessen Tod als terminus a quo angesehen wurde.

Auch das, was das Scholion zu Megillat Ta'anit tradiert (wahrscheinlich aus einer untergegangenen Boraita), von der Anrede des Hohepriesters »Simon des Gerechten« an das Volk beim Eintreffen des Schrecken erregenden Befehles Cajus Caligulas, eine Bildsäule in den Tempel zu stellen, kann recht gut historisch sein, wenn man sich darunter Simon Kantheras denkt, der damals lebte, wenn er auch nicht gerade in dieser Zeit als Hohepriester fungierte. Es wird erzählt, die Nachricht sei am Rüsttag des Hüttenfestes (40 post) eingetroffen, da habe Simon der Gerechte (zum Volke) gesprochen: »Begehet ruhig eure Festtage mit Freuden; denn nicht eins von den (schlimmen) Dingen, die ihr vernommen habt, wird eintreffen. Denn derjenige, welcher seine Gegenwart in diesem Tempel weilen läßt, wird für uns Wunder tun, wie er sie in jedem Zeitalter für unsere Vorfahren getan hat149

Das Resultat dieser Untersuchung hat gewiß einen hohen Grad von historischer Gewißheit. Es läßt sich in Folgendem zusammenfassen. Es gab zur Zeit Agrippas I. einen frommen Hohenpriester Namens Simon, dem die Zeitgenossen den Ehrennamen des Frommen oder des Gerechten beigelegt haben, wie jenem Simon im Beginne der Macedonier-Herrschaft. Während seiner Zeit traf der tief verletzende Befehl Caligulas ein, und der fromme Simon hat das bis auf den Tod erschreckte Volk beruhigt Als die Gefahr vorüber und Agrippa I. aus Rom nach Judäa zurückgekehrt war, ernannte er diesen Simon zum Hohenpriester. Es war Simon Kantheras. Da die ihm nachfolgenden Hohenpriester ihm an Frömmigkeit nicht gleichkamen, so haben die Späteren alle ungünstigen Zeichen, welche nach seinem Tode eingetreten waren, auf seinen Tod zurückgeführt, als wenn er mit seiner Frömmigkeit das Volk hätte schützen und die Übel abwenden können. Wegen seines gleichlautenden Namens mit dem ältern Simon justus wurde er mit diesem verwechselt.

Die Erzählung, das ein Simon justus nur ein einziges mal vom Opfer eines Nasiräers, des schönen Hirten, genossen habe150, bezieht sich weit eher [748] auf den zweiten, da sie an den verschiedenen Stellen gleichlautet und mit einer gewissen poetischen Färbung wiedergegeben ist. Aus der Zeit des ersten hätte sich die Tradition nicht in dieser Ausführlichkeit erhalten. Gerade in der Zeit des zweiten Simon gab es in Judäa viele Nasiräer151; wahrscheinlich haben diese wegen der drohenden Tempelentweihung unter Caligula dieses Gelübde getan.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 742-749.
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