II. Simon b. Kamitos.

[740] Die talmudische Literatur hat noch eine Tradition von einem anderen der absetzbaren Hohenpriester erhalten, die, um historisch verwertet zu werden, erst rektifiziert werden muß. Sie ist an mehreren Stellen enthalten:


Tossefta Joma IV, 20:

יברע ךלמה םע רבדל אציש תיחמק ןב לאעמשיב השעמ הנוהכב שמשו ויחא סנכנו וידגב לע ול הלפנו ויפמ ארוניצ הזתינו םויב םילודג םינהכ הינב ינש ולא לש ןמא התארו ויתחת הלודג

.דחא

Jerusch. an ders. Stelle:

םע (לייטל Var.) רבדל אציש תיחמק ןב ןועמשב השעמ וידגב לע ויפמ קור לש הרוניצ הזתנו םירופכה םוי ברע ךלמה .הלודג הנוהכב ויחתחת שמשו ויחא הדוהי סנכנו . ותאמטו ינש ןמא התארו

.דחא םויב םילודג םינהכ הינב

Babli Joma p. 47 a:

רפסו אצי תחא םעפ .תיחמק ןב לאעמשי 'ר לע וילע ורמא (a

בבשי סנכנו וידגב לע ויפמ הרוניצ הזתינו קושב דחא יברע םע

.דחא םויב םילודג םינהכ 'ב ןמא התארו ויחתחת שמשו ויחא

םע רפסו אצי תחא םעפ .'ק 'ב לאעמשי 'ר לע וילע ורמא בוש (b .'וכו ויחא ףסוי סנכנו ... הזתנו קושב דחא ןודא

Midrasch zu Leviticus 20:

.'וכו יברעה ךלמה םע רבדל אציש תיחמק ןב ןועמשב השעמ

Tanchuma das.

םייברע לש ךלמה םע רבדל אציש תיחמק ןב ןועמשב השעמ .'וכו

Abot di R. Nathan c. 35:

.דחא ןומגה םע חיסהל אציש תיחמק ןב לאעמשי


[740] In allen diesen Quellen ist von einer und derselben Begebenheit und einer und derselben Person die Rede. תיחמק ist der Familienname dreier Hoherpriester (o. S. 738). Diese drei waren Simon Kamitos unter dem Prokurator Valerius Gratus (17-18 nachchr. Zeit), Joseph Kamitos unter Herodes von Chalkis und Joseph Kamitos II. (τοῠ Σίμωνος), d. h Sohn des ersten, unter Agrippa II. Da es keinen Ismaël Kamitos, sondern nur einen Simon und zwei Joseph gegeben hat, so ist die L.-A. תיחמק ןב ןועמש richtiger und auch die L-A. ויחא ףסוי richtig (statt הדוהי oder בבשי, wenn dieser Name nicht etwa dem Ἰώσƞπος entspricht). Die L.-A. יברע oder gar םייברע לש ךלמ, als wenn dieser Hohepriester eine Unterredung mit einem arabischen Könige gehabt hätte, ist eine Korruptel statt םוי ברע םירופכה. Auch von einem Könige überhaupt kann nicht die Rede sein, sondern, wie zwei Quellen haben, ןודא םע oder ןומגה םע; vielleicht ist die L.-A. entstanden aus ךלמ לש ... םע. Dieser »Hegemon« kann sehr leicht ermittelt werden; da Simon Kamitos von Valerius Gratus eingesetzt wurde und nicht länger als ein Jahr fungiert hat (Josephus Altert. XVIII, 2, 2), so kann es nur dieser von Tiberius beorderte Landpfleger gewesen sein, mit dem der Hohepriester am Vorabende des Versöhnungstages eine Unterredung hatte, und durch dessen Speichel er sich so sehr verunreinigt glaubte, daß sein Bruder ihn in den Funktionen am Versöhnungstage vertreten mußte. Was hatte der Hohepriester mit dem römischen Landpfleger am Rüsttag des Versöhnungstages zu verhandeln? Sieben Tage vor diesem heiligsten Feste mußte jeder Hohepriester in Abgeschiedenheit von jedem Verkehr in einer Halle des Tempels zubringen und sich Lustrationen unterziehen. Er durfte also während der Zeit und noch weniger am Vorabend des Festes ausgehen. Es kann also keine geringe Sache gewesen sein, welche diesen Simon Kamit veranlaßt hat, die Klausur des Tempels zu verlassen und sich am Rüsttage zum Prokurator zu begeben, um mit ihm eine Unterredung zu halten.

Von Härten und Chikanen, welche Valerius Gratus gegen die Judäer ausgeübt haben sollte, die der Hohepriester etwa hätte abwenden wollen, ist nichts bekannt. Erst sein Nachfolger Pontius Pilatus hat das System der Trakasserien und Beraubungen in Judäa eingeführt. Nun berichtet Tacitus gerade aus dieser Zeit, daß die Provinzen Syrien und Judäa von der Steuerlast sich so sehr bedrückt fühlten, daß sie um Erleichterung zu petitionieren wagten137. Ein Gesuch der Art an den Kaiser mußte zunächst beim Landpfleger [741] angebracht werden, wenn es Erfolg haben sollte. War Valerius Gratus nach Jerusalem gekommen – und anwesend muß er nach der Relation gewesen sein – so war es dringlich, daß der Hohepriester, als Vertreter des Volkes, ihm die Aufwartung machte und ihn um seine Vermittelung für das Gesuch um Steuerverminderung anging. So kann es gekommen sein, daß der Hohepriester Simon Kamit am Rüsttage des Versöhnungstages die Klausur im Tempel verlassen und eine Unterredung mit dem Landpfleger gehabt hat.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 740-742.
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740 | 741 | 742
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