10. Kapitel. Archelaus und die ersten römischen Landpfleger. 4 v. bis 37 n. Chr.

[245] Die herodianische Familie; Teilung Judäas; Aufstand gegen Archelaus; Sabinus und Varus; die abenteuernden Häuptlinge, Juda der Galiläer. Herodes' Testament bestätigt; Archelaus wird Ethnarch, seine kurze Regierungszeit, seine Verbannung. Judäa römische Provinz. Die Landpfleger. Aufregung wegen des Zensus. Die Schulen Hillels und Schammaïs. Juda der Galiläer Stifter der Zelotenpartei. Die Abgabenlast. Neue Feindseligkeiten der Samaritaner. Vertreibung der Judäer aus Rom unter Tiberius; die Vierfürsten. Erbauung der Stadt Tiberias. Feindseliger Geist des Landpflegers Pontius Pilatus. Wohlwollen des Statthalters Vitellius.


So unglückselig auch die heriodianische Regierung war, so konnte sie doch im Vergleich zu der nachfolgenden eine glückliche genannt werden. Sie hatte wenigstens eine blendende Außenseite und war in großem Stile gehalten und entbehrte nicht eines gewissen Schwunges. Judäas Grenzen reichten unter Herodes viel weiter hinaus als zur glücklichsten Zeit der Hasmonäer-Regierung. Die Landstriche, um welche die Hasmonäer Aristobul I. und Alexander I. jahrelang Kriege geführt und die sie doch nur zum Teil erobert hatten, jenseits des Jordan und des Hermon, waren Herodes durch einen Federstrich zugefallen; nur daß das Geschenkte minder angenehm ist als das mühsam Errungene. Die Städte Judäas erhoben sich in neuem Glanze, ausgestattet mit allem, was die griechische Baukunst für den Schönheitssinn darbot, nur daß sie mehr dem Ruhm der römischen Machthaber und der herodianischen Familie, als der Nation zustatten kamen. Die Hafenplätze der Meeresküste, namentlich der von Cäsarea, wimmelten von Schiffen und belebten den Handel; freilich vermehrten die daraus gewonnenen Einkünfte nicht den Nationalreichtum. Der Tempel strahlte in verjüngter Schönheit und konnte äußerlich an die Wiederkehr der salomonischen Zeit erinnern, nur daß die Priester gezwungen waren, für das Heil derer zu opfern, welche sie im Herzen verwünschten. Das Landgenoß sogar eine gewisse Selbständigkeit; denn die römischen Fesseln waren dem oberflächlichen Blicke unsichtbar. Dieser ganze Schein, [245] und eben weil alles Schein war, zerrann nach dem Ableben dessen, der ihn zu behaupten gewußt hatte. Sobald der Tod seinen Händen die Zügel entrissen hatte, trat eine Zerfahrenheit in dem öffentlichen Leben ein, die der Vorbote neuer und anhaltender Unglückstage war. Der äußerlich zusammengehaltene Staatsbau löste sich alsbald auf, stürzte zusammen und begrub unter seinen Trümmern alles, was noch an Freiheit und Nationalität in Judäa geblieben war.

Herodes hatte von seinen zehn Frauen sechs Söhne (und mehrere Töchter) noch am Leben gelassen, die er in seinem Testamente zum Teil begünstigte, zum Teil hintansetzte. Wie wenig ihm an der Größe Judäas gelegen war, und wie sehr ihn in allen Angelegenheiten nur die Selbstsucht leitete, zeigte die Eröffnung des Testamentes, mit dem Ptolemäus, der Bruder des berühmten Geschichtsschreibers Nikolaos von Damaskus, betraut war. Anstatt Judäa in seiner Einheit zusammenzuhalten, zerstückelte er es, um drei seiner Söhne mit Teilen desselben zu belehnen; die übrigen, Herodes, seinen Sohn von der zweiten Mariamne, einen andern Herodes von der Jerusalemerin Kleopatra und Phasael von der Pallas, bedachte er gar nicht. Seinem Sohn Archelaus von der Samaritanerin Malthake hinterließ er Judäa und Samaria und dessen Bruder Antipas die Landesteile (Tetrarchie) Galiläa und Peräa, Philipp von der Jerusalemerin Kleopatra eine andere Tetrarchie, größtenteils von wilden Völkerschaften bewohnt, Gaulanitis, Batanäa, Trachonitis, Auranitis und das Quellgebiet des Jordan unter dem Namen Paneas. Seiner Schwester Salome vermachte er als Belohnung für ihre Treue die Einkünfte der Städte Jamnia, Azotus und Phasaelis (im Norden von Jericho). Indes hatte Herodes diese letztwillige Verfügung und die anderweitigen Schenkungen nur als Wunsch ausgesprochen, und es dem Kaiser Augustus überlassen, sie zu bestätigen oder anderweitig über Land und Nachfolger zu bestimmen. Die brüderlichen Erben, wie sie ohne Liebe gezeugt und erzogen worden, waren auch nicht durch das Band geschwisterlicher Liebe untereinander vereinigt. Jeder beneidete den anderen um seinen Anteil; namentlich gönnte Herodes Antipas seinem Bruder Archelaus weder die größeren Landesteile, noch den Königstitel, da er in einem früheren Testamente als einziger Thronfolger bestimmt gewesen war. Salome, die Vielvermögende, empfand ebenfalls Haß gegen Archelaus und trachtete darnach, ihm die Nachfolge streitig zu machen. Die Zwietracht des herodianischen Hauses vererbte sich auf Kinder und Kindeskinder. Weil Herodes Verfügung von einem höheren Willen abhing, bestrebten sich die dabei interessierten Personen, die Volksgunst zu erlangen, um an ihr eine Fürsprecherin bei Augustus zu haben. [246] Salome und ihr Gatte Alexas gingen so weit, Herodes Mordbefehl wider die in Haft gehaltenen Vornehmen des Landes (o. S. 244) unausgeführt zu lassen; sie wußten den Obersten der herodianischen Leibwache zu überreden, Herodes selbst sei von der Ausführung der angedrohten Hinrichtung in Masse abgestanden1.

Archelaus, der noch mehr Grund hatte, sich mit dem Scheine der Volksgunst zu umgeben, betrat nach der Trauer den Tempelvorhof und versprach, auf einem in Gestalt eines Thrones errichteten Rednerstuhle stehend, die Unbilden, die das Volk von seinem Vater erlitten, abzustellen und alles auf das befriedigendste zu ordnen. Allein die Volksmenge, durch diese Nachgiebigkeit ermutigt, begnügte sich nicht mit leeren königlichen Versprechungen, sondern formulierte die Beschwerden in faßbare Punkte und verlangte schleunige und sichere Abhilfe. Fünf Punkte waren es besonders, auf welchen das Volk hartnäckig bestand: die drückenden, regelmäßigen jährlichen Steuern sollten vermindert, die Zölle auf öffentliche Käufe und Verkäufe aufgehoben, die Gefangenen, die seit Jahren in den Kerkern schmachteten, in Freiheit gesetzt, die Räte, die für den Feuertod der Adlerzerstörer mitgestimmt, sollten bestraft, endlich der mißliebige Hohepriester Joasar abgesetzt und ein Würdigerer an seine Stelle eingesetzt werden2. Damit war aber nicht weniger verlangt, als ein neues, volkstümliches Regierungssystem einzuführen und die herodianische Tyrannei öffentlich zu brandmarken.

Wenn Archelaus auch der gute Ruf seines Vaters nicht sehr am Herzen lag, war er doch nicht imstande, auf solche Wünsche einzugehen; aber um das Volk nicht zu reizen, versprach er alles und schob die Ausführung auf, bis das Testament die Bestätigung erhalten haben würde. Allein die Volksmenge, aus den vielen Tausenden bestehend, die am Vorabend des Passah zur Festfeier aus allen Teilen Judäas in Jerusalem zusammengeströmt waren, und aufgestachelt von den strengen Pharisäern, die mit der Erinnerung an den Märtyrertod der Adlerzerstörer Juda und Matthias und ihrer Jünger auf das Gemüt wirkten, ließ sich nicht abweisen, sondern trat trotzend auf. Was sie unternommen hat, ist nicht bekannt; Archelaus hatte einen Aufstand zu fürchten, und um diesem vorzubeugen, sandte er eine Schar Soldaten, die Zusammenrottung auseinanderzutreiben. Aber die Soldaten wurden mit Steinwürfen empfangen und in die Flucht geschlagen. Indessen nahte der Nachmittag heran, und das Volk, mit dem Passahopfer beschäftigt, hatte vorläufig seinen Zorn fahren lassen und dachte weder an Angriff noch an Widerstand. Da ließ Archelaus die opfernde Menge [247] von sämtlichen in Jerusalem weilenden Fußtruppen plötzlich überfallen und niederhauen; die Reiterei stand in der Ebene, um die Flüchtigen niederzutreten. Dreitausend kamen an diesem Tage auf dem Tempelberge und in den angrenzenden Stadtteilen um, die übrigen zerstreuten sich. Herolde machten darauf in der ganzen Stadt bekannt, daß Archelaus die Passahfeier für dieses Jahr (4) verböte; jedermann sollte sich vom Tempel fernhalten3. Das war die Einweihung von Archelaus' Regierung. Indessen mag zu seiner Entschuldigung dienen, daß er zum Blutvergießen förmlich herausgefordert war, indem das Volk Anforderungen an ihn stellte, die er außerstande war zu erfüllen, wollte er sich nicht dem Verdachte aussetzen, sich königliche Befugnisse angemaßt zu haben, ehe noch Augustus sein Wort gesprochen hatte.

Obwohl Archelaus' Verwandte an seiner Stelle nicht milder verfahren wären, tadelten sie dennoch seine Grausamkeit und bedienten sich derselben als Waffe, um als Ankläger gegen ihn vor Augustus aufzutreten und ihm die Thronfolge streitig zu machen. Die ganze Sippschaft reiste nach Rom, um Judäa zu den Füßen des Kaisers zu legen und von ihm die Bestätigung oder Änderung des Testamentes zu erflehen. Während ihrer Abwesenheit traten Ereignisse ein, die den Preis ihrer Bewerbungen beinahe in andere Hände gelegt hätten. Judäa glich einem großen Kampfplatze, auf dem erbitterte Gegner gegeneinander losrennen. Häuptlinge warfen sich in mehreren Teilen als Könige oder Volksführer auf, für und gegen die Freiheit kämpfend. Das Blut der erschlagenen Kämpfer, das Geschrei der wehrlos Erwürgten, der Rauch der eingeäscherten Städte erfüllten jedes Herz mit Grauen und schienen den Untergang Judäas herbeizuführen. Die tragischen Ereignisse des ersten Jahres nach Herodes' Tode bezeichnet die Chronik mit dem Ausdruck Kriegsepoche des Varus4, des Statthalters von Syrien, bekannt durch seine spätere Niederlage gegen die Germanen. Die Leiden, die infolge von Varus Einmischung über Judäa hereinbrachen, standen in keinem Verhältnis zu der Dauer des Aufstandes und Kampfes. Quinctilius Varus war nach der Abreise der herodianischen Familie auf Archelaus' Veranlassung in Jerusalem geblieben, um den Ausbruch eines Aufstandes in Abwesenheit der Fürsten im Keime zu ersticken. Die Arbeit fiel ihm nicht schwer, da die den Herodianern feindlichen Patrioten weder nach einem Plane handelten, noch bewaffnet waren, sondern sich von ihrem Hasse zu unklugen Demonstrationen hinreißen ließen. Hierauf hielt Varus seine Anwesenheit in der judäischen Hauptstadt für überflüssig und begab sich auf seinen [248] Posten nach Antiochien, ließ aber doch eine hinlängliche Truppenzahl zurück, um jedem erneuerten Versuch zu begegnen. Kaum war der Statthalter abgezogen, so traf ein anderer römischer Plagegeist in Jerusalem ein, Augustus' Schatzmeister Sabinus, den sein Herr abgesandt hatte, um Herodes' Schätze und vermutlich auch den Tempelschatz mit Beschlag zu belegen, als wenn der Kaiser der rechtmäßige Erbe des herodianischen Nachlasses gewesen wäre. Sabinus muß nichts Gutes im Sinne gehabt haben; denn obwohl er Varus versprochen hatte, bis zur Entscheidung des herodianischen Testamentes in Cäsarea zu verweilen, beschleunigte er dennoch seine Reise nach Jerusalem5. Weil ihm aber die von Archelaus bestellten Hüter der Schätze nicht willfährig waren, reizte er die Menge förmlich zu einem Aufstande auf, um Veranlassung zum Einschreiten zu haben6.

Indessen rückte das Wochenfest heran, das abermals eine Menge Volkes aus allen Teilen dies- und jenseits des Jordan nach Jerusalem führte, von denen die meisten mit dem Gedanken gekommen waren, gegen die Römer und Herodianer einen Schlag zu führen. Der Kampf blieb nicht aus; die Volksmassen, die ihre Führer gefunden hatten, nahmen den Tempelberg und den Hippodrom ein und bedrohten die Römer, die im Palaste des Herodes in der Oberstadt ihr Quartier hatten. Sabinus hielt sich für verloren, ermunterte einerseits von der Höhe des Turmes Phasael, wohin er sich zur Sicherheit zurückgezogen hatte, die Römer zum Angriff auf den Tempel und sandte andererseits Eilboten an Varus, damit er Verstärkung zu ihm stoßen lasse. Die judäischen Angreifer wären vermittelst der Geschosse und Steine, die sie von der Tempelmauer auf die Römer schleuderten, Sieger geblieben, wenn die Feinde nicht brennbare Stoffe auf das Dach der Säulengänge geworfen hätten, wodurch diese in Brand gerieten. Das Feuer griff so schnell um sich, daß die Kämpfenden nicht Zeit hatten, sich zu retten, und teils durch das Feuer, teils durch die Schwerter der Römer, teils durch Selbstmord aus Verzweiflung umkamen. Sobald der Tempel von seinen Verteidigern verlassen war, stürzten sich die Römer, von dem Schatze angezogen, in die Vorhöfe. Sabinus allein soll sich vierhundert Talente angeeignet haben7. Andere Verwüstungen, die die Römer im Tempel angerichtet haben, sind in den Quellen nur angedeutet. – Der Raub des Tempelschatzes, die Entweihung des Heiligen und die Zerstörung der Tempelhallen, kaum zehn Jahre nach ihrer Vollendung, fachten Wut und Mut zum neuen Angriff gegen Sabinus an. Selbst die meisten herodianischen Truppen gingen zu den Unzufriedenen über [249] und halfen die Römer bekämpfen. Nur Gratus, Anführer des herodianischen Fußvolkes, und Rufus, ein Reiterhauptmann, die zusammen dreitausend Soldaten befehligten, blieben den Römern treu. Die Aufständischen belagerten hierauf den herodianischen Palast, legten Minen, um die Türme zum Sturze zu bringen, und drohten den Römern mit dem Schlimmsten, wenn sie nicht sofort abzögen. Sabinus schwankte zwischen der Furcht, von den Judäern besiegt, und der Hoffnung, mit dem von Varus erwarteten Zuzug Meister des Aufstandes zu werden, und hielt sich in den Zitadellen des Palastes8.

Diese Vorgänge entfesselten in allen Teilen Judäas alle Gräuel der Anarchie, die indessen, wenn sie von einsichtsvollen Führern zu einem, die ganze Nation elektrisierenden Ziel geleitet worden wären, den Streit der Herodianer um die Krone noch auf eine andere Weise entschieden hätten, als diese erwartet haben. Aber weil die im ganzen Lande herrschende Aufregung und Erbitterung keinen Sammelpunkt fand und von Abenteurern selbstsüchtig ausgebeutet wurde, schadete sie der Nation mehr als den Feinden. Zweitausend Soldaten, die von Herodes kurz vor seinem Tode entlassen worden waren, vermutlich Idumäer, beunruhigten den Süden. Ein gewisser Simon, ein Sklave des Herodes, imposant wegen seiner Gestalt und Schönheit, sammelte eine Schar Unzufriedener um sich, die ihn als König anerkannten, und verbrannte den königlichen Palast in Jericho und andere königliche Burgen. Ein Namenloser aus Peräa verbrannte mit seiner Horde den königlichen Palast in Bethramta (Livias) am Jordan. Ein dritter Abenteurer, ein Hirte mit Namen Athronges, von riesiger Größe und Körperkraft, von vier ähnlichen Brüdern unterstützt, setzte sich das Diadem auf, band mit den Römern an, schnitt ihnen die Zufuhr ab und hielt sich so tapfer, daß er am schwersten zu besiegen war und sein Unwesen am längsten fortsetzen konnte9. Nur ein einziger Freischarenführer hatte ein festes Ziel im Auge und hätte den Römern und Herodianern am meisten schaden können, wenn er von Gleichgesinnten und vom Glücke unterstützt worden wäre. Es war Juda, bekannt unter dem Namen der Galiläer, aus Gamala in Gaulanitis gebürtig, ein Sohn jenes Ezekia, an welchem sich Herodes seine ersten Sporen verdient hatte (o. S. 178). Von Haß gegen Rom und das herodianische Haus und von Liebe zu der Nation erfüllt, rief Juda der Galiläer eine Partei ins Leben, die später die ganze Nation beherrschte und den Römern mehr zu schaffen machte als die Gallier und Germanen, die Partei der Eiferer (Zeloten). Juda stand damals in reifem Mannesalter [250] (geb. um 50 vorchr. Z.). Mit seinem Feuereifer und seinem glühenden Römerhaß entzündete er die Gemüter und gewann einen beträchtlichen Anhang unter dem kräftigen Menschenschlage der Galiläer. Mit diesem überfiel er die Waffenkammern der galiläischen Hauptstadt Sepphoris, bewaffnete seine Leute, besoldete sie mit dem vorgefundenen Gelde und wurde der Schrecken der römisch Gesinnten10.

Dringender noch als Sabinus mahnten die Vorgänge in der Nähe von Syrien den Statthalter, dem Aufstande zu begegnen und den gefährdeten römischen Truppen zu Hilfe zu eilen. Wie sehr muß die Schilderhebung der Judäer Varus in Angst versetzt haben, da er nicht nur die ganze verfügbare römische Truppenmacht (zwei Legionen Fußvolk und vier Geschwader Reiterei, über 20 000 Mann) ausrücken ließ, sondern auch die Hilfstruppen der benachbarten kleinen Fürsten unter die Waffen rief. Der Nabatäerkönig Aretas, froh, eine Gelegenheit zur Rache an den Judäern, seinen Besiegern unter Herodes, zu haben, stellte freiwillig seine Truppen dem römischen Feldherrn zur Verfügung, und verheerte, da er die Vorhut des römischen Heeres bildete, die Städte und Dörfer, die seine Truppen durchzogen, durch Plünderung und Brände. Eine Abteilung seines Heeres hat Varus nach Galiläa detachiert, die gegen Juda den Galiläer operieren sollte. Der Kampf um den Besitz von Sepphoris scheint sehr heiß gewesen zu sein; denn Varus ließ die Stadt in Flammen aufgehen und die Einwohner als Sklaven verkaufen; Juda der Galiläer aber entkam glücklich. Ebenso erging es der Stadt Emmaus im Westen, wo Athronges gehaust hatte; die Einwohner hatten sich jedoch durch die Flucht gerettet. In Jerusalem angekommen, fand Varus eine leichte Arbeit, indem die Belagerer des Sabinus, von den einrückenden Truppen erschreckt, den Kampf aufgaben. Er ließ nichtsdestoweniger auf die Schuldigen fahnden und zweitausend Gefangene ans Kreuz schlagen11. Das war das Ende des Aufstandes, der dem aufwallenden Zorne sein Entstehen verdankte, bei dem aber die Klugheit nicht zu Rate gezogen worden war. Er brachte Judäa nur noch in schimpflichere Abhängigkeit von Rom; eine Legion blieb zur Überwachung der Stadt in Jerusalem. – Während dieser Zeit bettelten die Herodianer vor Augustus' Thron um die judäische Krone und überzeugten ihn durch ihre kriechende Gesinnung und ihre gegenseitige Beschuldigung, daß sie allesamt unwürdig zum Herrschen waren. Ehe noch Augustus die Entscheidung getroffen hatte, kam eine judäische Gesandtschaft, aus fünfzig der angesehensten Männer bestehend, von [251] Varus ermutigt, nach Rom, um gegen das herodianische Regiment Klage zu führen und den Machthaber zu bitten, Judäa als eine mit Syrien verbundene römische Provinz zu erklären, im übrigen aber der judäischen Nation Freiheit in inneren Angelegenheiten zu gewähren. Da das Verlangen der Gesandtschaft von 8000 römischen Judäern unterstützt wurde, mußte sie Augustus zu Worte kommen lassen. Die Gesandten ergossen sich in Anklagen gegen Herodes, der die besten des Landes getötet und den Reichtum desselben ausgesogen hatte, um fremde Städte damit zu beschenken, im Lande selber aber Verarmung zurück gelassen hätte. Dennoch bestätigte Augustus, nachdem er sie und die Kronprätendenten angehört hatte, im ganzen das herodianische Testament, nur daß er Archelaus nicht den Königstitel bewilligte, sondern ihn bloß als Volksfürsten (Ethnarchen) anerkannte, allerdings mit dem Versprechen, ihm später, wenn er sich dessen würdig zeigen sollte, den Glanztitel auch noch hinzuzufügen12. Augustus mußte aus Anstandsrücksichten gegen einen Fürsten, der nächst seinem Egoismus den Römern mit Eifer und Ergebenheit gedient, und den er als Freund behandelt hatte, dessen letztwillige Verfügung ehren. Der kaiserliche Schatz büßte nichts dabei ein, ob Judäa unter dem Titel einer Ethnarchie oder einer Provinz von Rom abhängig war.

Archelaus' Regierung war kurz und bedeutungslos (4 vor bis 6 nach Chr.). Von Herodes' Eigenschaften sind nur seine Baulust und seine Kriecherei gegen die Römer auf seine Kinder und Enkel übergegangen. Im übrigen waren sie Schwächlinge, und selbst ihre Tyrannei hatte etwas Kleinliches und Kümmerliches. Anfangs schien Archelaus die gegen ihn wegen des Gemetzels im Tempelvorhofe entstandene Unzufriedenheit beschwichtigen zu wollen. Er gab der öffentlichen Meinung nach, setzte den mißliebigen Hohenpriester Joasar aus dem Hause Boëthos ab und an seiner Stelle dessen Bruder Eleasar ein, der sich übrigens auch nicht lange behauptete und einen gewissen Josua aus der Familie Sié oder Sety zum Nachfolger erhielt. Dieser mußte wiederum Joasar Platz machen. Drei Hohepriester in dem kurzen Zeitraume von neun Jahren13! Um gleich seinem Vater seinen Namen an einem Neubau zu verewigen, ließ Archelaus eine Stadt mit dem Namen Archelaïs erbauen, stellte den verbrannten Palast von Jericho wieder her und legte zur Bewässerung der Palmengärten von Jericho eine Wasserleitung von Naara nach dieser Stadt an. Seine Einnahmen von der Hälfte des Landes betrugen 600 Talente14. [252] Krieg führte er nur gegen den Häuptling Athronges, der sich nach dem Tode seiner vier Brüder noch lange zu behaupten gewußt hatte; aber nicht einmal diesen an Mannschaft bereits erschöpften Abenteurer vermochte Archelaus zu besiegen, sondern mußte sich die Bedingungen gefallen lassen, an die Athronges seine Unterwerfung knüpfte. – Die Empfindlichkeit der Frommen verletzte er durch seine Heirat mit seiner Schwägerin Glaphyra, der Witwe seines hingerichteten Bruders Alexander. Diese kappadozische Königstochter15 hatte ihrem unglücklichen Gatten zwei Söhne geboren, von denen später der jüngere Tigranes und der Sohn des älteren gleichen Namens zu Königen von Groß- und Kleinarmenien eingesetzt wurden. Ungerührt von dem traurigen Schicksale ihres Gatten hatte sie sich nach dessen Tode mit dem numidischen Könige Juba, dem bekannten Schriftsteller, verheiratet und von diesem geschieden, ging sie eine Ehe mit Archelaus, dem Bruder ihres ersten Mannes, ein, die nach jüdischem Gesetze verpönt ist. Um diese Ehe zu brandmarken, erzählte die Sage, Alexander sei ihr vor ihrem Tode im Traume erschienen, habe ihr ihre Untreue vorgeworfen und ihr verkündet, sie werde bald wieder mit ihm verbunden werden. Sonst ist aus Archelaus' Leben wenig bekannt; er wurde von Judäern und Samaritanern des tyrannischen Verfahrens angeklagt, von Augustus zur Verantwortung gezogen, entthront und ins Exil nach Gallien unter die Völkerschaft der Allobroger nach der Stadt Vienna verbannt (6 nachchr. Zeit16). Archelaus' Vergehen braucht darum nicht so arg gewesen zu sein und das seines Vaters übertroffen zu haben; es braucht nur in Augustus' Absicht gelegen zu haben, das zweideutige Verhältnis Judäas als eines Vasallenstaates mit dem einfachen einer römischen Provinz zu vertauschen, um zum Scheine den Beschwerden der Ankläger Gehör zu geben, ihn zu entsetzen und die Landesteile Judäa und Samaria zum römischen Reichskörper zu schlagen. Die Fürstentümer des Herodes Antipas und des Philipp blieben jedoch in ihrem früheren Verhältnisse. Nur die Städte, welche Salome gehörten, gingen in das Privateigentum des Augustus über, weil sie Salome bei ihrem Ableben (um 10 nachchr. Z.) der Kaiserin Livia geschenkt hatte17.

Judäa war also, nachdem es seit hundertundfünfzig Jahren unter eigenen Fürsten eine wirkliche oder scheinbare Unabhängigkeit behauptet hatte, vollständig unter römische Botmäßigkeit gebracht und mit der Statthalterschaft von Syrien vereinigt, in welchem Verhältnis es mit Abzug von wenigen Jahren bis zum letzten Aufstande verblieb. Der [253] kaiserliche Vertreter in Judäa, welcher den Titel Prokurator (ἐπίτροπος, Landpfleger) führte, hatte seinen Sitz in der Küstenstadt Cäsarea, welche von dieser Zeit an die gehässige Nebenbuhlerin Jerusalems wurde. Der römische Landpfleger hatte über die Ruhe und Ordnung des Landes zu wachen, die pünktliche Ablieferung der Abgaben aller Art zu betreiben und besaß sogar die Befugnis, die Todesstrafe zu verhängen und die peinliche Gerichtsbarkeit des judäischen Gerichtshofes zu überwachen18. Dadurch war die Autorität des Synhedrialkörpers beschränkt und seine politische Bedeutung, die er schon während der herodianischen Regierung eingebüßt hatte, fast auf nichts heruntergebracht. Wie in die Synhedrialfunktion, so maßten sich die Römer auch die Einmischung bei der Besetzung des Hohenpriesteramtes an. Der Landpfleger ernannte fortan die Hohenpriester und entsetzte sie wieder, je nachdem sie den römischen Interessen förderlich oder hinderlich waren, und hielt den hohenpriesterlichen Ornat in Gewahrsam, um ihn nur zu den drei Hauptfesten und für den Versöhnungstag auszuliefern. Die hohenpriesterlichen Gewänder lagen in einem Saale der Burg Antonia unter Schloß und Riegel und wurden von den Tempelbeamten vor der Festzeit gelöst und nach deren Ablauf im Beisein eines römischen Aufsehers wieder angelegt. Ein Licht brannte stets vor dem Schranke, worin der Ornat lag19. Der erste Landpfleger, den Augustus für Judäa ernannte, war der Reiteroberst Coponius. Mit ihm zugleich kam der syrische Statthalter Quirinius (6-7), um Archelaus' Privatvermögen als konfisziertes Gut mit Beschlag zu belegen und den römischen Zensus einzuführen, d.h. die Volkszahl aufzunehmen und die Ländereien abzuschätzen, um demgemäß die Steuerfähigkeit des Landes zu ermessen. Für jede Person sollte eine Kopfsteuer (tributum capitis) erhoben werden, selbst für die Frauen und Sklaven. Nur weibliche Kinder unter zwölf, männliche unter vierzehn Jahren und Greise waren davon ausgenommen. Außerdem wurden noch eine Einkommensteuer eingefordert und von den Viehzüchtern ein Teil der Heerde. Die Steuern von Grund und Boden (tributum agri) sollten in Abgaben von der Ernte geliefert werden (annona20). Diese Zumutung empörte alle Klassen der Bevölkerung in gleichem Grade, weil jeder darin einen Eingriff nicht bloß in die Staatsangelegenheiten, sondern in die Privatverhältnisse erblickte, als wenn Köpfe, Land und Vermögen jedes einzelnen [254] Eigentum des römischen Herrschers wäre, über welches er nach Belieben verfügen könnte. Man kann es den mit der römischen Staatsverfassung Unbekannten nicht verdenken, wenn sie den Zensus als eine Form der Sklaverei betrachteten und ein dem babylonischen ähnliches Exil mit bangem Herzen erwarteten. Diese, wenn auch übertriebene, so doch nicht ganz ungerechtfertigte Auffassung des Zensus rief, wie keine Maßregel vorher, eine tiefe Bewegung im ganzen Lande hervor und erzeugte neue Parteistellungen, welche die alte Entzweiung zwischen Pharisäern und Sadduzäern ganz in den Hintergrund drängte. Andere Gefühle, andere Stichwörter kamen jetzt an die Reihe. Die Frage, ob den mündlichen Gesetzesbestimmungen Gültigkeit zukomme oder nicht, wich vor der brennenden Frage, ob man sich von den Römern knechten oder ihnen energischen Widerstand leisten sollte, und die Antwort darauf spaltete die Pharisäer selbst in zwei Lager. Die infolge des Zensus entstandene neue Parteistellung ging aus dem Schoße des Synhedrion, aus dem Kreise des Lehrhauses, hervor; sie knüpfte sich an die Namen Hillel, Schammaï und Juda, den Galiläer.

Hillel und Schammaï haben wohl kaum die Katastrophe erlebt, welche Judäa in das Provinzialverhältnis zu Rom brachte. Die Nachricht, daß der erstere vierzig Jahre das Synhedrialpräsidium eingenommen habe21, entbehrt der geschichtlichen Gewißheit. Hillels Tod hat in weiten Kreisen Trauer verbreitet; die Gedächtnisrede an seinem Grabe begann mit dem Schmerzensrufe: »O frommer, o sanftmütiger, o würdiger Jünger Esras22!« Die Anhänglichkeit des Volkes an ihn erstreckte sich auch auf seine Nachkommen; das Synhedrialpräsidium wurde seitdem in seinem Hause erblich, und es behauptete sich in dieser Würde über vier Jahrhunderte. Von Hillels Sohn und Nachfolger Simon I.23 ist bis auf den Namen nichts bekannt; desto mehr Bedeutsamkeit erlangte die von Hillel gegründete Schule, welche den Geist ihres Gründers geerbt und treu fortgepflanzt hat. Ihre Anhänger zeigten im öffentlichen Leben dieselbe Friedfertigkeit, Sanftmut und Nachgiebigkeit wie ihr Meister24 und bewährten diesen Charakter während der großen Reibungen und Stürme, denen Judäa preisgegeben war. Von den Jüngern, die sich Hillel eng angeschlossen haben und »die Ältesten der Hillelschen Schule« (Sikne bet Hillel) genannt werden, in runder Zahl achtzig, sind nur zwei dem Namen nach bekannt: Jonathan, [255] Sohn Ussiels, und Jochanan ben ha-Choranit. Dem ersteren wird eine chaldäische Übersetzung der Propheten ohne tatsächliche Begründung beigelegt. Sein Vater Ussiel soll ihn enterbt und seine Hinterlassenschaft dem Schulhaupte Schammaï zugewendet haben, wahrscheinlich weil er unzufrieden war, daß der Sohn sich der Hillelschen Schule angeschlossen hatte. Jochanan hatte seinen Beinamen von seiner hauranitischen Mutter, die ihn wohl aus der Ehe mit einem Heiden geboren hatte25.

Wie ein Unglück selten allein eintrifft, so gesellte sich zu dem Leid der Fremdherrschaft für die judäische Nation das Mißgeschick der Spaltung innerhalb des Synhedrial-Kollegiums, das doch die Einheit ver treten sollte. Es ging in zwei Richtungen auseinander. Neben der Schule Hillels bildete sich die Schule Schammaïs, welche den Keil bildete, die bis dahin für die Auslegung und Anwendung des gegebenen Gesetzes in Schrift und Überlieferung einheitliche Lehre des Judentums zu spalten. Diese Spaltung, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert zunahm und später zwar tief beklagt, aber nicht mehr gehemmt werden konnte, wurde auf den Umstand zurückgeführt, daß die Jünger der beiden Schulen der Belehrung ihrer Meister nicht die volle Aufmerksamkeit zugewendet26, sondern sich in politische Händel gegen die Herodianer, die sie tief haßten und verabscheuten, eingelassen hatten.

Wie die Hilleliten die Sanftmut ihres Meisters zur Richtschnur nahmen, so eiferte die Schule Schammaïs ihrem Stifter in Strenge [256] nach und übertraf dieselbe noch, wie denn überhaupt die Milde naturgemäß einer Steigerung nicht fähig ist, die Strenge dagegen bis zum Übermaß angewendet werden kann. Als wenn den Religionsvorschriften gar nicht genügt und die Grenzen des religiös Verbotenen nicht weit genug ausgedehnt werden könnten, verfuhren die Schammaïten bei der Gesetzesauslegung so erschwerend, daß diejenigen ihrer Entscheidungen, die einen erleichternden Charakter haben, als merkwürdige Ausnahmen aufgezählt werden27. So dürfe nach ihrer Ansicht keine Arbeit vor dem Sabbat begonnen oder übergeben werden, die am Sabbat auch ohne Hinzutun eines Judäers vollendet werde28. Man dürfe am Sabbat weder Geldsummen zu wohltätigen Zwecken aussetzen, noch Unterhandlungen über Verlöbnisse oder Unterricht der Kinder pflegen, noch Kranke besuchen, noch Leidtragende trösten29. In den Bestimmungen über levitische Reinheit von Personen, Gefäßen und Kleidern hatten die Schammaïten Übertreibungen, welche sie den Essäern näher brachten30. Ebenso erschwerend waren sie in betreff der Ehegesetze. Scheidungen ließen die Schammaïten nur in Fällen unzüchtigen Betragens von seiten der Frau zu31. Eine kaum faßbare Peinlichkeit machten sie für die Beobachtung der religiösen Gesetze zur allgemeinen Regel. Die Empfehlung der großen Versammlung, einen Zaun um das Gesetz zu ziehen, daß es nicht übertreten werde (B II b, S. 184), überboten sie im Übereifer und machten Gesetze um Gesetze und verboten das Gestattete, weil im alleräußersten Falle ein Gesetz verletzt werden könnte. Dabei waren sie selbst von Gewissensbissen gequält, ob sie nicht unwissentlich sich hätten etwas zu Schulden kommen lassen. Ein Jünger Schammaïs aus einer adeligen Familie, Baba ben Buta, brachte täglich ein Schuldopfer, um eine vielleicht unbedacht begangene Übertretung des Gesetzes zu sühnen32. Die Schule Schammaïs hat das pharisäische Prinzip auf die Spitze getrieben und setzte ihre Beschlüsse meistens, da ihr Anhang im Synhedrion zahlreich war, gegen die maßhaltende Ansicht der Hilleliten durch. Bei den Debatten benahmen sich die Schammaïten rücksichtslos, ungestüm, oft verletzend selbst dem greisen Hillel gegenüber, und stets unbeugsam, während ihre Gegner gelassen und bescheiden auftraten und sich nachgiebig zeigten33. Von den Hilleliten wird öfter erzählt, daß sie sich für überwunden erklärten, von den Schammaïten dagegen niemals; sie beharrten stets auf ihrer Ansicht. Einzig und allein der milden [257] Nachgiebigkeit der Hillelschen Schule ist es zuzuschreiben, daß infolge der Schulstreitigkeiten der innere Frieden nicht gestört wurde34 und zwischen den Anhängern beider Schulen, die in so vielen Punkten auseinander gingen, ein freundliches Verhältnis herrschte. Ebenso streng wie in betreff der Gesetzesauslegung waren die Schammaïten in ihren Lebensanschauungen und in der Behandlung derjenigen, die sich als Proselyten dem Judentum anschließen wollten. Kam ein Heide zu einem Schammaïten, um von ihm in das Judentum aufgenommen zu werden, so konnte er auf einen unfreundlichen, abstoßenden Empfang gefaßt sein35. Die schammaïtische Schule liebte die Proselyten nicht, sie hatte an den proselytischen Herodianern traurige Beispiele, wie verderblich dem Judentume Halbjudäer werden können. So strenge aber auch die Schammaïten in der Auslegung des Gesetzes waren, so entbanden sie doch von dieser Strenge das judäische Heer, das gegen die Nationalfeinde in den Krieg zog. Hatte man früher Bedenken in bezug auf das Kriegführen am Sabbat, ob man nämlich einen versuchten Sturm auf die Besatzung abwehren dürfe, so sprachen sich die Schammaïten unbedingt dafür aus, daß man die Belagerung einer feindlichen Stadt, die man vor dem Sabbat begonnen habe, mit Verletzung sämtlicher Sabbatbestimmungen fortsetzen dürfe, bis die Festung zum Falle gebracht sei36. Diese Auslegung rührte von Schammaï selbst her, bei dem der Haß gegen die Heiden über die religiöse Peinlichkeit den Sieg davontrug. Die Schammaïten hatten auch im Volke einen so großen Anhang wie unter den Synhedristen; ihre religiöse Strenge wie ihr Heidenhaß fanden mehr Anklang als die Nüchternheit und Friedfertigkeit der Hilleliten; jene bildeten daher häufig die Mehrzahl und konnten ihre Beschlüsse durchsetzen. Mit ihnen geistesverwandt war die Partei der Zeloten, welche Juda, der Galiläer, (o. S. 250) von fanatischem Römerhasse erfüllt, stiftete; diese Eiferer (Kannaim) nannten sich auch nach dem Namen ihres Hauptstifters Galiläer. Das Stichwort, das Juda der Zelotenpartei gab, und das von einem Schammaïten Zaddok so gierig aufgenommen worden zu sein scheint, war, daß es das göttliche Gesetz verletzen heiße, wenn man den römischen Herrschern Gehorsam leiste; nur Gott allein gebühre die Herrschaft, und nur er könne Gehorsam verlangen. Man müsse daher mit dem Aufgebot aller Kräfte, mit Aufopferung des Vermögens, der Familie und des eigenen Lebens die Anmaßer bekämpfen, welche an Gottes Statt Untertanenpflicht von den Judäern verlangen37. Als Vorbild eines Eiferers wurde »Pinehas« [258] aufgestellt, welcher ganz allein einem pflichtvergessenen Stamme und der schlaffen Nation gegenüber für Gott geeifert und den Stammesfürsten »Simri«, welcher mit einer Midjaniterin Buhlerei trieb, getötet hat. Der judäische Staat müsse republikanisch regiert werden; sein Oberherr solle Gott und seine Verfassung dessen Gesetz sein. Solche Grundsätze, die jedermann faßlich waren, mußten um so mehr Eingang finden, je schwerer das römische Joch auf der Nation lastete. Das Ziel, die Erringung der Freiheit, elektrisierte Jünglinge und Männer. Anfangs nur von den Schammaïten unterstützt, vergrößerte sich die zelotische Partei, als die Römer die Zügel noch straffer anzogen.

Sobald Quirinius den Befehl erlassen hatte, daß jeder die Zahl seiner Familienmitglieder, seine Ländereien und sein Vermögen auf einer Rolle angeben sollte, gaben die Zelotenführer Zaddok und Juda, der damals in Jerusalem anwesend gewesen zu sein scheint38, das Zeichen zu energischem Widerstande. An einigen Orten scheint es zu Widersetzlichkeiten gekommen zu sein. Die Gemäßigten dagegen und der Hohepriester Joasar39 suchten die Gemüter zu beruhigen und die Aufregung zu dämpfen, vermutlich indem sie das Volk aufklärten, daß der Zensus nicht Knechtung und nicht Konfiskation des Vermögens beabsichtige, sondern nur die Steuerleistung kontrollieren solle. Aber dennoch blieb der Zensus so verhaßt, daß der Name selbst eine gehässige Bedeutung annahm; man bezeichnete mit dem Worte jede Geldstrafe (Census, κῆνσος, Kenas40). Wiewohl die Gemäßigten die Widersetzlichkeit zu verhindern suchten, waren sie nichtsdestoweniger über die Eingriffe der Römer empört. Wie konnten sie auch die römische Anmaßlichkeit gut heißen, da von jetzt ab Steuer von jedem Kopfe (Gulgôlet), Abgaben von den Feldfrüchten und den Häusern und endlich Ausgangs- und Eingangszölle (Meches) eingefordert wurden! Auch die Hilleliten hielten diesen Steuerdruck so sehr für ungerechtfertigt, daß sie, trotz ihrer Gewissenhaftigkeit, jedes Mittel gestatteten, sich von demselben zu befreien41. Wie verhaßt das römische Abgabensystem war, beweist der Umstand, daß jeder, der sich dabei beteiligte, sei es als Steuerpächter (Moches) oder als Zöllner (Gabbaï) für ehrlos erklärt, in der guten Gesellschaft nicht gelitten wurde und als Zeuge keinen Glauben fand42. Nur solche, welche aus Eigennutz oder Leichtsinn einen unfrommen Lebenswandel führten, gaben sich dazu her, das Zollamt zu übernehmen; Zöllner und [259] Gesetzübertreter wurden daher gleichbedeutende Schimpfnamen43. Noch eine andere Veränderung trat durch die römische Besitznahme von Judäa ein. Die öffentlichen Urkunden, selbst Scheidebriefe, mußten nach den Regierungsjahren der Kaiser ausgestellt werden, während man bisher nur nach den Jahren der judäischen Regenten gezählt hatte. Auch darüber waren die Zeloten empfindlich und warfen den gemäßigten Pharisäern, die sich selbst hierin nachgiebig gezeigt hatten, Lauheit in religiösen Dingen vor. »Wie dürfe man die Schändung begehen, in dem Scheidebrief die Formel ›nach dem Gesetze Moses und Israels‹ neben den Namen des heidnischen Herrschers zu reihen und solchergestalt den geheiligten Namen des größten Propheten auf gleiche Stufe mit dem Namen des Herrschers zu setzen?«44. Um die feindliche Stimmung im Volke wegen des Zensus einigermaßen zu beschwichtigen, mußte Quirinius ein Zugeständnis machen. Er setzte den mißliebigen Hohenpriester Joasar ab und ernannte an dessen Stelle einen Anan aus der Familie Seth. Dieser bildete eine angesehene Priesterfamilie, »das Haus Anan«, aus welchem fünf Hohepriester hervorgegangen sind45.

Der Verlust des letzten Restes der Selbständigkeit nach Herodes Tode übte einen Rückschlag auf das innere Leben des Volkes aus. Während der anarchischen Zustände wanderten die Ruheliebenden nach den Nachbarländern, Syrien, Kleinasien und auch nach den Euphratländern aus; den ersten Ansiedlern zogen andere nach, und das heilige Land war durch die häufigen Auswanderungen von Entvölkerung bedroht. Diesem Übelstande gedachten die Vertreter des Judentums entgegenzuwirken. Es gab aber in dieser Zeit nur ein einziges Mittel, irgend welche Maßregel durchzusetzen: die Bedrohung mit dem Verluste der levitischen Reinheit. Der Tempel mitsamt dem Opferwesen galt als das Höchste und wurde wie der Augapfel vor jedem Hauche der Verunreinigung und Trübung bewahrt. Vom Besuch des Tempels ausgeschlossen oder an der Darbringung eines Opfers wegen levitischer Unreinheit gehindert zu sein, galt als eine Art Strafe, der niemand sich aussetzen mochte. Diese Stimmung benutzten die pharisäischen Führer des Volkes, die Schammaïten und Hilleliten in gleicher Weise, um die Auswanderung aus Palästina zu hemmen. Sie erklärten, daß, wer auch nur einen Schritt ins Ausland gesetzt habe, als levitisch unrein betrachtet46 und nicht eher zum Opfern zugelassen werde, bis er [260] sich einer umständlichen Reinigung unterzogen habe. Wenn diese Maßregel, welche zu nächst gegen die Ahroniden gerichtet war, die Auswanderung auch vermindert hat, völlig verhindert hat sie sie keineswegs. Kleinasien, wo es vermögende und angesehene Glaubensgenossen in nicht geringer Zahl gab, die infolge der günstigen Dekrete des Augustus unbehelligt waren (o. S. 228), übte eine besondere Anziehungskraft aus. Die kleinasiatische Auswanderung führte indessen religiöse Verwickelungen herbei. Ehemänner verließen ihre Frauen in Palästina, oder diese mochten nicht mit auswandern und konnten nach dem Gesetze nicht dazu gezwungen werden47. Es erfolgten darauf Ehescheidungen; aber die Gesetze über die Ausfertigung des Scheidebriefes waren bereits so sehr mit skrupulöser Umständlichkeit erschwert, daß ein in Kleinasien ausgestellter Bedenken bezüglich seiner religiös-gesetzlichen Gültigkeit erregte. Die gesetzgebende Behörde in Jerusalem bestimmte daher, daß der Bote, der einen Scheidebrief für eine Ehefrau aus Kleinasien überbrachte, vor Zeugen versichern müsse, daß das Schriftstück gesetzmäßig ausgestellt sei48.

Durch den Übereifer der Schammaïten und die Nachgiebigkeit der Hilleliten erhielt das Judentum ein ganz anderes Gepräge, eine finstere Gestalt; es wurde eine Religion, welche die Weltflucht lehrte und empfahl. Es wurde nicht mehr gefragt, was nach Moses Fünfbuch (der Thora) erlaubt oder verboten sei, sondern lediglich, was das »Haus Schammaïs« oder das »Haus Hillels« lehre.

Diese peinliche Religiosität veranlaßte ein für die Zukunft ersprießliches Werk, das diese Richtung überwinden helfen sollte. Es gab nämlich in dieser Zeit bereits neben dem hochverehrten Fünfbuch Moses und den nahestehenden neunzehn prophetischen Schriften, aus welchen in den Bethäusern vorgelesen zu werden pflegte, noch eine Reihe von Schriften erbaulichen Inhalts, die, weil sie nicht von Propheten stammten, nicht zur öffentlichen Vorlesung verwendet und daher nicht als ein Schrifttum höherer Art angesehen wurden. Das waren die Psalmen, seit dem Altertum bis zur Makkabäerzeit gedichtet, von denen eine Auswahl von den Levitenchören täglich und bei verschiedenen Anlässen im Tempel bald in freudigen, bald in traurigen Weisen gesungen wurde. Es war das unter dem Namen des Königs Salomo angelegte Spruchbuch mit weisen Ermahnungen und Warnungen. Ferner das sinnige Buch Hiob, in welchem das Rätsel des Menschenlebens zuerst in einer[261] anziehenden und erhabenen Dichtung zu lösen versucht wurde. Dazu gehörten ferner die Klagelieder Jeremias beim Untergang Jerusalems und beim Beginn der babylonischen Gefangenschaft, die schöne Idylle des Buches Ruth, welche in der Zeit nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft der Verschwägerung mit den fremden Völkern, die in die judäische Lebensgemeinschaft treten wollten, das Wort reden wollte (B. II b. 136); das Dreibuch Chronik, Esra und Nehemia, welches die Zustände und Vorgänge nach der Rückkehr aus dem Exile darstellt. Sodann das Hohelied, welches in einer den stürmischen Tagen vorangehenden ruhigen Zeit ebenfalls unter dem Namen Salomos gedichtet worden war (das. 257), und die beiden Bücher Daniel und Esther, in der Drangsalszeit der Makkabäerkämpfe zur Tröstung und Erhebung gedichtet (das. 332), und endlich das Buch Kohelet, das die trübe Zeit der letzten Vergangenheit vergegenwärtigt (o. S 236 f.). Alle diese Schriften, die, ohne irgend einen heiligen Charakter zu besitzen, nur dem einzelnen zur Privatlesung dienten, wurden auch zum Privatgebrauch benutzt; die Tierfelle, auf welchen sie geschrieben waren, dienten auch als Sattel zum Reiten oder sonst wie.

Dem Synhedrial-Kollegium aus den beiden Schulen Schammaï und Hillel schien aber der Mißbrauch solcher Schriften, die doch in der heiligen Sprache verfaßt sind, und in denen – mit Ausnahme des Buches Esther – der heilige Gottesname genannt wird, als eine Entwürdigung. Aber wie dem Unfug steuern? Abermals vermöge der Strenge der levitischen Reinheitsgesetze. Diese Schriften waren nämlich meistens in den Händen der Priester (Ahroniden), die sich von den Priesterabgaben (Hebe, Opferfleisch) ernährten. Die beiden Schulen erklärten nun mit einem Male: wer ein heiliges Buch auch nur berührt, gilt insoweit als unrein, als er von den genannten Gaben nichts zehren dürfe, bis er sich gebadet habe. Da das aber etwas umständlich war, so zogen es die Priester vor, lieber so selten als möglich mit diesen Schriften in Berührung zu kommen. Drollig genug klang allerdings die Maßregel, daß heilige Schriften eine verunreinigende Wirkung haben sollen! Die Pharisäer, die sie eingeführt, sind auch wirklich von ihren Gegnern, den Sadduzäern, ausgelacht worden. Diese spotteten: wer ein heiliges Buch anrührt, dessen Hände sind unrein, wer aber Blätter von Tagesneuigkeiten (Hemeras) liest, ist nicht unrein! Aber der Spott hat noch niemals den religiösen Übereifer entwaffnet. Die Maßregel der beiden Schulen blieb vielmehr so lange in Kraft, bis die Gesetze über Reinheit und Unreinheit überhaupt in Verfall kamen.

So seltsam die Maßregel auch ist, so hatte sie doch die ersprießliche Seite, daß diese Schriften vor dem Untergang bewahrt blieben. [262] Es gab also seitdem drei Gattungen von biblischen Schriften: das hochheilige Fünfbuch oder Moses Lehre, die Propheten mit der Heiligkeit zweiten Grades und die genannten Bücher mit der Heiligkeit dritten Grades. Diese wurden heilige Schriften schlechthin genannt (Kitbe Kodesch, Hagiographen49). Eine Regel (Kanon) dafür, was zu dieser Gattung gehören solle, wurde anfangs nicht aufgestellt, sondern das höhere Altertum oder der religiöse Inhalt waren eine Empfehlung für die Aufnahme und Einreihung unter die Hagiographen. Wahrscheinlich hatte Sirachs Spruchbuch, das noch wärmer als die Salomonischen Sprüche den hohen Wert des »Gesetzes« betont, ebenfalls einen Platz in der Sammlung gefunden. Für die Anerkennung wegen des höheren Alters richteten sich die Sammler nach der Aufschrift, die an der Spitze der Schriften angegeben war. Nur zwei Büchern gegenüber wurde das Bedenken rege, ob ihnen der Charakter der Heiligkeit zu verleihen sei: dem Hohenliede, welches zwar Salomos Namen an der Spitze trägt, aber, äußerlich betrachtet, nur ein weltliches Liebeslied zu sein scheint, und dem Prediger (Kohelet), der zu Anfang zwar auch diesen König als Verfasser andeutet, der aber in seiner Zweifelsucht selbst den Glauben an die Unsterblichkeit und an eine gerechte Weltordnung in den Zweifel hineinzieht. Die Schammaïtische Schule war daher von vornherein gegen die Zulassung dieser Bücher zur Sammlung der Hagiographen, und ihr Urteil scheint eine Weile durchgedrungen zu sein, da später die Frage über die Zulässigkeit derselben von neuem angeregt wurde. Nur die Gunst, welche beide Bücher, die eine andere Tonart als die übrigen biblischen Schriften anschlagen, bei den Hilleliten fanden, hat sie vor dem Untergang geschützt.

Am meisten beliebt wurden zwei hagiographische Schriften, der Psalter und Daniel. Die Psalmen, von denen die Zeitgenossen glaubten, daß sie zum allergrößten Teil von dem königlichen Sänger David stammen, wurden fast den prophetischen Büchern gleichgestellt. Die Leser suchten und fanden darin Anspielungen und Andeutungen auf die verschiedenen Lagen der Nation in dem Verlaufe der langen Geschichte, als wenn der Sänger diese prophetisch vorausgeschaut und auch für trübselige Zeitläufe Trost und Hoffnung angedeutet hätte. Priester und Leviten, zumeist pharisäisch gesinnt und der einen oder anderen der beiden Schulen angehörig, wählten daher aus dem Psalter für den Chorgesang der Leviten an manchen Wochentagen und Festen Klage- und Bittpsalmen aus, welche die unglückliche Lage unter der Römerherrschaft wiederspiegeln, überzeugt, daß diese vorausgesehen und [263] eine Erlösung davon durch die göttliche Gnade für sein Volk verheißen worden wäre. – Das mystische Buch Daniel aber wurde ebenfalls in diesem Lichte betrachtet und gab Anhalt für die Anwendung seiner Mystik auf die Gegenwart. Das vierte Tier, eine Allegorie für ein viertes Reich, welches nach dem babylonischen, medo-persischen und griechisch-mazedonischen auftreten und alles mit Füßen niedertreten werde, das »kleine Horn« (eine Allegorie in diesem Buche), welches Lästerungen gegen Gott ausstößt, wurde auf das länderbezwingende und völkerknechtende Rom bezogen, dessen jäher Sturz zugleich verkündet werde50.

Unter Coponius, der nach Quirinius' Abzug als der erste Landpfleger geblieben war, regte sich wieder der alte Groll zwischen Judäern und Samaritanern. Seitdem Hyrkan I. die letzteren besiegt, ihre Hauptstadt dem Erdboden gleichgemacht, ihren Tempel auf Garizim verbrannt hatte (S. 71), schien es, als wenn dieser halbjudäische Volksstamm mit abweichendem Kultus und mit seinem Protest gegen die Heiligkeit des jerusalemischen Tempels der Vergessenheit anheimgefallen wäre. Allein Herodes, der nicht Übel genug heraufbeschwören konnte, hatte die Samaritaner wieder aus dem Schlummer geweckt und ihre Leidenschaft angefacht. Er hatte ihre Stadt Samaria unter dem Namen Sebaste wieder aufgebaut und sie ohne Zweifel wegen seines dem ihrigen ähnlichen Verhältnisses zum Judentume auf alle Weise begünstigt. Eine seiner Frauen, Malthake, war eine Samaritanerin und deren Sohn Archelaus sein Nachfolger. Die Samaritaner mochten nun glauben, der Zeitpunkt sei nahe, dem Tempel in Jerusalem eben so zuzusetzen, wie die Hasmonäer dem ihrigen getan, und die Römer würden ihnen, wenn auch nicht Vorschub leisten, doch durch die Finger sehen. Als daher das Passahfest herannahte und an diesen Tagen wegen der vielen Opfer die Tempelpforten schon um Mitternacht geöffnet wurden, schlichen sich einige Samaritaner in den ersten Tempelvorhof und warfen Menschengebeine in die Säulenhallen, wodurch der Tempel verunreinigt werden sollte (um 10). Ob auch in das Innere des Heiligtums Gebeine geworfen worden, und ob dadurch der Tempeldienst an diesem Tage gestört [264] war, läßt sich wegen der Dunkelheit der Nachricht nicht ermitteln51. Die Folgen davon waren, daß der Haß zwischen den beiden Völkerschaften von neuem aufloderte, und daß die Wachen bei dem Tempel, welche den Leviten oblagen, verschärft wurden. Nicht lange nach dieser Begebenheit wurde Coponius abberufen und an seine Stelle Marcus Ambivius und bald darauf dessen Nachfolger Annius Rufus ernannt – in sieben Jahren drei Landpfleger (7-14), was jedenfalls für die Nation ein Übel war, indem jeder derselben auf Bereicherung ausging und das Volk aussog.

Augustus' Tod (14) änderte an den judäischen Verhältnissen gar nichts; Judäa fiel dem neuen Cäsar Tiberius unter so vielen Ländern als Erbschaft zu. Äußerlich mögen sich die Provinzen unter Tiberius' Regierung nicht übel befunden haben; denn dieser Vertilger der römischen Aristokratie war gegen das Volk nicht ungerecht. Er erleichterte auch auf die Klagen der Judäer wegen des unerträglichen Steuerdruckes die Abgaben und sandte einen anderen Landpfleger in Valerius Gratus52, der sein Amt elf Jahre verwaltete (15-26). Innerlich aber war Tiberius noch mehr als sein Vorgänger und Adoptivvater gegen das Judentum eingenommen, gleichsam als hätten die cäsarischen Träger des Römertums geahnt, daß das römische Wesen und der römische Kultus durch das Judentum den Todesstoß empfangen werden. Bei aller Rücksicht, mit welcher Augustus die Judäer behandelte – er und seine Gemahlin Livia weihten dem Tempel Geschenke und ließen sogar für sich in dem Heiligtume zu Jerusalem Opfer bringen – war ihm doch die judäische Religion widerwärtig. Er lobte daher seinen Enkel Cajus Cäsar dafür, daß er nach Herodes' Tode auf seinem Zuge nach dem Orient Judäa nicht besucht und im Tempel zu Jerusalem nicht geopfert hatte53. Die Abneigung mag sich vermehrt haben, als Römer, besonders aber römische Frauen, sich dem Judentume zuneigten. Die Begeisterung der Judäer für ihre Religion und ihren Tempel bildete einen scharfen Gegensatz zu der Nüchternheit der Römer, der Priester wie der Laien, gegen ihren Nationalkultus. Diese religiöse Wärme verfehlte nicht, religionsbedürftige Gemüter unter den Heiden hinzureißen und dem Judentume Proselyten zuzuführen. Der Untergang der Freiheit im monarchischen Rom hatte das Ideale, wofür hochgestimmte [265] Seelen erglühten, vertilgt und das Leben reizlos gemacht, so daß sich die tiefer empfindenden Gemüter nach etwas sehnten, wofür sie schwärmen konnten. Unter Tiberius gab es daher mehrere römische Proselyten, die, um den religiösen Herzensdrang zu befriedigen, Geschenke für den Tempel nach Jerusalem sandten. Doch hatte wohl der Aberglaube ebenso großen Anteil an der Zuneigung manches Römers und mancher Römerin zur judäischen Religion wie ihre innere Überzeugung. Der Kultus der Isispriester fand damals ebensoviel Anhänger in Rom wie das Judentum. Gerade das Unbekannte, Fremde, Mystische übte auf die aller Idealität baren Römer eine mächtige Anziehungskraft aus. Die römischen Proselyten erregten nun Tiberius' besonderes Mißfallen, als einst die Isispriester Mißbrauch mit ihrem Kultus trieben und eine römische Matrone in das Netz der Verführung lockten, und als vier betrügerische Judäer eine römische Proselytin ausbeuteten. Tiberius hielt den Zeitpunkt für geeignet, gegen den judäischen Kultus in Rom wie gegen den ägyptischen einzuschreiten. Diese Proselytin war Fulvia, die Gemahlin eines bei Tiberius angesehenen Senators Saturninus. Als Fulvia sich zum Judentum bekannt hatte, schickte sie durch ihre judäischen Lehrer Geschenke an den Tempel, welche diese aber für sich behielten. Sobald Tiberius Kunde von diesem Betruge erhielt, legte er dem Senat ein Gesetz gegen die Judäer vor, und dieser faßte den Beschluß, daß sämtliche Judäer und Proselyten in Rom bei Strafe ewiger Sklaverei die Stadt verlassen sollten, wenn sie nicht bis zu einer bestimmten Frist das Judentum abgeschworen haben würden. Tiberius' Minister Sejan, der ihn mit dämonischer Gewalt beherrschte, hat ihn dazu aufgestachelt54. Tausende judäischer Jünglinge wurden infolgedessen nach der Insel Sardinien verbannt, um gegen die dortigen Räuberbanden zu kämpfen (19). Es war vorauszusehen, daß die Verbannten in dem ungewohnten rauhen Klima untergehen würden; allein dies war kein Grund für die hartherzigen Senatoren und den grausamen Tiberius, milder gegen sie zu verfahren. Die Judäer in ganz Italien wurden mit Ausweisung bedroht, wenn sie nicht ihren religiösen Ritus aufgäben. Ganz besonders wurden die Jünglinge und Männer kräftigen Alters gezwungen, auch am Sabbat die Waffen im Heere zu gebrauchen, und wenn sie aus religiösen Bedenken sich dessen weigerten, wurden sie hart bestraft55. Das war die erste Religionsverfolgung gegen die Judäer [266] in Rom und ihr erstes Märtyrertum im Abendlande, der Vorläufer unzähliger anderer. – Der neue von Tiberius delegierte Landpfleger Gratus mischte sich wie seine Vorgänger in die inneren Angelegenheiten Judäas ein; er setzte während seines elfjährigen Prokuratoramtes nicht weniger als fünf Hohepriester ab, von denen einige nicht länger als ein Jahr in der Würde blieben. Manchmal war die Beliebtheit oder Mißliebigkeit der Hohenpriester der Beweggrund für den Wechsel, öfter aber Bestechung oder launenhafte Willkür. Die erste Wahl fiel, nachdem Anan abgesetzt war (o. S. 260), auf einen Hohenpriester Ismael aus der Familie Phiabi oder Phabi56, der ein würdiger Nachkomme des Musterpriesters Pinehas genannt wird, und den die Sehnsucht der Nation herbeiwünschte. Eine schöne Parabel sagt von ihm, der Tempel selbst habe gewünscht, daß doch endlich Ismael die Hohepriesterwürde bekleiden möchte. Aber eben, weil er die Sympathie des Volkes genoß, mochte ihn wohl der römische Landpfleger nicht dulden und setzte nach kurzer Zeit Eleasar, den Sohn des Anan57 aus der Familie Seth, an seiner Stelle ein. Auf diesen folgte nach einem Jahre Simon aus der Familie Kamith58; er und seine Brüder fungierten als Hohepriester oder Stellvertreter. Auch Simon blieb nur ein Jahr im Amte und wurde durch Joseph Kaiaphas oder Kaiphas ersetzt59, welcher ausnahmsweise längere Zeit fungierte (ungefähr 19 bis 36). Von parteiischen Quellen wird dieser als strenger Pharisäer von blutdürstigem Charakter geschildert.

[267] Während Judäa mit den dazu gehörigen Landesteilen Samaria und Idumäa von Landpflegern regiert wurde, behielten die davon losgetrennten Glieder, die Tetrarchie Galiläa und Peräa unter Herodes Antipas und die andere, Batanäa mit anderen Teilen unter Philipp, einen Schein von selbständiger Regierung. Aber diese Glieder wurden fortan vom Staatskörper so sehr getrennt, daß sie zu Judäa in das Verhältnis des Auslandes traten. Verjährung des Besitzes in dem einen Landesteile sollten keine rechtliche Wirkung für diejenigen haben, die in einem der anderen Landesteile wohnten60. Durch die Feindseligkeit der Samaritaner, deren Land als Keil zwischen Judäa und Galiläa mitten inne lag, war der Verkehr zwischen beiden losgetrennten Landesteilen noch mehr gehemmt, und Tempelbesucher aus dem Norden mußten einen großen Umweg machen oder waren Unannehmlichkeiten ausgesetzt, wenn sie durch Samaria nach Jerusalem gelangen wollten61. Die beiden Fürsten Antipas und Philipp zeichneten sich durch nichts weiter als durch Baulust und Ergebenheit gegen die Römer aus. Antipas hatte zuerst Sepphoris zur Hauptstadt seiner Tetrarchie erhoben; als aber Tiberius Kaiser geworden war, baute er, obwohl er von seinem Lande nur 200 Talente bezog62, eine neue Stadt in der paradiesischen Talebene des Genesaret-Sees, nannte sie Tiberias und verlegte seinen Sitz dahin (um 24 bis 26). Fromme Judäer scheuten aber den Aufenthalt in der neuerbauten Stadt, weil sich daselbst, vielleicht von einer Schlacht her, Menschengebeine fanden, wodurch die Einwohner am Tempelbesuch und an anderen, levitische Reinheit erfordernden Übungen verhindert worden wären, wenn sie sich nicht stets einer siebentägigen Reinigung unterwerfen wollten. Antipas mußte daher durch lockende Versprechungen und durch Zwang Bewohner für Tiberias herbeiziehen63, und doch wurde es über ein Jahrhundert von Gewissenhaften gemieden. Die Stadt Beth-Ramtha (Bet Haram), die, in gleicher Lage mit Jericho, ebenfalls Balsamstauden lieferte64 und daher wichtig war, nannte Antipas zu Ehren von Augustus' Gemahlin Livias65. Philipp, der nur hundert Talente Einnahmen bezog66, erbaute ebenfalls zwei Städte; die eine in der reizenden Gegend der Jordanquelle nannte er Cäsarea, welche zum Unterschiede von der gleichnamigen Stadt am Meere mit dem Zusatz Cäsarea Philippi genannt wurde. Die andere nordöstlich vom Genesaret-See, die früher [268] Beth-Saida (Zaidan) hieß, nannte Philipp Julias67, nach Augustus' Tochter. Die cäsarische Familie hatte nicht viel mehr Denkmäler in Rom als in Judäa. Philipp besaß indessen einen stillen Charakter, war ohne starke Leidenschaften und verwaltete sein Fürstentum siebenunddreißig Jahre (4 vor – 34 nachchr. Z.) ruhig68. Antipas hingegen hatte etwas von seines Vaters Hang nach Ausschweifung und von dessen Blutgier.

Gratus' Nachfolger im Amte, Pontius Pilatus, der durch eine während seiner zehnjährigen Verwaltung (26 bis 36) vorgefallene Begebenheit eine weltgeschichtliche Berühmtheit erlangt hat, zeigte gleich bei seinem Antritte, daß die judäische Nation bisher noch nicht genug Erniedrigung erfahren hatte, und daß sie sich gefaßt machen müßte, den Leidenskelch bis auf die Hefe zu leeren. Es genügt, um Pilatus zu charakterisieren, daß er den Posten übernahm, als der tückische Minister Sejan Kaiser und Senat erzittern machte, daß er folglich Sejans Kreatur war und von ihm nach Judäa abgeordnet wurde. Pilatus blieb hinter seinem Herrn nicht zurück. Er versuchte, was kein Landpfleger vor ihm gewagt hatte, die empfindlichsten Seiten der judäischen Nation zu verletzen und sie in ihren religiösen Gefühlen zu kränken; er wollte die Judäer daran gewöhnen, den Kaiserbildern göttliche Verehrung zu zollen. Bis dahin hatten die Führer der römischen Truppen die Scheu der Judäer vor Bildnissen, in denen sie nicht mit Unrecht Menschenvergötterung erblickten, soweit geschont, daß sie dieselben beim Einzug in Jerusalem von den Fahnen abzunehmen pflegten. Dieser Empfindlichkeit mußten auch Herodes und seine Söhne Rechnung tragen; sie durften auf ihre Münzen nicht die Köpfe Augustus' oder Tiberius' prägen, so gern ihre Liebedienerei es getan hätte. Nur der Tetrarch Philipp machte eine Ausnahme davon. Seine Münzen zeigen das Bildnis der bei den Kaiser69, weil in seinem Fürstentume mehr Heiden als Juden wohnten. Pilatus wußte also sehr wohl, daß bis dahin auf die Bilderscheu der Judäer Rücksicht genommen worden war. Er aber gedachte sie zu verhöhnen. Hatte er einen geheimen Auftrag von Sejan, die Judäer geradezu zu kränken und zu reizen, oder tat er es aus eigenem Antriebe, um Aussicht auf reiche Bestechung zu haben? Man weiß es nicht. Heimlich ließ er die Kaiserbilder, die [269] auf den Standarten der Legionen waren, nach Jerusalem bringen, um sie daselbst aufzustellen. Diese Ausstellung von göttlich verehrten Menschenbildern brachte bei den Einwohnern Jerusalems und, wie sich die Nachricht davon verbreitete, im ganzen Lande eine tiefe Aufregung hervor. Abgeordnete des Volkes eilten zum Landpfleger nach Cäsarea, ihn um Entfernung der Bilder anzuflehen. Ihnen schlossen sich sogar die noch lebenden Glieder des herodianischen Hauses an. Fünf Tage lagerten die Flehenden vor dem Palaste des Landpflegers, ihn mit Bitten bestürmend. Am sechsten Tage ließ Pilatus sie durch seine Legionen erschrecken und drohte sie niederhauen zu lassen, wenn sie nicht von ihren Bitten abstünden. Da aber die Judäer standhaft blieben und ihr Leben für die Heilighaltung ihrer religiösen Überzeugung einzusetzen entschlossen waren, so gab er, vielleicht auch aus Furcht, von Tiberius, ohne dessen Willen er es unternommen haben mochte, zur Rechenschaft gezogen zu werden, den Befehl, den Gegenstand des Anstoßes zu entfernen70.

Zum zweiten Male brachte er die Einwohner Jerusalems in Aufregung. Unter dem Vorwande, eine Wasserleitung von einer zweihundert Stadien (36 Kilometer) von Jerusalem entfernten Quelle anzulegen, nahm er den Tempelschatz (Korban) in Beschlag. Da er selbst in Jerusalem anwesend war, so belagerte ihn die Volksmenge und stieß Verwünschungen gegen ihn aus. Er wagte aber nicht, seine Legionen einschreiten zu lassen, sondern ließ viele Soldaten, in judäischer Tracht verkleidet, sich unter die Menge mischen und auf sie einhauen. Viele Judäer fanden dabei Wunden und Tod, die anderen zerstreuten sich71.


Fußnoten

1 Josephus Altert. XVII, 8, 1-2.


2 Das. 8, 4; 9, 1.


3 Josephus Altert. 9, 2-3.


4 πόλεμος Οὐάρου, Polemos schel Varos. Vergl. Note 18.


5 Josephus Altert. XVII, 9, 3; 10, 1.


6 Das.


7 Das. 10, 2.


8 Josephus Altert. 10, 3.


9 Das. 10, 5 ff.


10 Das. 10, 4-8. Tacitus Historiae 5, 9.


11 Josephus Altert. das. 10, 9.


12 Josephus Altert. 11, 1-5.


13 Note 19.


14 Josephus Altert. XVII, 11, 4.


15 Josephus Altert. 13, 4; XVIII, 5, 4.


16 Josephus Altert. XVII, 13, 2-4; jüd. Krieg II, 7, 3-4.


17 Josephus Altert. das. XVIII, 2, 2.


18 Josephus Altert. 1, 1. XX, 9, 1; j Krieg II, 8, 1. Matthäus-Evangelium 27, 11 fg. und Parallelstellen.


19 Jos. Altert. XVIII, 4, 3. XV, 11, 4.


20 Das. XVIII, 1, 1. Vergl. Marquardt, Handb. der römischen Altert. II, 2, S. 167 Ende [und Schürer I3, 510 ff.].


21 Sifri Ende.


22 Sota 48 b und Parallelstellen.


23 Sabbat 15 a Seder Tannaim [we - Amoraim (ed Graetz, Breslau 1871), S. 27].


24 Erubin 13 b. Vergl. Tosephta Chagiga II, 110 ff. und Parall. Jom 20 a. jerus. das. 61 c.


25 Die Zahl 80 Schüler Hillels, Sukka 28 a und Parall. oder gar גוז 'פ Jerus. Nedarim p. 39 b ist eine runde Zahl, wie öfter םילודג םינהכ 'פ oder תוגוז 'פ םידימלת Chagiga 16 b. – R. Jochanan b. Sakkaï kann unmöglich Hillels unmittelbarer Jünger gewesen sein, vergl. weiter unten. Dagegen muß die Tradition, daß Jonathan b. Us. dessen Schüler gewesen, richtig sein, da sonst von ihm nichts vorkommt, und die Geschichte seiner Enterbung zu Gunsten Schammaïs, wie sie in Jerus. Nedarim a.a.O. erzählt wird, nur dadurch verständlich wird. Der Vater, wohl Schammaïte, enterbte den Sohn wegen dessen Anhänglichkeit an Hillel. Entstellt ist diese Geschichte erzählt Baba Batra 133 b, daß nicht Jonathan b. Us. enterbt worden wäre, sondern der Sohn eines Unbekannten, entstellt, um Jonathans Namen nicht zu verunglimpfen. – Das Targum Jonathan zu den Propheten wird gegenwärtig mit Recht als etwaiges Werk dieses Jonathan allgemein bezweifelt; vergl. Z. Frankel, Beilage zum Jahresbericht des Breslauer Seminars Jahrg. 1872, S. 412 fg. Ob ןתנוי die Hebraisierung von Theodotion, dem griechischen Übersetzer, ist, muß noch erhärtet werden. – תינרוחה ןב ןנחוי, wie er immer genannt wird, war ein Hillelite; vergl. I. H. Weiß, Geschichte der jüd. Tradition I, S. 177 fg. תינרוח bedeutet eine Hauraniterin, wie תיקסמרוד eine Damascenerin und תינטב eine Batanäerin. Es waren proselytische Frauen, wie Derenburg richtig eruiert hat. Essai sur l'histoire etc. de la Palestine, S. 223 f.


26 Tosefta Chagiga II, 9, Sanhedr. VII, 1.


27 Edujot c. 4-5.


28 Sabbat p. 17 b, fg. Tosefta Sabbat I, 20.


29 Sabbat 12. Tosefta das. XVI, 22.


30 Sabbat 13 ff. und an vielen Stellen im Talmud. Markus-Evangelium 7, 2-4.


31 Gittin IX, 10.


32 Keritot VI, 3.


33 Jom-Tob. 20 a. Erubin 13 b.


34 Jebamot 13 a.


35 S. Note 24.


36 Tosefta Erubin III, 5 ff. Sabbat 19 a.


37 Josephus Altert. XVIII, 1, 6; jüd. Kr. VII, 8, 6; 10, 1.


38 Das. Altert. das. 1, 1. Der Ausdruck Ἰούδας ... Σάδδουκον Φαρισαῖον προσλαμβανόμενος scheint dafür zu sprechen. Für Galiläa, das Antipas gehörte, war der Zensus nicht ausgeschrieben.


39 Das. 1, 1.


40 Sehr oft in der Mischna.


41 Nedarim 27 b, 28.


42 Sanhedrin 25 b.


43 Evangelium Matthäi 9, 10 und Parallelstellen.


44 Jadajim IV, 8. Die richtige L.-A. ist ילילג ןימ רמא, d.h. ein Galiläer oder Zelote. Möglich, daß der Stifter Juda selbst diesen Vorwurf den allzu nachgiebigen Pharisäern gemacht hat.


45 Vergl. Note 19.


46 Note 18.


47 Ketubbot XIII, 11.


48 Die Bestimmung בתכנ ינפב רמאיש ךירצ טג איבמה םתחנ ינפבו (Gittin I, 1) ist ursprünglich lediglich für םיה תנידמ, d.h. das Ausland, welches am Meere liegt, das westliche Kleinasien, eingeführt worden. Der Grund dafür ist ohne Klügelei im Jerusch. das. gegeben: ןיטיג יקודקדב (םיה תנידמב) ןיאיקב ןיאש.


49 Vergl. Note 18.


50 Vergl. Midrasch zu Genesis c. 76: וז.... אריעז ןרק םלועב תומואה לכמ הינוריט תבתכמש העשרה תוכלמ. Deswegen hat Zacharia ben Kabutal, welcher kurz vor dem Tempeluntergang Vorleser für die Hohenpriester war, denselben aus Daniel vorgelesen, um ihnen nahezulegen, daß das vierte oder römische Reich ebenso dem Untergang geweiht sei, wie die vorangegangenen drei (Joma I, 6: לאינדב וינפל יתירק הברה םימעפ). Vergl. Hieronymus Comment. zu Daniel XI, Ende, daß jüdische Ausleger die Danielschen Visionen auf das römische Reich bezogen haben.


51 Josephus Altert. XVIII, 2, 2. Vergl. dazu die Noten in der Havercampschen Ausgabe. Möglich, daß dieser Fall Gelegenheit für die Bestimmung gegeben hat, daß das Passah-Opfer ausnahmsweise auch bei levit. Unreinheit dargebracht werden dürfe.


52 Josephus Altert. XVIII, 2, 3.


53 Sueton, Augustus 93.


54 Philo gegen Flaccus 1, M. II, 517. Gesandtschaft an Cajus 24, M. II. 569.


55 Die vier Quellen, welche darüber berichten, stimmen nicht ganz überein und müssen ausgeglichen werden. Josephus (Altert. XVIII, 3, 4-5) spricht von Verbannung von 4000 Judäern nach Sardinien und von Bestrafung vieler, welche am Sabbat nicht kämpfen mochten: πλείστους δὲ ἐκόλασαν μὴ ϑέλοντας οτρατεύεσϑαι διὰ φυλακὴν τῶν πατρίων νόμων. Tacitus (Ann. II, 85) spricht auch von Verbannung von 4000 nach Sardinien, aber nicht von Judäern allein, sondern auch von Ägyptern. Actum et de sacris Aegyptiis Judaicisque pellendis factumque patrum consultum, ut quatuor millia libertini generis ea superstitione infecta ... in insulam Sardiniam veherentur ... Dazu aber auch von Religionszwang und Drohung der Ausweisung aus ganz Italien, ceteri cederent Italia, nisi certam ante diem profanos ritus exuissent. Sueton schreibt unbestimmt von der Verbannung ju däischer Jünglinge und von der Ausweisung aller aus Rom (Tiberius 36): Judaeorum juventutem per speciem sacramenti in provincias.. distribuit, reliquos gentis ejusdem vel similia sectantes urbe summovit, sub poena perpetuae servitutis nisi obtemperassent. Die vierte Quelle ist das Referat in der legatio ad Cajum (Philo Ges. an Cajus § 24 M. II, 569) über Tiberius' Aufhebung des Ediktes nach Sejans Tod und seinen Befehl, die Judäer in den Städten zu beruhigen, daß die Verfolgung nicht auf alle, sondern nur auf wenige Schuldige anwendbar sei, und nichts von den Riten zu ändern. παρƞγορῆσαι μὲν τοὺς κατὰ πόλεις τῶν ἀπὸ τοῠ ἔϑνους ὡς οὐκ ἐπί πάντας προβάσƞς τῆς ἐπεξελεύσεως ... κινῆσαι δὲ μƞδὲν τῶν ἐξ ἔϑους. Daraus folgt, daß von Tiberius eine Verfolgung gegen die Beobachter der judäischen Riten in ganz Italien verhängt war.


56 Josephus Altert. XVIII, 2, 2. Vergl. Note 19.


57 Josephus das. XVIII, 2, 2.


58 Das. Note 19.


59 Josephus das


60 Baba Batra 38 a.


61 Chagiga 25 a. Josephus Altert. XX, 6, 1.


62 Jos. das. XVII, 11, 4.

63 Jos. XVIII, 2, 3.


64 Sabbat 26 a. Vergl B. I, S. 464.


65 Jos. das. XVIII, 2, 1.


66 Das. XVII, 11, 4.


67 Es ist unnötig mit Reland zweierlei Bethsaida anzunehmen, weil das Johannes-Evangel. (12, 21) Βƞϑσαϊδά τῆς Γαλιλαίας nennt. Der evangelische Verfasser war einfach in der Topographie Palästinas schlecht unterrichtet. [Vergl. zu der Frage die Literatur, die Schürer II3, 162, Anm. 432 anführt.]


68 Jos. das. XVIII, 4, 6.


69 Vergl. Madden, Coins of the Jews. 1881, 123 ff., die Münzen Philipps.


70 Jos. Altert. XVIII, 3, 1. Philo Gesandtschaft an Cajus M. II, 589 fg. und dazu Note 21.


71 Josephus das. XVIII, 3, 2.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1905, Band 3.1, S. 271.
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