11. Ebioniten, Nazaräer, Minäer.

[400] Die Kirchenväter bezeugen übereinstimmend, daß die Ebioniten auch noch bis ins vierte Jahrhundert das ganze jüdische Gesetz beobachtet haben. Sie fügen hinzu, daß es zwei Parteien unter ihnen gegeben, die eine, welche Christus nur als Menschen verehrte, der aus dem ehelichen Umgange eines Mannes mit Maria erzeugt worden, und die andere, welche ihn von einer Jungfrau und dem heiligen Geist geboren werden läßt (Müller, φιλοσοφούμενα; Justinus Martyr, Dialog. cum Tryphone, ed. Otto, p. 150. Origenes c. Celsum und Parallelstellen. Eusebius, H. E. III, 29. Epiphanius adv. Nazareos et Ebionitas. Schwegler, Nachapostolisches Zeitalter I, 180). Diese mehr spiritualistische Sekte nannte man nach Hieronymus' Vorgang Nazaräer. In neuerer Zeit hat man mit Recht bezweifelt, ob die Nazaräer der nachapostolischen Zeit, d.h. des zweiten Jahrhunderts, sich Christus göttlich gedacht haben. Indessen kommt es auf die Benennung weniger an, genug, daß es eine judenchristliche Sekte gegeben hat, welche neben der strengen Beobachtung der jüdischen Gesetze und im Widerspruche mit ihrer Anschauung, Jesus eine göttliche Abstammung und Verehrung zuteilte. In der talmudischen Literatur werden sie Minäer, םינימ, genannt; über deren Identität belehrt uns Hieronymus (epistola ad Augustum): usque hodie per totas orientis Synagogas inter Judaeos haeresis est, quae dicitur Minaeorum et a Pharisaeis usque nunc damnatur, quos vulgo Nazaraeos nuncupant ... sed dum volunt esse et Christiani et Judaei, nec Judaei sunt nec Christiani, vergl. Chullin 13 b: ןיא תומואב ןינימ. Die Etymologie und Bedeutung des Wortes ןימ, das in der talmudischen Literatur nur in diesem engen Sinne genommen wird, ist noch immer nicht befriedigend ermittelt. In Sifra oder Thorat Kohanim wird es im Plural konsequent םיניאמ geschrieben. Daß die Sekte, nenne man sie Nazaräer oder Minäer, chronologisch jünger ist, als die der Ebioniten, lehrt das Gesetz der genetischen Entwickelung. Eine Sekte kann wohl den Gegenstand ihrer Verehrung idealisieren von einem hochgepriesenen Menschen zum Gotte, aber ihn nicht degradieren vom Gotte zum bloßen Propheten. – Ich rechne noch zu den Mischlingssekten, welche, ohne das Judentum aufzugeben, sich mehr und mehr zum Heidenchristentum neigten, die Masbothäer, Genisten und Meristen. Die ersteren kennt schon Hegesipp und zählt sie einmal zu den jüdischen, das anderemal zu den christlichen Häresien. Nachdem der fingierte Tabutis oder Phabulis aus gekränktem Ehrgeize, weil er nicht Bischof werden konnte, die Kirche verdorben habe, sollen judenchristliche Sekten entstanden sein, darunter καί Μασβοϑαῖος ὅϑεν Μασβωϑαιανοί. An einer anderen Stelle zählt er die Μασβωϑαιανοί unter die sieben jüdischen Sekten, nämlich Essäer, Galiläer, Morgentäufer (ἡμεροβαπτισταὶ), Samariter, Sadduzäer und Pharisäer (Euseb, h.e. IV, 22). Das Indiculum Haereseon, das man Hieronymus zuschreibt, gibt dazu die richtige Etymologie von Sabbat feiern: Masbonei (falsche Lesart Marbonei) dicunt ipsum esse Christum, qui docuit illos in omni re sabbatizare. Auch die Mischna kennt eine Sekte Sabbatfeierer תבש יתבוש, die nicht identisch mit den Juden waren (Nedarim III, 12). Dasselbe Indiculum nennt ferner als christliche Sekten die Genisten, quoniam de genere Abrahae sunt, und Meristen, aber die Erläuterung, welche dasselbe zu [400] dieser Benennung gibt, erscheint lächerlich; meristae quoniam separant scripturas, non credentes omnibus prophetis, dicentes alios et aliis spiritibus prophetasse. Dieses Moment ist aber nicht spezifisch christlich. Ich glaube diesen Namen vielmehr von dem Umstande abzuleiten, daß die Meristen nur teilweise das Judentum beobachtet haben, wie z.B. den Sabbat und den Sonntag.

Die Judenchristen traten zuerst in einen polemischen Gegensatz zu den Lehrern der Mischna, den Deuteroten oder den Pharisäern. Die lange Expektoration im Matthäusevangelium, c. 23, welche Jesus in den Mund gelegt wird, ist weiter nichts als die Polemik eines Judenchristen gegen die Mischnalehrer oder Rabbanan. Interessant ist dafür eine Notiz bei Hieronymus:

Duas domus, Nazarei (cum ita Christum recipiunt ut observationes legis veteris non amittant) duas familias interpretantur Sammai et Hillel; ex quibus orti sunt scribae et Pharisei, quorum suscepit scholam Akibas (quem magistrum Aquilae proselyti autumant) et post eum Meïr; cui successit Johanan filius Zachaï et post eum Eliëzer et post ordinem Delphon (andere Lesart Telphon)17 et rursum Joseph Galilaeus et usque ad captivitatem Jerusalem Josue. Sammai igitur et Hillel non multo priusquam dominus nasceretur, orti sunt in Judaea, quorum prior dissipator interpretatur, sequens epiphanus, eo quod per traditiones et δευτερώσεις suas, legis praecepta dissipaverint atque maculaverint. Et has esse duas domus quae salvatorem non receperint, quum factus sit eis in ruinam et in scandalum (Hieronymus in Esaiam III, 14). Wiewohl in dieser Stelle die Diadoche der Tannaiten vielfach verschoben und anachronistisch erscheint, so zeigt sie doch zur Genüge, daß die Judenchristen mit den Verhältnissen ihrer jüdischen Gegner nicht ganz unbekannt waren. Eine andere Stelle: Quae nos super Diabolo et angelis ejus intelleximus, Nazarei contra scribas et Pharisaeos arbitrantur quod defecerint δευτερωταὶ, qui prius illudebant populo traditionibus pessimis (ibidem XXIX, 21). Über die Deuteroten vergleiche noch dens. zu 65, X, 1. Nobis autem videtur contra judices tribus Judae et Israel scribas videlicet δευτερωτάς sermo propheticus conclamare. Daß die םינימה תכרב oder die Verwünschungsformel gegen die Minäer, welche Gamaliel II. in Jabne durch Samuel den Jüngern formulieren ließ (b. Berachot 28, 29; j. Berachot IV, p. 8 a), ursprünglich nur gegen Judenchristen und nicht gegen das Christentum überhaupt gerichtet war, bezeugt Epiphanius, welcher sogar die Verwünschungsformel mitteilt: Οὐ μόνον γὰρ οἱ τῶν Ἰουδαίων παίδες πρὸς τούτους (Ναζωραίους) κέκτƞνται μῖσος, ἀλλὰ καὶ ἀνιστάμενοι ἕωϑεν. καὶ μέσƞς ἡμέρας καὶ περὶ τὴν ἑσπέραν, τρὶς τῆς ἡμέρας, ὅτε εὐχὰς ἐπιτελοῠσιν ἐν ταῖ$ αὐτῶν συναγωγαῖς ἐπαρῶνται αὐτοῖς, καὶ ἀναϑεματίζουσι φάσκοντες: ὅτι ἐπικαταράσαι ὁ Θεὸς τοὺς Ναζωραίους (Ep. adversus haereses I, 29, p. 124). Die Formel hat zuerst gelautet: לא םינישלמלו םינימלו הוקת יהת: »Den Minäern und Angebern (Delatoren für die römischen Behörden) möge keine Hoffnung sein«. Epiphanius, der ein geborener Jude war, ist ein kompetenterer Zeuge dafür, daß die Verwünschungsformel nur den Nazaräern, d.h. den Judenchristen gegolten hat, als Justinus Martyr, ein geborener Heide, welcher angibt, die Juden verwünschten in ihren Gebeten sämtliche Christgläubigen (Dialog. cum Tryphone, [401] c. 6, p. 68): Καταρώμενοι ἐν ταῖς συναγωγαῖς ὑμῶν τοὺς πιστεύοντας ἐπὶ τὸν χριστόν. Auch Hieronymus war schlecht unterrichtet, wenn er behauptet: Et sub nomine ... Nazarenorum ter in die in Christianos congerunt maledicta (in Jes. 52, 5).


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1908, Band 4, S. 400-402.
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