7. Kapitel.

[120] Hadrianische Regierungszeit. Aufstand der Juden gegen Quietus. Trajanstag. Julianus und Pappos. Bewilligung zum Bau eines Tempels in Jerusalem und Zurücknahme derselben. R. Josuas Einfluß. R. Gamaliels Tod. Wanderung des Synhedrions nach Uscha. Beschlüsse desselben.


Hadrian fand bei seinem Regierungsantritt (August 117) eine Reihe von Völkern schon im Aufstand begriffen, und andere, welche neuerdings Miene machten, die Fesseln des alles bezwingenden Rom zu sprengen. Kaum war die Kunde von Trajans Tod, dessen eisernen Arm man gefürchtet hatte, verbreitet, als im Morgen- und Abendland die Flammen des Aufstandes hell aufschlugen; der Wille der Völker, frei von römischer Untertänigkeit zu leben, gab sich, gleichsam wie verabredet, auf eine gewaltige Weise kund. Das parthische Land, wo Trajan vor kurzem erst einen Schein von römischer Oberherrlichkeit eingeführt hatte, einige kleinasiatische Länder, deren Bodenreichtum die kaiserlichen Beamten ausgesogen, das wilde Mauretanien und Sarmatien, das entfernte Britannien, dessen Einwohner von jeher nur unwillig das römische Joch trugen, alle diese Völker benutzten den Augenblick der Schwäche sich selbständig zu ma chen.1 Die Juden Palästinas, deren Haß gegen die Römer noch flammender war, hatten schon früher einen Aufstand organisiert, zu dessen Unterdrückung Quietus, nachdem er seine Blutarbeit in den Euphratländern vollendet hatte, von Trajan nach Palästina beordert worden war. Es war ihm aber noch nicht gelungen, Herr desselben zu werden, als Hadrian die Regierung antrat.

Über die Natur des Krieges in Judäa schweigen die Quellen ganz und gar. Die jüdischen Nachrichten nennen diese zweite Erhebung den Krieg des Quietus (Polemos schel Kitos).2 Sie scheint, einer Andeutung zufolge, eine üble Wendung für die Juden genommen zu haben; denn zu den öffentlichen Trauerzeichen, welche [120] nach der Tempelzerstörung eingeführt waren, fügte das Synhedrion neue hinzu. Es verbot, die Bräute am Hochzeitstage mit Kränzen zu schmücken und untersagte ferner das Erlernen des Griechischen für jedermann. Was man darunter verstand, ob Sprache oder Sitte oder sonst etwas eigentümlich Griechisches, läßt sich kaum mehr ermitteln, ebensowenig, welcher Zusammenhang zwischen dem Kriege und der Abneigung gegen das Griechische bestand. Waren vielleicht die griechischen Bewohner des palästinensischen Küstenstriches bundesbrüchig geworden und hatten die Juden im Stiche gelassen? Einer andern Andeutung nach scheint Jamnia, der Sitz des Synhe drions, eine Vorratskammer für Lebensmittel gewesen und infolge des Krieges zerstört worden zu sein.3 Wenn diese Nachricht über allen Zweifel gesichert wäre, dann würde sich daraus ergeben, daß sich auch die Tannaiten an dieser Erhebung gegen Trajan und am Kriege gegen Quietus beteiligt haben.

Während die palästinensischen Juden noch in großer Bedrängnis und nahe daran waren, Quietus' Vernichtungskrieg zu erliegen, scheint ein nationaler, begeisterter Dichter eine künstlerisch zusammengesetzte Geschichte, halb Wahrheit und halb Dichtung gestaltet zu haben, um den Rest der Krieger zum standhaften Ausharren zu ermutigen und in eindringlicher Beredsamkeit auf den hinzuweisen, der so oft Israel aus Nöten und Gefahren errettet. Dieser unbekannte kunstverständige Dichter, der Verfasser des Buches Judith, wollte in einem erdichteten Bilde aus der Vergangenheit die Gegenwart durchschimmern lassen und die Mittel an die Hand geben, wie das jüdische Volk dem racheschnaubenden Feinde begegnen und zugleich auf seinen Gott, der oft Wunder für dasselbe getan, vertrauen sollte, daß er es vor Untergang schützen werde. Er zeichnet darin, wie es augenfällig scheint, Trajan mit seinen glänzenden Erfolgen und Siegen im parthischen Lande unter dem Bilde Nebuchadnezars, seinen unerbittlich grausamen Feldherrn, den zweiten nach ihm, Lusius Quietus, unter der Hülle einer erdichteten Figur Olophernes, deutet an die Verzweiflung des jüdischen Volkes, das in höchster Gefahr schwebt, und die voraussichtliche Errettung durch eine anmutige Gestalt, die schöne und zugleich streng jüdisch-fromme Judith, die eine unerwartete Heldentat verübt. Das Buch Judith ist nach allen Seiten darauf angelegt, den Mut halbverzweifelter Krieger und Aufständischen zu beleben und ihnen nahe Hilfe zu verheißen. Es wurde, wenn es in dieser Zeit gedichtet ist, unter dem Rest der Kämpfer in der Ebene Jesreël (Esdrelom) verbreitet, damit sie sich daran zum ferneren Widerstand aufrafften.

[121] Der Gang der künstlerisch angelegten Erzählung ist folgender. Nebuchadnezar, König der Assyrer in Ninive, will den mächtigen Känig Arphaxad (Arsakes?) von Medien, der sich eine riesige Festung Ekbatana erbaut, besiegen. Es stehen ihm zwar viele Völkerschaften zur Seite, aber um des Sieges gegen den starken Feind sicher zu sein, fordert er noch andere Nationen zum Beistande auf, auch die Bewohner vom Karmelgebirge, von Gilead, Samaria, Jerusalem und von Ägypten. Aber sie hören nicht auf das Wort des frechen Nebuchadnezar. In seinem Zorne schwört er bei seinem Throne an ihnen, die seinen Befehl gering geachtet haben, grausige Rache zu nehmen. Nachdem er Arphaxad besiegt und Ekbatana erobert, sendet er seinen Feldherrn, den zweiten nach ihm, Olophernes, aus, um diejenigen Völker, die ihn verachtet, schwer zu züchtigen, wenn sie sich nicht vollständig unterwerfen und ihn als Gott anerkennen wollten. Mit einem Heere, unzählig wie der Sand im Meere, zieht Olophernes nach Westen, alles vor sich niederwerfend, bis er zur Küste des Mittelländischen Meeres gelangt. Die Bewohner dieses Küstenstriches unterwerfen sich ihm ohne die geringste Gegenwehr, und Olophernes reißt ihre Tempel und Haine nieder und glaubt, er werde alle Götter stürzen, damit alle Völker und Stämme Nebuchadnezar als einen Gott verehren sollten.

Die Söhne Israels und die Bewohner Judäas geraten bei der Nachricht von dieser allgemeinen sklavischen Unterwürfigkeit in große Furcht und zittern für Jerusalem und den Tempel, den sie, jüngst erst aus der babylonischen Gefangenschaft zurückgekehrt,4 erbaut hatten. Nichtsdestoweniger rüsten sie sich zum Widerstande; sie sind entschlossen, ihre Heiligtümer nicht schänden zu lassen, und keinen andern Gott anzubeten, als den ihrer Väter. Sie besetzen demzufolge alle Anhöhen des Landes, befestigen die Städte und Dörfer und legen Mundvorrat hinein. Der Hohepriester der damaligen Zeit, Joakim, faßt den rechten Punkt zur Abwehr ins Auge. Wenn der Feind ins Innere des Landes eindringen soll, muß er durch die Ebene Jesreël (Esdrelom), und durch einen Engpaß ziehen, welcher nur für zwei Menschen einen Durchgang läßt. Dieser Engpaß liegt nahe bei Betylua (unweit Dotain). Würde dieser von den Bewohnern der Stadt besetzt werden, so könnten sie das Eindringen des Feindes ins Innere leicht verhindern.5 Der Hohepriester und der Rat der Alten schreiben daher an die Bewohner von Betylua und Bethomastaim, beide in der genannten Ebene, den Engpaß sorgfältig und [122] tapfer zu schützen, weil dadurch das Heiligtum in Jerusalem vor Entweihung gewahrt werden könne. Aber auf menschliches Tun und menschliche Klugheit allein will sich das Volk nicht verlassen, sondern es erhebt seine Seele in inbrünstigem Gebet, in Sack und Asche trauernd und fastend, zum Himmel. – Zornentflammt sieht Olophernes die Gegenwehr von seiten der Juden, die ihm die Straßen verlegt und seinen Zug hemmt. Kaum ist ihm dieses Volk, das ihm Hindernisse in den Weg legt, dem Namen nach bekannt.6 Er befragt die Nachbarländer darüber. Ein Ammoniter Achior wagt es, ihm eine unwillkommene Antwort zu geben. Er gibt dem heidnischen Feldherrn einen Überblick über die Vergangenheit des jüdischen Volkes, in der sich der Gedanke betätigt habe, daß Glück und Unglück dieses Volkes allein von seinem frommen oder sündhaften Verhalten gegen Gott abhänge. Achior wagte es sogar, dem Hochmütigen zu raten, Israels Gefilde zu verlassen, sonst würde er einen schmählichen Untergang darauf finden, so das Volk sich nicht gegen Gott vergangen habe. Wegen seiner kühnen Rede wird er gefesselt den jüdischen Bewohnern von Betylua überliefert, um mit ihnen zusammen das unabwendbare Strafgericht zu empfangen.

Indessen vermochte der wutentbrannte Olophernes doch nichts gegen das durch steile Berge und tapfere Krieger gut bewachte Betylua, seine Reiterei und sein Fußvolk, wie gewaltig auch ihre Zahl, vermag er nicht zu verwenden. Er befolgt daher den Rat der Nachbarvölker, der Söhne Esaus, Moab und der Anführer des Küstenstriches,7 den Belagerten die Wasserquellen zu verschließen und abzuschneiden. Dieses Mittel schlägt nur zu gut an, Wassermangel stellt sich in Betylua ein und bricht allen den Mut zum Widerstande. Das verschmachtete Volk verlangt von seinem Oberhaupt Osia, die Stadt dem Feinde zu übergeben, und dieser verspricht ihm, wenn sich innerhalb fünf Tagen nicht die Hilfe Gottes zeigen sollte, Olophernes die Tore zu öffnen. – In dieser allgemeinen Mutlosigkeit und der voraussichtlichen Gefahr erhebt sich aus dunklem Hintergrunde die Heldin, die schöne, gottesfürchtige und mutige Judith (das Judentum in verklärter Gestalt). Judith ist seit einigen Jahren Witwe, lebt seit dem Tode ihres Gatten Manasse zurückgezogen und in Trauergewändern, und obwohl reich, fastet sie alle Tage mit Ausnahme der Sabbate, Feiertage, der Rüsttage und [123] der Freudentage (Gedenktage) des Hauses Israel.8 Sie ist über den Beschluß, die Stadt binnen kurzem zu übergeben, tief betrübt, läßt das Oberhaupt Osia zu sich kommen und macht ihm Vorwürfe, daß er Gott versucht habe. Man solle doch an Gottes Hilfe nicht sogleich verzweifeln, die gegenwärtig um so gewisser zu erwarten sei,9 »als es in unseren Tagen keinen Stamm, keine Familie, keinen Kreis und keine Stadt unter uns gebe, welche vor händegemachten Göttern das Knie beugt, wie in früheren Tagen,« was eben Unheil über Israel herbeigeführt hat. »Wir aber wollen keinen anderen Gott anerkennen, darum wird er uns auch nicht verwerfen.« – Judith verspricht ihnen unter Gottes Beistand Hilfe und zieht nachdem sie sich durch inbrünstiges Gebet gestärkt, mit ihrer Dienerin aus der Stadt, um sich geschickt und mit aller Art weiblicher Zier in des Feindes Lager zu begeben. Sie läßt von ihrer Dienerin in einem Korbe Wein, Öl, reines Brot und sogar Gerstengraupen und trockene Feigen mitnehmen; denn sie ist entschlossen, auch in der Nähe des Feindes an ihrem frommen Wandel festzuhalten, um sich nicht an Heidenspeise zu verunreinigen.10

In Feindes Lager angekommen, erregt Judiths Schönheit und Anmut das Staunen der rauhen Krieger, und noch mehr des Olophernes, zu dem sie geführt wird. Sie erklärt ihm ihr Überlaufen durch die eingerissene Sündhaftigkeit des Volkes, das in seiner Not das vom Gesetze Verbotene genießt, sogar die Erstlinge des Getreides, den Zehnten vom Wein und Öl, den ein Laie nicht einmal mit Händen berühren dürfe.11 Wegen dieser Entweihung und Gesetzvergessenheit sei sie, die Fromme und Gottesfürchtige, von Gott zu ihm gesandt, ihm den baldigen Sieg zu verkünden und ihn mitten durchs Land bis vor Jerusalem zu führen. Olophernes, von ihrer Schönheit und ihrer anmutigen Rede bestochen, glaubt ihren Worten und gestattet ihr freie Bewegung innerhalb des Lagers und noch weiter. In seiner Geilheit lädt er sie zu einem einsamen Gelage und sie weigert sich nicht, mit ihm allein zu bleiben. In seiner Freude berauscht sich Olophernes, fällt in einen tiefen Schlaf, aus welchem er nimmer erwacht. Mit ihrer schwachen Hand schneidet Judith ihm das Haupt mit einem verborgen gehaltenen Messer ab, verbirgt es in ihrem Korbe, verläßt das Gemach und das Lager. Die Wachen, an ihre nächtlichen Wanderungen um im Flusse zu baden, gewöhnt, lassen sie frei ziehen. So gelangt sie bis an die Tore des nahegelegenen Betylua, ruft die Schildwache, ihr die Tore zu öffnen und [124] zeigt zum Erstaunen des Volkes bei grellem Fackellicht das blutende Haupt des Wüterichs. Die Belagerten fühlen sich dadurch ermutigt, mit frühem Morgen einen Ausfall in des Feindes Lager zu machen, und dieses, durch den Tod seines Heerführers entmutigt, stäubt auseinander. Israel ist abermals gerettet, preist seinen Gott und die Heldin, die in ihrer Schwäche das vollbracht hat, was dem Starken nicht gelungen ist. – Die Judithschrift oder die Susarolle (Megillat Schuschan), wie sie in jüdischen Kreisen betitelt wird, wollte vielleicht den gegen Quietus aufständischen Juden Palästinas an die Hand geben, wie sie durch Besetzung der Berge und Engpässe und durch Standhaftigkeit den Feind müde machen und einem mutigen jüdischen Weibe einen Wink geben, wie sie dem ausschweifenden Wüterich beikommen könnte. Das merkwürdige Buch trägt allzu kenntlich das Gepräge dieser Zeit der Drangsale unter Quietus an sich, als daß es nicht in ihr entstanden sein sollte.

Das jüdische Volk in Judäa wurde indes auf andere Weise von dem herzlosen Quietus befreit; er konnte seinen Vernichtungsplan nicht durchführen. Der neue Kaiser selbst hemmte seinen Siegeslauf. Hadrian, der mehr Ehrgeiz als kriegerischen Mut besaß, dessen innerem Wesen mehr der Nimbus kaiserlicher Autorität einer friedlichen Regierung, als die Anstrengung eines rauhen, mühevollen Kriegslebens zusagte, schreckte vor dem Anblick so vieler Aufstände, vor der Aussicht auf so viele langwierige Kriege zurück. Ohnehin neidisch auf den Ruhm seines Vorgängers, für den er nichts empfand und dem der Senat nicht genug Triumphe zu dekretieren wußte und zu schwach, ihm darin gleichzukommen oder gar ihn zu verdunkeln, ging er zum ersten Male von der hartnäckigen römischen Politik ab, die, um alles zu behaupten, alles wagte; er schlug den Weg der Nachgiebigkeit ein. Wie er das parthische Land ganz seinen Fürsten überließ und sich von jedem Anspruch darauf lossagte, wie er auch den andern im Aufstande begriffenen Provinzen Zugeständnisse machte, ebenso scheint er den Juden, um sie zu beruhigen, ihre scheinbar unschuldigen Wünsche gewährt zu haben. Zu diesen Wünschen gehörten wohl die Entfernung des herzlosen Quietus und die Wiederherstellung des Tempels. Der allmächtige Feldherr wurde von Hadrian seines Amtes entsetzt. Wiewohl an dieser Entsetzung des Kaisers Neid auf diesen ihm überlegenen und bevorzugten Feldherrn und Statthalter einen großen Anteil hatte, so scheint sie doch auch zugunsten der Juden geschehen zu sein, um ihre Hauptbeschwerde zu beseitigen. Ehe Quietus seine Ungnade erfuhr, war er im Begriff, über die zwei jüdischen Leiter, Julianus und Pappos, die in seine Hände geraten waren, das Todesurteil zu sprechen; in Laodicea sollten sie hingerichtet werden. Höhnisch sprach er zu ihnen: »Wenn euer Gott [125] so mächtig ist, wie ihr behauptet, so möge er euch aus meiner Hand retten.« Sie erwiderten ihm: »Du bist kaum würdig, daß Gott deinetwegen ein Wunder tun sollte, denn du bist nicht Selbstherrscher, sondern nur Untertan eines Höheren.« Und im Augenblick, als die zwei Gefangenen zum Märtyrertod geführt werden sollten, traf aus Rom der Befehl ein, welcher den Blutrichter von der Statthalterschaft in Judäa abrief. Quietus verließ Palästina, den Schauplatz seiner fast zweijährigen Grausamkeit, um kurze Zeit nachher auf Hadrians Befehl hingerichtet zu werden. Der Tag der Befreiung Julianus' und Pappos' am zwölften Addar (im Februar 118?), wurde als ein denkwürdig-freudiges Ereignis verewigt; das Synhedrion setzte ihn als Halbfeiertag in den Kalender ähnlicher Gedenktage unter dem Namen Trajanstag (Jom Tirjanus) ein.12

Es ist gar nicht daran zu zweifeln, daß die Juden, als sie die Waffen streckten, die Bedingung gestellt haben, den Tempel auf seiner früheren Stätte wieder aufbauen zu dürfen. Eine jüdische Quelle erzählt diese Tatsache mit deutlichen Worten, und auch christliche Nachrichten versichern auf das Bestimmteste, daß die Juden mehrmals versucht haben, den Tempel wiederherzustellen, was sich eben nur auf die ersten Regierungsjahre Hadrians beziehen kann. Die Stadt Jerusalem, die, wenn nicht ganz zerstört, doch zum großen Teil verödet war, sollte sich wieder aus den Trümmerhaufen erheben. Die Aufsicht über den Bau der Stadt soll Hadrian dem Proselyten Akylas anvertraut haben.13

Der Jubel der Juden war nicht gering über die wiedergewonnene Selbständigkeit und namentlich über die Aussicht, wieder einen heiligen Mittelpunkt zu besitzen. Ein Jubeljahr war seit der Tempelzerstörung verflossen, ein Zeitraum, gerade so lange als die Zeit zwischen der Einäscherung des ersten Heiligtums und der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft. Die kühnsten Hoffnungen wurden durch das von Hadrian erlangte Zugeständnis rege. Ein jüdisch-alexandrinischer Dichter gab den Gefühlen, welche die Brust der Juden damals schwellten, in griechischen Versen Ausdruck. Der unbekannte Sänger legt sie, wie seine Vorgänger über anderthalb Jahrhunderte vorher,14 einer heidnischen Seherin, der Sibylle, der Schwester der Isis, in den Mund, so daß es den Anschein gewinnt, als wenn die glanzvoll anbrechende Zeit lange vorher verkündet worden wäre. Sie führt zuerst die Reihe der römischen Selbstherrscher seit Cäsar in rätselhafter Andeutung ihrer Namen auf:


[126] . ... »und nach ihm wird

Herrscher ein anderer Mann mit silbernem Helm; eines Meeres

Namen er trägt,15 ein gar trefflicher Mann und der alles einsiehet.

Und unter dir, du trefflicher, herrlicher, dunkelgelockter,

Und unter deinem Geschlecht nach dir geschieht dies alle Zeiten.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Doch wann das persische Land einst frei sein wird von dem Kriege,

Frei von Leiden und Pest, dann wird der glücklichen Juden

Göttlich Geschlecht jenes Tags sich erheben, der Himmelsbewohner,

Welche mitten auf Erden rings her die Stadt Gottes bewohnen,

Und bis nach Joppe hinab mit hoher Mauer umschließen,

Kühn auftürmend zur Höh' und bis zu den dunkelen Wolken.

Nicht mehr wird kriegsmörderischen Ton die Trompete erdröhnen,

Nicht mehr geh'n sie zugrund durch die rasenden Hände des Feindes;

Sondern es werden Trophäen in der Welt stehen über das Böse.

Quäle das Herz nicht mehr, nicht setze das Schwert auf die Brust dir,

Göttlicher Sproß, überreich, du einzig begehrliche Blume,

Licht du, gut und hehr, ersehntes Endziel und heilig,

Liebliches jüdisches Land, schöne Stadt, begeistert durch Lieder.

Nicht mehr wird der unreine Fuß der Hellenen in deinem Lande

Rasen umher, im Herzen beseelt von dem Geiste gleicher Satzung,

Sondern es werden in Ehr' dich halten vortreffliche Diener,

Und sie werden den Tisch hinsetzen mit heiliger Rede,

Mit verschiedenen Opfern und Gott wohlgefälligem Beten.

Fromme, die leiden und hartes Bedrängnis geduldig ertrugen,

Sie werden Gutes vielmehr und Herrliches bringen zuwege,

Die aber übele Red' ohne Fug zum Himmel gesendet,

Sie hören auf, die Zwietracht zu regen gegeneinander,

Werden sich selbst verbergen, bis einst die Welt sich geändert.

Aber ein Regen wird kommen, von brennendem Feuer aus den Wolken;

Nicht mehr ernten die Menschen vom Felde die treffliche Ähre,

Nirgends wird mehr gesäet noch gepflügt, bis die sterblichen Menschen

Schaun den unsterblichen Gott, den Gott über sämtliche Wesen,

Ihn, der in Ewigkeit ist, bis nicht mehr das Sterbliche altert,

Weder die Hunde noch Geier, wovon der Ägypter lehret,

Mit keckem Munde und törichten Lippen sie zu verehren.

Nur das heilige Land der Hebräer wird alles dies bringen,

Naß vom honigträufelnden Felsen und von der Quelle,

Und auch ambrosische Milch wird strömen für alle Gerechten,

Denn sie haben auf Gott, den einzigen großen Erzeuger,

Ihre Hoffnung gesetzt in Frömmigkeit und voller Treue.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Denn vom himmlischen Lande herab ein glückseliger Mann kam,

In den Händen er hielt ein Zepter, das Gott ihm behändigt,

Und über alle gebot er mit Ruhm, und allen den Guten

Gab er den Reichtum zurück, welchen frühere Männer genommen.

Sämtliche Städte zerstört' er mit vielem Feuer von Grund aus,

[127] Und verbrannte die Sitze der Menschen, die Böses verübet

Ehemals; aber die Stadt, welche Gott wohlgefiel, diese machte er

Glänzender als die Gestirn', als die Sonne und als wie der Mond ist,

Zierte sie aus mit Glanz und schuf einen heiligen Tempel,

Körperlich sichtbar und schön und prachtvoll, auch formt' einen Turm er.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

So daß alle, die treu und gerecht, nun konnten anschauen

Gottes, des Ewigen Glanz und sein ersehntes Erscheinen

Aufgang und Niedergang hat die Herrlichkeit Gottes gepriesen.

Denn nicht Schlimmes wird den armseligen Menschen begegnen,

Auch ist kein Ehebruch mehr und schändliche Liebe der Knaben,

Nicht mehr Mord und Kriegslärm, nur gerechter Eifer ist allen,

Endlich erscheint die Zeit der Heiligen, wo dies vollführet

Der hochdonnernde Gott, der den mächtigen Tempel gegründet«.16


So jubelte und schwärmte die jüdische Sibylle und träumte den baldigen Sturz des Heidentums. Der Kaiser Hadrian war bei den Juden im Anfang seiner Regierung eine beliebte Persönlichkeit. Aber in dem Maße, wie sie in dem Gedanken glücklich waren, bald wieder einen Tempel und eine Sühnestätte zu besitzen, in demselben Maße fühlten die Judenchristen in der Nähe Ingrimm gegen diese begonnene Restauration. Sie hatten sich allzutief in den Glauben hineingewühlt, daß Jesus, als Messias, Hoherpriester und Opfer den Tempel entbehrlich gemacht habe. Sie erwarteten täglich seine Wiederkunft auf den Wolken des Himmels, auf daß er nach dem bereits abgelaufenen sechsten Jahrtausend der Welt (nach ihrer Berechnung) das tausendjährige Reich messianischer Glückseligkeit bringen solle. Eine Wiederherstellung des Tempels hätte ihre Berechnung und Hoffnung zuschanden gemacht. »Siehe,« sprachen die Judenchristen, »diejenigen, welche diesen Tempel zerstört haben, werden ihn erbauen. Mag's geschehen. Durch ihre (der Juden) Kriege wurde er von den Feinden zerstört; jetzt werden ihn die Diener der Feinde wieder errichten. Indessen nur damit die heilige Stadt, der Tempel und das Volk Israel wieder überliefert werden«.17 Zwei erbitterte Volksklassen hatten die Juden Judäas, welche die Restauration mit scheelen Augen ansahen, die Judenchristen und die Samaritaner. Beide haben es vermutlich nicht an Anstrengung fehlen lassen, sie zu hintertreiben.

Die Begünstigungen, die Hadrian den Juden gewährte, lagen im Interesse seiner kriegsscheuen Politik. Durch die Befriedigung ihrer Wünsche entwaffnete er nicht nur die zum Kriege Gerüsteten, sondern machte sie zu Verbündeten, auf deren Treue er für den [128] Fall rechnen konnte, wenn die Parther, wie zu befürchten stand, angriffsweise ins römische Gebiet einfallen sollten. Mit dem Wiederaufbau des Tempels machten die Juden vollen Ernst. Julianus und Pappos, die Leiter des Aufstandes, welche eben erst durch Hadrians Dazwischenkunft dem Tode entgangen waren, nahmen sich dieser Angelegenheit mit Eifer an. Sie stellten Wechseltische in Galiläa und Syrien, von Akko bis Antiochien auf, um die ausländischen Münzen, welche zum Tempelbau von den auswärtigen Juden einliefen, gegen inländische und gangbare umzutauschen.18 Die Juden aller Länder scheinen sich nach dieser Nachricht an dem Nationalwerke beteiligt zu haben.

Indessen erschienen bald die großen Erwartungen, die man sich von der Wiederherstellung des Tempels gemacht hatte, als ein süßer Traum, der vor der rauhen Wirklichkeit erblaßt. Denn kaum hatte Hadrian in seinem Reiche festen Fuß gefaßt und die unruhigen Völker beschwichtigt, als er nach Art schwacher Fürsten seine Verheißungen zu schmälern und zu deuteln begann. Eine Nachricht erzählt, daß die Samaritaner, neidisch darauf, daß der Tempel zu Jerusalem, ihr ewiger Anstoß, sich wieder aus dem Schutte erheben sollte, sich bemühten, dem Kaiser das Gefährliche einer solchen Wiederherstellung begreiflich zu machen. Wie ihre Vorfahren ehemals den persischen Machthabern, so sollen sie jetzt dem römischen Imperator bewiesen haben, daß der Bau eines Tempels zum Hintergedanken einen vollständigen Abfall von Rom habe, daß also das Mittel zur Vermeidung des Abfalles gerade zum Abfall führen würde. Indessen mochten Hadrian oder seine Beamten in Judäa auch ohne Eingebung der Samaritaner auf diesen Gedanken gekommen sein. Genug, Hadrian, der nicht wagte, sein Wort ganz zurückzunehmen, mäkelte daran. Er soll nämlich, wie die Quelle erzählt, den Juden zu verstehen gegeben haben, daß sie den Tempel auf einer andern Stelle, nur nicht auf den Trümmern der alten Stätte, erbauen, oder daß sie ihn in einem kleinern Maßstabe anlegen sollten. Die Juden, welche diese Ausflucht verstanden und darin ein Zurücknehmen des kaiserlichen Versprechens erblickten, waren nicht gesonnen, mit sich spielen zu lassen. Bei der Nachricht davon bewaffneten sich viele wieder und kamen abermals im Tale Rimmon in der Ebene Jesreël zusammen. Als man das Schreiben vorlas, brachen die Volksmassen in Tränen aus. Ein Aufstand und ein erbitterter Krieg, wie er später zum Ausbruch kam, schien unvermeidlich. Doch gab es auch Friedlichgesinnte unter dem Volke, welche das Gefährliche eines Aufstandes unter den damaligen Umständen [129] erkannt haben mochten. An der Spitze der Friedenspartei stand R. Josua. Er war nicht, wie die meisten seiner jüdischen Zeitgenossen, von blinden Vorurteilen gegen die Heidenwelt eingenommen, er sprach ihnen nicht, wie es auch Christen taten, alle Tugenden und allen Wert in Gottes Augen ab. Im Gegenteil behauptete R. Josua: »Die Frommen und Sittlichen aller Völker haben Anteil am zukünftigen Leben der Seligkeit zu erwarten.«19 Ihn rief man schnell herbei, damit er durch sein Ansehen und seine Beredsamkeit die aufgeregte, kriegslustige Menge beschwichtigen solle. R. Josua sprach zum Volke in derselben Form, welche sich stets zur Umstimmung von Volksmassen bewährt und wirksam zeigte; er trug eine Fabel vor und zog daraus die Nutzanwendung für die damalige Lage. »Ein Löwe hatte sich einst an seiner Beute gesättigt, aber ein Knochen blieb ihm davon im Halse stecken. In der Angst versprach er demjenigen eine große Belohnung, der ihm den Knochen herausziehen würde. Ein Kranich mit langem Halse stellte sich dazu ein, vollzog seine Operation und verlangte zuletzt seinen Lohn. Der Löwe aber sprach spöttisch: »Sei froh, daß du deinen Kopf unversehrt aus des Löwen Rachen gezogen hast.« »Ebenso,« fuhr R. Josua fort, »sollten wir froh sein, daß wir mit heiler Haut aus des Römers Hand davon kamen, und nicht so ungestüm auf der Erfüllung seines Versprechens bestehen.« Durch diese und ähnliche Worte hielt er das Volk für den Augenblick von einem Aufruhr zurück.20 Doch ging das Volk mit dem Gedanken an einen Aufstand auseinander, und es rüstete sich dazu mit einer Zähigkeit, welche eines bessern Ausgangs würdig gewesen wäre.

R. Josua war in der hadrianischen Zeit der Hauptführer des Volkes und scheint auch das Patriarchat verwaltet zu haben21; denn R. Gamaliel war wohl im Anfang der hadrianischen Regierung bereits gestorben. Die Ehren, die seiner Leiche erwiesen wurden, bewiesen, wie hoch er in der Volksmeinung stand. R. Josua und R. Elieser mit ihren Jüngern hielten Trauer um ihn.22 Der Proselyt Akylas verbrannte nach alter Sitte, wie bei königlichen Leichenbegängnissen, Kleider und Möbelstücke im Werte von siebzig Minen (ungefähr 150 Taler). Als man ihm diese Verschwendung vorwarf, erwiderte er: »R. Gamaliel ist mehr wert, denn hundert [130] Könige, an denen die Welt nichts hat.«23 Von diesem Gepränge stach die Einfachheit der Leichenkleider ab, welche R. Gamaliel selbst vor seinem Tode ausdrücklich für sich angeordnet hatte. Es war nämlich bis dahin Sitte, die Leichen in kostbaren Kleidern zu bestatten, ein Aufwand, der den Unbemittelten so schwer fiel, daß manche öfter ihre verstorbenen Verwandten im Stiche ließen, um sich den Unkosten zu entziehen. Um diesem Aufwande zu steuern, verlangte R. Gamaliel in seinem letzten Willen, daß man ihn nur in einfachem weißen Leinen bestatten sollte. Von der Zeit an wurde der Brauch einfacher Leichenbestattung Sitte, und die dankbare Nachwelt pflegte beim Leichenmahle einen Trostbecher mehr zum Andenken an R. Gamaliel zu leeren.24 Er hinterließ einige Söhne; doch scheint der ältere, Simon, noch zu jung zur Übernahme des Patriarchats gewesen zu sein, deswegen verwaltete wohl R. Josua dieses Amt als Ab-bet-din (Stellvertreter). R. Josua wollte nach R. Gamaliels Tode manche Gesetzesbestimmungen widerrufen, welche durch dessen Autorität eingeführt wurden; dagegen widersetzte sich R. Jochanan ben Nuri und zog die meisten Tannaiten auf seine Seite.25 – Auch sein Mitpräsident R. Eleasar ben Asaria und sein Gegner R. Elieser scheinen in der hadrianischen Regierungszeit nicht mehr am Leben gewesen zu sein. – Es ist kaum daran zu zweifeln, daß nach R. Gamaliels Tod das jamnensische Synhe drion nach Obergaliläa auswanderte; Uscha26, in der Nähe der mit ihr oft zusammen genannten Nachbarstadt Schefaram27, zwischen Akko und Safet gelegen, wurde Synhedrialstadt. R. Ismael wird unter denen genannt, die nach Uscha ausgewandert waren.28 Hier erließ das Synhedrion einige Verordnungen von hoher sittlicher und geschichtlicher Bedeutung, die unter dem Namen Verordnungen von Uscha (Tekanot Uscha) Gesetzeskraft erhalten haben.29 Eine von ihnen bestimmte, daß der Vater gesetzlich gehalten sei, seine unmündigen Kinder zu ernähren und zwar Knaben bis zum zwölften Jahre und Mädchen bis zu ihrer Verheiratung; bisher war die Sorge [131] für die Kinder dem Elterngefühl frei überlassen. Eine andere Verordnung bestimmte, daß ein Sohn, welchem von seinem Vater schon bei Lebzeiten das ganze Vermögen überlassen wurde, stillschweigend verpflichtet sei, seinen Vater und dessen Frau zu erhalten. Eine dritte beschränkte die maßlose Verteilung der Güter zu wohltätigen Zwecken, welche in dieser Zeit stark überhand genommen hatte. Diese Verordnung setzte fest, daß man nicht mehr als den fünften Teil des Vermögens verschenke. R. Isebab, der später den Märtyrertod starb, war im Begriff, sein ganzes Vermögen unter Arme zu verteilen; aber R. Akiba verhinderte es mit Hinweisung auf jene Verordnung. Ein Beschluß von Uscha scheint eine Reaktion gegen Gamaliels Bannstrenge erzielt zu haben. Er bestimmte, daß kein Mitglied des Kollegiums fortan in den Bann getan werden dürfe, es müßte denn geradezu das ganze Gesetz verhöhnen und aufheben, wie der König Jerobeam.30 Dieser Umstand beweist, daß die Einheit des Gesetzes bereits derart befestigt war, daß man von der Meinungsverschiedenheit und den auseinandergehenden Lehrweisen nicht mehr, wie früher, eine tiefergehende Spaltung zu fürchten hatte; man fühlte nur die Härte, die darin lag, über Genossen den Bann zu verhängen und sie von der Beteiligung am Lehrhause auszuschließen. R. Josua mochte wohl zu diesem Beschlusse beigetragen haben.

Das leidliche Verhältnis zwischen dem Kaiser Hadrian und den Juden dauerte nicht viel über ein Jahrzehnt, es war kein natürliches. Jener konnte es nicht vergessen, daß er gezwungen worden, dieser verachteten Nation Zugeständnisse zu machen, und diese konnten es nicht verschmerzen, daß er wortbrüchig gegen sie geworden und sie um ihre schönste Hoffnung gebracht hatte. Die gegenseitige Antipathie zeigte sich bei Hadrians Besuch oder Durchreise in Judäa. Dieser Kaiser hatte nämlich aus Eitelkeit, um mit Recht Vater des Vaterlandes genannt zu werden und aus innerer Unruhe und müßiger Geschäftigkeit, die ihn stets von einem Orte zum andern trieben, fast sämtliche Provinzen des großen römischen Reiches besucht, hat alles mit eigenen Augen sehen wollen, sich mit seiner kleinlichen Neugierde um alles gekümmert und mit Weisen, sowie mit Männern von Geist aus allen Nationen Gespräche angeknüpft. Hadrian war ein Schöngeist, besaß auch die Eitelkeit, sich für einen Philosophen zu halten, und gefiel sich darin, alles besser als andere wissen zu wollen. Ob er die Stimmung der Provinzen richtig beurteilt hat? Über die der Juden hat sich der schnell urteilende [132] Kaiser entschieden getäuscht. Bei seiner Anwesenheit in Judäa (Sommer 130)31 waren ihm gewiß in Untertänigkeit und speichelleckerischer Kriecherei entgegengekommen, um ihn als Halbgott oder gar Vollgott zu begrüßen, alle diejenigen, welche mehr oder weniger die Urbevölkerung, die Juden, haßten und zu demütigen trachteten: die Römer, die entarteten Griechen oder vielmehr die Mischlinge von Hellenen und Syrern, wohl auch die Samaritaner und Christen. Vielleicht war kein Land damals so wie das winzige Palästina von Rassen und Religionsparteiung zerklüftet. Ein pantomimisches Gespräch, welches in Gegenwart Hadrians zwischen einem Christen und dem Vertreter der Judenheit R. Josua ben Chanania stattfand, gibt die gegenseitige Haltung bezeichnend wieder. Der erstere zeigte durch eine Geberde, daß der Gott Israels sein Antlitz von den Juden abgewendet; der letztere bezeichnete durch die Armbewegung, Gott halte noch seine Hand schirmend über Israel, und Hadrian soll sich diese Pantomime haben erklären lassen. Mit R. Josua scheint er vielfache Unterredungen gehabt zu haben. Es werden mehrere Gespräche zwischen Hadrian und diesem tannaitischen Weisen überliefert; eines unter diesen hat Glaubwürdigkeit für sich. Er fragte ihn: »Wenn Ihr so weise seid, als Ihr behauptet, so saget mir doch, was ich diese Nacht im Traume sehen werde?« R. Josua antwortete: »Du wirst träumen, daß die Perser (Parther) dich knechten und zwingen werden, niedrige Tiere mit einem goldenen Zepter zu hüten.« Das Beispiel war recht gut gewählt, um auf den abergläubischen Kaiser Eindruck zu machen; denn er fürchtete kein Volk so sehr wie die Parther und tat alles Mögliche, um sie in friedlicher Stimmung zu erhalten. Hadrian soll in der Tat dieselbe Nacht einen ähnlichen Traum gehabt haben. R. Josua war aber nicht der Mann, ihm die Erbitterung, die gegen ihn unter der jüdischen Bevölkerung herrschte, zu offenbaren; dazu war er von zu sanfter und demütiger Art.

Hadrian glaubte von Judäa keine Feindseligkeit befürchten zu müssen. Er berichtete auch diese vorgefundene friedliche Stimmung an den römischen Senat, und dieser verewigte dessen Leichtgläubigkeit durch verschiedene Denkmünzen, auf welchen der Kaiser in der Toga abgebildet ist, vor ihm das knieende Judäa, das der Kaiser aus dieser niedrigen Stellung zu erheben sucht; drei Knaben (wohl die drei Landschaften Judäa, Samaria, Galiläa) reichen ihm Palmenzweige. Auf einer andern Denkmünze wird Judäa mit dem Kaiser zugleich opfernd dargestellt. Er war also der Erwartung, daß die Stammes- und Religionsunterschiede binnen kurzem verwischt und [133] die Bewohner mit den Römern bis zur Unkenntlichkeit verschmolzen sein würden. Um diese Verschmelzung herbeizuführen, entwarf er einen Plan, der nicht unüberlegter gefaßt werden konnte. Jerusalem sollte wieder aufgebaut, aber in eine vollständig heidnische Stadt umgewandelt, auch ein Tempel sollte errichtet werden, aber ebenfalls einen heidnischen Charakter erhalten. Das neue Heiligtum sollte dem kapitolinischen Jupiter geweiht werden und die Stadt seinen Namen führen: Aelia Capitolina.32 Während er nach Ägypten reiste, um dort allerlei Torheiten zu begehen, wurde die Umwandlung und Entweihung der heiligen Stadt vorgenommen. Die Juden blieben natürlich nicht stumpfe Zuschauer bei dieser ihnen zugedachten Entfremdung, die sie als Volksstamm und Religionsgenossenschaft aus dem Buche der Lebenden streichen sollte. Es entstand eine düstere Gärung in den Gemütern. R. Josua scheint es abermals versucht zu haben, eine Vermittlung und Aussöhnung herbeizuführen, den unbedachten Plan des Kaisers rückgängig zu machen und den Unwillen des Volkes zu stillen. Er reiste, ein betagter Greis, nach Ägypten, um den Kaiser auf bessere Gedanken zu bringen. Aber dieser scheint für vernünftige Vorstellungen unzugänglich gewesen zu sein. Er hatte nur Spott für die jüdische, samaritanische und christliche Religion, die er genügend kennen gelernt zu haben glaubte, und meinte, daß zwischen ihnen und dem ägyptischen Kultus nur ein geringer Unterschied herrsche. Seinem Schwager schrieb er in dieser Zeit: »Kein Synagogenvorsteher (Rabbiner) der Juden, kein Samaritaner, kein christlicher Priester verehrt etwas anderes als den Serapis. Selbst jener Patriarch, welcher nach Ägypten gekommen ist (wahrscheinlich R. Josua), wurde von einigen gezwungen, den Serapis zu verehren, und von andern, Christus anzubeten.« R. Josua scheint unverrichteter Sache nach Judäa zurückgekehrt und vor Gram und Altersschwäche bald darauf gestorben zu sein. Mit Recht rühmte man ihm nach, daß mit seinem Tode der kluge Rat und die weise Vermittlung untergegangen sei.33 Denn nach seinem Ableben entstanden in Judäa tiefgehende Bewegungen und Kämpfe, welche zu den denkwürdigsten der jüdischen Geschichte gehören, und niemand war vorhanden, sie beim Ausbruche zu ersticken.


Fußnoten

1 Spartianus in Hadr., c. 5.


2 S. Note 19.


3 Tosifta Demai, c. I.


4 Judith 4, 3. Uber die Komposition des Buches Judith s. Note 14.


5 Das. 4, 7. Darin liegt wahrscheinlich ein Stück Kriegsgeschichte aus Quietus' Zeit.


6 Auch dieser Zug Judith 5, 1-4 ist geschickt angebracht. Den Römern der Trajanischen Zeit waren das jüdische Volk und seine zelotischen Kämpfe aus dem Gedächtnis geschwunden.


7 Auch dieser Zug das. 7, 8 fg. scheint einen geschichtlichen Charakter zu haben. Die στρατƞγοὶ τῆς παραλίας können Griechen und Gräkosyrer gewesen sein. Das Abschneiden der Quellen spielt auch im Barkochba-Kriege eine Rolle.


8 Judith 8, 6.


9 Das. 8, 17, 18, 20.


10 Das. 10, 5, auch 12, 1-2; 18-19.


11 Das. 11, 12-14.


12 S. Note 14.


13 Das.


14 S. Band III, 5. Aufl., p. 375 und 611 über die Sibyllinen.


15 Das Meer Adria-Adrianus.


16 S. Friedlieb, Die Sibyllinischen Weissagungen. Sibyllina V, V. 247-285; 414-434.


17 Note 14.


18 Genesis Rabba, s. dieselbe Note.


19 S. Note 6.


20 Genesis Rabba in Note 14.


21 Das. und Brief Hadrians an Servianus bei Vospiscus in Saturninum daselbst.


22 Moed Katan 27 a. Jerus. das. III, p. 83 a. Hier fehlt mit Recht das Epitheton »der Alte«, welches im Babli steht.


23 Tosifta Sabbat, c. 8, 18. Aboda Sara 11 a. Semachot, c. 8. An allen diesen Stellen ist dasselbe Epitheton »der Alte«, als wenn sich diese Tatsache auf den ältern R. Gamaliel bezöge, ein augenfälliger Ab schreibefehler.


24 Tosifta Nidda Ende. Ketubbot 8 b.


25 Erubin 41 a.


26 Jetzt El-Us nach Schwarz, Palästina, S. 96 und Kieperts Karte zu Robinsons und Smiths Palästina.


27 Jetzt Schefa-Amar nach demselben und Robinson das. III, S. 883.


28 Baba Batra 28 a, vergl. Nidda 14 a. רזעלא 'ר לאש .הנביב םימכח ושרפ ךכ ... אשואב םימכח ינפל קודצ רב


29 Ketubbot 49 a, 50 b. Jerus. Ketub. III, 28. Moed Katan III, 81 d.


30 Moed Katan das. [Vergl. die verschiedenen Ansichten über die Verordnungen von Uscha, Weiß, Geschichte der Tradition II, S. 146 a, 1].


31 Note 24.


32 Siehe über alles Note 24.


33 Sota Ende.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1908, Band 4, S. 135.
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