III.

[429] Der Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches hatte auch nachteilige Folgen für die bis dahin mächtigen jüdischen Stämme in und um Jathrib. Dieser Punkt ist für die Geschichte der Juden noch gar nicht ins Auge gefaßt [429] worden. Er läßt sich aber zu einer allerdings, der Natur der Quellen nach, nur beschränkten Gewißheit erweisen. Bei der Schwächung der jüdischen Stämme, welche bis dahin über die arabischen Stämme Kail (gespalten in die zwei Hauptstämme Aus und Chazraǵ) geherrscht hatten, spielt in den arabischen Quellen der Chazraǵite Malik Ibn-Aǵlan eine Hauptrolle. Er hat nämlich einen stammverwandten mächtigen Häuptling mit einer Schar kriegerischer Beduinen herbeigerufen und mit ihrer Hilfe die Juden von Jathrib zum Stande von Klienten (Mawali) heruntergebracht. Es kommt nun darauf an, chronologisch zu bestimmen, wann dieser Malik Ibn-Aǵlan gelebt hat, und wer der Beduinenhäuptling war. Läßt es sich nachweisen, daß diese Personen und dieses Faktum der Zeit nach dem Untergange des jüdisch-himjaritischen Reiches angehören, so wäre hiermit der Fingerzeig für die pragmatische Verknüpfung gefunden. Caussin de Perceval setzt zwar Malik und das Faktum der Unterjochung der jüdischen Stämme von Jathrib um 492-495 (a.a.O. II, S. 559-53). Ich glaube aber, daß sich der berühmte Historiker der mohammedanischen Geschichte der Araber in diesem Punkte wie in manchen andern in betreff der Chronologie versehen hat. Malik kann nämlich nicht am Ende des fünften Jahrhunderts bereits ein Krieger im Mannesalter gewesen sein aus folgenden Gründen:

1. Ein Urenkel dieses Malik, mit Namen Abbas, gehörte zu den zwölf Medinensern, welche Mohammed einluden, sich in ihrer Stadt niederzulassen (im Jahr 621): Abbas ben Obada, ben Thalaba, ben Malik Ibn-Aǵlan (de Perceval III, S. 2). Mag nun dieser Abbas im genannten Jahre auch nur ein Dreißiger gewesen sein, so war er um 590 geboren. Folglich wurde sein Urgroßvater Malik um 490 geboren, wenn drei Geschlechter von einem Jahrhundert umspannt werden. Malik kann demnach nicht um 495 die Juden Jathribs bekämpft haben41.

2. Nachdem die beiden jathribensischen Stämme Aus und Chazraǵ die Oberhand über die jüdischen Stämme gewonnen, entzweiten sie sich und führten gegeneinander eine zwanzigjährige Fehde, wobei wiederum derselbe Malik eine Hauptrolle spielte. Dieselbe Fehde setzt Caussin de Perceval ebenfalls zu früh an zwischen 497-517 (das. II, 657 ff.). Denn am Ende der zwanzigjährigen Fehde vermittelte ein angesehener Chazraǵite Abu Hassân Thabit den Frieden, indem er Schiedsrichter zwischen den beiden Stämmen war. Thabits Sohn, der Dichter Hassân, preist seinen Vater wegen dieser Tat in einem Verse, den das Kitab al-Aghani aufbewahrt hat. Er lautet nach Caussin de Percevals Übersetzung (das. II, 661): »C'est mon père (יבאו) qui a terminé le différend et conclu la paix ... entre les parties adverses rassemblées autour de lui.« Dieser Hassân, der Sohn des Schiedsrichters, der noch während Mohammeds Zeit blühte, wurde nach sichern Traditionen 7 oder 8 Jahre vor Mohammed geboren (um 562-63; Caussin de Perceval ibid. II, S. 669). Sein Vater Thabit muß aber zur Zeit seines Richteramts bereits in den besten Jahren gestanden haben; denn einem bartlosen Jüngling würden sich die kriegerischen Stämme nicht gefügt haben. Wäre er also nach Caussin de Percevals Annahme, um [430] 517 oder auch um 520-25 Schiedsrichter gewesen, so hätte er den Sohn als ein Siebziger oder Achtziger gezeugt haben müssen. Caussin de Perceval fühlte diese Schwierigkeit und will den Ausdruck bei Hassân יבאו »mein Vater« durch »mein Großvater« in poetischer Freiheit gebraucht wissen. Aber das ist ein gezwungener Notbehelf.

3. Es ist aber durch einen andern Umstand erwiesen, daß dieser Thabit und folglich auch der fragliche Malik, der Unterjocher der jüdischen Stämme, im sechsten und nicht im fünften Jahrhundert geblüht haben. Thabit war nämlich noch bei der zweiten Fehde zwischen den Aus und Chazraǵ tätig, bei »dem Kriege Chatib«, dessen Ende ein arabischer Annalist und mit ihm Caussin de Perceval selbst in das Jahr 612 setzen (das. II, 686). Thabit, schon ein Greis, war in Gefangenschaft geraten und wurde zum Spott gegen einen alten Bock ohne Hörner eingelöst. Mag er im Jahre 615 ein hundertjähriger Greis gewesen, also um 515 geboren sein, so kann er doch nicht um 517 oder 520 den Frieden vermittelt haben. Man muß demnach die erste Fehde zwischen den Stämmen Kail später ansetzen, als es Caussin de Perceval tut, zwischen 530-40 und das Ende derselben 550-69. Dann hatte Thabit das rechte Alter, um Schiedsrichter zu sein und einen Sohn im Jahre 562 zeugen zu können. Folglich war Malik Ibn-Aǵlan, der Gegner der jathribensischen Juden, erst in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts Häuptling der Chazraǵiten.

4. Diese Annahme, daß die Unterjochung der Juden von Jathrib erst nach 530, d.h. nach dem Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches, stattgefunden hat, wird auch von einer anderen Seite bestätigt. Nach den arabischen Nachrichten hat Malik die Juden durch die Hilfe eines auswärtigen Häuptlings gedemütigt. Dieser Häuptling war kein anderer als der in der arabischen, byzantinischen und persischen Geschichte berühmte Gafanidenfürst Schammir, auch der Hinkende (Alaraǵ) genannt. Ibrahim Halebi (bei Weil, Mohammed, S. 410) nennt den von den arabischen Stämmen gegen die Juden zu Hilfe gerufenen Häuptling vom Geschlechte G'ofna oder G'afna, d.h. einen Gafaniden. Denn der erste Gafanidenfürst hieß G'ofna (Caussin de Perceval a.a.O. II, 207). Hariths Vater hieß zugleich Harith und G'abala; man bezeichnet also den Sohn, den Parteigänger des byzantinischen Reiches, entweder nach dem Namen des Vaters Harith Ibn-G'abala, oder nach dem des Großvaters Ibn-Abu-Schammir. Von diesem Harith berichtet Procop, daß ihn der Kaiser Justinian im Anfange seiner Regierung über sämtliche Araber, die unter byzantinischer Botmäßigkeit standen, gesetzt und ihm sogar den Königstitel verliehen hat, was bis dahin ohne Beispiel war (de bello persico I, 17, S. 89): διὰ δὴ βασιλεὺς Ἰουστινιανὸς φυλαῖς ὅτι πλείσταις Ἀρέϑαν τὸν Γαβαλᾶ παῖδα ἐπέστƞσεν, ὡς τῶν ἐν Ἀραβίοις Σαρακƞνῶν ἦρχεν, ἀξίωμα βασιλέως αὐτῷ περιϑέμενος, οὐ πρότερον τοῠτο ἐν γε Ῥωμαίοις γεγονὸς πώποτε. Merken wir uns, daß Procop den Gafanidenhäuptling, dem Justinian erlaubte, sich König zu nennen, Arethas, Sohn des G'abala nennt, d.h. ins Arabische übersetzt: Harith Ibn-G'abala. Wenn nun Maßudi berichtet, daß ein Gafanidenfürst von den Römern mit dem Titel Phylarch bekleidet wurde, so werden wir sofort auf Harith Ibn-G'abala raten, und wenn er ihn Abu-G'obaila nennt, so werden wir sofort auf Harith G'abala [431] raten, und, wenn er ihn Abu-G'obaila nennt, so werden wir keinen Anstand nehmen, das ובא in ןבא zu emendieren (vgl. Caussin de Perceval a.a.O. II, 225): Maçoudi nous apprend, qu'il (Abou-Djobayla) avait été investi par les Romains de la dignité de Phylarque. Keineswegs werden wir eine andere Persönlichkeit daraus machen, etwa einen Abu-G'obaila, wie es Caussin de Perceval tut, da Procop aussagt, daß die Titelverleihung an einen arabischen Häuptling von seiten der Römer bis auf Arethas ben G'abala ohne Beispiel war. Nun berichten das Kitâb al-Aghani und Ibn-Khaldûn, daß der Häuptling, den Malik gegen die Juden zu Hilfe gerufen hat, Abu-G'obaila hieß (bei Caussin de Perceval II, 650 f.). Wir müssen auch hier an den Gafanidenfürsten Harith Ibn-G'abala denken, um mit Ibrahim Halebi in Übereinstimmung zu bleiben, der denselben Häuptling vom Geschlechte G'ofna stammen läßt, d.h. von der Gafanidenlinie. Wir brauchen auch hier nur הליבג ובא in »לבג ןבא«, d.h. Abu-G'obaila in Ibn-G'abala zu emendieren.

5. Wir haben um so eher bei der Unterjochung der jathribensischen Juden durch einen auswärtigen Häuptling an Harith Ibn-G'abala oder Harith Ibn-Abu-Schammir zu denken, als einer der ältesten arabischen Annalisten Ibn-Kutaiba tradiert, daß ebenderselbe in Arabien war, die Juden von Chaibar besiegte, ihre Frauen und Kinder in Gefangenschaft führte, später sie aber zurückschickte: רימש יבא ןב תרח יזע ןאכו םאשלא םדק אמ דעב םהקתעא םת אהלהא ןמ יבספ רביח (Ibn-Kutaiba ed. Wüstenfeld p. 314). Derselbe Harith hat auch den jüdischen Dichter auf dessen Burg Ablak belagert Er hatte also die Juden auf der arabischen Halbinsel bekriegt. Es ist also ziemlich gewiß, daß er es war, den Malik gegen die Juden von Jathrib zu Hilfe gerufen hat.

Durch diese Annahme ist die Chronologie dieses Faktums gesichert. Denn die Blütezeit dieses arabischen Häuptlings mit dem Königstitel ist durch die byzantinischen Schriftsteller ziemlich gesichert. Caussin de Perceval setzt ihn zwischen 529 und 70 (a.a.O. II, 233). Vom Jahre 531 wissen wir, daß er, nach Procops Bericht, in Belisars Heer am Kriege gegen die Perser beteiligt war und zu deren Niederlage bei Kallinikus beigetragen hat. Wenn er es also war, der Malik gegen die jüdischen Stämme zu Hilfe gerufen hat, so kann dieses im Jahre 530 geschehen sein, mithin gleichzeitig mit dem Untergang des jü disch-himjaritischen Reiches. Wenn wir in der Gleichzeitigkeit der Fakta, des Unterganges des jüdischen Reiches von Himjara und der Unterjochung der jüdischen Stämme Nadhir und Kuraiza, einen pragmatischen Zusammenhang vermuten können, so wird diese Vermutung durch eine Tradition bestätigt. Das Kitâb al-Aghani tradiert, Malik Ibn-Aǵlan habe den jüdischen Fürsten Alghitjun getötet (bei Caussin de Perceval das. II, S. 654). Dieser beweist auch aus dem Tarik Kamici, daß Alghitjun (ןויתיגלא) nicht Eigenname, sondern Titel war für die Juden in Jathrib. Nowaïri tradiert, daß der Ghitjun ein Verwandter und Repräsentant des Königs von Himjara war. Seit Tobba Abu-Kariba, wenn nicht schon früher, war Jathrib von Himjara abhängig. Man kann sich also denken, daß die judaisierten Könige von Himjara, namentlich Dhu-Nowas, einen Juden zum Fürsten über Jathrib gesetzt haben, zumal die jüdischen Stämme die Oberhand daselbst hatten. Wenn Malik den Ghitjun oder [432] jüdischen Statthalter getötet hat, so hat er damit die Unabhängigkeit Jathribs von Himjara ausgesprochen, und dieses kann erst nach dem Tode des Dhu-Nowas oder infolge desselben geschehen sein. Der Untergang des jüdisch-himjaritischen Reiches hatte demnach die Schwächung der jüdischen Stämme in Jathrib im Gefolge: quod erat demonstrandum.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 429-433.
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