IV. Die polnischen Sabbatianer Jehuda Chaßid und Chajim Malach.

[474] Die Entstehung und Entwicklung der polnischen Sabbatianer ist für die jüdische Geschichte von besonderer Bedeutung, weil durch sie die Kabbala zu ihrer letzten Konsequenz, zum fanatischen Antagonismus gegen den Talmud und zur Einmündung ins Christentum geführt wurde. Als die Väter dieser Richtung sind Jehuda Chaßid und Chajim Malach zu betrachten. Beide gehören zusammen, obwohl der erstere nicht geradezu als Sabbatianer bezeichnet wird. Von ihrem ersten Auftreten berichtet Emden (T. K. p. 26 b, 27a): ושעש ... דיסח הדוהי ’ר לש םידיסח לש תכ התוא וררועתנו ומק בורק ןמזב חישמ איבהל הלואגה לע וחיטבהו םיהימתמ םירבד. Diese »sonderbaren Dinge«, welche die Sekte der Chaßidäer unter Jehuda Chaßid trieb, bestanden in strengster Askese, in lang anhaltendem Fasten, Beten und Bußpredigten, weil das Messiasreich nahe sei und durch die [474] Büßungen die letzten Hindernisse hinweggeräumt werden könnten. Diese Eigenheiten erinnern an Mardochaï von Eisenstadt, der zuletzt in Polen war. In Polen ließ man sie anfangs gewähren, bis Saul ben Heschel aus Krakau bei dem Klausrabbiner Chacham Zewi in Altona anfragte und dieser ihm die Verderblichkeit der messianischen Schwärmerei schilderte; erst dann begann jener sie in Polen zu verfolgen: םפדרו (אקארקד ד"בא לואש ’ר) ןואגה השע ןכו הנה דע ואב םג ... זנכשא ךראל ואבו ... ןילופ ץראב םבצממ ... אנוטלא ק"ק. Daß auch Chajim Malach dazu gehört hat, deutet Emden an, indem sein Vater Chacham Zewi vor dessen Treiben am meisten gewarnt hat: ול ראבו ילעב ידיב) םהידיב קיזחמ ... עשר ךאלמש (לואש ’רל יבצ םכח) (צ"ש; auch in einer anderen Wendung: die Chaßidäer beklagten sich über Chacham Zewi, daß er sie verleumdet habe und besonders Chajim Malach המ דוחיבו ןמא הנעי ער ךאלמו ךאלמ םייח ’ר לע בתכש 20. Emden berichtet, Jehuda Chaßid sei kein Talmudkundiger gewesen: ןדמל היה אל ח"יר, dagegen habe Chajim Malach als ein Talmudist gegolten: ןדמל תקזחב (מ"ח) היהש יפל וב וחטב. Beide müssen übrigens nicht offen den Sabbataismus gelehrt haben: denn sie wurden in vielen deutschen Gemeinden gut aufgenommen. In Altona, erzählt Emden (das.), habe Jehuda Chaßid die Zuhörer durch seine Predigt zu Tränen gerührt und sich mit der Thorarolle im Arme zu den Frauen begeben, um dadurch einen noch tieferen Eindruck zu machen; das letztere habe Chacham Zewi ihm als ungewöhnlich verboten. Emden erzählt aber nur kurz, daß die Chaßidäer ihre Reise nach Palästina angetreten haben, ohne die Zwischenfälle zu erwähnen; er kannte sie wahrscheinlich nicht. Nur im Eingange zu תחפטמ םירפסה erzählt er von Hörensagen, Chajim Malach sei in Berlin und Wien gewesen, habe geradezu S. Zewi als Messias proklamiert und habe sich Kabbalisten gegenüber herausfordernd anheischig gemacht, ihnen dessen Messianität aus dem Sohar zu beweisen. Das kann wohl nicht auf der Hinreise nach Palästina geschehen sein: denn in dieser Zeit verriet keiner der Chaßidäer etwas von ihrer Anhänglichkeit an den Pseudomessias. Schudt berichtet mehr darüber (Jüdische Merkwürdigkeiten II, * S. 58 f.), wodurch auch der chronologische Punkt fixiert werden kann. Ein Zitat von Spener lautet: »Frühjahr 1699 seien auf 1500 Juden in Ungarn gestanden, um ins gelobte Land zu gehen, die Erlösung zu erwarten.« Aus der Frankfurter historischen Relation referiert er: anno 1700 sind 31 polnisch-jüdische Familien, mehr als 120 Personen, aus Polen gegangen und haben ein Gelübde getan, alle Tage nicht eher zu essen, als bis die Sterne am Himmel stehen. Nachdem sie in Nikolsburg angekommen, haben sie vier Juden mit etlichen Knechten abgeschickt, ihr Vorhaben den Juden im Reiche bekanntzumachen. Monat März seien einige nach Frankfurt gekommen, hätten öfter zur Buße ermahnt und die baldige Erlösung versichert. Wegen ihrer strengen Askese wurden sie Chassidim genannt. Diese vier Vornehmsten unter ihnen: Rabbi Juda Chasid (ein Mann von 40 Jahren), R. Isaak, R. Nathanaël (ein Wahrsager) und R. Saul. Der erstere trug am Sabbat weißen Atlas, die übrigen drei weiße Sergekleider, wunderlich [475] geformt. Der erstere habe eine gewaltige, durchdringende Stimme in seinen Predigten entwickelt; er hat noch am 3. April desselben Jahres in Frankfurt gepredigt. Als diese vier mit Reisegeld versehen waren, reisten sie über Hanau und Fürth nach Nikolsburg. Der reiche Samuel Oppenheim habe für sie zwei Schiffe und Pässe zur Donaufahrt nach dem Schwarzen Meere verschafft. S. 62 f. gibt Schudt die Zahl der polnischen Chassidim auf 1300 an, wovon 500 unterwegs gestorben, oder wie Schudt sich lieblos ausdrückt, krepiert seien. Einer derselben, der später Christ geworden, erzählte diesem Erzjudenfeinde, Juda Chaßid sei mit den meisten durch Tirol und Venedig nach Jerusalem gegangen; ein kleiner Teil aber, draunter Chajim Malach, über Konstantinopel. Aus dem Bisherigen ergibt sich, daß der letztere anfangs in dieser Gesellschaft nur eine untergeordnete Rolle spielte, die Hauptrolle hatte J. Chaßid. Dieser stammte aus Szedlovice bei Groduo und hatte in seiner Gesellschaft mehrere Talmudisten, von denen genannt werden Nathan Nata, Rabbiner von Hagenau (Verf. des kabbalistischen Werkes ןתנ תורואמ), Joseph aus Wilna, Kalonymos. (Vgl. Vorwort zu diesem Werke, ferner Schwarz, Geographie von Palästina ץרא השעמ, p. 47, und auch Brüll, Jahrbuch für jüdische Geschichte I, S. 228 f.)

J. Chaßids Schwärmereien sind rasch genug dementiert worden. Er starb, wie Emden und Schudt berichten, drei Tage nach seiner Ankunft in Jerusalem und, wie sein Jünger Gedalja Semiaticz in der Einleitung zu dessen Werk םילשורי םולש ולאש angibt, 6. Marcheschwan א"סת = 19. Oktober 1700. Damit war die Hoffnung seiner Begleiter verflogen und sie zerstreuten sich. Wie Schudt aus dem Munde von zurückgekehrten Chaßidim vernommen, sind viele derselben nach Europa zurückgekehrt. Diese םילבוקמ ג"סת תנשב דיסח הדוהי ’ר תרבחב ואבש haben drucken lassen: הדוהי ’רד אשידק הרבח ןוקת. Etwa 100 derselben sind zum Islam und von den Zurückgekehrten ein guter Teil zum Christentum übergegangen. Von den Getauften nennt Schudt das. Wolf Levi aus Lublin, getauft 1707 zu Nördlingen unter dem Namen Franziskus Lotharius Philippi, J. Chaßids Neffe, und Simcha Chaßid in Bamberg, getauft unter dem Namen Matthias. S. auch darüber Philipp Nikolaus Leberecht (getaufter Jude) »Der geistlich tote Jude«. Zu den zurückgekehrten Chaßidim ist noch zu zählen Jesaia, Jehuda Chaßids Schwiegersohn, der später scheinbar seine Ketzerei bereute, nichtsdestoweniger in Mannheim sabbataischen Schwindel trieb (Emden das. p. 40a), aus Mose Chagis' Schrift: היה רמומ לארשי םע רזח רשא דיסח הדוהי ’ר לש ונתח אוהו איעשי ער רבח ... דוע ריכזהל אלש הרומח העובשב ... וילע לבק רשא ... היסנכה .ותעובש לע רבעו ... ע"ש םשב

Chajim Malach blieb allein auf dem Schauplatz. Wie aus einem Sendschreiben des Konstantinopolitaner Rabbinats hervorgeht, agitierte er zuerst in Jerusalem, wo er vielleicht gleichzeitig mit J. Chaßid eintraf. Er predigte dort offen den Sabbatianismus und soll beim Gottesdienste ein Abbild des Pseudomessias von Holz herumgetragen haben (Emden das. p. 27b): ץעמ ... צ"ש לש ומלצ תומד השע ךאלמ םייח. Aus dem vorsichtig geschriebenen Briefe mehrerer deutschen Jerusalemer an die Synode der Vierländer (d.d. Ijar 1705, bei Emden das.) ist nicht viel für Malachs Benehmen zu schließen, weil die Anklagen gegen ihn sehr allgemein und im verschwommenen Stile der Zeit gehalten sind (fol. 28 a): ... ואב בורקמ םישדח םנמא ... םהיפ םימשב ותש ןמא הנעי ער ךאלמ םהל ףסוי םייח םרמאב םתוא ןודל וא םתוא רסייל השודקה ריע הפ תגשמ ונידי חכ ןיאו המה ץראל הצוחב רשא םילודגה תצע יתלב ןישוריגב. [476] Nicht viel deutlicher ist das Schreiben oder die Bannbulle des Rabbinats von Konstantinopel (d.d. Ijar 1710, das. p. 28 b f.): ןימודכ .ותא ... ירזכא ךאלמ םייח ץראמ רזגנ ... םכותב היה איבנ לאוגה תאיב םהל רשביו ... יקירס יקוב ול רמואו רשבמ ... םיחא ןיב םינדמ חלוש ... יבצ יקלא םירמואש וז םילשוריבש תעדה ייקנ םישדקב םומ ליטמ ... השדח הנומא הלקלקה לקלוקמה הלת (’נטשוק ינבר) ןדיד ילע ... םתנומא איה וחיר ןתנ (י"א) םתהל קילס יכ ארבג יאה ורבעש םימיל עמשנ ... וקיחרהל םרזע םיקלאו אערא יפיקת לייח ורזא תונימ חיר ףשכ ץרא לא ךליו םילשורי לש אקתפמ אצי אצי ךא ... םהילעמ ונלובגב שיאה אב ... יפוד לש תודגהב תולהק המכ חידהו תיסהו ךאלמו ... תומרחבו םייודנב תושק והונעיו ... וירחא ונחלש ... דמל היהש ומכ דמלו הנש וננחמ לא אבו רזח ... ןמא הנע ער םיריפכ וגאשי וילע ... ארקיעמד םיקח תושעל הרוהו ... י"בצ עמשנ (fol . 29 a) לוקהו ... ול ךלהו ... ץראה ןמ ודיחכהל זנכשאו אינלופ ירעל ךלהש. Das will ungefähr sagen, Malach habe einer Sekte in Jerusalem vorgestanden, Sabbataï Zewi als Messias anerkannt, eine neue Lehre gebildet und das Gerücht verbreitet, daß manche Jerusalemer und Konstantinopolitaner Rabbinen zu den Gläubigen gehörten. Aus Jerusalem sei er ausgewiesen worden, sei in das Zauberland (Salonichi) gegangen, nach Konstantinopel gekommen: dort gebannt und ausgewiesen, sei er nach einem Jahre wieder dahin gekommen, wieder in den Bann getan worden und endlich nach Polen und Deutschland (oder umgekehrt) zurückgekehrt. Das alles müssen wir zwischen 1705 und 1710 setzen, und zwar so, daß er von 1700-1705/06 in Jerusalem geweilt, dann die Reise in die Türkei gemacht und endlich um 1710 nach Europa zurückgekehrt ist. Emden berichtet noch, Ch. Malach sei mit Berachja in Salonichi gewesen (das. 26 b): תנומא דומלל איקרוטל ךלהש יפל ארקנ היה ךלהמ םייח .ךאלמ כ"חא ותוא ונכו היכרבמ ... צ"ש

Aus einem bei Chajon konfiszierten Briefe ergibt sich, daß Malach noch mit Samuel Primo, Sabbataïs Inspirator, verkehrt hat, und zwar ganze drei Jahre םגו היב רדה הפ לא הפ ותא יתרבדש רחא (ומירפ לאומש) פ"שרה םינש ’ג ךאלמ םייח ’רה םע אצמנש רחא היה הזו .... Dieser Verkehr kann nach dem Obigen zwischen 1705 und 1709 stattgefunden haben, und zwar entweder in Salonichi, wenn S. Primo zu dieser Sekte gehört hat, oder in Adrianopel oder sonstwo.

Aus der Bannbulle des Konstantinopolitaner Rabbinats hat sich ergeben, daß Ch. Malach, als er im Orient verfolgt wurde, sich nach Polen und Deutschland begeben hat. Wenn er dieselbe Tour auf der Rückreise wie auf der Hinreise eingeschlagen hat, so muß er wohl von Konstantinopel nach Wien gekommen sein, und auf seinen diesmaligen Aufenthalt daselbst mag sich die Erzählung des Gewährsmannes bei Emden beziehen, daß er Kabbalisten zum Disputieren aufgefordert und sich anheischig gemacht habe, S. Zewis Messianität aus dem Sohar zu beweisen (s.o. S. 475). Freilich paßt die Zeit nicht gut damit; denn dieses kann frühestens 1709 geschehen sein, und in diesem Jahre war der Rabbiner Abr. Broda nicht mehr in Prag, und doch soll dieser zwei Kabbalisten zur Disputation nach Wien zu Malach delegiert haben. Daher mag die ganze Geschichte wohl nur Fabel sein. Die Nachricht das., daß er auch in Berlin manche zum Sabbataismus verführt habe (das.), kann sich nicht auf die Zeit seiner Rückreise beziehen. In Polen gründete er eine nachhaltig [477] wirkende Sekte der Sabbatianer. Emden, בוקעיב תודע, p. 51 a: ... חאלמ םייח הדמל ונממ ... הדומ יבצל דובעל ןילופ תנידמ אמט רשא אוה ץיהדופ קנעדראה שטאשטוב יווקלאזב העודיה הערה תכה ןיטאר ינרובדנ (auch an anderen Stellen). Malach starb durch Trunksucht (Emden, T. K. p. 26 b): םייח) אוה תשוה םמוחב ותעיסו אוה ... ןילופ ץראב הברה תיסה (ךאלמ ותורכשב ותקרפמ רבשנו לפנ רוכש התוש אוהו םהיתשמ. Die Relation ist unzweifelhaft authentisch, denn Emden kam in dieser Zeit mit seinem Vater nach Polen (um 1714-1715); sein Vater bekämpfte damals die sabbatianische Sekte in Polen (das. p. 33 b). Diese Sekte, deren Führung und Umtriebe Emden öfter beleuchtet, hatte eine antitalmudische Richtung, welche dann durch Jakob Frank und seinen Anhang bis zum fanatischen Extrem getrieben wurde. Man kann also annehmen, daß Chajim Malach, welcher mit Juda Chaßid als Asket ausgezogen war, als Antinomist und Kontratalmudist dahin zurückkehrte. Löbele Proßnitz stand sowohl mit ihm wie mit dem Sabbatianer Schemaja und überhaupt den polnischen Sabbatianern in Verbindung.

Von Löbele Proßnitz, der nur eine Nebenrolle gespielt hat, ist nicht viel bekannt. Die Hauptnachricht über ihn gibt Mose Chagis (in ףרש תשיחל Einl.); daß auch er sich für den Messias, und zwar für den Fortsetzer S. Zewis ausgegeben, und daß er gelehrt habe, Gott habe seine Weltleitung dem Frommen, d.h. dem Messias überlassen, ... ץיטסורפ ילביל ארקנ תיחשמ שיא יכ" ... בתכ הוה בעותה ... ףסוי חישמ אוה םג ארקהל אשנתמ לע ותבשחמ קר יכ רבד םושב חיגשמ ה"בקה ןיא הז גויזב התע ה"בקה ןיא ךכיפל ... םיב הנק ץענ קידצה אוה התע יכ הניכשה "בוריקב השעים קידצהל לכה רסמש קר םינותחתב ללכ חיגשמ יבצ יתבשל ןינכמ םה ןכ ... קידצה .... Über seine Mystifikationen s. Emden, תואנקה תרות, p. 34b; weiter unten Note 6 und רפוסה ןתנוהי תיב, p. 1 b, daß Löbele durch einen Konvent von mährischen Rabbinen ausgewiesen, nach Ungarn ausgewandert sei, ... ילביל םנמא .רגה ץראב דנו ענ ךלהו ךלהו ... ןיררעמבש ק"קה לכב הדנתנ


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 10, S. 474-478.
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