11. Kapitel. Juda's Niedergang. (608-596.)

[296] Schallum-Joachas zum Könige ausgerufen, von Necho entsetzt und in Fesseln nach Aegypten gebracht. Eljakim-Jojakim zum Könige aufgezwungen. Necho legt Strafgelder auf. Rückfall zum Götzenthume und zur Lasterhaftigkeit. Die Priester von Anatoth. Die Propheten. Tragischer Tod des Propheten Urija. Ein namenloser Prophet in Jojakim's Zeit. Jeremia wegen einer Rede verfolgt, angeklagt und freigesprochen. Untergang Assyriens. Veränderte politische Stellung. Schlacht bei Kharkhemisch und Niederlage Necho's. Jojakim's Verhalten. Jeremia's Verkündigung von Nebukadnezar. Habakuk's Rede von den Chaldäern. Verfolgung gegen Jeremia. Seine Klagepsalmen. Die Chaldäer im Anzug gegen die Libanonländer. Jeremia's geschriebene Rede von Jojakim verbrannt. Juda Vasallenland Nebukadnezar's. Abfall von Chaldäa. Jojakim's Tod und Nachfolge seines Sohnes Jojachin. Jerusalem von den Chaldäern belagert und eingenommen. Jojachin in die babylonische Gefangenschaft geführt.


Menschliche Vorsicht, wie weit reicht sie! Kaum über die Spanne der Gegenwart hinaus. Josia gedachte, um Juda's Selbstständigkeit zu sichern, der Einmischung Aegyptens in auswärtige Länder Halt zuzurufen, und hat gerade dadurch die Knechtung seines Volkes durch eben dieses Land herbeigeführt. Die verlorene Schlacht bei Meggido muß das streitbare judäische Heer aufgerieben haben; denn es wurde nicht einmal der Versuch gemacht, im Rücken des weiterziehenden Necho einen Aufstand zu versuchen. In dem, um den Tod des gefallenen Königs trauernden Jerusalem wurde weiter nichts gethan, als daß rasch zur Wahl eines Nachfolgers geschritten wurde. Josia hatte von zwei Frauen drei Söhne hinterlassen, den Erstgeborenen, Eljakim von Sebuda, aus einer Stadt Ruma (Aruma1), die er, obwohl sie seine erste Frau war, nicht geliebt zu haben scheint, und zwei später geborene Söhne, Schallum und Matthanja von seiner Lieblingsfrau Chamutal aus Libnah2. Der Vater scheint dem zweitältesten Sohn von seiner Lieblingsfrau die Nachfolge zugedacht zu haben, obwohl das Gesetz bestimmte, daß der von einer geliebten Frau geborene jüngere Sohn seinem von einer mißliebigen Frau geborenen älteren Bruder nicht [296] vorgezogen werden sollte3. Um die Absicht des vielbeweinten Königs zu ehren, rief das Volk Schallum zum Könige aus, der zwei Jahre jünger als Eljakim war. Um dessen Königswürde gegen Thronstreitigkeiten zu sichern, wurde er ausnahmsweise gesalbt4. Dieser nahm der Sitte gemäß bei seiner Thronbesteigung einen anderen Namen an, den Namen Jehoachas (Joachas5).

Allein es war bereits soweit gekommen, daß weder der Volkswille einen König einsetzen, noch das heilige Salböl ihn unverletzlich machen könnte; bei einer anderen Macht lag die Entscheidung. Der König von Aegypten, dem durch den Sieg bei Megiddo die Oberhoheit über das Land zugefallen war, hatte anders beschlossen. Scheinbar ohne sich viel um Juda zu kümmern, hatte sich Necho in Eilmärschen der Euphratgegend genähert, hatte die zu Assyrien gehörenden Länderstrecken von Aram oder Syrien in Besitz genommen und seine augenblickliche Residenz in Ribla, unweit der ehemaligen Stadt Chamath (am Orontes), aufgeschlagen. Dorthin begab sich Schallum-Jehoachas zu Necho, um seine Wahl von ihm bestätigen zu lassen und zugleich das Land Juda von ihm als Lehen zu empfangen. Aber der ägyptische Sieger fand an dem neugewählten König keinen Gefallen. Vielleicht war das nur eine launenhafte Anwandlung. Möglich aber ist es auch, daß der bei der Thronbesteigung übergangene Eljakim den ägyptischen König für sich und gegen seinen Bruder eingenommen hatte. Genug, Necho entsetzte Jehoachas seiner Würde, ließ ihn in Fesseln schlagen und nach Aegypten bringen und ernannte Eljakim zum König von Juda6. Jehoachas war nur drei Monate König genannt worden.

Eljakim oder, wie er sich nach der Thronbesteigung nannte, Jojakim (607-596), hatte gleich im Beginne seiner Regierung ein mißliches Geschäft zu vollziehen. Necho hatte zur Strafe dafür, daß Josia seinen[297] Durchzug verhindern wollte, dem Lande eine hohe Buße an Gold und Silber aufgelegt (100 Khikhar Silber und 1 Khikhar Gold, beinahe 1,000,000 Mark). Im Palast und Tempel gab es damals keinen Schatz. So legte Jojakim jedem Vermögenden einen Beitrag dazu nach Maßgabe seines Vermögens auf und ließ die Beitrage durch seine Diener gewaltsam eintreiben7. Diese Geldstrafe war um so demüthigender, als sie für ein Zeichen der Unterthänigkeit gelten mußte. Jojakim und das Volk mußten sich diese Demüthigung gefallen lassen. Zu dieser Demüthigung, Verzagtheit, Schwäche und Schmiegsamkeit gegen den Sieger kam noch ein neues Uebel hinzu. Von der religiösen und sittlichen Besserung, die durch Josia eingeführt worden war, hatte das Volk laut Verheißung des aufgefundenen und vorgelesenen Gesetzbuches glückliche Tage erwartet und hatte gehofft, daß Juda wieder, wie zur Zeit David's und Salomo's, eine hohe Stellung unter den Völkern einnehmen werde. Nun folgte das gerade Gegentheil. Der Ihwh ergebene König war auf dem Schlachtfelde gefallen und sterbend nach der Hauptstadt zurückgebracht worden, aus welcher er mit Siegeszuversicht ausgezogen war, die Blüthe des israelitischen Heeres war geknickt. Ein Königssohn lag in Fesseln, und das Land war in schmachvolle Knechtschaft gerathen. Welche Enttäuschung! Diese Wendung brachte eine Sinnesänderung hervor, welche einen Rückfall zur Folge hatte. Das Volk und auch die Einsichtigen im Volke begannen an der Macht ihres Gottes zu zweifeln, der gewissermaßen seine zugesagte Verheißung nicht erfüllt habe oder nicht erfüllen könne. Sie hegten den Wahn, daß der Götzencultus der Völker, der zu Manasse's Zeit sich so lange behauptet hatte, eher im Stande sein würde, sie glücklich zu machen8. Sie kehrten daher zu den alten Sünden zurück, achteten nicht das feierlich eingegangene Bündniß, vom Götzenthum zu lassen, errichteten wieder Altäre auf jedem hohen Hügel und Anhöhen unter jedem grünen Baume. Wiederum gab es in Juda so viele Götter, als es Städte gab9. Ganz besonders begannen sie der ägyptischen Gottheit Neïth, der Himmelskönigin10 zu huldigen, welche am eifrigsten in Saïs, [298] der Residenz des Königs Necho, verehrt wurde. Hat diese Göttin nicht dem ägyptischen Könige zum Siege verholfen? Sie, die Mächtige, konnte auch den unglücklichen Besiegten Macht verleihen. In den Straßen Jerusalems und in den Städten Juda's wurden daher dieser sogenannten Herrin des Himmels Opfer gebracht. Die Kinder sammelten Holz, die Väter zündeten Feuer an, und die Weiber kneteten Teig ein, um Kuchen für die After gottheit zu backen und ihr Wein zu spenden11. Götterbildnisse von Gold und Silber, Holz und Stein wurden wiederum in den Häusern aufgestellt, auch solche mit schamverletzenden Körpertheilen und in unzüchtiger Stellung12. Der Tempel selbst wurde abermals, wie zu Manasse's Zeit, durch scheußliche Götzenbildnisse entweiht. An einem der Eingänge zum Heiligthum und auch an anderen Stellen wurde ein Götzenbild errichtet13. Das empörendste aber war, daß Kinderopfer wieder in Aufnahme kamen, wie zur Zeit des Achas und Manasse.

In dem schönen Thale Hinnom wurde abermals eine Feuerstätte errichtet, um dort winselnde Kinder erbarmungslos für den Moloch zu verbrennen. Ganz besonders wurden Erstgeborene dem Feuer übergeben14. Das Götzenthum hatte wiederum bedeutende Fortschritte gemacht. Was früher in Harmlosigkeit und Unwissenheit oder aus bloßer Nachahmungssucht eingeschleppt worden war, wurde unter Jojakim wie unter Manasse mit Leidenschaftlichkeit vergöttert.

Hand in Hand mit dem götzendienerischen Wahn, dem unzüchtigen und kindesmörderischen Kultus, gingen Lasterhaftigkeit und sittliche Unthaten, Unzucht, Ehebruch, Bedrückung der Fremdlinge, der Wittwen und Waisen, Bestechlichkeit der Richter, Verlogenheit, Unredlichkeit, übermäßiger Wucher und Härte gegen die zahlungsunfähigen Schuldner und Mordthaten15. Die Hochgestellten und dem Throne Nahestehenden glichen brüllenden Löwen, Besitz und Werthvolles an sich zu reißen, Hinrichtungen zu begehen, zahlreiche Weiber zu Wittwen zu machen. [299] Die Fürsten und Großen glichen hungrigen Wölfen, um Gewinnes halber Blut zu vergießen16. Das Verbesserungswerk, das Josia mit so viel Eifer eingeführt hatte, war wenige Jahre nach seinem unglücklichen Tode aus dem öffentlichen Leben verschwunden; die Ermahnungen des Gesetzbuches, dessen Auffinden einen so ergreifenden Eindruck gemacht hatte, wurden von der großen Menge mißachtet. Selbst das natürliche Gefühl der Kinder gegen die Eltern wurde betäubt17. Die Bande, welche das gegenwärtige Geschlecht mit seiner Vergangenheit verknüpfte, wurden zerrissen. Wohl gab es bereits eine Klasse, welche das Gesetz hochhielt und über die Gräuel und Unthaten seufzte18. Aber bei der großen Menge derer, welche täglich mehr in den Unflath des Götzendienstes und der sittlichen Entartung versanken, konnten die Bessergesinnten nichts anderes thun als seufzen. Die Priester aus dem Hause Ahron stellten sich freiwillig diesem zuchtlosen Wesen zur Verfügung und gaben ihm durch ihr Amt und ihr Ansehen die erforderliche Weihe. Es brauchten nicht mehr dazu, wie in Manasse's Zeit, ausländische Priester verwendet zu werden. Ganz besonders scheinen die Ahroniden aus Anatoth, die Verwandten und Genossen des Propheten Jeremia, dem Götzenthum und dem damit verbundenen Unwesen Vorschub geleistet zu haben19. Propheten redeten nicht bloß dem Wahnwitz und der Zuchtlosigkeit, wie früher aus Eigennutz und als Broderwerb, das Wort, sondern mit einer gewissen Ueberzeugung und Leidenschaftlichkeit20. Und der König Jojakim? Er hat zwar nicht, wie Manasse, diesen Rückfall zum Götzenthum anbefohlen oder gefordert, aber er duldete ihn, ließ ihn gewähren, machte ihn wohl selbst mit, steuerte auch nicht dem sittlichen Verfall. War es Schwäche, oder hatte er Freude an der Schlechtigkeit? Sein Charakter läßt sich wegen Mangelhaftigkeit der Quellen nicht beurtheilen. Nur so viel ist zu erkennen, daß Jojakim strenge Warnungen der Propheten nicht dulden konnte, die Warner vielmehr blutig verfolgte und ebenfalls Prophetenmord beging.

Die Propheten Ihwh's, welche für die uralte Lehre, die lautere Frömmigkeit und die Sittlichkeit eintraten, hatten selbstverständlich in [300] dieser entarteten Zeit einen schweren Stand und waren dem Hasse, der Verfolgung und Mißhandlung ausgesetzt. Sie achteten aber die Gefahren gering, es drängte sie unwiderstehlich, dem sittlichen und religiösen Verfall unerschrocken entgegenzutreten. Zu keiner Zeit gab es so viele Propheten, wie in den letzten zwei Jahrzehnten vor dem Untergang des judäischen Staates. Sie erblickten das Heil des Vaterlandes einzig und allein in der Anhänglichkeit an Israel's Gott, in der Befolgung der von ihm entstammten Lehre, in der Fernhaltung von dem götzendienerischen Unflath und in der lauteren Gesinnung in Wort und That mit ganzem Herzen und ganzem Wesen. Die Propheten sprachen fast täglich bei jeder Gelegenheit zum Volke, zu den Fürsten, zum König, mahnten, weckten, drohten und prophezeiten den Untergang, falls die Verkehrtheiten jeder Art fortdauern sollten21. Nur vier derselben sind bekannt geworden: Jeremia, Urija, Chabakkuk und Ezechiel; aber es haben sich auch Prophezeiungen von Solchen erhalten, deren Namen verschollen sind. Sie alle kämpften gegen das Götzenthum und die sittlichen Gebrechen, stellten indessen die Gestaltung der Zukunft verschieden dar, die einen hoffnungsvoll, die anderen in düsterer Farbe Von dem Propheten Urija, Sohn Schemaja's, aus der Waldstadt (Kirjat-Jearim) ist bloß sein tragischer Tod bekannt geworden. Er hatte im Anfang der Regierung des Königs Jojakim (zwischen 607-604) der Stadt Jerusalem und dem ganzen Lande Unheil und Untergang verkündet, wenn das Volk, der König und die Größen nicht ihre verkehrten Wege verlassen und zu Gott zurückkehren würden. Als Jojakim die Nachricht von dieser Unheilsprophezeiung vernahm, sandte er Boten aus, um ihn zu ergreifen und zu tödten. Indessen wurde Urija durch Gesinnungsgenossen von der ihm drohenden Lebensgefahr heimlich unterrichtet und entfloh nach Aegypten. Jojakim war aber so erbittert gegen ihn, daß er einen seiner Fürsten, Elnathan, Sohn Achbar's, mit Begleitung nach Aegypten sandte, um dessen Auslieferung zu verlangen. Elnathan brachte ihn auch wirklich nach Jerusalem zurück, und Jojakim ließ ihn durch das Schwert enthaupten und seine Leiche auf den Begräbnißplatz des niederen Volkes werfen22.

Milder sprach über die Schäden der Zeit ein namenloser Prophet, von dem nur eine längere Rede geblieben ist. Er sah einen heftigen Ansturm vieler Völker gegen Jerusalem, ganz besonders von Seiten[301] Aegyptens. Es wurde ihm aber kund, daß darauf eine erschreckende Erscheinung eintreten werde, welche das gedankenlose Jerusalem von seines Gottes Allmacht überzeugen werde. Eine Quelle der Reinigung werde für das Haus David's und die Bewohner Jerusalems geöffnet werden. Dann werde Gott als König über die Erde anerkannt werden: »Ihwh wird einer sein und sein Name einer«. Die Götzen werden bis auf ihre Namen aus dem Lande verschwinden, auch die Propheten sammt dem Geist der Unreinheit. Wenn Jemand noch ferner prophezeien sollte, werden seine eigenen Eltern ihn mit dem Tode bedrohen, weil er Falsches im Namen Ihwh's gesprochen. Die Propheten selbst werden sich ihrer Gesichter schämen und nicht mehr den dunkeln Mantel von Haarzeug anlegen, um zu täuschen. Sie werden vielmehr sprechen: »Nicht Prophet bin ich, sondern ein Bearbeiter des Bodens, und der Boden ist mein Besitz von Jugend auf«. Werde man ihn fragen, was hast du für Wunden an deinen Händen, so werde er antworten: »Ich bin im Hause meiner Eltern verwundet worden«. In Folge der großen Erscheinungen werden nicht bloß Jerusalem und die Landbewohner von Juda, sondern alle Völker, welche feindselig gegen diese verführen, sich zu Gott wenden und nach Jerusalem zur großen Festversammlung am Hüttenfeste wallfahrten. Auch Aegypten, wenn es gedemüthigt sein werde, werde an dem Feste in Jerusalem Theil nehmen und Ihwh anerkennen; denn er werde es schlagen und heilen. Dann werde eine Straße von Aegypten nach Assyrien gehen, auf der sie friedlich zusammenkommen werden. Israel werde ein Bindeglied für beide Länder bilden zum Segen auf Erden, so daß man sprechen werde: »Gesegnet mein Volk Aegypten, mein Händewerk Assyrien und mein Erbe Israel«23.

Nicht so milde und nicht so leicht und so rasch sich vollziehend kündete Jeremia die Gestaltung der Zukunft für das verdorbene Geschlecht an. Er, der zum Propheten für die Völker eingesetzt war, erblickte in der nächsten Zeit nur Zerstörung, Verwüstung und Untergang. Mit dem Regierungsantritt Jojakim's und mit dem beginnenden Rückfall in die frühere Ruchlosigkeit begann er erst recht seine prophetische Thätigkeit, welche während Josia's letzten Regierungsjahren geruht hatte. Jeremia verstand erst jetzt, welche Bedeutung die Worte hatten, die er in der ersten Weihestunde seiner prophetischen Berufung als Jüngling vernommen hatte: »Ich mache dich zur festen Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer gegenüber den Königen Juda's, den Fürsten, den Priestern und dem Volke«. Es sollte fest und unerschütterlich bleiben und der drohenden Verfolgung furchtlos in's [302] Auge schauen. So schickte er sich denn an, mit Festigkeit der einreißenden Verderbniß entgegenzutreten und den unvermeidlichen Untergang zu verkünden, obwohl sein weiches Herz dabei blutete, und er sich öfter selbst Muth zusprechen mußte, um den auf ihn eindringenden Unheilsverkündigungen nicht zu erliegen. Jeremia war inzwischen zum Manne herangereift. Er führte indessen keine Frau in sein Haus; er mochte sich nicht an häuslichen Freuden weiden, während er den vorausgeworfenen Schatten einer schweren Zeit mit banger Seele sich immer mehr verdichten sah24. Einsam und düster ging er einher, nahm an Geselligkeit keinen Antheil, weil der Schmerz in seinem Herzen über die Selbstverschuldung des Volkes ihm jede heitere Stimmung raubte25. Er wünschte sich weit weg, in der schauerlichen Wüste zu wohnen, sein Volk verlassen zu können, die Schlechtigkeit nicht mehr mit ansehen zu müssen. Aber er konnte nicht fort, es hielt ihn mit eisernen Banden fest, es brannte in seinem Innern, zu sprechen, warnen, zu ermahnen, damit das Volk nicht ungewarnt dem Untergang entgegen gehen sollte. Welch ein brennendes Gefühl für den Propheten von Anathoth, sprechen zu müssen und sich erbitterte Feinde zu machen vom König bis herab zum niedrigsten Volksgenossen und besonders bei seinen Standesgenossen, den Priestern und Propheten, und das Bewußtsein zu haben, daß das Wort ein leerer Schall bleiben, keine Sinnesänderung herbeiführen und den Untergang nicht aufhalten werde! Oefter ergoß sich seine traurige Seele im Tempel in stillem Gebet, daß Gott das drohende Unheil doch von seinem Volke abwenden möge, und eben so oft vernahm er in seinem prophetischen Geiste, daß sein Gebet vergeblich sei26.

Durch eine seiner ersten Reden in Jojakim's Regierungszeit zog er sich den Haß der Partei der leidenschaftlichen Götzendiener und namentlich der Priester und falschen Propheten zu. Als eine große Volksversammlung zur Zeit eines Festes sich mit Opfern zum Tempel einfand, rief er ihr zu: »So spricht Gott: ›Bessert eure Wege und Thaten, so werde ich euch an diesem Orte wohnen lassen. Verlasset euch aber nicht auf die Lügenworte zu sprechen: »Tempel Gottes, Tempel Gottes« ... Wenn ihr Recht sprechen werdet zwischen Einem und dem Andern, Fremdlinge, Waisen und Wittwen nicht bedrücken, nicht unschuldiges Blut vergießen und nicht fremden Göttern zu euerm Unheil nachgehen, so werde ich euch hier wohnen lassen. Wie, ihr wollt stehlen, morden, unkeusch leben, fremden Göttern Räucherwerk [303] darbringen und dann kommen in meinen Tempel und sprechen ›Wir sind gerettet!‹ um alle Gräuel weiter zu üben? Ist denn dieser Tempel eine Höhle für Einbrecher geworden? ... Gehet nur nach meiner einstigen Stätte in Schilo und sehet, was ich ihm wegen Israels Schlechtigkeit gethan habe! ... Ich werde auch diesem Tempel, über den mein Name genannt wird, auf den ihr vertraut, und dem Orte, den ich euch gegeben, dasselbe anthun, was ich Schilo angethan habe. Ich werde euch von meinem Antlitz verwerfen, wie ich eure Stammesgenossen, alle Kinder Ephraim's, verworfen habe‹. Ganz besonders eiferte Jeremia gegen den eingeführten Cultus der ägyptischen Neïth, der sogenannten Himmelskönigin27. Er fuhr dann fort: So spricht Gott (ferner): »Eure Ganzopfer thut zu euern Schlachtopfern hinzu und esset Fleisch. Denn ich habe eure Vorfahren, als ich sie aus Aegypten geführt, nicht auf Opfer verpflichtet, sondern daß sie den Weg wandeln mögen, den ich ihnen befehlen werde ... Du wirst zu ihnen alle diese Worte sprechen, sie werden aber nicht auf dich hören ... Dann sprich zu ihnen: ›Dieses Volk, das nicht gehorcht, nicht Belehrung annimmt, in dessen Mitte die Treue geschwunden und aus dessen Munde sie gewichen, dieses Geschlecht seines Zornes hat Gott verworfen und verstoßen. Denn die Jehudäer haben das Schlimmste in meinen Augen gethan, haben ihre Gräuelbilder in den Tempel gebracht, ihn zu verunreinigen, haben Altäre des Scheiterhaufens (Tôphet) gebaut im Thale Ben-Hinnom, um ihre Söhne und Töchter zu verbrennen, was ich nicht befohlen, was mir nicht in den Sinn gekommen ist. Deswegen werden Tage kommen, da wird man nicht nennen Tôphet und Thal Ben-Hinnom, sondern Thal des Gemetzels, und aus Mangel an Platz wird man in Tôphet begraben. Die Leichen dieses Volkes werden zum Fraß dienen den Vögeln des Himmels und den Thieren des Feldes, Niemand wird sie verscheuchen. Ich werde aufhören lassen aus den Städten Juda's und aus den Straßen Jerusalem's Stimme der Freude und der Fröhlichkeit, Stimme des Bräutigams und der Braut, denn zur Einöde wird das Land werden‹.

Kaum hatte Jeremia diese Rede vollendet, so packten ihn die Priester und falschen Propheten und sprachen: »Du sollst sterben, weil du geweissagt hast, dieser Tempel werde wie der in Schilo werden!« Es entstand in Folge dessen ein Auflauf auf dem Tempel platze. Einige Anwesende standen Jeremia bei. Dieser Auflauf veranlaßte einige Fürsten, sich vom Palaste zum Tempel zu begeben. Unter diesen [304] war Achikam, Sohn Schaphan's, und andere, welche zur Prophetenpartei gehörten. Diese Fürsten veranstalteten sofort eine Gerichtssitzung an einer Tempelpforte und vernahmen Anklage und Vertheidigung. Die Priester und falschen Propheten sprachen: »Dieser Mann verdient den Tod, denn er hat über diese Stadt und diesen Tempel Unheil verkündet«. Jeremia betheuerte, daß er im Namen Gottes gesprochen: »Wisset, wenn ihr mich tödtet, so würdet ihr unschuldiges Blut vergießen, bessert eure Wege und Thaten, so wird Gott das Unglück von euch abwenden«. Einige Aelteste (Richter) sprachen zu Jeremia's Gunsten. Sie erinnerten daran, daß zur zeit Chiskija's der Prophet Micha ein eben solches Strafgericht über Zion und den Tempel prophezeit hatte, ohne daß ihm dafür Leides widerfahren wäre. Vielmehr hat die Androhung zur Besserung geführt. »Wir aber werden über uns Unglück bringen, wenn wir Jeremia verurtheilen sollten«. Darauf sprachen die Fürsten zu den wüthenden Priestern und Afterpropheten: »Diesem Manne gebührt nicht der Tod, denn er hat im Namen unseres Gottes zu uns gesprochen«28. Durch die Bemühung seiner Freunde, besonders des Achikam, wurde Jeremia dieses Mal freigesprochen. Aber um so glühender verfolgten ihn die Priester und die falschen Propheten mit ihrem Hasse und lauerten auf jede Gelegenheit ihm beikommen zu können29.

Inzwischen hatte sich das Strafgericht an dem assyrischen Reiche vollzogen. Dieser erste Großstaat, welcher über sechs Jahrhunderte den Völkern Gesetze vorgeschrieben und vom Fuße des Kaukasus und dem Strande des Kaspi-Sees bis zum persischen Meere und von dem östlichen Medien bis Kleinasien und bis Aegypten geherrscht, der mit unerhörter Grausamkeit alle diese unterjochten Völker behandelt hatte, dessen Großkönige sich Götter dünkten, dieser Großstaat fiel schmählich durch die vereinte Anstrengung von Kyaxares von Medien und Nabopolassar von Babylonien. Ninive, die Riesenstadt, fiel nach langer Belagerung (um 605). Der letzte König von Assyrien, Sardanpal (Sarakus?) verbrannte sich in seiner Burg. Dieses Strafgericht über die assyrische Hauptstadt und das Volk hatten zwei judäische Propheten, Nachum und Zephanja, vorher verkündet. Nachum hatte mindestens zwei Menschenalter vorher den Untergang Ninives mit düstern Farben geschildert: »O Blutstadt, voller Lug und Raub!.. Alle die dich sehen werden, werden von dir weichen und sprechen: Geplündert [305] ist Ninive; wer soll sie bemitleiden? – Alle deine Festungen gleichen Frühfeigen, die beim Schütteln in den Mund fallen. Dein Volk gleicht Weibern, geöffnet werden deinem Feinde die Städte deines Landes. Es schlummern deine Fürsten, o König von Assyrien, es liegen deine Tapferen, zerstreut ist dein Volk auf Bergen, und Niemand sammelt es. Keine Heilung giebt es für deine Wunden; alle, die dein Unglück vernehmen, schlagen in die Hände; denn über wen ist deine Schlechtigkeit nicht gekommen«?30. Zephanja hatte ein Menschenalter vorher verkündet: »Gott wird Assur vernichten, Ninive zur Einöde machen, Wüstenthiere werden in ihren Säulenknäufen hausen, so daß man fragen wird: »Ist dies die lustige Stadt, die sich sicher dünkte, die da sprach: außer mir giebt's Nichts?‹31. Diese Worte erfüllten sich buchstäblich; die spätere Zeit fand nicht einmal die Stätte, wo einst Ninive gestanden. – Die den Vorgängen der Völkergeschichte aufmerksam folgenden Propheten erblickten in dem Untergang Assyriens die Bestätigung ihrer Ueberzeugung von einer sittlichen Weltordnung, welche sich im Völkerleben kund gebe. Assyrien fiel, weil es lasterhaft und hochmüthig war, und so werden auch die festesten Weltreiche zusammenstürzen, wenn sie in dieselbe Verworfenheit verfallen sollten32. In Folge des Unterganges Assyriens entstanden bedeutende Veränderungen auf dem damaligen Hauptschauplatz der Geschichte. Medien wurde der Haupterbe der ehemaligen assyrischen Besitzungen, Kyaxares nahm den Löwenantheil und ließ seinem Verbündeten Nabopolassar nur Babylonien, Elymais und allenfalls die Anwartschaft auf die Länder an der westlichen Seite des Euphrat33. Die Länder und Völker an der westlichen Seite des Euphrat, wozu die Aramäer bis zum Libanon – die Syrer oder Kitthäer zwischen dem Euphrat und dem Mittelmeere, die Phönicier, die assyrischen Kolonien im ehemaligen Gebiet des Zehnstämmereiches, ferner Juda, das Philisterland, die Idumäer und die Völker jenseits des Jordan – gehörten, alle diese Völker und Länder vom Euphrat bis zum Grenzstrome Aegyptens hatte der auf Eroberungen ausgezogene ägyptische König Necho während der Belagerung von Ninive in Besitz genommen34. Necho verfolgte den Plan, seine Eroberungen auch auf der östlichen Seite des Euphrat auszudehnen.

[306] Der König Nabopolassar, der Mitsieger über Ninive, war gestorben. Darum glaubte Necho, gegen dessen jungen Nachfolger einen leichten Sieg erringen zu können. Aber dieser junge Fürst, Nebukadnezar (Nebuchadrezar, Nabokolassar35), welcher seinem Vater auf dem babylonischen Throne folgte (604-561), war ein kriegerischer Held, der die politischen Verhältnisse der Völker zwischen dem Euphrat und Aegypten vollständig umgestalten sollte. Sobald Necho mit seinem aus Aegypten mitgebrachten und aus den eroberten Ländern verstärkten Heere über den Euphrat gesetzt war, rückte ihm ein babylonisches Heer entge gen. Bei Kharkhemisch (Circesium), einer Stadt an der Mündung des Chaboras in den Euphrat, kam es zur Schlacht. In Juda und Jerusalem war man auf den Ausgang des Zusammenstoßes zwischen Aegypten und Babylonien gespannt. Das Volk wünschte Necho eine Niederlage, weil er es bis zu halber Knechtschaft gedemüthigt hatte. Diese Spannung steigerte Jeremia noch durch eine Rede, in welcher er den Untergang des ägyptischen Heeres vorausverkündet hatte, eine Rede, welche auch einen künstlerischen Werth hat:


Richtet Schild und Speer und tretet heran zum Kriege!

Sattelt die Rosse und steiget auf, ihr Reiter,

Waffnet euch mit den Helmen, glättet die Schwerter,

Legt an die Panzer!

Was sehe ich? Sie sind verzagt, weichen zurück,

Ihre Helden werden zermalmt,

Sie weichen, fliehen und wenden sich nicht um?

Schrecken rings umher, spricht Gott.

Nicht entkommen wird der Leichteste,

Nicht sich rettender Held,

Im Norden an des Euphrats Ufer straucheln sie und fallen.

Wer ist's, der wie ein Fluß anschwillt,

Wie Ströme, deren Fluthen aufbrausen?

Aegypten schwoll an wie ein Fluß,

Wie Ströme mit brausender Fluth,

Es sprach: ›Ich will hinaufziehen, die Erde bedecken,

Vernichten Stadt und Bewohner‹!

Besteiget nur die Rosse, mögen die Streitwagen rasen,

Mögen die Krieger ausziehen,

Aethiopier und Puntier, die Schildhalter,

Die Lybier, die Bogenspanner!

Ein Tag ist für den Herrn Zebaoth, ein Tag der Rache

An seinen Feinden.

Das Schwert zehrt, sättigt sich,

[307] Und labt sich voll an ihrem Blute!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Zieh' nach Gilead und hole dir Balsam,

Jungfrau Aegypten!

Vergeblich habe ich Heilmittel wachsen lassen,

Für dich giebt's keinen Verband.

Die Völker vernehmen deine Schmach,

Dein Wehklagen erfüllt die Erde,

Denn Streiter an Streiter strauchelt,

»Zusammenfallen sie beide«36.


Necho's Heer erlitt in der That bei Kharkhemisch am Euphrat (60437) eine niederschmetternde Niederlage. Der ägyptische Eroberer mußte seinen Plan, Babylonien zu erobern, aufgeben. Kaum konnte er seine bisherigen Eroberungen behaupten. Er hat wohl die besetzten Länder vom Euphrat bis zu den Grenzen Aegyptens wieder aufgegeben38. An dem geschlagenen Heere, welches nach Aegypten zurückkehrte, erkannten die Judäer, daß Jeremia's Prophezeiung sich erfüllt hatte. Auch Juda wurde wahrscheinlich durch die Niederlage bei Kharkhemisch für den Augenblick von der ägyptischen Oberherrschaft frei. Noch von einer andern Angst wurde das Volk und besonders die Großen befreit, von der drohenden Aussicht auf den Untergang des Staatswesens. Jeremia hatte öfter eine düstere Zukunft für das lebende Geschlecht angedroht, wenn es von seinen Thorheiten und Lasterhaftigkeiten nicht lassen werde. Wenn der König und die Hofleute sich auch nicht von diesen Unheilsverkündigungen bestimmen ließen, so fühlten sie sich doch von einer geheimen Angst bedrückt. Nun war Aegypten, der nahe Feind, geschlagen und geschwächt, und Assyrien, welches über ein Jahrhundert lang Geißel und Joch für Juda gewesen, war aus der Reihe der Völker geschwunden Die Nachbarvölker waren nicht mächtig genug, den Untergang Juda's herbeizuführen. Ein neuer, erobernder Großstaat hatte sich noch nicht herausgebildet. Medien, Haupterbe der assyrischen Reiches und dadurch Großmacht geworden, war von Juda zu weit entfernt, um in sein Geschick einzugreifen; Babylonien war nicht zu fürchten, weil es mit sich zu thun hatte, sich zu stärken und zu organisiren.[308] War es doch selbst erst aus der gedrückten Stellung, welche es sich lange von Assyrien hatte gefallen lassen müssen, befreit. Es schien dem oberflächlichen Blicke ungefährlich. Der König Jojakim und die Fürsten konnten daher, ihrer Sorgen um die Zukunft entledigt, sich ihren Lüsten und Thorheiten ungestört überlassen.

Jojakim war von einer großen Baulust besessen, als wollte er die Stadt Jerusalem, deren Untergang er durch seine Verkehrtheit beschleunigte, als geschmücktes Opfer überliefern. Er ließ sich einen weit angelegten Palast mit luftigen Söllern und mit vielen Fenstern bauen, ließ ihn mit Farben bestreichen und mit Cedergetäfel überdachen. Auch andere Gebäude der Stadt ließ er mit Pracht aufführen. Zu dem Bau ließ er ebenfalls Cedern vom Libanon kommen39. Er wollte den Salomo spielen. Aber er beschäftigte nicht, wie dieser, die Kanaaniter beim Bau, sondern zwang die freien Bürger zur Frohnarbeit, und diejenigen, welche sich der Sklavenarbeit entziehen wollten, ließ Jojakim bis zum Tode züchtigen. »Er baute die Stadt mit Gewaltthätigkeit und seine Burg mit Blutschuld«, wie die Propheten der Zeit, Jeremia und Habakuk, seinen Verschönerungstrieb bezeichneten. Von augenblicklicher Sorge befreit, überließ sich Jojakim auch den Schwelgereien, dem Schmausen und den Trinkgelagen40.

Aus dieser Sorglosigkeit, welcher sich der König und die Großen überließen, weckte sie Jeremia unsanft. Seinem Seherblicke wurde es klar, daß mit dem Untergang Assyriens die Einmischung der Völker am Euphrat und Tigris in die diesseitigen Länder und damit blutige Kriege, Verheerungen, Jammer und Verpflanzung der Bewohner nicht aufhören, sondern in erhöhtem Maße fortdauern würden. In dem chaldäischen Volke, das bis dahin nur dem Namen nach bekannt war, und in seinem. aus dem Dunkel hervorgetretenen König Nebukadnezar sah er ein neues Weltreich entstehen, welches Assyrien an Gewalt noch übertreffen und die Welt in Erstaunen setzen werde. Von dem ersten Auftreten des babylonischen Königs, nicht lange nach dessen Siege über Necho (604) hat Jeremia dessen siegreiches Uebergewicht über die Völker und namentlich dessen niederschmetternde Gewalt über Juda verkündet. Bei einer Gelegenheit, als die Bewohner der Hauptstadt und das Landvolk versammelt waren, setzte der Prophet von Anatoth furchtlos das Gesicht auseinander, daß sich ihm offenbart hatte, und verdeutlichte [309] mit ungeschminkten Worten das Geschick, welches dem Volke Juda und den Nachbarvölkern bevorstand. Nach den einleitenden Worten, daß er selbst bereits drei und zwanzig Jahre zur Umkehr ermahnt und daß noch andere Propheten fast täglich und jeden Morgen in demselben Sinne vergebens gesprochen, verkündete er, das längst angedrohte Verhängniß werde durch die Völker des Nordens und Nebukaduezar, welcher von Gott dazu berufen sei, vollzogen werden. »Ich werde sie«, sprach Gott, »über dieses Land und die Völker ringsumher führen und diese zur Einöde, zu ewigen Trümmern und zum Gespötte machen und werde aufhören lassen die Stimme der Freude und Fröhlichkeit, die Stimme des Bräutigams und der Braut, das Geräusch der Mühle und das Licht der Lampe«. Zur Bekräftigung seiner Verkündigung erzählte Jeremia, ihm sei im prophetischen Gesichte ein Giftbecher gereicht worden, den er allen Völkern zum Trinken reichen sollte, Jerusalem, den Städten Juda's, ferner dem König von Aegypten, seinen Großen und seinen Völkern, den Königen und Städten der Philister, Edom, Moab und Ammon, kurz allen den Völkern, welche durch den Sturz Ninive's und den Abzug des ägyptischen Königs Necho frei geworden waren. Er sollte zu ihnen sprechen: »Trinket, berauscht euch und speiet, ihr sollt fallen und nicht mehr entfliehen vor dem Schwerte, das ich über euch sende«. Und wenn sie sich weigern sollten zu trinken, sollte er sprechen: »Trinket nur, denn mit der Stadt, über die mein Name genannt ist, beginne ich, ihr Unglück zu bringen, und ihr solltet frei ausgehen? Das sollt ihr nicht! Denn Krieg rufe ich herbei über alle Bewohner der Erde«41. Aber auch diese prophetische Standrede prallte wirkungslos an der Taubheit, Herzenshärtigkeit und dem Leichtsinn des Königs und der Großen ab. Nichts desto weniger war Jeremia unermüdlich, in den mannigfachsten ergreifenden Wendungen von der drohenden Vergewaltigung durch die Chaldäer und Nebukadnezar zu sprechen.

Neben Jeremia prophezeite der Prophet Habakuk ein drohendes Strafgericht über Juda und Jerusalem und verkündete, daß dessen Vollstrecker die Chaldäer sein würden. Habakuk hatte viel Aehnlichkeit mit Jeremia. Er war ebenso weichen, empfindungsregen Gemüthes wie dieser. Von dem Uebermaß der Verruchtheit und der Verkehrtheit unter Jojakim war er in tiefer Seele niedergebeugt, äußerte wie Jeremia seinen Schmerz über den Verfall nicht bloß in prophetischen Reden, sondern auch in Klagen. Er war wie Chilkija's Sohn nicht bloß Prophet, sondern auch Psalmist, und auch seine Psalmdichtung haucht [310] düstere Trauer aus. Habakuk's prophetische Reden tragen überhaupt das Gepräge von Trauerpsalmen. Er besaß zwar nicht die Kraftfülle und die Mannigfaltigkeit der jeremianischen Beredtsamkeit, aber seine Redeweise verband mit Gemeinverständlichkeit und Eindringlichkeit auch poetischen Schwung und beißende Ironie. Auch legte sie mehr Gewicht auf die Form und Kunst, auf die Doppelgliederung der Gedankenreihe und auf strophischen Bau. Als Nebukadnezar mit seinem kriegerischen Kernvolke, den Chaldäern, bereits über den Euphrat gesetzt war, um die Länder zwischen diesem Flusse und dem Mittelmeer, welche Necho einige Jahre in Besitz hatte, zu unterwerfen, verkündete Habakuk in Form einer Klage, daß er Juda erreichen, ein Strafgericht über dasselbe bringen und die unerträgliche Sündenschuld des Königs und des Volkes rächen werde. Aber er sprach halb verhüllt gegen den König:


»Wie lange noch, o Gott, rufe ich, und du vernimmst nicht,

Klage ich dir über Gewalt, und du stehst nicht bei?

Warum lässest du mich Unrecht schauen und Mühsal erblicken,

Zerstörung und Gewalt vor mir,

Und es entstand Streit und Hader?

Darum hört Belehrung auf, und das Recht wird niemals vollstreckt.

Weil der Frevler umringt den Gerechten,

Darum wird das Recht verdreht.

Sehet euch unter den Völkern um und staunet,

Denn eine That vollbringt er in euren Tagen,

Ihr würdet's nicht glauben, wenn 's erzählt würde.

Denn ich stelle die Chaldäer auf,

Das barsche und rasche Volk,

Das in der Erde weite Räume zieht,

Um sich Städte zu erobern, die nicht sein.

Schrecklich und furchtbar ist es,

Von ihm selbst kommt sein Recht und seine Hoheit.

Schneller als Parder seine Rosse

Und schärfer als Wüstenwölfe.

Es breiten sich aus seine Reiter,

Seine Reiter kommen von Ferne,

Fliegen wie der Adler rasch zum Fraß,

Sie alle kommen zur Gewaltthat

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Und es sammelt Gefangene wie Sand.

Es spottet der Könige,

Fürsten sind ihm ein Spiel,

Es spottet jeder Festung,

Häust Erde auf und nimmt sie ein.

Dann wechselt sein Wollen,

Und es zieht vorüber

Und macht seine Kraft zu seinem Gotte«42.


[311] Von dieser prophetischen Kunde, daß Unheil das Volk treffen sollte, war Habakuk selbst schmerzlich bewegt. Allerdings ist das zu erobernde Volk zum Vollstrecker des verdienten Strafgerichtes bestimmt; aber soll es fort und fort die Menschen »wie Fische des Meeres behandeln, wie Kriechthiere, die keinen Herrscher haben?« Soll es seine Netze stets nach den Völkern auswerfen und seinem Netze wie einem Gotte opfern? Sollen die Eroberer auch Unschuldige vernichten und das Volk Gottes, das doch noch besser als das erobernde Volk ist, verschlingen? Kann Gott, der zu lautern Auges ist, um Böses zu schauen, der das Unglück nicht schauen mag, dieses allgemeine Unheil schweigend mit ansehen?43 Solche Fragen richtete er im Gebete an Gott. Darauf empfing der Prophet die Vervollständigung des offenbarten Gesichtes mit der Weisung, es deutlich auf Tafeln für jeden Leser verständlich zu schreiben, daß der Gerechte durch seine Treue leben werde, daß dagegen der übermüthige Eroberer, der wie der Tod unersättlich die Völker hinrafft, einer Züchtigung nicht entgehen werde. Habakuk hat zuerst den Gedanken der sittlichen Gerechtigkeit in der Völkergeschichte deutlich ausgesprochen, daß die gewaltthätigen Eroberer dem Strafgericht von Seiten anderer Eroberer verfallen, »daß sich die Völker nur für das Feuer und die Nationen sich nur für das Nichtige abmühen«. Einst wird aber die Erde so voll von Gotteserkenntniß sein, wie die Wasser das Meeresbette bedeckten. Von dieser Betrachtung machte Habakuk einen Uebergang zu den unerträglichen Zuständen in Juda, welche ihm die er sten Klagen ausgepreßt hatten, um die Bedrückung, Rechtlosigkeit, Blutschuld und den Götzendienst hier in ihrem wahren Lichte zu [312] zeigen und auf den Urheber aller dieser Gräuel, den König Jojakim, hinzuweisen.


»O, der Gewinn sucht für sein Haus,

Um hoch sein Nest zu machen,

Um sich zu retten von des Unglücks Hand!

Du hast Schande für dein Haus beschlossen.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Denn der Stein aus der Mauer wird klagen,

Und der Sparren aus dem Holzwerk wird gegenklagen.

O, der du eine Stadt mit Blutschuld erbaut,

Und die Burg mit Ungerechtigkeit aufgerichtet!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

O, der seinen Genossen zu trinken giebt

Von des Giftes Schale und sie auch berauscht,

Um auf ihre Blöße zu schauen.

Du hast dich lieber an Schmach, denn an Ehre gesättigt.

So trink' auch du und vergifte dich!

Dir zuwenden wird sich der Becher aus Gottes Rechter

Und Doppelschmach auf deine Ehre!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Was nützt das Götzenbild,

Das der Bildner gehauen,

Und das Gußbild der Lügenlehrer,

Daß der Bildner auf sein Gebilde vertraut,

Stumme Götter zu machen!

O, der zum Holze spricht: »Erwache!«

›Ermuntere dich!‹ zum stummen Stein.

»Soll dieser Regen bringen?

Er ist ja in Gold und Silber gefaßt,

Und kein Geist in seinem Innern!«44.


Die Ermahnungen, Prophezeiungen und Strafreden Jeremia's, Habakut's und anderer Propheten, so beredt und eindringlich sie auch waren, haben indeß keinen Eindruck auf die Machthaber und die Volksmasse gemacht. Sie prallten an der Herzenshärtigkeit ab. Gerade weil die Propheten ihre Strafandrohungen so oft wiederholten, weil sie jeden Morgen sprachen, gewöhnte sich das Ohr daran und wurde stumpf und unempfindlich. Man lebte sorglos weiter, auf den glücklichen Zufall vertrauend, Nebukadnezar's Macht geringschätzend, und verhöhnte [313] die Propheten, weil das von ihnen verkündete Strafgericht nicht allsogleich eintraf. »Wo bleibt das Wort Gottes?« sprachen sie, »möge es doch eintreffen«!45 Oder man leugnete die Wahrheit der Prophezeiung: »Unglück wird nicht über uns kommen, Krieg und Hungersnoth werden wir nicht sehen, die Propheten werden zu Wind werden, Gottes Wort spricht nicht aus ihnen, so müßte ihnen geschehen«!46. – Auch diejenigen, welche den Propheten Glauben schenkten, trösteten sich damit, daß das angedrohte Unglück nicht sie treffen werde, die Prophezeiung beziehe sich auf eine spätere, entferntere Zeit: »Die Tage werden sich hinziehen und alle Prophezeiungen vergehen«47. Die trügerischen Reden der falschen Propheten lähmten vollends die Wirkung der Ermahnungen Jeremia's und seiner Genossen. Sie beruhigten das Volk und sprachen stets: »Frieden, Frieden!«, das Land werde von Kriege verschont bleiben. Von solchen falschen Propheten und den falschen Priestern hatte Jeremia, weil er rücksichtslos und scharf einschneidend sprach und die Finger in die Wunden legte, am meisten zu leiden. Seine eigenen Freunde sannen auf verderbliche Pläne gegen ihn und stellten ihm nach48. Durch das Uebermaß der gegen ihn gerichteten Bosheit wurde sein Vertrauen auf Gottes Beistand hin und wieder erschüttert, und er ließ sich von seinem Unmuthe öfter zu herben Aeußerungen und zu Verwünschungen gegen seine Verfolger hinreißen. Er mußte oft klagen: »Ich werde alle Tage zum Gespötte, alle höhnen mich. So oft ich spreche, muß ich klagen, über Gewalt und Wuth rufen, denn Gottes Wort wurde mir zur Schmach und zum Hohne«49.

Ein Klagepsalm, welcher aller Wahrscheinlichkeit nach von ihm gedichtet wurde, veranschaulicht den tiefen Schmerz, den er über die Leiden von den feindlich gesinnten Genossen und über das frevelhafte Treiben in Jerusalem empfunden hat:


»Vernimm, Gott, mein Gebet und entzieh dich nicht meinem Flehn,

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Mein Herz zittert in meinem Innern,

Und Todesangst überfällt mich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich sprach: Wer gäbe mir Flügel gleich der Taube,

Fortfliegen wollte ich und weilen,

Ja selbst entfernt wandern und in der Wüste wohnen,

[314] Würde mir eine Zuflucht eilig aufsuchen

Vor dem Sturmwind und Unwetter.

Verhülle Gott (ihr Auge), theile ihre Zunge;

Denn ich sehe Gewalt und Streit in der Stadt,

Tag und Nacht umgeben sie auf ihren Mauern,

Unheil und Mühsal in ihrem Innern,

Verderben in ihrer Mitte,

Und es weicht nicht aus ihren Straßen Bedrückung und Trug.

Denn schmähte mein Feind mich, ich würde es ertragen,

Spräche mein Gegner Hohn gegen mich,

Würde ich mich vor ihm verbergen.

Du bist aber ein Mensch meines Standes,

Mein Genosse und mein Bekannter,

Zusammen haben wir süßen Rath gepflogen,

In Gottes Tempel wandeln wir mit Zittern50.


In dem Unmuthe der Verfolgung, wenn er, der Einzelne, einer Schaar von Feinden, den Fürsten, Priestern, falschen Propheten und dem irregeleiteten Volk gegenüberstand, verwünschte Jeremia manchmal sein eigenes Dasein: »Verflucht der Tag, an dem ich geboren wurde, ... daß man mich nicht im Mutterleibe schon getödtet, daß mir die Mutter zum Grabe geworden wäre und ihr Schoß eine ewige Schwangerschaft. Warum habe ich den Mutterschoß verlassen, um Mühsal und Trauer zu sehen, daß meine Tage in Schmach vergehen«51? Sein treuer Jünger Baruch, Sohn Nerijas, der ihm anhänglich nachfolgte wie Elisa dem thischbitischen Propheten, wurde in die Verfolgung gegen seinen Meister hineingezogen. Auch er klagte über Sorgen und Schmerzen52.

Endlich wurden die wahren Propheten gerechtfertigt, ihre Prophezeiung sollte sich bewähren: das von ihnen verkündete Unheil durch die Chaldäer rückte näher. Nachdem Nebukadnezar die Kräftigung seines vergrößerten Reiches im Innern und riesige Bauten angebahnt, auch für die Schifffahrt im Innern durch Anlegung von Kanälen gesorgt hatte, unternahm er einen weiteren Eroberungszug. Das aramäische Assyrien oder Syrien, das in kleine Gebiete zersplittert war, unterwarf sich wohl ohne Widerstand; dann kam Phönicien an die Reihe, dessen [315] König Ithobal II. ebenfalls Vasall Nebukadnezar's wurde. Die bedeutende chaldäische Unternehmung war aber eigentlich gegen Aegypten gerichtet. Zu dieser schwierigen und langwierigen Eroberung war die Unterwerfung der Länder, welche zwischen Syrien und Aegypten lagen, Judäas, des Philisterlandes und Edoms, unerläßlich. So winzig sie auch im Verhältniß zu dem Weltreiche waren, so konnte doch ihre feindliche Haltung Nebukadnezar Hindernisse in den Weg legen, dagegen ihre Unterwerfung ihm Vorschub leisten. So rückte das chaldäische Heer immer weiter vor, um sich Aegyptens Grenzen zu nähern. Von Dan, der lieblichen Stadt am Fuße des Hermon, hörte man schon das Wiehern der Kriegsrosse, von dem Jauchzen der Helden erbebte das ganze Land53. An Jojakim erging wohl die Aufforderung des mächtigen Eroberers, sich und sein Land zu unterwerfen oder der Zermalmung gewärtig zu sein. Von der anderen Seite ermuthigte Aegypten zu festem Widerstand, verhieß Hilfe und täuschte mit verheißenden Versprechungen. Juda kam in dieselbe schwankende Lage, wie einst zur Zeit Chiskija's, als Wahlplatz für den Kampf zweier Großmächte gegen einander zu dienen. Eine Entscheidung mußte getroffen werden; aber in Erwartung ägyptischer Hilfe oder eines Wunders schoben Jojakim und seine Räthe sie von Tag zu Tag auf.

In der Angst wurde ein Fasttag für den neunten Monat (Winter 600) ausgerufen, das ganze Land aufgefordert in Jerusalem zu erscheinen und hier Gott anzuflehen, das drohende Unheil abzuwenden. Bei aller götzendienerischen Verkehrtheit setzte das Volk doch sein Vertrauen auf den Ihwt geweihten Tempel, daß dieser ihm Schutz auch gegen den mächtigsten Feind gewähren würde54. Vermittelst zahlreicher Opfer und Trauerzeichen, in Haargewänder gehüllt und das Haupt mit Asche bestreut, sollte die Gefahr beschworen werden. Das Volk war in der größten Aufregung und in Bangigkeit für seine Zukunft und strömte zum Tempelplatz, als wenn es da eine sichere Zuflucht finden sollte. Jeremia aber befahl seinem treuen Jünger Baruch, die prophetische Rede niederzuschreiben welche er mehrere Jahre vorher über die unwiderstehliche Gewalt des eben aufgetauchten Chaldäerreiches gehalten, daß alle Völker rings um Juda und dieses selbst von ihm unterjocht werden würde, wie ihm früher bedeutet worden war. Nachdem Baruch diese Verkündigung in eine Rolle eingetragen hatte, befahl ihm Jeremia, den Inhalt derselben vor dem Tempel in Gegenwart des versammelten Volkes der Hauptstadt und des Landes öffentlich vorzulesen. [316] Es sollte dadurch erfahren, daß er die jetzt so nahe Gefahr lange vorher vorausgeschaut und vorausverkündet hatte; vielleicht würde es dadurch in sich gehen, seine verkehrten Wege aufgeben und sich Gott mit ganzem Herzen zuwenden. Der Prophet selbst war durch irgend etwas verhindert, aufzutreten; darum sollte ihn Baruch ersetzen. Dieser aber sträubte sich anfangs gegen die Uebernahme eines so gefährlichen Auftrages. Er sollte mit dem Inhalte der Rede das versammelte Volk zur Unterwürfigkeit unter Nebukadnezar ermahnen, während dieses gerade eine Fastenversammlung beging, um der Knechtung von dieser Seite zu entgehen. Baruch rief aus: »Wehe mir, daß Gott mir zu den alten Schmerzen neue auflegt! Ich bin schon erschöpft vor Seufzen und kann keine Ruhe finden.« Jeremia erwiderte ihm darauf halb vorwurfsvoll, halb milde: »So spricht Gott: ›Sieh, das was ich erbaut, will ich eben zerstören, was ich gepflanzt, will ich ausreißen, und du verlangst für dich Außerordentliches? du solltest es nicht verlangen‹55. Der Einzelne soll in einer Zeit schmerzlicher Kämpfe und Wandlungen sich willig opfern. Baruch fügte sich und übernahm darauf den Auftrag. In einer offenen Halle des Gemarja, Sohns Schaphan's, im oberen (östlichen) Vorhofe des Tempels las er den Inhalt der Rolle dem ganzen Volke vor. Mehrere unter den Anwesenden mögen bereits früher diese Warnungsrede gehört haben, aber sie hatten sie nicht beachtet oder vergessen. Jetzt aber, in Gegenwart des drohenden Unheils, als Nebukadnezar's Heer nicht weit von Jerusalem stand, machte ihr Inhalt einen gewaltigen Eindruck. Das Ereigniß, das jetzt drohend über dem Lande schwebte, war also vom Propheten mehrere Jahre vorher verkündet: daß der König von Babel gewiß in's Land kommen und es zerstören werde, wenn nicht Besserung eintrete, und auch gegen die Völker, auf deren Beistand Juda hoffte, ward bereits Knechtung vorausgesagt. Die Versammlung war davon betroffen und erschüttert. Ein junger Mann, Micha, Sohn des Gemarja, eilte sofort von diesem Schauplatze zu den Fürsten, welche in einer Halle des Palastes versammelt waren, und machte ihnen, von dem Eindruck überwältigt, Mittheilung von dem Vernommenen. Auch die Fürsten wurden davon erschüttert. Es waren ihrer viele anwesend, darunter Elischama, der Listenführer des Heeres, in dessen Halle die Großen versammelt waren, Gemarja selbst, Micha's Vater, und Elnathan, Sohn Achbor's, welcher auf Jojakim's Geheiß den Propheten Urija aus Aegypten nach Jerusalem zum Richtplatz geschleppt hatte (o. S. 301). [317] Diese luden Baruch ein, in ihrer Gegenwart den die Wahrheit der Prophezeiung Jeremia's bestätigenden Inhalt der Rolle noch mals vorzulesen. Jedes Wort derselben traf schwer auf ihr Herz, sie wurden von Angst ergriffen. Sie beschlossen daher, dem König Kunde davon zu geben, in der Hoffnung, daß auch er davon erschüttert und bewegt werden würde, jeden Widerstand gegen Nebukadnezar aufzugeben, um vielleicht gleich seinem Vater Josia beim Anhören des deuteronomischen Gesetzbuches eine Umkehr und Besserung durchzuführen. Die Fürsten begaben sich darauf zum Könige und machten die Meldung von dem Vorgange. Im ersten Augenblicke schöpften sie Hoffnung; denn Jojakim befahl, die Rolle zu holen, um sie sich vorlesen zu lassen. Der König saß, weil es kühl war, vor einem in der Mitte des Zimmers aufgestellten, mit brennenden Kohlen gefüllten Wärmegefäß (Ach, jetzt Mangan genannt), und die Prinzen und Großen standen um ihn her. Mit gespannter Erwartung vernahmen sie die Worte der Jeremianischen Rolle, welche ein des Lesens kundiger Großer, Jehudi, Sohn Nethanja's vorlas. Jojakim ließ sich indeß ruhig jedes einzelne Blatt, sobald es verlesen war, reichen und warf es auf das Kohlengefäß. Mit Schrecken sahen es die Großen, welche eine günstige Wirkung davon erwartet hatten, und baten den König, nicht das Verhängniß herauszufordern. Er aber kehrte sich nicht daran und fuhr fort, die Blätter in's Feuer zu werfen, bis die ganze Rolle verbrannt war. Auch die dem König nahestehenden Personen, die Königssöhne und seine Vertrauten, theilten die Gleichgültigkeit gegen das Vernommene und schlugen die Warnung in den Wind. Ihnen ertheilte Jojakim noch dazu den Befehl, den Unheil verkündenden Propheten und seinen Jünger aufzusuchen, um ihnen das Leben zu nehmen, wie er es mit dem Propheten Urija gemacht hatte. Glücklicher Weise hatten die geängstigten Großen vorher Vorkehrung getroffen, Jeremia und Baruch an einem Orte zu verbergen, wo sie Niemand finden konnte. So wurden sie gerettet56.

Es war gewiß ein Tag tiefer Aufregung in Jerusalem, die große Fastenversammlung ging wohl zwecklos auseinander. Die Vorlesung der Rolle hatte dennoch eine Wirkung gehabt; sie brachte eine Spaltung unter den Fürsten hervor. Diejenigen, welche von Jeremia's Prophezeiung überzeugt waren und für seine Rettung Sorge getragen hatten, waren wohl entschieden für die Unterwerfung unter Nebukadnezar, und unter ihnen befand sich auch der Listenführer (Sophér) Elischama, welcher dem Kriegswesen vorstand. Wenn dieser und noch viele andere angesehene Männer des Rathes gegen den Krieg waren, so durste ihn[318] Jojakim nicht unternehmen, zumal der Bestand des Thrones auf dem Spiele stand. Er machte daher seinen Frieden mit Nebukadnezar, leistete ihm den auferlegten Tribut, versprach wohl auch Heeresfolge und übernahm alle die Verpflichtungen, welche ein Vasall damals zu leisten hatte. Das war der Anfang der chaldäischen Vasallenschaft Juda's (600). Jeremia durfte wohl seinen Versteck verlassen; so aufgebracht auch der König gegen ihn war, so durfte er ihm doch kein Haar krümmen. Die Fürsten, welche auf seiner Seite waren, schützten ihn wohl, und auch der chaldäische Eroberer, dem es wohl nicht verschwiegen geblieben ist, daß der Prophet ihm eine glänzende Laufbahn verheißen und zur Anerkennung seiner Macht gerathen hatte, mag schon damals, wie später, ihm Schutz verliehen haben. – Der Götzendienst wurde zwar nicht abgestellt, wie manche von diesem Ereigniß erwartet haben mögen; nur eine Thorheit wurde aufgegeben, freilich um eine andere wieder einzutauschen. Der Cultus der sogenannten Himmelskönigin, der ägyptischen Neïth, wurde abgeschafft57. Vor den Augen des chaldäischen Herrn durfte das äußere Zeichen der Zugethanheit Juda's zu Aegypten nicht geduldet werden. Dafür kam aber der babylonische Cultus der Gestirne wieder in Aufnahme und wurde eifrig gehegt.

Jojakim ertrug aber mit Unmuth das chaldäische Joch, er konnte nicht mehr die Zügel seiner Leidenschaft schießen lassen. Die chaldäische Vasallenschaft war wahrscheinlich ohne Schonung. Der ägyptische König hat es gewiß auch nicht an Wühlereien fehlen lassen, um Jojakim zum Abfall von Nebukadnezar zu bewegen. Als nun der phönicische König Ithobal II. diesem den Gehorsam aufkündigte (598), die Stadt Tyrus so befestigte, daß sie lange Widerstand leisten konnte, fiel auch Jojakim in unbegreiflicher Verblendung ab58, versagte den Tribut und verband sich mit Aegypten und wohl auch mit Phönicien. Nebukadnezar mußte in Folge dessen seine kriegerischen Kräfte gegen das letzte Land zusammenhalten, er begann die Belagerung von Tyrus, welche dreizehn Jahr dauerte. Er war daher für den Augenblick verhindert, den rebellischen König von Juda zu züchtigen, und Jojakim konnte sich dem Wahne überlassen, seine Unabhängigkeit für die Dauer erlangt zu haben. Aber erfreuen konnte er sich ihrer nicht. Wenn Nebukadnezar auch nicht ein großes Heer gegen ihn senden konnte, so ließ er doch sein Land durch chaldäische Streisschaaren beunruhigen. Auch idumäische, moabitische und ammonitische Raubschaaren drangen in's[319] Land und verwüsteten es hier und da59. Es war das Vorspiel für die noch unheilvollere Zeit. In dieser Unsicherheit der Lage starb Jojakim (597) und wurde im Grabmal, das Manasse für die Könige Juda's angelegt hatte, beigesetzt, der letzte König aus dem davidischen Hause, welcher in der heimathlichen Erde begraben wurde. An seiner Stelle regierte sein achtzehnjähriger Sohn Jojachin (auch Jechonja und abgekürzt Khonjahu genannt), oder eigentlich seine Mutter Nec huschtha60, Tochter eines Jerusalemers, welche die Zügel der Regierung in Händen hatte. Jojachin beharrte in dem Wahne, Nebukadnezar widerstehen zu können und huldigte ihm nicht. Er beharrte auch in allen sittlichen und götzendienerischen Gräueln seines Vaters. Aber nur kurze Zeit dauerte Jojachin's und seiner Mutter Verblendung. Nebukadnezar war endlich im Stande, ein großes Heer von Tyrus Belagerung loszulösen, um es gegen Aegypten zu führen, welches Feindseligkeit gegen ihn begann. Dieses chaldäische Heer unterwarf mit Leichtigkeit das ganze Land bis zum Strom Aegyptens (Rhinokolura). Auch ganz Juda wurde eingenommen bis auf einige Städte im Süden, welche sich in Vertheidigungsstand gesetzt hatten. Diejenigen, welche dem Feinde in die Hände fielen, wurden in die Gefangenschaft geführt61. Nichts desto weniger setzte Jojachin den Widerstand fort, er glaubte hinter Jerusalems starken Mauern sicher zu sein und rechnete bei einer etwaigen Belagerung auf Entsatz von Seiten Aegyptens. Nebukadnezar sandte daher einige seiner Feldherrn, Jerusalem zu belagern.

Jeremia, welcher vielleicht während Jojakim's letzten Regierungsjahren geschwiegen hatte, sprach während dieser Belagerung mit einem Freimuth, der nur begreiflich ist, wenn er dabei auf den Beistand einiger Fürsten und eines Theils des Volkes zählen konnte. Um seiner Rede Nachdruck zu geben, bediente er sich eines bedeutsamen Zeichens. Er hatte einen Leinengürtel, den er lange am Leibe getragen, in eine Felsenspalte in Ephrat (Betlehem) vergraben und nach einiger Zeit wieder von dort geholt, als dieser bereits verwest war. Mit diesem zerfetzten Gürtel in der Hand trat er unter das Volk und sprach: »So werde ich den Stolz Juda's und Jerusalem's zerstören« (spricht [320] Gott). »Dieses Volk, das ich fest an mich gezogen, wie man den Gürtel an sich zieht, wird diesem Gürtel gleich werden.« – »Jeder Schlauch wird mit Wein gefüllt.« Sprecht ihr, »wissen wir denn das nicht?« so sage ihnen: ich werde alle Bewohner dieses Landes, die Könige, die auf David's Thron sitzen, die Fürsten, die Propheten, die Bewohner Jerusalems mit Rausch anfüllen und werde sie einen gegen den andern, Vater und Sohn, ohne Erbarmen schleudern ... Sprechet zum König und zur Gebieterin: »setzt euch niedrig, denn es ist gesunken von eurem Haupt eurer Pracht Krone. Die Städte des Südens sind eingeschlossen, und Niemand entsetzt sie. Verbannt wird Juda, ganz verbannt, vollständig. Erhebe deine Augen und sieh', Jerusalem, die da vom Norden kommen. Wo ist die Heerde, die dir gegeben wurde, deine Prachtheerde? ... Und wenn du fragest in deinem Herzen: ›Warum hat mich dieses Alles betroffen?‹ In Folge deiner Sündenfülle ist deine Schleppe aufgedeckt, deine Ferse entblößt. Kann wohl der Mohr seine Hautfarbe verwandeln, oder der Panther seine Flecken? So wenig könnt ihr besser werden, an's Böse gewöhnt. So werde ich sie wie fliegende Stoppel mit dem Winde der Wüste zerstreuen62.


Besteige den Libanon und klage,

In Basan laß deine Stimme vernehmen,

Und rufe laut vom Abarim-Gebirge,

Denn alle deine Buhlen sind zerschmettert.

Ich sprach zu dir während deines Glücks,

Da antwortest du: ich mag nicht hören!

Das ist deine Weise von Jugend an,

Daß du auf meine Stimme nicht hörest.

Alle deine Freunde wird der Wind treiben,

Deine Buhlen werden in Gefangenschaft gehen.

Dann wirst du dich schämen und ob deiner Schlechtigkeit erröthen.

Auf dem Libanon sitzend, in Cedern genistet,

Wie wirst du seufzen,

Wenn dir Wehen, wie einer Kreisenden, kommen werden!«


»So wahr ich lebe, spricht Gott, wenn Khonjahu, Sohn Jojakim's, König von Juda, ein Siegelring an meiner rechten Hand wäre, so werde ich dich von da reißen, dich überliefern in die Hand deiner Feinde, in die Hand Nebukadnezar's. Und werde dich und deine Mutter [321] in ein fremdes Land schleudern, wo ihr nicht geboren seid, und dort werdet ihr sterben«63.

Es blieb Jojachin nicht einmal Zeit, auf eine Besserung zu sinnen, denn die Noth der Belagerung nahm überhand. Es scheint, daß Regenmangel diese Noth noch vermehrte64. Jojachin unterhandelte mit den belagernden Heerführern wegen Uebergabe, da kam Nebukadnezar selbst in's Lager, und zu ihm versügten sich der König, die Königin-Mutter und ihr Gefolge, um ihn um Gnade anzuflehen. Der Sieger übte aber keine Gnade, sondern stellte harte Bedingungen. Jojachin mußte den Thron verlassen und mit seiner Mutter, die ihn geleitet, seinen Frauen, Geschwistern und Verschnittenen in's Exil nach Babel wandern; er hatte nur hundert Tage den Thron David's eingenommen. Es war milde genug, daß Nebukadnezar sie am Leben ließ und überhaupt kein Blut vergossen hat. Er verbannte nur zehntausend Jerusalemer und verpflanzte sie nach Babylonien, darunter 7000 Krieger, 2000 Personen aus allen Geschlechtern, darunter Ahroniden, Leviten und Benjaminiten, welche meistens die Hauptstadt bewohnten, und 1000 Werkmeister, welche das Waffenschmieden und den Festungsbau verstanden65. Von den Judäern vom Lande führte er zur selben Zeit 3023 nach Babylon in Gefangenschaft66. Daß Nebukadnezar die Schätze des Palastes und des Tempels gebrandschatzt hat, war kein Akt besonderer Gewaltthätigkeit, sondern war dem damaligen Kriegsrecht gemäß. Doch ließ er das Gemeinwesen bestehen, verschonte auch die Stadt und die Mauern und ließ auch den Tempel unangetastet. Der erste auswärtige Eroberer Jerusalems nach fast fünfhundertjährigem Bestande verfuhr viel milder mit ihm, als viele Eroberer in den folgenden Zeiten.


Fußnoten

1 Könige II, 23, 36. Vergl. o. S. 232, Anmerk. 1.


2 Könige II, 23, 31. 36; 24, 17-18.


3 Deuteron. 21, 15 fg.


4 Könige das. 23, 30. Mit Recht bemerkt der Talmud (Traktat Kheritot p 5b), daß in der nachdavidischen Zeit nur bei unregelmäßiger Nachfolge und bei drohender Thronstreitigkeit die Salbung eines Königs vorgenommen wurde. Gergl. Oehler, Theologie d.A. T., II, S. 26.


5 Folgt aus Jerem. 22, 11; Könige das. fehlt der Passus ומש תא בכיו, was übrigens bedeutet, er selbst änderte seinen Namen, nicht etwa ein fremder Herrscher habe ihm einen anderen Namen beigelegt. Chronik I, 3, 15 ist ein doppelter Irrthum, daß Josia vier Söhne hinterlassen hätte und zwar Schallum, verschieden von Joachas, und daß זחאוהי (statt ןנחוי zu lesen) der Erstgeborene gewesen sei [S. jedoch Oettli z. St.].


6 Könige das. V. 33. Hier heißt es הכנ... והרסאיו, in Chronik dagegen II, 36, 3 והריסיו. Auch in Könige lesen LXX והריסיו. Indessen ist die erste L.-A. doch richtig: denn auch Ezechiel 19, 2-4 deutet an, daß Joachas in Fesseln nach Aegypten gebracht worden war םירצמ ץרא לא םיחחב והאיביו.


7 Könige das. 23, 33. 35.


8 Folgt aus Jerem. 44, 17-18, daß der Wahn bestand, der Götzendienst mache glücklich, der Cultus Ihwh's aber unglücklich. Dasselbe ist auch ausgedrückt in dem scheinbar schwierigen Halbverse, Deuteronom. 29, 18 יל היהי םולש רמאל... םיוגה יהלא תא דבעל תכלל האמצה תא הורה תופס ןעמל.... »Damit die Wasserfülle (Glück) tilge den Durst (Mangel)«; תופס Infinitiv von הפס (nicht von ףסי); Vergl. Ezechiel 8, 12.


9 Jerem. 2, 28. 11, 13.


10 Vgl. Frankel-Graetz, Monatsschrift, Jahrg 1874. S. 349 fg. Aegyptisch wurde die Neïth bezeichnet als: Net ur ntr mut nb pe t, d.h. die große Net, die göttliche Mutter, die Herrin des Himmels (Brugsch, geogr. Inschr. altägyptischer Denkmäler I, S. 245).


11 Jeremia 7, 18.


12 Ezechiel 16, 17. רכז ימלצ ךל ישעתו. Dasselbe sagt Jes. 57, 8 ךנורכז תמש הזוזמהו, ךנורכז תלדה רחאו kann hier nur das membrum des Phallus bedeuten. Die Verse Jes. 56, 9 bis 57, 13a sind nicht jesaianisch [So auch Luzzatto z. St.], auch nicht deuterojesaianisch, sondern erinnern zu deutlich an Jeremia's Ausdrucksweise.

13 Ezech. 8, 17 יפא לא הרומזה תא םיחלש, so zu lesen statt םפא als םירפוס ןוקת, das Wort הרומז bedeutet ebenfalls membrum erectum, auch das. 23, 20; Jerem. 7, 30 [?]


14 Jeremia das. 7, 31; 19, 5. Das Stück stammt aus der Zeit Jojakim's. Vgl. weiter. Jesaias 57, 5 יטחש םיעלסה יפעס תהת םילהנב םירליה.


15 Jeremia 5, 7-8; 6 9 9, 1-7 Ezechiel 16, 8 fg.


16 Ezechiel 22, 25, wo statt היאיבנ gelesen werden muß היאישנ nach LXX und Peschito [So auch Vertholet z. St.]; Jeremia 5, 6 ff.


17 Ezechiel 22, 7.


18 Ezechiel 9, 4.


19 In Jeremia ist oft von den םינדכ, als Betheiligten des Götzendienstes, die Rede 5, 31; 8, 1. Die ישנא תותנע das. 11, 21-23, welche Jeremia nach dem Leben trachteten, waren also Beförderer des von Jeremia bekämpften Systems. Sie waren seine nahen Verwandten, das. 12, 6 ךיבא תיבו ךיחא. Dieser Vers gehört nicht zum Zusammenhange mit dem Vorangehenden und Folgenden.


20 Das. 23, 11-16. 25 fg.


21 Jeremia 6, 17; 25, 4; 32, 33; 44, 4.

22 Jeremia 26, 20-23. Dieser Passus ist ein Zusatz zu dem das. erzählten Inhalt und gehört nicht dazu. Die Zeit läßt sich dadurch bestimmen, daß Jojakim damals noch in Vasallenschaft zu Aegypten gestanden haben muß, also noch vor der Schlacht bei Kharkhemisch 604.


23 Vergl. Note 3.


24 Jeremia 16, 2 fg.


25 Das. 8, 21; 15, 17-18.


26 Das. 7, 16; 11, 14; 14, 11.


27 Jeremia 7, 17 fg. Aus dem Ausdruck: המ האר ךניאה םימשה תכלמל םינוכ תושעל ... םישע המה geht heror, daß dieser Cultus kurz vorher eingeführt worden war. Vergl. Frankel-Graetz, Monatsschrift Ig. 1874, S. 349 fg.


28 Jeremia 7, 1 fg. Kap. 26 ist nur ein Resumé dieser Rede, um die daraus entstandenen Folgen für Jeremia zu referiren. Das Datum ist 26, 1 angegeben, im Anfang der Regierung Jojakim's.


29 11, 19 fg.; 20, 10 fg.


30 Nahum Kap. 3.


31 Zephanja 2, 13-15.


32 Ezechiel 31, 14 ff. Dieser Prophet stand wenigstens schon dem Mannesalter nahe, als Ninive fiel.


33 Treffend bezeichnet Herodot die ungleiche Theilung des assyrischen Gebietes zwischen Kyaxares und seinem Verbündeten, daß der Erstere ganz Assyrien in Besitz genommen πλƞν τῆς Βαβυλωνίƞς μοίρας I, 106.


34 Folgt aus Könige II, 27, 7.


35 In Jeremia wird dieser babylonische König stets רצארדכובנ genannt, im Buche der Könige und in anderen Büchern lautet der Name רצאנדכובנ. Im Ptolemäischen Kanon ist er aufgefuhrt als Ναβοκολάσσαρος und bei Strabo (XV. p 687) als Ναυοκοδρόσορος.


36 Jeremia 46, 1-12. An der ganzen Haltung dieses Stücks erkennt man, daß es eine Prophezeiung ist. Es ist lächerlich, anzunehmen, daß der Prophet diese Rede später überarbeitet oder geseilt hat. Es war nicht Sache der Propheten stenographisch aufgeschriebene Reden zu corrigiren und zu verschönern.


37 Vergl. über die Zeit Monatsschrift a.a.O. S. 289 fg. [Vgl. Schrader-Winckler, S. 106. 278. 321].


38 Folgt wohl aus Könige II. 24, 7; Jeremia 49, 23-27, was sich wohl auf die Niederlage Necho's und die voraussichtliche Besitznahme der Länder durch Nebukadnezar bezieht.


39 Jeremia 22, 13 fg. Habakuk 2, 12 fg.; vergl. Monatsschrift, Ig. 1874, S. 339 fg.


40 Folgt aus Jeremia 22, 15. השעו התשו) לכא אלה ךיבא (טפשמ was nach LXX gelesen werden muß לכא אל התשו, und dieses bezieht sich auf Jojakim's Vater, auf Josia [Duhm zur Stelle hält die Emendation für überflüssig].


41 Jeremia 25, 15 fg. Vgl. Frankel-Graetz, Monatsschrift, Jahrg. 1874 S. 297 fg.


42 Habakuk 1, 1-11. Ueber die Zeit dieses Propheten vergl. Monatsschrift das. S. 338 fg. V. 3 ןודמו ביר יהין אשי ist dunkel, eben so schwierig ist V. 9 םהינפ תמגמ המידק. V. 11 ist aber einfach zu verstehen. Statt חור hat Peschito וחור und zwar im Sinne von ϑυμός. Das Städtebezwingende Volk bleibt nicht bei einem Lande stehen, sondern geht immer, von seinem Geiste getrieben, weiter. [In den Emendationes schlägt der Vf. vor רובעיו חכ ףילחי זא [...wejaʽavor].] םשאו ist unhaltbar. Liest man dafür םשיו, so ist der Vers in Ordnung.


43 Das ist offenbar der Gedankengang Hab. 1, 12-17. – Es ist eine Art Gebet, daß der Prophet inmitten seines Gesichtes an Gott gerichtet hat, als ihm die Offenbarung von der Zerstörung der Chaldäer geworden, und daß diese die Gewalt als Gott verehren. Sol che Zwischengebete kommen bei Jeremia häufig vor, 4, 10; 14, 7 fg. besonders V. 11; 19 fg; 32, 16 fg. u.a. St. Bei Habakuk fehlt nur die Einleitung. Angedeutet ist aber das Zwischengebet in 2, 1-2. Freilich muß statt יתחכות לע בישא המו gelesen werden nach Peschito בישי המו, nämlich »was Gott erwidern wird auf meine Entgegnung«. Die angeführten Verse waren also eine החכות, eine Art Entgegnung. Der Kern derselben liegt in dem V. ונממ קידצ עשר עלבב שירחת םידגוב טיבת המל. Die םידגוב sind »die chaldäischen Eroberer«, wie 2, 5: »sie sollen verschlingen und vernichten einen Gerechteren, das Volk Juda's, von denen früher gesagt ist והלאל וחכ וז םשיו u. V. 16 רטקיו ומרחל חבזי ןכ לע והדמכמל, d.h. die Gewalt ist ihr Gott. Sie sind also schlimmer als das zu züchtigende Volk.


44 Habakuk K. 2. Es ist eine Antwort auf die Klage und Frage in Kap. 1. Der Kerngedanke ist in V. 4 ausgedrückt und zwar antithetisch. Leider versteht man nur den 2. Halbvers: היחי ותנומאב קידצו; im ersten dagegen erschwert das Wort הלפע das Verständniß. Die erste Strophe dieser Partie bezieht sich noch auf den Eroberer, das chaldäische Volk und dessen Führer, die םידגוב und ריהי דבג. Von V. 9 an ist die Rüge gegen Juda's König, also gegen Jojakim, gerichtet, zumal gegen seine ungerechten Bauten und seine Blutschuld. V. 13-14 scheinen an unrechter Stelle zu stehen. תוצק V. 9 steht vielleicht für תוקצ wie Jes. 7, 5 הנציקנו statt הנקיצנו.


45 Jeremia 17, 15.


46 Das. 5, 13 םהב ןיא רבדהו [wehadiber...] ist schwierig. רבד kann keine Nominalform sein. LXX haben dafür λόγος κυρίου.


47 Ezechiel 12, 22 fg.


48 Jeremia 18, 18 fg. 20, 10 fg.


49 Das. 20, 7-8.


50 Ps. 55. Hitzig hat mit Recht diesen Psalm Jeremia vindicirt. Man kann ihn aber nur verstehen, wenn man die Klage nach zwei Seiten hin auffaßt, gegen das eigene Leid und gegen das sittenlose Treiben in der Stadt. Zu V. 7 vergl. Jeremia 9, 1 f., und zu םנישל גלפ. V. 9 Jeremia das. V. 2 רקש םתשק םנושל. V. 12 אל für ול = אול wie öfter, dann giebt es einen eleganten Sinn. Sachlich ist zu diesem V. die Parallele Jeremia 20, 10: יעלצ ורמש ימלש שונא לכ.


51 Jeremia 20, 14 fg.


52 Folgt aus Jeremia 45, 3 fg. Wenn הירנ ןב הירש das 51, 59 Bruder Baruch's war, so gehörte dieser einer vornehmen Familie an.


53 Jeremia 8, 16.


54 Jeremia 7, 4 fg.


55 Das. 45, 4-5; vgl. Frankel-Graetz, Monatsschr. Ig. 1874, S. 298 fg.; 341 fg.


56 Jeremia 36. S. Frankel-Graetz, Monatsschrift a.a.O.


57 Folgt aus Jeremia 14, 18. Vgl. Monatsschrift das. S. 351.


58 Könige II, 24, 1 Vgl. uber das Datum Monatsschrift das. S. 305 fg.


59 Könige das. 24, 2. Vgl. darüber Monatsschr. a.a.O. S. 303. Uebrigens muß statt םרא wohl gelesen werden םודא [So auch Klostermann z. St.]. Vgl. Band I, S. 413.


60 Könige das. V. 5-8. Im Widerspruch mit der Relation hat Chronik II 36, 6 die Nachricht, daß Nebukadnezar Jojakim in Gefangenschaft nach Babylon geführt habe. Da aber Ezechiel nur von Jojachin's Gefangenschaft spricht, so ist diese Nachricht wohl nur als Tendenz anzusehen.


61 Jeremia 13, 19; vgl. weiter unten.


62 Jeremia 13, 1 fg. Aus V. 18 הריבגלו ךלמל רמא geht hervor, daß hier von Jojachin's Mutter die Rede ist, wie das. 29, 2, und folglich, daß diese Rede in die Zeit dieses Königs fällt; dann ist auch V. 19 verständlich; er spricht von der Einschließung der Städte des Südens, wie Lachisch, Libnah und anderer. – Unter תרפ V. 4 fg. kann unmöglich der Euphrat verstanden sein, weil Jeremia schwerlich diese weite Reise zweimal gemacht haben kann, und weil am Euphrat in der Nähe Babels keine Felsen sind. Es ist darunter תרפא, Bethlehem zu verstehen [Vgl. v. Orelli z. St. u. Buhl a.a.O. S. 99].


63 Das. 22, 24 fg. Nur dieses Stück gehört in Jojachin's Zeit; das vorangehende bezieht sich auf Jojakim.


64 Das. 14, 1-15 bezieht sich wohl auf die Belagerung unter Jojachin.


65 Das. 24, 1; 29, 1 fg. Könige II, 24, 11 fg


66 Vgl. Note 10.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1902, Band 2.1, S. 323.
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