12. Kapitel. Untergang des judäischen Reiches.

[323] Zedekia wird zum König eingesetzt. Sein Charakter. Nebukadnezar's Absicht. Die chaldäische Partei in Jerusalem. Lage des Landes Juda vor der Zerstörung. Jerusalem, eine schöne, volkreiche Stadt. Land- und Gartenbau und Bewässerung durch Kanäle. Handel in Jerusalem. Kunstfertigkeiten, Bauten, Volksschrift, Bildung. Stellung der Frauen. Das Loblied auf eine vollendet tugendhafte Frau. Verkehr der Geschlechter. Jerusalem, eine fröhliche Stadt. Spiel mit Hebesteinen. Die Spottsucht. Die Zersetzung. Land- und Stadtbevölkerung. Die Lebensweise der Könige von Juda. Die Adelsgeschlechter. Pläne zum Abfall von Nebukadnezar. Aegypten's Vorspiegelungen. Psammis, König von Aegypten. Aegyptische Partei in Jerusalem. Ithobal von Tyrus. Die verbannten Judäer in Babylonien. Die falschen Propheten in Jerusalem und Babylonien. Die Gesandten mehrerer Völkerschaften bei Zedekia. Nebukadnezar in Krieg verwickelt. Jeremia's Warnung, sich nicht in Umsturz einzulassen. Gesteigerter Haß gegen ihn. Abfall Zedekia's von Nebukadnezar. Zuversicht auf den Schutz der heiligen Stadt und des Tempels. Der Prophet Ezechiel. Der Krieg und die Belagerung Jerusalems. Sklavenbefreiung. Entsatz durch Aegypten. Jeremia's Leiden. Hungersnoth und Pest in Jerusalem. Die Eroberung desselben. Verfahren der chaldäischen Krieger und der Hilfsvölker. Die Gefangenen in Rama. Zerstörung Je rusalems und des Tempels. Die Klagelieder.


(596-586).

Den Thron David's ließ Nebukadnezar ebenfalls bestehen und setzte darauf Josia's jüngsten einundzwanzigjährigen Sohn Matthanja, der sich Zidkija (Zedekia) nannte1. Er war von mildem, unkriegerischem, lenksamem Charakter. Der babylonische Eroberer glaubte in dieser Eigenschaft die Bürgschaft zu haben, daß dieser ihm keine Schwierigkeiten machen würde. Um aber seiner Vasallentreue recht sicher zu sein, schloß Nebukadnezar mit ihm ein feierliches Bündniß und ließ ihn den Eid der Treue leisten2. Das Land Juda hatte für ihn eine besondere Bedeutung als Vormauer gegen Aegypten, dessen Eroberung ihn fort und fort beschäftigte. Er hatte auch deswegen die edlen Geschlechter und die Fürsten Juda's in die Verbannung geschickt, damit diese, trotzig und tollkühn, den König nicht zu kriegerischen Unternehmungen und zu einem Abfall von ihm hinreißen sollten. Juda[323] sollte einen kleinen, schwachen Staat bilden, der sich nur an ihn anlehnen und von ihm Kraft ziehen sollte3. Zurückgelassen hat Nebukadnezar von den Edlen nur diejenigen, von deren Anhänglichkeit er überzeugt war oder zu sein glaubte. Diese bildeten den Kern einer chaldäischen Partei, welche ebenfalls Bürgschaft für die Treue bot. An der Spitze derselben stand das Haus Schaphan, dessen Enkel Gedalja ein ausdauernder Parteigänger Nebukadnezar's wurde. Der Prophet Jeremia, wenn er auch nicht gerade chaldäischer Parteimann war, bot noch mehr Bürgschaft für das gute Einvernehmen mit Babylonien, da er wiederholentlich dessen Herrschaft über die Völker als eine göttliche Bestimmung verkündet hatte. Es war vorauszusehen, daß er in diesem Sinne noch weiter zum Volke sprechen werde. Nebukadnezar wünschte daher nicht bloß den Fortbestand, sondern auch das Gedeihen und die innere Erstarkung des judäischen Gemeinwesens. Er hatte infolgedessen die Festungswerke Jerusalems unangetastet gelassen und auch die festen Städte Lachisch, Aseka und andere bestehen lassen4. Nur sollte Juda sich nicht überheben, selbstständig sein zu wollen, sondern sich an ihn anlehnen. Es sollte, wie ein Prophet es bildlich bezeichnet, einem Weinstocke mit niederhängenden Ranken gleichen, der zwar wachsen, aber in geringer Höhe seine Zweige ihm zuwenden und seine Wurzeln unter dessen Boden haben sollte5.

Juda hätte in der That in bescheidener Haltung vielleicht noch auf längere Zeit fortbestehen können. Von den harten Schlägen hätte es sich schnell erholen können. So schmerzlich auch die Verbannung so vieler edler Familien, des Kernes der kriegerischen Macht und der Blüthe des Volkes für die Zurückgebliebenen war, so sehr auch die Hauptstadt und das Land in Folge der Unterjochung mit Trauer erfüllt waren, so rafften sie sich doch wunderbar rasch wieder auf und brachten es wieder zum Wohlstande. Sollte man es glauben, daß kurze Zeit, nachdem der Eroberer die Schätze des Tempels und des Palastes, und nachdem die nach Babel Verbannten ihre Habe in das Land des Exils mitgenommen hatten, ein solcher Reichthum in Jerusalem herrschte, daß Kinder in Purpur gekleidet und gegen Gold abgewogen wurden?6. Jerusalem galt bis zuletzt als eine volkreiche und schöne Stadt, und ihre Einwohner rühmten sie als »Krone der Schönheit«, die »Freude [324] des ganzen Landes, als Fürstin unter den Ländern«7. Ihre Lage auf mehreren Anhöhen, umgeben von schönen Thälern und von Bergkränzen8, war durch Prachtgebäude gehoben. Neben dem Palaste, welcher von Salomo erbaut und zuletzt noch von Jojakim erweitert und verschönert worden war (o. S. 309), gab es noch stattliche Gebäude der Großen, aus Cedern- oder Cypressen-Stämmen und aus großen Quadern erbaut9. Der Tempel, zu verschiedenen Zeiten ausgebessert und durch Vorhöfe erweitert, gewährte von seiner ringsum abgeschlossenen Höhe auf dem Hügel Morija einen erhebenden Anblick.

Woher hat das winzige Ländchen, das kaum vom Jordan bis zum Mittelmeer reichte, im Norden an der Stadt Geba und im Süden an Berseba seine Grenze hat, woher hat es so reiche Einnahmequellen bezogen, um dieses stattliche Ansehen zu behaupten? Oft genug hat es bedeutende Summen an den mit Zerstörung drohenden Feind liefern müssen. Denn wenn auch Jerusalems Mauern seit ihrer Aufrichtung nur ein einzigesmal von dem israelitischen König Joasch geschwächt wurden, so hat das Land doch durch fremde Eroberer, durch die assyrische, ägyptische und zuletzt noch durch die chaldäische Vasallenschaft, bedeutende Verluste erlitten, mußte öfter die angesammelten Schätze dem Feinde ausliefern. Es muß sich also stets wieder erholt und die Verluste ersetzt und verschmerzt haben. Der Boden war's, er enthielt solche unerschöpfliche Quellen des Reichthums. Die Phönicier, welche in allen Ländern Handelsverbindungen unterhielten, und die besten Erzeugnisse derselben um Tauschwaaren oder Geld an sich brachten, um sie in andere Länder zu befördern, sie bezogen Jahr aus Jahr ein von Juda eine große Menge vortrefflichen Weizens (Minnit-Weizen genannt), ferner Dattelhonig, Oel, Balsam und noch ein anderes werthvolles Produkt, Pannag, das die Sprachforschung noch nicht enträthselt hat10. Die Gärten, welche den kostbaren Balsam erzeugten, das Südende von Gilead jenseits des Jordan, waren zwar seit langer Zeit dem Könige von Juda entrissen, und die bedeutende Einnahmequelle davon war in andere Kanäle geleitet. Aber die sorgsame Pflege, welche die judäischen Ackerbauer den Getreidefeldern und die Gärtner den Fruchtbäumen zuwendeten, glich diesen Verlust wieder aus. Oel gab es in Menge, und das vortrefflichste hatte einen besonderen Namen. [325] Die Hügel vom Oelberge Jerusalems bis Hebron waren besonders für das Gedeihen von Oliven geeignet und erzeugten auch so viel Wein, daß davon an das Ausland abgegeben werden konnte. Die Berge waren noch bis an ihre Spitzen mit fruchtbarem Erdreich bedeckt und in Getreidefelder verwandelt. Es gab geübte Kunstgärtner (Khormim), welche die Zucht der Fruchtbäume, besonders der Olivenbäume und der Weinstöcke mit Sorgfalt betrieben. Auch Getreidefelder wurden mit Aufmerksamkeit, um einen größeren Ertrag zu erzielen, gepflegt11. Was dem Lande an Ausdehnung gebrach, ersetzten die Höhen. In wüsten Gegenden, welche der Regen nicht genug befruchtete, waren Wasserkanäle gezogen12. Diese Betriebsamkeit, welche dem Boden die Schätze ablockte, gewährte dem Volke immer neue Quellen des Reichthums. Auch eine Handelsblüthe im Großen scheint in Jerusalem eine Stätte gefunden zu haben. Die kleinen Völkerschaften im Süden und Osten Jerusalems bezogen ihren Bedarf an Natur- und Kunsterzeugnissen die ihr Land ihnen versagte, aus der judäischen Hauptstadt. Dieser Handel muß so bedeutend gewesen sein, daß Tyrus, dessen Geschäftsumfang durch die Lostrennung der großen Kolonie Karthago und anderer kleinerer Kolonien und durch die assyrische, ägyptische und babylonische Vasallenschaft gelitten hatte, auf Jerusalems Nebenbuhlerschaft eifersüchtig war13. Wahrscheinlich haben die dort angesiedelten Phönicier mit »ihren Silberbarren« den Anstoß zum Aufschwunge des Waarenumsatzes gegeben.

Gewisse Fertigkeiten und Künste waren in Juda bis in seine letzten Tage heimisch geworden. Der Festungsbau hatte eine nach damaliger Zeit erhöhte Vollkommenheit erreicht. Es gab eine Zunft der Mauerarbeiter (Masger), welche Befestigungswerke kunstgerecht und fachmännisch anzulegen verstanden. Sie errichteten die Mauern wagrecht zur Dauerhaftigkeit vermittelst des Bleiloths und der Meßschnur und bedienten sich dazu des Zirkels und des Winkelmaßes14. – Die [326] Bildhauerkunst hat in Juda, wie früher im Zehnstämmereich, aus Assyrien Eingang gefunden. Israelitische Metallgießer verfertigten, zum Hohn ihrer eigenen Lehre, Bildnisse in kunstgerechter Form in Lebensgröße oder in noch größerer Ausdehnung aus Silber oder Gold15. Die Häuser der Vornehmen waren mit Farben bemalt und der Estrich der Zimmer durch Mosaikarbeit (Maskhit)16 verschönert, durch Figuren aus bunten Steinen zusammengesetzt. Ein hoher Grad der Bildung war, wenn auch nicht in ganz Juda, so doch entschieden in der Hauptstadt verbreitet. Schreiben und Lesen verstanden die höheren und die niederen Klassen. Man schrieb in der Regel auf Rollen von zubereitetem Bast; war der Inhalt wichtig, so grub man ihn in Tafeln von Holz oder stichelte ihn in Stein. Es hatte sich bereits eine geläufige Volksschrift ausgebildet, neben einer andern, welche nur von besonders Kundigen verstanden wurde17.

Die hohe Bildung, welche in Jerusalem verbreitet war, prägte sich in ernsten und lustigen Gesängen, in Klageliedern und in Spruchweisheit aus. Die Propheten mit ihrer schwungvollen Beredtsamkeit, die Psalmisten mit ihren Hymnen und die Weisen mit ihren Kernsprüchen (o. S. 239), waren eine Bildungsschule für das Volk. Es war gewissermaßen von einer poetischen und rednerischen Atmosphäre umgeben. Die zugespitzten Wendungen und Feinheiten der Propheten waren für eine Zuhörerschaft berechnet, welche Verständniß dafür hatte. Die Stachelworte und höhnischen Reden18, deren sich die Propheten zu erwehren hatten, zeugen nicht minder für den hohen Werth, der in Jerusalem auf wohlgesetzte Rede gelegt wurde. Selbst Frauen verstanden es, aus dem Stegreife zu dichten. Zu Leichenbegängnissen vornehmer Personen wurden dichtende Frauen berufen, um Klagelieder anzustimmen19.

Die Frauen nahmen überhaupt an dem gesellschaftlichen Leben, an den guten und bösen Thaten Autheil. Sie waren es, welche zu [327] Zeiten die Männer beherrschten, um einem üppigen Leben zu fröhnen, die Männer der vornehmen Geschlechter zu Gewaltthätigkeit aufstachelten und zum Götzenthum anreizten20, und eine edle Frau bot dem Propheten Elisa behagliche Gastlichkeit in ihrem Hause an21. Das unter Josia aufgefundene Gesetzbuch enthält daher die Vorschrift, daß auch das weibliche Geschlecht der Vorlesung aus demselben beiwohnen und an der Belehrung Theil nehmen solle22. Die Spruchweisheit, welche den treuesten Abdruck des gesellschaftlichen Lebens des Volkes bildet, enthält so manche Sprüche von dem Glücke des Mannes, das ihm eine gute Frau, und von dessen Qual, die ihm eine böse Frau bereitet23. Diese Sprüche setzen sämmtlich voraus, daß jeder Mann nur eine einzige Frau im Hause hatte; daher genoß die Frau die Freiheit, sich an den gesellschaftlichen Vorgängen zu betheiligen.

Ein Dichter verherrlicht das Ideal einer vortrefflichen Frau, wie sie zugleich für den Gatten, die Kinder und das Haus sorgt, die Armen bedenkt, kunstvolle Gewebe anfertigt und anmuthsvolle Sprüche der Weisheit ihren Lippen entströmen läßt:


»Wer ein würdiges Weib fände,

Ihr Werth ist theurer denn Perlen.

Es vertraut auf sie des Gatten Herz,

Daß ihm Gewinn nicht fehle.

Sie vergilt ihm Gutes und nicht Böses

Alle Tage ihres Lebens.

Sie wirkt Wolle und Flachs

Und arbeitet Nützliches mit ihren Händen.

Sie stand vor Tagesgrauen auf,

Gab Speise ihrem Hause

Und Tagwerk ihren Sklavinnen.

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Ihre Hand streckt sie zum Spinnrocken

Und ihr Gelenke hielt die Spindel,

Ihre Rechte streckte sie dem Armen entgegen

Und ihre Linke dem Dulder.

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Teppiche machte sie für sich,

Byssus und Purpur ihr Gewand.

Wohlbekannt ist im Rath ihr Mann,

Wenn er saß mit des Landes Alten.

Feines Gewebe hat sie bereitet und verkauft,

Und Gürtel gab sie dem Phönicier.

Kraft und Würde war ihr Gewand,

[328] Und sie lachte dem künftigen Tag entgegen.

Ihren Mund that sie mit Weisheit auf

Und anmuthige Lehre auf ihrer Zunge.

Sie überwachte die Dienerinnen ihres Hauses,

Daß sie Brod der Trägheit nicht essen.

Ihre Söhne traten auf, sie zu preisen,

Ihr. Gatte, sie zu rühmen.

›Viele Töchter haben Tugend geübt,

Aber Du hast sie alle übertroffen.

Trügerisch die Anmuth, eitel die Schönheit,

Eine gottesfürchtige Frau soll gerühmt werden.

Gebet ihr von ihrer Hände Frucht,

Und preisen sollen sie in der Stadt ihre Thaten«24.


Es ist wohl das erste Frauenlob aus dem Munde eines Dichters. Mag das von diesem entworfene Bild auch nur ein erdichtetes Ideal gewesen sein, so kann doch die Stellung der Frauen in dem judäischen Volke nicht niedrig gewesen sein, wenn ein solches Ideal weiblicher Vollkommenheit auch nur ausgedacht werden konnte.

Der Verkehr der beiden Geschlechter mit einander war überhaupt in Juda nicht verpönt. Jünglinge und Mädchen bewegten sich in lustigen Tänzen, begleitet von der Handpauke, besonders bei Hochzeiten und zur Zeit der Weinlese, wobei helles Lachen und fröhliche Gesänge nicht fehlten25. Jerusalem war über haupt eine lustige, lebensheitere Stadt26. Jünglinge kamen im Weinhause zusammen, bildeten eine Art Zecherzunft, sangen zur Harfe helle Lieder und spotteten des Tages27.

Unter den judäischen Jünglingen gab es eine Art Spiel, um ihre Kraft im Heben schwerer, runder Steine zu erproben. Es herrschte ein Wetteifer unter ihnen, wer solche Hebesteine am höchsten aufheben könnte28. Die »Rathsversammlung« lustiger, spöttischer Jünglinge verbreitete spitzige Stachelreden gegen die Propheten und deren düstere Verkündigung. Solche scheinbar treffende Sprüche und Stachelreden flogen von Mund zu Mund, machten dann die Runde durch die Bevölkerung [329] und reizten die Propheten zur Entgegnung. Trotz seiner räumlichen Winzigkeit und seiner politischen Abhängigkeit hätte sich also das judäische Gemeinwesen vermöge seiner inneren Kraft behaupten und Bestand haben können, wenn nicht in seiner Bevölkerung eine Zersetzung vor sich gegangen wäre, die bevorzugte Klasse nicht zu anspruchsvoll und unruhig gewesen wäre und die Kraft des Ländchens nicht überschätzt hätte.

Sobald ein Volk zur Stufe gelangt ist, die Dinge und Vorgänge nicht mehr mit unsicherem Tastgefühl, sondern mit geschärften Sinnen zu beurtheilen, und sobald die bereicherte Erfahrung und die höhere Erkenntniß seinen Blick über die Spanne der Gegenwart hinaus erweitert haben, geht innerhalb desselben eine Scheidung vor sich, in einen gebildeten Stand und eine rohe Volksmasse. Diese haben nur Sprache und Gewohnheiten gemeinsam, allenfalls auch das Nationalitätsgefühl gemeinsamer Abstammung, Zusammengehörigkeit und Erinnerungen, wenn dieses auch in der Masse nur nebelhaft und dunkel dämmert. In Gedankengang, Anschauung und Willensrichtung dagegen gehen die zwei Klassen so auseinander, als wenn sie verschiedenen Volksstämmen angehörten. So war es auch im judäischen Reiche. Die gebildete Volksklasse, welche in der Hauptstadt vertreten war, war durch die politischen und geistigen Vorgänge geweckt und gewitzigt und der Bevölkerung weit überlegen, welche zumeist in den Dörfern und kleineren Städten ihr Leben zubrachte, sich Jahr aus, Jahr ein mit Ackerbau und Viehzucht beschäftigte und daher unwissend und einfältig blieb29. Die hauptstädtische gebildete Volksklasse litt aber an Ueberfeinerung und Vorwitz30. Mit einem stolzen Hochgefühl pochte sie auf ihre Weisheit und glaubte der Belehrung entrathen zu können. »Wir sind selbst weise«, sprachen sie, »und Gottes Lehre ist bei uns«31. Diesen mußte der Prophet Jeremia zurufen, um das Pochen auf ihre Unfehlbarkeit zu dämpfen: »Es rühme sich der Weise nicht seiner Weisheit, der Tapfere nicht seiner Tapferkeit, der Reiche nicht seines Reichthums«32. Es scheint selbst in Folge des Abstandes eine Art Feindseligkeit der Landbevölkerung gegen die Bewohner der Hauptstadt geherrscht zu haben33, weil diese mit Stolz auf jene herabblickten und sie ihre Ueberlegenheit empfinden ließ. Die alte Antipathie zwischen Juda und Benjamin regte sich wieder unter einer andern Form. [330] Denn die Benjaminiten waren meistens Städter, die Judäer dagegen größtentheils Landbewohner. Die Fürsten Jerusalems waren meistens Benjaminiten34. Die Hauptstädter, welche durch Vermögen und Adelsabkunft einen hervorragenden Rang einnahmen, besaßen eine gewisse Glätte der Sprache und Feinheit der Bewegung. Sie verstanden es, durch Redegewandtheit, Ueberredung und gewinnende Manieren ebensoviel durchzusetzen wie durch Gewalt; sie verstanden es, die Menge auf ihre Seite zu ziehen, sich Anhang zu verschaffen und ihre Pläne durchzuführen. Diese Redegewandtheit gab ihnen eine Ueberlegenheit und vermehrte ihr Ansehen und ihre Macht. Sie konnten sich rühmen: »Mit unserer Zunge sind wir mächtig, unsere Sprache ist bei uns: wer ist uns Herr?«35. Diese Sprachglätte und Ueberredungskunst erschien selbstverständlich der ländlichen Einfalt und Biederkeit als Heuchelei, Gleißnerei und Verlogenheit. Daher die gegenseitige Abneigung trotz der Stammesverwandtschaft und staatlichen Zusammengehörigkeit.

Die hauptstädtischen Adelsgeschlechter beherrschten nicht nur das Volk sondern auch den Hof. Die Könige galten wenig, seitdem sie, in Nachahmung der Sitten der Sardanapale in ihren Palästen unter ihre Weiber zurückgezogen, die Zeit mit Nichtigkeiten zubrachten. Hier waren sie unnahbar. Nur die nächsten Verwandten und die vertrauten Günstlinge genossen das Vorrecht, den König besuchen zu dürfen36.

Die Könige umgaben sich mit Verschnittenen und mit schwarzen Aethiopiern, welche den Zugang zum Palaste überwachten37. Während die Männer des Volkes in Gesittung vorangeschritten waren und nur mit einer einzigen Frau in der Ehe leben, unterhielten die Könige einen Harem mit vielen Weibern38. Je mehr sie sich mit Pomp und Ceremoniell umgaben und an Befriedigung ihrer Laune in kleinen Dingen Genüge fanden, desto weniger waren sie im Stande, ihren Willen in wichtigen Staatsangelegenheiten geltend zu machen. Die judäischen Könige scheinen in der letzten Zeit sogar auf das Hoheitsrecht der Gerichtsbarkeit verzichtet und sie dem Hofe oder den Prinzen [331] überlassen zu haben39. Aber auch die Prinzen waren verweichlicht, und pflegten ihre Person, um ihre Schönheit zu erhalten40. Auch legten sie mehr Werth auf Prunk und Schaustellung als auf die Leitung des Gemeinwesens und noch weniger auf Kräftigung des Volkes und Landes.

So waren es denn einzig und allein die judäischen und benjaminitischen Adelsgeschlechter Jerusalems, welche in Wirklichkeit die Macht in Händen hatten. Genannt werden aus der letzten Zeit des judäischen Reiches Sephatja, Sohn Matthan's, ferner Gedalja, Sohn Paschhur's, Jehukhal, Sohn Schelemja's und endlich Paschchur, Sohn Malkija's41. Zwei andere Fürsten Jaasanjah, Sohn Azur's und Pelatja, Sohn Benajahu's, welche sich offen von der ureigenen Gottesverehrung losgesagt, dem Tempel den Rücken gekehrt und ihre Anbetung nach assyrisch-babylonischer Weise der Sonne zugewendet hatten, gehörten ebenfalls zu den einflußreichen Rathgebern und hatten einen starken Anhang42.

Diese und Andere gaben in wichtigen Angelegenheiten Anregung und Anstoß. Sie konnten ihr Uebergewicht um so eher geltend machen, als der König Zedekia von einer unköniglichen Schwäche und Mattherzigkeit beherrscht war und nicht einmal wagte, ihnen zu widersprechen43. Er hatte guten Willen, scheint das Götzenthum nicht besonders bevorzugt, die sittliche Verwilderung, wenn er Kunde davon hatte, beklagt und den Propheten Gehör geschenkt zu haben. Aber er besaß nicht die Kraft, dem Adel und seinem Treiben entgegenzutreten. Zedekia mag die Absicht gehabt haben, das seinem Lehnsherrn Nebukadnezar gegebene und beschworene Versprechen der Treue zu halten: allein er besaß nicht Willensstärke genug, seinen Entschluß zu behaupten. Hinter seinem Rücken sind Verschwörungspläne geschmiedet worden, die [332] er in der Abgeschiedenheit seines Palastes weder rechtzeitig erkannte, noch, wenn er sie erkannte, zu hintertreiben vermochte. Diese Schwäche auf Seiten des Königs und die Tollkühnheit auf Seiten des Adels führten das judäische Gemeinwesen dem Untergange entgegen. In der ersten Zeit nach der Verbannung des Königs Jojachin und der Tausende alter Geschlechter haben wohl der Schrecken und die Furcht vor der Gewalt der Chaldäer, die Juda erfahren hatte, einen ernsten Gedanken an Auflehnung gegen die Vasallenschaft nicht aufkommen lassen. Man schickte sich in das Unvermeidliche. War man ja seit Jofia's Tode gewohnt, das Joch der Fremdherrschaft zu ertragen. Es ist daher in den ersten drei oder vier Jahren der Regierung Zedekia's nichts an der alten Ordnung oder Unordnung geändert worden. Das Götzenthum, die Ungerechtigkeit, der Druck der Reichen auf die Armen, alles blieb bestehen, wie unter Jojakim. Nur die Verfolgung gegen die Partei der Propheten hatte aufgehört, weil Zedekia milder als sein Halbbruder Jojakim keine Gewaltthat anwenden ließ und im tiefsten Innern Vertrauen zu Jeremia's Prophezeiungen hatte. Dieser aber hörte nicht auf zu ermahnen, daß man sich mit der chaldäischen Vasallenschaft aussöhne und, um fortbestehen zu können, keine Aufstandspläne mache.

Aber die Machthaber zogen die Unruhe vor, ließen sich in thörichte Verschwörungen ein und rissen allmählich den König und das Volk in den Abgrund. Sie waren von einem rasenden Taumel ergriffen. Von mehreren Seiten suchte man durch falsche Vorspiegelungen zur Auflehnung gegen Nebukadnezar zu bewegen. Zunächst war es Aegypten, das, falsch und trügerisch, immer aufstachelte, immer glänzende Versprechungen der Bundesgenossenschaft machte, aber selten Wort hielt. Es war für Juda, wie ein Prophet es so treffend bezeichnete, ein zerbrochenes Rohr, das, wenn man es in die Hand faßt, geknickt wird und mit dem Splitter die Hand verwundet, und wenn man sich darauf stützt, zusammenbricht und zum Falle bringt44. Damals regierte in Aegypten Psammis (oder Psammetich II.), Necho's Sohn (595-590). Da er Siege über die Aethiopier errungen und die Grenze Aegyptens nach Süden ausgedehnt hatte45, so mag er sich mit dem kühnen Plan getragen haben, die Herrschaft seines Vaters über die Euphratländer fortsetzen zu können. Dazu brauchte er die Mithülfe der Nachbarländer und auch Juda's. Er stellte daher Zedekia Rosse für die Reiterei und ein Hülfsheer in Aussicht, wenn er sich von Nebukadnezar lossagen [333] würde46. In Folge dessen bildete sich in Jerusalem unter dem Adel eine ägyptische Partei, welche auf Abfall von Babylonien lossteuerte. Freilich offen durfte sie ihre Hinneigung zu Aegypten nicht bethätigen. So bekundete sie sie durch Annahme des ägyptischen Thierkultus. Heimlich ließ Jaasanjahn, Sohn Schaphan's, mit siebzig Mann in einem Vorhofe des Tempels in einigen mit Mosaik ausgelegten Prachtgemächern an die Wände Bildnisse von in Aegypten verehrten Thieren eingraben und brachte ihnen Weihrauch dar. Auch Ahroniden waren unter diesen entarteten und ränkeschmiedenden Parteigängern47.

Von der andern Seite drängte auch der König Ithobal von Tyrus Juda und die Nachbarländer zu einem Kriege gegen Nebukadnezar. Dieser Großkönig belagerte noch immer Insel-Tyrus, wohin sich der König und die Blüthe des Volkes mit ihren Schätzen aus aller Welt Enden geflüchtet hatten. Er bedrängte es so sehr, daß es, von der Landseite völlig abgeschnitten, von Cypern aus mit Mundvorrath und Waffen versorgt werden mußte. Eine kriegerische Verwickelung gegen Nebukadnezar wäre daher Ithobal sehr erwünscht gewesen; sie würde jenen gezwungen haben, das Belagerungsheer von Insel-Tyrus abzuziehen oder doch zu vermindern. Daher entwickelte er den größten Eifer, Juda zum Abfall von Babel zu bewegen. Die Könige von Edom, Moab und Ammon waren bereits für den Plan gewonnen. Es galt also, auch den König Zedekia zu einem gegenbabylonischen Bündniß zu bewegen48. Noch von einer dritten Seite wurde Juda zum Abfall von Babylonien gedrängt: von den verbannten Judäern in diesem Lande, welche vermittelst Briefen und Boten mit dem Mutterlande in lebendigem Verkehr standen. Sie stachelten zum Kriege, weil sie die nebelhafte Hoffnung hegten, daß Nebukadnezar's Heer eine Niederlage erleiden und sie auf die eine oder andere Weise ihre Freiheit erlangen und in die Heimath zurückkehren würden. Die judäischen Adligen in der Fremde intriguirten gleichzeitig gegen Zedekia; denn in ihrem träumerischen Plane lag auch der Gedanke, den entthronten König Jojachin anstatt Zedekia's einzusetzen49. Man weiß nicht, von [334] wem das Stichwort ausgegangen ist, aber so wie es ausgegeben war, sprachen die falschen Propheten und die Traumdeuter im Cher wie auf Bestellung auf den Plätzen Jerusalems und des Tempels: »Ihr werdet nicht mehr dem König von Babel unterthänig sein, die heiligen Geräthe aus dem Tempel werden nach Jerusalem zurückwandern«50. Unter den babylonischen Exulanten griff die Raserei ebenfalls um sich, auch unter ihnen erhoben sich sogenannte Propheten, welche die Rückkehr der Exulanten und Freiheit, Frieden und Glück für Jerusalem verkündeten51. Sie thaten dieses gewissermaßen unter den Augen Nebukadnezar's. Drei solcher Propheten sind namhaft gemacht: Achab, Sohn Kolaja's, Zedekia, Sohn Maaßeja's und Schemaja, der Nechlami; von den beiden Ersteren erzählte man sich, daß sie mit Eheweibern Unzucht getrieben hätten52. Schemaja war ein Vorläufer jener Geistesmörder, welche für sich die Redefreiheit in Anspruch nahmen, gegen Andersgesinnte aber so unduldsam waren, daß sie solche durch Kerker und Tod stumm gemacht wissen wollten53.

Im vierten Jahre seit der Regierung Zedekia's (593) trafen zu gleicher Zeit Gesandte der Länder, welche Zedekia zum Wort- und Treubruch gegen Nebukadnezar drängen wollten, in Jerusalem ein, von Edom, Moab, Ammon, von Tyrus und Sidon; sie boten ihre Redekünste auf und machten Versprechungen und Pläne, um den wankelmüthigen König zur Entscheidung zu bewegen54. Juda hätte stolz darauf sein können, daß es so sehr aufgesucht und umworben wurde; es hätte sich als Mittelpunkt betrachten können, von dem aus der Gang der [335] politischen Ereignisse bestimmt werden sollte. Welche Antwort Zedekia den Gesandten ertheilt hat, ist nicht bekannt geworden. Bei seinem schwächlichen Charakter konnte er sicherlich zu keinem Entschlusse kommen. Auf der einen Seite lächelte ihm die Hoffnung auf Unabhängigkeit, und auf der andern grinste ihn die Furcht vor den Folgen an, denen er sich aussetzte, wenn er den Zorn des mächtigen Königs von Babylon gegen sich reizen sollte. Aber die Fürften Juda's, die sich in hochfliegende Träume wiegten, haben gewiß den Gesandten die befriedigende Zusicherung gemacht, daß sie den schwachen König für ein gemeinsames Bündniß gegen Nebukadnezar gewinnen oder dazu drängen würden.

Was gab aber den winzigen Königen von Edom, Moab und Ammon, die Nebukadnezar mit einem Fußtritte hätte zermalmen können, den Muth, so offen gegen ihn Ränke zu schmieden, und dem König Zedekia und seinen Räthen, die Gesandten dieser Könige zu empfangen und mit ihnen die Möglichkeit einer feindlichen Haltung in's Auge zu fassen und zu besprechen? Was gab gar den babylonischen Verbannten die Kühnheit, gewissermaßen unter Nebukadnezar's Augen Widerstand gegen ihn zu predigen und den Verfall seiner Macht zu verkünden? Worauf stützte sich ihre eitle Hoffnung? Es scheint, daß Nebukadnezar, während ein Theil seines Heeres bei der Belagerung von Insel-Tyrus beschäftigt war, einen ernstlichen Krieg gegen die Elamiter zu führen hatte. Diefes Volk, welches als außerordentlich kriegerisch und geschickt in der Handhabung der Waffen geschildert wird, war zwar nach der Theilung des assyrischen Reiches unter Medien und Babylonien dem letzteren zugefallen. Aber die Herrschaft über dasselbe war nur Schein; ernstlich unterjocht konnte es nicht werden. Es kämpfte stets für seine wilde Freiheit und setzte jedem noch so mächtigen Eroberer hartnäckigen Widerstand entgegen. Um diese Freiheit zu bezwingen, scheint Nebukadnezar in dieser Zeit Krieg gegen Elam (Elymais) geführt, vielleicht auch eine kleine Niederlage erlitten zu haben55. Zudem war der [336] mächtige König Kyaxares von Medien, dessen Tochter Nebukadnezar heimgeführt hatte, gestorben (594 oder 593). Mit seinem Nachfolger Astyages stand der babylonische König nicht mehr auf freundschaftlichem Fuße. Ja, er fürchtete den Einfall der Meder in sein Land und hat wahrscheinlich die meilenlange Mauer von hundert Fuß Höhe und zwanzig Fuß Dicke zwischen dem Euphrat und Tigris, die sogenannte medische Mauer, aufführen lassen, um einen feindlichen Angriff von Medien fernzuhalten56. Diese verwickelte Lage, in der sich Nebukadnezar im zwölften Jahr seiner Regierung befand, gab den kleinen Königen den Muth zu Intriguen, den judäischen Verbannten in Babylonien die Tollkühnheit, von ihrer baldigen Befreiung zu sprechen, und den Machthabern in Jerusalem, welche von allen Vorgängen durch eben diese Verbannten unterrichtet waren, die Zuversicht, das Joch Babels zu brechen, und endlich mit den Propheten und Zauberern den Wahnwitz auszurufen: »Binnen Kurzem wird die Knechtschaft Juda's aufhören.«

Dieser betäubenden Raserei trat Jeremia entgegen, und es gehörte nicht geringer Muth dazu. Seinem prophetischen Geiste war es klar, daß Nebukadnezar berufen sei, seine Siegeslaufbahn unaufhaltsam zu durcheilen und viele Völker seinem Scepter zu unterwerfen. Er warnte daher den König Zedekia, das Volk und die Priester, sich nicht schmeichlerischen Täuschungen zu überlassen, sondern sich in die babylonische Unterthanenschaft zu fügen, sonst würden sie von dem mächtigen Eroberer zermalmt werden. Um seinen Worten Nachdruck zu geben, legte er sich ein Joch von Holz auf den Nacken, begab sich zu den Gesandten der fremden Länder und bedeutete ihnen im Namen Gottes: daß er, der die Erde und ihre Fülle geschaffen, sie dem zuwenden werde, der von ihm berufen sei, und daß er Nebukadnezar kräftigen werde, alle diese Länder sich zu unterwerfen. Sie sollten daher freiwillig ihren Hals unter sein Joch beugen, sonst würden sie durch Krieg, Hunger und Pest heimgesucht werden. Dem judäischen Volke verkündete er mit voller Zuversicht: weit entfernt, daß sich seine Hoffnung auf Wiedererstattung der nach Babel geführten Gefäße des Tempels erfüllen werde, werde es auch die zurückgebliebenen Zierden des Tempels, die Säulen, das eherne Meer und die Wasserwagen dorthin wandern [337] sehen57. Während er zum Volke mit dem Joch auf dem Halse so sprach, näherte sich einer der gegnerischen Propheten Anania (Chananja), Sohn Azur's aus Gibeon, zerbrach das Joch und sprach ebenfalls im Namen Gottes: »Innerhalb zweier Jahre wird das Joch Nebukadnezar's von den Völkern zerbrochen, und Jojachin und sämmtliche Verbannte werde ich hierher zurückführen«. Jeremia selbst war von der Plötzlichkeit des Auftrittes im ersten Augenblick betreten und sprach: »Amen! möge Gott deine Worte erfüllen«. Gleich darauf wurde es seinem Geiste offenbart, daß er sprechen möge: Statt des Joches von Holz wird Nebukadnezar ein Joch von Eisen auf den Nacken aller der Völker legen, welche ihm Widerstand entgegensetzen würden. Dem Anania verkündete er baldigen Untergang, weil er durch falsche Vorspiegelung im Namen Gottes das Volk verführen wollte. Er soll kaum zwei Monate darauf vom Tode hingerafft worden sein58.

Jeremia erachtete es auch als seinen Prophetenberuf, die bethörten Verbannten in Babylon zu warnen. Er richtete ein Sendschreiben an sie des Inhalts: »Bauet Häuser und bewohnt sie, pflanzet Weinberge und genießet die Früchte, nehmet Frauen und erzeuget Söhne und Töchter, führt für eure Söhne Frauen heim und verheirathet eure Töchter in der Fremde; kümmert euch um das Wohl der Stadt, wohin ihr verbannt seid, denn mit ihrem Wohlergehen ist das eure verbunden. Lasset euch von euren Propheten und Gauklern nicht verführen; denn erst nach siebzig Jahren werde ich euch nach Juda zurückführen«59. Den falschen Propheten, Achab und Zedekia, verkündete er, daß der König von Babylon sie dem Feuertode übergeben, und daß ihre Namen zum Fluche im Kreise der Verbannten dienen würden60. Das Sendschreiben übergab Jeremiaden zwei Gesandten, welche der König Zedekia an Nebukadnezar, wahrscheinlich mit Huldigungsgeschenken, beordert hatte. Er scheint es doch für dringend gehalten zu haben, dem König von Babylon zu erkennen zu geben, daß er ihm Vasallentreue bewahre und dem Bündniß verschiedener Fürsten gegen seine Herrschaft nicht beigetreten sei. Waren es Jeremia's Feuerworte, die Zedekia zurückgehalten haben, sich in die Gefahr zu stürzen? Oder hatten die Räthe die Lage bedenklich gefunden, weil ein unerwartetes Ereigniß eingetreten war? Genug, Zedekia blieb noch seinem Eide getreu, und Juda genoß noch etwa zwei Jahre (593-591) [338] leidliche Ruhe. Aber die auf eine Veränderung der Lage gerechnet hatten, waren unzufrieden und ließen Jeremia ihre Enttäuschung entgelten, als wenn sein Einschreiten den Frieden erhalten hätte. Höhnisch fragten sie ihn öfters: »Was ist's mit dem Drohworte Ihwh's?« Mit einem Wortspiel antwortete er ihnen: »Das Drohwort ist: ›ich werde euch aufgeben und verstoßen61‹. Von den Verbannten in Babylonien wurde ebenfalls gegen Jeremia gewühlt. Einer der dortigen Volksverführer Schemaja, der Nachlemi (o. S. 335), klagte ihn mittelst eines Sendschreibens an, daß er verrätherisch gehandelt habe, indem er die Exulanten ermahnt habe, sich in Babylonien dauernd anzusiedeln. Schemaja machte ferner dem Priester zweiter Ordnung Zephanja (o. S. 288), dem Aufseher über den Tempel, bittere Vorwürfe, daß er so nachsichtig gegen den Propheten sei; seine Pflicht wäre es gewesen, gegen Jeremia, so wie gegen sämmtliche Propheten seiner Gesinnung, die sich wahnsinnig geberdeten, streng zu verfahren, sie in Gewahrsam zu bringen, vielleicht gar zu foltern62. Die Ränkeschmiede unter den Verbannten wünschten nichts sehnlicher als den Bruch Juda's mit Nebukadnezar und hätten die Stimme verstummen machen mögen, welche auf das Wahnsinnige dieses Planes laut aufmerksam machte. Und mit den Schwindelköpfen in Babel stimmten auf's schönste die in Jerusalem überein. Die falschen Propheten riefen stets: »Ich habe geträumt«, und erzählten ihre Träume einander von dem großen Heil, das Juda bevorstehe, wenn es Babel's Joch abzuschütteln wagen werde. In diesem betäubenden Lärm wurde Jeremia's Stimme immer weniger vernommen. Er konnte nur noch in Klagen ausbrechen: »Wegen der Propheten ist mein Herz mir im Innern gebrochen, mein ganzes Wesen löst sich auf, ich bin wie ein Trunkener geworden, wie ein Mann, den der Wein gefüllt«63.

Diesen verwirrenden Stimmen von innen, dem Drängen von außen, von Aegypten und den. Nachbarländern, und dem Ungestüm [339] der ehrgeizigen Großen Juda's konnte Zedekia's Schwäche nicht Stand halten. Er ließ sich vom Strudel fortreißen, versagte Nebukadnezar den Tribut und löste damit, uneingedenk seines Eides, das Vasallenverhältniß Juda's (59164).

So war denn das Los geworfen, welches über die ganze Zukunft des judäischen Volkes entscheiden sollte. Man kann, wenn man gerecht sein will, nicht dem Hofe oder der ägyptischen kriegslustigen Partei allein die Schuld an diesem wahnsinnigen Schritt aufbürden. Der Taumelgeist hatte zuletzt den größten Theil des Volkes, wenigstens in der Hauptstadt, ergriffen. Jeremia stand mit seinen düstern Ahnungen und Prophezeiungen für den Ausgang dieses Schrittes so ziemlich vereinzelt. Denn selbst seine Gesinnungsgenossen, die treuen Anhänger Ihwh's, lebten in der kaum glaublichen Zuversicht, daß Jerusalem, die Stadt Gottes, und der Tempel, die heilige Burg, nicht untergehen könne, daß der Feind mit einer noch so zahlreichen Heeresmacht ihnen nicht werde beikommen können. Selbst die Nachbarländer scheinen Jerusalem gegen Kriegsunglück und Zerstörung für gefeit gehalten zu haben. »Alle Könige der Erde und Bewohner des Erdkreises glaubten nicht daran, daß ein Widersacher und Feind in Jerusalem's Thore eindringen werde«65. Die judäische Hauptstadt war seit ihrem fünfhundertjährigen Bestande, wenn auch hin und wieder von Schischak und von Joasch eingenommen, doch stets verschont geblieben; diese Thatsache mochte als ein Zeichen für ihre Unverletzlichkeit angesehen worden sein. Zudem hatten mehrere Propheten sie als eine heilige Asylstadt gepriesen, welche ihre frommen Bewohner schützend und schirmend unter ihren mütterlichen Flügeln vor jedem Leid bergen werde66. Der Prophet Joël, welcher einen furchtbaren Tag des Herrn für die Sünder und Frevler angekündigt, hatte verheißen, daß Jerusalem »eine Zuflucht sein werde für den Ueberrest, den der Herr berufen werde«67. Auch Jesaia hatte dieselbe Verheißung gebracht, daß, wenn Gott auch den Sündenpfuhl Jerusalem's mit Strenge läutern werde, [340] so werde doch der Rest, der in Zion zurückbleiben wird, zum Leben aufgezeichnet werden68. Noch entschiedener hatte zuletzt Zephania die Unverwüstlichkeit des heiligen Berges für den Ueberrest Israels betont, allerdings »den Ueberrest von Sanftmüthigen und Armen, welche nicht Unrecht thun und nicht Lügen sprechen, auf deren Zunge sich nicht Trug finden wird«69.

Diese Zuversicht, daß Jerusalem gerade in der Zeit der gegenseitigen Rüstung Aegyptens und Babels zur Behauptung der Weltherrschaft eine rettende Zufluchtsstätte sein werde, hatte ein Psalmist von den Korachiden zur Tröstung und Ermuthigung betont, und zwar nicht bloß für die Frommen, sondern für alle, alle, welche in der heiligen Stadt geboren sein werden:


»Der Berg Zion wird nimmer wanken,

Sein Grund ruht auf heiligen Bergen.

Der Herr liebt Zion's Pforten mehr als alle Stätten Jakob's.

Rühmliches wird von dir erzählt, Gottesstadt.

Soll ich etwa Aegypten und Babel meinen Freunden rühmen?

Sieh' da, Philistäa, Tyrus und das Aethiopier-Volk,

Dieser ist dort geboren?

Aber von Zion wird gesprochen werden:

Mann für Mann, die in ihr geboren,

Und er hat es hoch errichtet.

Der Herr wird beim Aufzeichnen der Stämme zählen:

›Dieser ist dort geboren‹!

Und es singen wie Tänzer alle meine Gebeugten in dir«70.


Kein Wunder, wenn selbst Sänger von der Prophetenpartei die Unbezwingbarkeit und Schutzfähigkeit Jerusalems so volltönend und zuversichtlich verkündet haben, daß die Kriegspartei des besten Muthes war: der Abfall von Nebukadnezar werde ihr keinen Schaden bringen. Jaasanjah, Pelatja und andere Fürsten des Volkes, welche zum Abfall gedrängt hatten, sprachen zuversichtlich und derb: »Nicht so bald! Nur Häuser bauen! Wir sind der Topf und sie (die Hauptstadt) das Fleisch« (das davon nicht gesondert werden kann71). Gewiß haben die Machthaber es nicht an Vorkehrungen fehlen lassen, die Mauern [341] Jerusalems widerstandsfähig zu machen, Kriegsmittel anzuschaffen und es mit dem nöthigen Bedarf zu versehen – und in der That hat es den heftigen Angriffen des Feindes achtzehn Monate widerstehen können. Aber das hauptsächlichste Vertrauen setzten die Einwohner auf die unerklärliche, geistige Widerstandskraft der Stadt, auf eine wunderbare Errettung. Die Rollen hatten gewechselt. Zu Jesaia's Zeit, bei der Belagerung Sancherib's, war es der Prophet, welcher das Volk auf den geistigen Schutz gewiesen hat, und dieses hatte wenig Vertrauen darauf. In dem letzten Kampfe dagegen zerstörte ein anderer Prophet den Wahn, als könnte das Volk durch den Tempel geborgen werden72. Aber Jeremia's Stimme wurde während der Zurüstungen zum Kriege noch weniger gehört. Der Erfolg schien die Verheißungen der Afterpropheten und Glücksverkünder zu bestätigen. Nebukadnezar sandte nicht sofort sein Heer, um den Wortbruch Zedekia's und den Abfall Juda's zu züchtigen und Jerusalem zu zermalmen. Er ließ mehr als ein Jahr vergehen, ehe er den Kriegszug antrat und dann wieder mehr als ein Jahr, ehe er seinen Angriff auf Jerusalem eröffnete73.

Was mag der Grund dieser Zögerung gewesen sein? Gewisses ist darüber nichts überliefert worden; indessen ist es wahrscheinlich, daß Juda nicht allein gestanden hat, sondern daß die Nachbarvölker, welche Gesandte nach Jerusalem abgeordnet hatten74, in ein Bündniß mit Juda gegen Nebukadnezar getreten sind. Baalis, der König von Ammon, hatte entschieden eine feindliche Stellung gegen Babel eingenommen75. Tyrus, das ohne Zweifel diesem Bündnisse angehört, wenn es nicht dasselbe angeregt hat, konnte zwar nicht viel leisten, da seine Hauptinsel noch immer belagert war, aber es hat wohl den Verbündeten Gelder für die Kriegsbedürfnisse geliefert. Die Idumäer und Philister hatten gewiß auch gemeinschaftliche Sache mit Juda gemacht76. Vor Allem war es Aegypten, welches Juda und die [342] Nachbarvölker zu feindlicher Haltung gegen Babel ermuthigte und ihnen Beistand versprach. Auf Psammetich II. war sein Sohn Apries (Hofra, Chophra, Uaphris) gefolgt, welcher ein unternehmender König war und lange regierte (590-571). Er versprach nicht nur dem König Zedekia Hülfstruppen und Rosse, sondern zog auch einmal mit einem großen Heere aus, um die Chaldäer aus Juda zu verdrängen77. An Apries hatte sich Zedekia eng angeschlossen und sein ganzes Vertrauen auf ihn gesetzt. Unter diesen Umständen, bei einer solchen feindlichen Verbindung der Völker vom Libanon bis zur Grenze Aegyptens diesseits und jenseits des Jordan, hat es ohne Zweifel Nebukadnezar bedenklich gefunden, den Treubruch Zedekia's durch einen raschen Kriegszug zu züchtigen. Er mußte erst ein kriegstüchtiges, zahlreiches Heer mit Belagerungswerkzeugen ausrüsten, und dazu gehörte Zeit. So konnten sich die Bewohner Juda's und namentlich die Hauptstädter immer tiefer in den Wahn hineinleben, daß der Zorn Nebukadnezar's sie nicht ereilen werde. Die Propheten, welche stets Heil verkündeten, schienen Recht zu behalten, Jeremia's Prophezeiung dagegen Lügen gestraft zu sein. Selbst diejenigen, welche ihm Glauben schenkten, trösteten sich damit, daß die von ihm ausgegangene Strafandrohung nicht zu ihrer Zeit eintreffen werde. Es bildeten sich geflügelte Worte in Juda: Die Einen sagten: »die Tage werden sich hinziehen und die unheilvolle Prophezeiung wird untergehen (sich nicht erfüllen)«, die Andern: »die Prophezeiung ist für eine lange Frist und für spätere Zeiten«78.

In Jerusalem herrschte gewiß ausgelassene Freude während der Jahre, in denen das so gefürchtete chaldäische Heer sich nicht blicken ließ. Unter den babylonischen Exulanten war der Freudentaumel nicht minder groß, wenn er auch an sich halten mußte. Ihre Sehnsucht, aus der Verbannung in's Vaterland zurückzukehren und dort ihre ehemalige hervorragende Stellung wieder einzunehmen, spiegelte ihnen die entfernte Aussicht als nahe Hoffnung und die Hoffnung als Wirklichkeit vor. Die falschen Propheten, Achab und Zedekia, fuhren fort, die Verbannten in ihrer Selbsttäuschung zu bestärken, prophezeiten Heil für Jerusalem und bekräftigten dadurch die Frevelthaten der Frevler. Dazu kamen noch rasende Prophetinnen. An den Armhöhlen trugen sie eine Art Polster und über dem Kopfe einen weiten Ueberwurf und gingen so weissagend von Haus zu Haus, verkündeten diesem ein glückliches Leben in der Heimath, einem andern den Untergang [343] und nährten überall einen verdummenden Wahn79. Der Wahnglaube der babylonischen Judäer wirkte wieder durch die stets unterhaltene Verbindung auf die in der Heimath, so daß eine nüchterne Ueberlegung und Handlungsweise hier und dort gar nicht aufkommen konnten.

Da trat unter den Exulanten ein echter Prophet auf, welcher nach schwerem Kampfe und Ringen eine geläutertere Gesinnung anbahnen sollte. Es war Ezechiel (Jecheskeel), der Sohn Busis, ein Ahronide (geb. um 620, st. um 57080). Er war ein Mann mit kräftiger, hinreißender Beredtsamkeit, mit einer lebendigen, üppigen Phantasie, mit einer süßen, einnehmenden Stimme81, voller Muth und Ausdauer und durchdrungen von dem hohen Ideal, welches das judäische Volk verwirklichen sollte. Mit den Verbannten war er unter Jojachin nach Babylonien gekommen und hatte seinen Wohnsitz in Tel-Abib an dem großen Kanal (Nehar-Kebâr), welchen Nebukadnezar zur Verbindung des Euphrat und Tigris hatte anlegen lassen. Hier waren viele angesehene Familien aus Judäa angesiedelt, welche eine große Freiheit genossen und ihre Aeltestenverfassung aus der Heimat beibehalten durften. Unter ihnen lebte Ezechiel mehrere Jahre, wie es scheint, still, mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, mit seiner Frau in seinem eigenen Hause. Plötzlich schwebten vor seinen Augen außerordentliche Gesichte, als wenn der Himmel geöffnet wäre, und er göttliche Erscheinungen sähe. Er erblickte in der Einsamkeit, wie eine mächtige Wolke mit leckendem, glänzendem Feuer von einem Sturmwind gejagt, einen eigenthümlichen Thronwagen von goldsilberner Farbe (Chaschmal82) heranrollte; dieser Thronwagen schien sich auf Rädern mit lautern Augen, je ein Rad im andern, rasch hin und her, auf und ab zu bewegen; auf dem Thronwagen erschien ihm eine Menschengestalt mit vier thierähnlichen Wesen, mit je vier Gesichtern und vier Flügeln. Die Gesichter glichen je eines einem Menschenantlitz nach vorn, einem [344] Adlergesicht nach hinten, einem Löwengesicht rechts und einem Stiergesicht links. Ueber den Häuptern der vier thierähnlichen Wesen erblickte er ein Firmament aus Krystalleis ausgedehnt und darüber einen Thron aus Sapphir und darauf ein Wesen, das zwar menschenähnlich schien, aber nichts Körperliches an sich hatte, sondern oberhalb wie ein heller Strahl und unterhalb wie Feuerglanz, wie Regenbogen schillernd83. Bei der Bewegung der Flügel der thierähnlichen Wesen vernahm Ezechiel ein betäubendes Geräusch, wie das bewegter Wasserwogen oder eines Kriegslagers. In dieser vielfältigen, verwirrenden Erscheinung schien es ihm, als wenn Gott oberhalb des Thronwagens – mit unendlich vielen Augen, der Allgegenwart, mit Verstandeskraft (versinnbildlicht durch den Menschen), mit Muth (Löwen), mit Schnelligkeit (Adlersflug) und mit Kraft (Stier) in augenblendendem Glanze und blitzähnlichem Schlängeln – sich ihm offenbarte und ihn eine Stimme vernehmen ließ. Betäubt und geblendet von der gewaltigen Erscheinung fiel er zur Erde. Ein Geist erweckte ihn, richtete ihn auf und ertheilte ihm den prophetischen Beruf für »das Haus des Ungehorsams«, für das treulose Volk Israel. Er sollte zu seinen Genossen im Exile sprechen, mögen sie es hören oder nicht, damit sie es erfahren, daß ein echter Prophet in ihrer Mitte aufgetreten sei. Die Stimme verkündete ihm zugleich, daß er von seinen Stammesgenossen viel Leid zu erdulden haben werde, weil er ihnen nur Klagen, Seufzer und Jammer werde zu verkünden haben.

War die Erscheinung, die an seinem Blicke blendend und überwältigend vorübergezogen war, eine wahrhafte Wirklichkeit oder bloß trügerische Täuschung der Sinne? Ezechiel selbst fühlte sich dadurch zum Propheten berufen und war bereit diesem Beruf sein Leben zu weihen. Er bewährte sich in der Folge als ein echter Seher; er hat die Ereignisse, welche das Volk, den König und Jerusalem zermalmend treffen sollten, im Voraus geschaut und verkündet, und seine Weissagung hat sich erfüllt. Anfangs hat aber das schauerlich erhabene Gesicht ihn nicht gehoben, sondern gebrochen. Wie taumelnd kehrte er in sein Haus und zu den Verbannten in Tel-Abib zurück und saß sieben Tage entsetzt unter ihnen. Dann fing er an zu den Volksgenossen von dem [345] Gesichte zu sprechen: daß er beauftragt sei, ihnen im Gegensatze zu den falschen Propheten Unheil zu verkünden. Sofort erfuhr er eine harte Behandlung, sie banden ihn mit Stricken wie einen Wahnsinnigen und verwehrten ihm öffentlich zu sprechen84. In dieser theils auferlegten, theils freiwilligen Haft brachte er vierhundert und dreißig Tage zu (390 und 40 Tage) und beging symbolische Handlungen, welche den Zuschauern wegen ihrer Sonderbarkeit auffallen mußten. Auf einem Ziegelstein bildete er die Stadt Jerusalem ab, als wenn sie sich in Belagerung befände, aß dabei grobes Brod aus verschiedenen Mehlarten nur einmal des Tages und trank Wasser mit einem Maße abgemessen. Dann schor er sich Kopf- und Barthaar ab, verbrannte davon ein Drittel, schlug ein Drittel mit dem Schwerte und ließ das letzte Drittel in den Wind verwehen und band nur weniges davon ein. In der ersten Zeit haben ihn wohl seine Volksgenossen, die sein Thun und Treiben beobachtet haben, für wahnsinnig gehalten. Als er aber über die Bedeutung der symbolischen Handlungen befragt wurde, verkündete er die Bedeutung seiner Handlungsweise: daß Jerusalem in schwere Belagerung gerathen, daß die Einwohner ihr Brod zugewogen in Bangigkeit essen und ihr Wasser zugemessen in Stumpfheit trinken werden, daß der größte Theil des Volkes durch Feuer, Schwert und Zerstreuung in alle Winde umkommen und nur ein kleiner Rest davon übrig bleiben, daß Unglück über Unglück es treffen, das Heiligthum selbst entweiht werden werde. Nachdem er das Alles in eindringlichen Worten erklärt hatte, begann seine Umgebung zu glauben, daß er ein gottgesandter Prophet sei. Die Aeltesten suchten ihn seitdem in seinem Hause auf und richteten Fragen an ihn85. Wie sie sich ihm näherten, waren sie schon halb gewonnen. Denn seine Beredtsamkeit, durch seine angenehme Stimme gehoben, war unwiderstehlich. Ezechiel hatte sich zwar nach Jeremia gebildet, den er ohne Zweifel vor seiner Verbannung öfter gehört hatte. Seine prophetischen Reden ähneln daher denen Jeremia's inhaltlich im Großen und Ganzen; aber Ezechiel besaß eine lebhaftere Phantasie und mehr dichterische Begabung als sein Musterbild. Seine Reden sind daher schwungvoller gehalten, reich an Wendungen, anziehend, nicht selten künstlich angelegt und durch eingestreute Räthselsprüche, Allegorieen und Wortspiele außerordentlich spannend. Jeremia sprach kurz und dem Inhalte angemessen, den er auseinander setzen wollte; seine Bilder sind zart, feine Betrachtungen elegisch, von Wehmuth und Weichheit durchzogen, als wenn er unter Thränen gesprochen hätte. Ezechiel dagegen liebte die Ausführlichkeit; die Bilder, die er gebrauchte, [346] setzte er nach allen Seiten auseinander, vermied auch nicht derbe Ausdrücke und Anstößigkeiten, um den Gedanken ihren vollen Ausdruck zu geben, und er zeigte keinerlei Rührung. Ganz besonders anziehend sind seine Reden, wenn sie Schilderungen enthalten. Wie schön ist nicht seine Rede gegen Tyrus, wenn er dessen Größe schildert und dessen Fall verkündet! Er vergleicht Tyrus mit einem großen, festen, prachtvoll ausgestatteten Handelsschiff, auf welchem die Erzeugnisse aller damals bekannten Völker und Länder aufgehäuft liegen, mit denen der phönicische Staat in Handelsverbindungen getreten war. In so lebensvoller Leibhaftigkeit läßt Ezechiel diese Völker mit dem Bodenreichthum ihrer Länder an dem Auge vorüberziehen, daß der Forscher noch heute daraus den großen Umfang des Handelsverkehrs in der alten Zeit berechnen kann. Dieses reichbeladene tyrische Prachtschiff, das sich auf den Wellen wiegt, wird plötzlich vom Sturmwind in den Abgrund geschleudert. So wird's Tyrus ergehen86. Ebenso anschaulich, prachtvoll und poetisch ist Ezechiel's Schilderung von der einstigen Größe Assyriens und seinem Falle87.

Mit dem Auftreten dieses reichbegabten Propheten unter den babylonischen Exulanten beginnt eine günstige Wendung. Schonungslos deckte er ihre Unthaten und die Frevel des ganzen Volkes auf, mitleidslos vernichtete er ihre eitle Hoffnung auf Fortbestand und ihre ganze Jämmerlichkeit. Klar und deutlich zeigte er ihnen den Weg zur Besserung. Ezechiel verkündete gleich Jeremia, daß eine Sinnesänderung nicht von den entarteten Bewohner des Mutterlandes, sondern von den babylonischen Verbannten ausgehen werde. Die ganze Fülle, welche in dieser Wandlung liegen sollte, drückte er treffend durch die Bezeichnung »ein neues Herz und einen neuen Geist« aus. Er ermahnte nicht bloß die Exulanten, daß sie sich ein neues Herz und einen neuen Geist erwerben mögen, sondern er verhieß auch, daß ihr Herz von Stein sich in ein weiches, biegsames, empfängliches Herz von Fleisch verwandeln werde88. Der an der Natürlichkeit hastende Sinn der alten Welt auf dem Erdrunde, welcher zur Vergötterung der Creatur und der Zeugungskraft, zum häßlichen Götzendienst und zum Sinnentaumel geführt hat, und dem auch Israel, von seiner Nachbarschaft verleitet, nachhing, dieser Sinn werde gebrochen und dafür ihm ein neuer Sinn der Selbstbeschränkung und der Unterwerfung unter die sittliche Ordnung eingepflanzt werden. Der Prophet des Exils hat zuerst diesen Gedanken, daß Israel eine Selbstläuterung, [347] eine Wiedergeburt an sich vornehmen und dadurch Vorbild sein werde, zur leichtfaßlichen Klarheit gebracht. Er drückte diesen Gedanken sinnbildlich aus: »ich werde über euch reines Wassersprengen, daß ihr von eurer Unreinheit geläutert werden sollt, und von allen euern Gräueln werde ich euch reinigen«89.

Gleich in der ersten Rede, welche Ezechiel nach der Erlösung aus seiner Haft vor den Aeltesten Juda's, die ihn aufgesucht hatten, gehalten, betonte er diesen Gedanken. In einem Gesichte, das ihn im Augenblick überwältigt hatte, fühlte er sich von einem Geiste an den Haarlocken zwischen Himmel und Erde nach Jerusalem entführt. Hier sah er alle die götzendienerischen Gräuel, welche dort getrieben wurden, wie auf dem Altare ein scheußliches Götzenbild aufgestellt war, wie siebzig Aelteste heimlich dem ägyptischen Thierkultus fröhnten, wie an einer anderen Stelle die Weiber den Tammuz beweinten, wie hier fünf und zwanzig Männer dem Tempel den Rücken kehrten und die Sonne anbeteten, und endlich wie dort ein scheußlicher Phallusklotz in den Tempelraum hineinragte90.

Er sah ferner im Geiste, wie der Gott Israels, im Tempel über den Cherubim thronend, diesen verließ, sich zuerst auf die. Schwelle des Tempels zurückzog und von da sich auf den Thronwagen mit den beflügelten, viergestaltigen, glänzenden Trägern des Himmels begab, welche das Ohr des Propheten als Cherubim bezeichnen hörte91. An diesem Platze blieb die Erscheinung nicht, sondern begab sich zum Eingang des östlichen Tempelthores, verließ dann die Stadt und zog sich auf den Oelberg im Osten zurück92. Durch diese Erscheinung wurde ihm angedeutet, daß Gott den so vielfach entweihten Tempel und die schuldvolle Stadt gänzlich verlassen habe und ihnen nicht mehr Schutz gewähren werde. Zugleich vernahm Ezechiel im Geiste eine Stimme, welche den Auftrag an Befehlsvollstrecker ertheilte, alle Bewohner Jerusalems erbarmungslos und ohne Unterschied, Greise, Jünglinge, Weiber, Jungfrauen, Kinder, zu vernichten und nur diejenigen [348] zu schonen, welche mit dem Zeichen des Tau (Taw) versehen sein würden, welches einer der Vollstrecker auf die Stirne derer, »die da seufzen und stöhnen ob der Gräuel Jerusalems«, gezeichnet hatte. Er sah die gräßliche Vernichtung, die mit den Priestern den Anfang machte, sah mit Entsetzen, wie der Tempel und die Vorhöfe sich mit Leichen füllten und flehte in Verzweiflung zu Gott: »Willst du denn den ganzen Ueberrest Israels vernichten?« Gottes Stimme antwortete ihm darauf: »Ja, die Sünde des Hauses Israel in Juda ist gewaltig groß, das Land ist voll Blutschuld und die Stadt voll Unreinheit«93. Ferner vernahm Ezechiel die Worte: »Zu deinen Stammesverwandten, den Genossen der Verbannung, sprechen die Bewohner Israels: ›Entfernt Euch von Juda! Uns ist das Land zum Erbe gegeben‹. Allein, wenn ich sie auch unter die Völker zerstreut habe, so werde ich ihnen zu einem kleinen Heiligthum werden in den Landen, wohin sie gekommen sind, und ich werde ihnen ein neues Herz und einen neuen Geist geben, damit sie meinen Satzungen folgen, mir zum Volke seien, und ich ihnen zum Gott«94.

Alle diese Erscheinungen, die Ezechiel während der Anwesenheit der Aeltesten hatte, theilte er ihnen später mit. Damit hatte er den Kerngedanken ausgesprochen: Gott hat Juda und Jerusalem aufgegeben, dagegen die Verbannten zum Grundstock eines neuen Volkes auserkoren. Während die Jerusalemer, auch die Bessern, welche dem Propheten nahe standen, die »Stadt Gottes und den Tempel Gottes« als unverwüstliche Schutzorte ansahen95, von denen Feind und Unheil fern bleiben würden, erklärte Ezechiel, daß sie verlassen und aufgegeben seien, und daß Gott nicht mehr in Jerusalem, sondern bei den Verbannten in Babel weile.

Indessen waren diese noch weit, weit entfernt, den Worten ihres Propheten Glauben zu schenken und sich zu bessern. Gerade der Abfall Juda's von Nebukadnezar bestärkte sie in ihrem Wahn, daß ihre Rückkehr nahe bevorstehe. Diesen Wahn in ihrem Herzen zerstörte Ezechiel durch Symbol und Wort. Er zog Gefangenen-Kleider an und wanderte am Tage von einem Ort zum andern, und des Abends [349] im Dunkeln grub er sich durch eine Mauerwand, verhüllte sein Antlitz und trug seine Sachen auf der Schulter. Als seine Volksgenossen ihn fragten, was das zu bedeuten habe, erklärte er ihnen, er sei ein Vorbild dessen, was dem Volke Juda und dem König bevorstehe. Jenes wird in die Verbannung wandern, und dieser wird durch einen Mauerdurchbruch mit verhülltem Antlitz, um sich völlig unkenntlich zu machen, und in der Dunkelheit entfliehen96.

Mit jeder neuen Rede wuchs sein Ansehen unter seinen Exilsgenossen. Diejenigen, welche ihn früher geknebelt und gequält hatten, suchten ihn öfter auf97, um ihn über den Ausgang des Kampfes zu befragen, der sie in äußerster Spannung hielt. Seine angenehme Stimme und seine sprudelnde Beredtsamkeit zogen ihm immer mehr Zuhörer an, wenn sie auch gar nicht die Neigung hatten, ihre Handlungsweise zu ändern98. Sie kamen sogar zu ihm mit ihren kleinen Götzenbildern an ihrem Herzen, um ihn zu befragen. Da erklärte er mit einemmale: er würde denen, welche offen als Götzendiener vor ihm erschienen, nicht mehr Rede stehen99. Diese Drohung scheint von Erfolg gewesen zu sein; denn er wurde noch öfter aufgesucht und gab den Befragenden Auskünfte, die ihnen allerdings nicht lieb waren. In einer Gleichnißrede bewies er ihnen, wie Juda unmöglich werde gegen Nebukadnezar obsiegen können: »Kann man aus Weinstockholz irgend ein Geräth machen oder auch nur einen Pflock? Und wenn nun solches Holz gar an beiden Enden verkohlt und in der Mitte angebrannt ist, dann taugt es um so weniger«. So verhalten sich die Bewohner Jerusalems, sie sind von Hause aus schwach und werden durch die erste Niederlage noch mehr geschwächt werden100.

In einer musterhaften Rede schilderte er die Schlechtigkeit und Undankbarkeit Jerusalems. Er schilderte die Stadt als ein in Verlassenheit geborenes weibliches Kind, sich in seinem eignen Blute und im Schmutze wälzend. Dieses Kindes hat sich Gott angenommen, es groß gezogen, zu einer blühenden Jung frau aufwachsen lassen, hat ihr Geschmeide gespendet und sie geliebt. Stolz auf seine Schönheit wurde das Weib undankbar und treulos, buhlle mit aller Welt, schlimmer als öffentliche Buhlerinnen, schlachtete ihre eigenen Kinder [350] und entwürdigte sich Dieses undankbare und unzüchtige Weib müsse Gott gebührend züchtigen, über sie als doppelte Verbrecherin, als Ehebrecherin und Kindesmörderin, Gericht halten lassen. Denn sie sei noch schlimmer geworden als ihre Schwestern Sodom und Samaria, diese werden durch Jerusalems Unthaten beinahe gerechtfertigt und entschuldigt101. Denen, welche in unheilbarer Verblendung noch immer ihre Hoffnung auf Befreiung von der babylonischen Vasallenschaft setzten, bewies Ezechiel mit einem schönen Gleichniß von den beiden Adlern und dem winzigen Weinstock, daß dieses Unterfangen, das mit Treubruch begann, nicht gelingen könne, daß Nebukadnezar nicht nöthig haben werde, große Anstrengungen zu machen, um den Trotz zu beugen, und daß Aegyptens Hilfe eitel sein werde102. Ezechiel entfaltete eine Mannigfaltigkeit in seinen Reden und gebrauchte verschiedene Wendungen, um dem Volke die Aussichtslosigkeit der Hoffnungen und die bodenlose Verirrung zum Bewußtsein zu bringen, bald in Erzahlungs-, bald in Gleichniß- und Räthselform103. Als Nebukadnezar zur Niederwerfung des Aufstandes in Judäa ernstliche Rüstungen machte, sprach er: »So war des Gottes Wort an mich: »Menschensohn! Richte dein Angesicht gegen Süden, entströme Reden gegen Mittag und prophezeie gegen das südliche Waldgebirge. So spricht der Herr: »Waldgebirge, ich lege Feuer an dich an, und es wird jeden frischen und jeden trocknen Baum verzehren, nicht wird die Flamme erlöschen, und entflammt wird jedes Antlitz werden von Süd nach Nord«104.

Endlich rückte die Stunde bitteren Ernstes heran. Nebukadnezar, welcher sich einige Zeit still verhalten hatte, zog mit einem Heere aus, um die rebellischen Völker wie empörte Sklaven empfindlich zu züchtigen. In der Libanon- oder Jordan-Gegend angekommen, sollte das Los entscheiden, gegen welches Land er zuerst den Kriegszug eröffnen sollte, ob gegen Ammon oder Juda; er schlenderte Pfeile, welche den Namen dieser Länder trugen, befragte die Hausgötter, ließ die Leber der Opferthiere untersuchen105.

Wie es scheint, unterwarfen sich die Nachbarvölkerschaften, welche erst zum Abfall gereizt hatten, Ammon, Moab und Edom, schon bei der Annäherung des Feindes und krochen in Demuth vor ihm. Edom, das Juda am nächsten gelegen war, nahm noch dazu eine feindliche [351] Haltung gegen dasselbe an106. Tyrus, das selbst in Bedrägniß war, konnte keine Hilfe leisten. So war denn Juda auf Aegyptens Beistand allein angewiesen. Aber auch dieses zauderte Anfangs, einen Gegenstoß auszuführen107. Leicht war es daher Nebukadnezar, das Land Juda zu unterjochen und selbst die meisten festen Städte zu nehmen; nur im Südwesten leisteten Lachisch und Aseka Widerstand108. Das chaldäische Heer ließ sie indessen liegen und rückte gegen Jerusalem am zehnten Tage des zehnten Monats (Ende 588 oder Anfangs 587109. Die judäische Hauptstadt hatte sich inzwischen befestigt, auch wohl mit Mundvorrath und Wasser für eine längere Belagerung versehen. Aber die Landbewohner mit ihren Kindern und Heerden hatten sich bei der Annäherung des Feindes in die Stadt geflüchtet und die Verzehrer vermehrt. Auch die Rechabiten mit ihrem Oberhaupte, Namens Jaasanja, Nachkommen jenes Jonadab, welcher für sich und seine Familie die Lebensweise der Nasiräer eingeführt (o. S. 45), zogen in Jerusalem ein110. Da Zedekia oder seine Palastdiener, Hofleute und Großen auf die Aufforderung, sich zu ergeben, mit »Nein« geantwortet hatten, begann Nebukadnezar eine regelrechte, hartnäckige Belagerung. Schanzen wurden aufgeworfen, welche die Höhe der Mauern erreichten; Belagerungsthürme wurden errichtet, damit die Krieger unter schützender Bedeckung Pfeile in die Stadt schleudern konnten; Mauerbrecher wurden aufgeführt, um durch schwere Steine die Mauern zu erschüttern und Breschen zu machen.

Die Jerusalemer müssen sich auch muthig vertheidigt haben; die Belagerung hat mit kurzer Unterbrechung beinahe ein und ein halbes Jahr gedauert (Januar 587 bis Juni 586). Anführer der judäischen Vertheidigungstruppen war übrigens ein Eunuch im Dienst des Königs Zedekia111. Der König selbst hatte nur eine leidende Rolle; er war weder Kriegsführer, noch überhaupt Leiter der Bewegung. Seine Rathlosigkeit und Schwäche traten in der schweren Zeit so recht in's Licht. Wenn die Vorgänge in Juda und Jerusalem seit Jojakim's [352] Regierungsantritt einem bunten, wirren Possenspiel glichen, so schlug dieses mit einemmale in ein thränenreiches Trauerspiel um, und in diesem Schauerdrama eines ganzen Volkes bildet die Leidensgeschichte des Propheten Jeremia einen Zwischenact.

Seine innere Stimmung war durch die eingetretene Belagerung Jerusalems gerade so wie seine äußere Stellung peinlich und beklemmend geworden. Sein Gefühl als Volksgenosse und seine Vaterlandsliebe drängten ihn, wenn auch nicht wegen seines vorgerückten Alters an der Vertheidigung und am Kriege Theil zu nehmen, so doch den Kämpfern Muth einzuflößen. Sein Prophetenberuf und seine Sehergabe dagegen geboten ihm, offen zu verkünden, daß der Kampf eitel, daß das viele Blut umsonst vergossen sein werde, daß der Untergang der Stadt wegen ihrer Blutschuld und Sündenlast ein fester Rathschluß sei. Die Redefreiheit war ihm in dieser Zeit nicht entzogen112, durfte ihm vielleicht nicht entzogen werden, weil sein Ansehen als echter Prophet durch die eingetretenen Ereignisse bestätigt worden war. Die Völker des Nordens hatten ihre Throne vor den Thoren Jerusalems aufgeschlagen und bereiteten ein großes Strafgericht vor. Jeremia wäre im Stande gewesen, das Volk und die Krieger gegen den König und die Großen aufzustacheln, ihnen die Herrschaft aus den Händen zu entwinden, mit dem Feinde zu unterhandeln und ihn unter günstigen Bedingungen in die Stadt aufzunehmen. Ein solcher Umsturz lag aber seiner Seele fern, er rieth im Anfange der Belagerung nicht einmal den Einzelnen, zu dem Feinde überzugehen und sich dadurch die persönliche Erhaltung zu sichern113. Er beschränkte sich darauf, seine Warnungen im allgemeinen zu wiederholen und auf Abstellung der empörenden Ungerechtigkeit zu dringen. Zu Zedekia sprach er: »Du, der du auf dem Throne David's sitzest, und deine Leute, welche in diesen Thoren Gericht halten, übet Recht und Gerechtigkeit, rettet den Beraubten von der Hand des Räubers, Fremdlinge, Waisen und Wittwen lasset nicht bedrücken und vergewaltigen und lasset nicht unschuldiges Blut an diesem Orte vergießen«114. Besonders lag ihm das Wohl derer am Herzen, welche zur Sklaverei erniedrigt waren. Es waren solche, welche aus Armuth sich oder ihre Kin der zu Sklaven verkauft hatten, oder solche, welche wegen Zahlungsunfähigkeit von den Gläubigern zum Sklavendienste gezwungen worden waren. Das Befreiungsgesetz, [353] welches in je sieben Jahren für solche Unglückliche angewendet werden sollte, wurde eben so wenig wie die übrigen pentateuchischen Sittlichkeitsgesetze zur Ausführung gebracht. Jeremia scheint für diese Elenden seinen prophetischen Eifer entwickelt zu haben. Er sprach eindringlich zum Königshause und zum Volke für die Heiligkeit des Sabbats, daß an ihm keinerlei Arbeit verrichtet und daß besonders keine Lasten aus den Thoren in die Stadt und aus den Häusern getragen werden sollten115. Mit der Heiligkeit des siebenten Tages hing die Heiligkeit des siebenten Jahres zusammen, welches den Geknechteten die Freiheit bringen sollte. Die Anwendung dieses Gesetzes scheint Jeremia durchgesetzt zu haben. War es vielleicht die Furcht vor einem Aufstande der Geknechteten inmitten des Krieges, welche die Fürsten und Reichen bewog, sie mit einemmale in Freiheit zu setzen? Mag der Beweggrund ein niedriger oder ein hoher gewesen sein, Jerusalem sah eines Tages ein großartiges Schauspiel. Auf des Königs Befehl gingen die Fürsten Juda's und Jerusalems, die Eunuchen – die Vertreter des Königs – die Priester und das Volk ein feierliches Bündniß ein, daß den zur Sklaverei Verdammten die Freiheit gegeben werden sollte. Zur Bekräftigung der Verpflichtung wurde vor dem Tempel eine althergebrachte Ceremonie in Anwendung gebracht. Ein junges Rind wurde in zwei Theile zerlegt, auf zwei Seiten aufgeschichtet, und zwischen diesen Theilen gingen die Machthaber, die Sklavenbesitzer, die Priester hindurch; das Bündniß und die Verpflichtung wurden auch vollzogen116. Die freigewordenen Sklaven mögen die Reihen der Streiter vermehrt haben.

Als die Belagerung Jerusalems beinahe ein Jahr gedauert hatte, während dessen wohl mit abwechselndem Glück von der Ferne gekämpft worden war, trat eine Abwechselung ein. Der König Apries (Hofra) von Aegypten entschloß sich endlich, seine oft wiederholte Zusage zu erfüllen, und sandte ein Heer gegen Nebukadnezar. Dieses ägyptische Heer muß so bedeutend gewesen sein, daß die Chaldäer bei der Nachricht von dessen Annäherung die Belagerung Jerusalems aufhoben und sich ihm entgegenwarfen (Februar oder März 586)117. Der Jubel in Jerusalem [354] war groß. Als die Thore nach so langer Sperre geöffnet wurden, stürzten die Einwohner mit Hast hinaus, um wieder das Gefühl der Freiheit zu genießen und sich umzusehen, wie es auf dem Lande und um ihre Felder und Weinberge bestellt war, oder auch um sich mit Mundvorrath für die etwaige Wiederholung der Belagerung zu versehen. Kaum war der Schrecken der Belagerung gewichen, so verfielen mehrere Adlige und Reiche wieder in ihre alte Ruchlosigkeit. Die kurz vorher entlassenen Sklaven und Sklavinnen wurden gezwungen, zu ihrem früheren Dienste und ihrer früheren Entwürdigung zurückzukehren, uneingedenk des feierlichen Bündnisses und Eides. Ueber diese Herzenshärte und Selbstsucht war Jeremia in tiefster Seele empört; er hielt auch den Großen und dem Könige eine vernichtende Standrede, worin er ihnen den Eidbruch vorhielt und verkündete, daß die abgezogenen Chaldäer wieder zurückkehren und Jerusalem einnehmen, und daß Feuer, Krieg, Hunger und Pest gegen das Volk wüthen werden118. Dem Könige, welcher ihn durch zwei Höflinge und den Tempelaufseher Zephania ersuchen ließ, durch sein Gebet zu erwirken, daß die Chaldäer nicht mehr zurückkehren mögen, erwiderte er, daß Pharao bald in sein Land zurückkehren und daß die Chaldäer die Belagerung wieder aufnehmen werden; der König und das Volk mögen sich keiner Täuschung hingeben. Selbst wenn sie im Stande wären, sämmtliche Chaldäer aufzureiben, und wenn nur zwei Verwundete von ihnen übrig blieben, so würden auch diese die Stadt anzünden119.

Waren viele Fürsten Juda's schon früher gegen Jeremia eingenommen, so hegten sie seit der von ihm gehaltenen letzten Standrede einen tödtlichen Haß gegen ihn. Als er eines Tages die Stadt verlassen wollte, um sich in das Land Benjamin, wohl nach seiner Geburtsstadt [355] Anatoth, zu begeben, wurde er von einem Aufseher angefallen, als wollte er zu den Chaldäern überlaufen. Trotz seiner Betheuerung, daß ihm ein Fluchtgedanke fernläge, wurde er dennoch den Fürsten überliefert. Diese, froh eine Gelegenheit zur Rache an ihm zu haben, behandelten ihn wie einen Verräther und Spion, schlugen ihn und brachten ihn in einen Cisternenkerker (Adar 586) im Hause des Listenführers Jonathan, der, ein harter, herzloser Mann, zu seinem Kerkermeister eingesetzt wurde. Dort blieb Jeremia in einem engen, schmutzigen, ungesunden Raume viele Tage120. Sein strenger Kerkermeister ließ keinen Menschen zu ihm, nicht einmal seine Verwandten, als wollte er ihn durch die Einsamkeit mürbe machen oder gar umkommen lassen. Hand an ihn zu legen, wagten die Fürsten indessen nicht. In diesem Kerker hauchte er ergreifende Klagelieder aus über sein Mißgeschick, nicht bloß wegen seiner Leiden, sondern mehr noch wegen der Verkennung seiner Absichten121.

Nicht lange dauerten der Freudenrausch und der Taumel in Jerusalem. Das chaldäische Heer, welches dem ägyptischen unter Apries entgegengezogen war, schlug dieses auf's Haupt und trieb es in die Flucht122. Einer der beiden Arme Pharao's war gebrochen. Und nun war Juda ganz auf sich angewiesen. Die Nachbarvölker, selbst die ehemaligen Bundesgenossen, hatten nur Hohn für dasselbe und konnten den Tag des Falles Jerusalems nicht erwarten. Die Chaldäer kehrten zur Belagerung Jerusalems zurück und schlossen es noch enger ein, um damit ein Ende zu machen. Nun begann der Muth der in der Hauptstadt Eingeschlossenen zu sinken. Viele, auf ihr Heil bedacht, verließen an unbewachten Stellen die belagerte Stadt, gingen zu den Chaldäern über oder entkamen nach Aegypten. Der König Zedekia [356] selbst wurde ängstlich über den Ausgang und sah zu spät ein, daß es eine Thorheit war, sich mit der babylonischen Großmacht messen zu wollen, ohne ein ganzes für Freiheit begeistertes Volk hinter sich zu haben. Eine schwache Hoffnung setzte er noch auf den Propheten Jeremia. Heimlich ließ er ihn in ein inneres Gemach seines Palastes kommen und fragte ihn, ob er eine Prophezeiung für den Ausgang geschaut habe. »Ja wohl«, antwortete Jeremia, »habe ich eine solche, daß du in die Hand des Königs von Babel unfehlbar fallen wirst, wenn du dich nicht ihm unterwirfst«. Gedemüthigt und ergeben hörte Zedekia diese Worte an; er war gerecht genug, sie den Verkünder nicht entgelten zu lassen. Er ließ ihn vielmehr auf seine Bitte nicht mehr in den abscheulichen Kerker des Listenführers Jonathan zurückbringen, sondern räumte ihm eine Wohnstätte in seinem eigenen Palaste ein, in dem Hofe Mattara, und ließ ihm täglich einen Laib Brod aus der königlichen Backanstalt liefern. Hier blieb Jeremia mehrere Monate123. Er war aber da in freier Haft, durfte Besuche empfangen und sprechen; sein treuer Begleiter Baruch, Sohn Nerija's, war wieder in seiner Nähe124.

Eines Tages kam sein Vetter Chanamel aus Anatoth zu ihm und bot ihm an, ein Familienfeld zu kaufen, da er der einzig Berechtigte sei, es zu erwerben. Von diesem Besuch und Angebot ist ihm früher durch den prophetischen Geist die Kunde zugekommen, mit der Weisung, den Kauf mit einer gewissen Feierlichkeit zu veranstalten. Demzufolge wog er vor den Augen der Anwesenden im Hofe Mattara das Kaufgeld zu, schrieb nach Vorschrift zwei Kaufscheine, einen versiegelten und einen offenen, ließ Zeugen unterzeichnen und übergab beide seinem Jünger Baruch, der sie zu dauernder Erhaltung in ein irdenes Gefäß legen sollte. Er konnte sich aber dabei der Verwunderung nicht enthalten: Die Schanzen der Chaldäer rücken immer näher, Jerusalem wird bald dem Feinde preisgegeben und das Volk verbannt werden, und er sollte noch ein Feld an sich kaufen! Darauf wurde sein Seherblick von der engen, düsteren Gegenwart in die ferne, schönere Zukunft entrückt. Allerdings geht Jerusalem wohlverdient wegen seiner Unthaten der gewissen Zerstörung entgegen. Aber es wird eine Zeit[357] kommen, in der man wieder Felder um Silber nach Vorschrift kaufen wird im Lande Benjamin, in der Umgegend und im Süden; denn die Verbannten werden zurückkehren125. Noch manche trostreiche Rede hielt er vor den Versammelten im Vorhof Mattara für die Zukunft des Volkes, während draußen das Schwert wüthete126.

Der Krieg forderte nicht allein seine Opfer, auch die Hungersnoth gesellte sich dazu. Hatten die Bewohner Jerusalems während der kurzen Befreiung durch das ägyptische Entsatzheer in der Hoffnung auf den gewissen Untergang der Chaldäer den Mundvorrath sorglos verbraucht? Oder hat der Feind die geheimen Zugänge zur Stadt, durch welche Nahrungsmittel eingeführt wurden, sorgsamer überwachen lassen, um die Uebergabe zu erzwingen? Genug, es trat mit einem Male Knappheit ein, und das Brod mußte nach Gewicht vertheilt werden. Es wurde immer seltener und seltener, und nun raffte der bleichwangige Hungertod die Einwohner hin. Das Schwert draußen, der Hunger im Innern häuften die Leichen täglich mehr in den Häusern und auf den Straßen, sie konnten nicht mehr begraben werden, gingen in der heißen Jahreszeit in Verwesung über und erzeugten eine verderbliche Seuche. Als sollten die düstern Strafreden der Propheten, die in zwei Jahrhunderten einander ablösten, Wort für Wort in Erfüllung gehen, um das Volk durch die gehäuften Leiden und Schrecknisse von seiner götzendienerischen Thorheit und sittlichen Krankheit gründlich zu heilen, boten die Straßen Jerusalems Grauen erregende Vorgänge dar, welche die Ueberlebenden nimmer vergessen konnten. Hier wanden sich zarte Kinder auf den Plätzen und winselten: »O Mutter, gieb uns Brod und Wein«, und hauchten weheklagend ihr Leben in dem Schoß der Mütter aus127. Dort wandelten Greise und Vornehme, welche sonst Leckerbissen in Fülle hatten und in Purpur erzogen waren, die trockene Haut an den Knochen festgeklebt, wie Schatten umher, wurden in dieser Wandlung nicht erkannt und schleppten sich, bis sie zusammenbrachen128. Wie es die Propheten und namentlich Ezechiel vorausgesagt hatten, warfen die Reichen vergebens ihre Schätze um Brod hin129. Das grausigste aber war, daß die Hände zarter, liebevoller Mütter ihre eigenen Kinder kochten, um sich an deren Fleisch zu sättigen130.

[358] Erst in dieser Drangsalszeit sprach Jeremia zu Allen, die es hören konnten: »Wer in der Stadt bleibt, wird durch Schwert, Hunger und Pest umkommen, wer aber zu den Chaldäern übergeht, wird sein Leben retten; denn die Stadt muß fallen und wird verbrannt werden!« Als die wachthabenden Großen, Schephatja, Sohn Matthans, Gedalja, Sohn Paschchurs und andere von diesen Reden Kunde erhielten, drangen sie in den König, den Propheten dem Tode zu überliefern, weil er den überlebenden Kriegern den Muth zum Weiterkämpfen benähme. Zedekia, rath- und willenlos, antwortete: »Er ist ja in euren Händen, denn der König vermag nichts gegen euch.« Darauf ließen diese Fürsten Jeremia in eine Cisterne im Hofe Mattara, die voller Schlamm war, werfen. Auch jetzt noch wagten sie nicht, Hand an ihn zu legen, sondern gedachten ihn ohne ihr Hinzuthun dem Tode auszusetzen. Er wäre auch da umgekommen, wenn nicht ein Aethiopier aus der Dienerschaft des Königs, Namens Ebed-Melech, sich seiner erbarmt hätte. Dieser Sklave war empört über die Mißhandlung, welche die judäischen Fürsten dem Propheten zugefügt hatten, und über die Schwäche des Königs, mit der er dies Alles duldete. Er machte Zedekia aufmerksam, daß Jeremia in dieser Cisterne und durch die Hungersnoth unfehlbar umkommen müsse. In Folge dessen gestattete der König dem Ebed-Melech, ihn vermittelst Stricken aus der Grube zu ziehen. So tief war die Cisterne und so geschwächt die Menschen, daß dreißig Personen dazu erforderlich waren, einen einzigen Menschen aus der Tiefe herauszuziehen. Jeremia's Leben war gerettet; aber seine Freiheit erlangte er nicht, der König hielt ihn in Haft in Mattara, sorgte aber dafür, daß die Großen ihm nicht mehr nach dem Leben trachten konnten131. Erst der äthiopische Sklave hatte dem König Muth eingeflößt. Zedekia war überhaupt im tiefsten Innern geneigt, sich dem Feinde zu übergeben, aber allerlei Bedenken hielten ihn davon zurück. Um sich über einen so verhängnißvollen Schritt zu vergewissern, kam er mit Jeremia in einem geheimen Gemach zusammen und fragte ihn, ob es unabänderlich beschlossen sei, daß die Stadt fallen werde, und ob, wenn er es wagen sollte, überzugehen, er nicht von den Judäern in dem chaldäischen Lager beschimpft und getödtet werden würde. Der Prophet gab ihm die bündigste Versicherung, daß ihm im feindlichen Lager kein Haar gekrümmt werden würde und fügte noch hinzu, im Fall der Fortsetzung des Kampfes würden die Weiber des Palastes selbst ihn wegen seiner Unklugheit verspotten: »Es haben dich deine Bundesgenossen getäuscht und überwunden, und während deine Füße im Schlamm versunken sind, ziehen [359] sie sich zurück«132. Zedekia schien entschlossen, sich dem Sieger zu übergeben, und bat den Propheten, den Gegenstand der Unterhaltung den Fürsten zu verschweigen, im Falle die Zusammenkunft des Königs ihnen verrathen werden sollte. Nichts desto weniger fehlte Zedekia der Muth zu diesem Schritte: er that nichts und ließ das Verhängniß an sich herankommen. Bis zuletzt war er nicht im Stande, seine angeborene Zaghaftigkeit zu überwinden. Das war der letzte König von David's Nachkommen.

Indessen raffte der Würgengel des Todes in dreifacher Gestalt die Bevölkerung hin; die Zahl der Krieger verminderte sich immer mehr bis zuletzt nur so wenige übrig geblieben waren, daß sie die Mauern nicht mehr vertheidigen konnten. Endlich schlug die letzte Stunde des Falles des auch von den Heiden für uneinnehmbar gehaltenen Jerusalem. Am neunten Tammus (Juni 586) gab es gar kein Brod mehr in der Stadt, und in Folge dieser vollständigen Erschöpfung gelang es den Chaldäern eine breite Bresche in die Mauer zu machen, durch die sie in die Stadt eindrangen. Nebukadnezar war nicht dabei anwesend; er weilte indessen in Ribla in Syrien, wahrscheinlich um von dort aus gegen das zu gleicher Zeit belagerte Tyrus zu operiren. Seine Feldherrn, welche die Belagerung geleitet hatten, Nebusaradan, der Anführer der Leibwache, und Nergal-Scharezer, der Aelteste der Magier, und andere133 zogen ungehindert bis in die Mitte Jerusalems ein und schlugen ihr Zelt in dem Mittelthore auf, welches die Unterstadt (Millô) mit dem Zion verband, um hier Gericht über die Bevölkerung zu halten. Die chaldäischen Krieger fanden wahrscheinlich keinen Widerstand, da die Bewohner durch Hunger und Schrecknisse gespensterähnlich sich kaum schleppen konnten. Sie ergossen sich daher ungehindert in alle Theile der Stadt, tödteten Jünglinge und Männer, die ihnen widerstandsfähig [360] schienen, machten Andere zu Gefangenen und banden sie in Ketten134. Die rohen Krieger, durch die langdauernde Belagerung verwildert, schändeten Frauen und Jungfrauen und schonten kein Alter135. Auch in den Tempel drangen sie ein, richteten dort ein Blutbad unter den Ahroniden und Propheten an, welche sich in dem Schutz des Heiligthums geborgen glaubten, und erhoben ein Wuthgeschrei, als wollten sie den Gott Israels bekämpfen. Mit den Chaldäern drangen auch die Nachbarvölker ein, welche sich Nebukadnezar angeschlossen hatten, Philister, Idumäer und Moabiter. Sie raubten die Schätze und verunreinigten die Heiligthümer136.

Zedekia war es indeß gelungen, mit dem Rest der Streiter in der Nacht durch den Königsgarten und durch einen unterirdischen Gang im Nordosten der Stadt zu entkommen. Er suchte eiligen Schrittes über den Jordan zu gelangen. Aber ebenso rasch verfolgten chaldäische Reiter die Flüchtlinge und verlegten ihnen den Weg in den Engpässen137. Da diese geschwächt waren, mehr schlichen als gingen, konnten sie leicht eingeholt und zu Gefangenen gemacht werden138. In der Stadt fanden die Häscher von den Angesehenen nur den Hohenpriester Seraja, den Tempelhauptmann Zephania, den Eunuchen, welcher den Krieg geleitet hatte, den Listenführer (Sopher), fünf oder sieben der Vertrauten des Königs, die Thürhüter und noch sechzig Mann139. Alle diese gemachten Gefangenen so wie die Ueberläufer wurden vor der Hand in Fesseln nach Rama geführt140, bis Nebukadnezar's Befehl bestimmen würde, was mit ihnen geschehen sollte. Sie konnten nicht in Jerusalem [361] und in der Nähe gelassen werden, weil dort von den vielen unbegrabenen Leichen die Luft verpestet war. Unter den Gefesselten befand sich auch der Prophet Jeremia; er war im Hofe Mattara im königlichen Palaste angetroffen worden und galt den chaldäischen Söldnern, die ihn zum Gefangenen gemacht hatten, als einer der Palastdiener. Wahrscheinlich theilte auch sein Jünger Baruch sein Geschick. Zum Aufseher über die Gefangenen und Flüchtlinge hatten die Feldherren einen Judäer von edlem Geschlechte eingesetzt, Gedalja, Sohn Achikams, aus der Familie Schaphan, welche wahrscheinlich vom Anfange der Belagerung an Nebukadnezar's Parteigänger geworden war.

Die letzte Hoffnung schwand dem unglücklichen Ueberreste des Volkes, als die Nachricht einlief, auch der König sei in Gefangenschaft gerathen141. Zedekia war mit seinem Gefolge von den chaldäischen Reitern bei Jericho eingeholt worden, als er nicht weit vom Jordan war, dessen Uebergang ihm hätte Rettung bringen können142. Während der Rest der Krieger, der noch um ihn war, bei der Annäherung der chaldäischen Verfolger sich zerstreute und über den Jordan setzte oder sonst wo einen Schlupfwinkel aufsuchte, geriethen Zedekia, seine Söhne und einige Edle in die Gewalt des Feindes und wurden weit, weit vom Vaterlande hinweggeführt bis nach Ribla, wo Nebukadnezar weilte. Dieser entlud mit Recht seinen ganzen Zorn auf ihn wegen seines Treu- und Eidbruches. Aber die Züchtigung, die er über ihn verhängte, war grausam. Wenn je ein König, so verdiente Zedekia Nachsicht, weil er ein willenloses Werkzeug gewesen war. Nebukadnezar ließ ohne Rücksicht Zedekia's Söhne und sämmtliche prinzliche Verwandten vor seinen Augen hinrichten, und dann ließ er ihn blenden. Geblendet und gefesselt wurde er zuletzt nach Babel verbannt; er hat wohl seine Schmerzen nicht lange überlebt.

Was sollte aus der Stadt Jerusalem werden? Sie war ein Leichenhaus geworden; »alle ihre Thore und Versammlungsplätze waren verödet, ihre Wege trauernd«143. Aber sie stand noch; die Feldherren, welche sie erobert hatten, hatten keinen Auftrag für ihr Geschick. Nebukadnezar selbst scheint Anfangs unschlüssig darüber gewesen zu sein. Das Land Juda wollte er keineswegs in eine Wüste verwandelt wissen, da er es für einen Krieg gegen Aegypten, wofür er jetzt noch mehr entbrannt war, nicht entbehren konnte. Ein Land ohne Stützpunkt einer größeren Stadt hätte sich nicht behaupten können. Es [362] sprach also Manches für die Erhaltung Jerusalems. Auf der andern Seike schien es gefährlich, die rebellische Stadt fortbestehen zu lassen. Wer sollte für ihre Treue in der Zukunft Bürgschaft leisten? Diese Betrachtung überwog, und in Folge dessen sandte Nebukadnezar den Obersten seiner Leibwache, Nebusaradan, mit dem Auftrage Jerusalem zu zerstören. Sofort drängten sich die haßerfüllten idumäischen Großen an ihn, um ihn zu entflammen, die Zerstörung ohne Schonung zu vollstrecken. »Zerstöret, zerstöret sie bis auf den Grund«, sprachen sie144. So ertheilte Nebusaradan den Befehl, die Mauern niederzureißen, den Tempel, die Paläste und alle schönen Häuser zu verbrennen, und der Befehl wurde gewissenhaft ausgeführt (10. Ab = August 586145. Die noch übrig gebliebenen Schätze des Tempels, die kunstvoll gearbeiteten ehernen Säulen, das eherne Meer, die Wasserwagen aus Erz, die Opfer-Schalen aus Gold und Silber, die musikalischen Instrumente, alles, alles wurde in Stücke zertrümmert und nach Babylon gebracht. Jerusalem war ein Trümmerhaufen geworden und der Tempelberg die Anlage für eine Waldhöhe, wie es nicht bloß Jeremia und Ezechiel zuletzt, sondern der Prophet Micha hundert und vierzig Jahre vorher verkündet hatten.

Keine der völkerbeherrschenden Großstädte, welche von der Spitze ihres Glanzes in den Staub gesunken sind, ist in ihrem Untergange so verherrlicht worden, wie Jerusalem. Die Poesie hat ihr schmerzensreiches Geschick in Klageliedern, Psalmen und Gebeten mit so rührenden Tönen geschildert, daß ihr jedes weichgestimmte Herz noch heute nicht das Mitgefühl versagen kann. Die Poesie hat um ihr Haupt eine Märtyrerkrone gewunden, die sich in einen Strahlenkranz umwandelte. War es Jeremia, der zuerst auf den Trümmern Jerusalems ein Klagelied ausgehaucht hat, oder war es sein Jünger Baruch? Haben dann noch zwei oder drei Dichter den Trauergesang fortgesetzt? Diese Frage wird wohl niemals beantwortet werden können. Sicher ist es, daß die erhaltenen vier Klagelieder um den ersten Sturz der judäischen Hauptstadt nicht von einem einzigen Dichter herrühren, und nicht den gleichen Inhalt haben, sondern die aufeinanderfolgenden vier Leidensstationen bejammern. – Alle diese Klagelieder haben eine eigene Form, die Reihe der Verse folgt in alphabetischer Ordnung aufeinander146.

[363] Das erste Klagelied ist unmittelbar nach der Einnahme Jerusalems gedichtet. Die Stadt bestand noch, die Mauern, die Paläste, der Tempel waren noch nicht zerstört, aber sie waren bereits ihrer Bewohner und ihrer Freuden beraubt:


»O, wie sitzt sie so einsam die volkreiche Stadt!

Sie ist einer Wittwe gleich geworden.

Die große unter den Völkern,

Die Fürstin unter den Ländern

Ist zur Frohnsklavin geworden.

Sie weint bitterlich in der Nacht,

Und ihre Thränen auf ihre Wangen.

Sie hat keinen Tröster unter allen ihren Freunden,

Alle ihre Genossen haben treulos an ihr gehandelt,

Sind ihre Feinde geworden!«


Dieses Klagelied beweint am meisten die Verlassenheit Jerusalems; ihr größter Schmerz ist die Treulosigkeit ihrer Bundesgenossen, die jetzt Schadenfreude an ihrem Fall empfinden.


»Zion bricht die Hände, sie hat keine Tröster«.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Höret es alle Völker und sehet meinen Schmerz.

Meine Jungfrauen und meine Jünglinge sind in Gefangenschaft gewandert.

Ich rief meine Freunde, und sie täuschten mich,

Meine Priester und Aeltesten vergingen in der Stadt«147.


Das zweite Klagelied trauert mehr über die Zerstörung der Stadt und der Mauern, ganz besonders aber über den Untergang des Heiligthums.


»O, wie hat der Herr in seinem Zorne die Tochter Zions verwüstet!

Er hat vom Himmel zur Erde Israels Pracht geschleudert,

Und nicht seines Fußes Schemel gedacht.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Er hat die Seinigen Alle aufgegeben, sein Heiligthum umgestürzt,

Hat in die Hand der Feinde ihre Burgen und Thürme überliefert,

Sie erhoben im Tempel des Herrn eine Stimme wie an einem Schlachttag«148.


Das dritte Klagelied bejammert den Untergang alles Edeln durch die schleichende Hungersnoth und die Hoffnungslosigkeit für den Ueberrest durch die Gefangennahme des Königs.


[364] »O, wie ist das Gold verdunkelt, verwandelt das edle Metall,

Hingeworfen die heiligen Steine an der Spitze aller Straßen!

Die theuren Söhne Zions, die mit Gold aufgewogenen,

Wie sind sie irdenen Schläuchen gleich geworden,

Dem Werke von Töpferhand!

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Größer war die Strafe meines Volkes als die Sodom's,

Das doch in einem Augenblick unterging,

Und die Hände sind nicht ermattet in ihr.«

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Leichter waren unsere Verfolger als des Himmels Adler,

Auf Bergen haben sie uns verfolgt,

In der Wuste uns aufgelauert.

Der Odem unsres Lebens, der Gesalbte des Herrn,

Wurde in ihren Netzen gefangen,

In dessen Schatten wir unter den Völkern zu leben gedachten«149.


Die ganze Tiefe des brennenden Schmerzes hat ein Levite aus der Sängerfamilie der Aßaphiden, der ebenfalls in Fesseln geschlagen war, in wenigen Zügen vergegenwärtigt:


»O Gott, Völker sind in dein Erbe eingedrungen,

Haben deinen heiligen Tempel verunreinigt,

Haben Jerusalem zum Trümmerhaufen gemacht.

Die Leichen deiner Knechte haben sie den Vögeln des Himmels,

Das Fleisch deiner Frommen den Thieren des Feldes preisgegeben

Vergossen haben sie ihr Blut wie Wasser rings um Jerusalem,

Und Keiner war da, zu begraben!

Wir wurden zur Schmach für unsre Umgebung.

Zum Spott und zum Schimpf für unsre Umgebung,

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Warum sollen die Völker sagen dürfen:

›Wo ist denn ihr Gott‹?

Möge vor unseren Augen die Rache für das vergossene

Blut deiner Knechte bekannt werden!

Möge vor dich das Gestöhne der Gefesselten kommen.

Nach der Macht deines Armes laß die dem Tode Geweihten überleben!

Und erwidere unsern Nachbarn siebenfach in ihren Schooß

Die Schmähung, mit der sie dich schmähen!

Und wir dein Volk, die Heerde deiner Weide,

Wollen dich ewig preisen,

Von Geschlecht zu Geschlecht deinen Ruhm erzählen«150.


Alles hatte das Volk verloren, nur die Hoffnung nicht.


Fußnoten

1 Könige II, 24, 17 fg.; Jeremia 37, 1.


2 Ezechiel 17, 13


3 Das. V. 6. Die syrische Version verbindet passend V. 13 und 14 das. הכלממ תויחל חקל ץראה יליא תאו הלפש, er führte die Großen des Landes hinweg, damit es ein niedriges Reich sei.


4 Folgt aus Jeremia 34, 7. Klagelieder 2, 2. 5 u. a St


5 Ezechiel 17, 5-6.


6 Klaglieder 4, 2. 5.


7 Das. 1. 1; 4, 12 und Ps. 48, 3.


8 Ps. 125, 2.


9 Jesaia 5, 9; 32, 13. K. II, 25, 9


10 Ezechiel 27, 17. Richtig erklärt Movers Phönicier II, 3, S. 209 den Namen תינמ יטח, als guten Weizen, wie er in der ammonitischen Stadt Minnit angebaut zu werden pflegte.


11 Vergl. Jesaia 28, 24 fg.; 5, 1 fg.; 25, 6. Kunstgärtner hießen םימרכ [khormim] Könige II, 25, 12 und Parallele. Folglich waren םיבגי das. geübte Getreide bauer, verschieden von םירכא [ikarim], den einfachen Bauern.


12 Jesaia 30, 25. Ps. 1, 3; 65, 10. Klagelieder 3, 48. Sprüche 5, 16 21, 1 םימ יגלפ; Ezechiel 31, 4 תולעת.


13 Folgt aus Ezechiel 26, 2


14 Könige II, 24, 14 und Parallele. רגסמו שרח waren Waffenschmiede und Festungsbauer. Jesaia 33, 18 ist vielleicht statt רפס היא [sofer], was keinen rechten Sinn giebt: רגס היא [soger], »wo ist der Festungsbauer?« zu lesen [In den Einendationes ist dieser Vorschlag zurückgezogen]. – וק Meßschnur und תלקשמ Bleiloth kommt oft vor; Amos 6, 7. ךנא bedeutet ebenfalls Bleiloth, העוצקמ Winkelmaaß, nicht Hobel (Jesaia 44, 13).


15 Hosea 13, 2: השעמ םיבצע םנובתכ הכסמ םדל ושעיו םישרח, wo das Wort םנובתכ entweder gleich םתנובתכ (Ps. 78, 72) bedeuten kann: »nach ihrer Kunstfertigkeit« oder wie die alten Versionen es wiedergeben, gleich םתנומתכ, »nach ihrer Gestalt« in Menschengröße. םיבצע, Sing. בצע, bedeutet kunstgerecht und mit Sorgfalt verfertigte Bildnisse. Davon ist ein Verbum gebildet בצע [itzev], kunstvoll bilden (Hiob, 10, 8) und ביצעה »vergöttern« (Jeremia 44, 19).


16 Vgl. o. S. 188.


17 Vgl. Jesaia 29, 11: רפס עדוי; Hab. 2, 2: ןוזח בותכ וב ארק ץורי ןעמל תוחלה לע ראבו . Jesaia 8, 1: שונא טרח. Ezechiel 9, 2. 3: רפסה תסק. Vergl. Hiob 19, 23-24 u. 31, 35.


18 Jesaia 9, 9; 28, 14-15; Jeremia 31, 28. Ezechiel 18, 2 הניהקת םינב ינשו רסב ולכא תובא


19 Jeremia 9, 16.


20 Amos 4, 1. Jesaia 3, 12. 16 fg. Jeremia 44, 15 fg.


21 O. S. 54.


22 O S. 314.


23 Das. S. 241.


24 Sprüche 31. 10 fg.


25 Jeremia 30, 19; 31, 3-4. 12; 16, 9; 25, 10.


26 Jesaia 22, 2; 32, 13.


27 Das. 24, 8-9. Jeremia 6, 11: םירוחב דוס; 15, 17: דוס זלעאו םיקחשמ; Klagelieder 5, 14: םתניגנמ םירוחב; Ps. 1, 1: םיצל בשומ.


28 Zacharia 12, 3 הסמעמ ןבא. Dazu bemerkt Hieronymus, welcher in Palästina lebte, folgendes: Mos est in urbibus Palaestinae et usque hodie per omnem Judaeam vetus servatur, ut in viculis, oppidis et castellis rotundi lapides gravissimi ponderis, ad quos juvenes exercere se soleant et eos pro varictate virium sublevare, alii ad genua, alii ad umbilicum, alii ad humeros et caput, nonnulli junctisque manibus magnitudinem virium demonstrantes pondus extollant.


29 Jeremia 5, 4-5.


30 Das. 4, 22; 8, 8-9.


31 Das. 8, 8 fg.



32 Das. 9, 22.


33 Folgt aus Zacharia 12, 2. 7; 14, 12.


34 Daher werden Jerem. 34, 19 die הדוהי ירש von den םלשורי ירש unterschieden.


35 Ps. 12 scheint dem Inhalt und der Sprachfärbung nach der Zeit kurz vor dem Exile anzugehören. Parallele dazu bietet Jeremia 9, 2: םתשק םנושל תא וכרדיו ץראב ורבג הנומאל אלו רקש; ferner 5, 1.


36 Könige II, 25, 19; Jeremia 52, 25: ךלמה ינפ יארמ. Die Zahl schwankt zwischen 5 und 7 solcher Bevorzugten.


37 Könige II, 23, 11; 24, 15; Jeremia 34, 19; 41, 16; 38, 7 fg.


38 Könige II, 24, 15; Jeremia 38, 22.

39 Folgt aus Jer. 21, 12 fg, 22, 2 fg; 26, 10 fg. Dabei wird stets ךלמה תיב genannt, oder der Plural הדוהי יכלמ gebraucht, ebenso das. 17, 20; 19, 3. 13, trotzdem nur ein König war, darunter sind ohne Zweifel die Prinzen zu verstehen. Als solche werden genannt לאמחרי ךלמה ןב, Jeremia 36, 26, unter Jojakim, ךלמה ןב והיכלמ unter Zedekia, das. 38, 6. Es scheinen mehrere Gerichtsthrone zugleich aufgestellt gewesen zu sein, Ps. 122, 5: דוד תיבל תואסכ טפשמל תואסכ ובשי המש יכ


40 Klagelieder 4, 7: היריזנ kann sich dem Zusammenhange nach nur auf Prinzen beziehen, vgl. ויחא ריזנ.


41 Jeremia 38, 1; 21, 1, wo הימלש ןב לכוי fehlt, welcher 37, 3 genannt wird, hier ist aber wieder ןב רוחשפ היכלמ ausgelassen.


42 Ezechiel 11, 1. Die das. erwähnten 25 Mann ער תצע םיצעיהו ןוא םיבשחה und deren zwei Führer Jaasanjah und Pelatja, welche םעה ירש genannt werden, sind dieselben 25 Mann, welche das. 8, 16 als Sonnenanbeter bezeichnet werden.


43 Jeremia 38, 5.


44 Ezechiel 29, 7, vgl. V. 16.


45 Brugsch, histoire d'Égypte, p. 255 fg [Meyer, Gesch. d. Alterth. I., 562 f. 593. 601]. Vgl. Ezechiel das. V. 10.

46 Ezechiel 17, 15. 17.


47 Das. 8, 10-11. Von diesen 70 Angesehenen ist auch die Rede das 9, 6. Daß auch Ahroniden darunter waren, folgt aus diesem V. ולחת ישדקממו, wofür LXX die L.-A. haben: ἀπὸ τῶν ἁγίων μου ἄρξασϑε also ישדקממ [mimequdashai] »von meinen Geheiligten, den Priestern, fanget an zu vertilgen« weil auch sie so gesunken waren, ägyptische Thierbilder zu verehren [In den Emendationes wiederholt der Vf. den Vorschlag nicht. Auch die Neueren, v. Orelli, Cornill, Bertholet folgen dem masor. Text].


48 Jeremia 29, 1; Ezech. 17, 15.


49 Jeremia 28, 4.


50 Das. 27, 9. 14. 16.


51 Das. 29, 8. 15 fg. Ezech. 13, 1 fg.


52 Jeremia 29, 21 fg.


53 Das. 29, 24 fg.


54 Jeremia 27, 1 fg. Die Ueberschrift lautet zwar םיקיוהי תכלממ תישארב, allein es muß offenbar dafür היקדצ gelesen werden, wie aus v.v. 3. 12. 20 fg. und 28, 1 hervorgeht; vergl. B. I, S. 470 [S. auch v. Orelli u. Duhm z. St.]. Die Zeit dieser Gesandtschaft ist 28, 1 gegeben; im vierten Jahre Zedekia's. Das. 51, 59 ist zwar angegeben, daß Zedekia selbst in diesem Jahre nach Babel gereist sei; allein es ist an sich undenkbar, daß dieser König die weite Reise gemacht hätte; daher empfiehlt sich die L.-A. der LXX ἐπορεύετο παρὰ Σεδεκίου d.h. היקדצ תאמ ותכלב , so daß lediglich Seraja als Gesandter von Zedekia mit Huldigungsgeschenken nach Babel gereist wäre. Seraja wär nämlich רש החנמ [sar mincha], nach LXX ἄρχων δωρῶν statt רש החונמ (woraus die Ausll. einen Reisemarschall gemacht haben). Das Datum der Reise des Seraja wird aber durch die L.-A. der Peschito zweifelhaft; sie hat dafür ארסע דח תנשב, im elften Jahre des Zedekia, d.h. zur Zeit der Verbannung dieses Königs. Dafür spricht auch der Inhalt des Briefes, den Jeremia mitgegeben hat, V. 60 fg. [Die genannten Ausleger dagegen meinen, daß Zedekia, eben um sich zu rechtfertigen, gerade in diesem Jahre nach Babel gereist sei].


55 Jeremia 49, 34 fg. enthält eine Strafandrohung gegen Elam und zwar aus der »ersten Zeit der Regierung Zedekia's«. Dieselbe Zeitangabe kommt auch das. 27, 1 vor, und bedeutet das vierte Jahr Zedekia s o. 335 Note. V. 49, 37 sagt aus: Elam wird gebrochen werden vor den Feinden und denen, welche ihm nachtrachten, םשפנ ישקבמ ינפלו םהיביא ונפל; diesen Ausdruck gebraucht Jeremia öfter, um Nebukadnezar zu bezeichnen, 21, 7; 22, 25; 34, 20-21; 44, 30; 46, 26. Dieser Vers will also sagen, daß Nebukadnezar Elam besiegen und es zerstreuen werde. G. Rawlinson, the five monarchies III, p. 245 fg., nimmt ohne Weiteres an, daß Elam oder Susiana zum babylonischen Reiche gehört habe, ohne dafür einen historischen Beweis anführen zu können. Man kann es aber aus der: Umstand folgern, daß, da das von Juda so weit abliegende Land dem Gesichtskreise des Propheten so nahe lag, wie Aegypten, Tyrus und die Nachbarländer Juda's, wenn auch nur nominell, zu Babylonien und nicht zu Medien gehört haben muß. [Vgl. jetzt Meyer a.a.O. I, S. 560].


56 M. Dunker (Gesch. des Alterthum's II, S. 470) hat es wahrscheinlich gemacht, daß der Bau der medischen Mauer, welche die Sage der Semiramis, d.h. der Nitokris, Nebukadnezar's Frau, zuschreibt, von Nebukadnezar stammt. [Vgl. Meyer a.a.O. I, S. 588 f.]


57 Jeremia Kap. 27.


58 Das. Kap. 28.


59 Das. 29, 1 fg.


60 Das. V. 21.


61 Das. 23, 33 fg. Daß das Wort אשמ [masa], welches das Volk, die Priester und Propheten Jeremia zuriefen, eine ironische Bedeutung haben sollte, folgt aus V. 36: םייה םיהלא ירבד תא םתכפהו. Das Wortspiel in der Antwort liegt in םכתא יתישני [jenashiti...] das, nach V. 39, auch zu V. 33 ergänzt werden muß. Man braucht nicht nach LXX zu der unsinnigen L.-A יתאשנו [wenasati] Zuflucht zu nehmen, da ישנ auch einfach gleich שטנ, »preisgeben« bedeutet. Möglich, daß die Gegner geflissentlich das Wort אשמ »Prophezeiung« ausgesprochen haben אשמ [masha], »Darlehnsschuld«. Dann paßt das Wortspiel יתישני noch besser. Sinnlos ist es, das Wort אשמ als »Hochspruch« zu erklären.


62 Das. 29, 25 fg.


63 Das. 23, 9 fg.


64 Der Abfall Zedekia's von Nebukadnezar wird gewöhnlich kurz vor die kriegerische Unternehmung des Letzteren gegen Juda angesetzt, d.h. in Zedekia's neuntes oder frühestens achtes Jahr. Das ist aber entschieden falsch. Denn aus Ezechiel's Rede geht hervor, daß der Abfall bereits in Zedekia's sechstem Jahre ein Factum war, und daß Nebukadnezar in dessen siebentem Jahre bereits den Kriegszug angetreten und Loose geworfen hatte, ob er zuerst Juda oder Ammon angreifen solle; vergl. darüber Frankel-Graetz, Monatsschrift, Ig. 1874, S. 524 fg.


65 Klagelieder 4, 12.


66 Jesaia 31, 5.

67 Joël 3, 5.


68 Jesaia, 4, 3.


69 Zephanja 3, 12.


70 Ps. 87. Ueber die Bedeutung dieses dunkeln Ps. vergl. Monatsschrift, Ig. 1874, S. 8. Das Exegetische wird an einer andern Stelle auseinandergesetzt werden. Daß dieser Ps. dieser Zeit angehört, folgt daraus, daß Aegypten und Babel לבבו בהר V. 3 zuerst aufgezählt werden, sie waren also damals Großstaaten. Babel wurde aber erst unter Nebukadnezar Großmacht. Folglich fällt die Abfassung desselben in dessen Zeit, weder früher, noch später, da doch auch der Bestand Zions vorausgesetzt wird.


71 Ezechiel 11, 1-3.


72 Vgl. o. S. 304.


73 Ezechiel 21, 23 fg. Dieses Stück gehört nach 20, 1 zum siebenten Jahre Zedekia's; die Belagerung Jerusalem's begann aber erst im neunten Jahre.


74 S. o. S. 335. Es folgt auch aus Ezechiel 12, 14, wo von Zedekia gesagt wird: הרזא ויפגא לכו הרזע [esra...], er hatte also Hülfsvölker.


75 Ezechiel 21, 28; Jeremia 40, 14. Baalis' Feindseligkeit gegen Gedalja war lediglich gegen die Chaldäer gerichtet.


76 In den Klageliedern wird öfter hervorgehoben, daß Jerusalem's Freunde es in letzter Stunde verlassen, verrathen und noch dazu Schadenfreude über seinen Untergang empfunden haben. Diese Anklage bezieht sich zunächst auf Edom das. 4, 21fg.; Ezech. 25, 12. Aber auch die Philister empfanden Schadenfreude Ez. das. 16 und ebenso Ammon und Tyrus das. 25, 2. 8 fg.; 26, 2 fg. Alle diese Völkerschaften gehörten also früher zu den Freunden Jerusalems, über welche Klagelieder 1, 2 geklagt wird: הל ויה הב ודגב היער לכ םיביאל.


77 Ezechiel 17, 15. Jeremia 37, 5 fg.


78 Ezechiel 12, 22 fg.


79 Ezechiel 13, 17 fg. תותסכ das. V. 18. 20, Pl. von תסכ, wie תותשק von תשק, bedeuten dasselbe wie das neuhebr. תסכ »Kissen, Polster«. תיחפסמ das. ist, wie Ewald diesmal richtig getroffen hat, תוחפטמ »Hüllen«, V. 20 ist das erste תוחרפל dittographirt vom Folgenden [So auch Benzinger z. St.]. תוחרפ bedeutet allerdings wie im Syrischen »Vögel«, aber der Sinn von תוחרפל תושפנה תא יתחלשו kann nur sein: »ich werde die Personen zur Freiheit senden, frei machen« (von dem Zauber der Weissagerinnen). Analogie dafür ist ארק רורד (da רורד ebenfalls »Vogel« bedeutet) und חלש ישפחל.



80 Ezechiel's Lebenszeit läßt sich durch die Momente bestimmen, daß er im Beginn seiner prophetischen Thätigkeit im fünften Jahre seit Jojachin's Verbannung, 1, 2, im Jahre 592 bereits im Mannesalter stand, und nach 29, 17 noch 20 [22] Jahre später, 572 [570] prophezeit hat.


81 Das. 33, 31 fg.


82 Ueber למשח s.B. I, S. 369.


83 Ezechiel 1, 3. 15. In der Schilderung des Gesichtes ist Manches dunkel. Der dunkle V. 1, 27 ist aber leicht nach der Parallele 8, 2 zu erklären: תומד הנהו הארמכ הלעמלו וינתממו שא הטמלו וינתמ הארממ :שא הארמכ הלמשחה ןיעכ רהזה Also muß auch in 1, 27 gelesen werden: וינתמ הארממ ביבס ול רהז שא הארמכ למשחה ןיעכ הלעמלו, also רהז statt תיב. Dann braucht man nicht zu der sinnlosen Erklärung zu greisen תיב gleich עיב »etwas Weißes«. [In den Emendationes schlägt der Vf. vor: הלעמלו וינתמ הארממ, ביבס הל תיבמ שא הארמכו ['וגו הארממו, רהז [..mibait..sohar..]


84 Vgl. Frankel-Graetz, Monatsschrift, Ig 1874, S. 521 fg.


85 Ezechiel 8, 1.

86 Ezechiel Kap. 27.


87 Das. Kap. 31.


88 Das. 11, 19 fg.; 18, 31 u.a. St.


89 Das. 36, 25 fg.


90 Das. 8, 17. םפא לא הרומזה תא םיחלש םנהו. Statt לא םפא deutet die Massora die L.-A. יפא לא an (nämlich als םירפוס ןוקת), d.h. also »sie stecken die Weinruthe in meine Nase«, mir in's Gesicht. Die Aufzählung der Abscheulichkeiten in diesem Abschnitt bildet eine Klimax, und die letzte wird als die höchste Stufe bezeichnet; ונסיעכהל ובושיו... תובעותה תא תושעמ... לקנה הרומזה תא םיחלש םנהו. Folglich kann diese Verkehrtheit nicht so Unbedeutendes, etwa mantische Reiserbündel, den Barfom, bedeuten, sondern etwas höchst Schandbares (vergl. o. S. 299 und Monatsschr. Ig. 1874, S. 443).


91 Das. 10, 4. 18.


92 Das. 10, 19; 11, 23-24.


93 Das. 9, 9 fg. V. 9 ist הטמ unverständlich, es kann nicht »Rechtsverdrehung« bedeuten [So dennoch z.B. v. Orelli, Benzinger u. A.]. LXX haben dafür zweierlei Uebersetzungen (eine ein Glossem): ἡ πόλις ἐπλἡσϑƞ ἀδικίας καὶ ἀκαϑαρσίας, d.h. האמט [tima].


94 Das. 11, 15 fg. Statt ךתלאג ישנא haben LXX αἰχμαλωσία und Peschito ךתיבשד, d.h. ךתולג ישנא [So auch Ewald, Cornill u. A.]. V. 15b ist: 'ה לעמ וקחר nicht verständlich. Man muß wohl dafür lesen לעמ הדוהי. Vgl. dagegen Benzinger z. St.] V. 16 haben LXX statt יהאו [waʼehi] das Futur. ἔσομαι = יהא


95 O. S. 341.


96 Ezechiel 12, 3 fg. Dieser Passus ist von sämmtlichen Auslegern verkannt worden. V. 3 bezieht sich auf das Volk und das Symbol wird V. 11 erklärt; V. 4-5 dagegen bezieht sich auf den »König« und wird in V. 12 erlautert. [Aehnlich Cornill u. Benzinger z. St.]


97 Das. 14, 1.


98 Vgl. das. 33, 30 fg.


99 Das. 14, 3 fg.


100 Das. 15, 1 fg.


101 Ezechiel 16, 1 fg.


102 Das. 17 1, fg. V. 17. עישוי statt השעי


103 Kap. 19 und 21


104 Das. 21, 1 fg.


105 Das. 21, 24 fg. S. o. S. 340, Anmerk 1.

106 Vergl. o. S. 342. Jeremia 35, 11, wo statt ליח ינפמ םרא gelesen werden muß םודא ליח [Vgl. dagegen v. Orelli und Duhm, die an der L.-A. םרא festhalten].


107 Klagelieder 4, 17, was sich offenbar auf Aegypten bezieht. [So auch Oettli z. St.]


108 Jeremia 34, 7.


109 Könige II, 25, 1; Jeremia 39, 1; 52, 4; Ezechiel 24, 1 fg.


110 Jeremia 35, 2 fg. Die Ueberschrift V. 1 ימיב םיקיוהי muß emendirt werden in היקדצ ימיב 27, 1. Denn nach V. 35, 11 geschah dieses während Nebukadnezar's Belagerung, und diese fand doch erst in Zedekia's Zeit statt.


111 Könige II, 25, 19 und Parallele Jeremia.


112 Jeremia 37, 4.


113 Wenn das. 21, 9 erzählt wird, er habe den Einzelnen den Uebertritt zum Feinde gerathen, so war dieses bereits, nach der Parallelstelle, 38, 1 fg., in dem Stadium der Belagerung, als die Hungersnoth bereits gewütet hatte.


114 Das. 21, 12; 22, 1 fg.


115 Jeremia 17, 19 fg. Diese Rede kann nur während der Belagerung gehalten worden sein. Denn V. 26 תיב הדות... הלע םיאיבמ... םלשורי תוביבסמו הדוהי ירעמ ואבו 'ה, setzt voraus, daß die in der nächsten Umgebung Jerusalems nicht dahin zum Opfern kommen konnten, was doch lediglich in Folge der Belagerung vorgekommen sein kann.


116 Das. 34, 8. 10. 15. 19.


117 Die Zeit des Zuges Apries' gegen Nebukadnezar (Jer. 37, 5. 7) läßt sich aus folgenden Momenten fixiren. Jeremia wurde noch im zehnten Jahre Zedekia's in Mattara eingesperrt (das. 32, 1-2). Diese Haft erfolgte erst einige Zeit nach dem Abzug der Chaldäer oder ihrem Zug gegen das ägyptische Heer (das. 37, 11 fg. 21). Folglich rückte das ägyptische Heer noch im zehnten Jahre Zedekia's aus. In demselben Jahre im zehnten Monat bedrohte Ezechiel Aegypten mit Untergang wegen seiner eitlen Vorspiegelung von Hülfe für Juda (Ezech. 29, 1 fg.). Drei Monate später, im ersten Monat des elften Jahres Zedekia's wußte Ezechiel bereits, daß Pharao eine Niederlage gegen Nebukadnezar erlitten hatte (das. 30, 21): עורז תא יתרבש םירצמ ךלמ הערפ und V. 22: תא ויתערז תא יתרבשו תרבשנה תאו הקזחה, d.h. also ein Arm Pharao's ist bereits gebrochen, er hat bereits eine Niederlage erlitten. Folglich fand der Digressionszug Apries' gegen Nebukadnezar zwischen dem elften und zwölften Monate des zehnten Jahres Zedekia's, d.h. Ende Winter oder Anfangs Frühjahr 586, statt Es folgt auch daraus, daß Jeremia nur etwa 4-5 Monate in Mattara in Haft war, nämlich vom elften Monate des zehnten Jahres bis zum vierten Monate des elften Jahres Zedekia's.


118 Das. 34, 16.


119 Das. 37, 7 fg.; Dasselbe auch 21, 1 fg.


120 Das. 37, 11 fg. V. 15b. אלכה תיבל ושע והוא יכ ist nicht leicht verständlich; es ist doch eigentlich gleichgültig, ob sie die Cisternen des Jonathan zum Kerker gemacht haben. Die syr. Version hat dafür eine bessere Lesart: אריסא הידבע הלד לוטמ d.h. אלכד ברל ושע והוא ; ihn, den Jonathan, hatten die Fürsten zum Kerkermeister gemacht, um Jeremia zu überwachen. V. 16 ist noch dunkler. Dieselbe Version hat dafür יהוימראי אבוגל אבוג תוכ ןמ אימראל; die L.-A. der LXX χερέϑ statt תוינח erinnert an תוארחמ, Könige II, 10, 27, und das wäre »Kloake«. Ueber die Zeit o. S. 354, Anmerk 3, und weiter unten.


121 Klagelied 3, das unstreitig von Jeremia stammt, ist noch vor der Tempelzerstörung gedichtet. Denn die Klagen beziehen sich auf die eigenen Leiden. V. 48 ימע תב רבש beweist nichts dagegen. Diesen Ausdruck gebrauchte Jeremia noch vor der Katastrophe wegen des gewiß bevorstehenden Elends. Vergl. Jer. 8, 21 u.a. St.

122 Folgt aus Ezech. o. S. 354, Anmerk. 3.


123 Jer. 37, 17 fg. Ueber die Dauer der Haft in Mattara vgl. o. S. 354 Anmerk. 3. Im Kerker des Jonathan blieb er nur םיבר םימי; nehmen wir das Höchste, einen Monat, an, denn länger hätte er es in diesem ungesunden Loch wohl nicht aushalten können. In Mattara blieb er, bis kein Brod mehr in der Stadt war (Jeremia 38, 9), das Brod hörte ganz auf im Monat Tammus (Kön. II 25, 2 u. Parallete). Folglich war Jeremia in Mattara etwa von Nißan bis Tammus, wahrscheinlich schon von Adar an, nach Jeremia 32, 1 fg.


124 Folgt aus Jeremia 32, 12.


125 Jeremia 32, 7 fg.


126 Das. Kap. 33.


127 Klagelieder 2, 11-12.


128 Das. 4, 5 fg.


129 Das. 1, 11; vgl. Ezechiel 7, 19.


130 Klagelieder 2, 20; 4, 10.


131 Ezech. 21, 8 fg.; 38, 1 fg. Aus V 16 folgt, daß Zedekia ihm nicht mehr Leid's zufügen ließ.


132 Das. 38, 14 fg. 'ה תיבב רשא ישילשה אבמ scheint nicht richtig zu sein; denn um eine geheime Unterredung mit Jeremia zu haben, brauchte er sich nicht mit ihm vom Palast in den Tempel zu begeben [Vgl. auch Duhm z. St.].


133 Die Namen der Chaldäischen Eroberer Jerusalems kommen nur Jeremia 39, 3 fg. vor, fehlen aber in den Parallelstellen das. 52 und Könige II, 25. Die Namen sind auch verstümmelt, gesichert ist nur לגרנ גמ בר רצארש, auch 39, 13 erwähnt. Hier wird aber zwischen Nebusaradan und Nergal-Scharezer ein Dritter genannt: סירס בר ןבזשובנ; dafür steht V. 3 סירס בר םיכסרש. Beide Namen müssen sich also decken, und einer ist jedenfalls verstümmelt. Vor םיכסרש fehlt aber entschieden der Götzenname ובנ, welcher irrthümlich zu ובנ-רגמס gezogen wurde. Der volle Name muß also lauten םיכסרש ובנ. Da ז und ר ursprünglich gleiche Figuren hatten, so bleibt die Wahl zwischen ...זשובנ oder ...רשובנ. Von dem zweimal in V. 3 vorkommenden Namen רצארש לגרנ ist einer gewiß dittographirt und hinter רגמס fehlt der Würdennamen [Vgl. auch Duhm z. St.].


134 Klagelieder 1, 15. 18. 2, 21.


135 Klagelieder 5, 11.


136 Das. 2, 7. 20.


137 Das. 4, 19. Obadja 1, 11.


138 Klagelieder 1, 3. 6.


139 Jeremia 52, 24 fg. u. Parall. 40, 1.


140 Jeremia 40, 1 ist ausdrücklich angegeben, daß Jeremia und viele Andere aus Jerusalem und vom Lande, welche nach Babylon transportirt werden sollten, in Rama weilten. הלבב םילגמה bedeutet nicht »die Verbannten,« wie Ewald sinnlos übersetzt, sondern »die zu Verbannenden.« Aus Rama hat Nebusaradan Jeremia entlassen. Daß Rama in dieser Zeit eine Rolle spielte, folgt auch aus 31, 14; vgl. Monatsschrift, Ig. 1872, S. 65 fg. Wenn es aber 39, 14 im Widerspruch damit heißt, daß die chaldäischen Feldherren vom Hofe Mattara aus Jeremia dem Gedalja übergeben haben, mit dem Zusatze תיבה לא והאצוהל, so ist dieser Zusatz durchaus unverständlich, es kann unmöglich bedeuten: um ihn wegzunehmen aus dem Hause oder Aehnliches. Der V. erhält nur Sinn, wenn man statt תיבה setzt המרה, eine kühne, aber nothwendige Emendation. [Vgl. dagegen Duhm z. St.] Dadurch ist alles verständlich. Gedalja hatte von Anfang an die Ueberwachung der Gefangenen erhalten und hat sie bis auf weitere Ordre provisorisch nach einem gesünderen Orte, nach Rama, bringen lassen.


141 Klagelied 4, 20.


142 Jeremia 39, 5 und Parallele auch für das Folgende. וחרי תוברע bedeutet die Sandfläche zwischen Jericho und dem Jordan.


143 Klagelied 1, 4.


144 Ps. 137, 7.


145 Jeremia 52, 12 fg. In der Parallelst. Könige II, 25, 8 fg. ist statt des zehnten der siebente Tag angegeben, ohne Zweifel ein Fehler durch Buchstabenverwechselung. Die Peschito hat אתעשתב, am neunten.


146 Hier möge kurz der Nachweis geführt werden, daß die drei Klagelieder 1, 2 und 4 nicht aus derselben Zeit stammen. In 1 ist noch keine Erwähnung von der Tempelzerstörung, im Gegentheil, der Bestand Zions wird noch vorausgesetzt (V. 4), ebenso des Tempels (V. 10). In 2 dagegen wird über die Zerstörung des Tempels besonders geklagt (V. 1. 2. 6. 7). Kap. 4 klagt nicht mehr über die Zerstörung, sondern über die Hetzjagd gegen die Flüchtlinge (V. 19), über die Gefangenschaft Zedekia's (V. 20). Kap. 3, das unzweifelhaft Jeremia angehört, ist noch vor der Zerstörung gedichtet, vgl. o. S. 356, und Klagelied 5 gehört in viel spätere Zeit, als bereits Schakale sich auf dem Berge Zion getummelt hatten (V. 18). Die Jeremianische Autorschaft der Klagelieder 1, 2, 4 läßt sich weder beweisen, noch durchaus negiren. Nur Kap. 5 kann ihm nicht angehören.

147 Klagelied 1, 2. 17 fg.


148 Das. 2, 1. 6 fg.


149 Das. 4, 1. 6. 19-20.


150 Ps. 79. Ohne einen Schein von Beweis setzen einige Ausll. diesen Ps. in die Makkabäer-Zeit. Jeder Zug in demselben paßt lediglich auf die Zeit unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalem's. Die Klage über die Schmähung der Völker, die in Ezechiel wiederholt wird, paßt durchaus nicht auf jene Zeit. Dazu kommt noch die Parallele von V. 6 mit Jeremia 10, 25 und die Verwandtschaft dieses Ps. mit Klagelied 5, 19. Daher setzen ihn mit Recht andere Ausll. unmittelbar nach der Zerstörung Jerusalems. [Auch Keßler setzt die Abfassung des Psalmes in die exilische Zeit]



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1902, Band 2.1, S. 366.
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