Das Assyrerreich unter Assurbanipal.

Staat und Kultur, Wissenschaft und Kunst

[84] Nach der Verjagung der Kušiten hatten die Assyrer die Oberherrschaft über die Stadtfürsten des Nillandes ein paar Jahre lang behauptet. In Syrien zahlten die Vasallenfürsten alljährlich ihre Tribute und sandten ihre Töchter in den Harem Assurbanipals; nach dem Vorgang des Ba'al von Tyros (o. S. 77f.) bequemte sich auch Jakinlû, der König der Seefestung Arados, zur Huldigung, und ebenso nördlich vom Taurus Mugallu von Melitene und der Kiliker Sandašarme183. Im Osten gab es wieder einmal einen Krieg [84] gegen die Mannäer, deren König Achšeri – der Name scheint iranisch zu sein –, als das Assyrerheer sein Reich verwüstete, vom Volke erschlagen und durch seinen Sohn Uallî ersetzt wurde. Damals sind auch ein paar medische Distrikte ausgeplündert worden; sonst hat das Reich hier keine Fortschritte gemacht, vielmehr fällt die Abschüttelung des assyrischen Jochs und die Entstehung eines medischen Reichs offenbar in diese Jahrzehnte.

Im Osten Babyloniens war schon im J. 668184 der unbotmäßige Fürst von Kirbit besiegt, die Bevölkerung nach Ägypten übergeführt worden. Gespannte Beziehungen bestanden fortdauernd zu Elam, trotz der freundschaftlichen Korrespondenz, die Assarhaddon und Assurbanipal mit König Urtaku (seit 675) geführt hatten, und trotz der Hilfe, die Assurbanipal ihm bei Dürre und Hungersnot durch eine Getreidesendung und Versorgung der auf assyrisches Gebiet geflüchteten Notleidenden gewährte. Aber die alten Bestrebungen Elams, sich gegen Babylonien auszudehnen, waren stärker; um 663 trat Urtaku mit dem immer aufsässigen Stamm der Gambuläer in der Ebene östlich vom Tigris in Verbindung. In dem ausbrechenden Kriege hat Urtaku den Tod gefunden, wie es scheint, von seinem Bruder Teumman ermordet; dieser bemächtigte sich der Herrschaft und versuchte, das Königshaus auszurotten; mehrere seiner Neffen fanden Zuflucht am assyrischen Königshof185.

[85] Um dieselbe Zeit ist dem Reich ein weiterer Erfolg zugefallen. Im westlichen Kleinasien hatte der Usurpator Gyges in Lydien die Krone gewonnen – wir werden später darauf zurückkommen –, lag aber in ständigem Kampf mit den kimmerischen Horden, die das Land weithin verwüsteten. So entschloß er sich, angeblich infolge eines Traumes, dem Assyrerkönig zu huldigen, dessen Reich ja seit langem mit den Kimmeriern im Kampfe lag. Ein Text schildert das Erstaunen der Assyrer, als hier ein Fremdling den Hof aufsuchte, von dessen Heimat und Sprache man nie gehört hatte186. Offiziell war damit der Machtbereich des Königs von Ninive über den fernen Westen bis an die Küsten des Ägäischen Meeres ausgedehnt. Ob freilich die Hilfe, die Assurbanipal dem Gyges gewährt hat, über seine Gebete und die Vermittlung des Schutzes des Assur und Marduk gegen die Barbaren wesentlich hinausgegangen ist, erfahren wir nicht; aber Gyges hat ihm zum Dank zwei kimmerische Häuptlinge in Ketten übersandt.

So umfaßte der Machtbereich der Könige von Ninive, zu dem ja auch die Stadtfürsten von Cypern gehörten, dem Namen nach die gesamte vorderasiatisch-ägyptische Welt. Indessen diese Gebiete wirklich dem Reich einzuverleiben und in Provinzen zu verwandeln, wie es die Reichsgründer in den zentralen Landschaften getan hatten, versagten die Machtmittel durchaus. Ägypten ließ sich ohne Hilfe der Stadtfürsten nicht regieren, und so mußte Assurbanipal sich begnügen, sie an Assyrien zu fesseln, und im übrigen vertrauen, daß Psammetich von Sais seinen Treueid halten werde. In Kleinasien waren, wie oben (S. 84) erwähnt, der schon von Assarhaddon bekämpfte Mu gallu, der seine Macht weit über Melitene und die Gebirgslande nördlich vom Tauros (Tabal) ausgedehnt zu haben scheint, und später auch der Kiliker Sandašarme zur Huldigung und Entsendung einer Tochter in den Harem in Ninive gezwungen worden; aber tiefer in das Innere sind die Assyrer nicht vorgedrungen, und die Huldigung des Gyges war ein freiwilliger Akt der Politik, der ohne Nachwirkung geblieben ist187.

[86] So steht Assurbanipal an Macht und Ansehen seinen Vorgängern mindestens gleich; aber der Charakter der Regierung hat sich völlig geändert. Waren die früheren Assyrerkönige in erster Linie leidenschaftliche Kriegsfürsten und gewaltige Eroberer, so ist Assurbanipal eher ein friedlicher Herrscher. Während seine Heere Ägypten erobern und die Mannäer bezwingen, sitzt er ruhig in seinem Palast zu Ninive und freut sich der Vermehrung seines Harems, höchstens nach gewonnenem Siege erscheint er auf dem Kriegsschauplatz; dagegen läßt er in den offiziellen Berichten sich selbst die Taten seiner Generale zuschreiben. Seine Interessen liegen durchaus auf literarischem Gebiete. Von Jugend auf war er eingeweiht in die Wissenschaft des Nebo und der Tašmet, in alle Geheimnisse der Schreibkunst; unermüdlich sorgte er für die Sammlung einer großen Bibliothek, für die Zusammenstellung und Übertragung der altbabylonischen Literaturwerke, für die Erhaltung alter Urkunden. Ihm verdanken wir es, daß uns von der babylonisch-assyrischen Literatur so bedeutende Überreste erhalten sind. Im übrigen betrachtet er sich als den auserwählten Liebling der Götter, die ihm durch Träume und Orakel ihren Willen verkünden und seine Handlungen bestimmen; mehr noch als seinen Vorgängern ist ihm jeder Gegner oder Rebell ein Feind der Götter, führt er seine Kriege im Namen des Assur und der Ištar. Dem entspricht es, daß er gegen die Feinde mit schonungsloser Grausamkeit verfährt. Auch die früheren Könige hatten ihre Freude an barbarischen Exekutionen; aber bei Assurbanipal treffen wir das eigentümliche [87] Raffinement, welches verweichlichte Despoten charakterisiert. So ließ er in späteren Jahren einmal vier gefangene Könige an seinen Wagen spannen und sich von ihnen in den Tempel ziehen. Das alles sind Symptome des Verfalles der Königsgewalt, dessen Folgen nicht lange ausblieben. Die Gestalt des Sardanapal, welche die griechische Sage aus Assurbanipal gemacht hat, ist allerdings einseitig und übertrieben; aber noch weniger entspricht er einem Assurnaṣirpal und Salmanassar III., einem Tiglatpileser und Sargon, mit denen die Neueren ihn auf eine Linie gestellt haben.

Als Bauherren stehen die letzten Assyrerkönige ihren Vorgängern nicht nach; sie konnten die großen Scharen der Gefangenen und die aus ihrer Heimat fortgeführten Stämme für ihre Bauten verwenden. Meist residieren die Könige jetzt in Ninive; daher kommt es, daß diese Stadt den Späteren, speziell den Griechen, als uralte und einzige Hauptstadt Assyriens gilt. Hier hat Sanherib gleich zu Anfang seiner Regierung den alten verfallenen Palast der älteren Könige vollkommen umgebaut und das größte assyrische Bauwerk geschaffen. Dieser sogenannte Südwestpalast, der den Namen Bit-riduti führt, ist später von Assurbanipal restauriert worden, der hier seine Bibliothek bewahrte und daneben noch einen zweiten Bau, den sogenannten Nordpalast, aufführte. Auch Sanherib hat sich in dem von Nordninive (Kujundschik) durch den Bach Chusur (jetzt Chôser) getrennten südlichen Stadtteil (Nebi-Junus), wo zuerst Adadnirari III. gebaut hat, einen zweiten Palast errichtet. Derselbe ist von Assarhaddon erweitert worden und gegenwärtig noch wenig erforscht. Zu seiner eigentlichen Residenz aber hatte dieser Herrscher Kalach ausersehen, wo er den großen, niemals vollendeten Südwestpalast anlegen ließ, für den die Platten vom Zentralpalast Tiglatpilesers III. verwendet wurden (o. S. 26). Andere kleinere Bauten, wie die von Assarhaddon für seinen Sohn Assurbanipal angelegte Residenz in Tarbiṣ (Šerîf-chân), Tempel u.ä., brauchen hier nicht aufgezählt zu werden. Wichtiger sind die mächtigen Befestigungen Ninives, welche Sanherib angelegt und Assurbanipal restauriert hat. Eine gewaltige, nahezu zwei Meilen lange Mauer umschloß das lang hingestreckte [88] Rechteck von Ninive (bei Xenophon Μέσπιλα, jetzt Kujundschik und Nebi-Junus). Die Dicke der Mauer betrug 50 Fuß. Die Grundlage bis zur Höhe von 50 Fuß bildeten behauene Sandsteinblöcke; darauf erhob sich eine nach Xenophons Angaben noch weitere 100 Fuß hohe Mauer von Ziegelsteinen. Die Westseite der Stadt war durch den Tigris, der Osten durch eine Reihe vorliegender Wälle und Gräben gedeckt. Zahlreiche von Sanherib angelegte Kanäle sorgten für die Bewässerung der Hauptstadt und ihrer Umgebung. Auch Kalach (Xen. Λάρισσα) und Dûr-Sargon waren stark befestigt, während die alte Landeshauptstadt Assur jetzt ganz in den Hintergrund getreten zu sein scheint188.

Unter Assurbanipal ist auf der Höhe der assyrischen Machtstellung zugleich eine gewisse Festigung des Kulturzustandes erreicht worden189. Das wird besonders beleuchtet durch die Entwicklung der auf babylonischer Grundlage erwachsenen, von westlichen und ägyptischen Einflüssen befruchteten bildenden Kunst seit der Sargonidenzeit.

Auch in der Kunst spiegelt sich der rege internationale Verkehr deutlich. Seit Assarhaddon begegnet uns die chetitisch-syrische (weibliche) Sphinx in den Palästen von Ninive. In der Reliefskulptur tritt uns ein entschiedener Fortschritt gegen früher entgegen. Man wagt sich an größere Kompositionen; während früher alle Figuren auf einer Linie standen, umfaßt jetzt die Zeichnung mehrere Gründe; selbstverständlich aber fehlt wie in Ägypten jede Perspektive. Der Hintergrund wird belebt, das Detail, namentlich der Pflanzen und Tiere, sorgfältiger ausgeführt; uns begegnen Tierszenen, die sich mit denen des Alten Reichs an Naturwahrheit und feiner Beobachtung messen können. Die höchste Stufe ihrer Entwicklung erreicht die assyrische Kunst unter Assurbanipal. Es ist wohl kaum [89] zweifelhaft, daß hier die Einwirkung Ägyptens von der größten Bedeutung gewesen ist, daß die assyrischen Künstler versucht haben, die ägyptischen Darstellungen nachzuahmen. Dabei halten sie sich aber, wie das nicht anders sein konnte, durchaus innerhalb der Grenzen des assyrischen Stils; die Zeichnung ist rein assyrisch, die Manieriertheit in der Behandlung bleibt dieselbe wie früher, in der Kühnheit der Konzeption sind die Assyrer den Ägyptern häufig überlegen.

Daß der assyrische Einfluß auf die phönikische Kunst seit dem 8. Jahrhundert bedeutend gewachsen ist, wurde früher schon hervorgehoben (Bd. II 2, 133). Uns tritt diese Erscheinung vor allem auf Cypern entgegen. Wenn in der griechischen Kunst seit dem 8. Jahrhundert der assyrisierende Stil nach jeder Richtung hin maßgebend wird und die älteren Formen ganz verdrängt (s.u. S. 344f.), so kann dieser nur durch Kleinasien vermittelt sein. Auf demselben Wege wird den Griechen die Form der assyrischen Holzsäule bekannt geworden sein, aus der das ionische Kapitell hervorgegangen ist.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 84-90.
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