Die letzte Zeit Israels. Der Prophet Hosea

[12] Dieses erneute Eingreifen des Assyrerkönigs hat das Schicksal sowohl von Damaskus wie von Israel entschieden. Das Reich von Samaria war nach dem Sturz der Dynastie Jehus nicht wieder zu auch nur einigermaßen gefesteten Zuständen gelangt. Der Mörder Zakarjas, Šallûm, wurde allerdings alsbald durch Menachem beseitigt, der wohl, wie seinerzeit 'Omri, als Rächer des legitimen Königs aufgetreten sein wird; aber auch diesmal führte das zu einem Bürgerkrieg, der mit der üblichen Brutalität geführt wurde: Menachem hat die Stadt Tappuach, die sich ihm nicht fügen wollte, ausgemordet und den Schwangeren den Leib aufgeschlitzt. Als dann Tiglatpileser eingriff, hat er ihm im J. 738 eine Kontribution von 1000 Talenten Silber gezahlt, die er dadurch aufbrachte, daß er von jedem Grundbesitzer eine Abgabe von 50 Šeqeln erhob –[12] daraus ergibt sich, daß es damals 60000 solcher Wehrmänner gab, was auf eine Gesamtbevölkerung Israels von rund 300000 Seelen führt; das entspricht den damaligen Verhältnissen und auch der Schätzung der Wehrkraft Israels auf 40000 Mann vier Jahrhunderte früher im Deboraliede durchaus. Menachem hoffte, durch den Schutz des Großkönigs seine Stellung zu festigen; aber genützt hat es ihm wenig, sondern eher sein Ansehen noch weiter erschüttert. So wurde, als er bald darauf starb, sein Sohn Peqachja nach kurzer Regierung von seinem Wagenlenker Peqach ben Remalja mit Hilfe einer Schar aus Gil'ad erschlagen22.

Die Masse der Bevölkerung mochte diese wirre, nach Außen wie im Innern gleich hoffnungslose Lage als unvermeidlich gegeben hinnehmen im Vertrauen, daß Jahwe, dessen Kult in den herkömmlichen Formen nur um so eifriger betrieben wurde, doch noch rettend einschreiten werde, und war im übrigen, wie jedes Volk in solcher Lage – wir erlebten nach dem Weltkriege in Deutschland genau das gleiche – bestrebt, wenigstens den Moment scheinbarer Ruhe, der ihm vergönnt war, in wüstem Genußleben nach Kräften auszukosten. Ganz dieselben Zustände haben wir in Ja'udi (Sam'al) kennengelernt, und in den übrigen Kleinstaaten Syriens hat es, wie gelegentliche Äußerungen der israelitischen Propheten bestätigen, offenbar nicht anders ausgesehen, die Krisis war hereingebrochen, die allem selbständigen, durch den Lokalkult religiös geformten staatlichen Leben den Untergang brachte. In [13] Israel aber kommt hinzu23, daß hier aus der trüben politischen und sozialen Lage eine Anschauung erwachsen ist, die, konsequent weiterschreitend, den gesamten herkömmlichen Betrieb des Kultus und die überkommenen Rechtsanschauungen als Verkennung des wahren Wesens der Gottheit verwirft und von Grund aus reformieren will. Die Zerstörung der Ba'altempel von Samaria und Jerusalem haben diese Bestrebungen in blutigem Kampf erreicht, wenn auch mit Verwendung sehr bedenklicher und nichts weniger als idealer Mittel; aber die Umgestaltung des Jahwekultes und die Beseitigung des Gottesbildes in Kälbergestalt haben sie nicht durchsetzen können; und die rechtlichen und sittlichen Gebote, welche das lewitische Gesetzbuch als Forderungen Jahwes formuliert (vgl. Bd. II 2, 316), mochten wohl in manchen Fällen als Norm befolgt werden, hätten sich aber in der Praxis des Alltaglebens auch dann nicht voll durchführen lassen, wenn die Stimmung der maßgebenden Kreise dem mehr entgegengekommen wäre, als es der Fall war. Das ethische Ideal, das sie verwirklichen wollen, duldet keinen Kompromiß und fordert eine innere Umwandlung der Gesinnung, die sich immer nur in einzelnen Persönlichkeiten, aber niemals in der breiten Masse eines Volkes vollziehen kann. So blieb für den, dem das Hereinbrechen der Katastrophe klar vor Augen stand und der doch an dem Glauben an das Walten der Gottheit festhielt, nur die furchtbare Konsequenz übrig, daß die Gottheit selbst ihr Volk, da es sich trotz aller Gebote und Mahnungen als unverbesserlich erwiesen hat, dem Untergang preisgibt und es aus dem Lande vertreiben wird, das sie ihm zum Wohnsitz geschenkt hat. Es ist von grundlegender Bedeutung, daß Amos diese Erkenntnis in Wort und Schrift verkündet hat, noch ehe Tiglatpileser die entscheidenden Schritte zu ihrer Verwirklichung tat. Eben dadurch kann er den Glauben an Jahwe und seine Allmacht retten und steigern: er erweist sich als der »Herr der Heerscharen«, als der Leiter des Völkerschicksals – denn auch allen Nachbarvölkern verkündet Amos das gleiche [14] Verderben –, indem er sein eigenes Volk jetzt zur Strafe für seinen Ungehorsam durch die Feinde vernichten läßt.

Etwa gleichzeitig mit Amos' Auftreten in Bet-el ist auch ein Ephraimit, Hosea ben Be'eri, von denselben Gedanken erfaßt und zum Auftreten als Prophet getrieben worden. Seinem ältesten Sohne gibt er nach Prophetenart, die bei Jesaja wiederkehrt, den Namen Jezre'el, um anzudeuten, daß Jahwe das Verbrechen Jehus an seinen Nachkommen rächen und hier »den Bogen Israels zerbrechen«, seinem Königtum ein Ende machen wird24. Die dann folgende Tochter nennt er »Kein Erbarmen«, einen zweiten Sohn »Nicht mein Volk«; denn Jahwe hat sein Volk verworfen und wird sich seiner nicht mehr annehmen. Über die äußeren Anlässe und die Form seines Auftretens erfahren wir gar nichts; als er seine Einzelsprüche zu einem Buch zusammenstellte, hat er alle Angaben darüber weggelassen; er beschränkt sich darauf, die Worte aneinanderzureihen, die Jahwe durch seinen Mund dem Volke verkündet hat. Sie lassen aber erkennen, daß er Jahrzehnte hindurch die politischen Vorgänge mit Prophetenworten öffentlich besprochen hat. Die wiederholten Usurpationen, die Königsmacherei, die Verhandlungen mit den Assyrern, die daneben auftauchende Hoffnung auf ägyptische Hilfe, das Vertrauen auf Festungen, Heer und Streitwagen, das alles sind für ihn nur immer erneute Beweise der hoffnungslosen Verderbtheit des Volkes, das von menschlichen Mitteln Hilfe hofft statt allein von Gott – wie es sich dann freilich im konkreten Falle behelfen soll, vermag er ebensowenig zu sagen wie zu allen Zeiten die idealistischen Kritiker, die über die Negation niemals hinauskommen können. So ist begreiflich genug, daß er dem Volk als ein »verrückter Narr« (9, 7) erschien.

Wie in der Gesamtauffassung zeigt sich die Einwirkung des Amos auf Hosea auch darin, daß er seine Worte am Schluß seiner Laufbahn – wohl erst unter dem letzten, ihm gleichnamigen [15] König Israels, nach 730 – in einer Schrift zusammenfaßt, und daß auch er ein größeres einheitlich konzipiertes Stück voranstellt und dann in lockerem Gefüge die Einzelsprüche Jahwes folgen läßt. Aber er ist eine ganz andere Natur als Amos; die erschütternde Wucht der sittlichen Vorwürfe, die dieser dem Volk ins Gesicht schleudert, steht ihm nicht zu Gebote, und niemals kann er eine Wirkung geübt haben, die dem Auftreten des Amos in Bet-el vergleichbar wäre. Er ist ein einsamer Grübler, kein Volksredner, sein Gesichtskreis weit enger als der seines Vorgängers; während dieser immer das Schicksal der gesamten Umwelt vor Augen hat, in deren Mitte Israel steht, erwähnt Hosea die Nachbarvölker nie. Juda hat er ein paarmal mitgenannt, da es der Tradition nach zu Israel gehört25; aber im Grunde denkt er nur an seinen Heimatstamm Ephraim, dessen Namen er durchweg mit Vorliebe als Synonym von Israel verwendet. Sein ganzes Sinnen ist darauf gerichtet, das Verhängnis, das über Ephraim schwebt, religiös zu begreifen. Den Grund des Verderbens erblickt er in dem Fehlen jeder Gotteserkenntnis, in dem völligen Verkennen des Wesens und der Gebote Jahwes, das die gesamte Religion des Volkes beherrscht. Der innere Gegensatz zwischen dem majestätischen, keinen Kompromiß duldenden Gotte vom Sinai, der den Nomadenstamm der Wüste nach Palästina geführt hatte, und dem Gotte des Kulturlandes, den das seßhaft gewordene Bauernvolk überall an seinen Wohnsitzen verehrte, ein Gegensatz, der latent bereits der Gestaltung der Vätersagen, der Formulierung der rechtlichen und kultischen Gebote in den lewitischen Gesetzen zugrunde liegt und in der Lebensführung der Rekabiten offen ausgesprochen ist, wird von Hosea in seiner vollen Schärfe erkannt und bildet den Inhalt aller seiner Predigten. Der Kult, den das Volk in all seinen Heiligtümern, in Bet-el, Samaria, Gilgal, Miṣpa, auf dem Tabor so eifrig betreibt26, hat mit Jahwe nichts zu tun, sondern ist [16] Dienst der lokalen Mächte, der Ba'alîm; diese sind es, die man in Gestalt von Kälbern verehrt und küßt, von deren Holzpfählen und Stäben27 man Orakel holt, denen man die Feste, die Neumonde und Sabbate feiert, die man auf den Höhen und unter schattigen Bäumen aufsucht, um sich hier dem unzüchtigen Kult, der Prostitution beider Geschlechter, hinzugeben, die ihr Dienst fordert. Aus diesem Mangel an Gotteserkenntnis erwächst die tiefe Unsittlichkeit, in der alle Schichten des Volkes leben; und am ärgsten treiben es gerade diejenigen, die doch berufen wären, die richtige Gotteserkenntnis zu verbreiten, die Priester, »Pfaffen« – er verwendet dafür das aramäische Wort kemarîm –, die prassen und Unzucht treiben und die Tora ihres Gottes vergessen haben.

Auch für Hosea ist das innere Verhältnis zur Gottheit das, worauf es allein ankommt, auch er will von der Wertschätzung der Opfer und den äußeren Kultformen nichts wissen; ganz wie Amos läßt er Jahwe sagen: »An frommer Betätigung (chesed) habe ich Wohlgefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis statt an Brandopfern.« Aber während für Amos alles ankommt auf das sittliche Verhalten und er von hier aus den populären Kultus verwirft, faßt Hosea den Gegensatz theologisch als einen Kampf zwischen dem wahren Gott und den Truggestalten, unter denen das Volk ihn zu verehren glaubt, aber in Wirklichkeit zu den Ba'alen abgefallen ist. Am tiefsten empört ihn die in den Tempeln Jahwes ganz allgemein betriebene sakrale Prostitution. So betrachtet er den Abfall als Ehebruch an Jahwe. In der Eingangserzählung seiner Schrift schildert er ihn als eigenes Erlebnis in seiner Ehe. Auf Befehl Jahwes, erzählt er, habe er eine Dirne geheiratet; die drei Kinder, die sie zur Welt bringt, sind Bastarde, und dem entsprechen die Namen, die Jahwe ihnen [17] gibt. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß dem eine tatsächliche Erfahrung zugrunde liegt, die ihn veranlaßt, sein Weib unter ihrem wirklichen Namen Gomer bat Diblaim vor der Öffentlichkeit preiszugeben; aber die Versuche, daraus einen sentimentalen Roman herauszuspinnen und Hoseas Auffassung des Verhältnisses zwischen Jahwe und dem abtrünnigen Volk psychologisch zu erklären, tragen ein modernes Empfinden hinein, das der Denkweise der alten Zeit und vollends der eines israelitischen Propheten ganz fremd ist. Gestaltet ist die Erzählung jedenfalls durchweg allegorisch, wie schon daraus hervorgeht, daß überall die Deutung auf Jahwe und Israel hinzugefügt ist und daß sie sich fortsetzt in der Aufforderung an die Israeliten, ihre buhlerische Mutter zu schmähen – »denn sie ist nicht mein Weib und ich nicht ihr Mann« –, und der Ankündigung Jahwes, daß er sie in die Wüste verstoßen wird; und dann soll Hosea nochmals eine Dirne kaufen, aber einsperren, bis die Zeit kommt, wo die Israeliten wieder umkehren zu Jahwe. Ganz deutlich sieht man den Grübler, der sich das religiöse Problem durch das Bild des Ehebruchs mit den Ba'alen gegen Jahwe klarzumachen sucht und als ein persönliches Erlebnis ausmalt. Die gesamte Geschichte Israels, wie sie die religiöse Geschichtsliteratur gestaltet hat, zeigt seinen sittlichen Tiefstand; so gleich der Ahnherr Jakob, der Betrüger vom Mutterleibe an, der als Mann mit Gott gekämpft hat und nach der Offenbarung in Bet-el nach Aram geflohen ist und um ein Weib gedient hat. Jahwe hat dem Volk im Jünglingsalter alle seine Liebe geschenkt, es aus Ägypten geholt und durch einen Propheten aus der Wüste geführt; aber sogleich fallen sie ab zum Ba'al Pe'ôr, und fortan buhlen sie trotz aller Mahnungen immer wieder mit den Ba'alîm. Auch die Aufrichtung des Königtums unter Saul war ein Abfall von Jahwe, und vollends die Usurpatoren, die man jetzt auf den Thron gesetzt hat, sind Rebellen gegen Jahwe, wie sie denn auch nicht auf ihn, sondern auf Assyrien oder Ägypten und auf ihre Kriegsmacht ihr Vertrauen setzen.

So ist Jahwe entschlossen, dem Reich ein Ende zu machen; das widerspenstige Volk muß heraus aus dem Lande, das er ihm geschenkt hat. Für Amos, der die Entwicklung von hoher Warte, [18] man darf sagen weltgeschichtlich überschaut, ist das das Ende. Für Hosea dagegen ist es ein unmöglicher Gedanke; denn Jahwe ist ja einmal mit Israel untrennbar verwachsen, ohne sein Volk ist er gar nicht vorstellbar. So wird Jahwe die Trümmer des Volkes wieder nach Ägypten bringen und den das erstemal gescheiterten Erzie hungsversuch von neuem beginnen. Durch die lange Leidenszeit wird das Volk zur Einsicht gelangen, und so kann denn Jahwe das verstoßene Weib wieder zu sich nehmen und es nochmals in seine Wohnsitze zurückführen.

Die praktische Politik hat Hosea nicht beeinflussen können; nur kleine Kreise, zu denen aber auch sein wenig jüngerer Zeitgenosse Jesaja in Jerusalem gehörte (s.u. S. 50ff.), werden seine Offenbarungen als Gottesworte angenommen haben, bei den Massen und auch am Hofe blieb das Vertrauen durchaus herrschend, daß Jahwe sein Volk schließlich nicht im Stich lassen werde und könne. Um so größer war die Wirkung, als sich binnen weniger Jahre die Verkündung erfüllte. Sie machte es möglich, trotz der Katastrophe, ja gerade um ihretwillen, den Glauben an Jahwe zu erhalten und zu steigern, und gewährte zugleich die Zuversicht, daß auch der zweite Teil der Verkündung sich erfüllen werde und dem Volk noch eine herrliche Zukunft beschieden sei. Das eigentliche Israel freilich war zugrunde gegangen; aber das noch selbständig gebliebene Nebenland Juda hat, außer sonstigen Bruchstücken der israelitischen Literatur, auch das Buch Hoseas28 übernommen und seine Anschauungen weitergebildet. Als dann, [19] über ein Jahrhundert später, auch über Juda die gleiche Katastrophe hereinbrach, hat es das Schema geboten, nach dem die gesamte geschichtliche Überlieferung systematisch überarbeitet und dargestellt wurde; und so haben die von dem israelitischen Propheten ausgesprochenen Anschauungen in der gesamten christlichen Welt nun schon zwei Jahrtausende hindurch eine weltgeschichtliche Nachwirkung ohnegleichen ausüben können.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 12-20.
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