Loslösung der Religion vom Volkstum. Universelle Religionen. Entstehung und Entwicklung der Kirchen

[153] 84. Der weitere Verlauf der Religionsgeschichte steigert die Bedeutung des individuellen Moments. Wenn die Religion ursprünglich wie mit dem staatlichen Verbande, so mit dem Volkstum aufs engste verwachsen und ein Ausdruck der in diesem herrschenden Anschauungen ist, so führt die Entstehung von Kulturkreisen und von engeren Beziehungen zwischen verschiedenen Völkern auch hier zu einem Austausch und zu einer Angleichung. Fremde Götter, Kultbräuche und religiöse Ideen finden Eingang. Der wachsende Verkehr führt mit den Händlern und Beisassen auch deren Götter in die Fremde. Eine Kultusstätte, die es versteht, sich und ihrer Gottheit, etwa durch ihre Heilkraft, ihre Orakel, ihre besonderen Segnungen für dieses und jenes Leben großes Ansehen zu verschaffen, wie der Apollo von Delphi, Demeter von Eleusis, Asklepios, oder so manche Kultstätten der Wüste, wie das Jahweheiligtum von Qadeš und die Ka'ba von Mekka, lockt fremde Verehrer an und kann weithin bei Stammverwandten und Fremden Anerkennung finden und zahlreiche Filialen gründen. Wenn fremde Völker politisch mächtiger [153] sind, erscheinen auch ihre Götter als die stärkeren und verdrängen die heimischen. Eine überlegene und kulturell durchgebildete Religion kann die anderer Völker völlig aufsaugen und verdrängen (wenn sie dabei auch Bestandteile dieser in sich aufnehmen mag), wie es die griechische Religion mit denen Italiens und des westlichen Kleinasiens und überhaupt der ganzen vom Hellenismus ergriffenen Welt getan hat; ähnlich, wenn auch nicht so stark, hat die babylonische Religion mit ihren Göttern, Kultbräuchen und Mythen auf die Nachbarvölker gewirkt. Umgekehrt übt, wenn die heimische Religion durch die Kulturentwicklung innerlich erschüttert ist und ihre Autorität ins Schwanken kommt, die Religion fremder Völker, gerade wenn sie tiefer steht und darum mit dem Nimbus des Geheimnisvollen umgeben scheint, eine starke Anziehungskraft aus: hier glaubt man eine wirkliche Offenbarung der Götter zu finden, die man der eigenen Tradition nicht mehr zuzuschreiben vermag. Auf diese Weise haben die fremden Kulte schon in der Zeit der orphischen Bewegung in Griechenland Eingang gefunden, hat der Zeus Ammon der Oase dem delphischen Gott den Rang abgelaufen, und haben dann die kleinasiatischen, aegyptischen, jüdischen, syrischen, persischen Götter und Mysterien die hellenistisch-römische Welt weithin erobert.

85. Bei all diesen Vorgängen tritt, im Gegensatz zu dem Volk als Ganzen, der Einzelne in den Vordergrund: er wird vor die Wahl gestellt, an welchen Gott er sich wenden, welchem er dienen will. Neben die naturwüchsige Kultgemeinde der Stammgenossen, der er durch die Geburt (oder durch Aufnahme in den Stammverband) ebenso angehört wie den politischen und geschlechtlichen Verbänden, die ursprünglich mit jener vollständig zusammenfallen, tritt eine durch freiwilligen Anschluß gebildete selbständige Kultgenossenschaft. Die innere Entwicklung und Vertiefung der Religion wirkt in derselben Richtung: sie stellt an jeden Einzelnen individuelle kultische und ethische Forderungen, und sie erhebt zugleich die alten, in ihrem Wirkungskreis eng begrenzten Stammgötter immer [154] mehr zu universalen Mächten, die auf alle Menschen und Völker gleichmäßig wirken, sei es nun, daß man in naiver Weise die eigenen Götter mit den fremden identifiziert, wie es die Griechen und Römer getan haben, sei es, daß man wie die israelitischen Propheten die fremden Götter für machtlos und wesenlos und die eigene Gottheit für die alleinige, die ganze Welt regierende erklärt. Bei dieser Entwicklung kann die Beziehung zu dem eigenen, mit der Gottheit unlösbar verknüpften Volkstum nach wie vor im Mittelpunkt stehen, wie bei den israelitischen Propheten; sie kann aber auch ganz in den Hintergrund treten und das Verhältnis der Gottheit nicht zum Volksganzen, zum Staat, sondern zum Einzelnen, sein ethisches Verhalten und die individuelle Gottesidee als das entscheidende Moment erscheinen. Da greift die Religion prinzipiell über die Grenzen des Volkstums hinaus; sie sucht nicht den Volksgenossen, sondern den Menschen zu gewinnen, und nimmt jeden als Anhänger, der sich zu ihr bekehrt, ohne sich um die Unterschiede und Gegensätze der Nationalität zu kümmern. Diese Tendenz dominiert in der Entwicklung der indogermanischen Religionen. Sie tritt in der orphischen Religion und dem Mysterienkult der Griechen hervor, und sie beherrscht die beiden zugleich individualistischen und universellen Religionssysteme, welche die arischen Völker geschaffen haben, die Lehre Zoroasters und die Lehre des Buddha. Nur an den äußeren Verhältnissen liegt es, daß beide dennoch ein nationales Gepräge erhalten haben und daß die Lehre Zoroasters geradezu zur Nationalreligion Irans geworden ist; wo immer die Möglichkeit gegeben war, hat sie trotzdem, so gut wie der Buddhismus und später Christentum und Islam, eine energische Propaganda über die Grenzen des Volkstums hinaus getrieben. In diesen Bildungen tritt die Universalität der religiösen Tendenzen, ihr Streben, die Ordnung der physischen wie der sittlichen Welt zu einer Einheit zusammenzufassen, der Anspruch, die Weltreligion zu sein, dominierend hervor. Diese Universalität aber ist identisch mit dem Individualismus der Lehre, dem Appell nicht an ein Volksganzes, sondern an [155] jeden Einzelnen und seinen Glauben, und dieser ermöglicht und fordert die Propaganda.

86. Eine gleichartige, wenn auch nicht so intensive und universelle Umwandlung wird bei anderen Religionen, welche die nationale Basis festgehalten haben, durch die politische Entwicklung herbeigeführt. Ursprünglich existiert die Religion und die Gottheit nur in und mit dem politischen Verbande, der durch sie und in dem sie lebt; geht er zu Grunde, so stirbt auch sie. Zahllose Götter und Kulte, die zeitweilig große Macht besaßen, haben so ihren Untergang gefunden. Aber wenn die Kultur eines Volks eine höhere Stufe erreicht hat, kann seine Religion den Untergang des Staats überdauern. Wie die Menschen selbst weiter leben in der alten Gemeinschaft, an den alten Wohnstätten, mit ihrer eigenen Sprache und eigenen Sitten, wenn auch fortan ohne politische Selbständigkeit, so bestehen auch die Götter und ihre Tempel und Kultbilder weiter; und sie haben eine Schar von Verehrern um sich gesammelt, die an ihnen festhalten, weil ihnen nicht mehr die staatliche Sonderexistenz, sondern ihr persönliches Gedeihen, wenn auch unter fremder Herrschaft, das Wesentliche geworden ist. Am stärksten tritt das hervor, wenn in der Religion bereits die universellen und ethischen Momente in den Vordergrund getreten sind und sie begonnen hat, sich dadurch innerlich von der politischen Gestaltung des Volkstums loszulösen und zu einer selbständigen Macht zu werden: da kann, wie das Beispiel des Judentums zeigt, die politische Katastrophe die religiöse Entwicklung sogar mächtig fördern. In dieses Stadium sind die Völker Vorderasiens eingetreten, als seit der Assyrerzeit ihre staatliche Existenz gebrochen wurde und sie mit der Aufrichtung des Perserreichs definitiv der Fremdherrschaft einer Universalmonarchie unterstellt wurden. Seitdem sind sie zu politischer Selbständigkeit nie wieder gelangt; auch ihre Sprachen sind meist abgestorben; ihr Volkstum zieht sich fortan ganz auf die Religion und die von dieser konservierten Sitten zurück, es setzt sich um in eine religiöse Gemeinde. Da beginnt, so sehr sie sich eben [156] durch diesen Prozeß innerlich angleichen, die lebhafte Propaganda und Konkurrenz aller dieser Sonderreligionen; in sie alle dringt etwas von dem Streben nach Universalität der echten Weltreligionen, wenn sie auch meist die beschränkte nationale Grundlage nicht ganz abzustreifen vermögen. Am wenigsten von allen hat das das Judentum vermocht; die populäre Anschauung verkennt sein Wesen vollständig, wenn sie es mit den echten Weltreligionen, dem Zoroastrismus, Buddhismus, Christentum, Islam, auf eine Linie stellt. Was es mit diesen teilt, ist, abgesehen von den Momenten, welche allen Religionen dieser Zeit gemeinsam sind, die durchgeführte, hier aber auf der altnationalen Basis erwachsene Organisation, die sie über die Tempelgemeinde hinaus zu einer Kirche erhebt.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 71965, Bd. 1/1, S. 153-157.
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