Tradition und Individualität in der Weiterentwicklung der Religionen

[157] 87. Aber so stark in dieser Entwicklung das individuelle Moment hervortritt, sowohl auf seiten der Träger und Verbreiter der Lehre, wie auf seiten der Bekenner, neben und über ihnen erheben sich wieder in gewaltiger Macht die Tendenzen der Homogenität und Stabilität. Eben die Bildung der Kirche und ihrer Organisation wird dafür der mächtigste Faktor; denn was sie erstrebt und mit allen Mitteln aufrecht erhält, ist die Uniformität aller von ihr Umschlossenen in Lehre und Leben. Wie immer schlägt die Idee, wenn sie sich verwirklicht, in ihr Gegenteil um (§ 103): die religiöse Bewegung, die die freie Hingabe des Einzelnen fordert und an sein Gewissen appelliert, führt zu einem neuen, durch die Zufälle der Geburt und der Gewöhnung gebildeten sozialen Verbande, der durch den furchtbarsten inneren und äußeren Gewissenszwang zusammengehalten wird. An Stelle der freien Bewegung, der spontanen religiösen Empfindung tritt die Tradition, die aufs neue systematisiert wird und alles Handeln und Denken einer festen Regel unterwirft. Wenn die [157] neue Religion ausgegangen ist von einzelnen gewaltigen Persönlichkeiten, und oft in hartem Kampf mit der Priesterschaft, oder wenigstens, wie bei der Begründung des Judentums und bei jeder neuen Entwicklung innerhalb der christlichen Kirchen, nur gegen das heftigste Widerstreben dieser offiziellen Vertreter der Religion sich durchgesetzt hat, so fällt diesen doch der ganze materielle Gewinn der Bewegung zu, und bald sitzen sie wieder fester als je im Sattel. Wenn sie aber nicht mehr ausreichen, wenn in Konkurrenz mit ihnen aus spontanen Antrieben von unten herauf eine neue Gruppe von Trägern der religiösen Idee erwächst, wie die Schriftgelehrten (Rabbiner) des Judentums, die Mönche des Buddhismus und Christentums, die Prediger der Reformkirchen, so wachsen diese alsbald aufs neue zu einem geschlossenen Stande zusammen, der die spontane religiöse Bewegung ebenso zu regeln und die Religion für sich zu monopolisieren sucht, wie vorher die Priesterschaft.

88. Dasselbe ständige Eindringen der traditionellen Tendenzen zeigt sich auf dem Gebiet der kirchlichen Lehre. Die ältesten religiösen Vorstellungen tauchen wieder auf, mögen sie von den Begründern der Lehre auch noch so energisch bekämpft sein und zeitweilig für völlig überwunden gegolten haben; denn sie erwachsen aus einem natürlichen Bedürfnis der Menschen und aus einer Denkweise, die, wenngleich zurückgedrängt, doch immer wieder als ursprüngliche, nicht durch Reflexion geregelte, gewissermaßen instinktive Auffassung der äußeren und inneren Vorgänge hervorbricht und daher das Empfindungsleben und die Gestalten der Phantasie beherrscht. Gerade diese unmittelbaren Empfindungen aber sind für die Religion und die religiöse Strömung von maßgebender Bedeutung. So kommt es, daß das Widersinnige und Absurde, das logisch Unmögliche in weitem Umfang als dennoch wahr und als das eigentliche Charakteristikum einer religiösen Lehre gilt. Das ist nur der mythische Ausdruck für die Tatsache, daß das Zusammenwirken und die Kreuzung der Kausalreihen, welche die Welt der Erscheinungen beherrscht und die zufällige Gestalt des realen Einzelvorgangs [158] bestimmt, sich der Erkenntnis entzieht, daß im Leben ununterbrochen Faktoren entscheidend wirken, die keine Berechnung zu ermitteln und kein Wille zu beherrschen vermag. Der Verstand verzweifelt, das Welträtsel zu lösen, und flüchtet sich ins Übersinnliche, das die Bedürfnisse des Gemütslebens und der Phantasie befriedigt; der Satz credo quia absurdum trifft in der Tat das innerste Wesen der religiösen Lehre. Dazu kommt dann die Macht der Gewohnheit, der altererbten Vorstellungen, von denen der Mensch sich nicht loslösen kann. So werden Zauberwesen, Fetischismus, wüster Wunderglaube immer aufs neue zu entscheidenden Bestandteilen der religösen Vorstellung: eine Religion kann geradezu in das Gegenteil dessen umschlagen, was sie ursprünglich gewesen ist und was ihr Stifter gelehrt hat. So ist das Judentum eine der geistlosesten Gestalten des Formelwesens und der Werkheiligkeit, welche alle innere Freiheit völlig erstickt, im schroffsten Gegensatz zu der Lehre der Propheten, aus der es erwachsen ist. Das geschichtliche Christentum ist ein ausgebildeter Polytheismus geworden, mit Götterbildern, Zauberformeln, wüstem Wunderglauben, reichem Ritual und einer voll durchgebildeten Priesterherrschaft. Ähnlich hat sich die Lehre Zoroasters und die des Buddhismus umgewandelt, und selbst der Islam, in den die alte Volksreligion in Gestalt der Heiligenverehrung und im Kultus 'Alis und seiner Nachkommen eingedrungen ist. Wenn dann eine Religion von anderen Völkern übernommen wird, führt deren Charakter weitere tiefgreifende Veränderungen herbei und kann sie innerlich völlig umgestalten, auch wenn die Lehre ungeändert geblieben ist. So ist das Christentum etwas ganz anderes bei Abessiniern und Griechen, Germanen und Romanen, und der starr persönliche Monotheismus des semitischen Islams hat sich in dem Sufismus der Perser und Mauren in einen spiritualistischen Pantheismus umgebildet. Sehr anschaulich ist die Umwandlung an den Religionsbüchern zu erkennen, mögen dieselben nun ein von der Priesterschaft einer früheren Zeit aufgestelltes traditionelles theologisches System, mögen sie die [159] Lehren, eventuell auch die in authentischem Wortlaut erhaltenen Äußerungen oder Schriften des Religionstifters selbst enthalten. Die bestehende Religion beruft sich auf sie, sie erklärt ihren Inhalt für ewig und unabänderlich; aber in Wirklichkeit bestimmt sie selbst und nicht die Schrift den Inhalt ihrer Lehre. Was mit dieser übereinstimmt, wird aus dem Wortlaut des heiligen Buchs abgeleitet, alles übrige wird umgedeutet und oft genug in sein Gegenteil interpretiert oder einfach beiseite geworfen; und wehe dem, der sich darauf berufen und es für verbindlich erklären wollte. Nicht das Religionsbuch ist maßgebend, sondern die Tradition, welche die Kirche geschaffen hat und verkörpert. So enthalten die Hymnen des Veda nichts von Brahma, nichts von Šiwa, und sehr wenig von Vishnu, die Bibel nichts von den Grundlehren der katholischen Kirche, der herrschenden Stellung der Priesterschaft und des Papsttums, der Heiligenverehrung, dem Kultus der Hostie und den Sakramenten, dem Fegfeuer und der Beichte u.s.w. Umgekehrt sind unter den heiligen Schriften Bücher, die nicht das mindeste mit der Religion zu tun haben, Geschichtsbücher, Sagen und Romane, Sammlungen von Liebesliedern wie das Hohelied, skeptische philosophische Schriften wie der Qohelet, die mit den Kunststücken der kirchlichen Interpretation in Offenbarungen religiöser Geheimnisse umgewandelt werden. So paradox es klingt, so kann man doch geradezu behaupten, daß der Inhalt der Religionsbücher für eine ausgebildete Religion so gut wie gleichgültig ist, daß jedes beliebige Buch durch zufällige Schicksale zu einem Religionsbuch werden kann.

89. Und doch brechen nun umgekehrt diesen traditionellen Tendenzen gegenüber immer wieder die individuellen Momente, die sittliche Überzeugung des Einzelnen, die tieferen, wahrhaft religiösen Gedanken, welche die herrschende Religion enthält und ihr Stifter verkündet hat, mit Macht hervor. Wenn nicht die Kulturbewegung völlig zum Stillstand kommt und in festen Formen erstarrt ist, wie das in der gegenwärtigen Gestalt des Islams und des Buddhismus fast [160] völlig erreicht ist, vermag die Tradition und die Kirche die Individualität und die freie Bewegung nicht zu ersticken, trotz aller Zwangsmaßregeln, die ihr zur Verfügung stehen und sie die rücksichtslos anwendet. Wenn diese Tendenzen zur Macht gelangen, wenn sie von bedeutenden Persönlichkeiten ergriffen und zum Siege geführt werden, wie z.B. in der Reformation, dann kann aufs neue eine gewaltige Umwälzung eintreten; dann kann zugleich, was in Jahrhunderte langer Gärung sich herausgebildet, was in immer erneuten Anläufen sich durchzusetzen versucht hat und bisher der Macht der Tradition erlegen war, zur Herrschaft gelangen und die Grundlage einer neuen Kulturepoche werden. Und dann wiederholt sich derselbe Prozeß, derselbe Kampf der universellen und individuellen Tendenzen von neuem: was zersetzt, baut auf, und was aufbaut, führt wieder zur Zersetzung. Aber niemals verläuft dieser Prozeß in seiner Einzelgestaltung in den gleichen Formen, und niemals kehrt die Entwicklung einfach auf ihren Ausgangspunkt zurück. Was einmal ein Faktor des geschichtlichen Lebens geworden ist, wirkt weiter und treibt immer neue Triebe, mag es unter dem Druck der entgegenstehenden Gewalten auch noch so sehr verkümmern; und wenn manche Ideen sich nicht behaupten können und sei es anderen stärkeren Ideen, sei es der Macht des Alten gegenüber zurückweichen müssen oder erliegen, so setzen andere sich auf die Dauer durch und zwingen das Alte, sich nach ihnen von Grund aus umzugestalten. Welchen dieser Ideen das gelingt, und in welcher Form sie sich dann behaupten können, das hängt von dem allgemeinen Charakter der Kultur ab, deren Wesen und Entwicklung sich eben in diesen Kämpfen herausbildet; und dieser Charakter wieder von der Eigenart all der einzelnen Faktoren, welche das Wesen des geschichtlichen Ereignisses bestimmen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 71965, Bd. 1/1, S. 157-161.
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