Religion, Kultur und Tradition. Verhältnis zur Staatsgewalt und zur Moral

[133] 71. Wie die Götter ewige Mächte sind, so auch die Gebote, die sie gegeben haben, und die religiösen Formen, in denen der Mensch mit ihnen verkehrt. Jede Religion tritt auf mit dem Anspruch, ewige und unabänderliche Wahrheit zu enthalten; sie ist der stärkste Ausdruck der beharrenden Tendenzen in der menschlichen Entwicklung, das große Bollwerk der Tradition. Das Werden gehört der Vergangenheit an, der Zeit des Entstehens der Welt und der Urväter, denen die Götter sich offenbarten und die Kultur mit ihren Ordnungen gegeben haben; die Aufgabe der lebenden Generation ist es, das Gewonnene festzuhalten. Daher steht die Religion im engsten Bunde mit allen bestehenden Gewalten. Die Organisation der Staatsgewalt, die herrschende soziale Ordnung, das geltende Recht, die Sitte, die Moral, sie alle erheben den Anspruch auf dauernde und unabänderliche Geltung, sie sind nicht das Werk menschlicher Willkür, sondern die Form, in der die inneren Notwendigkeiten des Daseins zum Ausdruck gelangen; eben darum sind sie göttlichen Ursprungs. Von allen Elementen der äußeren und inneren Kultur gilt das gleiche; sie sind, eben weil sie zum unentbehrlichen Gemeinbesitz geworden sind und man sich ein anders gestaltetes Leben nicht vorstellen kann, von den Göttern geschaffen, sei es, daß diese sie den Urvätern offenbart, sei es, daß die Götter selbst als Urahnen des menschlichen Verbandes Sprache und Schritt, Gebrauch des Feuers und der Werkzeuge, Ackerbau, Bau der Schiffe, der Häuser und Städte, und ebenso die Heilkunst, die bildende Kunst, Gesang und Musik erfunden und ihren Nachkommen überliefert haben. Je größer die Kulturgüter[133] sind, desto fester klammert man sich an die Götter, denen man sie verdankt, desto zuversichtlicher hofft man zugleich durch gesteigerte Religionsübung ihren Bestand zu sichern; wer sich gegen die traditionelle Ordnung auflehnt, empört sich damit gegen den Willen der Götter. Daher erscheint die Religion als die festeste Stütze der bestehenden Staatsordnung, sei sie eine unumschränkte Monarchie, sei sie das Regiment eines bevorrechteten Standes, sei sie eine auf Grund der Gleichberechtigung aller Vollfreien aufgebaute freie Verfassung. Daher die enge Verbindung zwischen Religion und Recht: die Götter beschirmen es nicht nur, indem sie durch Orakel, Gottesgericht u.ä. den Tatbestand aufhellen, die Bestrafung des Schuldigen ermöglichen, den begründeten Rechtsanspruch erkennen lassen, sondern sie offenbaren auch ihren Dienern, Priestern und Sehern die richtigen Grundsätze der Rechtsordnung (§ 16. 48). Am stärksten aber spricht sich der Wille der Götter in den Geboten der Moral aus; denn diese können nicht, wie die des Rechts (und in geringerem Grade die der Sitte), durch einen Willensakt der Staatsgewalt geändert werden, sondern erheben mit zwingender Gewalt ihre Stimme im Inneren eines jeden. So ist es die Gottheit selbst, die in der Brust des Menschen redet und ihn, mag er selbst sich noch so sehr sträuben, unter ihren Willen zwingt, oder, wenn er sie überhört, ihm durch warnende Zeichen, Träume und Orakel das Gewissen weckt, durch die Schicksale, die sie verhängt, den Schuldigen straft.

72. So sind die Götter die Urheber und Erhalter aller Kultur und aller Ordnungen des sozialen Verbandes: das Gesetz, welches die sittliche Welt beherrscht, ist nicht minder ihr Werk und der eigentliche Ausdruck ihres Wesens, als die gesetzmäßige Regelung der Natur. Wie in dieser, so leben sie in dem menschlichen Verbande als das dauernde Prinzip, als die Regel, auf der dessen Existenz beruht. So entsteht der Glaube, daß der Bestand der Kultur, des Staats, der Moral auf der Religion und dem Gottesglauben beruhe, daß sie zusammenstürzen und dem Chaos, dem regellosen Kampfe [134] aller gegen alle erliegen müßten, wenn die Religion angetastet oder gar umgestoßen werde. Von den Vertretern der Religion wie denen des Staats wird dieser Glaube eifrig gefördert; ihnen erscheint es als selbstverständlich, daß beide untrennbar miteinander verbunden sind. In Wirklichkeit freilich liegen die Dinge gerade umgekehrt; auch hier, wie bei den Anschauungen über den Ursprung des Volksstamms von den Göttern, erscheint der Vorstellung das Abgeleitete als das Primäre. Staat und Gesellschaft, Recht und Moral sind selbständige Gewalten, die ebenso wie alle materielle Kultur eine von der Religion völlig unabhängige Grundlage haben und unverändert ohne sie fortbestehen können, wenn sie auch, wie alles Reale, mit ihr in Wechselwirkung stehen; ihre Verknüpfung mit der Religion beruht nur darauf, daß sie zu den Komponenten der bestehenden Welt gehören, und darum wie diese alle als Schöpfung der Götter gelten. Nicht die Religion an sich stützt den Staat, sondern vielmehr dieser die Religion, weil ihm dieser Glaube nützlich ist; im Falle eines Konflikts hat gerade die Religion stets unbedenklich mit ihm gebrochen und die bestehende Staatsgewalt und soziale Ordnung bekämpft. Ist dann eine Religion zur Macht gelangt, so schließt sie, auch wenn sie im schroffsten Gegensatz zum Staate emporgekommen ist – wie z.B. das Christentum und in weitem Umfang auch die Reformation –, den Bund mit der gerade bestehenden Staatsgewalt aufs neue. Ebenso setzt sich die Religion, sobald ihr Interesse es gebietet, rücksichtslos über alle Gebote des Rechts, der Sitte und der Moral hinweg. Gerade die Moral aber, die scheinbar in dem Glauben an die sie schirmende und rächende Gottheit ihre einzige Stütze hat, ist ihrem Ursprung nach völlig selbständig und ihr Gebiet wird erst allmählich, beim Fortschreiten der Kultur und der religiösen Idee, von dieser erobert: und auch dann noch bewahrt sie überall da, wo sie an die Ehre oder das Pflichtgefühl appelliert, ihre volle Selbständigkeit. Andrerseits sind die Götter keine sittlichen Wesen und sind es niemals vollständig geworden; sondern die Idee ihrer Gerechtigkeit steht [135] immer in Konflikt mit der Idee ihrer Allmacht und absoluten Willensfreiheit1, und die Befolgung eines Moralgebots hat für die Religion nicht mehr Bedeutung, als die Befolgung einer rituellen Vorschrift, z.B. der Forderung kultischer Reinheit oder einer Opferordnung, ja sie tritt oft ganz hinter diese zurück. So steht denn auch die Moral in fortwährendem, kaum je vorübergehend ausgeglichenen Konflikt mit der Religion und ihren Geboten; und in diesem Kampf erweist sie sich in der Regel als die stärkere Macht (§ 74ff.), sie zwingt die Götter unter ihren Willen, ja sie hat mehr als eine Religion gestürzt und zu den Toten geworfen.


Wenn die innere Zersetzung einer Religion mit einer Lockerung der sittlichen Anschauungen, mit dem Hervorbrechen eines schrankenlosen ethischen Individualismus zusammengeht, wie bei den Griechen seit der Sophistenzeit, so ist letzterer nicht etwa durch die Angriffe auf die Religion ent standen (denn die korrumpierende Wirkung, welche diese wie jede andere große Krisis der menschlichen Entwicklung auf einzelne Individuen ausübt, kommt für die Gesamtbeurteilung hier ebensowenig in Betracht, wie z.B. bei großen politischen Kämpfen), sondern dadurch, daß die religiöse Krisis hier nur ein Moment in der großen Krisis auf allen Gebieten des geistigen und politischen Lebens gewesen ist. Der Sturz der griechischen Religion ist ganz wesentlich aus sittlichen Anstößen hervorgegangen, und aus der Krisis ist alsbald eine neue, tiefer begründete Sittlichkeit erwachsen, während die Entstehung einer neuen Religion lange auf sich warten ließ; an ihre Stelle ist zunächst vielmehr die Philosophie getreten.


73. Bei vielen Volksstämmen erreicht die von der Religion gestützte Tradition ihr Ziel: die Tendenzen der beharrenden Kräfte erlangen die volle Herrschaft, Jahrhunderte lang lebt eine Generation nach der anderen in denselben Anschauungen und Kulturverhältnissen. Äußere Veränderungen treten immer von neuem ein, Dynastien und Staaten entstehen und vergehen; aber das innere Wesen und die Denkweise des Volks wird dadurch nicht affiziert. Eine gleichbleibende, [136] seit Urzeiten überkommene Ordnung beherrscht alle Vorstellungen und alles Handeln; die Kräfte der Individualität und des Fortschritts sind völlig gebunden und wirkungslos. Aber bei anderen Völkern vermögen sie einen freien Spielraum zu behaupten oder wiederzugewinnen. Da wirken die äußeren Vorgänge auf die Denkweise und die Kultur zurück, diese selbst wird in ihrem Bestand gemehrt und geändert, neue Erfindungen und Gedanken, die von einzelnen Individuen ausgehen, können mächtig auf die Gesamtheit einwirken und zum Gemeingut werden, neue Ordnungen werden geschaffen. Wie alle Tradition als Werk zahlloser Individuen und Geschlechter durch Anpassung an die gegebenen Verhältnisse entstanden ist, so behält sie hier die Fähigkeit, ihren Wandlungen zu folgen, Neues in sich aufzunehmen und Veraltetes abzustoßen. Jedes Neue aber steht im Gegensatz zur Tradition, es muß sich den Eingang in diese erst in hartem Kampfe erzwingen, sich als eine Verbesserung des Bestehenden oder eine aus den äußeren Verhältnissen oder dem Zwange des Denkens erwachsene Notwendigkeit erweisen. Jede dieser Änderungen wirkt zugleich auf die Religion zurück und findet in ihr einen Gegner; denn sie ist eine Abweichung von der durch diese sanktionierten Tradition. Daher ist jeder Kampf um einen Fortschritt zugleich ein Kampf mit der bestehenden Religion, zu Zeiten latent, in der Regel offenkundig; wer als Sieger aus ihm hervorgeht, hängt von der Stärke der Faktoren ab, welche die Gestaltung des geschichtlichen Moments bestimmen. Siegt die fortschreitende Entwicklung, geht sie in den Inhalt der umgestalteten Tradition über, so bleibt der Religion nichts übrig, als dem zu folgen und jetzt diese neue Tradition zu vertraten wie bisher die alte. Eben da er weist sich aufs neue, daß die Mächte des Kulturlebens selbständige Gewalten und ihre Abhängigkeit von der Religion nur Schein ist: diese ist nur der Ausdruck des jeweiligen sozialen und kulturellen Zustandes des Volks, der alle Seiten des Lebens zu einer Einheit zusammenzufassen versucht. Aber sie folgt der Entwicklung nur widerstrebend: [137] die Mächte des Beharrens, die sich in ihr verkörpern, leisten Widerstand bis aufs äußerste, und die alten Formen brechen immer aufs neue hervor. So kommt es, daß die Religion noch schwerer als irgend eine andere Macht des Kulturlebens etwas Überwundenes und innerlich Abgestorben abzustoßen vermag: es wird weitergeschleppt, wenn auch nur als sinnlos gewordene Formel – das typische Beispiel dafür ist die Entwicklung Aegyptens. Wenn dann eine große geistige Bewegung die alte Religion hinweggewischt und eine neue, auf ganz anderen Grundlagen erwachsene an ihre Stelle gesetzt zu haben scheint, zeigt sich, sobald die Hochflut verlaufen ist, mit welcher Zähigkeit die alten religiösen Vorstellungen im Bewußtsein der Masse haften. Dann gewinnen sie, kaum äußerlich ein wenig verändert, gewaltigen Einfluß auf die neue Gestaltung und führen diese mehr und mehr in die alten Bahnen zurück. Die Geschichte des Christentums und seiner Umwandlungen gibt dafür den anschaulichsten Beleg; aber die Geschichte jeder neuen Religion lehrt das gleiche, so die der Lehren Zoroasters und Buddhas und selbst die des Islam, so energisch dieser mit dem Alten aufzuräumen versucht hat.

74. Daneben freilich stehen die tiefgreifendsten Wandlungen sowohl in der inneren Auffassung wie in der äußeren Erscheinung der Religion, in ihren Zeremonien und Forderungen; und zwar vollzieht sich dieser Wandel nicht nur in großen Umwälzungen, wie den soeben berührten, sondern weit häufiger noch langsam und fast unbemerkt. Denn trotz ihrer konservativen Tendenzen muß auch die Religion sich äußerlich und innerlich fügen, wenn der Widerspruch mit den ins Bewußtsein der Gesamtheit übergegangenen geläuterten Anschauungen offenkundig geworden ist. Gerade hier erweist die Moral ihre selbständige und die Religion beherrschende Macht. Wenn das sittliche Bewußtsein eines Kulturvolks die Menschenopfer, die Niedermetzelung wehrloser Feinde, die Zaubereien u.ä. nicht mehr erträgt, so werden sie von der Religion selbst abgeschafft; die Götter, ursprünglich moralisch [138] indifferente Wesen, die sich um das Sittengesetz nicht kümmern, müssen sich in sittliche Mächte umwandeln, die mythischen Erzählungen von ihren Taten werden umgedeutet oder verworfen; schließlich ist selbst das gesamte Opferwesen mit allem, was daran hängt, von der gesteigerten Kultur beseitigt worden, und lebt im Judentum, Christentum, Islam nur noch in vereinzelten rudimentären Gebräuchen und mystischen, fast unverständlich gewordenen Lehren weiter. Die Religion rettet ihr Ansehen damit, daß sie die ursprünglich sehr ernsthaft gemeinten und geübten Riten nach Möglichkeit in inhaltslose Formalitäten umsetzt, z.B. das reale Menschenopfer durch Darbringung von Puppen, die Zauberformeln durch Gebete ersetzt; oder sie behauptet, da sie von Ewigkeit her die untrügliche Wahrheit verkündet haben muß, daß die alten Bräuche und Anschauungen auf Mißverständnissen, menschlichen Erfindungen, Abfall von der wahren Gottheit, unbewußtem und bewußtem Verkennen ihres Wesens beruhen, während die neue Lehre allezeit ihrem wahren Willen und Wesen entsprochen habe. Daher tritt jede religiöse Neuerung auf als Rückkehr zu der alten, wahren Religion, die der Propheten so gut wie die der Reformation; oder man sucht sich uralte Autoritäten, wie Mose und Orpheus, welche die wahre Lehre, von der die Späteren abgefallen sind, schon in der Urzeit verkündet haben. Oder die Gottheit hat selbst eine Entwicklung durchgemacht, sie hat ihr Wesen geschichtlich gewandelt – das ist die Form, in der Aeschylos die heilige Geschichte zu retten und mit seinen geläuterten Anschauungen zu versöhnen sucht –; oder sie hat ihr Wesen erst jetzt enthüllt, etwa nach einem geheimnisvollen göttlichen Heilsplan, weil die Menschen erst jetzt reif sind, die volle Wahrheit zu fassen, oder weil jetzt erst der Zeitpunkt gekommen ist, in dem sie im Kampf mit den feindlichen Mächten, die ihr widerstehen, die Wahrheit offenbaren kann (so im Parsismus). Immer aber tritt die Lehre, welche die Religion verkündet, auf als das Absolute und Ewige, welches fortan die Menschen für alle Zukunft bindet. Dabei aber schreitet [139] die Entwicklung weiter, und so wiederholt sich der Umwandlungsprozeß und der Konflikt immer von neuem.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 71965, Bd. 1/1, S. 133-140.
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