Die Rückkehr. Deuterojesaja

[173] Wäre das Chaldäerreich von Dauer gewesen, so wäre diese Entwicklung mit den Hoffnungen zu Grabe gegangen, auf denen sie beruhte. Höchstens eine Sekte mit phantastischen Zukunftserwartungen hätte sich erhalten können; die Masse der Exulanten wäre schließlich, mochte sie noch so lange ihre Sonderexistenz zu wahren sich bemühen, in die fremde Nationalität aufgegangen, unter der sie lebte. Aber das Reich Nebukadnezars hatte keinen Bestand; noch nicht fünfzig Jahre nach dem Fall Jerusalems war es dem raschen Angriff des Kyros erlegen. Am 12. Oktober 539 wurde Babel ohne Kampf von den Persern besetzt, am 27. Oktober zog Kyros in die feindliche Hauptstadt ein und gewährte ihr Verzeihung. Mit Jubel begrüßten die jüdischen Exulanten den Fall des Reichs, der auch ihnen die Erlösung bedeutete. Kyros gestattete ihnen die Rückkehr in die Heimat; im Sommer 538 gab er von Egbatana aus Befehl, ihnen die von Nebukadnezar fortgenommenen Tempelgeräte zurückzugeben und den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Die Zeit der Erfüllung schien gekommen, das messianische Reich und seine Herrlichkeit unmittelbar vor der Tür. So fanden sich aus allen Geschlechtern und aus der besitzlosen Bevölkerung Jerusalems und der Landstädte gewaltige Scharen zusammen zu dem neuen Zug durch die Wüste, der zum zweitenmal aus der Knechtschaft in das Land Jahwes führte; 42300 Erwachsene, darunter etwa 30000 Männer – die Zahl der Frauen, die die Rückkehr mitmachen konnten, war natürlich weit geringer, ebenso wie bei der Fortführung durch Nebukadnezar die Deportierten vielfach ihre Frauen und Kinder zurückgelassen hatten –, ferner 7337 Sklaven und Sklavinnen nennt das Verzeichnis, das [173] bei der Ankunft aufgenommen wurde. Ein Sohn des Königs Jojakin, Šinbaluṣur (Šešbaṣṣar), trat als persischer Statthalter, dem königlichen Satrapen unterstellt, an die Spitze der Provinz Juda265.

So war eingetroffen, was die Propheten verkündet hatten; Jahwe hatte sein Volk nicht im Stich gelassen, er rüstete sich, wieder einzuziehen auf seinen heiligen Berg. Freilich war alles doch so ganz anders gekommen, als man erwartet hatte. Zwar das Chaldäerreich war gefallen, aber Babel stand aufrecht, und die allgemeine Umwandlung aller irdischen Dinge war nicht erfolgt. An Stelle des chaldäischen war das Weltreich eines anderen Volkes getreten, das von Jahwe ebensowenig wußte; von dem messianischen Reich und der herrschenden Stellung des Volkes Jahwes war nichts zu spüren, wenn auch ein Sproß Davids wieder in Jerusalem das Regiment führte. Diesen Gedanken tritt der Trostredner entgegen, den wir Deuterojesaja nennen, weil seine Dichtungen dem Jesajabuch angehängt sind (Kap. 40-55). Deuterojesaja ist kein Prophet und hat keine neue Offenbarung Jahwes mitzuteilen; sein Beruf ist, die Vorgänge zu deuten und Jahwes Walten dem mit Blindheit geschlagenen Volk auszulegen. Deshalb schreibt er anonym. Aber er ist vielleicht die genialste Gestalt der hebräischen Literatur: im schärfsten Gegensatz zu dem Formalismus Ezechiels kommt bei ihm so gewaltig wie wohl nirgend sonst in der Weltliteratur die Tiefe der religiösen Empfindung, die Kraft der Überzeugung und die großartige weltumfassende Anschauung zum Ausdruck, zu der die Jahwereligion sich durchgerungen hat. »Wie kann Israel sagen: meine Angelegenheiten sind Jahwe verhüllt und [174] mein Recht entzieht sich meinem Gott?« Von Anfang an hat Jahwe sich als den alleinigen wahren Gott erwiesen, der die Welt geschaffen hat, und jetzt offenbart er sich aufs neue als den Weltregenten, »dem die Völker sind wie Tropfen am Eimer und Stäubchen auf den Waagschalen«. Israel hat er erwählt aus allen Völkern. Freilich hat er es strafen und dem Gespötte der Völker überantworten müssen; aber verstoßen hat er es nicht. Eben um seinetwillen hat er den Kyros erweckt von Osten her wie einen Stoßvogel und ihm alle Völker und Reiche zu eigen gegeben: durch Kyros wird die Verheißung vollendet, Jerusalem und der Tempel wiederhergestellt. So ist Kyros der Hirte Jahwes, der Messias (44, 28. 45, 1), der Jahwes Werk erfüllt, ohne von ihm zu wissen: »Um meines Knechtes Jakob, um Israels meines Erwählten willen rief ich Dich mit Namen und gab Dir Ehrentitel, da Du doch mich nicht kanntest, mich, Jahwe, außer dem kein Gott ist, und ich gürtete Dich, ohne daß Du von mir wußtest, damit sie erkennen von Sonnenaufgang bis zum Untergang, daß nichts ist außer mir, ich Jahwe und sonst nichts, der das Licht gebildet und die Finsternis geschaffen, Heil wirkt und Böses schafft, ich Jahwe bin's, der all das tut.« Freilich, die Erfüllung ist anders gekommen, als man erwartet hatte, urplötzlich und überraschend. Aber »darf der Ton mit seinem Bildner hadern?« – »Wer ist Jahwes Ratgeber gewesen und kann ihn unterweisen?« Gerade dadurch erweist sich Jahwe um so mehr als Weltenherrn, daß der unwissende Heide seinen Plan ausführen muß, daß die ganze gewaltige Weltbewegung nur um seines Volkes willen da ist. Jahwe hat es seit langem vorher verkündet – so ist er der einzig wahre Gott, die anderen, die nichts davon wußten, sind nichtig und tote Götzenbilder ohne Leben. Wie Bel und Nebo gestürzt sind und all seine Weisheit, seine Sterndeutung und Zauberei Babel nichts genützt hat, so haben die Götzen alle nichts von dem gewußt, was kommen mußte, was Jahwe seit alters verkündet hatte. Ihre Rolle ist ganz ausgespielt. Damit gelangt der Schriftsteller zu den letzten und höchsten Gedanken: Nicht nur die Wende des Geschicks Israels ist gekommen, die Zeit, wo Jahwes Gnade sich dem Volk trotz all seiner Unwürdigkeit wieder zuwendet, um nie wieder von ihm zu weichen, mögen [175] auch die Berge stürzen und die Hügel wanken, so wie die Sündflut niemals wiederkehren wird – deshalb ist Deuterojesaja der Tröster, nicht mehr wie die alten Propheten ein Bußprediger –, sondern indem Jahwe in dem Rechtsstreit zwischen Israel und den Völkern jenem zu seinem Recht verhilft, erweist sich der Gott Israels als der alleinige Gott der ganzen Welt. Die nationale Religion ist die alleinige Weltreligion. Israels Mission ist gewesen, allen Völkern den wahren Gott zu verkünden und zu offenbaren; so ist Israel der Knecht Jahwes, d.h. sein Prophet unter den Heiden. Vom Schicksal geschlagen, verachtet und mißhandelt, hat es unter ihnen gelebt und geduldig wie ein Lamm sich zur Schlachtbank führen lassen, den schimpflichsten Tod erduldet. Aber jetzt wird Jahwe seinen Knecht zu neuem Leben erwecken, erhöhen und verherrlichen, so daß alle Völker ihn anstaunen und sich um ihn scharen. Auch Kyros wird erkennen, daß Israels Gott es ist, der ihn berufen und ihm alle Schätze der Weltge geben hat (45, 3). Schon von der Gegenwart erwartet der Schriftsteller ein großes Wunder; wie Jahwe die fernsten Völker, Ägypter und Äthiopen, als Lösegeld für sein Volk gibt, – d.h. den Persern zum Lohn für die Freigabe der Juden unterwerfen wird –, so bahnt er ihm eine Straße durch die Wüste, ebnet die Berge, läßt Wasser in der Einöde quellen, um es von Babel nach Jerusalem zu führen, wie er es einst durch das Meer aus der Knechtschaft Ägyptens geführt hat. Dann wird es zur Leuchte werden für die Völker, »damit mein Heil reiche bis ans Ende der Welt«. Es wird sie die wahre Gotteserkenntnis lehren; von überall her werden die Menschen sich herandrängen, um Jahwes Volk zuzugehören und sich mit seinem Namen zu nennen266.

So ist der Punkt erreicht, wo die nationale Religion mit vollem Bewußtsein den Anspruch erhebt, die einzig berechtigte für alle [176] Völker zu sein. Auch hier ist es falsch, wenn man bei Deuterojesaja und überhaupt beim Judentum auf den Monotheismus den Hauptnachdruck legt, trotz der scharfen Betonung der Alleinigkeit Jahwes. Das Wesentliche ist, daß dieser eine und allein existierende Gott eben Jahwe ist, der ganz persönliche Gott Israels. Nicht um einen Gegensatz zwischen ihm und anderen Göttern handelt es sich, sondern um den zwischen ihm und den wesenlosen Irrgestalten, den leblosen Schöpfungen ihrer eigenen Hand, welche die anderen Völker als Götter verehren. Der Nationalgott Israels, [177] mit all seinen individuellen Zügen, mit allen Besonderheiten seines Kultus, soll der Gott aller Völker werden, alle Menschen sollen, wenn auch das Vorrecht des Samens Abrahams gewahrt bleibt, in Israel aufgehen. In der Praxis freilich führt das zu Konsequenzen, die von der weltumspannenden Höhe der Theorie weit verschieden sind. Gerade weil Jahwe der Gott für alle Völker sein soll, empfindet man, etwas Besonderes zu sein, weit überlegen den blinden Heiden. Man soll sie bekehren, aber bis dahin sich durch die Berührung mit ihnen nicht beflecken: eine Ehe mit einer Götzendienerin vollends ist der schwerste Frevel an der Reinheit, die Jahwes Religion fordert. Bereits im Deuteronomium traten diese Anschauungen hervor (Bd. III2 S. 157; jetzt werden sie mit peinlicher Strenge durchgeführt. Man sieht, wie gerade der Universalismus zum Religionshaß und schließlich zum Religionskrieg führt – die Geschichtstheorie, welche die Eroberung Kanaans nach diesen Ideen behandelt, war ja längst dabei angelangt –, wie an Stelle der Nationalität die Religion das Distinktiv der Menschen wird. – Nur die Kehrseite der schroffen Ablehnung gegen die, welche nicht hören wollen, ist die Propaganda unter den »Heiden«. In der Tat hat dieselbe schon im Exil begonnen. Unter den Teilnehmern am Zug nach Palästina fanden sich drei Geschlechter aus babylonischen Ortschaften, die nicht nachweisen konnten, daß sie aus Israel stammten. Selbst wenn es fortgeführte Palästinenser gewesen sein sollten, würde es zeigen, daß das Proselytentum schon stark entwickelt war; wahrscheinlich aber waren es Leute, die sich in Babylonien den Juden angeschlossen hatten. In den folgenden Jahrhunderten haben dann die in Babylonien zurückgebliebenen Juden, die sich weithin durch das Reich verbreiteten, zunächst nach Susiana und Medien, sehr viele Proselyten gewonnen. Für die volle Verwirklichung der neuen Ideen war es allerdings nötig, daß aus dem Volk Jahwes eine Kirche wurde, daß die wiederhergestellte Gemeinde auf alle nationalen Aufgaben verzichtete, soweit sie nicht mit der Jahwereligion untrennbar verbunden waren. Dies ist das Resultat, zu dem die Entwicklung des nächsten Jahrhunderts geführt hat, sehr gegen die Wünsche und Hoffnungen des zurückgekehrten Volks.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 61965, Bd. 4/1, S. 173-178.
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