Ludovicus, S. (4)

[921] 4S. Ludovicus, (25. Aug.), König von Frankreich. Der hl. Ludwig IX. wurde am 25. April d. J. 1215, oder wahrscheinlicher, wie auch Stilting will, 1214 auf dem Schlosse Poissy (Pisciacum seu Pinciacum) im heutigen Departement Seine-Oise geboren und in der Pfarrkirche dieses Ortes getauft. Seine Eltern waren Ludwig VIII., König von Frankreich, und die fromme Königin Blanca2, die Tochter des Königs Alphons IX. von Castilien. Die Ehe war mit neun Sprossen, nämlich sieben Söhnen und zwei Töchtern gesegnet, von welchen sich außer unserm Ludwig auch Elisabetha21 (B. Isabella) durch Frömmigkeit auszeichnete226. Blanca pflanzte in das Herz des lieben, blondlockigen Sohnes mit bestem Erfolge die innigste Frömmigkeit. Schon früh (im J. 1226) verlor der hl. Ludwig seinen Vater, und noch in demselben Jahre ließ Blanca, um bei der widerspenstigen Gesinnung vieler Großen des Reiches Verwirrungen und Empörungen möglichst vorzubeugen, den 11 jährigen Ludwig am 29. Nov. in Rheims zum Könige von Frankreich krönen und durch Jacob von Bazoches, Bischof von Soissons, salben, eine Ceremonie, die er mit größter Andacht an sich vollziehen ließ. Damals konnte sie schon an den ersten Blüthen und Keimen der Frömmigkeit, die sie ihrem Sohne frühzeitig in's Herz gelegt hatte, sich erfreuen. Der junge König vergaß nicht die mütterlichen Worte: »Gott weiß, wie ich dich liebe; aber lieber würde ich dich zur Stunde todt vor mir liegen, als je in eine schwere Sünde willigen sehen: besser der Leib stirbt, als daß die Seele getödtet werde.« Sie hatte die große Kunst verstanden, nicht einen Mönch – wie böse Zungen sie beschuldigten – sondern einen guten, gerechten, weisen und tapfern König zu erziehen. Der König selbst liebte in seinen spätern Jahren zu erzählen, wie sie ihn gelehrt hätte, sich mit dem Kreuze zu bezeichnen, bevor er zu sprechen beginne, um den Namen Gottes und die Hilfe des heiligen Geistes anzurufen. Als er das Alter von vierzehn Jahren erreicht hatte, gab sie ihm einen besondern Lehrer, um ihn auch in den Wissenschaften zu unterrichten, in welchen er bald gute Fortschritte machte, so daß er später mit Vergnügen die Schriften der heiligen Väter las und sie denen, die kein Latein verstanden, mit Leichtigkeit in französischer Sprache zu erklären vermochte (Scholten, II. 221.). Nur unter unverkennbarem Beistande Gottes überwanden Ludwig und Blanca, die von ihrem kranken Gemahle während der Minderjährigkeit des Sohnes zur Regentin bestellt worden war, die vielen gefährlichen Feinde, die sogleich sich erhoben. Der hartnäckigste aller Gegner, Heinrich III., König von England, welcher wegen Ansprüche auf verlorenes, ehemals englisches Gebiet in Frankreich mit dieser Krone haderte, mußte sich nach verschiedenen öfters erneuten Kämpfen im J. 1243 zur Beendigung der Feindseligkeiten bequemen. Eine große Niederlage hatte Ludwig den Engländern namentlich bei Taillebourg im Departement Charente infère [921] im J. 1242 beigebracht. Der eigentliche Friede aber zwischen Frankreich und England erfolgte erst im J. 1259. Auch die übrigen Gegner, nämlich Peter Mauclerc, Graf von der Bret agne, Graf Philipp von Boulogne, Hugo von Lusignan, Graf von der Marche, Graf Theobald von Champagne, der hernach König von Navarra wurde, Heinrich Graf von Bar, mehrere Große von Poitiers, sowie Graf Raymund von Toulouse und dessen Vasall, Graf Roger von Foix, nebst den Albigensern konnten ihre feindseligen Absichten gegen Ludwig nicht durchsetzen. Sie wurden Alle, mehrere zu wiederholten Malen, von Ludwig und den französischen Heeren überwunden. – Alles, was einen guten Fürsten ausmacht, fand man an unserm heiligen Könige. Da er frühzeitig einsehen gelernt hatte, daß es weniger schlimm für ein Volk sei, einen schlechten König zu haben, als wenn er selbst schlechte Rathgeber habe, so umgab er sich mit einsichtsvollen, erfahrenen Männern, um in wichtigen Fällen deren Stimme beizuziehen. Er gab weise Gesetze und übte strenge Gerechtigkeit. Wenn es galt, das Recht zum Vollzuge kommen zu lassen, war er ungewöhnlich streng. Er war der anerkannte Wächter der Gerechtigkeit: wem Recht versagt wurde, fand es bei ihm. Dagegen hat er, ein Feind des Aberglaubens, die altfränkischen Gottesgerichte abgeschafft. Die gesetzlichen Bestimmungen, welche unter ihm für das Heil des Landes erschienen, sind unter dem Namen: Etablissements de St. Louis bekannt. Selbst fleckenlos, konnte er es unternehmen, strenge Verordnungen gegen Unterschleif, Bestechung, Wucher, Lüderlichkeit und Frevel aller Art zu erlassen und durchzuführen. Auch den geringsten seiner Unterthanen hörte er mit Wohlwollen und Milde. Sein Haushalt, sein Tisch, seine Kleidung waren einfach. Im Reden war er sehr vorsichtig, vermied alle zotenhaften und ausgelassenen Worte, noch mehr aber jede Lüge und Verleumdung, ja er enthielt sich auch im gewöhnlichen Leben und Umgange aller, einem Christen nicht geziemenden starken Betheurungen. Er besaß in schwierigen Angelegenheiten große Einsicht und Entscheidungsgabe. Damit die Richter der Gerechtigkeit um so besser freien Lauf gewähren möchten. erklärte er ihnen, sie dürften durchaus nicht fürchten, ihn dadurch zu beleidigen, wenn sie den seinigen entgegengesetzte Ansichten aussprächen. Außer seinen Beichtvätern, die er gerne in seiner Nähe sah, hatte er auch einigen Freunden aufgetragen, seine Fehler ihm zu voll und gelassen an. Seine Ehe, die er in einem Alter von neunzehn Jahren im J. 1234 am 28. Mai mit Margaretha, der ältesten Tochter des Grafen Raymund VII. von der Provence einging, war sehr glücklich. Sie war ihrem königlichen Gatten durch das ganze Leben eine treue, liebende, selbst in den größten Gefahren unzertrennliche Gefährtin. Dem Ordensleben und den Ordensleuten war Ludwig außerordentlich geneigt227. Er schätzte die Kirche hoch und ehrte ihre Diener. Die kirchlichen Pfründen, die er zu vergeben hatte, besetzte der hl. König nach bestem Wissen und Wollen nur mit Würdigen, und wachte sorgfältig, daß keine Häufung derselben in einer Person statt fand. Verdemüthigungen seiner selbst und Abtödtungen jeder Art blieb er stets treu und hold. Wenn er gebeichtet hatte, was er jeden Freitag that, während er die hl. Communion nur ungefähr sechsmal im Jahre empfing, ließ er sich jedesmal von seinem Beichtvater die Disciplin geben; zu diesem Zwecke hatte er in einem eigenen Büchschen eiserne Kettchen; und auch seinen Kindern und vertrauten Freunden verehrte er zu diesem Behufe solche Büchschen mit solchen Kettchen. An gewissen Tagen trug er ein Cilicium, was er später aufgab, da es ihn, wie er seinem Beichtvater entdeckte, allzusehr angriff. Zum Altare ging er beim Empfang des hl. Sacraments nicht, sondern schob sich zu demselben auf den Knieen hin. Er beobachtete ein strenges Fasten, sowohl an den kirchlich bestimmten Tagen, als an selbstgewählten. Wein trank er nur mit viel Wasser vermischt und zwar nur von einer ziemlich geringen Sorte. Erbsen, Bohnen und andere grobe Gerichte waren [922] seine gewöhnliche Speise. Als er einmal zu Chalis im Refectorium speiste und man ihm auf einer silbernen Schüssel ein ausgewähltes Gericht vorsetzte, schickte er dieß einem alten Mönche und ließ sich selbst die hölzerne Schüssel holen, die dessen gewöhnliche Portion enthielt. In der von ihm nach der letztwilligen Bestimmung seines Vaters im J. 1228 gegründeten und reich ausgestatteten Cistercienser-Abtei Royaumont (Regalis Mons) bediente er oft die bei Tische sitzenden Mönche und trug ihnen in Gemeinschaft mit den wenigen den Tisch bedienenden Mönchen vom Küchenfenster weg die Speisen zu. Sein Wohlthätigkeitssinn und seine demüthige Liebe zu den Armen bewies er in verschiedener Weise, theils durch persönliche Tröstung und Freundlichkeit, theils durch regelmäßige und auch außerordentliche mildreiche Spenden, dann aber auch durch umfassende Stiftungen. Rührend ist es zu lesen, daß der hl. König, nachdem er das Kreuz genommen, die königlichen Gewänder abgelegt und das Pilgergewand angezogen hatte, das natürlich, wenn es abgetragen war und den Armen gegeben wurde, den Werth jener nicht erreichte, seinem Almosenier auftrug, durch Geld diesen Ausfall auszugleichen, damit ja die Armen durch jene Aenderung keinen Nachtheil erlitten. Ueberall, wo Hilfe Noth that, ließ er seine Freigebigkeit walten. Als im J. 1262 in der Normandie starke Hungersnoth herrschte und ein großes Sterben sich einstellte, sandte Ludwig viel Geld zur Erleichterung der Bedrängniß dahin ab; und auch in andern Provinzen seines Reiches ließ er bei solchen Nothständen Geldspenden austheilen. Als er bei seinem ersten Kreuzzuge aus der Gefangenschaft der Saracenen entlassen war, war er noch vier Jahre hindurch mit Loskaufung solcher christlichen Gefangenen beschäftigt, die schon vor seiner Expedition gefangen worden waren, denen er dann nebst der Freiheit Geld und Kleider schenkte. Noch mehr Mühe kostete ihn die Befreiung der Gefangenen seines eigenen Heeres, welche die Saracenen trotz des Vertrages nicht herausgeben wollen. Der Dominicaner Gaufridus von Beaulieu (Bellus Iocus), der 20 Jahre sein Beichtvater gewesen, bezeichnet die Mildthätigkeit des Heiligen mit den Worten: »Uebrigens war das Erbarmen mit ihm aufgewachsen« (Porro ab infantia creverat secum miseratio). Täglich erquickte er mehr als 120 Arme in seinem Palaste mit Brod, Wein und Fleisch. In der Fasten, waren es noch mehr. Oft bediente er sie auch selbst beim Essen. Auch ein Almosen in Geld reichte er ihnen. Jeder bekam noch zwei Brode zum Mitnehmen. Ein früherer König, Philipp August II., hatte zu Anfang der Fastenzeit alljährlich eine bestimmte beträchtliche Summe Geldes unter die Armen austheilen lassen. Ludwig sorgte nun durch eine ausdrückliche bekräftigende Urkunde für die Fortdauer dieser Spende. Täglich, sowohl Mittags als Abends, aßen drei arme Greise an einem Tische in seiner Nähe, denen er von seinen Speisen liebevoll mittheilte und am Ende des Mahles ein Geldgeschenk gab. Am Samstage wusch er auch drei Armen, am liebsten Blinden, die Füße und küßte sie, reichte ihnen dann Wasser zum Reinigen der Hände, küßte dieselben, und beschenkte sie, worauf sie zu den andern Armen an den Tisch gesetzt wurden. Konnte er diese fromme Uebung nicht selbst vornehmen, so ließ er sich durch seinen Beichtvater vertreten, und dann mußte auch der Almosenier dabei seyn. Am Gründonnerstage wusch der fromme König 13 Armen die Füße, gab ihnen einen Almosen in Geld und diente ihnen bei der Ausspeisung. Seine Söhne mußten, wenn sie an diesem Tage bei ihm waren, gleichfalls 13 Armen alles dieses thun. Klöstern, Spitälern, milden Anstalten spendete er fortwährend reichliche Summen. Armen Rittern ließ er oft einen Beitrag zur Aussteuer ihrer Töchter geben. In Werken wahren Mitleids, in Ertheilung von Gnaden an Würdiae, sah er einen großen Schatz; alle überflüssigen Ausgaben aber zu unnöthigen Verschönerungen seiner Paläste hielt er für verloren. Er führte überhaupt ein solches Leben, daß man mit Recht von ihm sagen konnte, daß Gott ihn seiner Kirche gegeben habe, damit er zu einem Musterbilde diene für alle Stände und Personen. Er schlief wenig und wachte viel, damit ihm keine Stunde unbenützt verlaufe. Nachdem er aus dem Morgenlande zurückgekehrt war, ruhte er immer in einem hölzernen Bette, welches mit einer einfachen Matratze bedeckt wurde. Obwohl er die Großen nicht durch Begabungenan sich zu ziehen sich beeiferte, ehrten ihn doch alle, weil Redlichkeit, Gerechtigkeit, Heiligkeit all' sein Thun bezeichnete. Mit Kranken hatte der hl. König das größte [923] Mitleid. So oft er in die Abtei Royaumont kam, besuchte er das Krankenzimmer, fragte die darin liegenden Kranken, wie es ihnen gehe, zog die Aerzte zu Rathe, die er bei sich hatte, ließ ihnen Speisen von seiner eigenen Küche, und alles zum Zwecke der Gesundheit Dienliche reichen. Er rührte die leidenden Stellen an und zwar Geschwüre mit Vorliebe. Es befand sich im Kloster ein aussätziger Mensch, Leodegar mit Namen, der in einem gänzlich abgesonderten Gebäude lag, welcher, da die Krankheit die Augen angegriffen hatte, nichts mehr sah. Auch seine Nase war ihm abgefressen, die Lippen geschwollen und gespalten, und er sah äußerst eckelhaft aus. Eines Tages besuchte der König auch diesen Kranken, da er gerade Schweinefleisch aß. Der hl. König kniete sich vor ihn hin, schnitt ihm das Fleisch zurecht und gab ihm die einzelnen Bissen in den Mund. Er ließ ihm dann, als er ihn gefragt, ob er gerne Hühner und Rebhühner speisen möchte, aus seiner Küche solche bringen, und gab ihm die geschnittenen Bissen in den Mund, sorgsam nach dem Salzen die Salzkörner immer abwischend, damit sie nicht seine Lippen verwundeten. Dann fragte er ihn, welchen Wein er habe, und als der Kranke antwortete »guten«, schenkte ihm der König ein und brachte den Becher an seinen Mund. Zuletzt bat er den Kranken, für ihn zu beten. Häufig besuchte der gute König die Krankenhäuser zu Paris, Compiegne, Pontoise, Vernon, Orleans, versah die Kranken, namentlich die Aermeren, mit Fleisch, Fischen, Brod, wie es je nöthig war, schenkte ihnen auch einiges Geld, reichte ihnen in seiner eigenen Küche bereitete Speisen u. s. w. War Einer vor den Andern schwach und krank, so diente er ihm um so zärtlicher, brachte ihm nicht nur die Speise zum Mund, sondern unterstützte ihn auch, wischte ihm sogar mit dem Tuche, das er hatte, den Mund ab. Seine Bediensteten konnten oft nicht mehr bleiben, so eckelhaft waren einige Kranke; er aber hielt den übeln Geruch sammt der ungesunden Ausdünstung ruhig aus. So machte er es auch im Krankenhause zu Rheims. Zuweilen riß sein Beispiel den Einen oder den Andern aus seinem Gefolge zu ähnlicher Dienstesleistung hin. Im Krankenhause zu Compiegne setzte sich Ludwig an das Bett eines Kranken, der an zwei Stellen des Gesichts häßliche, eiternde Beulen hatte, eine Art Scorbut. Der König schnitt ihm eine Birne vor, deren Stücke er ihm in den Mund gab. Während er das that, drang garftiges Eiter aus dessen Wunden, so daß der König zweimal die Hand waschen mußte, mit der er ihm die Labung reichte, bis die ganze Birne verzehrt war. Er ließ auch Rosenwasser bringen und besprengte damit das Gesicht des Kranken. Als das Krankenhaus zu Compiegne fertig war, trugen er und sein Schwiegersohn, der König Theobald von Navarra, auf einem seidenen Tuche den ersten Kranken in das neugebaute Haus und legten ihn auf das frisch bereitete Bett. Zwei seiner Söhne, Ludwig und Philipp, thaten ein Gleich es mit dem 2. Kranken und so thaten das Weitere einige anwesende Große. Auf seinem ersten Zuge zur Befreiung des hl. Landes half er eigenhändig mit bei der Beerdigung der schon verwesien Leichname, da einige Zeit zuvor eine Menge Christen bei Sidon (Seide, Seida) von den Saracenen überfallen, getödtet und unbeerdigt liegen gelassen worden. Ludwig ließ die Leichname in Säcke packen und beerdigen. Viele seines Gefolges wandten sich mit Abscheu weg, als der König einmal vor einem Todten, dessen Eingeweide neben dem Leichname auf der Erde lagen, sich zur Erde beugte, das Eingeweide mit bloßen Händen aufhob und in den Sack steckte. – Was die Andacht des frommen K önigs betrifft, so pflegte er um Mitternacht aufzustehen, um der Matutin und den Laudes beizuwohnen, die er in seiner Capelle singen ließ; nach der Matutin verweilte er längere Zeit betend am Altare oder auch an seinem Bette, wenn er an einem Orte war, wo sich keine Capelle befand. Er betete dann allein, das Haupt und den Körper bis zur Erde gebogen, was ihn so erschöpfte, daß er zuweilen, wenn er aufstand, kaum im Stande war, zu sehen und sein Bett wieder zu finden. Zuweilen gab er seinen Kammerdienern ein Stück von einer Kerze, damit sie ihn wieder aufweckten, wenn dieses ausgebrannt sei, damit er die Prim besuchen könne. Als aber das viele Wachen seiner Gesundheit bedeutend zusetzte, ließ er sich endlich bestimmen, Prim, Messe und Horen bald nach der Mette zu hören, und zu diesem Zwecke tu danach bemessener Stunde aufzustehen. Nach der Prim hörte er eine oder auch mehrere Messen. Um die Zeit des Mittagsmahles ließ er in seiner Capelle die [924] Terz und Sext singen. Nach Tische las er in der hl. Schrift oder in den Kirchenvätern oder ließ sich daraus vorlesen, bis er sich zu einem kurzen Mittagsschlafe auf sein Bett legte, wie das in jener Zeit Sitte war. Die Gottesdienste an Festtagen ließ er möglichst feierlich, an einigen Festen aber für fast jeden Andern ermüdend lang halten. Am Charfreitage betete er vor Tags wie gewöhn lich die Matutin, zog sich dann nach einem kurzen Gebete in sein Schlafzimmer zurück, wo er mit seinem Kaplan andächtig und aufmerksam das ganze Psalterium betete. Kurz hernach begab er sich um Tages Anbruch barfuß mit weniger Begleitung auf den Weg durch die Straßen der Stadt oder des Ortes, wo er war, um die Kirchen zu besuchen und darin zu beten. Dabei begleitete ihn der Almosenier, der reichlich allen Armen Almosen gab, während auch der König eigenhändig viel schenkte. Zurückgekommen, hörte er die Predigt über das Leiden des Herrn und wohnte der weitern gottesdienstlichen Feier bei. Der König hörte sehr gerne Predigten, auch wohl an andern Tagen, nicht blos an Sonn- und Feiertagen. Gefiel ihm eine Predigt, so behielt er sie sehr getreu im Gedächtnisse, so daß er sie Andern trefflich wiederzugeben wußte. Auf dem Rückzuge aus dem hl. Lande ließ er sich wöchentlich dreimal eine Predigt halten. Auch den Schiffsleuten ließ er, wenn das Meer ruhig und also keine so dringende Thätigkeit von ihrer Seite erforderlich war, Christenlehren halten und hielt sie zum Beichten an. Frommen Gebräuchen, namentlich kirchlichen Ceremonien, widmete er eine zarte Aufmerksamkeit. Das Zeichen der Erlösung, das er gleich mehrerer seiner Vorgänger, insbesondere auch zur Heilung der Kröpfe machte, ehrte er überall hoch. Namentlich scheute er sich, über Grabsteine zu gehen, worauf es war; daher er denn auch auf dem Concil von Paris im J. 1261 verordnen ließ, man möchte kein Kreuz da anbringen, wo es verunehrt werden könnte. Die Gewohnheit einiger Orden, daß während des Amtes beim Credo in unum Deum und Et homo factus est der ganze Chor sich tief verneigte, führte er auch in seiner Capelle ein, sowie in mehreren andern Kirchen. Es mißfiel ihm, daß man Kreuze, Bilder und Gemälde, sogleich wenn sie fertig waren, ohne kirchliche Segnung in der Kirche verehrte; er stellte diesen Mißbrauch ab. Da man in den Dominicanerklöstern nur die Zahl der gestorbenen Mönche angab ohne die Namen, machte der König auf einem Ordens-Capitel zu Orleans den nachher vom ganzen Orden gutgeheißenen und zum Gesetze erhobenen Vorschlag, daß die Namen der verstorbenen Brüder sollen genannt werden. Der fromme König gab als Grund an, daß man so leichter Anregung habe, ihnen mit geistlicher Hilfe beizuspringen. Zu Clairvaux wohnte er einmal dem sogenannten Mandatum, d.i. der Fußwaschung der Mönche bei; gerne hätte er diese selbst den Mönchen erwiesen, wäre es ihm nicht wegen einiger, ihm minder befreundeter Großen an seiner Seite widerrathen worden. Im Jahre seiner Rückkehr aus Palästina 1254 kam der fromme König schon sehr früh Morgens in die Cistercienser-Abtei Royaumont, um der Ankündigung der Geburt Christi im Capitel beizuwohnen. Es war dabei üblich und im ganzen Orden eingeführt, daß die Mönche nach den Worten der Ankündigung sich auf den Boden legten und eine Zeit lang betend so verblieben, bis der Abt sich aufrichtete. Der hl. Ludwig machte an der Seite des Abtes die auferbauliche Handlung mit. Nicht leicht versäumte der König eine bedeutende kirchliche Feier, bei der es die Ehre irgend eines Heiligen oder heiliger Reliquien, die er immer sehr hochschätzte, galt, wie er auch im Leben gerne mit Männern frommen und heiligmäßigen Wandels verkehrte. Er wohnte im J. 1247 der Uebertragung des hl. Erzbischofs Edmundus1 von Canterbury bei, dem er bereits bei dessen Lebzeiten um das J. 1240 Aufnahme in seinen Staaten gewährt hatte. Im J. 1256 finden wir ihn bei der Translation des hl. Furseus in Peronne. Im J. 1257 erhielt er auf seine Bitte vom Erzbischofe Thomas von Rheims Reliquien des hl. Bischofs Nicasius. – Im nämlichen Jahre wurde durch seine Anwesenheit das Fest der Uebertragung der hhl. Quintinus, Victoricus und Cassianus in St. Quentin (Augusta Viromanduorum) geschmückt. Bei der Translation des hl. Bischofs Anianus5 von Orleans im J. 1259 trug der König auf seinen Schultern den Schrank (theca). Im J. 1260 bekam der hl. König auf sein Verlangen vom Erzbischofe Konrad von Köln den Leib einer hl. Jungfrau aus der Gesellschaft der hl. Ursula, nämlich der hl. Berga. Mit gewohnter Frömmigkeit nahm Ludwig im J. 1261 [925] bei der Uebertragung der hhl. Lucianus5 und zwei anderer Heiligen zu Beauvais Antheil. Mit besonders großer Feierlichkeit wurde aber im J. 1262 in Senlis (Silvanectum) die Uebertragung von ungefähr 24 hhl. Leibern aus der Thebäischen Legion vollzogen, welche der König von der Abtei St. Maurice (Agaunum) in der Schweiz erhalten hatte, wobei er nebst seinem Schwiegersohne, dem Könige Theobald von Navarra, den letzten Schrank trug, während mehrere Große und Ritter die vorhergehenden trugen. Er baute dann in Senlis ein dem Kloster St. Maurice in der Schweiz ähnliches Kloster nebst Kirche für Augustiner-Chorherren. Einen dieser hhl. Leiber schenkte der König der Abtei St. Denis. Das J. 1267 führte den hl. Ludwig nach Vezeley (Vezeliacum) in Burgund, wo man den Leib einer Heiligen gefunden hatte, den man für den Leib der hl. Maria Magdalena hielt. In seinem Beiseyn wurde der hl. Leib erhoben. Nicht zu übersehen ist hier der ehrwürdigste Religuienschatz, welchen Balduin II. zuerst den Venetianern verpfändete, dann aber dem hl. Ludwig schenkte, damit dieser ihn von den Venetianern auslöse, nämlich die Dornenkrone unsers Herrn, wozu zwei Jahre später ein Theil des hl. Kreuzes und andere kostbare Reliquien kamen. In Sens empfing der hl. König und sein Bruder Robert, beide barfuß und in einfachem Gewande, am 11. Aug. 1239 die hl. Last und trugen sie auf ihren Schultern in die dortige St. Stephanskirche. Tags darauf und die folgenden Tage setzte der König unter schallenden Lobgesängen seinen Zug gegen Paris fort228. Es war bereits der 8. Tag, als bei der Kirche St. Antonius außerhalb der Mauern ein hohes Gerüst aufgeschlagen wurde, auf welchem dann der kostbare Schrank ausgestellt wurde. Hierauf trugen denselben Ludwig und sein Bruder, beide barfuß und in einfachem Gewande, in die Stadt Paris. Prälaten, Geistliche, Ritter in großer Anzahl zogen sämmtlich barfuß vor ihnen einher. Die kostbare hl. Reliquie wurde dann in der dem hl. Nicolaus geweihten königlichen Capelle aufgestellt. Mit möglichst noch größerer Feierlichkeit trug nachmals der hl. König in aller Demuth und Herzensandacht barfuß und mit entblößtem Haupte, ohne persönlichen Schmuck oder Prunk, am Kreuzerhöhungsfeste des Jahres 1242 das gleichfalls von Balduin geschenkte hl. Kreuz in Procession in die Stadt Paris hinein. Edelleute unterstützten die Arme des hl. Königs und seiner Brüder, die ihrerseits die hl. Dornenkrone trugen, damit ihnen nicht vor Ermüdung die hl. Kleinodien entfallen möchten. Es waren aber außer jenem Theile des hl. Kreuzes und der Dornenkrone unter den von Balduin geschenkten Reliquien noch andere von höchstem Werthe, nämlich die hl. Lanze, der Schwamm, womit dem leidenden Christus Essig gereicht wurde, u. andere. Der König ließ für diese hl. Reliquien eine neue prachtvolle Capelle, die hl. Capelle genannt, bauen, die im J. 1248 am 26. April eingeweiht wurde und an welcher der König zur Feier des Gottesdienstes Canoniker und Kapläne anstellte. Wenn man ihm vorwarf, daß er zu viel Geld und Zeit auf Gegenstände verwende, die seiner eigentlichen Bestimmung nicht so nahe lägen, pflegte er mit sanftem Lächeln zu erwidern: »Würden denn meine närrischen Tadler vorziehen, daß ich die auf gottgefällige Werke verwendeten Summen in Spiel, Jagd und Tafelfreuden oder in unerlaubten Handlungen vergeude, meine freien Stunden, statt in Gebet und Buße, in frivolen Lustbarkeiten zubringe?« Von frommen Männern, mit denen der König in Berührung kam, findet sich unter andern aus seinen Lebensbeschreibungen insbesondere zu erwähnen der sel. Bartholomäus9 de Bragantia, ein Dominicaner, welchem er einen Dorn von der Krone des Herrn schenkte, als er einmal gelegenheitlich bei ihm in Paris war. Auch der hl. Thomas v. Aquin und der hl. Bonaventura1 waren oft seine werthen Gäste. Ganz zu Ende seines Lebens empfing er in Tunis im J. 1270 an der Spitze einer Gesandtschaft vom griechischen Kaiser den frommen Johannes Veccus oder Beccus, nachmaligen Patriarchen von Constantinopel. Die Gesandtschaft erreichte übrigens wegen einiger ungünstigen Vorfälle, nämlich des Todes des römischen Legaten, der die Sache auf sich gehabt hatte, und der schweren Krankheit Ludwigs, wenigstens einen ihrer Zwecke – die Fortsetzung der Verhandlungen wegen Wiedervereinigung der griechischen mit der römischen Kirche – nicht. Ein Besuch des hl. Königs in Perugia beim sel. Aegidius4, einem der ersten Jünger [926] des hl. Franciscus, liegt nach dem Bollandisten Stilting außer historischer Glaubwürdigkeit. – Auch in Stunden, die dem Könige von seiner Andacht und seinen Staatsgeschäften übrig blieben, auch in diesen häuslichen und zurückgezogenen Augenblicken war es, und namentlich bei Erziehung seiner Kinder, vorzugsweise nur Erbauliches und Religiöses, was zur Geltung kam. Die Vesper wurde in seiner Capelle gesungen, ebenso nach der Abendmahlzeit das Completorium. Der König verfehlte nicht, so oft er konnte, mit größter Andacht beizuwohnen. Darauf ging er in sein Zimmer, begleitet von seinen Kindern, und einer seiner Hausgeistlichen besprengte sein Bett und das übrige Zimmer mit Weihwasser. Hierauf mußten sich die Kinder um Ludwig herumsetzen, und er gab ihnen dann, bis sie sich verabschiedeten, gute Lehren. Hernach verweilte er noch lange Zeit im Gebete, wobei er fünfzigmal niederknieen und sich wieder zu erheben pflegte. Dann legte er sich zu Bette, ohne vorher noch einen Trunk zu sich zu nehmen, wie es damals gebräuchlich war. Insbesondere schrieb Ludwig an seine geliebte Tochter, die Königin Elisabeth von Navarra, sehr herzliche, eindringliche Ermahnungen, sowie auch an seinen Sohn und Nachfolger, Philipp III. Er wies diesen zur Gottesfurcht hin, zur Flucht und Furcht vor der Sünde, zum fleißigen Gebrauch der hhl. Sacramente, der Beicht und Communion, zum Empfang der Ablässe, zur freudigen und wohlgesammelten Andacht im Hause des Herrn, zur Einschreitung gegen alle Gotteslästerung, zur Nächstenliebe, zur unpartheiischen Gerechtigsliebe, zum Frieden und zur Liebe gegen geistliche Personen, zur gewissenhaften Wachsamkeit über die von ihm aufgestellten Gerichtspersonen, zum Gehorsam gegen die römische Kirche und ihr Haupt, zur guten Regelung und Mäßigung seiner Ausgaben, zur Hilfeleistung für seine Seele, wenn er ihn einmal hingenommen wisse. Ein herzlicher Segen beschloß diesen treugemeinten Erguß des väterlichen Herzens. – Er liebte es, selbst gute Bücher zu haben und zu lesen, und theilte solche auch Andern mit. So unterstützte er z.B. den gelehrten Dominicaner Vincentius von Beauvais reichlich mit Büchern, als dieser das umfassende encyclopädische Werk »der Spiegel« verfaßte. – Namentlich sammelte und las er mit Vorliebe die Werke der Kirchenväter, eines hl. Augustinus, Ambrosius, Hieronymus, Gregorius u. Anderer. Auch die hl. Schrift mit einer Uebersetzung und Erklärung war ihm eine angenehme Lesung. Bisweilen ließ er zu sich einen Ordensmann oder sonst einen gesetzten rechtschaffenen Mann kommen, und dann führte er mit ihnen ein Gespräch über Gott, seine Heiligen, deren Thaten, auch wohl über die hl. Geschichte und das Leben der Väter. Auch zog er gerne, wenn es seyn konnte, ehrenwerthe Männer oder Religiosen zu Tisch, um über ähnlichen Inhalt geistliche Gespräche, als Ersatz der in Klöstern üblichen Tischlesung, mit ihnen zu führen. Aus dem Grunde liebte er dabei keine Große, sondern hatte nur etliche wohlvertraute Ritter und Bedienstete an seiner Seite. Auch hörte er öfters in Royaumont bei den Cisterciensern oder in Compiegne bei den Predigerbrüdern den Schulvorlesungen zu. – Nachdem wir nun den frommen König in seinen Werken der christlichen Barmherzigkeit, der Andacht, des Unterrichts, der Erziehung etwas näher kennen gelernt haben, werden wir nun die Anstalten nennen, wodurch er für dieselben gesorgt und sie des Weitern gefördert hat, indem er die meisten derselben als ihr Gründer errichtete und sehr reich begabte, andere aber als milder Spender beisteuernd unterstützte. In seinem im J. 1269 vor seinem zweiten Kreuzzuge errichteten Testamente bedachte er sowohl die hier anzugebenden, wie noch viele andere mit bestimmten Geldsummen. Die früheste Stiftung des hl. Königs Ludwig war die Abtei der Cistercienser in Royaumont im J. 1227. Sie war die Lieblingsstiftung Ludwigs und das selbstständige Werk seines eigenen Antriebes, nicht bloß durch das Testament seines Vaters, wie Einige wollen, unter Andern auch Butler, dazu bestimmt. – Im J. 1229 steuerte der hl. Ludwig zu dem von einigen Rittern angelobten und zu bauen angefangenen Augustinerpriorate Val des Ecoliers (auch Notre Dame du Val des Ecoliers genannt) eine höchst bedeutende Summe bei. – Einen namhaften Beitrag zur Restauration der Klosterkirche in St. Denis gab Ludwig im J. 1231. Im J. 1239 gründete Blanca und dotirte Ludwig das Kloster der Cistercienser-Nonnen in Maubuisson (Malus Dismas). Zu Carcassone gründete Ludwig den Dominicanern ein Haus im J. 1247. Im J. 1248 am 26. April feierte er die Einweihung der bereits erwähnten [927] hl. Capelle zu Paris. Den Minoriten ließ er während seines Aufenthaltes im hl. Lande in Jaffa im J. 1252 ein Kloster nebst Kirche bauen. Den Carmeliten baute er im J. 1254 ein Kloster (wenigstens wurde es größtentheils durch seine Hilfe zu Stande gebracht), und zwar weil sie Freunde der Einsamkeit sind, nicht in der Stadt, sondern in deren Nähe, an der Seine, an einem Platze, wo damals wenige oder gar keine Häuser waren. Im J. 1256 fertigte der Heilige die Gründungsurkunde für das Minoritenkloster in Falaise, im Dep. Calvados in der Normandie. In dem nämlichen Jahre gründete er das Krankenhaus zu Vernon. Um das J. 1257 entstand durch ihn ein Kloster und eine Kirche der Dominicaner in Compiegne (Compendium). Durch seine Freigebigkeit bekamen im nächsten Jahre 1258 die Serviten vom weißen Mantel (Weißmäntel–Albi Mantelli–Blancs-Manteaux genannt), andere also als die toscanischen Serviten, in Paris ein Kloster. Im J. 1259, wo nach langjährigem Kriege der Friede mit England geschlossen wurde, bot sich wieder mehr Ruhe und Sicherheit dar, um sogleich den bisher gleichsam zurückgehaltenen Eifer des frommen Königs für geistliche Stiftungen in volle Thätigkeit zu setzen, und so nennt der Bollandist für dieses Jahr nicht weniger als acht geistliche Institute, denen damals Ludwig entweder Vater oder Pathe ward. In diesem Jahre 1259 wurde der Stiftungsbrief der Carthäuserabtei Vallis Viridis bei Paris ausgefertigt, das Krankenhaus in Fontainebleau (Fons Bliaudi) nebst dem Kloster der es besorgenden Trinitarier gestiftet; es wurden das Krankenhaus in Pontoise, mehrere Gebäude (Schlafsaal und Schulen) bei den Dominicanern in Paris, eine große schöne Kirche der Minoriten in Paris und das Krankenhaus in Compiegne gebaut. Der fromme König legte auch in diesem Jahre den Grundstein zur Clarissenabtei Longchamp (longus Campus) bei Paris, zu deren Bau er die meisten Kosten bestritt, während seine sel. Schwester Elisabeth2 den andern Theil beitrug und sich den Namen der Gründerin erwarb. Um diese Zeit, wenn schon das Jahr nicht sicher angegeben werden kann, mag auch das Kloster der Dominicaner in Caen vom hl. Ludwig gegründet worden seyn, vielleicht auch das Krankenhaus jener Stadt. Im J. 1260 wurde das Haus für die Blinden in Paris fertig, gleichfalls eine Stiftung des hl. Ludwig. Es war schon etliche Jahre früher angefangen worden und war auch eine Capelle dabei. Ursprünglich war es für 300 (quinze-vingts = fünfzehnmal zwanzig) Blinde bestimmt, daher manchmal bei den Franzosen kurzweg les quinze-vingts genannt. Das Jahr 1261 brachte den Trinitariern zu Mortain (Mauritania, Mortara) in der Normandie ein Kloster dem hl. Remigius geweiht. Die Dominicaner bekamen in diesem Jahre das Haus St. Matthäus in Rouen, und ebenso wurden auch die Sacciten, Sackbrüder, auch Büßer Jesu Christi genannt 8 Vgl. W.W. II. 99), in diesem Jahre mit einem Kloster in Paris beschenkt. Für sie soll vom hl. Ludwig auch zu Caen ein Haus gegründet worden seyn, bei welchem aber der Bollandist kein Stiftungsjahr angibt. In das nächste Jahr 1262 fällt die Gründung der Augustinerabtei St. Maurice in Senlis, obwohl der König den Stiftungsbrief erst im J. 1265 erließ. Nebst diesen in der Zeitfolge aufgezählten findet man vom Bollandisten noch einige andere Stiftungen des hl. Ludwig ohne ein sicher bekanntes Entstehungsjahr angegeben. Diese sind: Ein Kloster der Augustiner-Eremiten in Paris, das um das J. 1250 gegründet zu seyn scheint; ein Beghuinenhaus zu Paris; ein Kloster der Töchter Gottes (filiae Dei – filles-Dieu), welches im J. 1232 schon gegründet gewesenseyn muß, und fürnahrungslose, sittlich gefährdete Frauenzimmer bestimmt war. Der hl. Ludwig ist neben Robert auch Mitbegründer der Sorbonne; das Stiftungsjahr dieser Hochschule, nach gewöhnlicher Annahme 1240, wagt aber der Bollandist nicht zu bestimmen. – Obwohl nun das Bild, welches hier vom hl. Ludwig entworfen ist, nur eine schwache Skizze seines Lebens darbietet229, so erkennt man doch leicht, daß in ihm beides – der Heilige und der König – nahezu vollkommen war. Auch bei den Fürsten und Völkern der Nachbarländer galt er als der weiseste, gerechteste König, dessen Schiedsgericht sie gerne anriefen, dessen Entscheidungen und Rathschläge sie annahmen und durchführten. Namentlich half er seinem [928] frühern Gegner, Heinrich III. von England, mit seltener Uneigennützigkeit, unter gewissenhafter Beobachtung der geschlossenen Verträge, die Zerwürfnisse mit seinen Vasallen beizulegen. Ferne von Ländergier und Ehrsucht, hatte er die seltene Enthaltsamkeit, daß er seinem Bruder Karl von Anjou verbot, die ihm von Papst Gregor IX. im Kampfe mit Friedrich II. angebotene deutsche Reichskrone anzunehmen, da er abgesehen von Erwägungen, welche sein Rechtsgefühl ihm eingaben, die Gefahren wohl voraus sah, welche hieraus entspringen konnten. Auch später, als der Kampf zwischen Kaiser und Papst immer heftiger entbrannte, verhielt er sich ruhig, vermittelnd, besänftigend. Ein gehorsamer, eifriger Sohn der Kirche, war er gleichwohl eifersüchtig auf seine landesherrlichen Rechte, und bemühte er sich, wo sich eine Zwistigkeit ergab, dieselbe alsbald mit Milde und Gerechtigkeit auszugleichen. So hob er im J. 1246 in Folge eines Beschlusses seines Rathes die schon ertheilte Erlaubniß zur Erhebung der päpstlichen Steuern wieder auf, indem er nicht zugeben könne, daß man die Kirchen seines Reiches arm mache, um gegen Christen Krieg zu führen. Damals hatte der hl. Ludwig bereits den Entschluß gefaßt, einen Kreuzzug zu unternehmen. Palästina befand sich im beklagenswerthesten Zustande: zu der Verwirrung der christlichen Fürsten und Ritter unter sich, kam der Einfall barbarischerer Horden, als je zuvor das heilige Land heimgesucht hatten. Im Sept. des J. 1244 eroberten die Chorawesmier Jerusalem, zerstörten das heilige Grab, und warfen die Gebeine der Könige in's Feuer. Die Christen vereinigten sich in ihrer Noth mit den Saracenen von Damascus und Emessa, aber die Schlacht bei Gaza gegen die Chorawesmier fiel so unglücklich aus, daß fast 700 Johanniter und Templer und überhaupt 16,000 Christen und Saracenen geblieben seyn sollen. Gerade in der Zeit, wo die Nachricht von diesen Verwüstungen in Europa ankam, lag der hl. Ludwig in Pontoise todtkrank darnieder. Er hatte eine Erscheinung, welche ihn aufforderte, sie zu rächen. Der König, äußerst bewegt, als er von dieser Vision wieder zur Besinnung kam, ließ den Bischof von Paris kommen, ihm das Kreuz für einen hl. Zug zu reichen. Knieend baten ihn Mutter und Gemahlin, abzuwarten, bis er genesen wäre. Aber vergebens, Ludwig sagte, er werde weder Speise noch Trank nehmen, bis er das Kreuz habe. Der Bischof wagte nun, auf eine neue Forderung Ludwigs hin, nicht mehr ihm zu widerstreben, und gab ihm das Kreuz unter vielen Thränen. Der König erkrankte noch heftiger, so daß die Aerzte ihn aufgaben. Da bat Blanca den Abt Odo von St. Denis, er möchte die Reliquien der hhl. Rusticus und Eleutherius17 erheben, wie es bei schweren Krankheiten der französischen Könige üblich war. Es geschah; sie wurden erhoben, auf den Altar gestellt und dann in Procession herumgetragen; der König fühlte sich von Stunde an erleichtert und genas bald völlig. Darauf sandte Ludwig Mannschaft und Geld und die Nachricht, daß er selbst kommen werde, in's hl. Land. Er ließ auch das Kreuz durch den päpstlichen Legaten Odo von Chateau roux (Castrum Radulphi) in Frankreich predigen. Er ließ ferner in den nächsten Jahren in Cypern große Speisevorräthe aussammeln, Aigues-Mortes befestigen und dort einen Leuchtthurm bauen. Dieser Ort war damals ein Hafen, nachmals eine Stadt, ist heut zu Tage aber ziemlich weit vom Meere entlegen. Im J. 1247 ließ er bekannt machen, wer immer durch des Königs Leute oder Beamte beschädigt worden, solle sich zum Ersatze melden. Es war dieß überhaupt Gewohnheit vor dem Antritt von Kreuzfahrten. Auch vor dem zweiten Kreuzzuge suchte der Heilige gewissenhaft derlei Vergütungen zu veranlassen. Da nun Alles eingeleitet war und eine sehr große Menge französischer Ritter und Großen das Kreuz genommen hatten230, versuchte Blanca es nochmal, ihrem geliebten Sohne das schwere, folgenreiche Unternehmen auszureden. Sie nahm den Bischof von Paris zu Hilfe. Dieser stellte Ludwig die bedrohte Lage des Reiches vor, es habe ihm das Bewußtsein gefehlt, als er sein Gelübde machte, der Papst werde gerne dispensiren. Ludwig erwiderte, das Kreuz gebe er zurück, wie sie wollten, weil eine Trübung seiner Besinnung allerdings obgewaltet haben könnte. Alle freuten sich. Aber Ludwig sprach: »Sehet, nun bin ich bei Vernunft, gebt mir das Kreuz [929] wieder, ich werde nichts mehr essen, bis ich es wieder habe«231. Und darauf wagte Niemand einen Widerspruch mehr. Der König besuchte noch einige Klöster und empfahl sich in frommes Gebet. Am 12. Juni 1248, Freitag nach Pfingsten, hörte er bei Notre-Dame die hl. Messe, dann ging er barfuß nach St. Antoine, wo er sein Roß bestieg. Von Paris begab er sich nach Corbeil (Corbolium), wo er seiner Mutter die Reichsverwaltung übertrug. In Lyon beichtete er dem Papste. Zu Ende August 1248 schiffte er sich mit dem Kreuzheere, bei welchem auch seine Brüder Karl, Alphons und Robert sich befanden, in Aigues-Mortes ein mit Schiffen, die von Genua für die Ueberfahrt bestellt worden waren. Auch seine Gemahlin Margaretha zog mit ihm. Im September 1248 landete das Kreuzheer auf Cypern, wo Ludwig bis Mai 1249 blieb und während dieser Zeit sein gewohntes, gesegnetes Wirken entfaltete. Er befreite und bekehrte viele Saracenen-Sklaven und sorgte für Arme und Kranke. Einmal warf er die Würfel in's Meer, mit welchen sein Bruder Karl von Anjou und einige Gefährten sich unterhielten. Nach einigen Schwierigkeiten und Unfällen geschah am 4. Juni 1249 die Landung zu Damiette in Aegypten. Am 6. Juni wurde Damiette genommen, und die dortige Moschee in eine Marienkirche umgewandelt. Nachdem Ludwig das Fallen des Nils abgewartet hatte, richtete er seinen Marsch nach Kairo, als seinem eigentlichen Zielpunkt. Auf dem Wege dahin liegt die Stadt Mansurah, südwestlich von Damiette. Ehe die Christen dahin gelangen konnten, mußte über den Nil gesetzt werden. Dieser war an jener Stelle zu tief, als daß man ihn ohne Weiteres hätte passiren können; den Damm aber, den die Franzosen aufzuführen bemüht waren, zerstörten die Saracenen immer wieder durch Anschwellen des Wassers, tödteten viele von den bei dem Bau Beschäftigten mit Pfeilen und vernichteten die hölzernen Gallerien, unter denen die Arbeitsleute waren, mit griechischem Feuer und durch Werfen großer Steine aus Maschinen. Endlich zeigte ein Beduine gegen Geld eine Furt. Der Fluß wurde überschritten, die Christen stürmten vorwärts und nahmen das Lager der Saracenen. Ein Theil drang hierauf mit großer Haft, getrennt von dem andern Heere, in die Stadt vor. Nicht gar lange darnach hatten die bisher fliehenden Saracenen die richtige Lage der Dinge bemerkt, sie stellten sich wieder zum Kampfe, und überdieß empfingen die Einwohner der Stadt ihre Gegner in den engen Straßen mit einem Hagel von Steinen, Ziegeln und Staubgerölle. Da die Saracenen auch nun vom Rücken her gegen die Eingedrungenen sich aufstellten und denselben gänzlich die Flucht abschnitten, so fielen gegen 300 der edelsten und tapfersten Ritter und gegen 280 Templer, namentlich des hl. Königs Bruder Robert, Graf von Artois. Am andern Tage hatte der König selbst einen sehr hitzigen Kampf mit den Saracenen zu bestehen, die er auf's Tapferste zurückschlug. Jetzt zeigten sich aber, weil die Saracenen die Zufuhr sperrten, im christlichen Heere Mangel und Krankheiten. Die ungesunden Fische des von den vielen Todten verpesteten Nils, hauptsächlich eine darin häufig vorkommende Art Aale, welche gerne von Aesern sich nähren und die zur Fastenzeit den Kriegern zur Nahrung dienen mußten, waren die llrsache dieser Krankheiten. Auch für die Pferde war fast kein Futter mehr vorhanden. Unter diesen Umständen angeknüpfte Friedensunterhandlungen fruchteten nichts, weil die Franzosen ihren König nicht als Geisel geben wollten, wie es die Saracenen forderten. In dieser Lage hielt es Ludwig für das Gerathenste, nach Damiette den Rückzug zu nehmen. Dieser begann am 4. April 1250 Nachts. Am andern Tage, d.i. am 5. April, griffen aber die Saracenen mit überlegenen Kräften die ohnehin abgematteten Franzosen an. Ein großer Theil wurde niedergehauen, der andere gefangen. Ludwig selbst gerieth mit seinen Brüdern Karl und Alphons in Gefangenschaft. Sein dritter Bruder Robert von Artois war an seiner Seite gefallen. Er hätte sich, wie auch einige Große ihm riethen, auf einem Schiffe nach Damiette retten können, wie der päpstliche Legat und Andere thaten, welche wirklich den Feinden entrannen. Aber er wollte sich nicht von seinem Heere trennen. Sowohl Ludwigs Mutter Blanca als der Papst Innocenz vernahmen die schmerzliche Kunde mit tiefster Betrübniß. Margaretha aber gebar in jenen [930] Tagen zu Damiette einen Sohn, Johann, dem sie wegen dieser traurigen Erlebnisse den Beinamen Tristan gab. Der fromme König benahm sich als Gefangener mit großer und und unbesiegbarer Standhaftigkeit. Nach verschiedenem Drohen und Drängen von feindlicher Seite, um den Löspreis hinauf zu schrauben, war endlich ein Abfinden zu Stande gekommen. Es lautete ungefähr so: Der König gibt Damiette zurück und zahlt 800,000232 Byzantiner; die Christen behalten ihren Besitz im Reich Jerusalem. Der Feind gibt die Gefangenen zurück, und das geschieht auch von den Christen. Alle Geräthschaften und Güter in Damiette sollen unangetastet bleiben, bis man sie wegbringen kann. Die kranken Christen in Damiette sollen sicher und unbehelligt seyn, eben so die Kaufleute; sie sollen sich wegbegeben können, wann es ihnen je beliebt, und es soll ihnen der Sultan bei ihrem Heimzug sicheres Geleit geben. Als hierauf der Tod des Sultans Muattam, welcher von den Mamelucken ermordet worden war, eine beiderseitige Erneuerung des Vertrages nothwendig gemacht hatte, geschah dieses in allen wesentlichen Punkten. Einige Zeit danach wurde Damiette übergeben, der König und einige Große frei. Jedoch mußte wegen des noch nicht ganz bezahlten Lösegeldes des Königs Bruder Alphons als Bürge für den Rest in Gefangenschaft bleiben233. Die Saracenen waren übrigens weit entfernt, das Ausgemachte zu halten; sie gaben von Sachen nichts, von den Gefangenen statt 12,000 nur 400 zurück, und selbst für diese mußte wieder Geld gegeben werden. Die bei den Saracenen noch zurückgebliebenen Gefangenen erfuhren harte Behandlung. Damit nun die Lage der Gefangenen und die Sache des hl. Landes nicht noch übler sich gestalten möchte, blieb der hl. Ludwig im Oriente zurück. Seine Brüder Alphons und Karl aber entließ er nach Frankreich. Der hl. König war kurz zuvor nach Akkon (St. Jean d'Acre) gekommen, wo in einer Versammlung der Vornehmsten, die um ihn waren, Rath gepflogen worden war, worauf dann Ludwig sich in genannter Weise entschieden hatte. Während des Aufenthaltes im Oriente wirkte der König sehr vortheilhaft für die Auslösung der Gefangenen. Im J. 1251 ließ er Kaisarieh (Cäsarea in Palästina) befestigen. Er war von St. Jean d'Acre, das er gleichfalls befestigt hatte, im März des J. 1251 ausgezogen, hatte dann Nazareth als frommer Wallfahrer besucht, wo der päpstliche Legat Odo am Tage Mariä Verkündigung in seiner Gegenwart den Gottesdienst feierte. In Frankreich trieb sich damals die Secte der Pastoureaux234 herum, die wahrscheinlich das Hinderniß waren, warum ein geringer Succurs, der damals höchst nützlich gewesen wäre und um den Ludwig schrieb, ausblieb. Im J. 1252 baute der hl. König die Stadt Jaffa wieder auf, die er mit starken Befestigungen versah, da von derselben nichts mehr, als ein festes Schloß übrig gewesen war. Noch mit dem Bau beschäftigt, erhielt er die Nachricht von dem Tode seiner im J. 1252 am 1. Dec. verlebten frommen Mutter Blanca. Tief erschüttert rief er aus: »Du weißt es, mein Gott, daß ich unter allen deinen Geschöpfen meine Mutter am meisten geliebt: doch dein Name sei gepriesen in alle Ewigkeit.« Dann aber überließ er sich dem vollen Laufe seiner Thränen. Sie hatte zwei Cistercienser-Nonnenklöster gestiftet, nämlich Maubuisson bei Pontoise und Lys in der Diöcese Sens bei Melun. Die Saracenen eroberten 1253 Saide (Sidon), wo sie ein großes Blutbad anrichteten. Nach etwa drei Wochen kam der hl. König selbst dahin, und sorgte,[931] wie bereits oben angegeben worden, für das Begräbniß der Getödteten. Saide bante er hernach wieder auf. Unterdessen aber ließ er durch den größern Theil seines Heeres Belnias, wie damals Cäsarea Philippi hieß, erobern. Nun wollte aber der König nicht mehr länger in Palästina weilen. Der Stand seines Reiches war sehr gefährdet, seitdem seine Mutter Blanca nicht mehr lebte. Nachdem er viel Kriegsvolk und Geld zum Schutze des hl. Landes zurückgelassen, zog er von Saide nach Jean d'Acre, wo er eine Besatzung ließ und sich mit Margaretha am 25. April 1254 einschiffte. Nicht fern von Cypern stieß das Schiff auf einen Felsen und war dem Untergang nahe. Des Königs inbrünstigem Gebete schrieben die Matrosen ihre Rettung zu. Am 10. Juli landete man in Hyères (Olbia) in der Provence. Während seiner Expedition hatte der Heilige auch Gesandtschaften von den Tartaren angenommen und ihnen solche entgegengesendet, aber ohne ihre Bekehrung, wie er gehofft hatte, zu erreichen. In der Residenz angekommen, ließ er in der Kathedrale von St. Denis einen feierlichen Dankgottesdienst halten, worauf er die weitern dreizehn Jahre dazu verwendete, das Wohl des Landes durch eine Reihe bewunderungswürdiger Handlungen zu fördern, so daß er schon bei Lebzeiten als der Schutzpatron Frankreichs gepriesen wurde. Bei Siciliens Besitznahme, welches schon Innocenz IV. als päpstliches Lehen dem Bruder des hl. Ludwig, Karl von Anjou, angetragen hatte, das hernach Urban IV. dem hl. Ludwig selbst zu Gunsten eines seiner Söhne anbot, zuletzt aber im J. 1265 Clemens IV. wirklich auf Karl von Anjou übertrug, war es der hl. Ludwig, welcher, einer Anwandlung von Schwäche nachgebend, diesem, indem er ihm ein stattliches Heer sendete, das Unternehmen sicherte. Der Unterhalt dieses Heeres wurde von dem kirchlichen Zehenten bestritten, welcher dem Karl vom Papste Urban IV. auf drei Jahre war zugesprochen worden und in Frankreich vom päpstlichen Legaten gesammelt wurde, indem er zugleich gegen Manfred, den Inhaber der sicilischen Krone, das Kreuz predigte. – Die letzte bedeutende That Ludwigs war sein zweiter Kreuzzug. Immer waren noch seine Gedanken auf das hl. Land gerichtet, wohin er häufig Unterstützungen sandte. Ersparungen im Hofhaushalte, Aufrechthaltung des Friedensstandes in Frankreich, der Bau einer Stadt bei dem bereits bestehenden Hafen und Leuchtthurm zu Aigues-Mortes, dieß und Aehnliches war auf dieses Ziel berechnet. Am 24. März 1267 nahm er im Parlament zu Paris nebst vielen Großen, die er, mit der Dornenkrone des Erlösers in der Hand, beschworen hatte, ihm zu folgen, das Kreuz. Er zeigte dem Papste Clemens IV. sein Beginnen an, und erhielt auf drei Jahre den begehrten Zehent von den geistlichen Gütern. Vor dem Antritt des Kreuzzuges machte er im Februar 1270 sein Testament, worin er Klöster und Arme reichlich bedachte. In diese Zeit (1269) müßte die s. g. »pragmatische Sanction« fallen, wenn dieselbe überhaupt erlassen worden ist. Sie ist oft gedruckt und ihre Aechtheit eben so oft angestritten als vertheidigt worden. (Vgl. in neuester Zeit: Rösen, die pragm. Sanction, Münster 1855, und gegen ihn Soldan, hist.-theol. Zeitschr. 1856 III.) Sie enthält (W.-W. K.-L. VIII. 638.) sechs Artikel: 1. Alle Patrone, Prälaten und Verleiher von Beneficien sollen in ihren Rechten ungekränkt bleiben. 2. Die Wahlen der Kathedral- und anderer Kirchen sollen frei und deren Wirkung aufrecht erhalten bleiben. 3. Das Verbrechen der Simonie soll vertilgt werden. 4. Alle geistlichen Würden und Stellen sollen nach den Bestimmungen des gemeinen Rechts, der Concilien und Väter verliehen werden. 5. Die vom römischen Hofe geforderten Geldabgaben sollen nicht weiter erhoben werden, und Ausnahmen hievon nur bei wirklichen Nothfällen, in gegründeter, frommer, sehr dringender Sache stattfinden, und dann nur mit Einwilligung des Königs und der Kirche Frankreichs. 6. Alle Freiheiten, Immunitäten, Prärogativen, Rechte und Privilegien, welche von den Königen den Kirchen, Klöstern, Religiosen, kirchlichen Personen etc. verliehen worden, sollen bestätigt und bekräftigt seyn. – Die Reichsverwaltung während seiner Abwesenheit übertrug er dem Abte Matthäus von St. Denis und Simon von Nesle (Nigella). Bei allenfallsigem Abgang des Einen stellte er für Matthäus den Bischof von Evreux, für Simon den Grafen Johann von Ponthiou auf. Die Verleihung der Kirchenpfründen übergab er dem Bischofe von Paris; sollte dieser sterben, so trat für ihn der Abt von St. Denis ein. Er ließ für den glücklichen Ausgang von den Mönchen und Leprosen Gebete verrichten. »Ich will,« sprach er zu [932] seinem ältesten Sohne, »dir und deinen Brüdern ein Beispiel geben, damit auch ihr künftig für den Schutz und das Wohl des katholischen Glaubens Alles hingebet, weder der Gemahlin, noch der Kinder, noch des Reiches schonet.« In Aigues-Mortes, dem Sammelplatze des Kreuzheeres, mußte er noch lange zuwarten, weil die Genuesen zur bedungenen Zeit die Sch sse nicht geste llt hatten. Er vertheilte also das Heer in die umliegenden Ortschaften. Um diese Zeit empfing er eine griechische Gesandtschaft des Kaisers Michael Paläologus, welcher einen von Karl von Anjou beabsichtigten Angriff auf Consiantinopel abwenden wollte. Michael versprach Rüeckkehr zur katholischen Kirche. Nachdem noch im Lager eine arge Zänkerei zwischen den Kreuzfahrern entstanden war, wobei über 100 fielen, langten endlich die genuesischen Schiffe an, und die Abfahrt erfolgte am 1. Juli 1270. Ludwigs älester Sohn Philipp und zwei andere Söhne waren ebenfalls beim Zuge. Nach ziemlich stürmlicher Fahrt gelangte man nach Cagliari in Sardinien. Man wollte nach gehaltenem Kriegsrathe auf Drängen Karls von Anjou, dem zu folgen selbst Clemens IV. abgemahnt hatte, zuerst auf Tunis losgehen. Am 15. Juli lief die Flotte von Cagliari aus. Am 17. Juli langte man vor Tunis an und landete daselbst am folgenden Tage ohne allen Widerstand. Man überzeugte sich bald von der ungünstigen Lage, theils wegen großen Mangels an süßem Wasser, theils wegen Treulosigkeit der Saracenen. Es ward das Schloß Karthago genommen; die Saracenen waren, als sie einen Angriff auf die Franzosen gemacht hatten, in die Flucht geschlagen worden. Da hemmten nun Anfangs August eintretende Seuchen die weiteren Fortschritte der Christen. Die Schuld lag an dem bereits besagten Mangel an Süßwasser, der Entbehrung gesunder Nahrungsmitel, sowie dem ungewohnten Klima. Es fiel als eines der ersten Opfer Ludwigs Sohn, Johannes Tristan, hierauf der päpstliche Legat und mehrere wackere Männer. Der älteste Sohn Ludwigs, Philipp, erkrankte. Der hl. Ludwig selbst aber bekam einen Durchfall, hernach ein anhaltendes Fieber, und bald mußte er, nachdem er auf dem Krankenbette eine Gesandtschaft vom griechischen Kaiser mit Wohlgefallen angehört hatte, seine letzte Stunde gekommen sehen, in der er seine Söhne rufen ließ und an sie einige, ganz vom wahrhaft christlichen Geiste durchdrungene Ermahnungen richtete, welche ein Wiederhall derjenigen waren, die er seinem Nachfolger eigenhändig geschrieben hinterließ. Wir können uns nicht versagen, einige derselben (aus Andlaw, sieben heilige Fürsten, S. 72, welcke Schrift wir überhaupt öfter zur Vervollständigung dieses merkwürdigen Lebens benutzt haben) herzusetzen; sie gehören nothwendig zu seinem Lebensbilde: »Liebe Gott über Alles, und fürchte, ihn durch eine schwere Sünde zu beleidigen. Laß dich im Glücke nicht durch Stolz aufblähen, in Widerwärtigkeiten verliere nicht den Muth, opfere sie geduldig Gott auf und denke, daß du Strafe verdient hast. Gebrauche oft die heiligen Sacramente der Buße und des Altars, vernachlässige nicht den Gottesdienst, dienedeinem Herrn mit Herz und Mund. Höre gern Gottes Wort und bewahre es in deinem Innern. Ehre die Kirche und ihre Diener, lasse sie nicht berauben. Sei mild und freigebig gegen Kranke und Arme, meide den Umgang mit bösen Menschen, verbanne die Unsittlichkeit aus dem Lande; laß das heilige Meßopfer für mich darbringen, im Geiste auch mich an deinen guten Werken theilhaftig werden. Mache dich durch Tugenden bei deinem Volke beliebt: besser wäre es, ein ganz fremder König hexrschte über Frankreich, als daß dein Betragen tadeluswerth, schlecht wäre u. s. w.« Auch seiner Tochter, der Königin Elisabeth hinterließ er ähnliche schriftliche fromme Ermahnungen. Die Krankheit hatte nur drei Wochen gedauert. Der fromme heilige König hatte noch bei vollem Bewußtseyn mit inniger Andacht auf seinem mit Asche bedeckten Strohlager im Zelte knieend, die heiligen Sakramente empfangen und starb auf die gottseligste Weise im 56. Jahre seines Alters, im 44. seiner Regierung, am 25. Aug. 1270 Nachmittags 3 Uhr. Seine letzten Worte waren: »Ich werde eingehen, o Herr, in dein Haus, und anbeten dich, o mein Gott, in deinem Tempel.« Nach seinem Tode sah er so lieblich aus, als wäre er nie krank gewesen, und schien zu lächeln. Der hl. König Ludwig war, wie sein Vater, von schwächlichem Körperbau gewesen, was ihn jedoch, wie wir gesehen haben, weder von den Mühen des Krieges, noch von strengen Abtödtungen zurückhielt. Sonst lobt man seine schöne Gestalt, die bei der großen [933] Bescheidenheit, welche ihn auszeichnete, alle Gemüther an ihn fesselte. Seine geistigen Anlagen standen im Einklange mit der Liebenswürdigkeit seiner äußern Erscheinung, er galt für den Weisesten seines gan zen Rathes. Während im Lager Alles über den Tod in Trauer war, kam der König Karl von Sicilien mit einem mächtigen Heere. Der Leib Ludwigs wurde nach dem Gebrauche jener Zeit zerschnitten, und das Fleisch abgekocht. Dieses nebst den Eingeweiden nahm Karl mit sich nach Sicilien und setzte es in der Kirche von Monreale unter großen Feierlichkeiten bei. Die Gebeine wurden abgewaschen, in Seide eingewickelt und in einen Schrein gelegt, um nach Frankreich hinübergeführt zu werden. Der König Philipp wollte dieselben sogleich dorthin bringen lassen, aber das Heer äußerte den Wunsch, diese theuern Ueberreste bei sich zu behalten, indem die Gegenwart des Verstorbenen ein so großes Vertrauen gebe, wie die Anwesenheit des Lebenden gab. In Sicilien wirkten diese ehrwürdigen Reliquien in Bälde Wunder. Da bei Tunis eben so unter den Saracenen wie unter Christen Krankheiten wütheten, und Karl den Saracenen in drei siegreichen Gefechten eine große Niederlage beigebracht hatte, bat der König von Tunis um Frieden, welcher am 30. Oct. 1270 geschlossen wurde. Am 18. Nov. 1270 wurde die Rückfahrt angetreten. Die Könige kamen glücklich zu Trapani (Drepanum) in Sicilien an. Die Flotte der Christen aber büßte durch einen Sturm achtzehn große und mehrere kleine Schiffe und gegen 4000 Menschen ein. – Philipp kam durch Sicilien, Italien und Frankreich am 21. Mai 1271 in Paris an. Auf dem Wege verherrlichte der Herr die Reste seines dahingeschiedenen Dieners durch mehrere Wunder. In Reggio wurde ein Lahmer, in Parma ein am Krebse leidendes Mädchen geheilt. Ein drittes Wunder geschah ungefähr zwei Stunden von Paris zwischen Boissy und Créteuil an einem kranken Kinde. In Paris wurden diese nach Notre-Dame gebracht, wo eine Todtenfeier bei denselben abgehalten wurde, und die ganze Nacht hindurch abwechselndes Chorgebet stattfand. Am andern Tage, 22. Mai, Morgens trug der König unter Anwohnung einer überaus großen Volksmasse auf seinen Schultern in feierlicher Procession, gebildet von den Ordensleuten, Prälaten und den Großen, den Schrank mit den kostbaren Gebeinen seines Vaters nach St. Denis; eine Stunde Wegs vom Kloster kamen die Conventualen in prächtigen Chorkleidern, Wachskerzen in der Hand, zum Empfang der geweihten Reste entgegen. So ward der Heilige nach seinem Tode derselben Ehren theilhaftig, die er im Leben so oft und gern den Heiligen erwiesen hatte. In der Kirche wurde hernach das Todtenofficium und die feierliche Seelenmesse gehalten, worauf sodann die Beisetzung geschah. Später wurde ein schönes Monument über dem Grabe errichtet, von Gold und Silber, mit ausgezeichneten Darstellungen von den geschicktesten Meistern. Eine weit herrlichere Ausstattung aber bildeten die großartigen und zahlreichen Wunder, welche von der Heilung einer Blinden an, die am Tage des Begräbnisses geschah, fortwährend dort stattfanden. Er überlebte die ihm unvergeßliche Mutter um sechszehn Jahre. Sie war in der von ihm gestifteten Abtei Maubuisson bestattet, wo der ihr Andenken ehrende Sohn oft in stiller Andacht betete. Die königliche Wittwe Margaretha widmete ihr Leben fortan nur wohlthätigen Werken, und starb zu Paris im J. 1285 in einem von ihr gegründeten Nonnenkloster eines gottseligen Todes. Dieser musterhaften Ehe waren zehn Kinder, fünf Söhne und fünf Töchter, entsprossen, von denen noch sechs lebten. – Zeitig begann der canonische Proceß bezüglich der Heiligsprechung des frommen Königs. Schon um das J. 1273 ließ Papst Gregor X. auf vielseitige Bitten die erste einleitende Untersuchung anstellen. Im J. 1278 erholte sich Papst Nicilaus III. eine weitere Information. Im J. 1282 ließ Martin IV. auf Bitten vieler Bischöfe Frankreichs eine Untersuchung des Lebens und der Wunder vornehmen. Die Canonisationsbulle aber erließ Bonifaz VIII. im J. 1297 zu großem Jubel Frankreichs. Im darauffolgenden Jahre wurde der hl. Leib erhoben, blieb jedoch in St. Denis. Der nämliche Papst bestimmte das Fest des Heiligen in ganz Frankreich auf den 25. August. In diesem Jahre (1298) führten die Cistercienser und Dominicaner die Feier für ihren ganzen Orden ein, letztere mit einem eigenen Officium. Im J. 1299 wurde auf dem Concil von Bézieres die Feier des Festes als duplex für die ganze Diöcese Narbonne bestimmt. Im J. 1300 führten die Augustiner-Eremiten das Fest für ihren ganzen [934] Orden ein und zwar als semiduplex. Die Feier des Festes, als Patrons und Protectors Frankreichs, machte aber daselbst noch größere Fortschritte. Das Concil von Soissons im J. 1324 verordnete das Fest als einen Feiertag mit Enthaltung selbst von Feldarbeiten (carrucae). (Es gab nämlich Feste, wo zwar Handwerksbetrieb verboten, Feldarbeit aber erlaubt war.) Endlich wurde es auf Bitte Königs Ludwig XIII., der sich schon früher und namentlich im J. 1613 durch einen eigenen Abgesandten deßhalb nach Rom wendete, zu einem Feste für die ganze Kirche durch Papst Gregor XV. und zu einem Hauptfeste Frankreichs erholen. Im J. 1306 am 17. Mai wurde das Haupt, mit Ausnahme des Kinnes und der Kinnlade, und eine Rippe nach Paris, ersteres in die hl. Capelle, die Rippe nach Notre-Dame übertragen. Im J. 1392 geschah eine Uebertragung aus dem bisherigen in einen neuen mit Gold überzogenen Schrein. Der König Karl VI. spendete bei dieser Gelegenheit, mit derartigen Bitten angegangen, mehreren Großen und Prälaten einige Reliquien. Im J. 1418 wurde dieser Schrank bei großer Noth des Reiches ausgemünzt und zu den Vertheidigungsmitteln gegen die Engländer und Burgunder verwendet. In der Folge wurde jedoch ein neuer prachtvoller Schrank angeschafft. Es wäre zu weitläufig, die verschiedenen Kirchen und Capellen in Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland, England zu erwähnen, wohin im Verlaufe der Zeiten Reliquien des hl. Königs, seien es Gebeine oder Utensilien, gekommen sind. Nur des Zahnes und des Fingers wollen wir noch erwähnen, welche Kaiser Karl IV. im J. 1355 geschenkt erhielt und nach Prag sendete. Eine Abbildung des hl. Königs wird bei Scholtenu. im treffenden Bande der Bollandisten gefunden. Im Mart. Rom. steht der Name des hl. Königs Ludwig am 25. Aug. (V. 275–758).


Quelle:
Vollständiges Heiligen-Lexikon, Band 3. Augsburg 1869, S. 921-935.
Lizenz:
Faksimiles:
921 | 922 | 923 | 924 | 925 | 926 | 927 | 928 | 929 | 930 | 931 | 932 | 933 | 934 | 935
Kategorien:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon