IV.

(Edelmann) gehet 1720 nach Jena und studieret Theologiam.

[31] »Er war in der That, in allen Disciplinen welche zu höheren Facultäten geschickt machen, wohl geübet, erwehlte sich aber auf Zureden seiner Frau Mutter das Studium Theologicum, und ging Anno 1720 nach Jena, wo Er die berühmtesten Philosophos und Theologos hörete, anbey sich auf die Historiam ecclesiasticam besonders legte. In der Ketzer-Historie aber den Gottfried Arnold unter die Hände bekam, dessen Kirchen- und Ketzer-Historie sattsahm bekannt.«

§ 71. Das meiste von dieser Erzählung ist wahr, außer daß ich Gottfried Arnolds Kirchen- und Ketzer-Historie nicht in Jena, sondern nach langen Jahren erst in Freyberg beym Hr. Dr. und Superintend. Wilisch zu Gesichte bekam. Denn hätte ich sie in Jena gehabt, es würde tolle Händel gesezet, und mich die Lesung derselben, vor der Zeit, vom Studio Theologico abgebracht haben: So machte aber die Vorsicht, daß ich dieses Studium nach allen seinen Theilen mit Ruhe absolviren und mich erst wacker mit Wind füttern lassen muste, ehe ich sättigende Speisen vertragen konnte, denn damals wäre mir eine höhere Einsicht nichts nüze gewesen.

Inzwischen war mein Anfang auf dieser Universität ziemlich glücklich. Denn außerdem, daß ich meinen Vetter Reibetopf allda antraf, den ich in Altenburg bey meiner Mutter Bruder hatte kennen lernen, und der mir, nachdem Er damals in Doctorem Juris promoviret, gleich das erste halbe Jahr freye Stube in Hofrath Friesens Hause verschaffte, erhielt ich auch beim damaligen Prorector D. Struvem meine Inscription, und beym D. Buddeo, und denen übrigen Herrn Professoribus, meine Collegia frey, und lag meinen Studiis in dem ersten Vierteljahre mit großem Fleiß und von unnüzen Gesellschaften ungehindert ob.

§ 72. Weil ich aber damals noch keinen freien Tisch hatte, und von den wenigen Geldern, die ich mitgebracht, mir die nötigen Bücher anschaffte, so griff ich meinen Beutel, ehe ich's mich versahe, auf die Räthe, und ob mir schon mein Vetter in Altenburg bisher monatlich einen Thaler Zuschuß gethan hatte, so war das doch, da ich von meinen Eltern noch gar nichts bekam, nicht zureichend, alle nothwendige Ausgaben zu bestreiten, und diese Umstände setzten mein Gemüthe, das den größten Abscheu vor Schuldenmachen trug, aufs neue, in nicht geringe Verlegenheit.

Allein die gütige Vorsehung ließ mich dißmal nicht lange Calender machen, sondern fügte es, daß mir der Herr Hofrath Friese den[32] Antrag thun ließ, ob ich einen Stuben-Purschen haben wollte. Ich nahm diesen Antrag willig an, weil mir der neue Stubenpursche, H. Stißer (der gegenwärtig in Braunschweigischen Diensten stehen soll) die Hälfte Zins bezalen muste, wodurch ich wieder etliche Thaler Geld in die Hände bekam. Er kaufte mir auch, weil Er einen gespickten Beutel mitbrachte, verschiedenes von meinen Sachen ab, wodurch ich ohngefehr ein Vierteljahr wieder zu leben bekam.

§ 73. Es wurde aber die Ruhe, die ich bisher bei meinem Studiren genossen, durch diese Gesellschaft gar merklich unterbrochen, denn mein H. Stubenpursche, der sonst eine grundehrliche Haut war, hatte einen starken Anhang von Landesleuten, die ihn oft beschmausten, und mich nicht allein in meinem Studiren störten, sondern mir auch Stube und Cammer bisweilen dergestalt vollspien, daß beyde einem Schweinstall ähnlicher, als einer Studentenwohnung sahen.

Dieser unordentlichen Lebensart war ich bisher gar nicht gewohnt gewesen, und deswegen dachte ich auf eine Aenderung, zumal da gegen Michaelis mein Bruder, der jetzige Licentiat in Chemniz, aus der Schul-Pforte darzu kam, und folglich das Geräusche auf meiner Stube noch mehr vermehrete.

§ 74. Es hatten sich die Umstände meiner Eltern damals etwas verbessert, und sie lebten nun, nach dem Tode meiner Großmutter, die in Sangerhausen starb, nebst meinem jüngsten Bruder wieder beysammen in Eisenach. Da aber der Vater nicht mehr, als 200 Thaler Besoldung bekam, so ist leicht zu erachten, daß Er bei der eigenen Unterhaltung seiner Familie, sehr wenig auf uns werde haben verwenden können. Inzwischen war es doch besser, als nichts, zumal da Er meinem Bruder, als ich Information in Jena bekam, einen Freytisch in Convictorio zuwege brachte.

§ 75. Ehe ich diese Information erhielt, wovon ich hernach sprechen will, zog ich durch Vermittelung des Hrn. M. Meienbergs, bey dem ich damals ein Collegium Grammaticale Hebraicum, nur mit drey oder vier Studenten gratis hörete, zu einem stillen und gelehrten Purschen, Namens Grimm, auf die Stube. Er war ein Eisenacher, und wir vertrugen uns wohl zusammen, studirten fleißig und waren von allen unnüzen Gesellschaften entfernt. Wir würden auch sonder Zweifel länger beysammen geblieben seyn, wenn mir nicht der Lector Publicus der französischen Sprache und Secretair des Weimarschen Hofes, Hr. Roux, die Information seiner Kinder angetragen hätte.

§ 76. So unvermuthet und ungesucht dieses kam, und so schwer mir, als einem kaum halbjährigen Academico, dieses Amt, bei meinen[33] vielen Collegiis, zu verwalten vorkam, so augenscheinlich spürte ich doch die göttliche Vorsicht, die meinen armen Eltern die Last erleichtern, und mich in eine neue Gedultschule zu führen suchte.

Ich nahm also diese Condition mit allen Freuden an, und erhielt dadurch nicht nur freye Stube, Bette und einen guten Tisch, sondern bekam auch einen guten Zuschuß zu Holz und Licht. Allein ich mattete mich bei dieser Arbeit dergestalt ab, daß ich wohl sahe, daß das in die Länge, weder vor mich, noch vor meine Untergebenen gut thun würde. Denn ich hatte täglich 6–7 Stunden Collegia vor mich abzuwarten, die alle repetirt seyn wollten, und muste doch ordentlich 4 Stunden des Tages informiren, wodurch ich manchmal so müde und unaufgeräumt wurde, daß ich mir selber zuwider war. Ich faßte daher den Entschluß, meine Condition mit Verfließung des halben Jahres aufzukündigen: Allein Hr. Roux kam mir mit Ehrerbietung zuvor und sagte mir solche mit aller Höflichkeit selber auf, weil die Kinder, in meiner Abwesenheit allerhand Muthwillen trieben, und Er solche gerne unter einer beständigen Aufsicht gehabt hätte.

§ 77. So gerecht als das Betragen dieses ehrlichen Mannes war, dem ich in der französischen Sprache vieles zu danken habe, so sehr hielt sich mein närrischer Ehrgeiz dadurch beleidigt, und ich sann auf Mittel, wie ich Ihm wieder einen Verdruß machen möchte. Ich blieb demnach in seinem Hause, miethete mir eine eigene Stube, und nahm nicht allein einen andern Sprachmeister, und zwar des Herrn Roux allerstärkesten Antagonisten, Namens Provansal an, sondern ich hielt auch unter dessen Aufsicht mit 6 andern Studenten französische Assemblée auf meiner Stube, und wenn wir beysammen waren, so ließ ich das Bier nicht aus des Hrn. Roux Keller, wie sonst, nehmen; sondern meine Aufwärterinn muste Augspurger holen, um ja den guten Mann, der mir nicht nur nichts zu leyde, sondern auch viel gutes gethan hatte, auf alle Weise zu kränken.

Ich that mir, in der That, mehr Schaden, als Ihm, denn ich muste nicht allein den neuen Sprachmeister bezalen, da ich beym Hrn. Roux Information umsonst genossen; sondern es kam mich auch das Augspurger Bier noch einmal so theuer zu stehen, als der sogenannte Maulesel, oder Collegien Bier, das ich bey Ihm hätte haben können. Allein die unartige Begierde mich zu rächen, wo ich nicht beleidiget war, und die ich von dem Gott der Christen gelernet hatte, verleitete mich zu dieser Thorheit, und ich werde mich derselben mein Lebenlang schämen.

§ 78. Inzwischen wartete ich mein Studiren, da ich nun wider vor mich allein war, fleißig ab, versäumete nicht leicht ein Collegium,[34] und besuchte die öffentlichen Disputationes mit Vergnügen. Mit einem Worte, ich that nach meinem Vergnügen alles, was ein fleißiger Studiosus Theologiae zu thun schuldig war, und hielt mich in Theologicis am meisten an den Hrn. D. Buddeum, und dessen Hrn. Schwiegersohn, den fleißigen Hrn. Professor Walch, dessen unermüdete Arbeitsamkeit die leichtfertige Spötterei der damaligen Studenten wohl nicht verdienete, nach welcher sie Ihm einmal, auf den Beistand seines Schwiegervaters stichelnd, einen Zeddel auf den Catheder legten, worauf geschrieben stund: Alles was der Vater hat, das ist mein, darum habe ich gesagt: Er wirds von den meinen nehmen und Euch verkündigen.

Dergleichen Betragen hat mir nie gefallen, sondern ich trug die größte Ehrfurcht vor meine Lehrer, und hieng mich fast mehr an sie, als ich hätte thun sollen, wenn ich die Wahrheit unpartheyisch hätte untersuchen wollen: Allein diese Gedanken kamen mir zur selben Zeit noch nicht in den Sinn. Denn ich hielt alles, was meine Lehrer sagten, vor lauter göttliche Oracul, und konnte von meinen Cameraden gar nicht vertragen, wenn sie bisweilen aus dem Bayle, Hobbes, und andern dergleichen verdächtigen Leuten, Zweifel auf die Bahn brachten.

§ 79. Ich mag meine Leser nicht aufhalten mit Erzehlung desjenigen, was ich bei diesem oder jenem Hrn. Professore, Magistro oder Adjuncto, besonders vor Collegia gehöret, nur dieses muß ich melden, daß ich dem Herrn M. Rambach (der hernach nach Giessen kam) das Exegeticum, und dem Herrn Adjuncto Werner (der jetzt in Stargardt stehet) das Accentuatorium schuldig geblieben. Die Wahrheit zu bekennen, so dauerte mich das Geld, das ich vor diese Schnurpfeiffereien ausgeben sollte. Wenn ichs aber übrig gehabt hätte, so würde ichs den guten Leuten doch nicht vorenthalten haben, wie wenig Trost ich auch aus diesen beiden Collegiis (woraus andere Miracul machten) vor mich schöpfen können, woran doch nicht der Fleiß und die Treue meiner Lehrer, sondern meine eigene Gemüthsbeschaffenheit schuld war, die schon damals, unwissend warum, keinen rechten Geschmack an diesen Wörterzergliederungen und Sylbenstechen finden konnte.

Ich bereue die Stunde noch die Zeit, die ich auf diese geistliche Narrenspossen verwendet. Denn sie haben mich keine Pfeife Taback genuzt, und ich würde weit klüger gehandelt haben, wenn ich anstatt dieser Thorheiten, die Englische und Italianische Sprache vor die Hand genommen hätte, doch man wird selten anders, als mit[35] Schaden klug, und wenn das nur geschieht, so ist der Schade noch vor einen Nuzen zu rechnen.

§ 80. Es wurde zu meinen Zeiten die hebräische Sprache sehr stark getrieben, und die dümmsten unter meinen Cameraden waren die gelehrtesten darin. Ich, der ich mirs vor eine Schande hielt, einen Theil der Gelehrsamkeit vergebens bei mir suchen zu lassen, legte mich auch mit Fleiß darauf, und zwang mich, wider meinen Appetit, einen Geschmack an derselbigen zu gewinnen. Wie ich aber hörte, daß sich die damaligen berühmtesten Buchstäbler selber nicht über die rechte Aussprache derselben vergleichen konnten, und einer den andern manchmal in Collegiis recht verächtlich herunter machte, so hätte ich den Plunder, nach einmal und andermal gehörten Grammaticali beynahe gänzlich weggeworfen, wenn ich nicht gewust hätte, daß man die Candidaten in denen Examinibus am meisten mit dieser Zaubersprache zu vexiren gepflegt. Ich machte sie also bloß wegen der damaligen Mode mit, ungeacht ich wegen der großen Zweydeutigkeit und Ungewißheit derselben, worüber sich die berühmtesten Hebräer bis auf diese Stunde noch nicht vergleichen können, je länger, je mehr Eckel davor bekam. Ich meinte aber zur selben Zeit, ich könnte kein würdiger Gesandter Gottes heißen, wenn ich die Sprache meines Herrn nicht verstände, gerade als wenn es schon ausgemacht gewesen wäre, daß Gott in keiner andern, als in der verfallenen Judensprache mit den Menschen reden wollen. Doch was thun die Vorurtheile nicht.

§ 81. Je mehr ich mir Mühe gab es in dieser sogenannten h. Geists-Sprache zu etwas gründlichen zu bringen, je weniger Grund fand ich darin, und der Zank, der damals zwischen den Hrn. Professor Ruß und dem Herrn Adjuncto Hoffmann über die rechte Lesung des Kametz Catuph vorwaltete, da sie doch beyde über D. Danzens Grammatic lasen, der damals noch lebte, und den rechten Verstand seiner Reguln leicht hätte erklären, und folglich den Streit dieser beyden Buchstäbler, die alle beyde seine Schüler waren, pro Auctoritate entscheiden können, dieser unangenehme Zank, sage ich, von 2 Männern, die alle beyde Gesandte Gottes seyn, und die Sprache ihres Herrn verstehen wollten, verleydete mir vollends die Lust dazu, denn konnten sich die elenden Leute nicht einmal über den rechten Verstand einer Grammaticalischen Regul ihres Meisters vergleichen, bey dem sie doch stündlich die Entscheidung ihres Streites hätten einholen können, was konnte ich vor Gewißheit von ihnen erwarten, wenn sie mir Schriften erklären wollten, deren Verfasser vor etlichen tausend Jahren verstorben seyn sollten.

§ 82. Mit kurzen ich fing an mein Hebräisch laulicht zu tractiren,[36] und war zufrieden wenn ich die historischen Bücher der Bibel verstehen konnte. Denn die Prophetischen verstunden meine gelehrten Buchstäbler, mit aller ihrer Wortklauberey selber nicht, und also durfte ich mir's vor keine Schande rechnen, wenn ich unter so großen Ignoranten ein kleiner mit war, nur hatte ich dabey diß zum Vortheil, daß mich meine Ignoranz weniger Zeit und Mühe gekostet, und ich, anstatt den eckelhaften Speichel der abergläubischen Juden zu lecken, mich an angenehmeren Sachen vergnügen konnte.

Zwar waren dergleichen Gedanken damals noch gar weit von mir entfernt. Allein etwas geheimes, das ich zur selben Zeit noch gar nicht kannte, schien mir zu sagen, daß ich Zeit und Mühe vergebens mit diesen Dingen verderben, und am Ende noch bereuen würde, daß ich mich mit nichts gründlichen beschäftigt. Es hat es auch der Ausgang bewiesen, daß mir die hebräische Sprache zu alle dem Aufsehen, das meine Schriften in Deutschland gemacht, nicht das geringste geholfen.

Wenn indessen wahr ist, was die Acta historico-Ecclesiastica Tom 1. p. 45 im Anhange von D. Danzen sagen, daß er öfters von D. Luthero zu sagen gepflegt: Er habe nicht so viel hebräisch verstanden, als einer von seinen Schülern, der nur einmal die Grammatic bei Ihm gehöret, so lehret das Exempel dieses großen Mannes hoffentlich deutlich, daß einer zum Schröcken des Aberglaubens eben nicht nöthig habe hebräische Flüche herzubeten.1

§ 83. Die griechische Sprache gefiel mir besser, und ich wandte auf Schulen viel Fleiß darauf, las auch in Altenburg den Plutarchum de puerorum institutione mit ziemlicher Fertigkeit, weil es aber auch nur eine todte Sprache war, in welcher ich eben nicht Professor zu werden gedachte, so ließ ich meinen Fleiß in derselben in Jena auch nicht weiter gehen, sondern war zufrieden, daß ich das neue Testament und die Uebersetzung der sogenannten 70 Dolmetscher verstehen konnte: Dagegen legte ich mich mit desto größerem Fleiß auf die französische und meine eigene Muttersprache, die mir auch in der Folge meines Lebens tausendmal mehr genuzet, als alle mein Griechisch und Hebräisch, auf welches ich doch ungleich mehrere Zeit und Mühe gewendet hatte.

Es fällt mir dabei eine Historie ein, von einem gewissen Franzosen, der sich, als ein gefährlicher Patiente eine geraume Zeit von[37] gelehrten Medicis hatte müßen martern lassen, ohne daß Ihm im geringsten wäre geholfen worden. Endlich gerieth er an einen, den die andern alle vor einen Ignoranten hielten. Aber dieser curirte den Patienten. Einer von diesen Herrn besuchte denselben ungefehr, und als er erfuhr, wessen Cur er sich jetzt bediente, fragte er ihn, ob er sich nicht schäme, sich einem Kerl anzuvertrauen, der weder Griechisch noch Lateinisch verstände. Allein der Patient gab zur Antwort: Mein Herr, er curirt mich auf französisch.

§ 84. Ich habe also meine Landsleute auch auf deutsch curirt, nachdem Ihnen keiner von denen, die so viel hebräisch und griechisch verstehen, hat zurecht helfen können. Ich weiß daß sich diese gelehrten Leute nicht wenig darüber geärgert, und mich deswegen auch als den größten Ignoranten verhaßt zu machen gesucht haben. Allein meine Patienten haben sich nicht daran gekehrt, und ich selber habe nach der Hand so viele Magistros Ignorantiae vor mir gefunden, daß ich gern zufrieden seyn will, wenn ich der geringsten einer unter Ihnen seyn kann. Cornelius Agrippa soll gesagt haben: Nil scire felicissima vita und man sollte fast auf den Gedanken gerathen, daß dieser Ausspruch wahr wäre, wenn man betrachtet, wie unzufrieden und mißvergnügt die meisten unsrer allwissenden Gelehrten leben: Doch ich gönne Ihnen gerne, was sie vor mir voraus wissen; vielleicht weiß ich auch was, das sie nicht wissen, aufs wenigste weiß ich, daß ich vor Gott kein armer Sünder bin, welches sie bey alle ihrer Allwissenheit weder wissen, noch wissen dürfen. Wer nicht blind ist, kann leicht sehen, wer bey diesen Umständen der größte Ignorante sey.

§ 85. Ich komme wider nach Jena, allwo es zu meinen Zeiten noch über die massen wild und ungezogen unter den lieben Musen-Söhnen zugieng. Man hätte sie eher Bachus-Martis- und Veneris-Söhne, als Kinder der Weisheit und Tugend nennen können. Absonderlich war das unvernünftige Rauffen und Schlagen dergestalt unter den armen Leuten eingerissen, daß sie einander am hellen lichten Tage, auf öffentlichem Marckte, vor den Augen aller Menschen massacrirten, und kein Bedencken trugen, sich vor den Häusern ihrer Seelsorger zu duelliren, zum offenbahren Merckmal, daß man diese Universität eher einen Sammelplatz der Laster, als eine Schule der Tugend hätte nennen können.

Ich habe allein Eilf dergleichen unglückliche Exempel, Zeit meines Daseyns erlebet, und zwar von lauter Erzfechtern oder sogenannten Renomisten, die alle von weit ungeübtern über den Haufen gestochen, und des sonst so lieben Lebens, oft um der allerlüderlichsten Ursache[38] willen beraubet wurden. Wenn es also nach dem Sprüchwort gehet: Wer von Jena kommt ungeschlagen, der hat von Glück zu sagen, so habe ich, in Ansehung meines cholerischen Temperaments, das sonst blutwenig vertragen konnte, wirklich von Glück zu sagen. Denn außer einer kleinen Faust-Rencontre, die ich einmal mit Herrn Stisser auf meiner Stube hielt, und in welcher ich Ihm, da er mir das Maul aufreißen wollte, bald den Finger abgebissen hätte, habe ich nie den geringsten Handel, weder an andre gesucht, noch von andern gehabt.

§ 86. Ein großes trug zu dieser Sittsamkeit meine damalige Gemüthsstellung bey, denn ich wurde nach dem Vorsaze, den ich hatte, Theologiam zu studiren, bald ein eifriger Buddeaner, oder sogenannter Mucker, und dachte, wenn mir einer eine Schelle auf den einen Backen gäbe, ich müste den andern auch hinhalten. Ich weiß aber nicht, ob ich die Probe ausgehalten haben würde, wenn sie einer mit mir hätte machen wollen, ich glaube vielmehr, daß ich mir einen andern biblischen Spruch, nach welchem ein vollgedrückt, gerüttelt und überflüssig Maaß in des andern Schooß zu geben, angewiesen wird, zu nuze gemacht haben würde.

Doch dem sey jetzund wie ihm wolle, so war mir mein damaliger Aberglaube zu vielen nüze. Denn er hielt mich nicht allein von lüderlichen Gesellschaften ab, in welchen ich leicht zu Händeln hätte kommen können, sondern verschaffte mir auch Gelegenheit meinem Studiren mit desto größerem Fleiße obzuliegen. Es hat also alles zu seiner Zeit seinen Nuzen, und es ist gewiß, daß die Freiheit, zu welcher mich Gott nach langen Jahren erst berief, in meinem damaligen munteren Alter, nicht wohl angewendet haben würde.

§ 87. Nichts desto weniger wäre mir doch bald einmal ein Unglück begegnet, das ich noch diese Stunde beklagen würde, wenn es Gott nicht in Gnaden abgewendet hätte. Denn als der D. Buddeus Prorector wurde, war ich nebst meinem Bruder und etlichen andern guten Freunden auf meines Vetter Krügelsteins Stube, auf der damaligen Post, der Collegen Kirche grade gegenüber, um die Procession mit anzusehen. Einer unter diesen Freunden, der auch mein naher Vetter aus Eisenach war, und mit Namen Göckel hieß, bekam Lust mit mir zu fechten. Er hatte seinen Jenaischen Raufdegen, jedoch nur in der Scheide, ich aber nur ein kleines Convictoristen-Spieschen, mit welchem ich seinem Raufdegen kaum an die Hälfte reichte. Ich sagte, daß wenn wir fechten wollten, wir wenigsten gleiche Waffen haben müßten. Er aber traute seiner Kunst, und gab mir seinen eigenen Degen und nahm dagegen meinen, doch[39] beide blieben in der Scheide: die seinige aber war unten gegen das Ortband, über eine Spanne lang zerbrochen, und machte sich unter währenden pariren, uns beyden unwissend, bloß. Wie ich nun einen Stoß nach ihm that, so traf ich Ihn mit der Spitze des Degens dergestalt auf die rechte Brust, daß der Degen fingerslang in den Leib ging, und er sofort Käseweiß wurde.

§ 88. Wem war banger zu Muthe, als mir, wie Er das Kleid aufriß, und mich das stark hervorquellende Blut im Hemde sehen ließ. So unschuldig als ich war, indem ich nicht den geringsten Vorsatz gehabt hatte, Ihn zu verletzen, so angst war mir doch, ehe wir die Beschaffenheit der Wunde erkundet hatten, welches endlich, nachdem Ihm mein Stubenpursche Falcke, das Blut ausgesauget hatte, durch einen geschickten Studiosum Medicinae, Namens Collmann geschahe, der von Suntra aus Hessen war, und diesen Patienten bald glücklich wider zurechte brachte.

Nach diesem glücklich überstandenen Ebentheuer, wodurch ich leicht ein Mörder eines meiner besten Freunde, ganz ohne meine Schuld, hätte werden können, nahm ich mich noch mehr vor aller Gelegenheit in Acht, wodurch ich in Händel hätte gerathen können. Es begunte auch diese Ungezogenheit nach und nach, schon zu meinen Zeiten abzunehmen, als der Hr. Professor Ruß, bei seinem Prorectorate das Herz faßte, die sogenannten Landsmannschaften, Hofschmäuse, Auszüge, und andere dergleichen Insolentien, es koste was es wolle, aus dem Grunde auszurotten.

§ 89. Ich will mich mit Erklärung dieser Academischen Tollheiten nicht aufhalten. Denn ich habe keine jemals mitgemacht, sondern ich will nur soviel sagen, daß bey Abschaffung derselben, ein solcher Tumult entstund, daß der Herzog von Eisenach genötiget wurde, die dortigen Grenadier, die von den Studenten, Spottweise nur Schnurbärte genannt wurden, und zu Bändigung der muthwillligen Musensöhne da lagen, um ein merkliches zu verstärken.

Es wollte den ungezähmten Leuten gar nicht in den Kopf, daß sie auf einmal, ihre so übel angewendete Freiheit verlieren sollten, und sie taten alles, was sie kunten die guten Absichten des Hrn. Prof. Russens zu vereiteln. Allein er hielt sich männlich, und ich muß bekennen, daß er damals was gewaget, was sich keiner vor Ihm unterstanden, und was Ihm doch bey der späten Nachwelt noch, zum unsterblichen Ruhm gereichen wird. Denn Er war bey der tollen Wuth der Studenten seines Lebens selber nicht sicher.

§ 90. Man hat mir aber erzehlet, daß Er sich bey diesen allen recht heldenmüthig aufgeführet. Denn als sich die wilden Pursche[40] einmal etliche hundert stark vor seinem Hause versamlet, und in Willens waren, selbiges zu stürmen, soll Er selbst im Schlafrock heruntergekommen, in seine Hausthüre getreten und zu dem wüthenden Haufen gesagt haben: Ihr Herren, da bin ich, thun sie mit mir, was sie wollen; Ich aber muß thun, was meines Amtes ist. Worauf nicht nur keiner gemucket, sondern sie haben auch Ihn und sein Haus unangetastet gelassen.

Ein Exempel, daß Gott einer gerechten Sache, wider unbefugte Gewalt schon beyzustehen, und der Obrigkeit, wenn sie zum Heil der Unterthanen etwas vornimmt, schon die Stange zu halten wisse. Denn man sah da täglich die vornehmsten Aufwiegler, unter starken Escorten von Grenadiren mitten durch die tumultuirenden Musensöhne in Verhaft führen, ohne daß sich nur einer hätte unterstehen dürfen, ihre Begleiter anzugreifen.

§ 91. Einstmals mußte ich recht herzlich über die Herzhaftigkeit dieser Eisenfresser lachen. Denn als sie eben recht böse thaten, und alles übern Haufen werfen wollten, nach dem sie das sogenannte Professoren Schwarze Brett (woran der fürstl. Befehl zu Abstellung ihrer Ausschweifungen angeschlagen war) mit samt dem eisernen Gegitter abgerissen, in Stücken zertreten und den Befehl sammt den Trümmern des Bretts in den vorüberfließenden Leiterbach geschmissen hatten, und nun das Consummatum est in bester Andacht sungen, rückte hinter der Kirche eine Compagnie Grenadier mit brennenden Lunten und Grenaden, in wohlgeschlossener Ordnung an, und avancirte Schritt vor Schritt, auf die wohl 2000 Mann starke Studentenschaar.

Allein da hätte einer sehen sollen, wie diese Helden ausrissen. Sie hatten sie kaum erblickt, so stoben sie, unter dem tapfern Zuruf: Stehet! Stehet! ihr Brüder (worauf aber niemand achtete) wie Spreu auseinander, und überließen den Schnurbärten die Wahlstatt, ehe sie noch eine Grenade erblickt.

§ 92. Ich lebte, nach diesen, da ich auch im Convictorio einen Freytisch erhalten hatte, ziemlich zufrieden, und bediente mich der dasigen Freiheit, die, außer ihrem Mißbrauch, gewiß was schönes ist, zu meinem Vergnügen auf vielerley Art. Sonderlich war ich gerne, wo meine guten Freunde Collegia musica hielten, als woselbst es allemal ziemlich ehrbar zugieng, und das unmenschliche Saufen, welches mir jederzeit ein Greuel gewesen, keinen Platz fand.

Hingegen war ich zu jener Zeit ein großer Liebhaber vom L'hombre-Spiel, und hatte mit meinem damaligen Stubenpurschen und sehr werthen Freunde, Hr. Hasserodt aus Eisenach und einigen Curländern,[41] eine geschlossene Gesellschaft, oder sogenanntes Kränzchen errichtet, nach welchen wir, der Reihe nach, allemal des Sonnabends nach Mittag um 4 Uhr zusammenkamen und um einen Pfenning Einsaz spielten, wobey gemeiniglich die Nacht, bis 2–3 Uhr mit drauf ging und an die folgende Sontags-Andacht wenig gedacht wurde.

§ 93. Ueberhaupt wird man mir auch zugestehen, daß die wenigsten Studenten, zumal in Jena, aus Andacht in die Kirche gehen. Denn da ist's wohl unmöglich, daß auch diejenigen, die in dieser Absicht die Kirche besuchen, auch nur die geringste Andacht haben können, weil es nicht allein bei dem beständigen Ein- und Ausgehen der Studenten, von denen mancher kaum ein paar Vaterunser lang drinn bleibet, alle Augenblick was neues zu sehen giebt, sondern da hatten sich auch zu meinen Zeiten, an den Kirchthüren, inwendig und auswendig, ganze Kuppeln Kinder-Weiber und Kinder-Mädchen, mit kleinen, oft noch säugenden Kindern gelagert, die dann mit ihrem unangenehmen Geschrei ein solches Lerm machten, daß man nicht das geringste von dem redenden Prediger vernehmen konnte, und froh war, wenn man aus diesem Getöse wieder in die freye Luft kam.

In der Collegen-Kirche pflegten die Studenten zwischen dem Altar und der Kanzel ordentlich auf- und abzuspaziren, mit einander nach aller Herrlichkeit zu plaudern, Zeitungen zu lesen, und einander was neues zu erzehlen. Mit einem Worte, die dasigen Kirchen kamen mir nicht anders vor, als die Taubenhäuser, wo alle Augenblick Tauben ab, und andere mit großem Geräusche wieder zustiegen, so daß, wenn man gleich gern andächtig seyn wollte, man doch unmöglich kann, weil die Sinne fast alle Augenblick durch neue Vorwürfe zerstreuet werden.

§ 94. Zur selben Zeit entstanden die bekannten Streitigkeiten wegen der Wolffianischen Philosophie in Jena, die damals nur von dem einzigen Magister Köhler, meinem Speciell-Landsmann daselbst vorgetragen. In Halle aber von der feindseligen Andacht des D. Langen dergestalt blamiret und verfolget wurde, daß auch der Hr. Professor Wolff darüber aus Halle weichen mußte. Timebant enim (damit ich mich bey der Gelegenheit der Worte Philonis bediene in seinem Buche quod Deus sit immortalis p.m. 247 Opp. D.r. (s. Theologie Halenses (?)) suis dogmatibus, ne subvertantur confundanturque et ideo bellum internocinum minabantur

Hätten diese biß in den vierdten Himmel verzuckten Leute diese neue Philosophie mit den Augen des Hrn. Crousaz ansehen können,[42] der in seinem Examen de l'Essay de Mr. Pope sur l'Homme (Besage der früh aufgelesenen Früchte in den U.N. von 1740 p. 251) von diesen unvermutheten Weltweisen schreibet: Ils ont adopté le Systeme le plus extravagant, qui fut jamais, et toutes les reveries d'Homére et tous les contes de Fées n'en approchissent pas: so würden sie nicht nöthig gehabt haben, den guten Hrn. Wolff deswegen aus Halle zu verweisen. Es ist aber des Aberglaubens Art, alles was nicht seine Mine macht, gleich vor gefährlich und Atheistisch auszuschreyen, und der Hr. Wolff, der von Ewigkeit darzu prästabiliret war, daß Er als ein Atheist aus Halle relegiret werden sollte, konnte sich über diese unvermeidliche Nothwendigkeit leicht zufrieden geben.

§ 95. Mich betreffend, so läugne ich nicht, daß ich damals mehr wegen des Ansehens meines geliebten Buddei, als aus eigener Ueberzeugung diese neue Philosophi verwarf. Allein ich wurde doch bald genöthiget, mich etwas näher mit derselbigen bekannt zu machen. Denn ich gerieth in einen Disput mit dem Hrn. Heimburg, einem eifrigen Wolffianer, und nachmaligen Doctore und Professore Juris in Jena, der mir nicht zugeben wollte, daß die Seele den Körper bewegte. Ich muste mich daher nothwendig nach den Gründen umsehen, die Hr. Wolff zu Behauptung seiner vorherbestimmten Zusammenstimmung angebracht. Allein je mehr ich welche suchte, je weniger fand ich, vielmehr sah mir die neu zu errichtende Welt dieser Leute so wunderlich und seltsam aus, daß ich mich gern in eine bessere gewünscht hätte.

Aufs wenigste wäre mirs eine Freude gewesen, das unförmliche derselben in einer eigenen Dissertation zu zeigen, wenn meine Mittel hätten zureichen wollen einen solchen Actum Academicum aufzuführen. Doch ich war damals zu sehr im Affect und würde eher das unförmliche an mir selbst haben sehen lassen, als daß ichs an andern, wie sichs gehöret, würde haben zeigen können.

§ 96. Damit ich aber doch nicht ganz und gar ungezankt von Jena wieder wegziehen möchte, so muste sichs fügen, daß mich meine Curländischen guten Freunde dem Hrn. M. Jantzen, einem Dantziger von Geburth zum Respondenten vorschlugen, als er sich habilitiren wollte. Ich disputirte also zweymal unter seinem Präsidio de paschate Christi, σταυρώσιμω, und erwarb mir den Beifall meines Auditorii und der Herr Professorum. Ich merkte aber, daß diese Art von Uebungen mir noch mehr Dünkel beibringen wollte, als ich bereits hatte. Denn es kitzelte mich bis in die Fußsohlen, als mir der Decanus, um den Präsidem selber reden zu hören, mit aller[43] Höflichkeit zu verstehen gab, meinen Discours mit den Opponenten ein wenig aufzuhalten.

Wie dieses eine Ehre war, die Zeit meiner Anwesenheit (so viel mir bekannt) keinem Respondenten widerfahren war, der sich bei Inaugural-Disputationen neuer Magister hatte brauchen lassen, indem die meisten aus dem Tacito antworteten, und mit Jähnen, Räuspern und Katzenbuckel machen aufs beweglichste zu verstehen gaben, daß sich der Präses ihrer bald annehmen, und eine neue Sprachverwirrung verhindern möchte, also ist leicht zu erachten, wie sanft es mir müsse gethan haben, wenn ich mich so weit über den Dunst-Kreyß meiner Cameraden müssen erheben sehen.

§ 97. Ich disputirte mit mir selbst wachend und träumend, und machte so viel Syllogismos perfectos, imperfectos et cornutos, daß ich mich stark genug hielt in Begleitung aller dieser Ungeheuer, mit dem Teufel selber anzubinden. Ich erwarb mir durch mein Lateinisches Plaudermaul die Gunst eines andern Dantziger Magisters, der mich bei seiner nächst zu haltenden Inaugural-Disputation ebenfalls zum Respondenten ausersehen hatte. Allein ich wurde unvermuthet unpäßlich, ob ich durch einen geheimen Zug die zunehmende tödtliche Krankheit meiner lieben Mutter, und derselben nahe bevorstehendes Ende empfand, oder mir wirklich selbst was fehlte, kann ich nicht eigentlich sagen. Genug ich befand mich nicht wohl, und sahe mich genöthigt, weil ich noch ziemlich bei Kräften war, eine Reise nach Eisenach zu meinen Eltern zu thun, und mich ihres guten Raths zu bedienen.

98. Ich trat also diese Reise mit meinem Bruder zu Fuße an, und diese Bewegung bekam mir so wohl, daß, ehe ich Eisenach noch erreichte, ich mich völlig wieder wohl befand. In Gotha, durch welchen Ort wir musten, sprach mein Bruder beim H. Amts-Commissarius Krügelstein an, dessen Liebste mit meiner Mutter nahe verwandt war. Ich aber legte mich, nebst einem andern Reisegefährten in den Gasthof, indem ich meinen Freunden, die ich noch nicht kannte, und die ohnedem eine starke Familie hatten, keine Ungelegenheit machen wollte.

Es ließ mich aber ihre Höflichkeit und Gastfreyheit nicht im Gasthofe, sondern wie sie von meinem Bruder vernommen hatten, daß ich mit ihm kommen wäre, nöthigte mich ihre Liebe, bey Ihnen Quartier zu nehmen. Wir wurden über die Maassen wohl bewirthet, und es gefiel mir die Einigkeit und Verträglichkeit dieses werthen Hauses, die ich besonders unter Geschwistern noch nirgend so gefunden[44] hatte, so wohl, daß ich gerne länger da geblieben wäre, wenn es der Wohlstand hätte leiden wollen.

§ 99. Die Liebe mischte sich zwar hier mit ein. Denn ich merkte, daß mich die Aelteste meiner Muhmen sehr wohl leiden mochte, und sie war mir auch nicht gleichgültig, welches ich daran merkte, daß mir ein ander schönes Frauenzimmer, in deren Gesellschaft man uns, Zeit unserer Anwesenheit öfters führete, keine solche Regungen verursachte, als wie ich gegen sie empfand. Ich läugne nicht, daß wenn ich damals im Stande gewesen wäre, der Liebe auf eine honette Art Plaz zu geben, ich etwas vertraulicher mit Ihr gesprochen haben würde; So aber muste die Liebe der Vernunft dißmal weichen, und unser Umgang blieb in den Schranken der Höflichkeit und zugelassener Ergözlichkeiten. Man zeigte uns alles Sehenswürdige in Gotha und suchte uns auf alle ersinnliche Art zu divertiren, und ich kann sagen, daß mich dieser angenehme Ort recht sehr vergnügt. Endlich aber erforderte es der Wohlstand unsern Abschied zu nehmen, der mich in Ansehung meiner geliebten Muhme, etwas hart ankam. Doch die Hoffnung sie bei meiner Rückreise wieder zu sehen, erleichterte meinen Verdruß, und wir verließen einander unter vielen Zärtlichkeiten.

§ 100. Wir gelangten also glücklich nach Eisenach, und wurden von unsern lieben Eltern mit voller Liebe empfangen, obschon meine werthe Mutter, die den Tod in einer 12jährigen auszehrenden Krankheit schon am Halse trug, sich stärker machte, als es ihre Kräfte verstatteten, und damahls war es auch, daß ich sie zum leztenmale sah. Sie hätte herzlich gern gesehen, daß ich mich damals in Eisenach mit einer Predigt hätte hören lassen. Allein weil ich mich in dieserley Uebungen noch gar nicht probiret hatte, so mochte ich auch vor meinen Eltern, da ich meine Kräfte noch nicht kannte, keine ungewisse Probe machen, sondern begab mich, nach einem ungefähr 14 tägigen Aufenthalt wider nach Jena, und bekam bald darauf die traurige Botschaft von dem Absterben meiner lieben Mutter, welcher ich auch in meinem und meiner Brüder Namen meine letzten Thränen in einem Leichen-Gedichte opferte.

§ 101. Ehe mich diese Betrübniß betraf, gefiel es der liebreichen Führung meines Schöpfers, mich bey meiner Rückreise von Eisenach in Gotha aufs neue an meiner geliebten zu vergnügen. Wir schienen einander beyderseits mehr sagen zu wollen, als wir uns das erstemal getrauet, und weil auf den künftigen Donnerstag eben das Frohnleichnamsfest in Erfurt sollte gefeyert werden, so wurde beschlossen dahin zu fahren, und uns unterwegs auf einem gewissen Dorf zu divertiren. Die Compagnie bestund aus 8 Persohnen, worunter noch[45] 2 von meinen Verwandtinnen waren, deren eine aber mich hinderte, daß ich meiner geliebten nicht näher kommen durfte, als es der Wohlstand lidte.

Niemals habe ich mehr Schmerzen empfunden, als dieselbige Nacht, da ich in Gesellschaft der ganzen Compagnie auf der Streu, zwar meiner Muhme an die Seite zu liegen kam, aber geschehen lassen muste, daß sich obbemeldete Verwandtinn gleich auf die andere Seite neben sie legte, und eine so wachtsame Schildtwacht agirte, daß wir einander fast gar keine Caressen erzeigen kunten. In dieser Positur dünkte mir die kurze Nacht doch eine Ewigkeit, und ich war froh, daß es Tag wurde um mich dem Orte meiner Quaal (denn Vergnügen hatte ich nicht genossen) mit guter Manier entreißen zu können.

§ 102. So bald die übrige Gesellschaft munter war, ging die Reise, nach einem kurzen Frühstück, nach Erfurt fort. Ich mußte aber, ob ich schon mit meiner geliebten in einer Kutsche saß, und ihres Bruders wegen, ihr alles hätte sagen können, was verliebte einander zu sagen pflegen, wegen der verdrießlichen Aufpasserin abermal an mich halten, welches mir mein gehofftes Vergnügen so versalzte, daß ich ganz unlustig wurde. Vielleicht gefiel es dem Himmel nicht, daß ich zu der Zeit wie meine liebe Mutter mit dem Tode rang, (wie ich hernach erfuhr) sinnliche Ergözlichkeiten genießen sollte. Denn auch in Erfurth wolte sich nichts zu meiner Zufriedenheit fügen.

Wir wurden nach angesehener Procession des Frohnleichnamsfestes von einem gewissen Catholischen Herrn magnific tractiret, und nach aufgehobener Tafel mit einem herrlichen Ball bewirthet. Allein auch dieser war mehr eine Marter als ein Vergnügen vor mich. Denn weil ich zur selben Zeit, aus Affectirter Heiligkeit noch nicht hatte tanzen lernen, so muste ich zu meinem grösten Verdruß, meine schöne Muhme aus einer Hand in die andere wandern, und ihr tausend Caressen machen sehen, die ich Wohlstands halber nicht verhindern kunte, und ob sie gleich, so oft sie ausruhte, ihren Sitz neben mir nahm, und mir durch ihre Freundlichkeit sattsam zu verstehen gab, daß sie Theil an meinem Mißvergnügen nähme, so waren doch der Aufmerker so viel, daß wir nichts rechts mit einander sprechen kunten. Mit kurzen, der Ball endigte sich gegen Morgen, wir nahmen zärtlichen Abschied von einander, unsere Liebe begleitete uns, und ich kam unter allerhand Gedanken wieder nach Jena.

§ 103. Der Tod meiner lieben Mutter, dessen Folgen mir, sobald ich ihn erfuhr, einen ganz andern Eindruck in meinem Gemüthe machten, als der mißgünstige Anfang meiner Liebe, deren Genuß ich[46] ohnedem nach meinen Umständen, in langer Zeit noch nicht hoffen durfte, begunte nach und nach der Vernunft wieder Raum zu machen, und mir zu erkennen zu geben, daß ich in diesem Punct noch nichts versäumet, wenn ich gleich noch etliche Jahr darnach warten muste. Sie wurde auch endlich, nach mancherley Einwendungen der Phantasie, gehöret, und ich fing nach gerade an, auf meinen Abschied aus Jena bedacht zu seyn.

Es hätte aber mein lieber Vater sehr gerne gesehen, daß ich erst Magister worden wäre, und ich selber hatte auch eben keine Abneigung davor, deswegen blieb ich noch eine ziemliche Zeit in Jena, und suchte mich nunmehro haubtsäglich zu probiren, wie mir das Predigen gerathen würde. Unser Lebens-Beschreiber meldet davon Folgendes:

Fußnoten

1 Wir brauchen wohl zu diesem leichtsinnigen Raisonnement nichts hinzuzufügen, geben übrigens gern zu, daß die damalige Lehrmethode einen Theil der Schuld trägt.


Quelle:
Edelmann, Johann Christian: Selbstbiographie. Berlin 1849 (Faksimile-Nachdruck Stuttgart, Bad Cannstatt 1976), S. 47.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Selbstbiographie
Joh. Chr. Edelmann's Selbstbiographie Geschrieben 1752: Herausg. Von C. R. W. Klose (German Edition)
Selbstbiographie: Geschrieben 1752 (German Edition)

Buchempfehlung

Brachvogel, Albert Emil

Narziß. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Narziß. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Albert Brachvogel zeichnet in seinem Trauerspiel den Weg des schönen Sohnes des Flussgottes nach, der von beiden Geschlechtern umworben und begehrt wird, doch in seiner Selbstliebe allein seinem Spiegelbild verfällt.

68 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon