V.

Edelmann will daselbst (nämlich in Jena) promoviren.

[47] § 104. »Edelmann übte sich zugleich in geistlichen Reden, hatte auch Lust, den Gradum Magistri anzunehmen, und in Jena Collegia zu lesen, anbey sich durch Bücherschreiben der gelehrten Welt bekannt zu machen. Allein seine Frau Mutter konnte Ihm mit den dazu gehörigen Geldern nicht dienen, daher er des Studenten-Lebens satt wurde.«

§ 105. Meine geehrtesten Leser werden bereits vernommen haben, daß meine liebe Mutter um diese Zeit schon todt gewesen, mithin ist freylich war, daß sie mir mit denen, zur Magister-Promotion gehörigen Geldern nicht hat dienen können; Was aber das Predigen anbelangt, so hat es seine Richtigkeit, daß ich mich, nach dem Tode meiner Mutter, in selbigen zu üben angefangen, und zwar geschahe solches, in denen um Jena herumgelegenen Dörfern.

Die erste Probe wurde mir etwas sauer gemacht, denn ich muste an einem Sonntage in drey Dörfern nach einander predigen, und alle Ministerialia verrichten, nämlich in Göschwitz, als dem einen Filial von Burgau, die Frühpredigt, in Burgau selbst, als der Matre, die Amtspredigt, und in Ammerbach, als dem 2ten Filial, die Nachmittagspredigt.

106. Ich gestehe, daß ich diesen Antrag gern von mir abgelehnt hätte, weil ich noch nicht wuste, wie viel ich mich auf meine Beredtsamkeit zu verlassen hatte, und ganz gewiß nimmermehr eine Canzel wieder bestiegen haben würde, wenn es mir das erste mal hätte mislingen[47] sollen. Allein der Ehrgeiz, und daß ich, als ein alter Academicus, von demjenigen, der mir den Antrag that, schon vor einen geübten Prediger angesehen wurde, ließen mirs nicht zu, und ich verrichtete unter göttlichem Beistand, alle drey Predigten mit völliger Zufriedenheit meiner Zuhörer, Mitgesellen und des Pfarrers.

Ich freuete mich darüber recht sehr; und erkannte in Demuth vor Gott, daß mir mehr verliehen war, als ich mir selbst zugetrauet. Ich suchte also diese Gabe weiter zu nuzen und predigte nach diesen noch verschiedene mal auf den umliegenden Dörfern, mit gleichmäßigen guten Erfolg und Fertigkeit.

§ 107. Ich wurde aber bey dieser Gelegenheit gewahr, daß ich die Gabe ex tempore oder aus dem Stegreif von wichtigen Materien zu plaudern (welche viele meines gleichen, die kaum ein halbes Jahr auf der Universität zugebracht, in großen Maaß besaßen) nicht hatte. Denn ich muste meine Predigten, weil ich lauter ausgesuchte und wohlgedrechselte Gedanken und Worte zu Markte bringen wollte, alle von Wort zu Wort aufschreiben, und wenn ich kein so glückliches Gedächtniß gehabt hätte, würde mirs mannigmal übel ergangen seyn.

Dieser Umstand gab mir nach gerade zu erkennen, daß ich mich zu einem Prediger, wo es vielmal was zu reden giebet, ohne daß man Zeit hat darauf zu studiren, eben nicht gar zu gut schicken würde, und aus eben diesem Grunde sah ich auch, daß ich, als Magister, auf dem Catheder, eine schlechte Parade machen würde, wenn ich nicht die zu haltenden Collegia erst auswendig lernen wollte, welches mich dann gar zu sehr würde abgemattet, und die Gabe der Extemporal-Beredtsamkeit doch nicht erzwungen haben.

§ 108. Wahr ist sonst, daß wann ich Zeit hatte, eine Materie mit Bedacht auszuarbeiten, ich ziemlichermassen zur Wohlredenheit inclinirte, wie mir dann dieß Zeugniß nach der Hand, der Magister Janicke, Archidiaconus in Freyberg willig ertheilte, als ich in dortigen Dom einmal predigen muste. Wäre aber mein Gedächtniß nicht so fähig, und meine Stellung samt der Sprache nicht so freymüthig und unerschrocken gewesen; so würde ich mir dieses Lob nicht haben erwerben können. Genug ich sahe, daß mir das Mundwerk, das zu einem Prediger oder Professor erfordert wird, fehlete, und ob man mir schon sagte, daß sich das alles schon finden würde, wenn ich in eine rechte Uebung käme, so hat sich doch diese Fähigkeit, da ich bei meiner Wiederkunft aus Oesterreich zu predigen genug bekam, nie bey mir finden wollen.

§ 109. Inzwischen blieb ich doch bey der Theologie, ob ich schon von nun an, an nichts weniger gedachte, als Magister zu werden,[48] Collegia zu lesen, und Bücher zu schreiben, wenn gleich meine liebe Mutter noch gelebt, und die dazu benöthigten Gelder angeschafft hätte.

Es muste mir also das Studenten-Leben nothwendig endlich verdrüßlich werden, und ich bekam Lust, mich in der Welt ein wenig umzusehen. Weil aber meine Mittel dieser Absicht nicht die Hand bieten wolten, so suchte ich mich in auswärtige Dienste als Hofmeister anzubringen, wozu ich auch verschiedene Vorschläge, insonderheit nach Liefland hatte, die aber alle nicht zur Wirklichkeit kamen, theils weil sie mir nicht anstunden, theils weil mir mein Vater, der noch immer gern einen Pfarrer aus mir gemacht hätte, Hofnung machte, mir in das Eisenachische Seminarium zu verhelfen, nach welcher Veränderung ich nolens volens ein Pfarr hätte werden müssen.

§ 110. Ehe ich aber diesen Umstand meines Lebens weiter verfolge, muß ich einen Blick auf den Text und die Anmerkungen meines dermaligen Lebensbeschreibers thun. Er beruft sich p. 7 in der Nota F. auf eine eigene Handschrift von mir, die in den hamburgischen Nachrichten von 1746 Nr. 90 stehen und beweisen soll, was er in dem Text seiner Schrift angebracht.

Ich habe erstlich diese Nachrichten nicht bei der Hand1, um die Richtigkeit des Beweises unsers Schriftstellers zu untersuchen, zum andern aber ist mir von einer solchen, in Hamburg sich befinden sollenden eigenen Handschrift von mir, ganz und gar nichts bewust. Weil nun diese vermeinte Handschrift in dem Verfolg der Erzählung meines Lebens-Beschreibers zu mehrenmalen aufgeführt wird, und zwar bei Umständen, von denen ich sicher weiß, daß ich, wenigstens nach Hamburg, nie etwas geschrieben, so bitte meine Leser, daß sie sich an dergleichen ungegründete Beweise nicht kehren wollen.

§ 111. Es kann sich ein jeder Schmierer auf meine eigene Handschrift berufen, und ich wäre gar nicht der erste, dem etwas dergleichen nach Art der ehemaligen gottseligen Betrügereien der Herrn Schriftgelehrten unterschoben würde. Hat man doch ganz neue Exempel von diesem unrühmlichen Fleiße, nach welchem man berühmten Männern, wohl noch bei ihren Lebzeiten ganze Bücher unterschoben, die nie aus ihrer Feder geflossen. Es begegnete das unter vielen andern, dem erfahrenen Bechero, wie solches der Hr. Friedrich Rothscholtz in nova praefat. praemissa opusculis Chymicis rarioribus Becheri p. 37 sqq. bemerkt, und der Hr. Friedrich Ernst Neubauer zeiget eben dergleichen von dem Hrn. D. Rambach, dem man[49] ebenfalls 2 Bücher, nemlich das Christliche und Biblische Exempel-Büchlein, ingleichen die geistreichen und erbaulichen Predigten über die acht Seeligkeiten unterschoben. Siehe jetztgedachten Hrn. Neubauer in der Vorrede über D. Rambachs Erklährung der Epistel an die Hebräer, besage der Neuwider Zeitung von 1742 den 81sten Auszug p. 1266.

Was in meinem Lebenslaufe wahr ist, das begehre ich auf keine Weise zu läugnen, wenn es mir gleich nicht allemal zum Ruhme gereicht. Denn ich will keinen Lobredner, sondern einen Geschichtschreiber agiren, der die Sachen ohne Zugabe und Abnahme erzehlet, wie sie sich nach der Wahrheit zugetragen, daher suche ich die Begebenheiten meines Lebens so wenig zu verschönern, daß wenn ein anderer an meiner Stelle die Feder führen sollte, die Erzehlung davon wohl in vielen Stücken günstiger ausfallen würde.

§ 112. Ich sehe nicht was michs helfen sollte, wenn ich mir in diesem Stücke schmeicheln wollte. Denn ich müste ja gewärtig seyn, daß man mich, bei dem noch fortdaurenden Leben, unzehliger Mißgünstigen, die mich kennen, und vieles von meinen Umständen wissen, öffentlich zum Lügner machte. Ich kann also vor dieser Beschimpfung nicht gesicherter seyn, als wenn ich die nackete Wahrheit vorstelle. Diese mag hernach von meinen Neidern verstellet und mißgehandelt werden, wie will, so wird mir doch genug seyn, wenn sie nur vor meinem Gewissen Wahrheit ist.

Diesem nach wende ich mich also zur weiteren Betrachtung des Textes unsers dermaligen Lebens-Beschreibers, welcher in seiner Folge also lautet.

Fußnoten

1 Ich habe nachgesehen und nichts in denselben gefunden.


Quelle:
Edelmann, Johann Christian: Selbstbiographie. Berlin 1849 (Faksimile-Nachdruck Stuttgart, Bad Cannstatt 1976), S. 50.
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