Manna

Manna.
Manna.

[693] Manna.

Manna, frantzösisch, Manne, teutsch, Manna, ist ein Succus concretus, ein zusammen gelauffener und geronnener Saft, der viel von des Zuckers oder des Honigs Natur an sich hat, zergehet oder zerschmiltzt gantz leichtlich in dem Wasser, schmeckt süsse, als wie Honig und hat einen schwachen, eckelen Geruch. Er rinnet wie die andern gummata, entweder von sich selbsten, aus den Stämmen, den stärcksten Aesten und den Blättern, der wilden und der mit Fleiß gezogenen Eschenbäume, welche in häuffiger Menge in Calabria und in Sicilien, insonderheit um Gallipoli, um dem Berge S. Angelo und [693] Atolfe zu wachsen pflegen; oder auch aus den darein gemachten Rissen.

Die schönst- und reinste Manna tringet von ihr selbst heraus, im Monat Junius und Julius, wann die Sonne in ihrer grösten Kraft wircket. Zu Anfang scheinet sie, so hell als wie crystallene Tropfen, welche grösser oder kleiner sind, nachdem sie hier und dort ist aus dem Baum getrungen: allein in einem Tage wird sie von der Hitze trocken und gantz weiß, wann es denselben Tag nur nicht geregnet hat; dann von dem Regen schmeltzet sie und geht zu schanden. Sie wird mit kleinen Messern von dem Baume abgenommen, sobald sie nur geronnen ist, und sie lassen sie noch ferner an der Sonne trocken werden, damit sie desto weisser werde, und sich um soviel besser führen lasse.

Die andere Manna kommt eben aus denselben Bäumen, im August und im September, wann sich die Hitze der Sonne beginnet zu vermindern. Sie reissen die Rinde der Eschenbäume auf, so rinnet der Saft heraus und läufft zusammen, wie der erste: er lauffet zwar in grössrer Menge heraus, ist aber weit gelber und nicht also rein: darauf wird er vom Baume abgenommen und an der Sonne getreuget. Wann es regnicht oder sonst feucht Wetter ist, so bekommen sie sehr wenig Manna von den Bäumen, dann er ist zerflossen und von dem Regen abgewaschen worden: daher ist auch die Manna zu einer Zeit viel theurer, als wie zu der andern. Schön trocken Wetter muß es seyn, wann sie gesammlet werden soll.

Pomet unterscheidet die Manna in drey Sorten: die erste kommt vom Berg S. Angelo und ist insgemein ein wenig schmierig, jedoch nicht ohne Ursach für die beste zu erachten.

Die andere ist die Sicilianische Manna, welche gemeiniglich weiß und trocken ist, doch aber voll Maronen oder Feigen.

Die dritte ist die Manna von Atolfe und die geringste. Sie ist trocken, weiß und matt, auch oftmahl sehr viel klein Zeug drunter.

Die Manna ist zu erwehlen, wann sie recht frisch ist, in grossen oder kleinen, rein und trocknen, leichten Tropfen oder Körnern, welche inwendig hol und voll Syrup, auch als wie crystallisiret sind, weiß sehen und süsse schmecken. Doch darum darff man eben nicht stracks die wegwerffen, welche so gar schön nicht ist, dann sie verliehret unterweilen etwas von ihrer Schönheit, entweder wann sie zu dörre wird, oder wann sie in die Kästen zu harte auf einander gedrucket, oder wann sie verführet, oder gar zu alt wird. Sie ist gut genug, wann sie nur sattsam trocken, weiß und sauber ist, wann nichts nicht drunter ist gemenget worden, wann sie ein wenig fetticht oder schmierig ist, wann sie zwar süsse schmeckt, doch etwas ecket. Sie führet viel Oel und phlegma, saures Saltz und etwas wenig Erde.

[694] Aus Calabrien bringen sie uns eine Gattung Manna wie schöne lange Stöcklein, die sind so dicke, wie ein Finger, leicht und sehen weiß, doch oftermahls in etwas röthlicht. Die Gestalt und Schönheit, die Reinlichkeit und Zurichtung dieser Stöcklein, welche sie bekommen haben, sind Ursach, daß man zweiffeln will, ob diese Manna auch natürlich sey. Wie dann ihrer viel vermeinen, daß sie von den Calabriern verfälschet und auf diese Weise zugerichtet worden, damit sie besser zu verkauffen möge seyn. Doch steht noch eher zu vermuthen, daß sie natürlich sey; indem ihr Wesen und Substantz, ihr Geschmack, Geruch, principia, und woraus sie bestehet, zusamt ihrer purgirenden Kraft und Wirckung derjenigen Manna ihren durchaus gleich und ähnlich sich befinden, welche wie kleine Tropfen ist, und die man siehet aus dem Baume tringen, die auch, gleich wie man weiß, natürlich ist. Es verursachet aber, daß diese schöne Manna, als wie kleine Stöcklein wird, daß die Landleute in die Risse, die sie in die Stämme und die stärcksten Aeste der Eschenbäume machen, Strohhalmen oder etwas lange Höltzlein stossen, damit die annoch flüßige Manna auf dem Strohe und Holtze herab rinnen möge, zusammen lauffe, und die Gestalt bekomme, wie wir sie zu sehen kriegen. Hernach ziehen sie die Hälmlein und Stöcklein wiederum gantz sanfte heraus, und lassen ihre Manna in solcher Forme treuge werden.

Jedannoch weiset die Erfahrung, wie die so schöne, reine und crystallisirte Manna, sie mag aussehen, wie sie will, bey weitem nicht so gut purgiret, als wie, die etwas schmierig ist. Die Ursache daran ist, wann selbige so gar sehr rein, so geht sie gar zu schnelle durch den Leib, und hat nicht rechte Zeit zu ihrer Wirckung, kan auch die Feuchtigkeiten nicht sowol auflösen, wie die schmierige, als welche etwas schleimig ist, und dessentwegen sich ein wenig länger im Gedärm aufhält.

Wann die Manna gar zu lange lieget, verliehret sie gar viel von ihrer Schönheit, iedoch wird ihre Kraft darum nichts nicht gemindert. Viel stehen in der Meinung, ie alter die Manna sey, ie mehr purgire sie; welches ich aber nicht verspüret habe. Allein die braune Manna, oder die braunrothe, die schmutzig ist, voll Honig oder gar zu weich, dergleichen sich gar oft bey den Würtzkrumern findet, und guten Kauffes ist, die soll man nicht gebrauchen; dann es mögen leichtlich ein und andre schädliche Dinge drunter seyn gemischet worden, oder aber solche Sachen, dadurch der Manna Kraft verringert wird.

Die Manna führet den Schleim und die gallhaften Feuchtigkeiten linde aus, und wird zu Hauptkranckheiten gern gebrauchet: auf einmahl werden ein Paar Quintlein bis auf ein Paar Untzen eingegeben.

Das Wort Manna kommt vom ebräischen Man, das bedeutet eine Art Brod, oder sonsten etwas, das sich essen läst: dann in verwichenen Zeiten hat man geglaubet, unsere Manna sey der Thau aus der Luft, der in Calabrien auf den Kräutern und Gewächsen zusammen gelauffen und geronnen, und derjenigen gleich, welche GOtt der HErr, in der Wüsten, auf die Kinder Israel, zu ihrer Nahrung fallen liesse.

Gegen Brianson zu, und fast durchs gantze Delphinat,[695] findet sich auf den Bäumen und auf den Stauden, eine Gattung Manna, die ist so rund, wie Coriandersamen, weiß und trocken. Unterweilen, iedoch gar sehr selten, wird ihrer nach Paris gebracht, und wird Manne de Briançon genennet: sie purgiret gar wenig.

In Persien wächst auch eine purgirende Manna, der von Brianson nicht ungleich, auf einem stachlichten Gewächse, welches vier oder fünff Schuh hoch ist, und von den Arabern Agul oder Alhagi genennet wird. Rauvvolffius gedencket ihrer. Wann diese Manna lange aufbehalten worden, wird sie wie ein brauner Teig: sie schmecket zuckersüsse, hinterläst aber einige wenige Schärffe.

Es wächst auch eine Gattung Manna auf einem Baume, der auf lateinisch, Acer, frantzösisch, Erable, und teutsch, Ahorn genennet wird.

Alle diese Sorten Manna entstehen aus einem Safte, der aus dem Gewächs schwitzet und an der Luft gerinnet.

Der jüdische Historienschreiber Josephus giebt an, das Wörtlein Man sey in ebräischer Sprache ein Fragewörtlein, und bedeutet soviel, als, was ist das? dieweil die Israeliten sich verwunderten, da sie sahen, wie das Manna, welches in demselben Lande Mane hiesse, fiele: es war so groß, wie Coriandersamen, und sie stunden anfangs in den Gedancken, es wäre Schnee, oder vielmehr Reiff.

Quelle:
Lemery, Nicholas: Vollständiges Materialien-Lexicon. Leipzig, 1721., Sp. 693-696.
Lizenz:
Faksimiles:
693 | 694 | 695 | 696
Kategorien:

Buchempfehlung

Gellert, Christian Fürchtegott

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die zärtlichen Schwestern. Ein Lustspiel in drei Aufzügen

Die beiden Schwestern Julchen und Lottchen werden umworben, die eine von dem reichen Damis, die andere liebt den armen Siegmund. Eine vorgetäuschte Erbschaft stellt die Beziehungen auf die Probe und zeigt, dass Edelmut und Wahrheit nicht mit Adel und Religion zu tun haben.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon