Alrunens Warnung an Deutschland

[56] Mein Deutschland! mercke wohl/ was ich dir mit Verdruß/

(Doch hats der Himmel so verhangen) melden muß?

Dein Herman hat zwar izt der Römer stoltze Pracht

Durch wohlerfochtnen Sieg zu unsern Füssen bracht/

Die Wölffin ist erlegt durch deinen kühnen Arm/

Der Affter-Gott August frist sich in Leyd und Harm/

Der frey-gemachte Rhein hebt nun sein Haubt empor/

Die Weser dringet sich der frechen Tyber vor:

Ach aber! daß dein Glück auch möchte feste stehn/

Und nicht manch rauher Sturm auff deine Scheitel gehn!

Dein Unfall spinnet sich aus deiner eignen Brust.

Daß du durch Einigkeit gesiegt/ ist dir bewust.

Die Zwietracht wetzet schon auff dich ihr gifftigs Schwerdt/

Und läst nicht eher ab biß dirs ins Hertze fährt.

Man neidet Hermans Mutt/ verkleinert seinen Ruhm/

Gibt für/ er achte dich sein dienstbars Eigenthum:

Es will jedweder Fürst bey dir ein König seyn/

Und fragt nicht/ ob dazu die Mittel treffen ein;

Drauff folget Neyd und Haß/ samt Zwietracht/ Mord und List

Biß du der Tummelplatz auch fremder Waffen bist.

Zwar wirst du auff einmahl zu Bodem nicht gelegt/

Weil sich dein Mutt noch offt in gröster Ohnmacht regt.

Es schleust dir Welschland nie so strenge Fässel an/

Daß sie nicht manchmahl noch dein Arm zubrechen kan/

Du dringest Käyser aus/ und setzest Käyser ein/

Doch must du fremder Macht Gehülff und Werckzeug seyn.

Die Beute/ die du hast erfochten/ ziehet Rom/

Die Wölffin nährt dein Blutt/ dein Schweiß den Tiberstrom/

Sie führt dich durch die Welt in Kriegen hin und her/

Macht dich an Ruhme reich/ an Volck und Tugend leer.

Ihr falsch-vermummter Sinn/ die Lüste fremder Welt/

Die uns noch unbekant und manches Reich gefällt/

Sind deiner Dienste Sold/ den man als eine Pest

Dein junges Volck mit sich zu Hause nehmen läst.

Indessen finden sich entlegne Völcker zu/

Die schmälern deine Gräntz und stören deine Ruh/[57]

Die Mannschafft ist zerstreut/ die Mannheit ist zu weich/

Die Einigkeit zutrennt: so fällt das deutsche Reich!

Ein Theil von deinem Volck erwehlt der Gallen Land/

Läst deutschen Mund und Sinn/ ein Theil sucht seinen Stand/

Mit fremder Art vermischt/ in Welschlands weicher Schoß/

Giebt seinem Feinde Rom zulezt den härtsten Stoß/

Der Uberrest bleibt hier/ prüfft mancherley Gefahr;

Mit kurtzem: Deutschland wird nicht wieder was es war/

Biß sich ein Grosser Carl zur Francken Krone schwingt/

Und den zertheilten Leib zusammen wieder bringt.

Der göldne Käyser-Stuhl bleibt dir von solcher Zeit:

Wo aber bleiben Fried? und Macht? und Einigkeit?

Dein eigen Eingeweyd ist deine liebste Kost:

Offt bistu allzufaul/ die Waffen frist der Rost/

Wenn Fremde sie/ auff dich zu schmeissen/ ziehen aus/

Offt bistu allzu gach und stürmst dein eigen Hauß.

Man streitet nicht um Ehr und Freyheit/ wie vorhin/

Der Deutsche dienet Freund und Fremden um Gewinn/

Die Nachbarn äffen dich/ dein Einfalt wird verlacht/

Dein treu- und redlich seyn giebt leider! gutte Nacht/

Dein junges Volck ersäufft in Pfützen geiler Lust/

Bedeckt an Eisen statt mit Golde seine Brust/

Will sonder Ungemach vollführen Krieg und Streit:

Diß ist der rechte Weg zu schwerer Dienstbarkeit.

Alrune hat mir diß/ als künfftig/ offenbahrt/

Und ich/ auff ihr Geheiß/ in diesem Stamm verwahrt.

Ach/ daß wenn diese Schrifft wird kommen an den Tag/

Sie für manch deutsches Hertz ein Wecker werden mag!

Wacht/ Helden-Kinder/ auff/ scheut Müh und Arbeit nicht;

Bedörnert ist der Weg/ auff dem man Rosen bricht.

Was nüzt euch/ wenn ihr faul/ der Ahnen lange Zahl?

Sie haben ihren Ruhm geprägt in harten Stahl/

Drum daurt er heute noch; wolt ihr euch schreiben ein

In Sand und Mos/ so wird eur bald vergessen seyn.

Was ist es/ daß ihr dann mit vielem Schmucke prahlt?

Sie haben ihren Schild mit eigner Faust gemahlt.

Das unverzagte Roth/ das unbefleckte Weiß/

Das tren beständge Schwartz behielt den besten Preiß.[58]

Folgt ihren Tritten nach/ verlangt ihr ihren Ruhm/

Sonst ist kein deutsches Blutt eur wahres Eigenthum!


Quelle:
Hans Aßmann von Abschatz: Poetische Übersetzungen und Gedichte. Bern 1970, 4, S. 56-59.
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