6. Scene.

[66] Vorige. Jacobe. Dietrich. Gräfin. Knechte mit Fackeln.


Gleichzeitig in fliegender Eile.

JACOBE. Heiland der Welt – sie und der Mörder in einem Zimmer –

DIETRICH. Gotts Tod, Jacobe hatte recht gesehen – er ist bei ihr!

GRÄFIN ihm in den Arm fallend. Dietrich, um des Erlösers willen, schone sie, schone dein Kind!

MÜNZER. Der Graf!

GERLIND. Gott sei Dank, der Dunst schlägt sich nieder, die Luft wird klar – den Augenblick hab' ich erwartet – Zu Münzer. Fort, ich beschwöre[66] dich, du kennst ihn nicht, bei allen Heiligen, fort, denke jetzt nur an dich und an deine Sache –

MÜNZER. Dich jetzt verlassen, in dieser Lage, wofür hältst du mich? – Graf – ich bin zu Allem bereit –

DIETRICH bemüht, sich von der Gräfin loszumachen, die ihn umklammert hat. Laß mich los, beim Satan, laß mich los; ich zertrete den Hundesohn –

GRÄFIN. Ruhe – Dietrich, Ruhe! – Gerlind, fliehe doch –

GERLIND. Thomas, ich beschwöre dich, geh', du kannst mir hier gar nichts helfen, versuche zu entkommen, – ich weiß allein, was ich meinem Vater zu sagen habe; – du hast höhere Pflichten, als dich hier in diesem Augenblicke zerreißen zu lassen –

MÜNZER. Keine höheren, als dich zu schützen –

GERLIND. Du sollst es noch später, er wird mich nicht tödten, – geh', soll Alles, was wir soeben geplant, für immer verloren sein – Thomas, dich ruft dein Volk, ich verlange, daß du gehst – für mich ist hier keine Gefahr – ich kenne meinen Vater –

MÜNZER. Du verlangst es? Graf Dietrich, feierlich nenne ich hier vor euch Gerlind meine Braut, und euer Kopf bürgt mir dafür, daß ihr kein Härchen auf dem ihren krümmt. Ihr sollt bald von mir hören. Gerlind – dir ewig treu! Küßt sie, und rasch ab durch das Fenster.

GERLIND. Gott schütze dich!

DIETRICH. Laß mich los! Schleudert die Gräfin zurück. Den Tod, den Tod – er muß sterben! Entreißt einem der Knechte die Büchse, feuert sie ab, Münzer nach – die Frauen schreien auf und sinken in die Kniee.

GERLIND mit gefaltenen Händen. Gott schütze ihn!

DIETRICH. Laßt alle Rüden los, durchsucht den[67] ganzen Berg mit Fackeln, bringt ihn mir lebendig oder todt, haben will ich ihn! Fort! Ein Theil der Knechte ab.

DIETRICH. Dirne, nieder auf die Kniee, beichte!

GRÄFIN. Gnade für mein armes, unschuldiges Kind!

GERLIND. Was soll ich beichten? Ich liebe ihn, ich bin seine Braut, ich werde nie einen andern lieben, ich werde ihm folgen, wohin es sei, all' mein Denken ist nur bei ihm ... ich hätte euch alles gesagt, auch wenn ihr uns nicht überrascht hättet. Nun, also schnell, was willst du mir heut' thun? Verstoße mich, jage mich aus dem Hause, ich flehe dich darum an, ich wünsche nichts sehnlicheres, ich weiß, es giebt keinen Vertrag zwischen uns –

DIETRICH. Freche Dirne, willst du mich verspotten? Nicht wahr, ich soll dir noch die Thür öffnen, damit du dich ihm an den Hals werfen kannst? Nein, du freches, niederträchtiges Geschöpf, verhöhnen laß ich mich noch nicht! Zur Gräfin. Weib, sage mir, wessen Tochter ist das? Die meine nicht, mein Fleisch, mein Blut ist das nicht. Weggeworfen hat sich nie ein Glied aus dem Stamme der Farnrode, nie sich erniedrigt. Weib, mit welchem Buben hast du mich betrogen?

GRÄFIN. Dietrich, so sei Gott mir gnädig in meiner letzten Stunde, wenn jemals auch nur ein Gedanke von mir dir die schuldige Treue gebrochen! Gerlind, sprich, wie hat er's angefangen, durch welchen Höllenzauber –

DIETRICH. Was? Diese wäre meine Tochter, und ich hätte mir solch ein niederträchtiges, undankbares, verworfenes Geschöpf aufgezogen? Nun, so will ich diesen faulen Zweig mit scharfem Messer abschneiden, daß er mir nicht den ganzen Stamm schände –

FRAUEN schreien auf.[68]

GRÄFIN. Gnade, sie ist dein Kind!

DIETRICH. Wer sich zum Bauern hält, ist mein Kind nicht!

EIN KNECHT. Herr Graf, der ganze Burgberg ist durchsucht, doch vom Münzer fand sich keine Spur, – es ist unmöglich, daß er sich versteckt hält – er kann nur durch die Luft gefahren sein.

GERLIND mit einem Blick nach oben. Ich danke dir, er ist gerettet –

JACOBE. Ein Schwarzkünstler! es ist vielleicht der Hexenmeister, der Doctor Faust –

DIETRICH. Halt's Maul, Alte! – Schickt hinunter in's Thal, nach dem Ritter Helldrungen. Ein Knecht ab. Du holst den Pfarrer! Die Burgkapelle in Stand gesetzt! Anderer Knecht ab. Ich will es dir versauern, dir ohne die Eltern den Bräutigam zu wählen. Auf der Stelle wirst du mit Helldrungen vor den Altar treten.

GERLIND. Um ihn in der Brautnacht zu erdrosseln!

DIETRICH lacht auf. Die zarten Händchen wird man schon noch zu halten wissen! – Stricke her!

GRÄFIN. Dietrich, was willst du thun?

DIETRICH. Das unartige Schulmädchen eine Weile zur Strafe im Burgkeller stehen lassen, bis sie sich besser besonnen! Zu den Knechten. Bindet sie.

GRÄFIN. Dietrich, dein eigen Kind an den schrecklichen Ort –

GERLIND zu den Knechten. Wege Keiner, Hand an mich zu legen, ich bin eine freie deutsche Grafentochter, ich stehe im Schutz des Kaisers –

KNECHT kommt zurück. Den Ritter Helldrungen traf ich vor der Burg.


Quelle:
Conrad Alberti: Brot! Leipzig 1888, S. 66-69.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Prévost d'Exiles, Antoine-François

Manon Lescaut

Manon Lescaut

Der junge Chevalier des Grieux schlägt die vom Vater eingefädelte Karriere als Malteserritter aus und flüchtet mit Manon Lescaut, deren Eltern sie in ein Kloster verbannt hatten, kurzerhand nach Paris. Das junge Paar lebt von Luft und Liebe bis Manon Gefallen an einem anderen findet. Grieux kehrt reumütig in die Obhut seiner Eltern zurück und nimmt das Studium der Theologie auf. Bis er Manon wiedertrifft, ihr verzeiht, und erneut mit ihr durchbrennt. Geldsorgen und Manons Lebenswandel lassen Grieux zum Falschspieler werden, er wird verhaftet, Manon wieder untreu. Schließlich landen beide in Amerika und bauen sich ein neues Leben auf. Bis Manon... »Liebe! Liebe! wirst du es denn nie lernen, mit der Vernunft zusammenzugehen?« schüttelt der Polizist den Kopf, als er Grieux festnimmt und beschreibt damit das zentrale Motiv des berühmten Romans von Antoine François Prévost d'Exiles.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon