Dreizehntes Kapitel.

Der Fürst und der Geheimrath.

[142] Im kurfürstlichen Vorzimmer saß der Hauptmann der Leibwache. Obgleich er den Lehnstuhl an den hellprasselnden Kamin gerückt, hatte er doch sein Stahlkleid noch mit einem Wolfspelz umhüllt; es war ein kalter, stürmischer Spätabend, der Wind heulte in den Böden des Schlosses und fuhr durch die Schlotte herab. Die Spree dampfte; der Wohlgeruch, welcher von den Aepfelkähnen dann und wann herauf und durch die schlecht verschlossenen Fenster drang, schien ihn nicht zu erquicken. Er spielte ein gedankenloses Spiel mit seinem Dolche; wenn er dann und wann sichtlich gelangweilt aufsprang und an's Fenster trat, zählte er die Lichter drüben in den kleinen Häusern der winklichten Stadt, wie eines um das andere verlosch. Endlich waren alle verschwunden; nur auf der langen Brücke schweelte noch kümmerlich fort die kleine, röthliche Oellampe unter dem Muttergottesbilde.

Durch die geöffnete Thür sah man auf dem langen Corridor zwei Hellebardiere mit gemessenen Schritten auf und abgehen. Zuweilen zeigte sich auch ein Mann an der Schwelle, im kurfürstlichen Wappenrock, mit dem rothen Adler auf der Brust und in hohen Reiterstiefeln, als warte er auf etwas. Wenn der Ritter ihn sah, winkte er ihm mit der Hand: »Er schreibt noch.«

Durch die Nachtluft dröhnte jetzt ein Glockenschlag, dem drei andere folgten. Von Sanct Nicolas tönten darauf zehn volle Glockenschläge. Als der letzte verklungen, fing die Marienkirche an, vom Rathhaus antwortete es, und plötzlich summte und schwirrte es, ein lautes Glockenmeer in der Luft, von den Kirchen in Köln, dem Dom, Sanct Peter und den schwarzen[142] Brüdern, die sich nicht Zeit zu lassen schienen, eine die andere abzuwarten. Die entfernteren und kleineren Glocken von den grauen Brüdern, dem Hospital von Sanct Georg hallten auch nachklingend in der Ferne, als die Nachtwächter diesseits und jenseits der Spree schon in's Horn stießen und ihr:


Hört Ihr Herren und laßt Euch sagen:

Die Glock' hat Zehn geschlagen,

Bewahrt das Feuer und das Licht,

Damit der Stadt kein Schaden geschieht.

Lobet Gott den Herrn!


die Stille der Nacht für eine Weile unterbrach.

Auf dem Gange schallten Tritte. Die Hellebardiere schulterten, der Hoffourier, der sich wieder an der Schwelle gezeigt, trat ehrerbietig zurück, und ein vornehmer Herr in carmoisinem mit Gold gesticktem Wams und feiner Halskrause trat unangemeldet mit eiligem aber einem so sicheren Schritte ein, daß man sah, er war dieses Bodens gewohnt.

»Ha, Du hast die Wache!« rief er dem Officier zu. »Das ist gut.«

»Endlich, Wilkin!« antwortete der Hauptmann und hielt ihm die Hand entgegen. »Welcher Teufel hat Dich denn beim Kopf gehabt?«

»Erwartet mich seine Gnaden?«

»Fünf-, sechs Mal schickte er nach Dir. Wie's Kind nach der Muttermilch schnappt er nach Deinem Anblick. 'S ist grausam, daß Du Dich ihm so lange entzogst.«

Der Angekommene befühlte seine Halskrause, ob sie in Ordnung sei, strich die Federn auf seinem Hut und wollte mit einem stummen Gruß an dem wachthabenden Officier vorbei nach der Thür zu den inneren Gemächern, aber der Hauptmann hielt ihn zurück:

»Halt! Jetzt schreibt er. Vorhin zu spät und jetzt zu früh.«

Der Cavalier warf sich in den Lehnstuhl und schöpfte tief Athem. Dann wischte er den Schweiß von der Stirn: »Es ist mir ganz recht. Ich muß mich etwas erholen; ich lief zu sehr.«

»Nun sprich, wo stecktest Du? Du warst ja wie weggeblasen mit Deinem Rappen.«

»Du weißt, er hat zuweilen den Koller.«

»Du aber einen vortrefflichen Riecher, wo es eine Spur finden gilt. Als das Unwetter gestern losging und alle Hörner umsonst schmetterten und keine Antwort kam, war Jochem allen Ernstes besorgt, ein Nix, eine Elfe hätte Dich verlockt, und wir[143] würden Dich wiederfinden als kalten Mann in 'nem Sumpf oder an einem Seeufer.«

»Seit wann schickten Seine Gnaden nach mir? Ich meine, wann ist er nach Köln zurückgekehrt?«

»Gestern kehrten wir gar nicht zurück. Er suchte nach Dir, wie nach seinem Schoßhund, da mußten wir, weil wir uns bei Belitz verspätet, in Potsdam übernachten. Heut Morgen ward dort gejagt, erst zu Mittag kehrten wir heim. Du kannst dem Hoffourier neue Sohlen schenken; so oft hat er für Dich durch Koth und Kehricht nach der Klosterstraße gemußt. Blitz, was waren Deine Wege?«

»Otterstädt!« sagte der Andere nach einer Pause, indem er den Kopf in dem Arm stützte. »Es schleicht mir was durch die Glieder seit einiger Zeit. Ist's ein Fieber oder was ist's? Ich sehe die Dinge doppelt, oder was Andere sehen, sehe ich nicht. Schauderte mich doch eben, als ich in's Schloß trat, und die Ampeln wehten in den dunkeln Gängen.«

»Du sahst doch nicht die weiße Frau?«

Der Andere schüttelte den Kopf.

»Oder trat Dir die eiserne Jungfrau entgegen und breitete die Arme nach Dir aus?«

Der Cavalier machte eine abwehrende Bewegung: »Schweig, schweig! Dummes Zeug, ein Schwindel, mir wird schon besser.«

»Glaube mir,« lachte der Hauptmann, »es ist das Katzenwedeln. Unsere Natur ist nicht für das Scharwenzeln. Wo die Weisheit mit Löffeln gefressen wird, schrumpft der Magen ein. Sauf Dich mit uns mal wieder voll, dann vergehen die Blähungen im Gesichte. Aber Menschenkind, bist uns noch Rechenschaft schuldig. Zauste Dich das Fieber auch, als Du durch die Haide rittest?«

»Ich sagt' es Dir ja schon, mein Pferd riß mich fort. Weiß nicht, was ihm zu Gesicht kam. Als ich's bewältigt, hatt' ich die Richtung verloren, ich kam nach Brandenburg, Gott weiß wie, und hielt es dann für das Gerathenste, durch den Barnim zu reiten. Da übernachtete ich drüben in Kerzin.«

»Da kann man freilich spät nach Berlin kommen! Ich will Dir's glauben, wenn Du's willst.«

»Du thust sehr gescheit, Otterstädt. Worauf wartet der Fourier?«

»Auf ein Schreiben Seiner Durchlaucht.«

»An wen?«

»Was weiß ich's, an welchen Schwarzrock oder welche[144] Glatze. Wenn er schreibt, ist's ja nur an Pfaffen und Gelehrte. Nach Straßburg oder Basel soll's. Richtig, 's ist der superkluge feine Abt; mit 'nem Tritt fängt's an und mit Haus oder Heim läuft's aus, der schon mal hier war und Weisheit schüttelte, wenn er sich im Bart kraute.«

»Der Abt Trittheim, sein Lehrer!«

»Ging's nach mir, Wilkin, so stäch ich's dem Fuhrmann, der ihn bringen soll, daß er ihn in 'ne Pfütze würfe. Da möcht' er sich mit seinen lateinischen Phrasen rausziehen. Ging das gelehrte Thier nicht hier wie ein Pfau mit gläsernen Füßen, dem seine feine weiße Hand zu gut dünkt, daß er unsre groben Stühle und Tische anrührte? Und als thät er eine Gnade, wenn er mit Unsereinem ein deutsch Wort wechselt?«

»Diese Leute sind nicht schädlich,« sagte der Andere. »Ein Spielzeug für ihn. Wenn er sich mit ihnen in gelehrte Gespräche über den Mond und den Papst vertieft, ist's nur zu unserem Vortheil. Aber was soll der Abt jetzt?«

»Was! Wozu anders als zu der Hauptgeschichte, derohalben wir Kurfürst wurden. Soll dabei sein, Pathe stehen bei der neuen Universität, wie sie's nennen. Darüber wird ja jetzt geschmiert und correspondirt mit Papst, mit Fürsten und Herren draußen im Reich, als könnte ein Markgraf von Brandenburg, wenn er neu gebacken ist, nicht Eiligeres und Nöthigeres thun, als 'ne Schule zu gründen, wo die Buben das lateinische A B C lernen. Laß die Pommern die Oder aussaufen, was geht's uns an, wenn wir nur in Frankfurt eine Universität kriegen, damit man von uns draußen schwatzt, was für fromme und gelehrte Leute wir sind.«

»Das Testament befiehlt es ihm.«

»Er thut Alles, was uns nicht Noth thut, und nichts, um was es uns zu thun ist. Thut Euch in der Priegnitz eine Universität noth? Wir in der Uckermark brauchen keine. Hat's Mangel an Schreibern, Juristen, Pfaffen in der Altmark, in der Neumark, in der Kurmark? Pfaffen, daß man sich schütteln möchte, wie der Bettler im Pelz, aber wenn er nur im Mond einen Platz fände, stiftete er auch da ein Bisthum.«

»Sonst nichts Neues, Herr von Otterstädt?«

»Will seinen kleinen Bruder, Prinz Albrecht, wenn Frankfurt geweiht wird, zum Canonicus weihen lassen.1 Daß dich – werden Alle noch Pfaffen und Schwarzröcke werden.«[145]

»Zu Haus ist doch Alles in Ordnung?«

»Prost Mahlzeit! Vom Götze Bredow erfuhrst Du doch unterwegs?«

»Der von Ziatz? Was ist mit ihm?«

»Schöne Geschichte. Ist nach Spandow gebracht, in den Thurm gesperrt. Es giebt ein Gericht.«

»Der alte Bredow?« Verwundert war der Hofmann aufgesprungen. »Ich – das muß ein Mißverständniß sein.«

»Gebunden noch dazu. Soll mich wundern, was die Friesacker dazu sagen werden. Plagt der Teufel den alten Krippenreiter, daß er einem Juden auflauert, der mit seinem Wagen nach Berlin fährt.«

»Einem Juden?«

»Oder so was. Genug er hat ihn geworfen, leichter gemacht, geknebelt und in den Graben geschmissen. Soweit ging Alles gut. Nun hat aber der dämlichte Kopf, der nie viel Grips hatte, vergessen, daß wenn man etwas wagt, man Alles wagen und einem Kerl, der schreien kann, die Kehle fester zuschnüren muß. Item, er hat es verdorben. Es kamen Leute zu, die ihn losbanden. Zugerichtet wie er war, konnte er doch noch ein Lamento erheben und seinen Räuber, wie so ein Kerl das versteht, beschreiben.«

»Wie beschrieb er ihn?«

»Nun, daß es kein Zweifel ist, es war der Hohen-Ziatzer. Der Schafskopf in seinem verrosteten Panzerhemd, dran noch seine Farben und in der alten Büffelhaube, die kein Mensch in der Mark mehr trägt als er, darin bei hellem Licht und auf solcher Straße einen Krämer werfen! So Einen muß man nun als Seinesgleichen gelten lassen. Er war noch pfiffig genug, daß er nicht gleich nach seinem Nest kehrt machte, sondern that, als ritte er nach Potsdam; da haben ihn die Marktleute gesehen und erkannt. Von da ist er vermuthlich im Walde eingeschwenkt und nach seinem Sumpfloch heimgeritten. Nicht wahr, 's geht Euch wie mir im Kopf rum?«

»Aber der Kurfürst, wie erfuhr er es?«

»Ich sagte Euch ja schon, wir blieben die Nacht in Potsdam und jagten heute früh dort. Da kam die Mähre denn brühsiedend warm zu uns. Das quikte und schrie, wie wenn ich heiß Wasser auf eine Tonne von Mäusen gieße: ›Gerechtigkeit, Gewaltthat! großer Kurfürst!‹ Mir gellen noch die Ohren.«

»Sprach der Kurfürst den Krämer, ich meine den Juden persönlich?«[146]

»Nein. Von den Katzenköpfen und dem Schnüren hat er das Fieber gekriegt. Aber der Schreiber hatte seine Aussage zu Protocoll genommen dort in Baumgartens Fährhaus. Darauf ließ der Kurfürst den Vogt von Potsdam nach Ziatz reiten, und der Vogel war in seinem Nest gefunden.«

»Wird der Krämer – ich meine der Jude dran glauben müssen?«

»Das glaube ich nicht. Der Markgraf will ihn morgen selbst verhören. Aber der Ziatzer wird es. Das ist 'ne verdrießliche Sache, Wilkin. Wird uns wieder 'nen Brei einrühren. Der Götz hat den Ruf eines Ehrenmannes. Heißt es nun, selbst der hat dem Kitzel nicht widerstehen können, welche Litanei geht da von Neuem gegen den Adel los!«

»Laß ihn doch klug sprechen! Je mehr er in das Sprechen kommt, um so mehr gefällt er sich darin und um so weniger thut er. Wenn ihr klug wäret, locktet Ihr ihn sogar zum Reden, Ihr hörtet ihm mit Bewunderung zu, und wenn Ihr noch klüger wär't, antwortet Ihr mit dem Widerhall dessen, was Ihr gehört. Ist das so schwer, Phrasen auswendig zu lernen, die uns hundert Mal vorgesagt werden? Das ist das Kunststück der Weisheit, die in der Welt gelten will.«

»Aber es ist nicht klug von uns, ihm auf so dumme Weise zum Reden Anlaß zu geben,« sagte Otterstädt. »Solch' ein Pfuscher im Handwerk! Wär's nicht sein guter Name, er verdiente den Henker. Himmel und Hölle, das ganze Havelland kocht und brennt.«

»Wäre das so schlimm?« sagte der Andere, als die Thür zum inneren Zimmer sich öffnete und der Kämmerer hinaus rief:

»Der Geheimrath von Lindenberg!«

Der Kurfürst stand vor seinem Schreibtisch, ein edler, schöner, junger Mann, auch ohne das fürstliche Gewand, das an seine ritterliche Gestalt sich schmiegsam fügte. Er las an einem entfalteten Pergament, dem man es ansah, daß er es nicht zum ersten Male geöffnet, daß er nicht zum ersten Male darin las. Er küßte die Schrift: »Ich will es, seliger Geist meines Vaters! Ich hab's gelobt und will es auch halten.«

Er schritt einige Mal im Zimmer auf und ab, indem er die Worte, die er eben gelesen, mit lauter Stimme wiederholte.

Deinen Fürstenthron wirst Du nicht besser befestigen, als wenn Du den Unterdrückten hilfst, wenn Du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen [147] überwältigen, und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden angedeihen lässest2.‹

»Erhabene Worte eines erhabenen Fürsten!« sprach der Geheimrath, sein Baret mit gekreuzten Armen auf die Brust drückend, indem er sich tief neigte; es schien mehr vor dem Pergament, das jetzt auf dem Tisch lag, als vor seinem Herrn, der sich in den Armstuhl niedergelassen hatte.

»Es sollen nicht Worte bleiben, es sollen Thaten werden. Traust Du es mir zu, Lindenberg?«

»Werden? Gnädigster Herr, ich meine, Sie sind es schon.«

»O es liegt vor mir wie eine Wüste, nein wie ein Gebirge. Wenn ich die höchste Kuppe erklimme, war es nur ein Hügel, vor dem neue Ketten, Felsen, Riesengebirge sich endlos weit ausdehnen. Wer führt mich durch diese Schlangenwindungen, durch diese Lawinen den graden Weg?«

»Ihr selbst! Wie Eures Vaters Vater ein Achilles war an Kraft, wie man Euren Vater Johannes, weil seine weise Rede wie Honig von den Lippen floß, einen Cicero nannte, werdet Ihr an Klugheit und Erfahrung ein Nestor sein, der nicht geführt zu werden braucht, der Andere führt.«

»Ich bin noch jung, aber – ich will's, Lindenberg, ich will's! Wie stärkt mich des Vaters Testament; allein jedesmal, wenn ich es überlese, wenn diese Honigworte wie Balsam auf mein Herz träufeln, steigen auch neue Zweifel auf, wie starre Klippen, die dem Schiffer den Weg versperren. O allmächtiger Gott, es ist so viel was ich thun muß, und ich bin doch nur ein Mensch. Lies, lies es wieder, dies kostbare Document des weisesten, des größten, des edelsten Mannes seines Jahrhunderts.«

»Lesen, gnädiger Herr? Ich kann es auswendig. Erlaubt mir vielmehr, auf dieses heilige Pergament meine Lippen zu drücken, als ein Gelöbniß, daß, was in meinen schwachen Kräften steht, ich treu daran halten will.«

»Küsse diese Stelle.«

»Ist nicht eine so viel werth wie die andere?«

Vergiß nicht mein Sohn, den Adel im Zaum zu halten; denn sein Uebermuth verübt das meiste Böse. Strafe sie, wenn sie die Gesetze übertreten, und laß nicht zu, daß sie irgend, wer es sei, wider Gebühr beschweren.‹[148]

»Großer, seliger Johannes, es ist ein schmerzliches Wort!«

»Das Dich nicht drücken kann. Du bist nicht wie die Andern. Setze Dich zu mir. Wie hat mich nach Dir verlangt, Lindenberg, wieder einen Menschen zu sehen, unter diesen Halbmenschen, mit ihm sprechen zu können, wie mir um's Herz ist, und der meine Sprache versteht.«

»Eure kurfürstlichen Gnaden sandten, wie ich höre, so eben nach dem Abt Trittheim, ich begreife –«

»Davon nachher.«

»Hätten wir doch diesen herrlichen Mann am Hofe festhalten können. Ich begreife, daß es ihm hier nicht wohl zu Muthe war, aber er hätte seine Abneigung überwinden sollen, aus Ehrfurcht und Dankbarkeit für seinen fürstlichen Wohlthäter und Schüler.«

»Was sollte er hier?« rief der Fürst, und ein innerlicher Schauer schien seiner Herr zu werden. Unwillkürlich hatte er wieder nach der Schrift seines Vaters gegriffen, und drückte die Finger auf die Stelle, welche lautet: ›Ich hinterlasse Dir mein Sohn, ein großes Land; allein es ist kein Deutsches Fürstenthum, in dem mehr Zank, Mord und Grausamkeit im Schwange gehn, als in unserer Mark.‹

»Aber ich will ihnen in die Ohren mit Posaunenton rufen, daß ich wach bin, weil sie denken, daß ich schlafe. Mir ist nicht bange, ich kenne sie alle und ihre Tücken, worauf sie bauen, ich will sie auffinden, in ihren Gelagen und Schlupfwinkeln, in ihren Nestern und Spelunken, bei Tag und bei Nacht; ich will die Straßen fegen und die Burgen auskehren. Die Großmächtigen sollen vor mir zittern und die Wölfe will ich aus dem Schafpelz jagen, den sie übergehangen. Ich will ihnen Allen zeigen, daß ich sie nicht fürchte, noch ihr Geschrei, denn ich bin ihr Herr.«

Er war aufgesprungen und maß wieder mit stolzen Schritten das Zimmer, sichtlich durch die Erinnerung an ein jüngstes Erlebniß aufgeregt.

»Ist es erhört, ist es denkbar nur«, fuhr er fort, »dieser Räuberanfall in meiner nächsten Nähe, gleichsam unter meinen Augen, wo der Hauch meines Mundes hinreicht, wo die Hufe meines Rosses den Boden kaum betreten, mir zum Hohn, dem Lande zur Schmach, der Gerechtigkeit, die ich pflege, zum Aergerniß. Ein gemeiner, elender, blutiger Straßenraub! Es ist mir, als hätte der Raubmörder an alle Bäume geschrieben, unter denen ich fortritt: ›Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist.‹ Aber sie irren sich.«[149]

»Mein Durchlauchtigster Herr meint den Anfall von vorgestern an dem Juden, von dem ich hörte.«

»Heute, Lindenberg; es sind noch nicht vierundzwanzig Stunden um.«

»Der Jude, Euer Gnaden soll –«

»Es ist kein Jude, Du mußt Dich ja des Krämers entsinnen, der uns in Saarmund am Zoll seine Waaren ausbreitete. Ich kaufte davon. Es ist mein Geld, die Beutel, noch von meinem Seckelmeister versiegelt, riß die verfluchte Hand des Diebes fort.«

»Wenn ich es nicht aus so glaubwürdigem Munde hörte, sollte ich es kaum glauben. Jetzt entsinne ich mich auch dieses Krämers. Er war im grünen Wams, richtig! Sein Gesicht, ich bekenne, flößte mir schon damals wenig Zutrauen ein, und ich sah ihm auf die Finger, als ihm das Geld aufgezählt wurde. Aber ich muß mich doch getäuscht haben. Also es war kein Jude!«

»Ich hasse die Juden, Lindenberg, und denke auch diesen ungläubigen Wucherern einen Daum auf's Auge zu setzen, wenn ihre Zeit kommt, denn sie sind und bleiben Verräther an dem Blute, unseres Herrn und Heilandes. Aber, und wäre es Simon der Schächer oder Ischarioth gewesen, der die dreißig Silberlinge trug, es hätte Keiner ein Recht, es hätte sich Keiner unterstehen sollen, wo ich den Blutbann habe, seine Hand an ihn zu legen. Oder zweifelst Du?«

»Ich zweifeln, wo mein Herr spricht!«

»Und doch stehst Du sinnend da? Bist Du anderen Sinnes? Ich liebe freie Meinungen, auch wenn sie meiner entgegen sind.«

»Ich bekenne, daß allerdings ein Zweifel eben auftauchte, und wünschte wohl, daß mein gnädigster Herr mir da zu Hülfe käme. Gesetzt, was Ihr da eben anführtet, Judas Ischarioth wäre es, der von Köpnick nach Berlin mit seinem Sündengelde zieht, und ich begegnete ihm im Walde, beim heiligen Johannes, ich glaube nicht, daß ich eine Sünde thäte, wenn ich ihm auf den Kopf schlüge. Und wär' es, hilf mir Gott, ich glaube doch, ich thät' es. Gnädigster Herr, mir scheint die Frage von Wichtigkeit. Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, verzeiht mir, ich spreche nur als Laie, aber ließe sich der Spruch hier nicht anwenden. Nein, Herr, auf die Gefahr Eurer Ungnade, die Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen. Ist Judas Ischarioth nicht ärger als der Teufel, der doch vor[150] unserm Heiland weichen mußte, und konnte ihn nicht in Stricke und Versuchung bringen, wogegen Judas unsern Herrn in die Stricke seiner Feinde verrathen hat. Den Teufel todt zu schlagen, das könnte doch kein Gericht mir wehren, so es in meiner Macht stände. Die Frage scheint mir allen Ernstes wichtig genug, daß ein christlicher Fürst sie an die Universitäten schickte, damit man die Gutachten der theologischen Facultäten darüber erführen.«

»Die Facultäten, Lieber, würden vielleicht antworten, daß kein Mensch ein Recht hat, auch nur den Teufel todt zu schlagen, sintemal Gott ihn bestehen läßt, daß er uns zu unserm Heil versucht. Was nun Judas anlangt, so hat Gott es auch gefügt, daß weder Ihr noch ich ihm in der Köpnicker Haide begegnen könnt, da er längst seinem Gerichte verfallen ist. Auch ist nicht der geschlagen, sondern der Krämer Hedderich, und der ihn schlug, seid nicht Ihr, sondern es ist Gottfried Bredow. Was sagt Ihr dazu! Nicht wahr, es stehen Euch die Haare zu Berge.«

»Die Sache fordert –«

»Die strengste Untersuchung. Die soll ihr werden.«

»Gewiß die allerstrengste, gnädiger Herr. Und doch überschleicht mich ein Bedenken, ob es nicht gerathener sei, die ganze Sache auf sich beruhen zu lassen. Verzeiht mir, es ist nur eine Ansicht. Der Gerechtigkeit natürlich ihren vollen Lauf, aber das Wohl des ganzen Reiches, vor allem Eurer Selbst, Eurer erlauchten Familie kommt doch auch in Betracht. Die Macht, die Verbreitung der Bredows über das ganze Havelland, die halbe Zauche, wo sind nicht die Bredows, muß man nicht aus dem Auge lassen. Ich weiß wohl, es sind nicht mehr die Zeiten der Gänse von Puttlitz und der Quitzows, ich rede auch nicht von einem Aufstande, der zu fürchten wäre, Euer starker Arm würde ihn niederschlagen; Rücksichten aber hat jeder Fürst, insonderheit jeder christliche Fürst und noch mehr Einer, der nur für das Wohl seiner Unterthanen lebt. Also ganz abgesehen von einer Furcht vor Etwas, was mein hoher Herr nicht fürchten darf, Ihr schlügt einem Feinde in den Nacken, der furchtbar werden kann. Ich meine die Meinung, welche die Familie für sich hat. Sie haben in letzter Zeit sehr viel auf sich gehalten, man hörte seit dreißig Jahren nicht, daß ein Bredow auf der Straße lag. Welches Aergernis gäbe ein Prozeß und gerade gegen eines ihrer Mitglieder, das sich des besten Rufes erfreute. Eine scharfe Gerechtigkeit, gegen ihn geübt, würden selbst die Gerechten verdammen.«[151]

»Es ist geschehen.«

»Es ist noch nicht verlautbart; man kann es noch ungeschehen machen. Dieser lumpige Krämer läßt sich abfinden, wenn nicht mit Wenigem, kann man viel geben. Die Bredows in Friesack würden tief in ihre Läden greifen, aber, wenn mein Rath durchginge, ließen wir es nicht bis dahin kommen. Befehle mein Kurfürst, so würde ich mit Vergnügen selbst das Mittleramt übernehmen.«

»Ich habe dem Feinde in den Nacken geschlagen, dem ich in's Auge sehen will,« rief der Kurfürst aus, und seine Augen leuchteten vor edlem Zorn. »Morgen wird der Uebertreter nach Berlin geführt, ich werde ihn richten. – Auswendig, Lindenberg, willst Du das Testament meines Vaters kennen, und hast doch schon seinen Inhalt vergessen. Legst Du so die Worte aus: ›Deinen Thron wirst Du nicht besser befestigen, als wenn Du den Reichen nicht nachsiehst, wo sie die Geringen überwältigen, und wenn Du Recht und Gleich einem Jeden widerfahren lässest.‹ Ich will den Reichen nicht nachsehen, ich will gleiches Recht einem Jeden schenken. Ist er's, dann beim Wohl meines Landes; bei meinem Schutzpatron, bei den Heiligen allen, beim höchsten Gotte, den Rücksichten einen Fußtritt, die zwischen mir und meiner Pflicht sich eindrängen wollen.«

So hatte der Geheimrath seinen Herrn noch nicht gesehen. Auch Johannes Cicero, als er die fünfzehn Schlösser der Raubritter niederreißen; als er die Schuldigen richten, als er in Stendal das Henkersschwert walten ließ gegen die Aufrührer, so furchtbar hatte er ihm nicht gedünkt, als jetzt der Sohn. Der Sohn in seinem Zorn, der doch kaum aus dem Jünglingsalter zum Mann geworden. Welche Aussicht lag vor ihm!

Der Kurfürst mochte den Eindruck bemerkt haben, den seine Rede auf seinen Liebling hervorgebracht. Er setzte sich wieder und winkte ihm freundlich neben ihm Platz zu nehmen!

»Ich mag es begreifen, wie es Dich schmerzt, sie sind Deines Blutes und Standes. Soll es mich aber nicht mehr schmerzen, der ich das Siegel und das Haupt bin ihres Bundes. Wie soll ich mit meiner Ritterschaft vor Kaiser und Reich bestehen, wo ich ihre Ehre vertheidigen und vertreten soll und gleich geachtet wissen mit denen in Franken und Sachsen, in Schweden, Westphalen und am Rheine, wenn sie hohnlachend auf sie weisen und sprechen;: sind das Deine Ritter, die Nachts in die Hürden brechen und Hammel und Ochsen stehlen und[152] Gänse forttreiben? Damit ich da nicht erröthen muß und weinen über Alle, muß ich hier ausreuten das Unkraut vom Weizen. Mag dieser eine Mann nur dies eine Mal verfallen sein den Stricken der Versuchung, da thut es mir leid um ihn; mehr kann ich nicht, als ihn beklagen. Dann aber wird seine Bestrafung anders wirken, als Du fürchtest; denn die Leute werden denken, wenn selbst ein langer, untadelhafter Wandel vor dem Verbrechen und der Strafe nicht schützt, wie muß da täglich Jeder beten und stündlich auf sich Acht haben, daß ihn der Böse nicht in einer schwachen Stunde beschleiche, wo die sündige Lust und der Kitzel dieser Stunde die Gedanken und Werke von vielen Jahren vernichtet.«

Der Herr von Lindenberg schien wieder seine vorige Ruhe gewonnen zu haben.

»Euer Durchlaucht Gründe haben mich überzeugt. Es kann nur der leibhaftige Satan gewesen sein, der diesen Mann verführt hat, Satan, dessen Macht Euer Gnaden hochgelehrter Hofkaplan noch letzten Sonntag in der Predigt, so daß uns Allen die Haare zu Berge standen, beschrieb. Auf die Aussage des Krämers ist nichts zu geben, er war von Angst und Schreck geblendet. Mir scheinen da geheimnißvolle Dinge im Spiel. Wie, wenn man die Sache dem Freigericht übertrüge? Die heilige Vehme, im Besitz uralter Überlieferungen ist in diesen geheimen Dingen sicherer das Rechte zu treffen. Auch üben ihre Aussprüche, die Vollstreckungen ihrer Urtheile auf das Volk noch immer eine wunderbare Macht. Ist es geschehen, forscht Niemand nach dem Warum. Wenn eines Morgens Gottfrieds Leiche auf der langen Brücke mit getrenntem Kopfe läge, wenn es hieße, daß er, verfehmt, verdammt, von dem Schreckbilde des Volkes, der eisernen Jungfrau, umhalst, seine Übertretung gebüßt, alsdann wären alle schlimmen Folgen von der Person meines Fürsten abgewälzt.«

»Ein heimliches Gericht!« rief Joachim. »Da sei Gott für. Was ich thue, soll das Licht der Sonne nicht scheuen, ich will's vertreten vor männiglich.«

»So erwartete ich es von meinem gnädigsten Herrn.«

»Und du lächelst, wo mich in der Seele schaudert.«

»Freimüthig will ich es gestehen, mich befremdete der Gegenstand des Gespräches. Während ich glaubte, daß mein Fürst mich zum Rath über Wichtigeres berufen, beschäftigt ihn ein elender Straßenraub. Vertieft dachte ich ihn mir in den großen Planen, wie wir endlich den sehnlichen Wunsch, die ernste Aufgabe[153] seines Vaters lösen. Es ist eine Ehrenaufgabe Eures Hauses. Der Kaiser fordert es, daß jeder Kurfürst in seinen Landen eine Hochschule gründe, die Stände des Reiches dringen darauf schon seit zwei Geschlechtern, Euer Vater hinterließ die Gelder –«

»Kannst Du zweifeln, daß ich sie richtig verwenden werde?«

»Behüte mich der Himmel vor solchem Frevel! Doch begreife ich nicht, wie meines Fürsten Geist, ganz von diesem großen Geschäfte erfüllt, noch mit Dingen sich abgiebt, die er seinen Räthen und Dienern überlassen kann.«

»Da, sieh hier,« rief Joachim, und riß aus den Fächern seines Schreibtisches Papiere und Pergamente. »Hier fließt die Oder, hier ist Frankfurt; das ist der Riß zum Collegienhaus; im künftigen Jahre wird der Bau begonnen. In dieser Kapsel ist die Bulle des Papstes, hier ist des Kaisers Freibrief, den mein Vater schon empfing. Dies Pack, die Briefe, gewechselt mit den Gelehrten in Basel, Straßburg, Leipzig. Lächelst Du wieder darüber?«

»Mein verdammter Mund, der so wenig ausdrückt, was die Seele denkt. Ich bin kein Gelehrter, wie mein Fürst, aber wär ich's, ich könnte mich nicht mit andern Dingen daneben beschäftigen. Auf die Gefahr meinem Herrn zu mißfallen, spreche ich es geradezu aus, es ist meine Pflicht als Mitglied Eures Geheimrathes, wenn die Seele von einem Gegenstande erfüllt ist, sollte sie auch alle Kräfte ihm widmen. Wie lange hat sich's nun schon hingezogen, daß die Mark einer Universität entbehrt, weil Euer erlauchter Vater von zu vielen andern kleinen lästigen Sorgen gedrückt war. Ob die Straßen fahrbar, ob sicher sind, ob die Zölle gut verpachtet, ob die Bierziese richtig eingeht, dafür können andere sorgen, aber das geistige Wohl Eures Volkes zu bewachen, zu diesem hochheiligen Geschäfte weiß ich nur Einen, der fähig ist, und jeder Augenblick, den er zu anderen Beschäftigungen abstiehlt, ist ein Raub.«

»Ein Fürst soll seine Augen überall haben.«

»Und doch ist er nur ein Mensch. Indem er Alles selbst sehen, nichts seinen Getreuen überlassen will, sieht er oft das Wichtigste nicht. Da ist es denn geschehen, daß Kursachsen uns zuvorkam, Wittenberg ist gegründet und wir wollen noch Frankfurt bauen.«

»Mein Frankfurt soll Wittenberg überflügeln.«

»Aber schon entging uns der gelehrte Dr. Simon Pistoris. Er bleibt nun in Leipzig, weil sein Gegner der Dr. Pollicius,[154] nach Wittenberg gegangen. Diese Säule von Gelehrsamkeit, die allein eine Universität getragen, dieser erste Arzt Deutschlands, ist uns verloren.«

»Ich meine, wir haben dafür einen andern, bessern gewonnen,« sprach der Kurfürst mit freudestrahlenden Blicken, indem er ein eben eröffnetes Schreiben dem Ritter vorlegte.

»Wimpina kommt.«

Lindenberg las und blickte mit dem Ausdruck der Ueberraschung und Freude auf: »In der That, das hatte ich nicht erwartet. Das ist ein Gewinn!«

»Ein ungeheurer, sage ich Dir, Lindenberg. Eine Schule, auf weltliche Weisheit gegründet, ist ein halbes Werk; in Pistoris verloren wir einen großen Arzt des Leibes, in Dr. Koch gewinnen wir einen Arzt des Geistes, eine Säule der Kirche, den ersten Theologen Germaniens. Ich wünsche, Du kenntest seine gelehrten Streitschriften. Noch kein Gelehrter hat mit solchen überzeugenden Gründen, mit solchem göttlichen Feuer seine Gegner niedergedonnert.«

»Koch-Wimpina!« rief Lindenberg. »Derselbe, welcher in der Streitschrift gegen den Thoribäus die Zahl der Ehemänner der heiligen Anna, Christi Großmutter, feststellte3, und mit welcher glänzenden Beredsamkeit! Dr. Musculus las es in einer Abendgesellschaft bei Hofe vor, Eure Gnaden waren ja selbst zugegen. Ich darf gestehen, ich ging nie so erschüttert und erbaut nach Hause.«

»Derselbe, Lindenberg! Kommen wir noch zu spät?« rief er triumphirend.

Der Geheimrath verneigte sich tief.

»Hast Du noch etwas zu sagen? Hast Du noch zu tadeln? Sprich es aus.«

»Ich kann nur wiederholen, was mein Herr schon gesprochen. Eine hohe Schule ist wichtiger, als Alles. Der Geist, der von da aus über die Mark sich verbreitet, wie aus einem reichen, vollen Flusse Wassergräben und Rinnen, wird den trocknen, dürren Boden durchsickern und die Früchte der Zucht, Gesittung, der Ordnung und des Fleißes herstellen. So bessern wir am besten, so allein den Zank, Mord und Grausamkeit, von denen der erlauchte Johannes spricht. Aber nur wenn der Fluß selbst klares Wasser ist. Daß die Worte, die mein Fürst sprach, in[155] Granit über der Thüre eingegraben würden: ›eine Schule, auf weltliche Weisheit gegründet, ist nur ein halbes Werk.‹ Herr, mein Fürst, laßt Euch nie verleiten durch glänzenden Ruf der Gelahrtheit, beruft immer nur rechtgläubige Gelehrte, die Säulen werden der Kirche, nicht der weltlichen Wissenschaft. So nur wird Frankfurt hier aufblühen, wenn die Kirche hier ihre Säulen findet, wenn die Gelehrten festhalten an ihren Satzungen, unerbittlich in dem, was den weltlich Gelehrten eine Thorheit scheint. Wo ist denn die Grenze zwischen dem, was der Verstand begreift und der Glaube faßt, und der ketzerische Dünkel, daß ich es bekennen muß, ist von Alters in der Mark zu Hause: auch der Adel ist nicht davon frei, vielleicht daher die Verderbniß, die wir beklagen.«

Joachim hatte ihn nur schwer ausreden lassen. »Thue ich es denn nicht?«

»Euer Wille ist gut, Eure Weisheit über alle Frage, aber dennoch weiß die Schlange unter allerhand Wegen in das Heiligthum zu dringen. Wer hat die Einsicht auf allen ihren Krümmungen ihr zu folgen? Sagt man doch selbst von diesem Abt Trittheim –«

»Was!«

»Er ist gewiß ein großer Gelehrter. Sei es auch fern von mir, zu zweifeln, daß er ein gläubiger Christ sei. Aber man meint doch, daß er für einen Christen sich zu sehr in die Naturwissenschaften vertieft. Da spricht man von wunderbaren Dingen –«

»Ich weiß es. Das dumme Volk hält jeden für einen Zauberer, der in ihre Geheimnisse zu dringen sucht.«

»Auch in die verbotenen, Herr?«

»Die Naturwissenschaften sollen frei sein. Das will ich, Lindenberg. Da sind noch Dinge verborgen, die wir aus tiefen Schachten fördern müssen, wie das Gold, das erst in der Sonne glänzt. Da muß man den Arbeitern freie Hand lassen, zur Ehre Gottes. Und schützen muß man sie gegen das Volk. Das ist Fürsten Pflicht. Ich will das Licht. Was senkst Du die Augen?«

»Ich will es glauben, daß der Abt Trittheim kein Zauberer ist, da mein Herr es mich versichert –«

»So wenig als ich es bin4[156]

»Aber ich will es nicht für gewiß behaupten, doch hörte ich es von sicheren Leuten, er deutete an der Geschichte von Josua und der Sonne. Das Scheinbild der Sonne habe nur stillgestanden, die Sonne aber sei weitergegangen.«

»Trittheim! – Nein, das darf er nicht. An den Grundfesten der Religion darf auch die Wissenschaft nicht rütteln. Beruhige Dich, Lindenberg, ich werde mit ihm darüber sprechen. Er wird sich von seinem Irrthum überzeugen lassen.«

»Er wird es, davon bin ich überzeugt. Mein gnädigster Herr, vielleicht beleidige ich Eure bessere Einsicht, ich spreche ja nur als Laie, aber verzeiht mir oder verdammt mich, ich konnte nicht anders.«

Mit dem Ausdruck immer steigenden Wohlgefallens hatte der junge Fürst ihm zugehört. Er faßte seinen Arm: »Lindenberg, das ist gesprochen wie –«

Er unterbrach sich selbst, wie von einem plötzlichen Entschluß durchzückt, und eilte nach einem kostbar mit Elfenbein ausgelegten Nußbaumschrank, dessen schweres Schloß er aufdrehte. Aber ebenso schnell ließ er es wieder ruhen:

»Nein, nicht hier, morgen vor dem ganzen Hofe will ich Dir meinen – werde ich Dir antworten.«

Mit einem gnädigen Kopfnicken entließ der Fürst den Geheimrath.

Er ergriff noch einmal das Testament des Vaters und las die Stelle:

Straf die Schmeichler, die Alles Dir zur Liebe und nichts zu des Landes Wohlfahrt reden. Wirst Du ihnen folgen, so wirst Du Deine klugen Räthe verlieren. – Des Schmeichlers Rede gleichet dem Schlangengifte, welches im süßen Schlaf zu Herzen dringt und den Tod wirkt, ehe man es gewahr wird.‹

Indem er das Pergament wieder in den Schrank verschloß, sprach der Kurfürst Joachim:

»Gelobt sei der Herr, ich habe einen Rath, der kein Schmeichler ist.«

Fußnoten

1 Albrecht, der nachmalige Erzbischof von Magdeburg und Kurfürst von Mainz, Tebel's und der Wissenschaft Beschützer.


2 Diese und die folgenden gesperrt abgedruckten Sätze wörtlich aus Johannes Cicero's Testament.


3 Factum, wie auch die übrigen Anführungen. Koch Wimpina, als Rector der Universität Frankfurt, nachmals der größte und wirksamste Gegner der Reformation in der Mark.


4 Weil Trittheim seine Zeitgenossen an Kenntnissen übertraf und auch in den sogenannten geheimen Kenntnissen der Sternkunde, in der Physik, Chemie und Arzneikunde bewandert war, wurde sowohl er, als sein Schüler, der Kurfürst, von Vielen für einen Schwarzkünstler gehalten.

Quelle:
Willibald Alexis: Die Hosen des Herrn von Bredow. Vaterländische Romane. Berlin 9[1881], Band 3.
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