Die Geschichte von Ali, dem Kairenser, und dem spukenden Hause in Bagdad

[357] Einst lebte in der Stadt Kairo ein Kaufmann, der großen Vorrat an Gut und Geld, Edelsteinen und Juwelen, und unzählbare Ländereien und Häuser besaß; sein Name aber lautete Hasan, der Juwelier aus Bagdad. Ferner hatte Allah ihn gesegnet mit einem Sohne von vollendeter Schönheit und Herrlichkeit, rosigen Wangen, lieblichem Antlitz und trefflichem Wuchs; er nannte ihn Ali, den Kairenser, und er lehrte ihn den Koran und die Wissenschaft,[357] die Kunst der Rede und alle andern Zweige der feinen Bildung, bis er in jeglichem Wissen wohlbewandert war. Im Handel aber stand er unter seines Vaters Hand, bis Hasan nach einer Weile erkrankte; und seine Krankheit steigerte sich so, daß er des Todes gewiß war; da rief er seinen Sohn zu sich und sprach zu ihm: ›O mein Sohn, wahrlich, diese Welt vergeht, doch die nächste dauert ewig. Jede Seele muß vom Tode kosten; und jetzt, o mein Sohn, ist mein Hintritt nahe, und ich möchte dir eine Ermahnung geben; wenn du sie beherzigst, so wirst du in Glück und Ruhe leben; und wenn du sie nicht beherzigst, so wirst du viel Mühsal erdulden, und du wirst es bereuen, meine Vorschriften überschritten zu haben.‹ Versetzte Ali: ›O mein Vater, wie sollte ich anders tun, als auf deine Worte hören und handeln nach deiner Ermahnung? Bin ich doch durch die Satzung des Glaubens verpflichtet, dir zu gehorchen und deinem Befehl mein Ohr zu leihen!‹ Fuhr sein Vater fort: ›O mein Sohn, ich hinterlasse dir unermeßliche Ländereien und Häuser und Waren und großen Reichtum; und wenn du davon auch jeden Tag fünfhundert Dinare ausgeben wolltest, du würdest doch noch nichts davon vermissen. Aber, o mein Sohn, sorge, daß du in der Furcht Allahs lebest und seinem Erwählten folgest, Mustafa (den Er segne und behüte!) in allem, was er in seiner überlieferten Satzung geboten und verboten hat.‹ Und er ließ nicht ab, ihn also zu ermahnen, indem er weinte und sprach: ›O mein Sohn, ich flehe zu Allah, dem Gütigen, dem Herrn des glorreichen Feuerhimmels, daß er dich befreie aus allen Nöten, die dich treffen können, und daß er dir seinen schnellen Beistand leihe.‹ Da weinte sein Sohn in bitterem Weinen und sprach: ›O mein Vater, deine Worte schmelzen mich, denn sie sind wie die Worte eines, der lebewohl sagt.‹ Versetzte der Kaufmann: ›Ja, o mein Sohn, ich bin mir klar über meinen Zustand; vergiß du nicht meine Mahnung!‹ Und er sprach die beiden Bekenntnisse des Glaubens und Verse aus dem Koran, bis die bestimmte Stunde erschien, und er sprach: ›Rücke nah zu mir her, o mein Sohn.‹ Und Ali rückte dicht zu ihm, und er küßte ihn; dann seufzte er auf, und seine Seele entfloh dem Körper, und er ging ein in die Gnade des allmächtigen Allah. Auf Ali[358] aber fiel großer Gram herab; in seinem Hause erhob sich der Schall der Klagen, und seine Freunde strömten herbei. Und er schickte sich an, die Leiche für das Begräbnis herzurichten, und er rüstete dem Toten einen prunkvollen Grabzug. Sie trugen seine Bahre hinaus zum Betplatz und beteten über ihr, und dann auf den Totenacker, wo sie ihn begruben und hersagten, was aus dem erhabenen Koran für den Anlaß paßte. Und schließlich kehrten sie in das Haus zurück, wo sie den Sohn des Toten trösteten, um dann ihrer Wege zu gehen. Ali aber betete ferner das Freitagsgebet für seinen Vater, und täglich ließ er an den vierzig Tagen der förmlichen Trauer für ihn den Koran lesen, während er selber zu Hause blieb und nicht ausging, außer auf den Betplatz; und jeden Freitag besuchte er seines Vaters Grab. Und also ließ er von seinen Gebeten und Lesungen lange nicht ab, bis seine Genossen unter den Söhnen der Kaufleute zu ihm kamen, ihn grüßten und sprachen: ›Wie lange soll diese deine Trauer dauern, und wie lange willst du deine Geschäfte und den Verkehr mit deinen Freunden vernachlässigen? Wahrlich, ein solcher Wandel wird dich ermüden, und dein Leib wird schwer darunter leiden.‹ Als sie nun zu ihm kamen, war Iblis, der Verfluchte, unter ihnen und flüsterte ihnen ein; und sie empfahlen Ali, sie zu begleiten in den Basar, während Iblis ihn in Versuchung führte, einzuwilligen, bis er nachgab, auf daß der Wille Allahs (Er sei erhöht und erhoben!) erfüllet ward; und er verließ mit ihnen das Trauerhaus. Sprachen sie: ›Besteige deine Mauleselin und reite mit uns in den und den Garten, wo wir uns ergötzen wollen, auf daß dein Gram und deine Verzweiflung dich verlassen.‹ Da saß er auf, nahm seinen Sklaven mit und ging mit ihnen in den Garten. Und als sie eintraten, ging einer von ihnen hin, bereitete das Morgenmahl und brachte es ihnen. Sie aßen und waren vergnügt und saßen bis zum Schluß des Tages plaudernd beisammen; dann saßen sie auf und kehrten zurück, ein jeder in sein Haus, wo sie die Nacht verbrachten. Doch als der Morgen dämmerte, suchten sie Ali wiederum auf und sprachen: ›Komm mit uns.‹ Fragte er: ›Wohin?‹ Und sie versetzten: ›In den und den Garten, denn er ist schöner, als der erste, und vergnüglicher.‹ Er ging also mit ihnen in den Garten,[359] und einer von ihnen ging davon, bereitete das Morgenmahl und brachte es ihnen, zugleich mit starkem, berauschendem Wein. Und als sie gegessen hatten, holten sie den Wein hervor, und Ali fragte: ›Was ist das?‹ Sprachen sie: ›Es ist, was die Trauer zerstreut und die Lust erneut.‹ Und sie ließen nicht ab, ihn ihm zu empfehlen, bis sie ihn überredeten und er mit ihnen trank. Und trinkend und plaudernd saßen sie bis zum Schluß des Tages beisammen; dann ging ein jeder nach Hause. Ali, der Kairenser, aber war trunken vom Wein, und als er in diesem Zustand zu seinem Weibe kam, sprach sie zu ihm: ›Was ficht dich an, daß du so verwandelt bist?‹ Sprach er: ›Wir vergnügten uns heute, als einer meiner Gefährten uns zu trinken brachte; da tranken meine Freunde, und ich mit ihnen, und dieser Rausch kam über mich.‹ Versetzte sie: ›O mein Herr, sage mir, hast du deines Vaters Mahnung vergessen und das getan, was er dir untersagte, indem du dich zweifelhaftem Volk geselltest?‹ Erwiderte er: ›Diese sind von den Söhnen der Kaufleute und kein verdächtiges Volk; nur Freunde der Heiterkeit und des Wohllebens.‹ Und er führte dies Leben mit seinen Freunden weiter, Tag für Tag, indem er von Ort zu Ort zog und mit ihnen schmauste und zechte, bis sie zu ihm sprachen: ›Jetzt sind wir alle an der Reihe gewesen, und jetzt bist du an der Reihe.‹ ›Wohlgekommen und willkommen und alles Heil!‹ rief er; am folgenden Tage also rüstete er alles, was nötig war an Speise und Trank, zwiefach das, was sie gerüstet hatten; und er nahm Köche und Zeltaufschläger und Kaffeebereiter und begab sich mit den andern nach Al-Rausah und dem Nilmesser1, wo sie einen vollen Monat blieben, während sie aßen und tranken, der Musik zuhörten und sich vergnügten. Aber am Schluß des Monats merkte Ali, daß er eine große Summe Geldes ausgegeben hatte; doch Iblis, der Verfluchte, blendete ihn und sprach: ›Und wenn du jeden Tag die gleiche Summe ausgäbest, so würdest du doch noch nichts vermissen.‹ Er also achtete der Ausgaben nicht und führte dies Leben drei Jahre lang fort, während sein Weib ihm Vorwürfe machte und ihn an seines Vaters Mahnung erinnerte; doch er hörte nicht auf ihre Worte, bis er alles bare Geld, das er besaß,[360] verschwendet hatte; dann begann er seine Juwelen zu verkaufen und ihren Erlös auszugeben, bis auch sie dahingegangen waren. Jetzt verkaufte er seine Häuser und Felder, Pachthöfe und Gärten, bis sie alle verschwunden waren, und ihm nichts mehr blieb als das Haus, darin er wohnte. Da riß er den Marmor heraus und die Holzverkleidung und verkaufte alles und gab aus, was er dafür erzielte, bis auch das zu Ende ging; und als er bei sich selber überlegte und fand, daß ihm nichts mehr blieb, was er ausgeben konnte, da verkaufte er schließlich auch das Haus selber und gab aus, was er als Preis erhielt. Jetzt aber kam der Mann, der das Haus erstanden hatte, zu ihm und sprach: ›Suche dir eine andere Wohnung, denn ich brauche mein Haus.‹ Und als er nachsann und sich darüber klar wurde, daß er ein Haus nur für sein Weib brauchte, das ihm einen Sohn und eine Tochter geboren hatte (denn Diener hatte er nicht mehr), mietete er ein großes Zimmer in einem der gemeinen Höfe und schlug dort seine Wohnung auf, er, der zuvor in Ehre und Luxus gelebt hatte, mit vielen Eunuchen und großem Reichtum. Und bald war er so weit, daß es ihm fehlte an dem Brot eines einzigen Tages. Sprach sein Weib: ›Ich hatte dich vor diesem Los gewarnt und dich ermahnt, deines Vaters Worten zu gehorchen, du aber wolltest nicht auf mich hören; doch es gibt keine Majestät, und es gibt keine Macht, außer bei Allah, dem Glorreichen, Großen! Wovon sollen die Kleinen essen? Steh auf, geh herum bei deinen Freunden, den Söhnen der Kaufleute; vielleicht werden sie dir geben, wovon wir heute leben können.‹ Da stand er auf und ging zu einem seiner Freunde nach dem andern; aber sie alle verbargen ihm ihr Gesicht und gaben ihm nichts als Schmähungen, empörend anzuhören. Und er kehrte zu seinem Weibe zurück und sprach zu ihr: ›Sie haben mir nichts gegeben.‹ Und sie selbst ging hinaus, um von ihren Nachbarinnen zu erbetteln, womit sie ihr Leben fristen könnten; und sie begab sich zu einem Weibe, das sie in früheren Tagen gekannt hatte. Und als sie eintrat und jene sah, wie es um sie stand, da erhob sie sich, empfing sie freundlich, weinte und sprach: ›Was ist dir widerfahren?‹ Und sie erzählte ihr alles, was ihr Gatte getan hatte, bis die andere erwiderte: ›Wohlgekommen und willkommen[361] und alles Heil! Was du auch brauchst, hole es bei mir ohne Zahlung.‹ Sprach sie: ›Allah vergelte es dir reichlich!‹ Und ihre Freundin gab ihr so viel Vorrat, daß es für sie und die Ihren auf einen vollen Monat genügte, und sie nahm es und kehrte zurück in ihre Wohnung. Als aber ihr Gatte sie sah, weinte er und fragte: ›Woher hast du das erhalten?‹ Versetzte sie: ›Mir gab es die und die Frau; denn als ich ihr sagte, was uns widerfahren war, ließ sie mich mit nichts im Stich, sondern sprach: ›Hole dir alles von mir, was du brauchst.‹ Sprach ihr Gatte: ›Da du nun soviel hast, so will ich mich an einen Ort begeben, der mir vorschwebt; vielleicht wird der allmächtige Allah uns Rettung bringen.‹ Mit diesen Worten nahm er Abschied von ihr, küßte seine Kinder und ging hinaus, doch wußte er nicht, wohin er gehen sollte, und so schritt er weiter, bis er nach Bulak2 kam, wo er ein Schiff sah, das eben nach Damietta unter Segel gehen wollte. Dort traf er einen Mann, der mit seinem Vater befreundet gewesen war; der grüßte ihn und sprach: ›Wohin des Weges?‹ Versetzte Ali: ›Nach Damietta; ich habe Freunde dort, nach denen ich fragen und die ich besuchen möchte, um dann zurückzukehren.‹ Der Mann nahm ihn mit nach Hause und behandelte ihn ehrenvoll; dann versah er ihn mit Lebensmitteln für die Reise, gab ihm ein paar Goldstücke und schiffte ihn ein an Bord des Schiffes, das nach Damietta ging. Und als sie dorthin kamen, landete Ali, ohne daß er wußte, wohin er sich wenden sollte; doch als er dahinschritt, sah ihn ein Kaufmann, der Mitleid mit ihm hatte, und führte ihn in sein Haus. Dort blieb er eine Weile, bis er bei sich selber sprach: ›Wie lange soll ich in fremder Leute Häuser wohnen?‹ Und er verließ den Kaufmann und ging zur Werft hinab, wo er ein Schiff fand, das bereit war, nach Syrien unter Segel zu gehen. Sein gastfreundlicher Wirt versah ihn mit Vorrat und schiffte ihn ein; und das Schiff hißte die Segel, und nach einer Weile erreichte Ali die syrischen Küsten, wo er sich ausschiffte und dahinzog, bis er nach Damaskus kam. Und als er die große Verkehrsstraße dieser Stadt entlang ging, siehe, da erblickte ihn ein freundlicher Mann und führte ihn in sein Haus, wo er eine Weile blieb, bis er eines Tages[362] ausging und eine Karawane sah, die im Begriff stand, nach Bagdad aufzubrechen; da überlegte er sich, daß er mit ihr dorthin gehen wollte. Und er kehrte zu seinem Wirt zurück, nahm Urlaub von ihm und brach mit der Karawane auf. Nun machte Allah (Er sei erhöht und erhoben!) ihm das Herz des einen der Kaufleute zugetan, und Ali aß und trank mit ihm, bis sie nur noch einen Tagesmarsch bis Bagdad hatten. Hier aber überfiel eine Räuberbande die Karawane, und sie nahmen alles, und nur wenige der Kaufleute entrannen. Ein jeder von ihnen flüchtete sich an eine andere Stelle; Ali, der Kairenser, aber zog nach Bagdad, wo er mit Sonnenuntergang eintraf, als die Torhüter eben die Tore schließen wollten; und er sprach zu ihnen: ›Laßt mich mit euch hinein.‹ Sie ließen ihn ein und fragten ihn: ›Woher kommst du, und wohin gehst du?‹ Versetzte er: ›Ich bin ein Mann aus der Stadt Kairo, und ich habe bei mir Maultiere mit Waren und Sklaven und Dienern. Ich zog ihnen voraus, um mich nach einem Orte umzusehen, wo ich meine Waren niederlegen könnte; aber als ich auf meiner Eselin dahinritt, überfiel mich eine Räuberbande, die mir das Tier und mein Gerät abnahm; und auch ich selber entkam ihnen nur um Haaresbreite.‹ Die Torwächter behandelten ihn ehrenvoll und hießen ihn guten Mutes sein, indem sie sprachen: ›Bleibe bei uns heute nacht, und morgen wollen wir uns umsehen nach einem Ort, wie er für dich paßt.‹ Da suchte er in der Tasche auf seiner Brust, und als er dort einen Dinar fand, von denen, die ihm der Kaufmann in Bulak gegeben hatte, gab er ihn einem der Torwächter und sprach: ›Nimm das, wechsle es und bringe uns etwas zu essen.‹ Der Mann nahm ihn, ging auf den Markt, wechselte ihn und brachte Ali Brot und gekochtes Fleisch; er aß also mit den Wachen und schlief die Nacht bei ihnen. Am folgenden Morgen aber führte ihn einer der Wächter zu einem der Kaufleute von Bagdad, dem Ali dieselbe Geschichte erzählte; der glaubte ihm, daß er ein Kaufmann sei und Lasten von Waren bei sich habe. Und er führte ihn in seinen Laden und behandelte ihn ehrenvoll; ferner schickte er in sein Haus nach einem prunkvollen Kleide, das zu seinen eignen Gewändern gehörte, und führte ihn ins Hammam. ›Ich also‹, erzählte Ali, der Kairenser, ›ging mit ihm ins Bad,[363] und als wir wieder herauskamen, nahm er mich mit und führte mich in sein Haus, wo er das Morgenmahl vor uns hinsetzte; und wir aßen und vergnügten uns. Dann sprach er zu einem seiner schwarzen Sklaven: ›He, Masud, führe diesen deinen Herrn; zeig ihm die beiden Häuser, die da und da stehen, und welches von beiden ihm gefällt, davon gib ihm den Schlüssel; dann kehre zurück.‹ Ich ging also mit dem Sklaven, bis wir in eine Straße kamen, wo Seite an Seite drei Häuser standen, die neuerbaut und noch geschlossen waren. Er öffnete das erste, und ich sah es mir an, und ebenso taten wir mit dem zweiten; dann sprach er zu mir: ›Zu welchem soll ich dir die Schlüssel geben?‹ ›Wem gehört das große Haus?‹ ›Uns.‹ ›Öffne es, damit ich es besehen kann.‹ ›Es ist nichts für dich.‹ ›Weshalb nicht?‹ ›Weil es dort spukt, und keiner nächtigt dort, der nicht am Morgen ein toter Mann ist; auch pflegen wir die Tür nicht zu öffnen, wenn wir die Leiche holen; sondern wir steigen auf die Dachterrasse eines der anderen Häuser und hissen sie hinauf. Aus diesem Grunde hat mein Herr das Haus verlassen, und er spricht: ›Ich will es keinem mehr geben.‹ ›Öffne es,‹ rief ich, ›damit ich es ansehen kann‹; und in meiner Seele sprach ich: ›Eben dies suche ich; ich will die Nacht dort verbringen, so bin ich am Morgen ein toter Mann und habe Frieden vor aller Not.‹ Da öffnete er es, und ich trat ein und fand es prunkvoll und ohnegleichen; sprach ich zu dem Sklaven: ›Ich will kein anderes haben als dieses Haus; gib mir den Schlüssel.‹ Er aber erwiderte: ›Ich will dir diesen Schlüssel nicht eher geben, als bis ich meinen Herrn gefragt habe‹; und er ging zu seinem Herrn und berichtete ihm: ›Der ägyptische Händler sagt: Ich will in keinem andern Hause wohnen als in dem großen.‹ Als nun der Kaufmann das hörte, da stand er auf, ging zu Ali und sprach: ›O mein Herr, du kannst dieses Haus nicht brauchen.‹ Er aber versetzte: ›Ich will in keinem andern wohnen, denn ich mache mir nichts aus dieser albernen Sage.‹ Sprach der andere: ›Schreib mir eine Urkunde, daß ich nicht verantwortlich bin, wenn dir etwas zustößt.‹ Sprach Ali: ›So sei es.‹ Und der Kaufmann holte einen Beisitzer vom Gerichtshof des Kasis, nahm die versprochene Urkunde in Empfang und gab ihm den Schlüssel, mit dem er in das[364] Haus eintrat. Das Bettzeug schickte ihm der Kaufmann durch einen Mohren, der es ihm auf der steinernen Bank hinter der Tür ausbreitete und davonging. Ali aber ging im Hause umher, und da er im inneren Hof einen Brunnen mit einem Eimer sah, ließ er ihn hinab und holte sich Wasser herauf; dann nahm er die geringere Waschung vor und betete die vorgeschriebenen Gebete. Und als er fertig war, setzte er sich eine Weile, bis der Sklave ihm aus seines Herrn Hause die Abendmahlzeit brachte, und ferner eine Lampe, eine Kerze und einen Leuchter, ein Becken, eine Kanne und ein Holzgefäß. Ali entzündete die Kerze, speiste nach Herzenslust und betete das Nachtgebet; dann sprach er zu sich selber: ›Komm, nimm das Bettzeug, geh hinauf und schlafe oben; dort wird es besser sein als hier.‹ Und er nahm das Bett und trug es hinauf, wo er einen prunkvollen Saal fand, dessen Decke vergoldet und dessen Boden und Wände mit Marmor belegt waren. Dort breitete er sich sein Bett aus und setzte sich, indem er ein Kapitel des erhabenen Korans zu sprechen begann; doch ehe er sich dessen versah, hörte er einen rufen und ihn fragen: ›O Ali, Sohn des Hasan, sag an, soll ich dir das Gold herniedersenden?‹ Versetzte er: ›Wo ist das Gold, das du zu senden hast?‹ Kaum aber hatte er das gesagt, so begannen die Goldstücke wie Steine aus einer Schleuder auf ihn herabzuregnen, und nicht eher ließen sie ab, als bis der ganze Saal voll war. Nach dem Goldschauer aber sprach die Stimme: ›Befreie mich, damit ich von hinnen kann, denn ich habe meinen Dienst erfüllt und dir überliefert, was mir für dich anvertraut war.‹ Sprach Ali: ›Ich beschwöre dich bei dem allmächtigen Allah, sag mir, was dieser Goldregen bedeutet.‹ Versetzte die Stimme: ›Er ist ein Schatz, der von alters her auf deinen Namen verzaubert war, und zu einem jeden, der dieses Haus betrat, pflegten wir zu sagen: ›O Ali, Sohn Hasans, sollen wir dir das Gold herniedersenden?‹ Dann waren sie entsetzt und schrien, und wir stürzten uns auf sie hinab, brachen ihnen den Hals und gingen davon. Als aber du kamest und wir dich riefen bei deinem Namen und bei dem deines Vaters und sprachen: sollen wir dir das Gold herniedersenden? und als du erwidertest: und wo ist das Gold? da erkannten wir dich als seinen Eigentümer und sandten[365] es hinab. Ferner liegt noch ein Schatz für dich im Lande Al-Yaman3, und du tätest gut daran, dorthin zu ziehen und ihn zu holen. Jetzt aber wollte ich, du setztest mich in Freiheit, damit ich meiner Wege gehen kann.‹ Sprach Ali: ›Bei Allah, ich will dich nicht eher befreien, als bis du mir den Schatz aus dem Lande Al-Yaman geholt hast!‹ Sprach die Stimme: ›Wenn ich ihn dir bringe, willst du dann mich und auch den Diener des andern Schatzes befreien?‹ ›Ja‹, erwiderte Ali, und die Stimme schrie: ›Schwöre!‹ Da schwor er es ihm, und eben wollte er fort, als Ali zu ihm sprach: ›Ich habe noch ein Verlangen an dich.‹ ›Welches?‹ ›Ich habe in Kairo an dem und dem Orte Weib und Kinder; du mußt auch sie in Ruhe und ohne Unruhe für sie zu mir bringen.‹ Sprach er: ›Ich will sie dir in einer Maultiersänfte mit allem Prunk herbringen, geleitet von einem Zuge Eunuchen und Diener, und zwar zugleich mit dem Schatz aus Al-Yaman, Inschallah!‹ Dann nahm er auf drei Tage Urlaub, um in dieser Frist alles zu bringen, und verschwand. Als nun der Morgen kam, ging Ali im Saal umher und suchte nach einem Platz, wo er das Gold verbergen könnte; und am Rande der Estrade fand er eine Marmorplatte mit einem Drehgriff; er drehte also den Griff, und die Platte sank und entblößte eine Tür; und als er sie öffnete und eintrat, fand er eine große Kammer voller Säcke aus grober Leinwand, die sorgfältig genäht waren. Er nahm sie heraus, füllte sie mit dem Golde und verstaute sie in der Kammer, bis er alles Gold des Schatzes dorthin gebracht hatte; dann schloß er die Tür, drehte den Griff, und die Platte kehrte an ihre Stelle zurück. Und schließlich ging er hinab und setzte sich auf die Bank hinter der Tür; und bald darauf pochte es, und als er öffnete, erblickte er den Sklaven des Kaufmanns. Als aber der ihn in aller Ruhe sitzen sah, kehrte er eilig zu seinem Herrn zurück, indem er sprach: ›O mein Herr, der Kaufmann, der in dem Hause wohnt, darin die Dschann zu hausen pflegten, ist am Leben und wohlauf; und er sitzt auf der Bank hinter der Tür.‹ Da stand der Kaufmann freudig auf, ging in das Haus und nahm das Frühmahl mit. Und als er Ali erblickte, umarmte er ihn, küßte ihn zwischen den Augen[366] und fragte: ›Wie hat Allah an dir gehandelt?‹ Versetzte Ali: ›Sehr gut; ich habe oben im Marmorsaal geschlafen.‹ Fragte der Kaufmann: ›Ist etwas zu dir gekommen, oder hast du irgend etwas gesehen?‹ Versetzte Ali: ›Nein; ich sprach ein paar Verse aus dem erhabenen Koran und schlief bis zum Morgen; und als ich aufgestanden war und die geringere Waschung vorgenommen und gebetet hatte, setzte ich mich auf die Bank hinter dieser Tür.‹ ›Preis sei Allah für deine Rettung!‹ rief der Kaufmann aus; dann verließ er ihn und schickte ihm alsbald schwarze Sklaven, Mamelucken und Sklavinnen, sowie alles Hausgerät. Die fegten alle Räume von oben bis unten und stellten das prunkvolle Gerät darin auf; dann blieben drei weiße und drei schwarze Sklaven und vier Sklavinnen bei ihm, während die andern zurückkehrten in das Haus ihres Herrn. Als nun die Kaufleute von ihm hörten, schickten sie ihm allerlei wertvolle Dinge als Geschenke, bis hinab zu Speise und Trank und Kleidern; und sie nahmen ihn mit auf den Markt, indem sie fragten: ›Wann wird deine Ware kommen?‹ Versetzte er: ›In drei Tagen ist sie sicherlich hier.‹ Und als die Zeit verstrichen war, kam der Diener des ersten Schatzes, des goldenen Regens, zu ihm und sprach: ›Zieh hinaus, dem Schatz entgegen, den ich dir zugleich mit deinem Harim aus Al-Yaman holte; denn ich bringe einen Teil des Reichtums in Gestalt kostbarer Waren; die Eunuchen aber und Mamelucken und Maultiere und Kamele gehören alle zu den Dschann.‹ Denn als der Dschinni nach Kairo gekommen war, hatte er Alis Weib und Kinder in argem Elend angetroffen, nackt und hungernd; und er hatte sie in einer Reisesänfte hinausgeführt aus der Stadt und sie in prunkvolle Gewänder eingekleidet aus den Stoffen, die sich im Schatz von Al-Yaman fanden. Als Ali das hörte, stand er auf, begab sich zu den Kaufleuten und sprach zu ihnen: ›Auf und zieht mit uns hinaus vor die Stadt, der Karawane entgegen, die mir meine Waren bringt, und ehrt uns mit der Gegenwart eurer Harims, um meinen Harim zu empfangen.‹ ›Hören und Gehorsam,‹ erwiderten sie, schickten nach ihren Harims und zogen insgesamt hinaus und setzten sich in einem der Gärten der Stadt; und als sie dort plaudernd saßen, siehe, da erhob sich eine Staubwolke[367] aus dem Herzen der Wüste, und sie drängten vorwärts, um zu sehen, was es wäre. Und als sie sich hob, entdeckten sie Maultiere und Maultiertreiber, Zeltaufschläger und Fackelträger, die singend und tanzend daherkamen; und als die Karawane den Garten erreichte, trat der Führer der Maultiertreiber auf Ali zu, küßte ihm die Hand und sprach: ›O mein Gebieter, wir haben lange gebraucht zu der Reise, denn wir gedachten schon gestern einzuziehen; aber wir fürchteten die Räuber und blieben also vier Tage lang an unserer Haltestelle, bis der allmächtige Allah uns von ihnen befreite.‹ Da stiegen die Kaufleute auf ihre Tiere und ritten mit der Karawane dahin, und die Harims warteten hinter ihnen, bis Alis Weib und Kinder mit ihnen aufsaßen und sie alle einzogen in prunkvollem Aufzug. Die Kaufleute staunten ob der Anzahl der mit Kisten beladenen Maultiere, und die Frauen der Kaufleute wunderten sich ob des reichen Schmucks seines Weibes und der feinen Gewänder seiner Kinder; und immerfort sagten sie untereinander: ›Wahrlich, der König von Bagdad hat keine solche Kleidung; nein, auch keiner der Könige oder der Herren oder der Kaufleute sonst.‹ Und sie ließen nicht ab, in solchem Prunk dahinzuziehen, die Männer mit Ali, dem Kairenser, und die Harims mit seinem Harim, bis sie zu dem Hause kamen, wo sie absaßen und die Maultiere mit ihren Lasten mitten auf den Hof geleiteten. Dann luden sie sie ab und verstauten die Waren, während die Frauen der Kaufleute mit Ali und den Seinen in den Saal hinaufgingen, den sie gleich einem üppigen Garten mit allem Prunk des Geräts versehen fanden. Dort saßen sie heiter und guten Mutes bis zum Mittag; dann brachte man ihnen die Mittagsmahlzeit, allerlei Gerichte und Süßigkeiten, und alles vom Besten; und sie aßen und tranken kostbare Scherbette und parfümierten sich dann mit Rosenwasser und duftenden Hölzern. Und schließlich nahmen sie Abschied und gingen nach Hause, so Männer wie Frauen. Und als die Kaufleute in ihre Häuser kamen, schickten sie dem Gatten je nach ihren Mitteln Geschenke; und auch ihre Frauen schickten seinem Weibe Geschenke, so daß große Mengen von Sklavinnen und Negern und Mamelucken zu ihnen kamen, und ferner allerlei Waren, wie Korn, Zucker und so weiter, in unerhörter Fülle. Der[368] Kaufmann von Bagdad aber, der Herr des Hauses, blieb bei Ali und verließ ihn nicht, sondern sprach zu ihm: ›Laß die schwarzen Sklaven und die Diener, die Maultiere und das Vieh in eins meiner andern Häuser führen, damit sie ruhen.‹ Sprach Ali: ›Sie brechen noch heute daunddahin auf.‹ Und er gab ihnen Urlaub hinauszuziehen und vor der Stadt zu lagern, damit sie mit Einbruch der Nacht ihre Reise antreten könnten; und sie nahmen Abschied von ihm, kaum noch glaubend, daß sie entlassen seien, brachen auf vor die Stadt und flogen durch die Luft davon zu ihren Stätten. Ali und sein Hausherr saßen nun derweilen beisammen, bis ein Drittel der Nacht verstrichen war; dann brachen sie ihr Gespräch ab, und der Kaufmann kehrte in sein Haus zurück, während Ali zu seinem Weibe und seinen Kindern ging; und als er sie begrüßt hatte, fragte er: ›Was ist euch in all der Zeit während meiner Abwesenheit widerfahren?‹ Da erzählte sie ihm alles, was sie erduldet hatte vor Hunger und Nacktheit und Mühsal, und er sprach: ›Preis sei Allah für die Rettung! Und wie seid ihr gekommen?‹ Versetzte sie: ›O mein Herr, ich lag gestern nacht mit meinen Kindern im Schlafe, als uns plötzlich und unerwartet jemand vom Boden aufhob und mit uns durch den Himmel flog, ohne uns etwas anzutun, und er schwebte mit uns dahin, bis er uns niedersetzte an einem Ort, der da war wie ein Lagerplatz der Araber. Dort sahen wir beladene Maultiere und eine Reisesänfte auf zwei Eselinnen, und ringsherum Sklaven, Männer und Knaben. Fragte ich: ›Wer seid ihr, und was für Lasten sind dies, und wo sind wir?‹ Versetzten sie: ›Wir sind die Diener des Kaufmanns Ali aus Kairo, des Sohnes des Juweliers, und er hat uns ausgeschickt, euch zu ihm nach Bagdad zu bringen.‹ Sprach ich: ›Sagt, ist es nah oder weit bis Bagdad?‹ Versetzten sie: ›Nah; es liegt nur das Dunkel der Nacht zwischen uns und der Stadt.‹ Dann setzten sie uns in die Sänfte, und als der Morgen tagte, waren wir bei dir, ohne die geringste Beschwerde erlitten zu haben.‹ Sprach er: ›Wer gab euch jene Gewänder?‹ Sprach sie: ›Der Führer der Karawane öffnete eine der Kisten, die die Maultiere trugen, nahm diese Kleider heraus und gab mir und deinen Kindern einem jeden ein Gewand; dann verschloß er die Kiste wieder,[369] gab mir den Schlüssel und sprach: ›Bewahre ihn, bis du ihn deinem Gatten geben kannst.‹ Und hier habe ich ihn wohlverwahrt bei mir. Mit diesen Worten gab sie ihm den Schlüssel, und er sprach: ›Kennst du die Kiste?‹ Sprach sie: ›Ja, ich kenne sie.‹ Und er führte sie hinab in das Lager und zeigte ihr die Ballen, und sie rief: ›Dies ist die Kiste, aus der die Kleider kamen.‹ Er also steckte den Schlüssel ins Schloß, öffnete die Kiste und fand darin vielerlei Gewänder und die Schlüssel zu all den andern Kisten. Er nahm sie und begann die Kisten eine nach der andern zu öffnen, und als er die Augen an den Edelsteinen und Edelerzen, die sie enthielten, und derengleichen keiner der Könige besaß, geweidet hatte, verschloß er sie wieder, kehrte in den Saal zurück und sprach zu seinem Weibe: ›Dies gab uns die Güte Allahs, des Allmächtigen!‹ Dann führte er sie zu der geheimen Platte, drehte den Griff und öffnete die Tür zu der Kammer; und er trat ein mit ihr und zeigte ihr das Gold, das er dort verborgen hatte. Sprach sie: ›Woher hast du all das?‹ ›Es kam zu mir durch die Gnade meines Herrn,‹ versetzte er. ›Als ich dich in meiner Not verließ, schiffte ich mich in Bulak ein nach Damietta, und dort traf ich einen Freund, der mich nach Damaskus schickte.‹ Kurz, er erzählte ihr von Anfang bis zu Ende alles, was ihm widerfahren war. Sprach sie: ›O mein Herr, all das kommt durch den Segen deines Vaters und durch seine Gebete, dieweil er vor seinem Tode für dich betete und sprach: ›Ich flehe zu Allah, daß er dich in keine Nöte schleudere, es sei denn, daß er dir schnelle Rettung gewähre!‹ Also Preis sei Allah, dieweil er dir Erlösung schickte und dir mit mehr vergalt als du verlorest! Aber Allah sei mit dir, o mein Herr, kehre nicht zu deiner Gewohnheit zurück, dich zweifelhaftem Volk zu gesellen; sondern gib acht, daß du Allah fürchtest (sein Name sei erhoben!) sowohl im geheimen wie vor den Leuten.‹ Und da sie ihn noch weiter ermahnte, sprach er: ›Ich nehme deine Ermahnung an, und ich bitte den Allmächtigen, daß er uns die Taugenichtse fernhalte und uns fest aufrichte im Gehorsam gegen ihn und in der Beobachtung der Gesetze und im Wandel seines Propheten, auf dem Segen ruhe und Friede!‹

Hinfort nun führte Ali mit seinem Weibe und seinen Kindern ein Leben in aller Freude und Tröstlichkeit; und er eröffnete sich einen[370] Laden im Basar der Kaufleute, versah ihn mit einigen Edelsteinen und Goldbarren und setzte sich mit seinen Kindern und seinen weißen Sklaven hinein. Auf diese Weise wurde er der bedeutendste der Kaufleute von Bagdad, und sein Ruf erreichte den König der Stadt, der ihm einen Boten schickte, um ihn zur Aufwartung zu befehlen, und ihm sagen ließ: ›Entsprich dem Rufe des Königs, der nach dir verlangt.‹ Versetzte er: ›Ich höre und gehorche‹, und rüstete alsbald sein Geschenk. Er nahm vier Platten aus rotem Golde, füllte sie mit Juwelen und edlen Metallen, wie sie kein König besaß, ging in den Palast, trat vor die Majestät, küßte den Boden zwischen seinen Händen und wünschte dem König in der feinsten Sprache, die er finden konnte, Dauer seines Reichtums und Ruhmes. Sprach der König: ›O Kaufmann, du machst unsere Stadt heiter durch deine Gegenwart!‹ Und Ali erwiderte: ›O König der Zeit, dein Sklave hat dir ein Geschenk gebracht, und er hofft, daß du es annehmest in deiner Huld.‹ Damit setzte er die vier Platten vor dem König hin, und als der sie aufdeckte und sah, daß Edelsteine darauf lagen, derengleichen er nicht besaß und die Schätze Geldes an Wert darstellten, sprach er: ›Dein Geschenk ist angenommen, o Kaufmann, und, Inschallah, wir wollen dir mit seinesgleichen vergelten.‹ Da küßte Ali ihm die Hände und ging davon. Der König aber berief seine Großen und sprach zu ihnen: ›Wieviele der Könige haben meine Tochter zum Weibe begehrt?‹ ›Viele‹, erwiderten sie; und er fragte: ›Hat einer von ihnen mir ein solches Geschenk gemacht?‹ ›Keiner,‹ erwiderten sie, ›denn keiner besitzt seinesgleichen.‹ Sprach er: ›Ich habe Allah, den Allmächtigen, durchs Los gefragt, ob ich meine Tochter diesem Kaufmann vermählen soll. Was sagt ihr?‹ ›Es sei, wie du denkst‹, erwiderten sie. Da befahl er dem Eunuchen, die vier Platten in seinen Serail zu tragen, und er ging zu seinem Weibe und legte sie ihr vor. Sie enthüllte sie, und da sie auf ihnen erblickte, wessengleichen sie nicht besaß, ja, nicht einmal einen Teil davon, so sprach sie zu ihm: ›Von welchem der Könige erhieltest du das? Vielleicht von einem der Herrscher, die sich um deine Tochter bewerben?‹ Sprach er: ›Nein, ich erhielt all das von einem ägyptischen Kaufmann, der kürzlich in diese unsere Stadt gekommen ist.[371] Als ich nun von seiner Ankunft hörte, schickte ich zu ihm, um ihn vor mich zu entbieten, denn ich gedachte seine Bekanntschaft zu machen, um zu sehen, ob wir ein paar Juwelen bei ihm finden würden, die wir für den Schatz unserer Tochter erstehen könnten. Er gehorchte unserm Ruf und brachte uns diese vier Platten als Geschenk, und ich fand in ihm einen schönen Jüngling von würdiger Erscheinung, ebenso klug wie gewandt, fast wie die Söhne der Könige sein sollten. Daher gewann er sich auf den ersten Blick mein Herz, und mein Herz freute sich seiner, so daß ich es für gut befand, ihm meine Tochter zu vermählen. Ich zeigte also meinen Großen das Geschenk, und sie stimmten mir bei, daß keiner der Könige etwas wie dies besäße, und ich erzählte ihnen von meinem Plane. Was aber sagst du dazu?‹ Versetzte sie: ›O König der Zeit, das zu ordnen, steht in Allahs Hand und in deiner, und was immer Allah will, das wird geschehen.‹ Versetzte der König: ›Wenn es sein Wille ist, so will ich sie keinem andern vermählen als diesem Jüngling.‹ Mit diesem Entschlusse schlief er die Nacht, und am Morgen ging er in seinen Diwan und entbot Ali und all die übrigen Kaufleute von Bagdad; und als sie kamen, hieß er sie sich setzen. Dann sprach er: ›Bringt mir den Kasi des Diwan.‹ Und sie brachten ihn. Sprach der König zu ihm: ›O Kasi, schreibe den Ehevertrag zwischen meiner Tochter und dem Kaufmann Ali, dem Kairenser.‹ Ali aber sprach: ›Vergib, o unser Herr und Sultan! Es geziemt sich nicht, daß ein Händler wie ich eines Königs Eidam werde.‹ Sprach der König: ›Es ist mein Wille, dir diese Gunst wie auch das Vezierat zu verleihen.‹ Und er bekleidete ihn alsbald mit dem Amt und dem Amtsgewand des Veziers. Da setzte Ali sich auf den Stuhl des Vezierats und sprach: ›O König der Zeit, du hast mir so viel verliehen, und wahrlich, mich ehrt deine Güte; doch höre ein Wort, das ich dir zu sagen habe.‹ Versetzte er: ›Sprich und fürchte nichts.‹ Sprach Ali: ›Da es dein erhabener Beschluß ist, deine Tochter zu vermählen, so tätest du besser daran, sie meinem Sohne zu vermählen.‹ Sprach der König: ›So hast du einen Sohn?‹ Und Ali erwiderte: ›Ja.‹ ›Laß ihn auf der Stelle holen‹, sagte der König. Versetzte Ali: ›Hören und Gehorsam!‹ Und er entsandte[372] einen Diener, seinen Sohn zu holen; der kam und küßte vor dem König den Boden, worauf er in ehrfurchtsvoller Haltung stehen blieb. Der König sah ihn an, und da er erkannte, daß er noch schöner war als seine Tochter, und herrlicher noch als sie in Wuchs und Verhältnissen, Glanz und Vollendung, so sprach er zu ihm: ›Welches ist dein Name, o mein Sohn?‹ ›Mein Name ist Hasan, o unser Herr und Sultan,‹ versetzte der Jüngling, der damals vierzehn Jahre alt war. Sprach der Sultan zu dem Kasi: ›Schreibe den Ehevertrag zwischen meiner Tochter und Hasan, dem Sohn des Kaufmanns Ali aus Kairo.‹ Der also schrieb den Ehevertrag, und alles endete in schönstem Einklang; die den Diwan besucht hatten, gingen davon, und die Kaufleute folgten dem Vezier Ali, indem sie ihm das Geleit bis zu seinem Hause gaben, wo sie ihm Glück wünschten zu seiner Beförderung, um dann aufzubrechen. Er aber ging zu seinem Weibe, und als sie ihn im Gewande des Veziers erblickte, rief sie: ›Was bedeutet dies?‹ Und er erzählte ihr von Anfang bis zu Ende alles, was geschehen war, worauf sie sich in höchster Freude freute. Die Nacht verstrich, und am folgenden Tage ging er in den Diwan hinauf, wo ihn der König mit besonderer Gunst empfing, ihm einen Platz dicht an seiner Seite anwies und zu ihm sprach: ›O Vezier, wir gedenken die Hochzeitsfestlichkeiten zu beginnen und deinen Sohn zu unserer Tochter zu bringen.‹ Versetzte Ali: ›O unser Herr und Sultan, was du für gut befindest, das ist gut.‹ Der Sultan also gab Befehl, die Feste zu feiern, und man schmückte die Stadt und feierte dreißig Tage lang in aller Freude und Fröhlichkeit; und als diese Frist verstrichen war, ging Hasan, der Sohn Alis, des Veziers, hinein zu der Prinzessin und freute sich ihrer Schönheit und Lieblichkeit. Als nun die Königin ihrer Tochter Gatten sah, faßte sie warme Liebe zu ihm, und ebenso freute sie sich sehr seiner Mutter. Dann befahl der König, seinem Eidam Hasan bin Ali in aller Eile einen prunkvollen Palast zu erbauen, darin er seinen Wohnsitz aufschlug; und seine Mutter pflegte immer ein paar Tage bei ihm zu weilen und dann hinabzugehen in ihr eigenes Haus. Nach einer Weile aber sprach die Königin zu ihrem Gatten: ›O König der Zeit, Hasans Herrin-Mutter kann nicht ihren Wohnsitz bei ihrem Sohn[373] aufschlagen und den Vezier verlassen; und ebensowenig kann sie bei dem Vezier ausharren und ihren Sohn im Stiche lassen.‹ ›Du sprichst die Wahrheit,‹ erwiderte der König; und er befahl, einen dritten Palast zu erbauen, neben dem Hasans; und als der in wenigen Tagen vollendet war, ließ er die Habe des Veziers dorthin bringen, und der Minister schlug mit seinem Weibe seinen Wohnsitz darin auf. Nun standen die drei Paläste untereinander in Verbindung, so daß der König, wenn er Lust hatte, seinen Vezier bei Nacht zu sprechen, zu ihm zu gehen oder nach ihm zu schicken pflegte; und ebenso war es mit Hasan und seinem Vater und seiner Mutter. In dieser Weise genossen sie alle Freude und das höchste Glück, bis der König erkrankte und seine Krankheit ihn bedrängte. Da berief er die Herren des Reiches und sprach zu ihnen: ›Mich hat eine schwere Krankheit befallen, vielleicht gar eine tödliche; und ich habe euch deshalb berufen, um euch über etwas zu befragen, worin ihr mir raten sollt, wie es euch am besten scheint.‹ Fragten sie: ›Was ist das, worüber du dich mit uns beraten möchtest, o König?‹ Und er erwiderte: ›Ich bin alt und kränklich, und ich fürchte nach meinem Tode von meinen Feinden Unheil für das Reich; deshalb möchte ich, daß ihr euch alle einigt auf einen, den ich schon zu meinen Lebzeiten als König ausrufen lasse, damit ihr ruhig sein könnt.‹ Da sprachen sie einstimmig: ›Wir alle stimmen für deiner Tochter Gatten, Hasan, den Sohn Alis, des Veziers; denn wir haben seine Klugheit und seinen vollendeten Verstand erkannt, und er kennt den Rang aller, der Großen wie der Kleinen.‹ Fragte der König: ›Seid ihr euch wirklich darüber einig?‹ Versetzten sie: ›Ja.‹ Sprach er: ›Vielleicht sagt ihr alle das nur aus Ehrfurcht vor mir, und hinter meinem Rücken werdet ihr anders reden?‹ Sie aber riefen sämtlich: ›Bei Allah, unser Wort ist in der Heimlichkeit und vor den Leuten das gleiche, und wir nehmen ihn offen und herzlichsten Herzens und weiter Brust entgegen.‹ Sprach er: ›Wenn es so steht, so bringt den Kasi des heiligen Gesetzes und alle die Kämmerlinge und Vizekönige und Würdenträger morgen vor mich her, und wir wollen die Sache in geziemender Weise ordnen.‹ ›Wir hören und gehorchen‹ erwiderten sie; und sie gingen davon und benachrichtigten alle die Olema,[374] die Rechtsgelehrten und die Höchsten unter den Emiren. Und als der Morgen tagte, kamen sie in den Diwan hinauf, und als sie die Erlaubnis zum Eintritt erbeten und erhalten hatten, grüßten sie den König und sprachen: ›Hier stehen wir alle vor dir.‹ Versetzte er: ›O ihr Emire von Bagdad, wen wollt ihr nach meinem Tode zum Könige über euch, damit ich ihn noch zu meinen Lebzeiten vor euch allen ernenne?‹ Sprachen sie mit einer einzigen Stimme: ›Wir haben uns geeinigt auf deiner Tochter Gatten, Hasan, den Sohn des Veziers Ali.‹ Sprach er: ›Wenn es so ist, geht alle zu ihm und bringt ihn her.‹ Da standen sie auf, begaben sich in Hasans Palast und sprachen zu ihm: ›Auf, komm mit uns zum König!‹ ›Weshalb?‹ fragte er, und sie erwiderten: ›Um einer Sache willen, die sowohl uns wie dir zum Wohle gereichen wird.‹ Er folgte ihnen also zum König und küßte den Boden vor seinem Schwiegervater, der zu ihm sprach: ›Setze dich, o mein Sohn.‹ Er setzte sich, und der König fuhr fort: ›O Hasan, all die Emire haben dich erwählt und sich geeinigt, dich nach mir zum Könige zu machen; nun ist es meine Absicht, dich, während ich noch lebe, auszurufen und so die Sache zu erledigen.‹ Hasan aber stand auf, küßte den Boden noch einmal vor dem König und sprach: ›O unser Herr und König, unter den Emiren sind viele, die älter und würdiger sind als ich; also erlaß mir dies.‹ Doch all die Emire riefen und sprachen: ›Wir willigen in nichts, als daß du König sein sollst über uns.‹ Sprach Hasan: ›Mein Vater ist älter als ich, und ich und er, wir sind eins; es geziemt sich nicht, mich über ihn zu erheben.‹ Doch Ali sprach: ›Ich willige in nichts als das, was meine Brüder befriedigt; sie alle haben dich gewählt und sich auf dich geeinigt; also widersprich nicht dem Befehl des Königs und deiner Brüder.‹ Beschämt ließ Hasan vor dem König und seinem Vater den Kopf zu Boden hängen; und der König sprach zu den Emiren: ›Nehmt ihr alle ihn an?‹ ›Wir nehmen ihn an‹, erwiderten sie und sprachen das Eröffnungskapitel siebenmal. Sprach der König: ›O Kasi, fertige eine gesetzliche Urkunde aus, darin bezeugt wird, daß diese Emire sich einig sind, den Gatten meiner Tochter Hasan zum König zu machen.‹ Der Kasi schrieb die Urkunde und machte sie bindend für alle Menschen,[375] nachdem sie Hasan insgesamt den Treueid geschworen hatten. Dann tat der König desgleichen und hieß ihn sich setzen auf dem Throne des Königstums. Und alle erhoben sich und küßten dem König Hasan die Hände und huldigten ihm und schworen ihm Treue. Und der neue König sprach an diesem Tage in echt königlicher Weise Recht unter dem Volke, und er kleidete die Großen des Reiches in prunkvolle Ehrengewänder. Als aber der Diwan aufbrach, ging er hinein zu seinem Schwiegervater und küßte ihm die Hände. Sprach der zu ihm: ›O mein Sohn, gib acht, daß du die Untertanen in der Furcht Allahs beherrschest.‹ Worauf Hasan versetzte: ›O mein Vater, durch deine Gebete für mich wird die Gnade und Leitung Allahs zu mir kommen.‹ Dann ging er in seinen eigenen Palast, und sein Weib und ihre Mutter und ihre Dienerinnen traten ihm entgegen, küßten ihm die Hände, wünschten ihm Glück zu seiner Erhöhung und sprachen: ›Gesegnet sei dieser Tag!‹ Und schließlich ging er zu seinem Vater und seiner Mutter, die sich in höchster Freude dessen freuten, was Allah ihnen gewährt hatte, indem er ihn zum König erhöhte, und sein Vater ermahnte ihn, Allah zu fürchten und barmherzig an seinen Untertanen zu handeln. Er verbrachte die Nacht in Freude und Fröhlichkeit, und als er am folgenden Morgen die vorgeschriebenen Gebete gebetet und sie mit den gebräuchlichen kurzen Kapiteln des Korans beschlossen hatte, ging er zum Diwan hinauf, wohin auch alle seine Hauptleute und Würdenträger kamen. Er brachte den Tag hin, indem er Recht sprach unter dem Volke, das Gottesfürchtige befahl und das Gottlose verbot, indem er zu Ämtern ernannte und von Ämtern absetzte, bis der Tag zu Ende ging, der Diwan in schsönster Ordnung aufbrach und all die Truppen sich zurückzogen und ein jeder seiner Wege ging. Dann stand er auf und begab sich in den Palast, wo er seinen Schwiegervater schwer von der Krankheit überwältigt fand und zu ihm sprach: ›Möge dir nichts Arges widerfahren!‹ Da öffnete der alte König die Augen und sprach: ›O Hasan!‹ Versetzte er: ›Zu deinen Diensten, o mein Herr.‹ Sprach der alte König: ›Meine Stunde ist da; gib du acht auf dein Weib und ihre Mutter, und sieh, daß du Allah fürchtest und deine Eltern in Ehren haltest; und lebe in Scheu vor dem vergeltenden[376] König und seiner Majestät, und denke stets daran, daß er die Gerechtigkeit und die guten Werke anbefiehlt!‹ Versetzte König Hasan: ›Ich höre und gehorche.‹ Nun siechte der alte König noch drei Tage hin, um dann in die Gnade des allmächtigen Allah einzugehen. Und man bahrte ihn auf und hüllte ihn in das Laken und begrub ihn; und bis zum Ablauf der gebräuchlichen vierzig Tage wurde der Koran über seinem Grabe gelesen. Und der König Hasan, der Sohn des Veziers, regierte an seiner Stelle, und seine Untertanen freuten sich seiner, und seine Tage waren eitel Fröhlichkeit; sein Vater aber blieb sein erster Vezier zu seiner Rechten, und er nahm sich noch einen zweiten Vezier zu seiner Linken. Seine Herrschaft war gedeihlich und wohlgeordnet, und er lebte ein langes Leben als König von Bagdad; und Allah segnete ihn durch die Tochter des alten Königs mit drei Söhnen, die nach ihm das Königreich erbten, und sie lebten in der Freude und in den Genüssen des Lebens, bis zu ihnen kam der Vernichter aller Wonnen und der Trenner aller Gemeinschaft. Ruhm aber sei Ihm, der ewig ist, und in dessen Händen Bestätigung und Tilgung ruhen!

Fußnoten

1 Die Insel Rausah ist noch heute ein Ausflugsort.

2 Vorort von Kairo.

3 Jemen, Südarabien.

Quelle:
Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 357-377.
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