Die Geschichte vom Kalifen Omar bin al-Khattab[352] 1 und dem jungen Badawi

Der Kalif Omar ibn al-Khattab saß eines Tages und sprach Recht unter dem Volk und richtete über seine Untertanen, umgeben von den besten und weisesten seiner Ratgeber, als ein schöner und sauber gekleideter Jüngling zu ihm kam, an den zwei sehr stattliche Jünglinge Hand gelegt hatten, die ihm am Kragen bis vor den Kalifen schleppten. Da blickte der Beherrscher der Gläubigen, Omar, ihn wie sie an und befahl ihnen, ihn los zu lassen; dann rief er ihn dicht zu sich und fragte die beiden: ›Welches ist eure Klage wider ihn?‹ Versetzten sie: ›O Fürst der wahren Gläubigen, wir sind zwei Brüder von einer Mutter, und wir sind bekannt als Jünger der Wahrheit. Wir hatten einen Vater, einen sehr alten Mann von guter Einsicht; der war geehrt unter den Stämmen, frei von Gemeinheit und berühmt ob seiner ehrwürdigen Erscheinung; er zog uns zärtlich auf in unserer Kindheit und überschüttete uns mit Gaben, als wir erwachsen waren. Nun ging er heute in seinen Garten hinaus, um sich unter seinen Bäumen zu erfrischen und die reifen Früchte zu pflücken; da aber erschlug ihn dieser Jüngling schmählich, indem er vom rechten Wege abwich; deshalb verlangen wir von dir Vergeltung für sein Verbrechen, und wir rufen dich an, nach dem Gebote Allahs dein Urteil über ihn zu fällen.‹ Und Omar warf einen furchtbaren Blick auf den angeklagten Jüngling und sprach zu ihm: ›Wahrlich, du hörest die Klage, die diese beiden Jünglinge vorbringen; was hast du zur Antwort anzuführen?‹ Er aber war tapferen Herzens und kühner Rede, denn er hatte das Gewand der Kleinmut und den Mantel der Feigheit abgelegt; und er lächelte und sprach mit den beredtesten und gewandtesten Worten; und nachdem er dem Kalifen[353] den gewöhnlichen förmlichen Gruß geboten hatte, fuhr er fort: ›Bei Allah, o Beherrscher der Gläubigen, ich habe wirklich ihrer Klage mein Ohr geliehen, und sie haben dir in dem, was sie sagten, die Wahrheit gesagt, insofern sie nämlich den Vorgang schilderten; der Beschluß Allahs aber ist eine bestimmte Bestimmung. Nun will ich dir gleich meinen Fall zwischen die Hände legen, und es steht bei dir, Befehle zu erteilen. Wisse also, o Fürst der Gläubigen, ich bin ein Araber aus Arabien2, von den edelsten einer, die da leben unter dem Himmel. Ich wuchs auf in den Wohnungen der Wüste und der Hügel, bis meinen Stamm böse Zeiten heimsuchten. Da kam ich mit den Meinen und mit allem, was ich an Habe besitze, zu den Säumen dieser Stadt; und als ich einen der Pfade dahinzog, die zu ihren Gärten und Obstgeländen führen, mit meinen Stuten, die ich hochachte und als höchst wertvoll betrachte (und in ihrer Mitte schritt auch ein Hengst aus edlem Blut, herrlich von Wuchs, der unter ihnen einherging, wie wenn sie seine Königskrone wären), da brach eine der Stuten aus; und sie lief zu dem Garten des Vaters dieser Jünglinge, wo sich die Bäume über der Mauer zeigten, und sie streckte die Lippen aus und begann von den Zweigen zu fressen, die sich niederneigten. Schnell lief ich herbei, um sie zu verjagen, doch siehe, da erschien in einer Bresche der Mauer ein Mann, alt und grau vor vielen Tagen; seine Augen sprühten wie vom Wahnsinn des Zorns geschlagen, und er hielt in der Hand einen Stein, groß und schwer, und er schwankte hin und her, und er wog den Schwung, wie ein Löwe, bereit zum Sprung. Und er warf den Stein, der meinen Hengst traf und ihn tötete, denn er hatte eine tödliche Stelle getroffen. Als ich nun den Hengst tot neben mir niedersinken sah, da war mir, als würden in meinem Herzen Kohlen des Zornes entflammt; und ich griff ebendenselben Stein auf, und da ich ihn schleuderte wider den alten Mann, so war er die Ursache für all diesen Unheilsbann; so kehrte sein eigenes Unrecht zu ihm zurück im Flug, und er wurde erschlagen mit dem, womit er selber erschlug. Als der Stein ihn traf, da schrie er auf in einem lauten Schrei, und er brüllte auf[354] mit furchtbarem Gebrüll, worauf ich von hinnen eilte; diese beiden Jünglinge aber stürzten mir nach und legten Hand an mich und führten mich vor dich.‹ Sprach Omar (Allah, der Allmächtige, nehme ihn auf!): ›Du hast gestanden, was du begangen hast, und zu einem Freispruch liegt keinerlei Möglichkeit vor; denn dringend ist das Gesetz der Vergeltung, und sie schrien um Gnade, doch die Zeit des Entrinnens war dahin.‹3 Versetzte der Jüngling: ›Ich höre und ich gehorche dem Urteil des Imams, und ich willige in alles, was das Gesetz des Islams erfordert; aber ich habe einen jüngeren Bruder, dessen alter Vater vor seinem Hintritt ihm Reichtum verlieh in Hülle und Gold in Fülle, und er vertraute vor Allah mir seine Wohlfahrt an, indem er sprach: ›Ich gebe dir dies für deinen Bruder in deine Hand; bewahre es für ihn mit all deiner Kraft.‹ Und ich nahm das Geld und vergrub es, und niemand weiß davon außer mir. Wenn du mich nun zu sofortigem Tode verurteilst, so ist das Geld verloren, und du bist die Ursache, daß es verloren geht; also wird das Kind dich auf das, was ihm gehört, verklagen an dem Tage, da der Schöpfer richten wird zwischen seinen Geschöpfen. Wenn du mir aber drei Tage Frist gewährst, so will ich einen Vormund ernennen, der sorgen wird für die Habe des Knaben, und dann will ich wiederkehren, um meine Schuld einzulösen. Und ich habe einen, der wird als Pfand hier bleiben für die Erfüllung meines Versprechens.‹ Da neigte der Beherrscher der Gläubigen eine Weile das Haupt zu Boden, hob es wieder, blickte im Kreise auf alle, die zugegen waren, und sprach: ›Wer will als Pfand bei mir bleiben für seine Rückkehr?‹ Und der Jüngling blickte allen ins Gesicht, die ihn umstanden, zeigte unter ihnen allen auf Abu Zarr4 und sprach: ›Dieser wird für mich bürgen und mein Pfand sein.‹ Sprach Omar (Allah nehme ihn auf!): ›O Abu Zarr, hörst du diese Worte und willst du mir Geisel sein für die Rückkehr dieses Jünglings?‹ Versetzte der: ›Ja, o Beherrscher der Gläubigen, drei Tage lang will ich für ihn Geisel sein.‹ Da nahm der Kalif seine Bürgschaft an und ließ den Jüngling gehen. Als nun die festgesetzte Zeit[355] verstrichen und die Gnadenfrist fast oder ganz zu Ende war und der Jüngling doch noch nicht kam, da nahm der Kalif Platz in seinem Rat, und die Gefährten umgaben ihn, wie die Sterne den Mond umgeben, und auch Abu Zarr und die Kläger waren zugegen. Sprachen die Rächer: ›Wo ist der Angeklagte, o Abu Zarr, und wie soll er zurückkehren, nachdem er einmal entflohen ist? Aber wir werden uns nicht vom Platze rühren, bis du ihn uns bringst, auf daß wir Blutrache an ihm nehmen können.‹ Versetzte Abu Zarr: ›Bei der Wahrheit des allweisen Königs, wenn die drei Tage der Gnadenfrist verstreichen und der Jüngling kehrt nicht zurück, so will ich meine Bürgschaft erfüllen und dem Imam meinen Leib überliefern.‹ Und Omar (Allah nehme ihn auf!) fügte hinzu: ›Bei dem Herrn, wenn der Jüngling nicht erscheint, so will ich wahrlich an Abu Zarr erfüllen, was das Gesetz des Islam vorschreibt!‹ Da rannen die Augen aller, die zugegen waren, von Tränen über; und die da zusahen, stöhnten laut, und groß war der Tumult. Und die Ältesten der Gefährten drängten die Kläger, das Blutgeld anzunehmen und sich den Dank des Volkes zu verdienen, aber beide weigerten sich und wollten nichts als die Rache. Während nun das Volk hin und her brauste wie Wogen und laut klagte um Abu Zarr, siehe, da kam der junge Badawi herbei; und indem er vor den Imam trat, grüßte er ihn in aller Höflichkeit (und sein Gesicht perlte vom Schweiß und war wie die Mondsichel glänzendweiß) und sprach: ›Ich habe den Knaben den Brüdern seiner Mutter anvertraut, und ich habe sie bekannt gemacht mit allem, was sich auf seine Angelegenheit bezieht, und ich habe sie hineingezogen in das Geheimnis des Geldes; dann habe ich der Mittagshitze getrotzt, um als freigeborner Mann mein Wort zu halten.‹ Und es staunte das Volk, als es die Treue sah, mit der er sein Wort hielt, so daß er sich festen Herzens dem Tode darbot. Und einer sprach zu ihm: ›Wie edel bist du, o Jüngling, und wie treu dem gegebenen Ehrenwort und deiner Pflicht!‹ Versetzte er: ›Seid ihr nicht überzeugt, daß niemand dem Tode entgehen kann, wenn er sich einstellt? Und ich habe mein Wort gehalten, damit man nicht sagen soll: die Treue ist unter den Menschen verschwunden.‹ Sprach Abu Zarr: ›Bei Allah, o Beherrscher der Gläubigen; ich gab mich zur Geisel her für diesen Jüngling, ohne daß ich wußte, zu welchem[356] Stamme er gehörte, noch hatte ich ihn vor jenem Tage je gesehen; doch als er sich von allen abwandte, die zugegen waren, und mich auswählte, indem er sprach: ›Dieser soll für mich bürgen und mein Pfand sein‹, da schien mir, es sei nicht recht, es ihm zu verweigern, und die Großmut verbot, seinen Wunsch zu enttäuschen, damit man nicht in der Welt zu sagen vermöchte: das Wohlwollen ist entschwunden unter den Menschen.‹ Sprachen die beiden Jünglinge: ›O Beherrscher der Gläubigen, wir vergeben diesem Jüngling das Blut unseres Vaters, denn er hat Trostlosigkeit verwandelt in Fröhlichkeit; auf daß es nicht heiße: die Menschlichkeit erstarb unter den Menschen!‹ Da freute der Kalif sich des Freispruchs für den Jüngling; und er freute sich auch seiner Treue und Wahrhaftigkeit; und er pries die Großmut Abu Zarrs, die er hoch über die all seiner Gefährten erhob, und er lobte den Entschluß der beiden Jünglinge um seiner Menschlichkeit willen, und er pries sie und dankte ihnen und bot ihnen an, das Wergeld für ihren Vater aus dem Schatz zu bezahlen, sie aber lehnten es ab, indem sie sprachen: ›Wir vergaben ihm nur um Allahs, des Gütigen, Erhabenen willen; und wer da also gesonnen ist, der läßt seiner guten Tat nicht Tadel oder Unheil folgen.‹

Fußnoten

1 Der zweite in der ersten (legitimen) Reihe der Kalifen (634-644); seine Tochter Hafsah war eine der Frauen Mohammeds.

2 Arab al-Arabá, aus reinem Blut, im Gegensatz zu den Araboiden, die nicht echte Nachkommen Ismaels sind.

3 Koran XXXVIII, 2.

4 Einer der Aschab oder ›Gefährten‹, die den apostel Mohammed noch in Person gekannt hatten.

Quelle:
Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 352-357.
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