Ein Tagebuchblatt

[150] 1885.


Wie lang ist's her? Erst sieben Jahre!

Und doch klingt's schon: »Es war einmal!«

Der Wiege näher als der Bahre,

Ging ich tagtäglich ins Pennal.


Ich war ein träumerischer Junge,

Las Cicero und Wilhelm Hauff

Und trug das Herz auf meiner Zunge

Und spießte Schmetterlinge auf.
[150]

Auch lief ich, Katzengold zu suchen,

Oft tagelang im Wald umher

Und schwärmte unter hohen Buchen

Von einstger Nimmerwiederkehr.


Betäubend dufteten die Kressen,

Grüngolden floß das Licht herein –

Es war ein seeliges Vergessen,

Vergessen und Vergessensein.


Der Lenzwind ließ die Aeste knarren,

Vom Dorf herüber klang die Uhr,

Ich lag begraben unter Farren

Und stammelte: »Natur! Natur!


In alten Büchern steht geschrieben,

Du bist ein Weib, ein schönes Weib;

Ich bin ein Mensch und muß Dich lieben,

Denn diese Erde ist Dein Leib!


Weh jenem bleichen Nazarener!

Er stieß Dich kalt von Deinem Thron!

Ich aber bin so gut wie Jener

Der Gottheit eingeborner Sohn!


Ich will nicht mönchisch Dich zergeißeln –

Her, Deinen Freudenthränenwein?

Ich will Dein Bild in Feuer meißeln

Und Vollmensch wie ein Grieche sein!


Doch Du, um die in ew'gem Schwunge

Die Welt sich dreht, o Poesie,

O lege Gold auf meine Zunge

Und in mein Herz gieß Melodie!


In ew'ge Lieder laß mich weben,

Wie Du das Herz mir süß erhellt,

Und wie so köstlich doch dies Leben

Und wie so wunderschön die Welt!
[151]

Noch gährt's von Blinden und von Tauben

Und mehr als ein Herz ward zum Stein,

Ich aber lehre sie wieder glauben,

Ich will der neue Johannes sein!


In Deine Wunder will ich wiegen

Die Sehnsucht ihres kranken Seins,

In Deine Arme will ich sie schmiegen,

Denn ich, Du, sie ... o wir alle sind Eins!«


So lag ich träumend einst im Walde,

Wenn tiefblau rings der Himmel hing,

Bis draußen hinter grüner Halde

Die Sonne blutroth unterging.


Dann schritt ich heimwärts, und mit Singen

Begrüß' ich meines Vaters Haus

Und schaute, wenn die Sterne gingen,

Noch lange in die Nacht hinaus.


Und jetzt? – Die heimathlichen Thäler,

Die seine Jugend grün umrauscht,

Hat längst der lyrische Pennäler

Für eine Weltstadt eingetauscht.


Er sieht mit Schauder, wie das Laster

Sich dort juwelenfunkelnd bläht,

Das Elend aber tritt das Pflaster

Von morgens früh bis abends spät!


Er hört, wie nachts in den Fabriken

Der Proletar nach Freiheit schreit,

Indeß ein Volk von Domestiken

Dem nackten Recht ins Antlitz speit!


Er fühlt wie wilde, wilde Flammen

Ihm heiß und roth das Hirn durchlohn,

Und beißt die Zähne fest zusammen

Und murmelt Hohn, Hohn, dreimal Hohn!
[152]

Er sieht, er hört, er fühlt den Jammer

Und wandelt tags von Haus zu Haus

Und grollt dann nachts in seiner Kammer

Sein Herz in wilde Lieder aus.


Er hat es längst, schon längst vergessen,

Wie wohl im Lenz die Sonne thut,

Und wie's im Wald, umblüht von Kressen,

Sich einst so schön, so schön geruht!


Nur manchmal, manchmal noch durchziehen

Sein Herz, das nach Erlösung schreit,

Die grünen Waldhornmelodieen

Der längst verrauschten Kinderzeit.


Dann stöhnt er auf, und seine Hände

Preßt er verzweifelt vors Gesicht

Und rings die weißgetünchten Wände

Erzittern, wenn er schluchzend spricht:


»O Poesie, Du Heiligschöne,

Von Thränen ist mein Herz durchnäßt,

Weil Du den treusten Deiner Söhne

In Nacht und Noth verkümmern läßt!


Ich war ein Kind und sprach: ›O schütte

Dein Füllhorn golden in mein Lied

Und laß mich knien in einer Hütte,

Auf die der Stern der Liebe sieht.


Ja, laß auf einem weißen Zelter

Mich fliegen in den Sonnenschein,

Laß aus des Lebens Freudenkelter

Mein Herzblut sprühn als Liederwein!‹


Du schwebtest segnend durch die Lüfte,

Ich hab Dir selig nachgeblickt,

Und Lenzgoldlicht und Blüthendüfte

Hast Du mir lächelnd zugenickt.
[153]

Und doch, und doch! Du hast gelogen!

Dein Lächeln war ein schönes Gift!

Du hast mich um mich selbst betrogen!

Dein Herz ist schwarz wie Deine Schrift!


Du gabst mir einen wilden Rappen,

Umschnürtest meine Brust mit Erz

Und unter Thränen in mein Wappen

Hast Du gestickt ein blutend Herz!«

Quelle:
Wilhelm Arent (Hg.), Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig 1885, S. 150-154.
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