Warnung und Ermunterung

[230] Siehst du in den hohen Spiegel

Deine Locken gleich zu ringeln,

Scheint ein Bübchen, das hat Flügel,

Dich mit Blumen zu umzingeln:

Dann erscheinen in dem Spiegel

Noch der holden Mädchen drei,

Binden dieses Knaben Flügel,

Anmuth bindet Lieb und Treu.[230]


Wilt du freundlich gern sie sehen,

Bleiben freundlich sie ergeben,

Wilt du dich nur spiegelnd sehen,

Mögen sie wohl frei vorschweben!

Klage nicht, daß Schönheit fliehet,

Schneller flieht das Irrlicht dann,

Bind es nicht durch Kunst, es glühet,

Was uns wärmt auch brennen kann.


Sonnenstrahl wie warm und helle,

Kannst die Wange bald versengen!

Ei wer sieht's im Tanz so schnelle,

Alle Farben da sich drängen:

Amor schwingt die Fackel helle,

Sieht so listig auf den Grund,

Sieht so leicht die falsche Stelle,

Schminke küsset nicht sein Mund.


Wer sich Amor kann verstecken,

Kann auch nimmer selig lieben,

Wer ihn aus dem Schlaf kann wecken,

Kann das Kindlein hart betrüben:

Sei auch Lieb durch Schönheit flüchtig,

Wir entfliehen ja mit ihr,

Blühe Wein und trage tüchtig,

Schönre Kinder bleiben hier.


Statt des einen Amor viele,

Viele Amors ohne Flügel

Kränzen Grazien im Spiele

Und du siehst dich ohne Spiegel:

Siehst du deine Schönheit wieder

In den Kindern, die einst dein,

Schlage nicht die Augen nieder:

Ach wie schön, so schön zu sein.

Quelle:
Achim von Arnim: Sämtliche Werke. Band 22: Gedichte, Teil 1, Bern 1970, S. 230-231.
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