Reis-Morgenlied

[75] Nach den Singweisen:

Ich danck dir schon in Deinem Thron usw.

Ach Gott und Herr, wie groß und schwer usw.

Hör, liebe Seel, die rufft der Herr usw.


1.

Wach auf, mein Hertz,

Denk hinterwärts,

Die Sonn ist aufgegangen.

Nicht wie zuvor

Mit schwarzem Flor

Der Himmel ist behangen.


2.

Das Liecht erwacht,

Verjagt die Nacht:

Erwach auch, mein Gemüte!

Zu Glück der Reis

Gib Ehr und Preis

Des guten Gottes Güte.


3.

Ich schlieff die Nacht:

Gott hat gewacht,

Deß Augen allzeit offen.

Er war mein Schirm,

Daß kein Gestürm

Der Feinde mich betroffen.


4.

Wie oft wünsch ich,

O Vatter! Dich

Zu preisen recht auf Erden!

Nun, was man kan,

Das nimmst Du an:

Dort wir beredter werden.


5.

Mich selbst hab Dir

Zum Dank dafür:

Ich kan Dir mehr nit geben.

Ich bin schon Dein:

Hilf mir es seyn

Und gib Dir selbst mein Leben.


6.

Vergib die Schuld:

Du hast doch Huld,

Ob ich schon Haß verdienet.

Dein Kind bin ich:

Erkenne mich,

Den auch Dein Sohn versühnet.


7.

Dein HimmelZelt

Die Menschen-Welt

Ümhängt an allen Enden.

Du thust noch mehr,

Trägst Erd und Meer

In Deinen Allmacht-Händen.


8.

Ich werd allein

Ohn Dich nit seyn,

Weil Du bist allerwegen.

Bist Du bey mir,

So ist mit Dir

Auch Glück auf meinen Stegen.


9.

Ich brauche Glück.

Viel Netz und Strick'

Auf einen Wandrer lauren.

Dein Engelheer

Leg um mich her:

Diß sind die bästen Mauren.


10.

Laß diese Schaar

Mich der Gefahr

Auf treuer Hand enttragen:

So wird kein Stein

Ein Anstoß seyn

Dem Fus, Roß oder Wagen.


11.

Dein Gnaden-Strahl

Durch finstre Thal

Ohn Furcht mich machet reisen.

Mein Stab, Dein Wort,

Mich fördert fort,

An ihn kan ich mich preisen.


12.

Weg, Feindes-Rott!

Mit mir ist Gott,

An Ihm ich kleb im Glauben.

Trutz der Gefahr!

Sie soll kein Haar

Mir krümmen oder rauben.
[76]

13.

Zeuch mit mir aus,

Bleib auch zu Haus,

O Vatter! bey den Meinen.

Mein Weib und Kind,

Mein Hausgesind

Mit Schutze wolst umzäunen.


14.

Von Haus und Haab

Als Deiner Gab

Abwend auch allen Schaden.

Sey dort und hier,

Bey ihr und mir!

Hör und erhör in Gnaden!


15.

Die liebe rufft:

Trag hin, O Lufft!

Den Wunsch zu meinen Lieben:

Diß sey ein Tag,

Da keine Plag,

Kein Leid sie mög betrüben.


16.

So reis ich heut

In Gotts Geleit,

Laß keine Furcht mich rühren.

Gott wird mich aus

Und auch zu Haus

Mit Freuden wieder führen.


Quelle:
A. Fischer / W. Tümpel: Das deutsche evangelische Kirchenlied des 17. Jahrhunderts, Band 5, Hildesheim 1964, S. 75-77.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Brachvogel, Albert Emil

Narziß. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Narziß. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Albert Brachvogel zeichnet in seinem Trauerspiel den Weg des schönen Sohnes des Flussgottes nach, der von beiden Geschlechtern umworben und begehrt wird, doch in seiner Selbstliebe allein seinem Spiegelbild verfällt.

68 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon