Mein System

[35] Nach dem Französischen des Verfassers der Rhapsodien.


In meines Lebens Flitterjahren

Bestürmt' ich Paphos, Heiligthum,

Doch kaum als die vorüber waren,

Da winkten Ehre mir und Ruhm.


Ich griff zugleich nach Schwert und Leyer,

Allein die Musen gaben mir,

Wie Manchem ihrer lauen Freyer,

Den Korb, und wiesen mir die Thür.
[35]

Ich baute nun auf Mavors Gnade,

Auch lud er mich gefällig ein,

Ich hoffte auf dem grossen Rade

Fortunens glücklicher zu sein,


Von einem Ordensband umwunden,

Träumt' ich den schönsten Lorbeerstrauß,

Schnell war dies Luftphantom verschwunden,

Ein jeder Friede blies es aus.


Nun bot ich der Vernunft die Ehre

Von meiner späten Huldigung:

Ein Vierziger, so dacht' ich, wäre

Nun wohl für sie nicht mehr zu jung.


Allein sie fand es noch gefährlich,

Und stellte sich, o Nilis, dar

In deinem Bilde, weil sonst schwerlich

Der Flüchtling fest zu halten war.


O ja, sie brauchte nicht vergebens

Dich, Zauberin, zu ihrer List,

Die bald die Freude meines Lebens,

Bald meiner Launen Geisel ist.


Genüglich, wenn jetzt mit Vergnügen

Mir der Geschmack die Tafel würzt,

Zufried'ner als bei Nektarzügen,

Wenn mir ein Freund die Zeit verkürzt:


Gleich fertig, meinen Arm zu heben,

Wenn Joseph mich zu Schlachten zieht,

Als willig, mir allein zu leben,

Wenn mich sein Wahlblick übersieht;
[36]

Will ich ihn Sieg auf Sieg mit Freuden

Um seine Schläfe winden seh'n,

Und nur die Glücklichen beneiden,

Die ihm dabei zur Seite steh'n.


Wenn and're ihren Kriegsruhm lieber

Auf faule Zeitungslügen bau'n,

Als ihren Feinden gegenüber

Dem Tode selbst in's Auge schau'n;


Will ich der grossen Männer Schatten

Beneiden um ihr Heldenthum,

Und nur nach ihren grossen Thaten

Mich sehnen, nicht nach ihrem Ruhm.


Und wenn dereinst mit milder'm Blicke

Das Schicksal nieder auf mich sieht,

Dann nehm' ich halb von meinem Glücke,

Und halb theil' ich es andern mit.


Belehrt vom Werth des Glücks hienieden

Durch eig'ne Widerwärtigkeit,

Leb' ich mit meinem Loos zufrieden

In gold'ner Mittelmässigkeit.


Wenn so ein Leben ohne Plage

Dann Nilis werth zu leben hält,

O dann sind meine Greisentage

Mit Jugendschimmer noch erhellt.

Quelle:
Aloys Blumauer: Sämmtliche Gedichte. München 1830, S. 35-37.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Prévost d'Exiles, Antoine-François

Manon Lescaut

Manon Lescaut

Der junge Chevalier des Grieux schlägt die vom Vater eingefädelte Karriere als Malteserritter aus und flüchtet mit Manon Lescaut, deren Eltern sie in ein Kloster verbannt hatten, kurzerhand nach Paris. Das junge Paar lebt von Luft und Liebe bis Manon Gefallen an einem anderen findet. Grieux kehrt reumütig in die Obhut seiner Eltern zurück und nimmt das Studium der Theologie auf. Bis er Manon wiedertrifft, ihr verzeiht, und erneut mit ihr durchbrennt. Geldsorgen und Manons Lebenswandel lassen Grieux zum Falschspieler werden, er wird verhaftet, Manon wieder untreu. Schließlich landen beide in Amerika und bauen sich ein neues Leben auf. Bis Manon... »Liebe! Liebe! wirst du es denn nie lernen, mit der Vernunft zusammenzugehen?« schüttelt der Polizist den Kopf, als er Grieux festnimmt und beschreibt damit das zentrale Motiv des berühmten Romans von Antoine François Prévost d'Exiles.

142 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon