[In jenen äußersten Stunden]

[501] In jenen äußersten Stunden,

Nachts, in des Ölbergs Grunde

Schwitzt' ich, von Ängsten umwunden,

Blutige Ströme für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Wie ich, von Geißeln zerschlagen,

Wunde an Wunde ertragen,[501]

Laß von den Engeln dir klagen,

Wie viele Wunden um dich!

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich.


Stach mich von Dornen die Krone,

Gab man mir Scherben zum Throne,

Reicht man ein Rohr mir zum Hohne,

Ach, da gedacht' ich an dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Ach, und zum Tode geschicket,

Peinlich vom Dornkranz umstricket,

Unter der Kreuzlast gebücket

Schleppt' ich zum Berg mich für dich!

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Sieh, an ein Holz fest geschlagen,

Eiserne Nägel mich tragen;

In einem Meere von Plagen

Wollte ich sterben für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Öffnet der Speer bis zum Grunde

Grausam ins Herz mir die Wunde,

Quillt draus all Tag und all Stunde

Wasser des Lebens für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Sieh alle Wunden erschlossen,

Sieh all mein Blut hingeflossen:

Jegliches Tröpflein vergossen

Hab' ich aus Liebe für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich![502]


Betend zum Vater im Sterben

Fleht' ich, dir Heil zu erwerben,

Setzte dich, Sünder, zum Erben,

Ließ selbst die Mutter für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Himmel und Erd' hat's durchdrungen,

Nacht hat die Sonne umschlungen,

Felsen sind bebend zersprungen,

Als ich verschieden für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Was wär' zu tun noch geblieben?

Da ein unendliches Lieben

Mich zum Erbarmen getrieben,

Opfert' ich ganz mich für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Ließ, dich als Bruder zu lehren,

Mich von Maria gebären,

Gab dann, dich göttlich zu nähren,

Selbst mich als Speise für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Lösgeld für all deine Schulden,

Wollt' ich den Kreuztod erdulden,

Will auch im Himmel in Hulden

Ewiger Lohn sein für dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je

Du auch nur denkest an mich!


Wie ich am Kreuze im Leiden

Deiner gedacht' bis zum Scheiden,

So auch nun, herrschend in Freuden,[503]

Denk' ich ja immer an dich.

Weh, und wer weiß, ob wohl je,

Du auch nur denkest an mich!


Quelle:
Clemens Brentano: Werke. Band 1, München [1963–1968], S. 501-504.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Ausgewählte Gedichte
Märchen / Ausgewählte Gedichte (Fischer Klassik)

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon