|
[560] Montagabend 21. Juli 1834
Sie haben allerlei gesungen,
Und alles war ein einzig Lied,
Vom Zauberknoten süß verschlungen
Aus Huld und Reiz von Glied zu Glied.
Von allem hab' ich nichts gehöret,
Als deines Kinderherzens Schlag,
An dem von Tönen ungestöret
Süß träumend meine Seele lag.
Ich hörte nur von Mirten säuselnd,
Von Lilien, die mir zugenickt,
Von Wölkchen um den Mond hinkräuselnd,
Von Sternen, die mich angeblickt.
Ich hörte nur: süß ist die Linde,
Schlank ist das Reh, blank ist der Fisch,
Das Seelchen gaukelt in dem Kinde,
Ein Nympfchen in dem Waldquell frisch.
Was süß sich in den Tönen wieget
Was sehnet, seufzet, ringt und schwingt,
Ist all süß Lindi, die sich schmieget,
Wenn sie der Augenblick umschlingt.
Es weben all die Wundertöne
Nur einen einzigen Akkord,[560]
Süß ist süß Lieb, sie ist das schöne,
Das linde, liebe, wahre Wort.
In ihr wird jeder Mangel Zierde
Und jede Armut Überfluß,
Ein Kinderseelchen der Begierde
Schwebt leis in ihres Odems Kuß.
Wie lieblich war es heut zu schauen
Das reine feine Wunderbild,
So schwebt die Elfe durch die Auen
Und trägt ein Rosenblatt als Schild.
Wer hat so süß sie ausgerüstet
Wie Ambra, Perl und Elfenbein,
Wer hat ihr Herz so fein gebrüstet
Ein Wiegenbett der Engelein.
Wer schwang so rein das schlanke Hüftchen,
Wer zog die Anmut bis zum Fuß,
Wer trägt sie wie auf Frühlingslüftchen
Die Sehnsucht trägt der Liebe Gruß?
Wer wieget ihr das kluge Köpfchen
Gleich Blumen an der Quelle Saum,
Wer flocht ihr in die schwarzen Zöpfchen
Der leichten linden Kinder Traum?
Wer hat dies holde Kind geschmücket,
Wer hat zu ihm sich hingebückt,
Wer hat es an sein Herz gedrücket?
Der süße Gott, der mich entzückt.
|
Ausgewählte Ausgaben von
Ausgewählte Gedichte
|
Buchempfehlung
»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«
72 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.
424 Seiten, 19.80 Euro