Pater Filucius

Pater Filucius

[347] Aus dem Titel der Erstauflage von 1872[347]



Pater Filucius

Höchst erfreulich und belehrend

Ist es doch für jedermann,

Wenn er allerlei Geschichten

Lesen oder hören kann.


Pater Filucius

So zum Beispiel die Geschichte

Von dem Gottlieb Michael,

Der bis dato sich beholfen

So lala als Junggesell.


Pater Filucius

Zwo bejahrte fromme Tanten

Lenken seinen Hausbestand;

Und Petrine und Pauline

Werden diese zwo benannt.


Pater Filucius

[348] Außerdem, muß ich bemerken,

Ist noch eine Base da,

Hübsch gestaltet, kluggelehrig,

Nämlich die Angelika.


Pater Filucius

Wo viel zarte Hände walten –

Na, das ist so wie es ist!

Kellerschlüssel, Bodenschlüssel

Führen leicht zu Zank und Zwist.
[349]

Ebenso in Kochgeschichten

Einigt man sich öfters schwer.

Gottlieb könnte lange warten,

Wenn Angelika nicht wär.


Pater Filucius

Pater Filucius

Sie besorgt die Abendsuppe

Still und sorgsam und geschwind;

Gottlieb zwickt sie in die Backe:

»Danke sehr, mein gutes Kind!«


Pater Filucius

Grimmig schauen itzt die Tanten

Dieses liebe Mädchen an:

»Ei, was muß man da bemerken?

Das tut ja wie Frau und Mann!«
[350]

Dennoch und trotz allediesem

Geht die Wirtschaft doch so so. –

Aber aber, aber aber

Jetzt kommt der Filuzio.


Pater Filucius

Nämlich dieser Jesuiter

Merkt schon längst mit Geldbegier

Auf den Gottlieb sein Vermögen,

Denkend: »Ach, wo krieg ich dir?«


Pater Filucius

Allererst pirscht er sich leise

Hinter die Angelika,

Die er Äpfelmus bereitend

An dem Herde stehen sah.
[351]

Pater Filucius

Und er spricht mit Vaterstimme:

»Meine Tochter, Gott zum Gruß!«

Schlapp! da hat er im Gesichte

Einen Schleef voll Appelmus.


Pater Filucius

Dieses plötzliche Ereignis

Tut ihm in der Seele leid. –

Ach, man will auch hier schon wieder

Nicht so wie die Geistlichkeit!! –
[352]

Doch die gute Tante Trine

Sehnt sich ja so lange schon

Nach dem Troste einer frommen,

Klerikalen Mannsperson. –


Pater Filucius

Pater Filucius

Da ist eher was zu machen. –

Luzi macht sich lieb und wert,

Weil er ihr als Angebinde

Schrupp, den kleinen Hund, beschert.


Pater Filucius

Schrupp ist wirklich auch possierlich.

Er gehorchet auf das Wort,

Holt herbei, was ihm befohlen,

Wenn es heißet: »Schrupp, apport!«


Pater Filucius

Heißt es: »Liebes Schrupperl, singe!«

Fängt er schön zu singen an;
[353]

Pater Filucius

Spielt man etwas auf der Flöte,

Hupft er, was er hupfen kann.


Pater Filucius

Wenn es heißet: »Wo ist 's Ketzerl?«

Wird er wie ein Borstentier;

Und vor seinem Knurren eilet

Tante Line aus der Tür.

Spricht man aber diese Worte:

»Schrupp, was tun die schönen Herrn?«

Gleich küßt er die Tante Trine,


Pater Filucius

Pater Filucius

[354] Und sie lacht und hat es gern.


Pater Filucius

Eines nur erzeugt Bedenken.

Schrupp entwickelt letzterzeit

Mit dem Hinterfuße eine

Merkliche Geschäftigkeit.


Mancher hat in diesen Dingen

Eine glückliche Natur.

Tante Trine, zum Exempel,

Fühlt von allem keine Spur,
[355]

Pater Filucius

Wohingegen Tante Line

Keine rechte Ruh genießt,


Pater Filucius

Wenn sie abends, wie gewöhnlich,

In der Hauspostille liest.


Pater Filucius

[356] Und auch Gottlieb muß verspüren,

Ganz besonders in der Nacht,


Pater Filucius

Daß es hier


Pater Filucius

und da


Pater Filucius

und dorten

Immer kribbelkrabbel macht.
[357]

Pater Filucius

Prickeln ist zwar auch zuwider,

Doch zumeist die Jagderei;

Und mit Recht soll man bedenken,

Wie dies zu verhindern sei.


Pater Filucius

Mancher liebt das Exmittieren;

Und die Sache geht ja auch.

Aber sicher und am besten –

Knacks! – ist doch der alte Brauch.


Pater Filucius

Freilich ist hier gar kein Ende.

Man gelanget nicht zum Ziel.

Jeder ruft: »Wie ist es möglich?«

Bis man auf den Schrupp verfiel.


Zwar die Tante und Filuzi

Rufen beide tief gekränkt:

»Engelrein ist sein Gefieder!« –

Aber Schrupp wird eingezwängt.
[358]

Pater Filucius

In ein Faß voll Tobakslauge

Tunkt man ihn mit Haut und Haar,


Pater Filucius

Ob er gleich sich heftig sträubte

Und durchaus dagegen war.


Pater Filucius

[359] Drauf so wird in einem Stalle

Er mit Vorsicht interniert,

Bis, was man zu tadeln findet,

So allmählich sich verliert.


Pater Filucius

Anderseits bemerkt man dieses

Unter großem Herzeleid.

Ach, man will auch hier schon wieder

Nicht so wie die Geistlichkeit!!

Jetzt wär alles gut gewesen,

Wäre Schrupp kein Bösewicht. –

Er gewöhnt sich an das Kauen,

Und das läßt und läßt er nicht.


Pater Filucius

[360] Hat er Gottlieb seine Stiefel

Nicht zur Hälfte aufgezehrt?


Pater Filucius

Tante Linens Hauspostille,

Hat er die nicht auch zerstört?


Pater Filucius

Zwar die Tante und Filuzi

Blicken mitleidsvoll empor:

»Armes gutes Schruppuppupperl!

Immer haben sie was vor!!«


Pater Filucius

[361] Ja, es ließe sich ertragen,

Täte Schrupp nur dieses bloß;

Würde Schrupp nicht augenscheinlich

Scham- und ruch- und rücksichtslos.


Pater Filucius

Und so muß er denn empfinden,

Daß zuletzt die böse Tat

Für den Übeltäter selber

Unbequeme Folgen hat.
[362]

Anderseits bemerkt man dieses

Nur mit tiefem Herzeleid.

Ach, man will auch hier schon wieder

Nicht so wie die Geistlichkeit!


Pater Filucius

Leichter schmiegt sich Seel an Seele

In der schmerzensreichen Stund,

Und man schwört in der Bergère

Sich den ew'gen Freundschaftsbund.


Pater Filucius

Aber wie sie da so sitzen,

Öffnet plötzlich sich die Tür.

Gottlieb ruft mit rauher Stimme:

»Ei ei ei, was macht man hier?«
[363]

Pater Filucius

Freilich hüllen sich die beiden

Schnell in fromme Lieder ein;

Doch nur kurze Zeit erschallen

Diese schönen Melodein.


Pater Filucius

Ach, die weltlichen Gewalten! –

Durch des Armes Muskelkraft

Wird der fromme Pater Luzi

Wirbelartig fortgeschafft.
[364]

Pater Filucius

Dieses plötzliche Ereignis

Tut ihm in der Seele leid.

Ach, man will auch hier schon wieder

Nicht so wie die Geistlichkeit!!


Pater Filucius

Schlimm ist's Schrupp dabei ergangen,

Weil er sich hineingemengt;

Mit dem Fuße unvermutet

Fühlt er sich zurückgedrängt.
[365]

Pater Filucius

Pater Luzi aber schleichet

Heimlich lauschend um das Haus.

Ein pechschwarzes Ei der Rache

Brütet seine Seele aus.


Pater Filucius

Gottlieb seine Abendsuppe

Stehet am gewohnten Ort. –

Husch! da steigt wer durch das Fenster;

Husch! jetzt ist er wieder fort.


Pater Filucius

[366] Gottlieb, der im Nebenzimmer

Eben seine Hände wusch,

Sieht's zum Glück und daß der Täter

Lauschend sitzt im Fliederbusch.
[367]

Pater Filucius

Jetzt hebt Gottlieb, friedlich lächelnd,

Von dem Tisch den Suppentopf.


Pater Filucius

Bratsch! – Die Brühe samt der Schale

Kommt Filuzi auf den Kopf.


Pater Filucius

[368] Diese eklige Geschichte

Tut ihm in der Seele leid.

Ach, man will auch hier schon wieder

Nicht so wie die Geistlichkeit!


Pater Filucius

Schrupp, der nur ein wenig leckte,

Zieht es alle Glieder krumm;

Denn ein namenloser Jammer

Wühlt in seinem Leib herum.


Pater Filucius

Pater Luzi, finster blickend,

Heimlich schleichend um das Haus,

Wählt zu neuem Rachezwecke

Zwo verwogne Lumpen aus. –


Pater Filucius

[369] Einer heißt der Inter-Nazi

Und der zweite Jean Lecaq,

Alle beide wohl zu brauchen,

Denn es mangelt Geld im Sack.


Pater Filucius

Eben wandelt in der stillen

Abendkühle der Natur

Base Gelika im Garten –

Horch! Da tönt der Racheschwur!


Pater Filucius

[370] Tieferschrocken, angstbeflügelt

Eilet sie ins Haus geschwind.

Gottlieb küßt sie auf die Backe:

»Danke sehr, mein gutes Kind!«


Pater Filucius

Schleunig sucht er seine Freunde,

Glücklich trifft er sie zu Haus.

Wächter Hiebel ist der erste,

Freudig ruft er: »Sabel raus!«


Pater Filucius

Pater Filucius

[371] Meister Fibel, als der zweite,

Vielerprobt im Amt der Lehr,

Greift in die bekannte Ecke

Mit den Worten: »Knüppel her!«


Bullerstiebel ist der dritte. –

Kaum vernimmt er so und so,

Faßt er auch schon nach der Gabel

Mit dem Rufe: »Nu man to!«


Pater Filucius

Pater Filucius

[372] Nun hat Schrupp, dieweil er leidend,

Sich in Gottliebs Bett gelegt,

Wie er, wenn man nicht zugegen,

Auch wohl sonst zu tuen pflegt.


Pater Filucius

Zwölfe dröhnt es auf dem Turme. –

Leise macht man: Pistpistpist!

Drei Gestalten huschen näher

An das Bett voll Hinterlist.


Pater Filucius

[373] Weh, jetzt trifft der Dolch, der spitze,

Und der Knüppel, dick und rauh,

Und die Taschenmitraljöse –

Aber Schrupp macht: »Auwauwau!«


Pater Filucius

In demselbigten Momente

Donnert es von hinten: »Drauf!!«

Und ein blasser Todesschrecken

Hindert jeden Weiterlauf.


Pater Filucius

[374] Pater Luzi ganz besonders

Macht sich ahnungsvoll bereit.

Ach, man will auch hier schon wieder

Nicht so wie die Geistlichkeit!!


Pater Filucius

Hei! Wie Fibels Waffe sauset!


Pater Filucius

[375] Heißa! Wie der Sabel blitzt! –


Pater Filucius

Zwiefach ist der Stich der Gabel,

Weil sie zwiefach zugespitzt. –


Pater Filucius

[376] Motten fliegen, Haare sausen;

Das gibt Leben in das Haus.


Pater Filucius

Hulterpulter! Durch das Fenster

Springt man in die Nacht hinaus.
[377]

Pater Filucius

Klacks! da stecken sie im Drecke.

Ängstlich zappelt noch der Fuß. –

Eine Stimme hört man klagen:

»Oh, Filu – Filucius!!« –


»Kinder, das hat gut gegangen!«

Rufet Gottlieb hocherfreut;

»Wein herbei! Denn zu vermelden

Hab ich eine Neuigkeit.
[378]

Pater Filucius

Länger will ich nicht mehr hausen

Wie seither als Junggesell.

Hier Angelika, die gute,

Werde Madam Michael.«


Pater Filucius

Drauf ergreift das Wort Herr Fibel,

Und er spricht: »Eiei! Sieh da!

Ich erlaube mir zu singen:

Vivat Hoch! Halleluja!!!«
[379]


Pater Filucius

[380]


Quelle:
Wilhelm Busch: Werke. Historisch-kritische Gesamtausgabe, Bde. I-IV, Band 2, Hamburg 1959, S. 347-381.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Pater Filucius
Pater Filucius (Illustrierte Ausgabe) (Dodo Press)
Pater Filucius

Buchempfehlung

Strindberg, August Johan

Inferno

Inferno

Strindbergs autobiografischer Roman beschreibt seine schwersten Jahre von 1894 bis 1896, die »Infernokrise«. Von seiner zweiten Frau, Frida Uhl, getrennt leidet der Autor in Paris unter Angstzuständen, Verfolgungswahn und hegt Selbstmordabsichten. Er unternimmt alchimistische Versuche und verfällt den mystischen Betrachtungen Emanuel Swedenborgs. Visionen und Hysterien wechseln sich ab und verwischen die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn.

146 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon