Fünftes Kapitel.

[71] Ich stand nun also, nachdem mein Gatte gestorben war, allein in der Welt; und da ich noch jung und schön war, wie jedermann sagte, und ich es selbst nicht zum wenigsten glaubte, und da ich außerdem mein ja allerdings kleines Vermögen in meiner Tasche wußte, so schätzte ich meinen Wert nicht allzu gering ein. Bald machten mir denn auch mehrere tüchtige Geschäftsleute den Hof; und zwar einer besonders, ein Leinwandhändler, in dessen Hause ich nach dem Tode meines Gatten eine Wohnung gemietet, da ich mit seiner Schwester befreundet war. Hier hatte ich jede Freiheit und Gelegenheit, mich zu vergnügen, denn diese Schwester meines Hauswirtes war eins der muntersten, tollköpfigsten Dinger, die man sich nur denken kann, wenn auch nicht so sehr Herrin ihrer Tugendsamkeit, wie ich ursprünglich angenommen. Sie brachte mich in eine ausgelassene Gesellschaft und lud oft Personen ein, denen sie die Freude machen wollte, sich die hübsche Witwe einmal anzusehen. Und wie sich die Wespen auf den Zucker stürzen, so hatte ich hier bald einen Überfluß an[72] Bewunderern und fand sogar manche, die sich Liebhaber nannten und Bewerber um meine Hand. Doch hörte ich von keinem einen ehrlichen und endgültigen Antrag; und ich verstand zu gut, was im allgemeinen ihre Absicht war, um je wieder in eine Falle der Art zu gehen, wie ich einst mit meinem ersten jungen Herrn gegangen war. Auch lagen die Verhältnisse jetzt bei mir ja anders, ich hatte Geld in meiner Tasche und brauchte von niemandem etwas geschenkt zu nehmen. Einmal hatte man mich bei der Betrügerei, die man da Liebe nennt, übers Ohr gehauen, aber das sollte mir nicht zum zweiten Male passieren. Ich wollte mich verheiraten oder Witwe bleiben und zwar gut verheiraten oder überhaupt nicht; so ging mein Entschluß.

Ich liebte dabei die Gesellschaft lebenslustiger Männer und unterhielt mich oft und gern mit ihnen; freilich traf ich mitunter auch auf andere, ernstere; doch fand ich nach einiger Beobachtung heraus, daß die angenehmsten Männer das flaueste Geschäft, so zu sagen, für mich gewesen wären, und daß anderseits diejenigen, die mir die redlichsten und besten Offerten zu machen gehabt hätten, wieder die flauesten, langweiligsten und unangenehmsten Menschen vorstellten. Ich war dabei im Grunde gegen einen Kaufmann nicht abgeneigt, doch sollte es ein Kaufmann sein, der auch etwas vom großen Herrn hatte; er mußte, wenn er mich ins Schauspiel oder sonst irgend wohin führte, mit Anstand sich benehmen können, und so wohl aussehen wie nur irgend ein Kavalier; er durfte die Spuren seines Geschäftes nicht auf dem Ausgehrock mit sich herumtragen, und den Kreis, den das Arbeitskäppchen ließ, durfte man auf der Staatsperrücke nicht mehr sehen; auch durfte es nicht den Anschein erwecken, als wäre der ganze Mensch an den Degen gehangen, während dieser doch an ihm hängen mußte, und sein Gesicht durfte kein beständiges Firmenschild sein. Das alles wollte ich nicht.

Nun, und ich fand auch endlich ein solches Zwiegeschöpf, wie ich es suchte, einen Kauf- und[73] Edelmann in einer Person. Aber ach, als sollte es eine Strafe für meine Torheit sein, es wurde wieder ein Reinfall mit mir und ihm.

Der Betreffende war ebenfalls ein Leinwandhändler. Und obwohl meine Freundin mich gern für ihren Bruder gewonnen hätte, wies ich diesen letzteren doch ab; denn es stellte sich heraus, daß ich nur seine Geliebte werden sollte, während ich jetzt durchaus der Meinung war, daß eine Frau nie nötig hat, die »Geliebte« eines Mannes zu werden, wenn sie Geld genug besitzt, um sich zu seiner Frau zu machen.

So hielten mich also nur mein Hochmut, nicht meine Grundsätze, mein Geld, nicht meine Tugend ehrbar.

Aber es sollte sich später zeigen, daß es noch viel besser gewesen wäre, meine Freundin hätte mich als »Geliebte« an ihren Bruder gebracht, als daß ich mich jetzt besagtem Kavalierkaufmann ehelich anvertraute, der zwar ein recht feiner Herr war, ein Lebemann sogar, einer, dem immer Geld in seiner Tasche klimpern mußte, – aber zugleich auch wieder nur der allerarmseligste Bettler.

Doch mich hetzte nur einmal mein Wahn, es müsse durchaus etwas weltmännisches an meinem Gatten sein. Und so kam's, daß ich mich in der dümmsten Weise betrügen ließ. Denn kaum war mein neuer Gatte in dem Besitz meines Geldes, so überließ er sich einer derartigen Verschwendungssucht, daß alles, was ich hatte, und das, was er hatte, dazu, nicht viel länger als ein Jahr reichte. So kurz war die Herrlichkeit meiner zweiten Ehe.

Ungefähr ein viertel Jahr lang tat mein neuer Gatte sehr verliebt in mich und war es auch wohl, so daß ich wenigstens das von ihm hatte, daß er einen großen Teil meines Geldes auf mich und mein Vergnügen verwandte.

»Höre mal, Liebste,« sagte er eines Tages zu mir, »wollen wir nicht für acht Tage eine kleine Lustreise machen?«

»Ei, Lieber,« antwortete ich, »wohin möchtest du denn?«[74]

»Wohin, ist gleich,« sagte er, »ich möchte nur, daß wir auch einmal eine Woche lang wie Leute von Stande leben, wir können ja nach Oxford gehen.«

»Wie aber,« fragte ich, »sollen wir dahin kommen, ich bin ja keine Reiterin, und für einen Wagen ist es zu weit.«

»Zu weit?« sagte er, »für einen Sechsspänner ist kein Ort zu weit. Wenn ich dich einmal reisen lasse, sollst du wie eine Herzogin reisen.«

»Hm,« sagte ich, »es ist ja ein leichtsinniger Streich, aber wenn es dir Spaß macht, mir soll's auch recht sein.«

Wir bestimmten also die Zeit, bestellten einen prächtigen Wagen, sehr gute Pferde, einen Kutscher, einen Postillon und zwei Lakaien in schönen Livreen, einen Vorreiter und einen Pagen. Diese ganze Dienerschaft nannte ihn Mylord, und ich war Ihro Gnaden die Frau Gräfin; und so reisten wir nach Oxford, und die Reise war lustig genug, denn um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, kein Herr von Habenichts in ganz England wußte besser wie ein Mann der großen Welt zu leben, als mein Gatte. Wir sahen uns alle die Merkwürdigkeiten Oxfords an, hatten eine köstliche Zusammenkunft mit zwei oder drei Professoren, denen Seine Lordschaft großspurig mitteilte, er habe einen Neffen, den er auf die Universität schicken und unter der Herren Vormundschaft stellen wolle; einmal amüsierten wir uns auch damit, ein paar arme Studenten in der Weise zu uzen, daß wir ihnen die Hoffnung machten, sie würden der Kaplan, Sekretär und dergleichen Seiner Lordschaft werden. Und nachdem wir also auf diese Weise wirklich wie Leute von Stande uns aufgeführt, auch, was unsere Ausgaben anging, fuhren wir nach Northhampton und kamen nach einer Bummeltour von zwölf Tagen wieder nach Hause zurück, wo wir feststellen konnten, daß wir 93 Pfd. ausgegeben hatten.

Eitelkeit ist die Tugend aller windigen Menschen; und mein Gatte besaß diese Tugend in so hohem[75] Maße, daß es ihm bei Ausübung derselben niemals auf die größten Ausgaben ankam. Da seine Geschichte jedoch viel zu geringfügig und gleichgültig ist, um lang und breit erzählt zu werden, will ich nur erwähnen, daß er also nach ein und einem viertel Jahr glücklich Bankrott machte und in den Schuldturm gesperrt wurde, dieweil er keine genügende Sicherheit leisten konnte.

Damals schickte er nach mir und bat, ich möchte ihn besuchen.

Der Bankrott selbst überraschte mich gar nicht; denn ich hatte längst vorausgesehen, daß es mal zu einem Krach kommen mußte. Von Wichtigkeit war jetzt nur noch, ob es mir gelang, irgend etwas zu retten ...

Mein gefangener Gatte benahm sich übrigens viel besser, als ich eigentlich erwartet hatte. Er gestand mir zunächst ein, daß er unvorsichtig und zuletzt geradezu töricht gehandelt habe. Der Zusammenbruch hätte nämlich sehr wohl vermieden werden können, wenn er sich nicht von ihm so hätte überraschen lassen. Nun, da er einmal im Schuldturm säße, sei natürlich nichts mehr zu machen. Er rate mir nur, still nach Hause zu gehen und in der Nacht alles, was noch an Wert in der Wohnung sei, fortzuschaffen und in Sicherheit zu bringen; auch sollte ich versuchen, für 100 oder 200 Pfd. Waren aus dem Laden zu nehmen: »nur,« sagte er, »laß mich nichts wissen, weder was du nimmst, noch wohin du es bringst; ich selbst werde sehen, daß ich aus diesem Loche sobald wie nur irgend möglich herauskomme; und wenn du dann vielleicht nie mehr etwas von mir hörst, meine Liebe, nun, so wäre es ja nicht zu deinem Schaden; es tut mir nur leid, daß ich dich in all diese Ungelegenheiten gebracht habe.« Beim Abschied sagte er mir noch einige sehr schöne Worte; ich habe ja erzählt, daß er kein gewöhnlicher Kaufmann war; und diese schönen Worte waren das Einzige, was ich jetzt davon hatte, mit ihm verheiratet gewesen zu sein. Denn mein Vermögen war durchgebracht; und ich mußte[76] mich dazu verstehen, die Gläubiger zu berauben, bloß, damit ich nur etwas zu leben hatte.

Ich tat immerhin was er mir geraten, das können Sie mir glauben; und nachdem wir uns verabschiedet hatten, sah ich ihn auch nie wieder; denn es gelang ihm, in der folgenden Nacht aus dem Schuldgefängnisse zu entfliehen; was aber später aus ihm wurde? das weiß ich nicht! Denn ich habe nichts weiter erfahren, als daß er um drei Uhr morgens zu uns nach Hause kam und sich dann, nachdem er rasch noch alles, was eben wegzubringen war, zu Gelde gemacht, nach Frankreich einschiffte, von wo ich noch zwei Briefe von ihm erhielt, weiterhin jedoch hörte ich nichts mehr von ihm.

Ich sah ihn selbst in jener Nacht in unserem Hause nicht mehr; denn nachdem er mir die eben erwähnten Anweisungen gegeben, hatte ich schnell getan, wie er mir geraten, und dann keinen Grund mehr, das Haus wieder zu betreten; zumal ich fürchten mußte, von den Gläubigern festgehalten zu werden; es war nämlich schon ein Ausschuß zusammengetreten und hatte einen Konkursverwalter ernannt, auf dessen Anweisung hin man mich hätte verhaften können. Mein Gatte jedoch – der übrigens auf ganz verzweifelte Weise aus dem Schuldturm entwichen war, indem er sich fast von der Spitze desselben auf ein anderes Haus herabgelassen und von diesem, das zwei Stockwerke hoch war, heruntergesprungen war, was reichlich genügt hätte, um ihm den Hals zu brechen – betrat in jener Nacht auf jede Gefahr hin das Haus noch einmal und schleppte Waren weg, ehe die Gläubiger Zeit hatten, es zu bemerken, das heißt, ehe die Konkursverwaltung die Vorräte nachrevidierte.

Übrigens war mein Gatte edel genug – denn ich muß noch einmal wiederholen, daß er wirklich viel von einem Edelmann hatte – mir in seinem ersten Briefe zu schreiben, daß er in einem bestimmten Pfandhaus, das er mir nannte, zwanzig Packen feines holländisches Leinen, die 90 Pfd. wert seien, für 30 Pfd. versetzt habe. Er schickte[77] mir auch den Pfandschein mit, so daß ich die Leinwand einlösen konnte. Binnen kurzem schlug ich sie für 100 Pfd. wieder los, da ich ja Zeit und Muße hatte, sie zu zerschneiden und privatim an Familien zu verkaufen, wie sich gerade die Gelegenheit bot.

Jedoch trotz dieser Summe und allem, was ich so noch fortgebracht, fand ich, als ich mein Vermögen zusammenzählte, daß sich meine Lage sehr verändert hatte; denn einschließlich dieses Leinens, eines Packets feinen Musselins, das ich beiseite geschafft, sowie einigen Silberzeugs und anderer Dinge konnte ich kaum 500 Pfd. zusammenrechnen; dazu lagen meine Verhältnisse auch sonst verzwickt genug, denn trotzdem ich kein Kind hatte – das einzige, das ich von meinem edlen Kaufmann gehabt, war gestorben und begraben – war ich eine Witwe, eine doppelte sogar, und wieder keine, denn ich hatte einen Gatten und hatte keinen, und ich konnte infolgedessen nicht beanspruchen, noch einmal zu heiraten, ob ich mir gleich sagen mußte, daß mein Gatte nie mehr nach England kommen werde, und wenn er auch noch fünfzig Jahre lebte. So war mir also – eigentlich wenigstens – die Ehe verschlossen, welch günstige Anerbieten man mir auch immer noch machen würde. Ich hatte auch keinen Freund oder Freundin, mit denen ich hätte zu Rate gehen, jedenfalls niemanden, dem ich meine wirklichen Verhältnisse hätte anvertrauen können; denn wenn ich zu einem Bekannten gegangen wäre und man mich gesehen und die Konkursverwaltung benachrichtigt hätte, wo ich zu finden sei, so würde man mir alles, was ich beiseite gebracht, wieder abgenommen und mich selbst zweifellos eingesteckt haben.

Quelle:
Daniel De Foe: Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders. Berlin [1903]., S. 71-78.
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