Venus Metaphysica

[88] Plötzlich sah ich draußen das Feld

ganz von magischem Licht erhellt.

Durch die äußersten Straßen von Berlin

schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn,

ich mußte nur immer gehn und gehn,

schließlich blieb ich im Sande stehn;

halbhoch in der Unendlichkeit

stand der Vollmond, meilenweit.

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne,

mir war so anders im Gehirne;

ich fühlte, mir wollte was passieren,

mir war so weltweit. Die Gaslaternen

schienen sich förmlich zu entfernen.

Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren

drüben am dunkleren Himmelsrand

wurde ein Feuerwerk abgebrannt;

der letzte Böller war kaum verkracht,[88]

da schlug's vom Rathaus Mitternacht.


Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute,

der Juli lag mir wohl im Blute;

ich sah mich um. Kein Laut von Leben;

bis hoch ins höchste Äthermeer

kein Bein! Die Landschaft dito leer,

ganz leer – Berliner Landschaft eben,

wo nur symbolisch hin und wieder

ein borstiger Büschel Gras aufsprießt,

als hätte der Sand ihn ausgeniest.


Seltsam: was hat der Mensch für Glieder!

Mich zwang ein geisterhaftes Regen,

in diesen Sand mich hinzulegen,

platt auf den Rücken. Der Mond stand grade

senkrecht über dem Schornsteinschlund

einer düstergrauen Fabrikfassade;

da stand er blank und kugelrund

wie aus der Kanone hochgeschossen.

Ich wünschte, er möchte runterfallen

und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen,

und machte noch sonstige mystische Glossen,

zum Beispiel über die Jakobsleiter,

mir wurde immer weltenweiter.


Auf einmal – ich rieb mir die Augenlider,

aber wahrhaftig: jetzt schon wieder:

der Mond, kein Zweifel, er rührte sich.[89]

Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten,

sie schien mir beinah zwiegespalten;

und was ich bisher für den Mond gehalten,

die Geister überführten mich,

das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke.

Denn frei der blöden Sinnenschranke

erkannt'ich: es war die hintre blanke

Lendenpartie und noch was Schlimmers

eines überirdischen Frauenzimmers.

Ihr Kopf war völlig unsichtbar,

auch Arme und Beine und Zehenspitzen;

sie mußte stark in Kniebeuge sitzen.

Doch aus allem Übrigen sah ich klar:

so'was, das gibt's blos in höheren Zonen,

sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.


So lag ich und entzückte mich

an ihrer wunderbar schwierigen Stellung,

mein Herz kam immer mehr in Schwellung,

und nur das Eine bedrückte mich:

ob die Geister wohl Unheil sinnten

mit dieser Offenbarung von Hinten.

Und kaum geahnt, da seh ich schon,

daß diese maßlose Weibsperson

nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust,

unaufhaltsam auf mich losgesaust,

kommt immer näher, wird immer blanker,

hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker,

mir schwindelt, mir vergeht das Licht,[90]

mir will das Herz durch Haut und Hemd,

zitternd erwart ich das Donnergewicht,

und die Hände unter den Kopf geklemmt

– jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß,

bumms! Schon will ich mich tot erklären,

aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß,

wupp: wie etwa die Hemisphären

eines Tragischen Heroinen-Popos.


Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form

seh ich ihn mir nun näher an:

hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm –

wie einen das Jenseits doch täuschen kann!

Sonst sah ich nichts als um den Kopf

einen dicken, grauen, gepuderten Zopf,

und da sie keine Anstalt machte

sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte:

sie wird als Dame wohl Gründe haben,

dich nicht mit ihrem Anblick zu laben.

Die Beine hielt sie steif in der Mitte

zwischen den meinen in den Sand;

sie war wohl von dem luftigen Ritte

noch echauffiert. So lag ich galant

stille und fühlte durch die Hosen

ihre unsterblichen Pulse tosen.


Wupp! machte sie plötzlich wieder – und

ich muß gestehn, mir tat das wohl,

ich schloß die Augen – und wuppwup, hohl[91]

erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund:

»Mein Name ist Meta«, wupp – »genauer

Frau Meta Physika« wupp. »Ich bin

Astralweib« wupp – »und von ewiger Dauer.«

Mir wurde immer wohler zu Sinn,

wie sie so jedes Komma und Zeichen

nachdrücklich angab in meinen Weichen.

Wupp: »Wem nämlich die krause Welt

nicht mehr genug von Vorne gefällt,

dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten,

in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten.

Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden

auch bei Dir zu Gaste geladen,

wupp!« Das war mir nun sehr erbaulich,

aber sie wuppte mir fast zu gut;

mir wurde immer dunkler zu Mut,

immer beklommner, mir wurde graulig.

Ich wollte die Augen öffnen – vergebens:

ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.


Wupp, ging's unten in meinem Schooß

mit Himmelskräften von frischem los,

während sie oben grollte: »Du kleines

Menschlein willst dich gegen mich steifen?

Was, ich bin dir zu dunkel gewesen?

Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines

der allgemeinsten weiblichen Wesen,

wupp, die nächtlich im Freien schweifen:

warte, du sollst es schon begreifen,[92]

wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar

es ist haarsträubend, aber wahr!«

Und wupp – ich hörte noch was wie »schleifen«,

mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille,

alle Gefühle standen mir stille;

denn immer eifriger wurde, oh,

dieser fürchterliche Astralpopo.


Endlich konnt ich mich wieder ermannen

und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen

ihre unbewußten Körperstellen

mir entgegen wie zwei Riesenpfannen.

Der Rücken ist – in beiden Axen –

um mindestens drei Systeme gewachsen,

ich kann ihn garnicht zu Ende sehn;

von Kopf nicht mehr die geringste Spur,

ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur,

und nicht ein Wort mehr zu verstehn.

Doch, gottseidank, pausierte sie leise

mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.


Ich überlege schon, ob ich sie bitte

sich zu entfernen; da – wupp, wup wupp –

stampft's wieder los in meiner Mitte,

jetzt fast schon wie'ne Kanone von Krupp.

Von oben hör ich wie Unkenstimmen

dunkle Offenbarungen stöhnen,

die immer übersinnlicher tönen

und schon ins Transzendentale verschwimmen.[93]

Ich stöhne selber: wie komm ich los!

Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß

wächst ihre physische Proportion

zurück in die vierte Dimension,

und immer fetter schwoll und fetter

ihr unermüdlicher Katterletter.1


Zwar ihr Vergnügen, das gönnt'ich ihr herzlich;

aber mir wurde die Sitzung schmerzlich.

Mein spiritistisches Fluidum

spritzte schon literweise herum;

ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel,

ich armes menschliches Medibumsel.

Sie wuppte, wupp, immer wuppiger,

mir wurde immer matter und matter,

sozusagen immer schaluppiger.

Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter

und platter wurde, und mit den letzten

Kräften schrie ich ins Äthermeer:

»Madam! Sie werden mir zu schwer!«


Aber ihre Bewegungen setzten

sich mit unveränderter Miene

nur noch kategorischer fort.

Sie trieb mir's gradezu wie zum Tort,[94]

diese grenzenlose Buttermaschine;

sie wollte mich vollends, schien's, vergeistigen.

Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: »Madam!

Heda! Wie können Sie sich erdreistigen,

mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm!

So hören Sie doch! Sie altes Kalb,

Sie Mondkalb Sie!« Da: hui, ein Kneifen,

ich höre die Engel im Himmel pfeifen –


»Herr, mit Verlaub, ich bin ein Alb«,

brüllt sie, daß mir der Schädel gellt,

»und bleibe auf eurer unglaublichen Welt

gefälligst so lange, wie Mir's gefällt,

verstanden?!« Und hui, wupp, seh ich – o Grausen,

Erbarmen, Rettung – ihren Zopf

sich blähen und auf mich niedersausen:

der ganze Himmel erscheint Ein Schopf,

eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren,

die immer spiraliger niederfahren:

sie wickeln sich mir um alle Gelenke,

um Hals und Arme und Brust und Weichen –

Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren,

vor meinen Augen tanzen verrenke

riesige Paragraphenzeichen,

die mir alle Sinne zuschnüren –

Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens:

sie umwickelt mich immer wilder,

vor meinem Geiste erscheinen die Bilder

meines aprioristischen Lebens,[95]

während sie meinen sterblichen Rest

immer platter a posteriori preßt –

und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben:

ich fühle, wie sich die Seelenspitzen

ihrer Behaarung in alle Ritzen

und Poren meines Leibes schieben –

ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach,

es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund,

in Gaumen, Kehle, Nase, und


hapschih, pschih! nies'ich – und bin wach.

Und liege im Sande mit der Nase,

dicht bei einem borstigen Büschel Grase.

Halbhoch in der Unendlichkeit

stand der Vollmond, meilenweit.


. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .


Und so hab ich mit Gelächter

manchen Geisterrausch bestanden,

trank als Raum- und Zeit-Verächter

meinen Gottgeist fast zuschanden,


trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib,[96]

aber war das, war das Freiheit? Nein!

Mitten in den knechtischen Zeitvertreib

herzerkältender Spöttereien


tratest Du, Du, die gleich mir gelitten

unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid

und sich dennoch Lebenslust erstritten,

herrlich in Liebseligkeit


Und ich sah die Wärme deiner Wangen,

deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht:

eines Sommerglückes Prangen

mitten in der Winternacht!


Und ich zeigte dir mein scheues Wehe;

und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß.

Aber wild erschrak's vor neuer Ehe.

Und ich rang mit dir – und rang mich los –


los – und ließ mich vollends von der Schwere

meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen;

über Länder, über Meere

trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.


Auf den blumigsten Inseln Griechenlands,

an Italiens blauesten Uferborden

saß ich echter deutscher Duselhans

voller Heimweh nach dem Norden.
[97]

Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten

Pfühl in dieser fremden kalten Kammer

und verwühl mich mit erstarrten

Gliedern wieder in den alten Jammer.


Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre

mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen

und dein ruhlos Herz beschwören,

prüfend, mit gedämpfter Stimme,

Fußnoten

1 Anm. d. Setzers: Quatre lettres = Vier Buchstaben scheint der Herr Doctor gemeint zu haben.


Quelle:
Richard Dehmel: Die Verwandlungen der Venus. Berlin 1907, S. 88-98.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Cardenio und Celinde

Cardenio und Celinde

Die keusche Olympia wendet sich ab von dem allzu ungestümen jungen Spanier Cardenio, der wiederum tröstet sich mit der leichter zu habenden Celinde, nachdem er ihren Liebhaber aus dem Wege räumt. Doch erträgt er nicht, dass Olympia auf Lysanders Werben eingeht und beschließt, sich an ihm zu rächen. Verhängnisvoll und leidenschaftlich kommt alles ganz anders. Ungewöhnlich für die Zeit läßt Gryphius Figuren niederen Standes auftreten und bedient sich einer eher volkstümlichen Sprache. »Cardenio und Celinde« sind in diesem Sinne Vorläufer des »bürgerlichen Trauerspiels«.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon