Gewittersegen

[63] Psalm zwischen Wolken.


Kommst du genaht, Grollender?

tief von Unten?

Suchest du uns, Dunkelumwallter,

schwarzgekrönter Wetter riese,

mit der bleiernen Wolkenstirne?

Höher doch! näher! herauf zu mir,

Mir und meiner Sonne,

die ich erstürmt

mit meiner Kraft,

die mich erleuchtet, von Mir umglüht,

Sie meine Seele, ihr Leben Ich,

zusammengeschmolzen in Eine große

einige einzige Flammenwelt! –


Ja, du suchest uns:

du willst uns segnen,

weihen uns mit deinen Donnerworten!

sehnest dich nach unsrer Flamme,

Flammender!

sehnest dich, zu blicken

tief in unser leuchtend

allumfangend Glück,

Du auch ein Lichtgeborner,

allumkreisender

Erschüttrer Du!


Ja! ich kenne dich:

du bist mein Bruder!

Tief schaue ich dir

durch das nächtige Auge

in das heiße zuckende Herz:

Du bist gut![64]

du wirkest Heil

auf die lechzenden Fluren herab,

wenn du mit wuchtender Faust

krachend zerreißest

die schwer hangende Luftlast.


Tobe nur, wilder Friedensstreiter!

hebe die düstern Lider,

die schatten umbrüteten Wimpern!

grüße mich, du sprühend

ewigkeit erschließend Auge,

daß ich satt mich schauen kann

an dieser funkelnden Unendlichkeit –!

Oeffnet, ihr schmetternden Lippen, euch!

aus eurem rollenden Donnersang rauscht mir

das ewige Lied vom Ringen der Wesen,

vom Krieg des Lebens – der Atem der Welt!


Sonne, meine Sonne!

siehe: er hört uns!

Licht sein Blick,

über uns, um uns!

in uns Licht,

wir selber licht,

stehn wir umlodert,

stehn wir und zagen nicht:

zittern vor Wonne und Andacht!

Ob auch berstend der Baum zerspellt,

in Trümmer zerprasselt ein Menschenwerk

unter der brüllenden Lohe:

nicht vergehen sie,

neu erstehen sie,

neue Gebilde:

Eines stirbt, das Tausend nährt!

Stürzen die Starken, wachsen die Schwachen;[65]

Tausend wachsen, Einer ragt!

Tod und Leben – stammelt die Lippe;

was darunter schweigt, ist ewig! –


Greller doch, Blitze!

grolle nur, Donner du!

triff, zermalme

die furchtsam Zitternden:

Uns segnest du,

Uns schonest du,

wir sind Eines dir –

in deiner Flammentaufe ahnten wir's!

Wir sind fromm und heilig,

sind gefeit

durch die Liebe,

durch die sonnenselige Liebe,

durch die Kraft der Einigen Glut!


Oh! und triffst du auch Uns,

suchst ein Bruderopfer du:

nimm uns! herrlich stürzen wir,

vermählt zerglühend in Deiner hehren,

in unsrer Eignen reinen Flamme! –


Nein! wir fürchten dich nicht,

rasend liebender Bruder:

Wir sind groß wie Du:

ich und meine Sonne,

meine Seele,

wir zwei Eines,

Eines der All Einen Welt,

wirselbst die Welt:

wir lieben Alle:

Alle müssen Uns lieben!

Quelle:
Richard Dehmel: Erlösungen, Stuttgart 1891, S. 63-66.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Aristophanes

Die Vögel. (Orinthes)

Die Vögel. (Orinthes)

Zwei weise Athener sind die Streitsucht in ihrer Stadt leid und wollen sich von einem Wiedehopf den Weg in die Emigration zu einem friedlichen Ort weisen lassen, doch keiner der Vorschläge findet ihr Gefallen. So entsteht die Idee eines Vogelstaates zwischen der Menschenwelt und dem Reich der Götter. Uraufgeführt während der Dionysien des Jahres 414 v. Chr. gelten »Die Vögel« aufgrund ihrer Geschlossenheit und der konsequenten Konzentration auf das Motiv der Suche nach einer besseren als dieser Welt als das kompositorisch herausragende Werk des attischen Komikers. »Eulen nach Athen tragen« und »Wolkenkuckucksheim« sind heute noch geläufige Redewendungen aus Aristophanes' Vögeln.

78 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon