An einen Bardenfreund[173] 1

Weit wohnt Sined von euch. Manches Gebirg erhebt

Uns zu trennen sein Haupt mächtig, und mancher Fluß

Rauscht entzwischen, o Wälder,

Die mein kindlicher Fuß betrat!


In den Tagen des Herbst's, wenn sich der Abend bräunt.

Irr' ich einsam den Hain, irr' ich die Fluren durch,

Dann zeucht meine Gedanken

Euer freundliches Bild an sich.


Ja, dann seyd ihr vor mir, Wälder mit seufzenden

Tannen! bist du vor mir, sprudelnder Erlenbach!

Und ihr Teiche voll Schilfes,

Von dem kühlenden West' umrauscht!


Wo mein Leben begann, wo sich Allvater mir

Im Gestirne der Nacht, in der geblümten Flur

Offenbarte, der Frühling

Meiner Tage mir heiter floß.


[174] Wo mich, wenn mich ein Spiel unter die dämmernden

Eichenschatten berief, heiligen Schauer hub,

Daß den bebenden Händen

Plötzlich jeglicher Tand entfiel,


Von den Lippen ein Laut strömte, dem Liede gleich,

Das im Busche des Herbst's furchtsam ein Wipfelkind,

Jüngst vom Neste geflogen,

Mit noch stammelnder Kehle wagt.


O dann wird es in mir still, wie der Abend ist,

Wenn sein mildes Gesicht keine der Wolken trübt,

Wälder schweigen, aus Westen

Noch die scheidende Sonne blickt.


Nur der sanftere Wunsch, freundliche Gegenden,

Wo mein Leben begann! immer um euch zu seyn,

Bis mein Leben verhauchet,

Der nur lispelt im Herzen noch.


Aber, lispelnder Wunsch! wärest du mehr als Wunsch,

Niemal hätte mein Aug' Sie, die Gebieterin,

Sie die Mutter der Menschen,

Sie, das Wunder der Zeit gesehn;


[175] Niemal hätte mein Ohr Worte der Huld von ihr

Freudetrunken gehört, niemal mein Harfenspiel

Ihrem Lobe gestimmet

Ruhm im Erbe von Teut erjauchzt.


Niemal wäre mein Blick ihrem erhabenen

Ersterzeugten gefolgt, wann er in Tausende

Muth verbreitet, mich hätte

Joseph's Barden kein Mund genannt.


Niemal hätt' ich auch dich, Diener Theresien's,

Joseph's Diener! geseh'n, niemal dein Herz gekannt,

Mann der Treue, des Rathes,

Bardengönner und Menschenfreund!


Sohn der Moldau! dein Herz gleichet der Sommernacht,

Wenn der schweigende Mond über bethauete

Segenreiche Gefilde

Voll und dunstlos hernieder hängt.


Lang umfloß mich sein Licht; aber nun leuchtet es

Fernen Hügeln, seitdem unsrer Beherrscherinn

[176] Muttersorge dich deinem

Vaterlande zurücke gab2.


Dunkel wär' es um mich, klänge dem Ohre nicht

Deine Stimme noch jetzt, trüg' ich im Herzen nicht

Unaustilgbar gezeichnet

Dein erhellendes Angesicht.


Freund von Sined! Es beut Titan uns Licht, der Baum

Schatten, Labung der Quell, Düfte der Blüthenstrauch,

Und ein Barde den Ausbruch

Seines Herzen, ein feurig Lied.


Nimm es, was dir den Herbst Sined im Haine sang,

Der, indem sich dein Bild lebhaft vor ihm entwarf,

Selbst der freundlichen Gegend,

Wo sein Leben begann, vergaß.

Fußnoten

1 Frhr. von Kresel, böhm. östr. Hofkanzler.


2 Er war einige Zeit beym Gubernium zu Prag angestellt.


Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 172-176.
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