Dritte Klage

[46] Auch dieses will ich, Vaterland! dir klagen,

Dein ewigtreuer Sohn.

Vielleicht daß einstens klüg're Zeiten sagen:

Dieß klagte Sined schon.


Ebrauset, Saiten! der gerechte Kummer

Des Barden ist empört.

Ich will euch kränzen, wenn ihr mir den Schlummer

Getäuschter Aeltern stör't.


Oft geht von Teuts Geschlecht' ein frischer Knabe,

Schön wie der bunte Mai,

Hoch wie der Hirsch, voll jeder Heldengabe

Mein einsam Dach vorbei.


Da seufz' ich nach: O edles Blut! verloren

Das bist du für dein Land!

Man gab dich, ach zu spät, zu spät geboren!

In eines Fremden Hand!


Ein Fremder (nicht der Beste seines Landes,

Nein, dem's an Brod gebricht;[47]

Dieß mißt der Mann voll Tugend und Verstandes

In seiner Heimath nicht.)


Ein Fremder kam. Von diesem sollst du lernen,

Was Deutsche bilden kann.

Liebt er sein eigen' Volk nicht? Bei den Sternen!

Er ist ein schlechter Mann;


Und liebet er sein Volk, was wird er preisen,

Als seines Volkes Macht,

Gesetze, Sitten, Werke seiner Weisen,

Und seiner Fürsten Pracht?


Du sitzest, horchest, glaubest seinem Prahlen.

Denn ach dein Herz ist gut!

Und seine Zunge schlüpfrig gleich den Aalen,

O junges, edles Blut!


Dein Land wird unvermerkt vor dir verdüstert.

Dich leitet falscher Schein,

Bis gar der Wunsch in deiner Seele flüstert:

Ich wollt' ein Fremder seyn!
[48]

Auf! zeiget mir zu Gegenden die Wege,

Wo Menschen bess'rer Art,

Wo Sitten sind. Mein Volk ist kalt und träge,

Voll Einfalt, steif und hart.


Du reisest, kehrest nach verschwelgtem Gute,

Frech, wenn der Himmel droht,

Mit siechen Gliedern und verderbtem Blute,

Dem Vaterlande todt. –


Ha, Väter, oder sag' ich besser, Mütter!

Ist dieses eure Pflicht?

Sind eure Kinder eure größten Güter?

Wie? oder sind sie's nicht?


Gehört ihr Herz nicht ihrem Vaterlande?

Und scheint es euch erlaubt,

Daß es durch euch ein Fremder, o der Schande!

Dem Vaterlande raubt?


Fragt eure Söhne von der Deutschen Thaten,

Von uns'rer Ahnen Zeit,

Von Weisen, die wir haben, die wir hatten,

Und ihrer Trefflichkeit;
[49]

Von uns'rer Barden feuervollem Singen,

Von uns'rer Künste Zahl,

Von allem dem, was uns're Gauen bringen,

O fraget hundertmal!


Sie steh'n und schweigen. Könnt' ihr dieses ahnden?

Bei'm Teut! Ihr könnt es nicht!

Woher von dem, was Lehrer nicht verstanden,

Des Lehrlings Unterricht?


Und wird sich der stolz einen Deutschen nennen,

Der nichts von Deutschland weiß?

Wird je sein Herz dem Vaterlande brennen? –

Dann brennet auch das Eis!


Er rang von seinem Volke sich zu reißen.

Kein Deutscher ist er mehr,

Und ward kein Fremder. Ha! wie soll er heißen?

Ein zwittrig Ungefähr!


Und, Aeltern! ach mit solchen Mitteldingen

Füllt ihr die Gauen an!

Hat uns der Fremden List sich einzudringen

Nicht Leid's genug gethan?
[50]

O flößet lieber uns'rer edlen Jugend

Der Ahnen Sitten ein,

Und heißt sie thätiger und stiller Tugend

Geschworne Freunde seyn.


Ein rascher Mund voll frecher Prahlereien,

Zu früher Lüste Sucht,

Wuth, sich zu schmücken, wie ein Weib entweihen

Thuiskon's Heldenzucht.


Wer mit eräfften, flatternden Geberden

Fremd durch die Nase spricht,

Wird noch darum kein Volkbeglücker werden,

Schlägt noch die Feinde nicht.


Hört, Aeltern! Uns're Biederahnen riefen,

Dann als ihr Auge brach:

Willkommen, Mutter Hertha! deine Tiefen!1

Wir lassen Deutsche nach.

Fußnoten

1 Der Erde Grab.


Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 46-51.
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