Erstes Lied[21] 1

Eiche! dich wähl' ich mir itzt vor allen des Hains

Wider den hitzigen Strahl.

Waldig erhebt sich dein Haupt, und herrschet in Luft

Ueber die Schwestern umher.


Weich ist mein Lager auf Moos, beschattet von dir,

Liedererweckend der Hauch,

Welcher dein heiliges Laub durchzittert, und itzt

Leis' in der Harfe mir seufzt.


Eiche! du wirst mir ein Bild; Mein väterlich Land

Steht es nicht, Eiche! wie du?

Eiche! dich seh' ich nicht mehr. Mein väterlich Land,

Dieses nur seh' ich allein.


Sey mir gegrüßt – o rauscht, ihr Saiten! darein,

Daß es in Tiefen des Hains[21]

Staunend der Jäger vernimmt, am Rande des Hains

Staunend der Wandrer vernimmt! –


Sey mir gegrüßet, o du! wo find' ich für dich

Namen, mein väterlich Land!

Mächtig erhebst du dein Haupt, und herrschest in Luft

Ueber die Schwestern umher.


Segen entströmet der Hand der Gottheit auf dich

Jeglichen Monden herab.

Flächen bedecket dir Frucht des Lebens, von Vieh

Blöcken dir Thäler sich zu.


Sonnen die kochen den Trank der Fröhlichkeit dir

Hügel und Hügel hinan.

Wälder durcheilet der Fuß, der Flügel des Wilds,

Flüße das Schüppengewühl.


Groß ist der Name, der Ruhm der Kinder von Teut,

Wo sich der Tagstrahl empört.

Groß ist der Name, der Ruhm der Kinder von Teut,

Wo sich der Tagstrahl entzeucht.
[22]

Blick' ich die Vorzeit hinan, ein leuchtender Pfad

Schweift in's Unendliche fort,

Menschengebieter darauf, und Helden darauf,

Alle sie Kinder von Teut;


Alle sie Fäuste des Tods, und Herzen von Stahl,

Wenn sich ein Schlachtruf erhub;

Lagen die stolzen, und sprach die Freiheit: Genug!

Alle sie milde, wie West;


Alle sie mäßig und klug, verschwiegen, gerecht,

Freunde des Bardengesangs;

Feinde des heuchelnden Trugs, der weichlichen Pracht,

Und der entmannenden Lust.


Dieß war, o Deutschland! das Erb' der Kinder von dir

Alter und Alter heran.

Bleibt es nicht etwa das Erb' der Kinder von dir

Alter und Alter hinan?


Heftet nicht Joseph auf dich sein Adleraug'? Ha!

Schattet sein Flügel dir nicht?

Wachet nicht Friedrich der Mann der Schlachten für dich?

Ha, wo sind Herrscher, wie die!
[23]

Ha, wo sind Mütter, wie die, die Joseph gebar,

Brüder, wie Joseph gebar,

Thätig, wie Männer, dein Stolz, o Frauengeschlecht!

Deiner, mein väterlich Land!


Fremde! wo seyd ihr? Wer steht im Sturme der Schlacht

Wider die Söhne von Teut?

Wenn mit vereinigter Kraft ihr eiserner Schwall

Felder verschlinget, wer steht?


Deiner Druiden Verstand, vom Himmel geschärft,

Dringet den Wesen in's Mark,

Lehret nicht Wörter, nicht Tand, nicht Künste der Lust,

Lehret nur Wahrheit und Pflicht.


Würdig des heiligen Laubs, vom Himmel bestrahlt,

Reißt sich dein Bardenvolk auf,

Fällt in die Saiten, und singt dem Herzen, das Herz

Strömt in Empfindungen aus.


Heil mir – o rauschet darein, ihr Saiten! darein,

Daß es in Tiefen des Hains

Staunend der Jäger vernimmt, am Rande des Hains

Staunend der Wandrer vernimmt! –
[24]

Heil mir! auch ich bin von dir, o Deutschland! ein Sohn,

Eines der Kinder des Lieds!

Wenn sich der Tagstrahl empört, der Tagstrahl entzeucht,

Dank' ich dem Himmel dafür.


Weich ist mein Lager auf Moos, beschattet von dir.

Vaterland! bin ich es werth?

Muß dir von Liebe mein Herz nicht glühen, dein Ruhm

Wunsch und Vergnügen mir seyn!


Muß ich nicht denken, wie du, groß, edel und frei!

Muß ich nicht handeln, wie du,

Billig und redlich und treu! nicht eifern, wenn Stolz

Sitten und Sprache verhöhnt!


Wär' es doch immer nur Stolz der Fremden! Allein,

Vaterland! hast du nicht auch

Manchen entarteten Sohn, der schamlos an dir

Sitten und Sprache verhöhnt?


Kenntest du, was du verhöhnst, unwürdiger Sohn!

Ha, du verhöhntest es nicht;

Aber dir hat dein Gefühl, dein Heldengefühl

Einer der Fremden erstickt;
[25]

Hat dir zu weibischer Zier dein Auge verwöhnt,

Hat dir erweichet dein Ohr,

Hat dir die Zunge gelähmt, ach ewig dein Herz

Deinem Geschlechte geraubt! –


Aber sie werden mir schlaff die Saiten, mein Griff

Glitschet mir lautlos herab.

Ist es des sinkenden Tags erfrischender Thau?

Ist es mein inniger Gram?

Fußnoten

1 Der Barde rühmt de Vorzüge seines Vaterlandes.


Quelle:
Michael Denis: Auserlesene Gedichte, Passau 1824, S. 21-26.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte
Gedichte
Dritte Sammlung Kurzerer Gedichte
Sammlung Kurzerer Gedichte
Sammlung Kurzerer Gedichte

Buchempfehlung

Mickiewicz, Adam

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz oder Die letzte Fehde in Litauen

Pan Tadeusz erzählt die Geschichte des Dorfes Soplicowo im 1811 zwischen Russland, Preußen und Österreich geteilten Polen. Im Streit um ein Schloß verfeinden sich zwei Adelsgeschlechter und Pan Tadeusz verliebt sich in Zosia. Das Nationalepos von Pan Tadeusz ist Pflichtlektüre in Polens Schulen und gilt nach der Bibel noch heute als meistgelesenes Buch.

266 Seiten, 14.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon